Dritter Aufzug.
Dasselbe Zimmer.
Alle Thüren geöffnet. Die Lampe steht noch brennend auf dem Tische. Draußen Dunkelheit; nur links im Hintergrund ein schwacher Lichtschimmer.
(Frau Alving mit einem großen Tuche über dem Kopf, steht oben im Blumenzimmer und blickt hinaus. Regine, die ebenfalls in ein Tuch gehüllt ist, steht hinter ihr.)
Frau Alving. Alles abgebrannt! Bis auf den Grund!
Regine. Es brennt noch in den Kellern.
Frau Alving. Daß Oswald nicht herauf kommt! Es giebt ja nichts mehr zu retten.
Regine. Soll ich ihm nicht seinen Hut hinunter tragen?
Frau Alving. Hat er nicht einmal seinen Hut aufgesetzt?
Regine (zeigt ins Vorzimmer hinaus). Nein, dort hängt er.
Frau Alving. So laß ihn hängen. Jetzt muß er doch herauf kommen. Ich will selbst nachsehen. (Ab durch die Gartenthür.)
Pastor Manders (kommt durch das Vorzimmer). Ist Frau Alving nicht hier?
Regine. Sie ist soeben in den Garten hinunter gegangen.
Pastor Manders. Dies ist die schrecklichste Nacht meines Lebens!
Regine. Ja, ist es nicht ein grausames Unglück, Herr Pastor?
Pastor Manders. Ach, sprechen Sie nicht davon! Ich darf gar nicht darüber nachdenken.
Regine. Aber wie kann es nur zugegangen sein —?
Pastor Manders. Fragen Sie mich nicht, Jungfer Engstrand! Wie kann ich das wissen? Wollen Sie vielleicht auch —? Ist es nicht genug, daß Ihr Vater —?
Regine. Was ist mit ihm?
Pastor Manders. Ach, er hat mich ganz verwirrt im Kopf gemacht.
Engstrand (tritt durch das Vorzimmer ein). Herr Pastor —!
Pastor Manders (wendet sich erschreckt um). Kommen Sie mir auch hierher nach?!
Engstrand. Ja, Gott soll mich strafen —! O, du guter Heiland! Aber dies ist eine garstige Geschichte, Herr Pastor!
Pastor Manders (geht auf und ab). Leider! Leider!
Regine. Was giebt es denn?
Engstrand. Ja, siehst du, das kam von dieser Andacht. (Leise.) Jetzt haben wir den Vogel endlich, mein Kind! (Laut.) Und daß ich Schuld daran sein muß, daß Pastor Manders so etwas verschuldet!
Pastor Manders. Aber ich versichere Sie, Engstrand —
Engstrand. Niemand anders als Sie, Herr Pastor, hat da unten mit dem Licht hantirt.
Pastor Manders (steht still). Ja, das behaupten Sie. Aber ich kann mich durchaus nicht erinnern, ein Licht in der Hand gehabt zu haben.
Engstrand. Und ich habe so deutlich gesehen, Herr Pastor, daß Sie das Licht nahmen und es mit den Fingern putzten, und darauf die Schnuppe zwischen die Hobelspäne warfen.
Pastor Manders. Das haben Sie gesehen?
Engstrand. Ja, das habe ich deutlich gesehen.
Pastor Manders. Das kann ich unmöglich glauben. Es ist doch sonst nicht meine Gewohnheit, das Licht mit den Fingern zu putzen.
Engstrand. Ja, es sah auch sehr ungeschickt aus; wirklich. Aber kann es denn gefährlich werden, Herr Pastor?
Pastor Manders (geht unruhig auf und ab). Ach! Fragen Sie mich nicht!
Engstrand (geht neben ihm). Herr Pastor, assecurirt haben Sie es auch nicht?
Pastor Manders (immer gehend). Nein, nein, nein; das hören Sie ja.
