Zweiter Auftritt.
Solneß. Frau Solneß.
Solneß (blättert in den Zeitungen weiter).
Frau Solneß (bei den Pflanzen). Ich möchte doch wissen, ob er nicht auch stirbt.
Solneß (blickt zu ihr hin). Der auch? Wer denn noch?
Frau Solneß (ohne zu antworten). Ja, ja, der alte Brovik — der stirbt jetzt wohl auch, Halvard. Paß nur auf.
Solneß. Liebe Aline, möchtest du nicht ausgehen und dir ein wenig Bewegung machen?
Frau Solneß. Ja, das sollte ich wohl eigentlich thun. (Sie macht sich fortdauernd mit den Blumen zu schaffen.)
Solneß (über die Zeichnungen gebeugt). Schläft sie noch?
Frau Solneß (sieht ihn an). Ist es Fräulein Wangel, an die du da denkst?
Solneß (gleichgültig). Sie kam mir so zufällig in den Sinn.
Frau Solneß. Fräulein Wangel ist schon lange auf.
Solneß. So — so.
Frau Solneß. Als ich drinnen war, da war sie damit beschäftigt, ihre Sachen auszubessern. (Sie stellt sich vor den Spiegel hin und setzt langsam den Hut auf).
Solneß (nach einer kurzen Pause). So konnten wir dennoch von einer Kinderstube Gebrauch machen, Aline?
Frau Solneß. Allerdings.
Solneß. Und das ist ja immerhin besser, als daß alles leer steht.
Frau Solneß. Diese Leere ist entsetzlich. Darin hast du recht.
Solneß (macht die Mappe zu, steht auf und nähert sich ihr). Du wirst schon sehen, Aline, daß es hernach besser für uns wird. Viel gemütlicher. Leichter zu leben. — Besonders für dich.
Frau Solneß (sieht ihn an). Hernach?
Solneß. Ja, glaub mir, Aline —
Frau Solneß. Meinst du — weil sie hergekommen ist?
Solneß (bezwingt sich). Ich meine natürlich — wenn wir erst ins neue Haus eingezogen sind.
Frau Solneß (nimmt ihren Mantel). Ja, glaubst du das, Halvard? Daß es dann besser wird?
Solneß. Ich kann mir's nicht anders denken. Und das glaubst doch jedenfalls du auch?
Frau Solneß. Ich glaube gar nichts von dem neuen Hause.
Solneß (verstimmt). Das ist allerdings für mich verdrießlich zu hören. Denn ich habe es doch wohl hauptsächlich um deinetwillen gebaut. (Er will ihr beim Anziehen des Mantels behilflich sein).
Frau Solneß (indem sie sich seiner Hilfe entzieht). Im Grunde thust du doch viel zu viel um meinetwillen.
Solneß (mit einer gewissen Heftigkeit). Nein, nein, so was darfst du durchaus nicht sagen, Aline! Ich ertrage es nicht, solche Dinge von dir zu hören!
Frau Solneß. Nun, dann will ich es nicht mehr sagen, Halvard.
Solneß. Aber ich bleib bei meiner Meinung. Du wirst schon sehen, wie gut du dich zurechtfinden wirst da drüben im neuen Hause.
Frau Solneß. Ach Gott — ich mich zurechtfinden —!
Solneß (eifrig). Doch, doch! Darauf kannst du dich verlassen! Denn dort, siehst du — dort ist so unglaublich viel, was dich an dein eigenes Heim erinnern wird.
Frau Solneß. An das, wo der Vater und die Mutter drin gewohnt hatten. — Und das dann abbrannte — alles miteinander.
Solneß (gedämpft). Ja, ja, du arme Aline. Das war für dich ein furchtbar harter Schlag.
Frau Solneß (in Klagen ausbrechend). Du magst bauen so viel und so lange du nur willst, Halvard — mir baust du niemals ein richtiges Heim mehr auf!
Solneß (im Zimmer umhergehend). Nun, dann reden wir in Gottes Namen nicht mehr von alledem.
Frau Solneß. Wir pflegen ja sonst auch nie davon zu reden. Denn du schiebst es nur von dir —
Solneß (bleibt plötzlich stehen und sieht sie an). Ich? Und warum sollt ich denn das thun? Es von mir schieben?
Frau Solneß. Ach, ich verstehe dich ja so wohl, Halvard. Du willst mich ja so gern schonen. Und mich entschuldigen auch. Alles — was du nur kannst.
Solneß (sie erstaunt anblickend). Dich! Dich entschuldigen! Von dir selber redest du, Aline!
Frau Solneß. Ja, da muß doch wohl von mir die Rede sein.
Solneß (unwillkürlich vor sich hin). Das auch noch!
Frau Solneß. Denn mit dem alten Hause — mit dem mochte es noch gehen, wie es wollte. Du lieber Gott — wenn das Unglück nun einmal da war, dann —
Solneß. Darin hast du recht. Fürs Unglück kann man nicht — wie die Leute sagen.
