Das dritte Ratsmädel.
Die Ratsmädel hatten noch eine Schwester; eine Schwester, die sie wunderbarerweise gar nicht kannten. Sie hatten schon als Kinder oft in der Dämmerung sich von ihr unterhalten, wenn der Schnee fiel, und sie daheim still in der Familienstube stecken mußten. – So eine unbekannte Schwester zu haben, draußen in der weiten, unbekannten Welt, war doch etwas höchst Merkwürdiges!
Sie hatten von jeher sehr gern von dieser Schwester gesprochen; es war ihnen dabei zu Mute gewesen, als erzählten sie sich Märchen.
Ja, und draußen mußte der Wind gehen und Schnee fallen! – Sie mußten in der Dämmerung sitzen, und niemand durfte sie beachten; dann kam die Schwester dran, und sie unterhielten sich darüber, wie diese wohl aussehen könne.
Sie war um fünf Jahre älter als Röse und war die Tochter aus des Vaters erster Ehe, und nach ihrer Mutter Tode von ihrer Großmutter mit nach München genommen worden. Als darauf Herr Rat zum zweitenmal heiratete, hatte die Großmutter ihre Enkelin ganz bei sich behalten.
Dann vergingen viele Jahre, und als die Schwester Barbara schreiben gelernt hatte, schrieb sie pflichtschuldigst aus dem fernen München alle Weihnachten an den Herrn Vater und die Frau Mutter nach Weimar.
Diesen Brief lasen die Ratsmädchen jedesmal mit wunderlichem Schauer.
Einmal schrieb auch die Großmutter.
»Hochverehrend liebenswertester Herr Sohn!
Ihr liebs Schreiben hat mich sehr glücklich gemacht, woraus ich sah, daß es Ihn und der Frau und den guten Kindern wohl und gut geht. Auch bei uns fehlt nix. Man wird ein alts Möbel, das heißt, um von mir zu reden. – Waberl wird groß. Sie tritt die Kindsschuh aus. – Kurios, was für ein ruhiges Mädel sie immer war. Grad als wenn meine geliebte Tochter in Gott sie für ihre alte Mutter in Voraussicht so geboren hätte.
Herr Sohn, ich hab' gar keine Not mit ihr g'habt, das müßt' ich lügen.
Hinter der großen Frauenkirche, da haben wir seit Jahresfrist jetzt unser Quartier.
So eine große Kirche habt ihr sicher nit in eurer Stadt.
Wabi sagt: ›Wie eine große, dunkle Wolke steht sie auf dem kleinen Platz und verfinstert die Häuser.‹
Sie wirft ihren Schatten auch über unser Haus. Aber es ißt doch gut wohnen. – Fünf Fenster in Front, drei Fenster die große Stub und zwei Fenster die Schlafstub, dazu Alkoven, ein kleines, schwarzes Küchl, Holzleg und Speicher. Kurz alles, was der Mensch braucht – und das Glockengeläute obendrein.
Das weckt uns schon um fünf Uhr des Morgens. Das ißt ein Geläut, Herr Sohn, wie zum jüngsten Gericht.
Mein Hausgeist ißt ein frommes Kind.
Herr Sohn mögen mir nit zürnen.
Die Großmutter meint, es wär' ein bisserl zu fromm geraten. Es thut's der Großmutter nit gleich an Lebenslust. Die Großmutter hält das Leben vor eine recht hübsche Sach und wäre dabei allerhand noch mitzunehmen, was sich bietet, wie ißt Kommödi und Aufzüg, wenn zu sehen sind, und ein Gang zu guten Freunden, und ein gut Obst und ein gut Bier. Gottes Gaben sind verschiedenerlei.
Waberl hingegen scheint zu meinen: ›Nur das Himmelreich ißt gut.‹
Herr Sohn mögen mir nit zürnen, ich hab' sie allweil aufgemuntert, aber genutzt hat's nix, sie ißt wie sie ißt. Und eine alte Frau weiß, daß an einem Menschen nit viel zu schiegen und zu richten ißt. Sie laufen einher, wie der Herr Gott sie in seiner Laune gemacht hat.
Aber der Herr Sohn verspricht mir, sowie ich alte Frau daß Zeitliche gesegnet habe, das Kind zu sich zu nehmen, damit es ihm nit in das Kloster eschappiert. Sie trägt das Bildnis der heiligen Jungfrau an einem Schnürl um den Hals, was bedeutet, daß sie besonders dem Schutz der heiligen Jungfrau anvertraut ißt.
Das ißt so eine Sach bei den Schwestern, von denen sie unterrichtet ißt. Sie ißt halt brav und fleißig gewesen, aber ich mein' schon, das Bildl un die Schwestern haben sie den weltlichen Dingen entrückt.
Um noch etwas Besunders zu erwähnen: Sie hat eine Gabe an sich, die mir wohl und auch nit wohl gefällt. Sie hat eine gesegnete Hand. Und das ißt so gekommen: Ein Kindel in unserm Haus hatte die Fraisen und war gottserbärmlich geplagt. Zufällig hat die Waben das Kindel in die Arme bekommen und hat's umhertragen un gestreichelt un die Fraisen sind weggewesen wie weggeblasen und wenn's wieder kommen sind, da haben die Leut in ihrer Angst nach der Waben geschickt – dann hat's sich rumgeredet und es sind welche kommen mit einem Mäderl, das den Rotlauf hatte, und Waberl hat's gestrichen und geliebkost, und auch das Mäderl ißt gesund worden.
Und wenn wir jetzt bei einand sitzen und spinnen oder Wäsche flicken, da klopft's hin und wieder an die Thür und es kommt eins herein mit Zahnschmerz oder hat die Gichter und will sich von der Waben kurieren lassen.
Nun in Gottes Namen! Es kann ja wohl nit von Uebel sein?
Aber das Mädchen, mei Waben thut mir halt leid, – wenn's so still und brav dahinlebt.
Ich hab's ›mein Hausgeist‹ benamst: Herr Sohn, ich hab' Ihm von Ihrem Kind geschrieben, damit Sie wissen, wie's in die Höh gewachsen ißt, – und damit Sie, wenn ich das Zeitliche gesegnet hab', sich beeilen, das Madel zu sich zu rufen.
Indessen wünschen wir unter dem trostreichen Gesang des freudenreichen Alleluia! Leben Sie wohl und seyn Sie von uns alle beyde herzlich gegrüßt, der Herr Sohn, die liebe Frau und die Kinder. Zugleich daß ich Zeitlebens verbleib'
dero
Großmutter.«
Dieser Brief war es hauptsächlich, der auf die Ratsmädchen wie ein Märchen wirkte.
Sie waren stolz darauf, in einem düstern Haus, das von einer Riesenkirche beschattet wurde, eine Schwester zu haben, die eine Mutter Gottes am Halse trug, eine katholische Schwester! Sie sprachen von dem fürchterlich lauten Geläut, von dem die Schwester geweckt wurde, und daß sie mit ihren Händen die Kinder heilte und Leute mit Zahnschmerzen.
Daß gerade ihnen so etwas Merkwürdiges begegnen mußte!
Einmal stand bei Rats eine katholische Magd im Dienst, der waren sie auf Schritt und Tritt nachgeschlichen, denn sie erwarteten immer etwas Merkwürdiges von ihr. Den Rosenkranz der Magd hatten sie befühlt, in ihr Gebetbuch geschaut, – und sie hatte ihnen einmal das »Heilig« vorgesungen, – etwas ganz Außerordentliches.
Das »Heilig« machte den Ratsmädeln tiefen Eindruck. – Häulig! – Häulig! – Häulig! kam es wie aus einem tiefen Keller herauf.
Heilig! Heilig! Heilig! Hell wie aus höchster Höhe.
Dann wieder: Häulig! Häulig! Häulig! aus dem tiefsten Keller – und so fort. So sang es die Magd ihnen vor, und sie selbst hatten es bei Spaziergängen oft zu singen versucht.
Auch von der Beichte war ihnen von der Magd erzählt worden.
Das war alles so unaussprechlich geheimnisvoll. Die Weimaraner zu jener Zeit hatten von »dem Katholischen« keine rechte Idee.
In Weimar gab es auch keine katholische Kirche, und die Magd mußte jährlich einmal nach Jena wandern zur großen Osterbeichte. Da kam sie ihnen vor, wie eine Person aus der biblischen Geschichte, so erhaben; und sie wären augenblicklich mit ihr gegangen, um zu beichten.
Sie beneideten sie.