Engstrand (immer neben ihm). Nicht assecurirt! Und dann hinzugehen und das Ganze anzuzünden! Jesus, Jesus, was für ein Unglück!!
Pastor Manders (trocknet sich den Schweiß von der Stirn). Ja, das können Sie wohl sagen, Engstrand.
Engstrand. Und daß dies noch obendrein mit einer Wohlthätigkeitsanstalt geschehen mußte, die für Stadt und Land vom Nutzen sein sollte, wie die Leute sagen. Die Zeitungen werden nicht sauber mit dem Herrn Pastor umgehen; das kann ich mir vorstellen.
Pastor Manders. Das ist's ja grade, worüber ich nachdenke. Das ist das Schlimmste bei der ganzen Sache. All diese gehässigen Angriffe und Beschuldigungen —! Ach, es ist fürchterlich, nur daran zu denken!
Frau Alving (kommt aus dem Garten). Er ist nicht zu bewegen, von den Löscharbeiten fort zu gehen.
Pastor Manders. Ach, sind Sie da, Frau Alving!
Frau Alving. Nun sind Sie Ihrer Festrede doch überhoben worden, Pastor Manders!
Pastor Manders. Ach, ich würde ja mit Freuden —
Frau Alving (gedämpft). Es war am besten, daß es kam, wie es kam! Dieses Asyl wäre niemand zum Segen geworden.
Pastor Manders. Glauben Sie das wirklich?
Frau Alving. Glauben Sie das nicht?
Pastor Manders. Es war aber trotzdem ein furchtbares Unglück.
Frau Alving. Wir wollen kurz und bündig darüber sprechen, wie über eine Geschäftssache. — Engstrand, warten Sie auf den Pastor?
Engstrand (an der Vorzimmerthür). Ja, das thue ich.
Frau Alving. Dann setzen Sie sich so lange.
Engstrand. Danke; ich kann auch stehen.
Frau Alving (zu Pastor Manders). Jetzt reisen Sie vermuthlich mit dem nächsten Dampfschiff?
Pastor Manders. Ja. In einer Stunde geht es ab.
Frau Alving. Sein Sie so gut, alle Papiere wieder mit zu nehmen. Ich will von der ganzen Sache kein einziges Wort mehr hören. Jetzt habe ich an andere Dinge zu denken — —
Pastor Manders. Frau Alving —
Frau Alving. Später werde ich Ihnen Vollmacht senden, alles nach Ihrem Gutdünken zu ordnen.
Pastor Manders. Das werde ich herzlich gern übernehmen. Die ursprüngliche Bestimmung des Legats muß jetzt leider gänzlich verändert werden.
Frau Alving. Das versteht sich.
Pastor Manders. Dann denke ich es vorläufig so zu ordnen, daß das Vorwerk Solvik der Landgemeinde zufällt. Die Felder und Wiesen sind ja durchaus nicht werthlos. Sie werden immer zu irgend einem Zweck ausgenutzt werden können. Und die Zinsen des contanten Rückstandes, der in der Sparkasse liegt, könnte ich vielleicht verwenden um ein oder das andere Unternehmen zu stützen, welches der Stadt von Nutzen ist.
Frau Alving. Wie Sie wollen! Das Ganze ist mir jetzt durchaus gleichgiltig.
Engstrand. Denken Sie an mein Seemanns-Heim, Herr Pastor!
Pastor Manders. Ja, zuverlässig, sobald es dazu kommt. Nun, das muß noch genau überlegt werden.
Engstrand. Zum Teufel mit dem Ueberlegen! Nein!
Pastor Manders (seufzend). Und ich weiß ja leider auch gar nicht, wie lange ich noch etwas mit diesen Dingen zu thun haben werde; ob die öffentliche Meinung mich nicht zwingen wird, abzutreten. Das hängt ja alles von dem Resultat der Branduntersuchung ab.
Frau Alving. Was sagen Sie?
Pastor Manders. Und das Resultat läßt sich im voraus gar nicht berechnen.