Frau Solneß. Aber das Entsetzliche, das der Brand nach sich zog —! Das ist es! Das ist es!
Solneß (heftig). Nur nicht daran denken, Aline!
Frau Solneß. Doch, gerade daran muß ich denken. Und endlich einmal davon herausreden auch. Denn es kommt mir vor, als könnte ich es nicht länger ertragen! Und dann, daß ich mir niemals selber verzeihen darf —!
Solneß (mit einem Ausbruch). Dir selber —!
Frau Solneß. Ich hatte ja doch Pflichten nach zwei Seiten hin. Sowohl gegen dich wie gegen die Kleinen. Ich hätte mich unempfindlich machen sollen. Nicht den Schrecken so über mich Herr werden lassen. Auch nicht den Kummer darüber, daß mir das Heim abgebrannt war. (Sie ringt die Hände.) Ach, hätte ich nur gekonnt, Halvard!
Solneß (nähert sich, erschüttert, leise). Aline — du mußt mir versprechen, daß du solchen Gedanken nie mehr nachgehen wirst. Versprich mir das ja!
Frau Solneß. Ach Gott — versprechen! Versprechen! Man kann ja alles mögliche versprechen —
Solneß (preßt die Hände zusammen und geht im Zimmer umher). Ach, es ist doch zum Verzweifeln! Niemals ein Sonnenstrahl! Nie soviel wie nur ein Streiflicht ins Heim hinein!
Frau Solneß. Hier ist ja kein Heim, Halvard.
Solneß. Ach nein, das ist nur zu wahr. (Schwermütig.) Und Gott weiß, ob du nicht darin recht behältst, daß es im neuen Hause auch nicht besser für uns wird!
Frau Solneß. Das wird es nie werden. Ebenso leer. Ebenso öde. Dort wie hier.
Solneß (heftig). Aber um's Himmels willen, warum haben wir's dann erst gebaut? Kannst du mir das erklären?
Frau Solneß. Nein, darauf mußt du dir selber Antwort geben.
Solneß (blickt mißtrauisch zu ihr hin). Was meinst du damit, Aline?
Frau Solneß. Was ich meine?
Solneß. Ja doch, zum Teufel —! Du sagtest es so sonderbar. Als ob du dabei einen verborgenen Gedanken hättest.
Frau Solneß. Nein, da kann ich dich wahrhaftig versichern —
Solneß (nähert sich ihr). Ist gar nicht nötig — ich weiß schon, was ich weiß. Und sehen und hören thu' ich auch, Aline. Darauf kannst du dich verlassen!
Frau Solneß. Was denn aber? Was denn?
Solneß (stellt sich vor sie hin). Witterst du etwa nicht einen tückischen versteckten Sinn in dem unschuldigsten Wort, das ich nur sage?
Frau Solneß. Ich, sagst du! Thue ich das?
Solneß (lacht). Hahaha! Das ist ja kein Wunder, Aline! Wenn du dich mit einem kranken Mann im Hause abquälen mußt, dann —
Frau Solneß (angstvoll). Krank! Bist du krank, Halvard!
Solneß (herausplatzend). Oder ein halbtoller Mann! Ein verrückter Mann! Nenn' mich, wie du willst!
Frau Solneß (greift nach der Stuhllehne und setzt sich). Halvard — um's Himmels willen —!
Solneß. Aber ihr irrt euch beide. Sowohl du als der Doktor. So steht's nicht mit mir. (Er geht auf und ab.)
Frau Solneß (folgt ihm ängstlich mit den Augen).
Solneß (geht zu ihr hin, ruhig). Im Grunde fehlt mir nicht das Geringste.
Frau Solneß. Nein, nicht wahr! Aber was hast du dann?
Solneß. Die Sache ist die, daß ich manchmal fast zusammenbreche unter dieser entsetzlichen Schuldenlast —
Frau Solneß. Schulden, sagst du! Aber du bist ja niemand etwas schuldig, Halvard!
Solneß (leise, bewegt). Doch — ich bin in bodenloser Schuld — dir gegenüber, Aline.
Frau Solneß (erhebt sich langsam). Was steckt hier dahinter? Sag' es lieber gleich.
Solneß. Aber es steckt ja nichts dahinter! Ich habe dir nie etwas Böses zugefügt. Jedenfalls nicht mit Wissen und Willen. Und trotzdem habe ich die Empfindung, als ob eine erdrückende Schuld fortwährend auf mir lastete.
Frau Solneß. Eine Schuld mir gegenüber?
Solneß. Am meisten dir gegenüber.
Frau Solneß. Dann bist du dennoch — krank, Halvard.
Solneß (schwermütig). Das wird's wohl sein. Oder etwas ähnliches. (Er blickt nach der Thüre rechts, die sich öffnet.) Da! Jetzt wird's wieder hell.
Hilde Wangel (kommt herein; sie hat an ihrem Anzug einzelnes geändert; das Kleid ist herabgelassen).