Ihr eigener Gottesdienst kam ihnen, zu ihrer Schande sei's gesagt, dann ziemlich langweilig vor. Etwas Längeres als eine Predigt schienen ihnen auf der Welt nicht zu existieren.
Das war das Längste.
Aber Budang, Ernst von Schiller und Horny brachten ihnen zum Trost, wenn sie zur Kirche mußten, immer winzige Blumenbouquetchen zum Mitnehmen, oder Budang schnitt ihnen ihre Namen besonders kunstvoll aus, oder auch gaben sie ihnen Malzbonbons mit.
Die Kameraden selbst gingen nur dreimal des Jahres: zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten; dann war es ein großes Fest neben dem Fest, denn da gingen sie alle miteinander.
Wenige Jahre, nachdem Rat Kirsten den langen Brief der Großmutter erhalten hatte, kam wieder einer. Und Röse und Marie lasen auch diesen. Das war auch ein sehr merkwürdiger Brief. Die Großmutter schrieb:
»Hochverehrend libswertester Herr Sohn!
Mein arm Waben hat einen netten Handel mit mir.
Sie ißt halt dazu ausersehen, ein Gott wohlgefälliges Engerl zu sein, das arme Mädel.
Herr Sohn, – 's ißt nun so weit mit mir, wie's sich's gehört, wenn der Herr Gott ein End machen will.
Vorhanden ißt, von allem was gewesen, nur ein zerlumpeter Leichnam noch, voller Gebresten und Jammer, der mir und dem Mädel ein bös Stückl ums andre ausführt. – Um meinet und Ihres Willen mög's nun genug sein. Sie pflegt mich wie eine heilige Nonn – Gott sei's geklagt.
Da gibt's nix. – Ungeduld kennt's scheint's nit – und wenn ich mich ungebärdig stehl vor Schmerz.
Herr Sohn, 's ißt eine schlimme Krankheit, die mir Gott geschigt hat, ein Gebresten vor ein Tier zu gräßlich, geschweige vor ein menschlich Wesen.
Mein Waben ist nun durch Gottes Gnaden einundzwanzig Jahr – und so mög' es dem Herrn gefallen, mich baldn zu erlösen, das wünsch' ich söhnlich, denn ich jammere und stehn ihr die Ohren voll Tag und Nacht.
Sowie ich die Augen geschlossen hab', was durch Gottes Barmherzigkeit recht bald geschehen möge, schick' ich Euch das Mädchen, Ihr Kind, Herr Sohn. Wollen es als solches halten im Angedenken an die Mutter, meine seelige Tochter. Das walte Gott.
Es grüßt Sie, mit vollkommster Ehrerbietung, Herr Sohn und die lieb Frau und die Kinder
In Todesnot und Jammer
Die Großmutter.«
Also die geheimnisvolle Schwester sollte nun kommen!
Und sie würden nun zu »drei« sein!
Diese einfachen Schlüsse erschienen den Ratsmädchen über alles Maß außerordentlich.
Röse schrieb einen langen Brief darüber an ihren Bräutigam Ottokar Thon, der seit geraumer Zeit in Eisenach mit dem Großherzog war und auch noch bleiben mußte, zu Herrn Rat Kirstens ganz besonderer Freude.
Liebesgeschichten im eigenen Hause waren ihm unbequem. Sein Hauswesen sollte wie am Schnürchen gehen.
Der neuen Tochter sah das ganze Haus Kirsten mit Bangen entgegen.
Die Brüder wollten am wenigsten von ihr wissen. »Ich mein',« sagte der älteste, »wir hätten Weibsleute genug. Röse und Marie zählen doppelt.«
Die Mutter verwies ihnen streng solche Reden. Aber auch sie sah dem fremden Mädchen bänglich entgegen. Würde es ihr bei ihnen gefallen? Würde sie mit ihren Kindern Freundschaft schließen? Sie wollte ihr eine gute Mutter sein, aber würde das ernste Mädchen zu ihr Vertrauen haben? Auch die katholische Religion machte sie besorgt. Es war alles gar zu fremd.
Herr Rat Kirsten war der einzige, der es für gut fand, keinerlei Aeußerung zu thun. Das war seine Art so. »Also du machst ja wohl alles und richtest es ein.« Das war das einzige, was er über diese Angelegenheit zu seiner Frau sagte.
Frau Rat Kirsten und die Ratsmädchen aber reinigten das ganze Haus, vom Keller bis zum Boden, und richteten miteinander das Bett der neuen Schwester in der großen Dachstube, in der die Ratsmädel schliefen.
»Seid recht gut und freundlich mit ihr,« ermahnte die Mutter. »Sie muß bei euch schlafen, denn ihr müßt wissen, daß sie Schweres durchgemacht hat, und die traurigen Gedanken kommen über Nacht.«
Die Ratsmädel versprachen alles, was die Mutter von ihnen verlangte, und waren des besten Willens voll.
So kam der Tag heran, an dem sie die Schwester erwarten konnten. Ist sie groß oder klein, braun oder blond? Das waren die Fragen, die sie nicht beantworten konnten, denn die Großmutter hatte nie von Barbaras Aussehen ein Wörtchen geschrieben.
Aber beide waren der Meinung, daß sie groß sein müsse.
Der Vater war allein auf die Post gegangen, um sein Mädchen zu erwarten.
Er wollte es so.
Sie hatten im Familienzimmer einen feierlichen Kaffeetisch gedeckt, und ein Riesennapfkuchen stand mitten unter den Tassen, wie ein Berg.
Die Brüder waren da, die Mutter und die Mädchen.
Röse und Marie wollten zum Fenster hinausschauen, aber die Mutter verbot es ihnen.
»Das mag er nicht, das wißt ihr ja!«
Es war Oktober, ein sonniger Oktober mit bunten Bäumen, die sich ihrer Farben, ungestört von Regen und Nebel, freuen konnten.
In Weimar gehört so ein trockener, sonniger Oktober zur Seltenheit; gewöhnlich faulen die Blätter an den Bäumen, ehe sie abfallen. Dies Jahr aber war auch ein vortrefflicher Zwetschgenherbst. Die Zweige bogen sich unter der blauen Last, und bei Rat Kirstens auf der Hausflur standen heuer acht große Tragkörbe voll der reifsten Zwetschgen aufmarschiert zum großen Zwetschgenmuskochen, à Mann ein Korb; auch die neue Schwester war schon im Besitz ihres Korbes, und die Magd und Herr und Frau Rat, und jedes der vier Ratskinder.
Uebermorgen sollte großes Zwetschgenspellen sein, und tags darauf das Rühren und Kochen im Waschkessel, von früh morgens bis spät in die Nacht. – Ein Hauptfest, an dem geschwelgt und geschleckt wurde.
In ihrem Erwartungseifer aber hatten sie die Schritte auf der Treppe überhört.
Da öffnete sich die Thür, und der Vater trat ein. »Ich bring' sie euch,« sagte er mit einem merkwürdigen Ausdruck im Gesicht.
Da stand die Schwester auf der Schwelle: klein, zierlich, aber reizend, – flachsblond. Sie steckte in einem schwarzen, engen Kleid und trug einen großen, schwarzen Holländerhut.
Röse und Marie waren ganz aus dem Gleichgewicht gekommen. – »So ein Geschöpfchen! So ein Püppchen!« dachten sie.
Jetzt lag das zarte Mädchen schon in Frau Rats Armen, und jetzt gab sie den Schwestern die Hand und bot ihnen den feinen Mund zum Kuß.
Röse hielt das fremde und doch so nahverwandte Händchen nachdenklich zaghaft in der ihren. »Was für Knöchelchen!« dachte sie. »Wie ein Rebhuhn.«
Sie banden ihr den Hut ab; drunter war feines Härchen, zierlich aufgesteckt.
»Mein Himmel, seid ihr Riesen dagegen!« rief die Mutter; und die beiden waren doch gar nicht übermäßig groß. Sie schaute lächelnd auf ihre Mädchen, die ziemlich verblüfft, aber voller Teilnahme jetzt neben der neuen Schwester standen. Sie sahen wie die Kraft selber aus, die Schelme, die sich auch jetzt, wie immer, zu einander neigten, weil sie gewohnt waren, sich alle Augenblicke etwas Wichtiges mitzuteilen. Diese zwei Schelme mit den rosigen Gesichtern, den sternklaren, dunkel bewimperten Augen, mit den um Stirn und Nacken ganz fein geringelten Härchen, die das Haar selbst weich in die Haut vermittelten; mit den runden Wänglein, den kecken, aber feinen Näschen, den unruhigen Schwatzmäulchen und den anmutigen Gestalten; mit den festgefügten, aber feingebauten Beinchen, die unter den kindlichen Röcken so deutlich daherschritten.