Engstrand (näher tretend). O gewiß läßt es sich berechnen. Denn hier stehen Jacob Engstrand und ich!
Pastor Manders. Ja, ja, aber —?
Engstrand (leiser). Und Jacob Engstrand ist nicht der Mann, der einen würdigen Wohlthäter in der Stunde der Noth verläßt, wie man so sagt.
Pastor Manders. Ja, mein Bester — aber wie?
Engstrand. Jacob Engstrand ist wie ein rettender Engel, Herr Pastor!
Pastor Manders. Nein, nein, das kann ich wahrlich nicht annehmen.
Engstrand. O, es wird aber trotzdem geschehen. Ich kenne einen, der schon einmal die Schuld anderer auf sich genommen hat.
Pastor Manders. Jacob! (Drückt seine Hand.) Sie sind ein seltener Mensch. Nun, Ihnen soll auch zu Ihrem Seemanns-Asyl verholfen werden; darauf können Sie sich verlassen.
Engstrand (vermag vor Rührung nicht zu danken).
Pastor Manders (hängt sich die Reisetasche um). Und jetzt von dannen. Wir beide reisen zusammen.
Engstrand (an der Speisezimmerthür leise zu Regine). Geh' mit mir, Mädchen! Du sollst wie eine Prinzessin leben.
Regine (wirft den Kopf zurück). Merci! (Geht in das Vorzimmer und holt die Reisekleider des Pastors.)
Pastor Manders. Leben Sie wohl, Frau Alving. Gott gebe, daß der Geist der Ordnung und der Gesetzlichkeit recht bald seinen Einzug in dieses Haus halte.
Frau Alving. Leben Sie wohl, Manders! (Sie geht ins Blumenzimmer, da sie Oswald durch die Gartenthür eintreten sieht.)
Engstrand (indem er und Regine dem Pastor mit dem Anziehen des Ueberrocks behilflich sind). Lebe wohl, mein Kind. Und wenn dir etwas zustoßen sollte, so weißt du, wo Jacob Engstrand zu finden ist. (Leise.) Kleine Hafengasse, hm —! (Zu Frau Alving und Oswald.) Und das Haus für die fahrenden Seeleute soll heißen »Kammerherr Alvings Asyl«. Und wenn ich das Haus nach meinem Kopf leiten darf, so kann ich versprechen, daß es des verstorbenen Kammerherrn würdig sein wird!
Pastor Manders (in der Thür). Hm — hm! Kommen Sie nur, mein lieber Engstrand. — Leben Sie wohl; leben Sie wohl! (Er und Engstrand durch das Vorzimmer ab.)
Oswald. Was war das für ein Haus, von dem er sprach?
Frau Alving. Es ist eine Art Asyl, das er und Pastor Manders gründen wollen.
Oswald. Es wird auch abbrennen, wie das Ganze hier.
Frau Alving. Wie kommst du auf den Gedanken?
Oswald. Alles wird verbrennen. Nichts bleibt übrig, das an Vater erinnert. Ich gehe ja auch umher und verbrenne.
Regine (sieht ihn erschreckt an).
Frau Alving. Oswald! Du hättest nicht so lange da unten bleiben sollen, mein armer Junge.
Oswald (setzt sich an den Tisch). Ich glaube beinahe, du hast Recht.
Frau Alving. Laß mich dein Gesicht abtrocknen, Oswald. Du bist ganz naß. (Trocknet ihn mit ihrem Taschentuch ab.)
Oswald (starrt gleichgiltig vor sich hin). Danke, Mutter.
Frau Alving. Bist du nicht müde, Oswald? Willst du schlafen?
Oswald (angstvoll). Nein, nein, — nicht schlafen! — Ich schlafe niemals! Ich stelle mich nur zuweilen schlafend. (Schleppend.) Es wird bald genug kommen.
Frau Alving (sieht ihn kummervoll an). Ja, du bist aber trotzdem krank, mein geliebter Junge.
