Erster Auftritt.

Frau Solneß. Hilde Wangel.

Frau Solneß (die in einen großen weißen Kreppshawl gehüllt ist, ruht im Lehnstuhl und starrt nach rechts hinüber).

Hilde Wangel (kommt nach einer Weile die Gartentreppe herauf; sie ist gekleidet wie letzthin und hat ihr Hütchen auf; an der Brust trägt sie ein Sträußchen von gewöhnlichen Wiesenblumen).

Frau Solneß (wendet den Kopf ein wenig). Sind Sie im Garten herumgewesen, Fräulein Wangel?

Hilde. Jawohl, ich habe mich da unten umgesehen.

Frau Solneß. Auch Blumen gefunden, wie ich sehe.

Hilde. Freilich. Von denen ist ja mehr als genug da. Zwischen den Büschen drin.

Frau Solneß. Wirklich? So spät im Jahre? Ich komme ja fast nie hinunter.

Hilde (kommt näher). Was Sie sagen! Laufen Sie denn nicht jeden Tag in den Garten hinunter?

Frau Solneß (mit einem matten Lächeln). Ich „laufe“ nirgends mehr hin. Jetzt nicht mehr.

Hilde. Aber gehen Sie denn nicht dann und wann hinunter, um all der Herrlichkeit einen Besuch zu machen?

Frau Solneß. Es ist mir alles so fremd geworden. Ich fürchte mich beinahe davor, es wiederzusehen.

Hilde. Ihren eigenen Garten!

Frau Solneß. Es kommt mir vor, als ob er nicht mehr mein wäre.

Hilde. Ach, was ist denn das für —!

Frau Solneß. Nein, nein, das ist er nicht. Es ist nicht wie damals, als der Vater und die Mutter noch lebten. Es ist jammerschade, wie viel sie vom Garten weggenommen haben. Denken Sie nur — da haben sie ihn zerstückelt — und Häuser gebaut für fremde Menschen. Leute, die ich nicht kenne. Und die können mich von ihren Fenstern aus beobachten.

Hilde (mit einem hellen Ausdruck im Gesicht). Frau Solneß?

Frau Solneß. Ja?

Hilde. Darf ich ein bißchen bei Ihnen bleiben?

Frau Solneß. Sehr gern, wenn Sie nur Lust dazu haben.

Hilde (rückt ein Taburett zum Lehnstuhl hin und setzt sich). Ah — hier kann man sich sonnen, so recht wie eine Katze.

Frau Solneß (legt die Hand leicht auf ihren Nacken). Das ist schön von Ihnen, daß Sie bei mir sitzen wollen. Ich dachte, Sie wollten zu meinem Mann hinein.

Hilde. Was sollte ich bei ihm thun?

Frau Solneß. Ihm helfen, dachte ich mir.

Hilde. O nein. Übrigens ist er nicht drinnen. Er ist da drüben bei den Arbeitsleuten. Er sah aber so grimmig aus, daß ich mir nicht getraute, ihn anzureden.

Frau Solneß. Ach, im Grunde hat er ein so mildes und weiches Gemüt.

Hilde. Der!

Frau Solneß. Sie kennen ihn eben noch nicht recht, Fräulein Wangel.

Hilde (sieht sie mit Wärme an). Sind Sie jetzt froh, daß Sie ins neue Haus hinüberziehen sollen?

Frau Solneß. Ich sollte froh sein. Denn Halvard will es ja so haben —

Hilde. O nicht gerade aus dem Grunde, scheint mir.

Frau Solneß. Doch, doch, Fräulein Wangel. Denn das ist ja nur meine Pflicht, mich ihm zu unterwerfen. Aber manchmal fällt es so schwer, den Sinn zum Gehorsam zu zwingen.

Hilde. Ja, das muß gewiß schwer fallen.

Frau Solneß. Das können Sie mir glauben. Wenn man nicht ein besserer Mensch ist, als ich, dann —

Hilde. Wenn man soviel Schweres durchgemacht hat, wie Sie —

Frau Solneß. Woher wissen Sie das?