Jetzt standen beide Mädchen ganz gerührt da.
Sie machten sich mit der älteren Schwester wieder zu thun, rückten ihr den Stuhl, und Marie führte sie an den Tisch. Die Schwester bat, ob sie sich erst die Hände waschen dürfe. Marie ging sogleich zur Mutter und fragte dringlich nach einem Stück Mandelseife.
Und die Mutter gab es ihr aus der Kommode.
»Der können wir doch nicht von unsrer Schmierseife geben!« sagte Marie leise.
Und mit einem Stück Mandelseife und der neuen Schwester wanderten sie beide hinauf in die Dachstube.
Dann ging's an das feierliche Kaffeetrinken.
Die Schwester aß wie ein Vögelchen, und Röse und Marie nötigten sie gewaltig. Sie saß zwischen beiden. Der Vater hielt auch mit.
»Siehst du,« sagte er zu seiner ältesten Tochter, »mit diesen beiden großen Bernhardinerhunden,« damit deutete er auf Marie und Röse, »mußt du nun auskommen.«
Da lächelte das fremde Mädchen zum erstenmal.
Und der Vater hatte recht!
Wie sie so dasaßen, vorgebeugt mit ihren blonden Mähnen und den guten Gesichtern, die Schwester nicht aus den Augen lassend, ließ sich gar nichts Treffenderes von ihnen sagen.
»Sag mal,« fragte der Vater, um nur etwas zu sagen, »von eurer Wohnung aus konnte man die Alpen doch wohl nicht sehen?«
»Nein, aber aus unsern Speicherfenstern sehr gut.«
»Die Alpen?« erkundigten sich Röse und Marie zu gleicher Zeit. »Wie sehen die denn aus?«
Waberl zögerte: »So halt, wie eine ganze Kette von zackigen Bergen; auch manchmal wie Wolken und manchmal schneeweiß, wie aus lauter Eis, und manchmal himmelblau. Aber nur bei schönem Wetter kann man sie sehen.«
»So? Warst du auch einmal wirklich dort?«
»Nein, das ist zu weit.«
Röse und Marie wollten noch viel wissen. Ihre Schwester hatte so eine sanfte Stimme und sagte »net« statt nicht, und manchmal »halt«, – das gefiel ihnen; aber sie sprach nur, wenn man sie fragte.
»Du kannst die Leute von Zahnschmerzen und so was heilen, das wissen wir,« sagte Röse.
Da antwortete sie gar nicht und wurde rot bis unter die flachsblonden Härchen.
»Bst!« machte die Mutter leise.
Den Abend, als die Schwester schon im Bette lag, um sich von der langen, beschwerlichen Reise auszuschlafen, kamen Budang, Ernst von Schiller und Horny voller Neugier und Teilnahme, und die Ratsmädchen lieferten ihnen eine Beschreibung der neuen Schwester.
»Zum Anfassen ist sie mal sicher nicht,« sagte Röse. »Ich sag' euch, so zart! Knöchelchen wie ein Wickelkind! Gehen hört sie kein Mensch; weißt du, ihre Großmutter hat sie ihren ›Hausgeist‹ genannt, und – komisch! – einmal hat sie ›Bärbel‹ geschrieben, dann ›Waberl‹, dann wieder ›Wabi‹, dann schließlich nur ›Waben‹, ganz wie's ihr einfiel. Ihre alte Großmutter machte nämlich Schreibfehler.«
»Na, na!« meinte Budang vielsagend; da schwieg Röse beschämt. Die Orthographie war auch ihre und Maries stärkste Seite nicht.
Als die beiden Mädchen abends hinauf in ihre Stube schlichen, schauten sie neugierig nach dem Bett, in dem ihre Schwester in tiefem Schlafe lag.
»Wie ein Madönnchen,« flüsterte Marie.
»Aber so ein trauriges, kleines Mäulchen hat sie,« meinte Röse.
Am frühen Morgen, als die beiden Schelme noch den Schlaf der Gerechten schliefen, wusch und kämmte sich die sanfte, fremde Schwester lautlos.
Sie hatte so vorsichtige, rücksichtsvolle Bewegungen wie eine Krankenwärterin, steckte sich das blonde Haar zierlich auf, betete ihr Morgengebet, schlüpfte unhörbar aus der Thür und begab sich geradenwegs in die Küche.
Und als Frau Rat nach dem Frühstück ausschauen wollte, fand sie die Magd und ihre neue Tochter schon in voller Arbeit.
»Mein liebes Kind, du solltest doch noch schlafen nach deiner Reise!«
»Ich brauche wenig Schlaf,« antwortete das Mädchen freundlich.
Sie war den ganzen Tag auf den Füßen und fand, ohne zu fragen, immer etwas zu thun.
Bei dem Zwetschgenspellen und Zwetschgenkochen nahm das stille Mädchen die erste Stelle ein. Röse und Marie aber sahen die ganze Muskocherei für einen ausbündigen Spaß an und benahmen sich danach; sie aßen während der Arbeit, soviel sie unterbringen konnten, warfen sich mit Kernen, wühlten die Früchte durcheinander und vergnügten sich auf ihre Art.
Die Schwester hingegen wußte nichts von Spiel und Zeitvertreib bei der Arbeit.
Die Großmutter hatte ganz recht, daß sie das Mädchen ihren Hausgeist »benamset« hatte. Es war auch, als wäre bei Rats wirklich so ein Seelchen eingezogen.
Eine ganz große Arbeitskraft hatten sie gewonnen, unheimlich groß, wenn man bedachte, daß die von dem zierlichen blonden Mädchen ausging.
Jeder begann sich wie verwöhnt zu fühlen. Es wurde viel weniger im ganzem Hause gerufen und verlangt.
Röse und Marie waren beschämt, alles schon meist sauber aufgeräumt zu finden, wenn sie nach dem Frühstück in ihre Stube kamen, um ihre Betten zu machen. Und nicht nur das! Sie hatten an der zarten Schwester die allersorgsamste Kammerjungfer bekommen. Sie half ihnen, wo und wie sie nur konnte, und immer mit einer so lieblichen Dienstbeflissenheit, gewiß nicht, als wäre sie die ältere Schwester.
Ja, das ganze Hauswesen bekam einen glatteren, geräuschloseren Gang.
Das »dritte Ratsmädel« war und blieb still, antwortete freundlich, wenn es gefragt wurde, war immer gleichmäßig liebenswürdig, hatte aber ein ganz undurchdringliches Wesen.
»Schade!« sagten Röse und Marie. Sie waren nach einigen Wochen kaum bekannter mit ihr, als am ersten Tag, und wurden doch von ihr verwöhnt, daß es eine Art hatte.
Sie kämmte den beiden großen Schlingeln das dicke, lange Haar, was bisher immer Frau Rat besorgt hatte, flickte ihnen die Kleider, half ihnen nähen und schneidern und saß bis an die Ohren und mit einem rührenden Eifer in Röses Ausstattungsarbeiten.
Eines Tages gingen alle drei Schwestern miteinander durch den Park.
Da fragte Röse: »Sag' einmal, du erzählst gar nichts von dir. – Wir haben dich doch lieb, – erzähl doch!«
Das zierliche Mädchen sah sie ganz verwundert an. »Wie denn? – Was denn?« fragte sie.
»Na,« sagte Marie, »zum Beispiel, du bist doch viel älter als wir; warst du denn nie verliebt?«
»Nein.«
»Na, und war denn nie wer in dich verliebt?«
»Nein.«
»Bist du denn nie in Gesellschaft gegangen, und hast du denn nie getanzt?«
»Nein, die Großmutter war zu alt. Sie wär' schon mitgegangen; aber ich wollt' halt net. Ich hatte Angst, daß die Großmutter sich verderben könnt'.«
»Aber sonst hättst du's gemocht?«
»O ja, warum net?«
»Gefällt es dir bei uns?« erkundigte sich Röse.
»Ja.«
Da war die Unterhaltung wieder aus.
»Wie lebtest du denn daheim in München?« fragten sie nach einer Weile.
»Wir arbeiteten, und Sonntags gingen wir spazieren, und jeden Tag durfte ich in die Messe gehen.«
Jetzt erzählte sie ihnen unaufgefordert von der großen Frauenkirche, den riesig hohen Gewölben, den vielen Säulen, dem wundervollen Gesang, der mächtigen Orgel, den vielen Menschen, dem Weihrauchduft und den vielen, vielen Grabkugeln am Karsamstag.