Regine (gespannt). Ist Herr Alving krank?
Oswald (ungeduldig). Und dann schließt alle Thüren! O! diese tödtliche Angst —
Frau Alving. Schließ die Thüren, Regine.
(Regine thut es und bleibt an der Thür des Vorzimmers stehen. Frau Alving legt ihr Tuch ab, Regine ebenfalls.)
Frau Alving (rückt einen Stuhl an Oswalds Seite und setzt sich zu ihm). So, jetzt setze ich mich zu dir. —
Oswald. Ja, thu das. Und Regine soll auch hier bleiben. Regine muß immer um mich sein. Du wirst mir hilfreiche Hand leisten, nicht wahr, Regine?
Regine. Ich verstehe nicht —
Frau Alving. Hilfreiche Hand leisten?
Oswald. Ja — wenn es nöthig sein wird.
Frau Alving. Oswald, hast du nicht deine Mutter, die dir jeden Liebesdienst leistet?
Oswald. Du? — (Lächelt.) Nein Mutter, den Liebesdienst wirst du mir nicht erweisen. (Lächelt schwermüthig.) Du! Ha — ha! (Blickt sie ernst an.) Uebrigens wärst du ja die nächste dazu! (Heftig.) Weshalb nennst du mich nicht »Du«, Regine? Weshalb nennst du mich nicht Oswald?
Regine (leise). Ich glaube nicht, daß es der gnädigen Frau Recht wäre.
Frau Alving. Binnen kurzem gebe ich dir die Erlaubnis dazu. — Und jetzt setz dich her zu uns.
Regine (setzt sich langsam und leise an die andere Seite des Tisches).
Frau Alving. Und nun werde ich die schwere Bürde von deiner Seele nehmen, mein armer, gequälter Junge —
Oswald. Du, Mutter?
Frau Alving. — alles das, was du Gewissensbisse und Reue und Vorwürfe nennst —
Oswald. Glaubst du, daß du das kannst?
Frau Alving. Ja, jetzt kann ich es, Oswald. Du sprachst vorhin von der Lebensfreudigkeit; und da sah ich plötzlich mein ganzes Leben in einem neuen Licht.
Oswald (schüttelt den Kopf). Davon verstehe ich nichts.
Frau Alving. Du hättest deinen Vater kennen sollen, als er noch junger Lieutenant war. In ihm war Lebensfreudigkeit, — das kannst du glauben!
Oswald. Ja, das weiß ich.
Frau Alving. Es war wie Frühlingswetter, wenn man ihn nur ansah. Und dann diese unbändige Kraft, diese Lebhaftigkeit in ihm!
Oswald. Nun und —?
Frau Alving. Und nun mußte dies lebensfrohe Kind — denn damals war er nichts anderes als ein Kind — mußte es hier in einer halbgroßen Stadt umher gehen, die keine erhebende Freude, sondern nur Vergnügungen zu bieten vermag. Hier mußte er bleiben, ohne einen Lebenszweck zu haben; — er hatte nur ein Amt. Er sah nirgend eine Arbeit, der er sich mit all seinen Kräften hätte widmen können; — er hatte nur eine Beschäftigung. Er besaß keinen Kameraden, der im Stande gewesen wäre, mit ihm zu empfinden, was Lebensfreudigkeit ist; — er hatte nur Zechbrüder, er kannte nur Müßiggänger —
Oswald. Mutter!
Frau Alving. So kam es dann, wie es kommen mußte.
Oswald. Und wie mußte es kommen?
Frau Alving. Du selbst hast heute Abend schon gesagt, was aus dir werden würde, wenn du hier zu Hause bliebest.
Oswald. Willst du damit sagen, daß Vater —?
Frau Alving. Dein armer Vater hat niemals eine Ableitung für seine übergroße Lebensfreudigkeit gefunden. Auch ich brachte den Frühling nicht in sein Heim.
Oswald. Auch du nicht?