Hilde. Ihr Mann sagte es.

Frau Solneß. Mir gegenüber berührt er die Dinge so selten. — Ja, das können Sie mir glauben, Fräulein Wangel, ich habe mehr als genug durchgemacht in meinem Leben.

Hilde (blickt sie teilnehmend an und nickt langsam). Arme Frau Solneß. Zuerst hatten Sie ja den Brand —

Frau Solneß (mit einem Seufzer). Ach ja. All das meinige ging dabei zu Grunde.

Hilde. Und dann kam ja etwas noch Schlimmeres.

Frau Solneß (sieht sie fragend an). Noch schlimmer?

Hilde. Das Allerschlimmste.

Frau Solneß. Was, meinen Sie?

Hilde (leise). Sie verloren ja die beiden Kleinen.

Frau Solneß. Ach, die. Ja, sehen Sie, das war aber etwas ganz anderes. Das war ja eine höhere Fügung. Und wenn so etwas kommt, da muß man sich unterwerfen. Und Gott danken obendrein.

Hilde. Thun Sie denn das?

Frau Solneß. Nicht immer, leider. Ich weiß ja sehr wohl, daß es meine Pflicht wäre. Aber ich kann es trotzdem nicht.

Hilde. Nein, das kommt mir auch ganz natürlich vor.

Frau Solneß. Und oftmals muß ich ja mir selber sagen, daß es eine gerechte Strafe war —

Hilde. Warum denn?

Frau Solneß. Weil ich nicht standhaft genug war im Unglück.

Hilde. Aber ich begreife nicht, wie —

Frau Solneß. Ach nein, Fräulein Wangel — reden wir nicht mehr von den zwei Kleinen. Über die sollen wir uns bloß freuen. Die haben es ja jetzt so gut, wie man es nur wünschen kann. Nein, es sind die kleinen Verluste im Leben, die einem wehe thun bis in die Seele hinein. Wenn man das alles verliert, was andere Leute fast für gar nichts achten.

Hilde (legt die Arme auf ihre Knie und blickt mit warmem Mitgefühl zu ihr auf). Liebste Frau Solneß — erzählen Sie mir davon.

Frau Solneß. Wie ich Ihnen sagte. Lauter Kleinigkeiten. Da verbrannten zum Beispiel alle die alten Porträts an den Wänden. Und alle die alten seidenen Kleider, die der Familie Gott weiß wie lange gehört hatten. Und die Spitzen der Mutter und der Großmutter — die verbrannten auch. Und denken Sie nur — die Schmucksachen! (Schwermütig.) Und dann alle die Puppen.

Hilde. Die Puppen?

Frau Solneß (mit thränenerstickter Stimme). Ich hatte neun wunderschöne Puppen.

Hilde. Und die verbrannten auch?

Frau Solneß. Alle miteinander. Ach, wie ich mir das zu Herzen nahm.

Hilde. Hatten Sie denn alle die Puppen aufgehoben von der Zeit an, da Sie klein waren?

Frau Solneß. Aufgehoben, nein. Ich und die Puppen, wir blieben immer beisammen.

Hilde. Nachdem Sie erwachsen waren?

Frau Solneß. Ja, lange nachher.

Hilde. Auch nachdem Sie verheiratet waren?

Frau Solneß. O ja. Wenn er nicht dabei war, da — Dann verbrannten sie ja aber, die armen Dinger. Die zu retten, da dachte niemand dran. Ach, das ist ein trauriger Gedanke. Sie dürfen mich deshalb nicht auslachen, Fräulein Wangel.

Hilde. Ich lache durchaus nicht.

Frau Solneß. Auf ihre Art waren die ja auch lebendige Wesen, sozusagen. Ich trug sie unter dem Herzen. Wie ungeborene kleine Kinder.

Doktor Herdal (den Hut in der Hand, erscheint in der Verandathür und erblickt Frau Solneß und Hilde).