»Ja, das war wunderschön!« sagte sie.
»Sehnst du dich danach?«
»Manchmal.«
»Daß du das nun hier aber nicht hast, bist du denn nicht traurig darüber?«
»Man soll niemand beschwerlich fallen,« antwortete sie kurz.
»Ach nein!« rief Röse. »Wenn man traurig ist, sollen die Menschen einen trösten. Uns wenigstens kannst du alles sagen. Wir sagen auch alles.«
»Bist du nicht einmal in München in der Komödie gewesen?« forschte Marie.
»Ja, einmal.«
»Na, und?« fragten beide. »Wie war's denn da?«
»Passabel.«
»Und was sahst du denn?«
»Einmal ›Die Brüder‹, das andre Mal weiß ich's gar nimmer.«
»So? ›Die Brüder‹? Das kennen wir hier ja gar nicht!« meinten sie verwundert.
»Na, wart', nächstens gehen wir alle miteinander einmal in die Komödie, wir und Budang und die andern, da wirst du sehen, daß es hier nicht nur ›passabel‹ ist.«
Und nun erzählten sie ihrer Schwester von ihren Streichen: wie sie mit Budang, Ernst von Schiller und Horny aller Nasenlang durchs Hinterpförtchen ins Theater geschlüpft seien, – und wie herrlich das war. Sie berichteten ihr Abenteuer mit dem Großherzog Karl August, wie der sie beobachtet habe, und daß sie nun seit Jahren mit seiner Erlaubnis »unbezahlt« ins Theater gingen, fanden aber bei ihrer Schwester kein besonderes Verständnis.
Sie fühlten beide, daß die arme Schwester es kümmerlich gehabt habe, trotzdem ihre verstorbene Großmutter eine sehr gute Frau gewesen sein mußte. Die Schwester that ihnen leid.
Und als sie das nächste Mal mit Budang zusammenkamen, sagten sie ihm: »Weißt du, die ›Waben‹,« so nannten sie die Schwester, weil ihnen das gefiel, »ist eigentlich wie ein altes Weibchen aufgewachsen. Sie versteht uns gar nicht, das arme Ding. – Und so verschlossen wie sie ist! Weißt du, nichts als Pflicht und Bravheit.« Budang war auch sehr mitleidig gestimmt; sie beschlossen alle, ganz besonders »nett« mit ihr zu sein.
Merkwürdigerweise hatte Budang keinerlei bissige Bemerkungen gemacht, als sie Wabens Pflichttreue und Bravheit als etwas ganz extra Mitleiderregendes hingestellt hatten.
»Sie ist sehr niedlich,« sagte er, »und sieht nicht älter aus als wir.«
»Ja, aber ich glaube, aus jeder von uns gingen zwei Waben zu machen.«
»Aber nicht aus der Bravheit,« sagte Budang. Er konnte sich's doch nicht verbeißen.
Und sie ließen sich's von ihm ruhig gefallen, denn sie glaubten an ihn.
In die Komödie gingen sie denn auch bald und beeiferten sich alle, es der fremden Schwester recht ans Herz zu legen, was sie schön fanden. Sie hatten sie in die »Zauberflöte« geführt.
Aber sie bemerkten zu ihrem Erstaunen, daß Waben während der Vorstellung die Augen fest geschlossen hielt.
»Die schläft!« sagte Marie zu Budang. Und Röse stieß ihre Schwester leicht an.
»Du schläfst ja!«
»Nein,« sagte Waben, »ich höre auf die Musik.«
Jetzt aber schloß sie die Augen nicht mehr, sondern sah nur nieder.
Nach einer Weile fragte Röse wieder: »Weshalb siehst du denn nicht auf die Bühne? Das ist jetzt unser Allerbester, der da singt.«
»Mir gefällt's net; die Musik spielt ganz was andres, als die Schauspieler vorstellen. Die Musik ist aber wunderschön!«
Was die Schwester gesagt hatte, flüsterte Röse Budang zu, der hinter ihnen saß.
Und Budang nickte dazu.
Er sprach dann in der Pause mit Waben über die Musik. Sie sagte ihm: »Ich wollte, die Großmutter hätte die Musik bei ihrem Tode hören können, – das wär' eine Himmelfahrt geworden! Die arme Großmutter!«
Der Waben standen die dicken Thränen in den Augen.
»Sie hat sehr ausstehen müssen,« meinte Budang. »Röse und Marie haben's erzählt.«
»Ach, ausgestanden!« erwiderte das Mädchen erregt. – »Da gibt's kein Wort dafür! Wer das mit angesehen hat, den freut nichts mehr.«
Es war das erste Mal, daß sie ihren Thränen freien Lauf ließ, seit sie von daheim fort war.
Das hatte die Musik gethan.
»Wollen Sie lieber nach Hause gehen?« fragte Budang.
»Ach nein,« sagte das zarte Mädchen. »Sie hat's ausgehalten, und ich soll net mal dran denken können? Hier wird's einem, als wär's erst gestern geschehen, – und das ist gut. – Die armen Seelen brauchen unser Mitleid. Sie werden überall zu schnell vergessen.«
Mit den armen Seelen meinte sie natürlich die der Abgeschiedenen.
Röse, die zugehört hatte, überlief ein Schauer. »Die armen Seelen«, das kam ihr so geheimnisvoll vor, so wie aus einem uralten Märchen. Ueberhaupt, obwohl die Waben ein tüchtiges und zuverlässiges Hausmütterchen war, würden sich die Ratsmädel nicht gewundert haben, wenn es sich herausgestellt hätte, daß sie wirklich ein Hausgeist sei, ein armes Seelchen oder sonst so etwas. Sie erschien ihnen immer fremder.
Aber die beiden Schelme fühlten sich nicht durch sie bedrückt und kritisiert. Es war ihnen in ihrer Nähe wohl.
Sie klöppelte für beide Mädchen ganz wundervolle Klosterspitzen nach einem alten Spitzenrest, den sie mitgebracht hatte.
»Ja, weshalb machst du's denn nicht für dich selbst?« fragte Röse.
»Wär' net übel,« war die Antwort.
Die Waben wurde wöchentlich einmal zu Schopenhauers Adele eingeladen und kam so in den Kreis der geistreichen jungen Damen, die alle um einige Jahre älter als die Ratsmädchen waren, und denen die Ratsmädchen ihrer Zeit Liebesbriefchen hin und her getragen hatten, die sie aber alle in ihrem Leichtsinn erst unten auf der dunklen Wittumstreppe indiskreterweise gelesen hatten. Das heißt, Liebesbriefe waren es auch im eigentlichen Sinne des Wortes nicht, sondern vielmehr sprachen die jungen Damen sich gegenseitig über den Zustand ihres Herzens in langen Episteln aus und machten den Ratsmädeln damit, ohne es zu wollen, das größte Gaudium; denn sie dachten nicht entfernt an die Treulosigkeit der beiden Schelme.
Bei Adele Schopenhauer waren wöchentliche Zusammenkünfte dieser jungen Damen und einiger schöngeistiger Jünglinge; die Waben war nur durch die größten Ueberredungskünste ihrer Schwestern dahin zu bringen, Adeles Kränzchen zu besuchen.
Nach einigen Wochen schien sie freilich recht gern zu gehen. Die langen Zuredereien und das Drängen hörte von selbst auf. Sie ging still und kam still, sprach über nichts, was sie dort in der Gesellschaft erfahren hatte, – aber es schien etwas Lebendigeres in ihr Wesen gekommen zu sein. In dieser Zeit war es zum erstenmal, daß sie bei Rats ein silberhelles, junges Lachen hörten. Und die Mutter meinte: »Laßt sie – fragt nicht!«
Sie war so reizend, so elfenhaft und so liebenswürdig diensteifrig.
Frau Rat sagte: »Was ist die Waben für ein süßes Kind; wie ein Sonnenstrahl, so still und gut!«
Frau Rat hatte sie ganz besonders ins Herz geschlossen.
Ja, die Waben war viel heiterer. Es schien, als wäre aus dem jungen, pflichttreuen Nönnchen ein junges Mädchen geworden. Sie blühte wahrhaft auf und wurde jeden Tag reizender. Man hörte sie die Treppen hinauf- und hinablaufen. Sie ging nicht mehr so krankenwärterinmäßig, und Röse und Marie hörten sie einmal singen, als sie sich das Haar machte.