Frau Alving. Man hatte mich etwas gelehrt von Pflichten und dergleichen, an die ich bis dahin geglaubt hatte. Alles mündete nur in Pflichten aus, — — in meine Pflichten und seine Pflichten und — — Oswald, ich fürchte, ich habe deinem armen Vater das Heim unerträglich gemacht.
Oswald. Weshalb hast du mir darüber nie etwas geschrieben?
Frau Alving. Es erschien mir ja bis jetzt niemals in einem solchen Lichte, daß ich es dir, seinem Sohne gegenüber hätte berühren können.
Oswald. Nun — und wie sahst du es denn bis dahin an?
Frau Alving (langsam). Ich sah nur das eine, daß dein Vater ein gebrochener Mann war ehe du geboren wurdest.
Oswald (gedämpft). Ah —! (Er erhebt sich und geht ans Fenster.)
Frau Alving. Und dann dachte ich Tag aus, Tag ein nur an die eine Sache, daß Regine hier eigentlich eben so gut ins Haus gehöre — wie — mein eigenes Kind!
Oswald (wendet sich schnell). Regine —!
Regine (springt auf und fragt mit gedämpfter Stimme). Ich —!
Frau Alving. Ja — nun wißt ihr es beide.
Oswald. Regine!
Regine (vor sich hin). Mutter war also auch eine solche —
Frau Alving. Deine Mutter hatte viele gute Seiten, Regine.
Regine. Ja, aber trotzdem war sie — — — Zuweilen habe ich mir das wohl gedacht; — aber — — — Gnädige Frau, erlauben Sie, daß ich auf der Stelle reise?
Frau Alving. Willst du fort, Regine?
Regine. Ja, gewiß will ich das.
Frau Alving. Du hast natürlich deinen Willen, aber —
Oswald (geht zu Regine). Jetzt willst du reisen? Du gehörst ja hierher.
Regine. Merci, Herr Alving; — nun, jetzt werde ich wohl Oswald sagen dürfen. Aber so hatte ich es nicht gemeint.
Frau Alving. Regine, ich bin nicht offen gegen dich gewesen --
Regine. Nein, leider nicht! Hätte ich gewußt, daß Oswald kränklich sei, so —. Und da es jetzt auch nicht Ernst mit uns beiden werden kann —. Nein, ich kann nicht hier draußen auf dem Lande bleiben und mich für kranke Leute abmühen.
Oswald. Nicht einmal für einen, der dir so nahe steht?
Regine. Nein, ich kann es wahrhaftig nicht. Ein armes Mädchen muß seine Jugend ausnützen; sonst kann man ehe man sich's versieht auf dem Strohsack liegen. Und ich habe auch Lebensfreudigkeit in mir, gnädige Frau!
Frau Alving. Ja, leider; aber wirf dich nicht fort, Regine.
Regine. Nun, wenn's geschieht, so hat es wohl geschehen müssen. Artet Oswald seinem Vater nach, so arte ich vermuthlich meiner Mutter nach. — Darf ich fragen, Frau Alving, ob Pastor Manders diese Angelegenheit kennt?
Frau Alving. Pastor Manders weiß alles.
Regine (ist emsig mit ihrem Tuche beschäftigt). Ja, dann muß ich sehen, so schnell wie möglich mit dem Dampfschiff fort zu kommen. Ich möchte gern mit dem Pastor zusammen reisen. Und dann scheint es mir auch, daß ich eben so viel Recht an jenes Geld habe wie er, — der elende Tischler.
Frau Alving. Das Geld soll dir gegönnt sein, Regine.
Regine (sieht sie starr an). Frau Alving, Sie hätten mich wohl wie das Kind eines vornehmen Mannes erziehen lassen können; das hätte besser für mich gepaßt. (Wirft den Kopf zurück.) — Aber nun ist's geschehen! Es ist schließlich auch gleichgiltig! (Mit einem gehässigen Seitenblick auf die Champagnerflasche.) Ich kann vielleicht doch noch einmal Champagner mit vornehmen Leuten trinken!
Frau Alving. Und wenn du dich nach einem Heim sehnst, Regine, so komm zu mir.
Regine. Nein, ich danke Ihnen, Frau Alving. Pastor Manders wird sich meiner wohl annehmen. Und wenn es mir sehr schlecht gehen sollte, so weiß ich ja immer noch ein Haus, wo ich hin gehöre.
Frau Alving. Und das wäre?
Regine. Kammerherr Alvings Asyl.
Frau Alving. Regine, — jetzt sehe ich es klar, — du wirst zu Grunde gehen!
Regine. Ah, bah! — Adieu. (Sie grüßt und geht durch das Vorzimmer ab.)
Oswald (steht am Fenster und blickt hinaus). Ist sie gegangen?
Frau Alving. Ja.
Oswald (murmelt vor sich hin). Ich glaube, dies hier war verkehrt.
Frau Alving (geht zu ihm und legt die Hände auf seine Schultern). Oswald, mein lieber Sohn, — hat es dich sehr ergriffen?
Oswald (wendet ihr das Gesicht zu). Diese Dinge über Vater, meinst du?
Frau Alving. Ja, über deinen unglücklichen Vater. Ich fürchte jetzt, daß es dich zu sehr erschüttert hat.
Oswald. Was fällt dir ein? Es kam mir natürlich höchst überraschend; aber im Grunde kann es mir ja ganz gleichgiltig sein.
Frau Alving (zieht ihre Hände zurück). Gleichgiltig! — Daß dein Vater so grenzenlos unglücklich war!?
Oswald. Natürlich hege ich Theilnahme für ihn wie für jeden andern, aber —
Frau Alving. Nichts anderes? — Für deinen eigenen Vater!
Oswald (ungeduldig). Ja, Vater — Vater — Vater! Ich habe meinen Vater ja niemals gekannt. Ich habe keine andere Erinnerung an ihn, als daß er mir einmal Uebelkeit verursacht hat.
Frau Alving. Es ist entsetzlich, das zu denken! Sollte ein Kind nicht trotzdem Liebe für seinen Vater hegen?
Oswald. Wenn ein Kind seinem Vater für nichts zu danken hat? Wenn es ihn gar nicht gekannt hat? Hältst du wirklich noch an dem alten Aberglauben fest, du, die du doch sonst so aufgeklärt bist?
Frau Alving. Und das sollte nur Aberglaube sein —!
Oswald. Ja, das mußt du doch einsehen, Mutter. Dies ist auch eine von jenen Ansichten, die in der Welt in Umlauf gesetzt werden und dann —
Frau Alving (erschüttert). Gespenster!
Oswald (geht durch das Zimmer). Ja, du kannst sie wahrlich Gespenster nennen!
Frau Alving (aufschreiend). Oswald, — dann liebst du mich auch nicht!
Oswald. Dich kenne ich ja doch —
Frau Alving. Ja, du kennst mich — aber das ist auch alles!
Oswald. Und dann weiß ich ja, wie lieb du mich hast; dafür muß ich dir dankbar sein. Du kannst mir auch so unendlich nützlich sein, jetzt, wo ich krank bin.
Frau Alving. Ja, nicht wahr, Oswald? Das kann ich. Ach, ich könnte diese Krankheit beinahe segnen, die dich zu mir nach Hause getrieben hat. Denn ich sehe es wohl ein; ich habe dich nicht, ich muß dich erst gewinnen.
Oswald (ungeduldig). Ja, ja, ja; dies sind lauter Redensarten. Du darfst nicht vergessen, Mutter, daß ich ein kranker Mensch bin. Ich kann mich nicht so viel mit andern beschäftigen; ich habe genug mit mir selbst zu thun.
Frau Alving (leise). Ich werde genügsam und geduldig sein.
Oswald. Und froh und lustig, Mutter!