Sie lauschten an der Thür; es klang ihnen beiden, wie dazumal, als ihre Lerche, die sie zu Weihnacht bekommen hatten, zum erstenmal im März ganz unvermutet im dunklen Bauer die ersten leisen Töne hören ließ.
Das Herz war ihnen bei diesen wunderbaren Lerchentrillern, die aus der dunklen Ecke kamen, erbebt.
Alle im Hause freuten sich, daß Waben auflebte.
So war sie auch einmal wieder ganz wohlgemut zu Schopenhauers gegangen, und spät abends bei Mondenschein und Winterkälte wandelte sie über hartgefrorenen Schnee am Arm eines jungen Mannes, der sie von Schopenhauers heimbegleitete, die alte Wittumstreppe hinab, die von der Esplanade zur inneren Stadt führt.
Der junge Mann hatte ihr den Arm geboten. Er hatte das schon öfter so gethan; es war ihm zu einer angenehmen Gewohnheit geworden, das liebliche Geschöpf heimzubegleiten. Sie hatten keinen besonders weiten Weg vor sich, aber sie verstanden ihn auszunützen. Die Waben hatte noch nie so viel hintereinander geplaudert, als auf der kurzen Strecke, die zwischen ihrem elterlichen Hause und dem Hause der Schopenhauern lag, – und der junge Mann war ein sehr aufmerksamer Zuhörer. Bei dem hellen Mondlichte war zu konstatieren, daß die Waben einen durchaus nicht ungefährlichen Begleiter hatte: hochgewachsen, schlank, mit einem prächtigen Kopf, groß geschnittenen Zügen, reichen, dunklen Locken; dabei vornehm in Gang und Haltung, liebenswürdig und galant in der Art, wie er mit dem kleinen Persönchen sprach, sich zu ihr neigte und ihr Geplauder anhörte.
Sie gefiel ihm, das war kein Zweifel.
»Demoiselle Barbara, wie kann man nur so ein Nixchen sein! Ich fühle Ihren Arm nicht mehr als eine Feder.«
»Ja, es ist dumm,« sagte Waben, »ich bin ein bisserl klein; aber da ist nun nichts zu machen.«
»Ein Mädchen kann gar nicht klein und zart und süß genug sein,« erwiderte er.
»Das find' ich net,« meinte sie. »Man soll vor einem Mädel doch Respekt haben, und sie soll ordentlich arbeiten können. Ich bin freilich viel stärker, als ich ausseh', gottlob! Sonst könnt' ich mir das Salz zum Brot net verdienen.«
»Nun, verdienen? Wer spricht denn von verdienen?«
»Glauben Sie,« fragte Waben, »ich möchte daheim schlafen und essen, wenn ich mir net sagen könnte, ich hab's verdient? Was denken Sie denn? Halten Sie uns Mädel für Tagediebe? Oder für was denn?«
»Sie sind so tapfer, – so tüchtig, – so anders, als die Mädchen gewöhnlich sind. Sind Sie denn auch ein wirkliches Menschenkind, Sie Elfchen?« sagte er zärtlich.
»Ach gar!« meinte die Waben. »Kennen Sie meine Schwestern nicht?«
»Nein, merkwürdigerweise! Ich bin nun schon seit vier Wochen hier, aber Ihre Schwestern hab' ich nun noch immer nicht kennen gelernt.«
»Die sollten Sie sehen! Röse und Marie sind beide so fleißig und tüchtig, aber dabei so lustig, daß es den ganzen Tag zu lachen gibt, – und so wunderschön! Wissen Sie, sie sind das Schönste und Beste, was es auf Erden gibt.«
»Die eine ist verlobt?« fragte er.
»Ja, die Röse. – Sie glauben nicht, wie gut sie mit mir waren, vom ersten Augenblick an, wie große Kinder. Sie sind so freundlich, wie halt eben nur Kinder sind.«
»Nun, ich werde ihnen ja wohl auch einmal begegnen. Sie erlauben mir, Demoiselle, daß ich bei Ihren Eltern meine Aufwartung mache?«
Die Wangen des Mädchens glühten.
»Gewiß!« sagte sie.
Sie war so selig. Sie wußte nicht, ging oder schwebte sie. An seinem Arme wußte sie das nie. Er sprach so zärtlich. Das war wie himmlische Musik. Gott, daß es solches Glück auf Erden gab!
Jetzt standen sie an der Hausthür.
»Morgen seh' ich die Schwestern von der Galerie aus im Schlosse. Sie sind mit bei dem großen Aufzug.«
»Sie freundliches Seelchen!« sagte er. »Da müssen wir uns die Schwestern doch miteinander anschauen. Sie finden mich auch auf der Galerie; ich beschütze Sie, und ich verteidige einen Platz für Sie.«
Neue Wonne! Der Waben schlug das Herz.
»Weshalb aber machen Sie nie etwas mit?« fragte er.
»Ich bin ja in Trauer um meine arme Großmutter.«
»Wissen Sie, Sie sind ein so liebenswürdiges, gutes Mädchen! Sie sind so gleichmütig!«
»Ja, leider aber auch ein bisserl langweilig,« meinte sie lächelnd und schloß dabei die Thür auf.
Er wollte etwas darauf entgegnen.
»Nein, nein, lassen Sie's!« Sie gab ihm die Hand zum Abschiede. »Man muß der Wahrheit die Ehre geben. Ich bin schon ein bisserl langweilig.«
»Liebes, gutes Herzensdemoisellchen!« sagte er.
»Und empfehlen Sie mich Ihren Eltern.«
Die Waben stand noch eine ganze Weile im stillen, dunklen Hausflur und hörte ihr liebesseliges Herz schlagen.
Am andern Morgen war ein ganz gewaltiges Treiben im Kirstenschen Hause und in der ganzen Stadt Weimar, denn es war der große Tag, an dem abends im Schlosse der große Maskenzug zu Ehren Ihrer Majestät der Kaiserin-Mutter, Maria Feodorowna, vor sich gehen sollte.
Die Waben hatte bei Schopenhauers, wie daheim, nichts weiter gehört und gesehen, als Vorbereitungen zu diesem großen Feste. Allen schönen und weniger schönen Mädchen und Frauen aus der weimarischen Gesellschaft war das große Ereignis, daß sie Goethes Verse vor einer Kaiserin sprechen sollten, zu Kopf gestiegen. Und die ganze weimarische Gesellschaft hatte seit Wochen etwas merkwürdig Papageienhaftes bekommen; es schnatterte oder deklamierte mit ängstlichem Pathos in jedem dritten Hause irgend wer irgend etwas, ohne Ende dasselbe, immer wieder von Anfang an; unermüdlich, zum Haarausraufen. Jeder und jede war wochenlang von dem Schreckgespenst, in dem bevorstehenden bedeutenden Unternehmen mit »Steckenbleiben« Unheil anzurichten, wie von einem Alpdruck besessen; nur das wütendste Deklamieren gab eine gewisse Beruhigung.
Jeder erzählte Wunderdinge von seinem Kostüm, von den Proben, die Goethe selbst überwachte.
Das Ganze sollte ein unerhört pomphaftes und vornehm gespreiztes Ansehen bekommen, wie noch nie etwas derartiges zu stande gekommen war. Die weimarische Glorienzeit sollte darüber liegen wie eine schwere, duftende Weihrauchwolke; die Weimaraner sollten in ihrer eigenen Herrlichkeit wahrhaft waten, aber mit graziösem Anstand.
Ja, was sollte sich nicht alles vor der Kaiserin des Riesenreiches produzieren!
Das winzige Nest wollte ihr zeigen, was es bedeutete, was für Ungeheures, gen Himmel Aufdampfendes in ihm ausgebrütet worden war.
Aber der graziöse Anstand war den guten, fidelen, ungeschickten Weimaranern mühselig und beschwerlich beizubringen.
Seine Excellenz mochte während der Proben oft genug daran gewesen sein, die Hoffnung und die Geduld zu verlieren; denn was die Weimaraner thaten, und wie sie sprachen, war natürlicherweise himmelweit von seinem Ideal entfernt.
Wer das echte »Weimarsch« kennt, der wird verstehen, welche Riesengeduld Seine Excellenz haben mußte, den Weimaranern ihr geliebtes Deutsch in einigermaßen richtigen Lauten beizubringen.
Bei einigen ganz verzweifelten Fällen, natürlich mußte es sich um hübsche junge Weimaranerinnen handeln, soll Seine Excellenz sich in der Verzweiflung mit einem Kuß geholfen haben, von dem er wohl hoffen mochte, daß er begeisternd und reinigend zwischen die arg malträtierten O und A, T und D und G und K, u. s. w. fahren würde.
Ja, es war eine schwere Arbeit, den weimarischen Pomp auf die Beine zu bringen!
Er lag da wie ein wundervoller byzantinischer Kirchengoldbrokat; aber niemand verstand ihn zu tragen.
Einzig und allein Seine Excellenz selbst.
An dem zur Aufführung bestimmten Tage hieß es: »Nu, es wird schon gehen!« wie es schließlich dann immer heißt und heißen muß. –
Die Waben hatte im Kirstenschen Hause alle Hände voll zu thun, – und that alles mit so leichtem, glückseligem Herzen. Sie befand sich wohl, wie eine Amsel im April. Sie wußte zwar kein Wort ihres Anbeters, das direkt von Liebe gehandelt hätte, – aber wozu?
Der Klang seiner Stimme, – die Art, wie er alles sagte, wie er ihr die Hand gab, – das sprach so eine nie gekannte Sprache. Sie wußte sich geliebt! – Ja, sie wußte es!
Das war so überzeugend und wieder so verschwimmend, so unbestimmt, beängstigend.
War es? War es nicht? Täuschte sie sich doch? – Nein, – nein, – nein! Gewiß nicht!
So ging es immer auf und nieder in ihrem Herzen.
Und sie nähte dabei mit fliegender Eile.
Röses Bräutigam war gekommen, und es ging im Hause hoch her.
So eine festliche, leichte Luft war überall zu spüren; so etwas Erregendes und Erregtes. Es erschien Barbara, als wäre sie in eine andere Welt versetzt, zum erstenmal in den Sonnenschein.
Marie sollte bei dem Aufzug als Genius figurieren und hatte auch etwas zu sagen, große, getragene Worte, die sie feierlich und ruhig zu sprechen verstand.
Budang war ihr Meister gewesen und hatte nicht geruht, bis das Ganze tadellos gelang.
Als die Waben beim Gewandanprobieren half, war sie von der Schönheit ihrer Schwester wahrhaft erschreckt. Die jungen, weißen, vollen Glieder, das schneeweiße Gewand, das herrliche Gesichtchen, die lebendigen Augen, die schöngezeichneten Augenbrauen, die ihr so etwas Vornehmes, Geistiges gaben, und das blonde Riesenhaar, das in dicken Locken wie eine Flut über Arme und Hals bis über die Kniee fiel und sich reizend an den rosigen Ohren kräuselte und um die kindliche Stirn. Es war ein so anmutiges Haar!
Röse war zum erstenmal in ihrem Leben nicht mit ihrer Schwester gleich gekleidet; sie stellte ein Zigeunermädchen vor, war aber auch, wie Marie, eingewickelt in ihre bräunliche Haarflut.
Die kleine Waben wurde stolz auf ihre beiden Schwestern.
Und beide sagten immer wieder von neuem: »Ach, Waben, daß du nicht mitkannst! Wie jammerschade!«
In Waben begannen sich zum erstenmal die jungen, lustigen Wünsche zu regen.
Aber sie hatte ja das Köstlichste im Herzen!
Und mit ihrem Schopenhauerschen Freunde sollte sie alle Herrlichkeiten, die es zu sehen geben würde, zusammen genießen! –
Sie fand sich pünktlich auf der Galerie ein, von der aus man in den großen Schloßsaal hinabsehen konnte. Ihr Beschützer war schon da und hatte in der vordersten Reihe, neben sich, ihr einen Platz gegen die andrängenden Neugierigen verteidigt.
Nun hieß es geduldig sein da oben auf der Galerie.
In dem dunklen Saal brannte noch keine einzige von den Hunderten von Wachskerzen, und sie sahen von ihren dämmerig beleuchteten Plätzen in einen schwarzen Abgrund hinab; aber die Waben und ihr Begleiter unterhielten sich vortrefflich miteinander, wie sich das leicht denken läßt. Die Zeit verstrich ihnen beiden im Umsehen.
Die Waben achtete kaum darauf, wie die Lämpchen der Kerzenanzünder gleich Glühwürmern in der großen Dunkelheit auftauchten, und wie die Flammen an den Zündschnürchen, was das Neueste war, von Licht zu Licht hüpften und im Nu die ganzen Kronleuchter im vollen Lichtgefunkel erstrahlen machten, und wie im Laufe von einer Viertelstunde alles glänzte und funkelte, ein ganzes Meer von Licht!
Personen schritten geschäftig hin und her durch den Saal, anordnend oder Umschau haltend.
Um das junge Paar her wurde geflüstert und getuschelt. »Der Oberhofmarschall!« hieß es, – »da, – – da, – – da! Da ging er eben!«
Die Leute waren von diesem Anblick schon erregt. Die Hälse wurden gereckt. – Jeder Lakai wurde angestarrt.
Die Waben plauderte wie noch nie in ihrem Leben. – Sie blühte neben ihrem Anbeter auf wie ein Rosenstock nach langem trüben Regenwetter, wenn ihn ein paar Stunden warme, volle Sonnenstrahlen treffen. Wie offen sie sprach! Ihr ganzes unschuldiges, gleichförmige Leben lag vor ihm ausgebreitet.
Sie wußte nicht, wie rührend sie war, und er wußte das auch nicht. Sie hatte nichts zu geben und mitzuteilen als ihre Vergangenheit, – gar nichts weiter, – und diese Vergangenheit gab sie bebend vor Wonne. – Er fragte, und sie antwortete. Sie vertraute. – Jubelnd empfand sie zum erstenmal, daß sie wirklich lebe.
Er war auch ganz entzückt von seiner kleinen Freundin, dachte besonnen, daß sie eine gute, kommode Frau abgeben würde, und erwog dies hin und her, während sie eifrig schwatzte.
»Aus guter Familie ist sie, – mitbekommen thut sie sicher auch etwas. – Die Kleine ist wohlerzogen, lächerlich unschuldig, ein durchaus bequemer Charakter.«
So dachte er, wie ein junger Mann, der auf Freiersfüßen geht und Ausschau hält, zu jeder Zeit gedacht hat.
Er empfand alles sehr befriedigend. Seit Wochen war er erst in Weimar angelangt, war hier zu einer guten Stellung gekommen, und seine Absicht ging dahin, sich mit einer alteingesessenen, wohlgeachteten Familie zu verschwägern.
Jetzt spiegelten sich die brennenden Kerzen in dem blanken Parkett des riesigen Saales wie in einem stillen See.
Es war so friedlich, so eigentümlich; der große, leere, helle Saal hatte etwas Beruhigendes. Dann waren reichgeschmückte Gäste gekommen. Oben auf der Galerie reckten sich abermals die Hälse. Es wurde wieder eifrig getuschelt. Sie waren alle erregt, und die Erregung stieg, je mehr es sich da unten bewegte, je mehr es glänzte und flimmerte und farbig aufleuchtete. Sie sahen auf wohlfrisierte Köpfe mit griechisch aufgesteckten Lockenfrisuren, auf Toupets jeder Art, auf hohe, schneeweiße, batistene Halsbinden, auf bloße Hälse und Arme, enge Kleider mit langen Schleppen, Fräcke und Uniformen, Lakaien und hohe Würdenträger, – ein schillerndes, bewegliches Durcheinander.
Hin und wieder schlug so ein aristokratisches, undefinierbar parfümiertes Lüftchen nach oben.
Die Wachskerzen brannten still, das Licht im ganzen Saal war gelblich warm.
Es hatte etwas Schmeichelndes, Schmückendes, – etwas Berauschendes.
Die Waben konnte sich über die große Helligkeit in dem weißen Saal gar nicht genug wundern.
Und dann die Herrschaften, die russische Kaiserin, die fremden Uniformen, das ganze geheimnisvoll pomphafte Ceremoniell, – die große Feierlichkeit, die große Vornehmheit!
Der Waben kam es vor, als wenn sie in eine uralte Geschichte hineinschaue, in längst vergangene Dinge. Daß so etwas wirklich noch existierte! Ein bißchen komisch erschien es ihr, – ein bißchen ernsthaft, – ein bißchen schaurig, aber hauptsächlich sehr amüsant. Die einzelnen Personen interessierten sie gar nicht, nur das Ganze. Sie hörte kaum darauf hin, als ihr Begleiter die verschiedensten Leute bezeichnete.