Frau Alving. Ja, mein lieber Junge, du hast Recht. (Geht zu ihm.) — Habe ich jetzt allen Kummer und alle Gewissensbisse von dir genommen?
Oswald. Ja, das hast du. — Aber wer wird die Angst von mir nehmen?
Frau Alving. Die Angst?
Oswald (auf und ab gehend). Regine würde es für ein gutes Wort gethan haben.
Frau Alving. Ich verstehe dich nicht. Was ist's mit der Angst — und mit Regine?
Oswald. Ist es spät in der Nacht, Mutter?
Frau Alving. Es ist schon früh am Morgen. (Sieht in das Blumenzimmer hinein.) Der Tag beginnt schon die Bergspitzen zu erhellen. Und heute wird es ein klarer Tag, Oswald! — Bald wirst du die Sonne sehen.
Oswald. Darauf freue ich mich. — Ach, es giebt ja doch noch so viel, wofür ich leben, worauf ich mich freuen kann —
Frau Alving. Das sollte ich auch glauben!
Oswald. Wenn ich auch nicht arbeiten kann, so —
Frau Alving. O, jetzt wirst du bald wieder arbeiten können, mein lieber Sohn. Nun hast du ja nicht mehr all diese nagenden, drückenden Gedanken, die dich quälen.
Oswald. Nein, es ist gut, daß du mir all diese Einbildungen genommen hast. Und wenn ich jetzt nur noch über dies eine fort kommen kann — — (Setzt sich aufs Sopha.) Jetzt wollen wir mit einander plaudern, Mutter —
Frau Alving. Ja, laß uns das thun. (Sie schiebt einen Lehnstuhl zum Sopha und setzt sich dicht neben Oswald.)
Oswald. — und inzwischen wird die Sonne aufgehen. Und dann weißt du es. Und ich habe nicht mehr diese fürchterliche Angst.
Frau Alving. Was soll ich wissen?
Oswald (ohne auf sie zu hören). Mutter, hast du heute Abend nicht gesagt, daß es gar nichts auf der Welt gäbe, was du nicht für mich thun würdest, wenn ich dich darum bäte?
Frau Alving. Ja, das habe ich allerdings gesagt!
Oswald. Und du bleibst dabei, Mutter?
Frau Alving. Darauf kannst du bauen, mein einziger, lieber Sohn. Ich lebe ja nur für dich allein.
Oswald. Ja, ja, nun sollst du hören. — Du, Mutter, du hast eine starke, kraftvolle Seele, das weiß ich. — Du mußt ganz ruhig bleiben, wenn du es erfährst.
Frau Alving. Aber ist es denn etwas so Entsetzliches —!
Oswald. Du darfst nicht aufschreien. Hörst du? Versprichst du mir das? Wir werden ganz still sitzen und darüber sprechen. Versprichst du mir das, Mutter?
Frau Alving. Ja, ja, ich verspreche es dir; aber sprich nur!
Oswald. Nun, du mußt also wissen, daß das mit der Müdigkeit, — und daß ich an keine Arbeit denken darf — daß alles dies nicht die eigentliche Krankheit ist —
Frau Alving. Was ist denn die eigentliche Krankheit?
Oswald. Die Krankheit, welche ich als Erbtheil bekommen, die — (zeigt auf die Stirn und fügt ganz leise hinzu) — die sitzt hier.
Frau Alving (beinahe sprachlos). Oswald! — Nein — nein!
Oswald. Nicht aufschreien! Ich kann es nicht ertragen. Ja, Mutter, sie sitzt hier drinnen und lauert. Und sie kann zu jeder Zeit, zu jeder Stunde hervorbrechen.
Frau Alving. O, welches Entsetzen —! —
Oswald. Sei nur ruhig. — So steht es mit mir —
Frau Alving (springt auf). Es ist nicht wahr, Oswald! Es ist unmöglich! Es kann nicht sein!