Aber der Zug! Der große Maskenzug! Da war der weimarische Pomp wirklich auf die Beine gebracht! Da lag die weimarische Glorienzeit wirklich wie eine duftende Weihrauchwolke darüber. Da war die ganze ernsthaft feierliche Pracht vor aller Augen wie ein byzantinischer Prachtbrokat ausgebreitet. Herrliche Gestalten und Farben, rauschende Musik und große Worte, und ein Schimmern und Auftauchen und Ziehen und Kommen und Verweilen, – eine Pracht und Herrlichkeit sondergleichen.
Die braven, fidelen Weimaraner hatten sich von dem großen, feierlichen Pomp am Schlafittchen nehmen lassen. Sie gehörten sich nicht mehr selbst. Es war etwas in sie gefahren, was sie begeisterte.
Sie bewegten sich nicht mehr wie die Weimaraner, sie sprachen nicht mehr wie die Weimaraner. Es war etwas Außerordentliches.
Des Mädchens Begleiter fühlte ein Händchen auf seinem Aermel. »Meine Schwester! Meine Schwester!« sagte eine weiche, leise Stimme ganz erregt. »Sehen Sie, meine Schwester!«
Er hatte Marie schon längst gesehen. Sie stand jetzt gerade vor der Kaiserin Maria Feodorowna und sprach die Goetheschen Worte; das gute Ratsmädel leuchtete dabei wahrhaft von Schönheit und Glückseligkeit. Sie bewegte sich ohne jede Befangenheit, ganz natürlich. Es war, als wenn die blonde Haarflut funkelte, als wenn das schöne Gesicht und die Arme und der Hals und das weiße Gewand strahlten.
Sie war prachtvoll in ihrer stolzen, freien Jugendlichkeit, der Inbegriff eines herrlichen, blütenjungen Weibes. Es lag etwas Heiteres, etwas Frohlockendes über die Gestalt gebreitet. – Aller Augen sahen auf sie.
»Das ist Ihre Schwester?«
Die Waben lächelte.
»Die verlobte?« fragte er.
»Nein!«
»Herr Gott im Himmel!« kam es von den Lippen des jungen Mannes wie ein Seufzer.
Die Waben blickte auf ihn und sah, wie fest der Blick seiner Augen sich an ihre Schwester heftete.
Sie sah auch, was für einen prächtigen Kopf er hatte, so männlich und gescheit, mit so fest geschnittenen Zügen.
Und es senkte sich wie eine tiefe Traurigkeit auf sie nieder. Es war aber keine rechte Traurigkeit, es war etwas anderes, – etwas Schwereres.
Traurig war sie schon manchmal gewesen, aber so etwas Schreckliches schien noch nie über sie gekommen zu sein! Es war ihr, als wenn ihr Blut aufhörte zu fließen, als wenn eine Spange sich ihr fest um den Hals legte, als wenn das Herz es nicht mehr für der Mühe wert hielte, weiter zu schlagen.
Sie sah sich selbst! Ja, sie war so winzig, so langweilig, so arm. Wie hatte sie nur denken können, – daß …
Aber alle diese Gedanken waren gar keine eigentlichen Gedanken. Wie große, graue, schwere Steinplatten kamen sie ihr vor, die langsam auf sie drückten und sie tief in den Boden hineinpreßten, ganz langsam und schmerzlos, – aber entsetzlich.
Während sie so litt, wendete er kein Auge von ihrer Schwester. Sie wartete, daß er sie wieder anreden würde, und sie schaute alles im voraus.
Sie sah und hörte alles so genau, als wäre es schon geschehen.
Sie wußte, daß seine Stimme kalt und gleichgültig klingen würde. Sie sah und verstand das alles so tief, so klar, so anders, als sie sonst nie verstand und begriff.
Ja, – und so kam es denn auch, ganz so! –
Sie war nicht überrascht und nicht erschreckt, – aber wie ausgelöscht. Sie fühlte sich selbst nicht mehr. Alles so grau, so fahl, – alles so gleichgültig, – so erstickend, – so weh! – Sie wollte gehen. Sie hatte genug gesehen; aber er redete ihr zu, zu bleiben.
Gerade sprach der Großherzog Karl August mit ihren beiden Schwestern. Er war außerordentlich gnädig und schien an den beiden schönen Mädchen großes Gefallen zu finden. Es waren ja seine guten Freundinnen, und sie sprachen jedenfalls miteinander von früheren Erlebnissen, von ihrem gemeinschaftlichen Frühstück im römischen Hause; von der Schaukelei auf der schmiedeeisernen Thür an der Sternbrücke, von den ungesetzmäßigen Theaterbesuchen, von der lustigen Fahrt in Karl Augusts Kalesche auf dem Vogelschießen, was ich alles ausführlich berichtet habe.
Karl August und die Ratsmädel hatten eben von jeher großes Wohlgefallen aneinander gehabt.
»Serenissimus zeichnet die Fräulein Schwestern ja außerordentlich aus!« sagte der Anbeter der Waben sehr befriedigt und ganz versunken, nur Augen für das wunderschöne Mädchen unten im Saale behaltend.
Das war nun ein trauriges Nachhausegehen.
Waben langte still und matt daheim an. Frau Rat war noch auf und sagte: »Warte, mein armes Bärbelchen, du sollst mir nicht immer Zuschauerin bleiben! Glaube das nicht.«
Die Waben hörte und fühlte nichts, ging zu Bett und schlief wie betäubt ein und wachte auf, als lägen noch immer die schweren Steine auf ihr.
Und so blieb es.
Tags darauf war große Nachfeier für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen am Zug bei der Oberhofmeisterin.
Da gingen die Ratsmädel hin in gelbroten Kleidern aus indischer Seide, die sie von Röses künftiger Schwiegermutter bekommen hatten. Dazu trugen sie goldene Gürtel und gelbrosa Rosenkränze auf dem geflochtenen Haar.
Die schmiegsame Seide floß an den schönen Gestalten köstlich herab. Die Waben half ihren beiden Schwestern beim Anziehen.
Schweren Herzens sagte sie: »Nun seid ihr noch schöner als gestern.«
Und das waren sie auch.
Es war der Ehrentag ihrer Schönheit. Sie schienen selbst ganz feierlich gestimmt, wie die eine die andre so ansah.
Budang, Franz Horny und Ernst von Schiller, die den Zug nicht mitgemacht hatten, kamen, um sich die Kameradinnen anzuschauen. Die Lichter unter dem grünen Seidenschirm waren angesteckt, und die beiden Mädchen gingen im Zimmer umher in ihrer unschuldigen Herrlichkeit.
Die Kameraden verhielten sich einsilbig.
Da stand etwas so fremd Schönes vor ihnen, etwas so Bekanntes, Vertrauliches, süß Freundschaftliches, – und doch so Entrücktes.
Die Schönheit ihrer Kameradinnen lag ihnen schwer beengend auf dem Herzen; es war ihnen dabei nicht wohl zu Mute.
Am andern Morgen, als die beiden schönen Geschöpfe spät zum Frühstück kamen, schenkte die Waben ihnen ihre Milch ein.
Die Pate Sperber hatte nach ihrer Gewohnheit, wenn bei Kirstens irgend etwas Besonderes los war, einen Kuchen geschickt, und in diesen Kuchen aßen Röse und Marie sich in ihrer Zufriedenheit und Glückseligkeit tief ein, wie ein paar Mäuse, und erzählten dabei der Mutter und der Waben ihre Erlebnisse.
Die alten Erlebnisse, die schöne Mädchen, so lange die Welt steht, zu jeder Zeit erzählt haben: berauschende Dinge, die das Geschöpf triumphieren lassen im glückseligen Machtgefühle.
Und dabei aßen die beiden ungeheuer viel Kuchen und fischten nach den Rosinen darin.
Und während sie im besten Plaudern waren, brachte die Magd einen vollblühenden Rosenstock herein, etwas ganz Unbegreifliches zu dieser Winterszeit, und sagte: »Eine schöne Empfehlung an Fräulein Marie.«
Und an dem Rosenstock hing auch noch ein Briefchen.
Marie wurde dunkelrot und nahm mit zaghaften Händen das Wunder in Empfang.
»Ach Marie!« jubelte Röse auf.
Ein süßes Gesichtchen wurde bleich, – ein paar Lippen zitterten wie in namenlosem Weh, und eine zarte Gestalt ging unhörbar zur Thür hinaus, ohne daß jemand darauf geachtet hätte.
Das war von ihm!
Daß er den Abend oft mit Marie getanzt habe, das hatten sie ja schon erzählt. Wie war er denn nur hingekommen? Er hatte es eben möglich gemacht, dachte die Waben dumpf.
Aber der Anblick des blühenden Rosenstockes, – das war es, – das erst hatte ihr schneidend weh gethan!
»Jede Imagination muß ihren Corpus haben,« sagt der alte Paracelsus.
Oben in der Schlafkammer lag das gebrochene Mädchen bei verschlossener Thür auf den Knieen und hielt den Rosenkranz zwischen den zitternden Fingern und hatte sich das Bild der heiligen Jungfrau auf den Stuhl gelehnt und hielt Gottesdienst, einen so schweren, herzbeklommenen Gottesdienst.
Und sie sehnte sich nach Weihrauch und dem tiefen Orgelbrausen in ihrem Schmerzensrausche, nach den Aufzügen der Geistlichen bei der großen Messe; sie sehnte sich nach den prachtvollen Meßgewändern, klangvollen Worten und starken Tönen, nach der großen Herrlichkeit und den gewaltigen Glocken, den hohen Säulen und den anstrebenden Gewölben.
Hätte sie dort jetzt auf den Knieen liegen dürfen! Auf Orgelbrausen und Weihrauchwolken wäre ihr Weh der Mutter Gottes zu Füßen gestürmt. Aber so, in dieser Kahlheit hier, da hob der Schmerz sich nicht zum Himmelsflug, sondern drückte und drückte und wurde wieder zur grauen, schweren Steinplatte, die sie ganz begrub.
Wie nach einer Heimat sehnte sie sich nach ihrer hohen, stillen, dämmerigen Kirche, und sie breitete die Arme aus und schluchzte laut. –
Mittlerweile war dem Rosenstocke der Mann auf Freiersfüßen selbst gefolgt und hatte sich nach dem Befinden der Schwestern erkundigt. Das Befinden war vortrefflich. Sie waren lustig und guter Dinge. Röses Bräutigam erschien auch, und die beiden schönen Paare standen auf ihrer Lebenshöhe, denn auch Marie war ganz entzückt von dem begeisterten, wohlerzogenen jungen Menschen, der sich so plötzlich in sie verliebt hatte, wie in ein Wunder. So gab es in dem Kirstenschen Familienzimmer eine prächtige Harmonie. Schöne Menschen in voller Jugend, die nur von den besten, schönsten Dingen sprachen und dachten und träumten, die Feste beredeten und Ausflüge und allerhand Vergnügungen und Feierlichkeiten, um die herrliche Zeit zu genießen.
Als die Waben hereintrat, begrüßte ihr Schopenhauerscher Freund sie, leicht befangen, als alte Bekannte, – that es aber mit gutem Gewissen, denn das große Liebesfeuer, das jetzt in ihm brannte, hatte das kleine, bedächtige Flämmchen, das für die zarte Waben geglommen hatte, vollständig verschlungen.
Und was er im Schein des bedächtigen Flämmchens gesagt, gethan und geblickt hatte, davon wußte er wohl nichts mehr.
»Ihr kanntet euch schon?« fragte Röse ihre Schwester.
»Ja, von Schopenhauers her,« antwortete sie ruhig.
Und da stieg die Seligkeit im Kirstschen Familienzimmer schon wieder hell empor. –
Und über der Waben schlug es grau und erstickend zusammen, wie dunkles Wasser.
Sie wußte nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollte.
Sie liebte ihn so sehr!
Wie ein trauriger Schatten kam sie sich mitten unter den glücklichen Menschen vor.
Das ging so ein paar Tage fort, – so hilflos, so über Bord geworfen fühlte sie sich! – Dann hatte sie einen Entschluß gefaßt, nahm sich ein Herz und bat: »Vater, erlaubst du mir, daß ich nach Jena zur Beichte fahre?«
Das war ein Ruf nach Rettung, den sie gethan hatte. Es faßte sie wie die Sehnsucht nach einer alles verstehenden Mutter, die durch und durch sieht, alles weiß und voller Hilfe und Liebe ist.
Und so fuhr die Waben nach Jena, in der alten, rumpeligen Postkutsche, und der Postillon blies ein Stückchen, das zu Herzen ging; so ein echtes, rechtes Postillonstück, das die alte lederne Kutsche zu einem lebendigen Ding macht, das jubelnd oder klagend am frühen Morgen auszieht und nachts jubelnd oder klagend in langgezogenen Tönen durch die dunklen Straßen fährt – und die Schläfer weckt – und ihnen das Herz bewegt.
In Jena, in der grauen Stadt, die, von sonnigen, heitern Bergen umgeben, im weiten Kessel wie ein Pilznest hockt, mit spitzen grauen Giebeln und spitzen Dächern, da fand sie in der kleinen, uralten, geheimnisvollen Kirche, die zwischen Gräbern in der Sonne liegt, das Orgelbrausen, die Weihrauchwolken, die Säulen, die Priesterworte, – das Heimische, wonach es sie in ihrer Not verlangt hatte. Da durfte sie auf ihren Knieen liegen und schluchzend ihr Weh anvertrauen. Und die Weihrauchwolken und die Orgeltöne waren wie breite Flügel, auf die sie ihren Jammer niederlegte, und die mit ihm höher flogen, und höher und höher, immer höher.
Und in der Beichte demütigte sie sich vor Gott und einem alten, ärmlichen Priester, schüttete ihr Herz aus und beschuldigte sich.
Und ihre Schuld war: daß sie liebte und nicht zu Ende mit dieser Liebe kommen konnte, daß sie beneidete, verzagte und glücklich sein wollte.
Aber der alte, ärmliche Geistliche tröstete sie und ermahnte sie. Er sprach von der heiligen Wonne der Selbstverleugnung; er sprach von der Seligkeit des großen Ueberwindens, von der reinen Freiheit der freien, ruhigen Seele, die nichts Irdisches will, mitten im Leide nicht beunruhigt, mitten in der Freude unbegehrlich, selbst arm alles anderen gönnend, – nichts wollend selig.
Er sprach in seiner Einfalt die großen unirdischen, ascetischen Worte zu ihrer Jugend, die sich aufgebäumt hatte gegen das »Ueber Bord Geworfensein«, die genießen und leben wollte.
Aber das gute Geschöpf hatte sich ganz und rückhaltslos gedemütigt. – Sie wollte nur Hilfe und streckte die Hände aus und nahm, was man ihr gab: die große, schwere, ernste Gabe.
Das zarte Gesicht leuchtete, die gebrochene Gestalt richtete sich auf, und sie empfing die Absolution ihrer Sünden.
Tief in der Nacht fuhr die rumpelige Postkutsche in Weimar wieder ein; der Postillon blies und weckte die Schläfer.
Im Posthof schlüpfte aus dem dunklen Wagen ein zartes Wesen und ging durch enge Gassen und Straßen.
Und als sie oben in der Schlafstube, im alten Haus in der Wünschengasse, vor den Betten der schönen, glückseligen Schwestern stand und die beiden Mädchen fest schlafen sah, kniete sie nieder und faltete die Hände, und es war ihr, als wenn sie mit geschlossenen Augen langsam in das tiefe, stille, sanfte Meer der Entsagung versänke. Wie weiche Wellen schlug ein großer Frieden ihr entgegen, etwas so unsagbar Besänftigendes, etwas so hinsterbend Süßes. Und es ward ihr weich und weit ums Herz, so frühlingshaft, so werdend, als wenn von einem großen, wunderbaren Geheimnis der Schleier gehoben würde. Man glaubt, das Beste auf Erden sei das Glück? Das glaubt man; aber es gibt noch etwas, etwas so geheimnisvoll Unergründliches, was größer als Glück und Unglück ist, was über allem steht, – etwas Unantastbares. Und dies Große wohnt einzig und allein im Herzen entsagender Menschen.
Die unbeachtetste, die geringste Seele kann es mit seiner Größe erfüllen, die mächtiger ist als alle Welten, als alle Glückseligkeiten.
So umschloß die, von der kleinen Oellampe dämmerig beleuchtete Stube drei Bräute: zwei glückselige, schlafende, irdische Bräute, – und eine süße, kleine Himmelsbraut, mit lichtem, klarem Herzen; eine Himmelsbraut, auch wenn sie nicht ins Kloster ziehen wollte, sondern hier zu bleiben gedachte, in diesem glücklichen Hause.
Mitten im Leiden nicht mehr beunruhigt, mitten in der Freude unbegehrlich, selbst arm alles andern gönnend, – nichts wollend selig.
Das ist das Große, das Lebendige! Das ist das Unantastbare!