Oswald. Dort unten habe ich einen Anfall gehabt. Er ging schnell vorüber. Als ich aber erfuhr, was mit mir vorgegangen, da kam die rasende, jagende Angst über mich — und ich reiste so schnell wie möglich zu dir nach Hause.
Frau Alving. Das ist also die Angst —!
Oswald. Ja, denn siehst du, dies ist so unbeschreiblich grauenhaft. O, wäre es nur eine gewöhnliche Todeskrankheit gewesen —! Denn ich fürchte mich ja nicht vor dem Tode, obgleich ich gern so lang wie möglich leben möchte.
Frau Alving. Ja, ja, Oswald, das mußt du auch!
Oswald. Aber dies! Dies ist so grauenhaft abscheulich. Wieder zum kleinen Kinde zu werden; gefüttert werden müssen — O! — es ist nicht zu beschreiben!
Frau Alving. Das Kind hat seine Mutter, die es pflegt.
Oswald (springt auf). Nein, niemals; das ist es grade, was ich nicht will! Ich ertrage den Gedanken nicht, daß ich vielleicht viele Jahre so daliegen könnte, — alt und grau werden. Und du könntest vielleicht noch vor mir sterben. (Setzt sich auf Frau Alvings Stuhl.) — Denn es braucht ja nicht gleich tödtlich zu enden, sagt der Arzt. Er nannte es eine Art Weichheit im Gehirn — — oder etwas Aehnliches. (Lächelt müde.) Die Bezeichnung klingt so hübsch, nicht wahr? Ich muß immer an kirschrothe Draperien denken, — an etwas, das zart und weich zu streicheln ist.
Frau Alving (schreit auf). Oswald! Oswald!
Oswald (springt wieder auf und geht im Zimmer hin und her). Und nun hast du Regine von mir genommen! Wenn ich sie nur gehabt hätte. Sie würde mir jene Handreichung schon geleistet haben!
Frau Alving (geht zu ihm). Was meinst du damit, mein geliebtes Kind? Giebt es irgend einen Liebesdienst auf der Welt, den ich dir nicht leisten würde?
Oswald. Als ich mich dort unten nach jenem Anfall erholt hatte, so sagte der Arzt mir, daß wenn es wieder käme, — und es kommt wieder — — so sei keine Hoffnung mehr.
Frau Alving. Und er war herzlos genug, dir das —
Oswald. Ich verlangte es von ihm. Ich sagte ihm, daß ich Verfügungen zu treffen hätte — (Lächelt listig.) — Und das hatte ich auch. (Zieht aus der inneren Brusttasche eine kleine Schachtel hervor.) Mutter, siehst du dies hier?
Frau Alving. Was ist das?
Oswald. Morphiumpulver.
Frau Alving (sieht ihn entsetzt an). Oswald, mein Liebling —?
Oswald. Ich habe zwölf Kapseln zusammen gespart —
Frau Alving (greift nach der Schachtel). Gieb mir die Schachtel, Oswald!
Oswald. Noch nicht, Mutter. (Steckt die Schachtel wieder in die Tasche.)
Frau Alving. Dies überlebe ich nicht!
Oswald. Es muß überlebt werden. Wenn ich Regine jetzt hier gehabt hätte, so würde ich ihr gesagt haben, wie es mit mir steht — und ich würde sie um diese letzte Handreichung gebeten haben. Sie würde mir geholfen haben; dessen bin ich gewiß.
Frau Alving. Niemals!
Oswald. Wenn das Entsetzliche über mich gekommen wäre, und sie hätte mich hilflos da liegen sehen wie ein kleines Kind, unrettbar, verloren, hoffnungslos — keine Rettung möglich —
Frau Alving. Nie und nimmer würde Regine das gethan haben!
Oswald. Regine würde es gethan haben. Regine war so wunderbar leichtsinnig. Und sie wäre auch bald müde geworden, einen Kranken wie mich zu pflegen.
Frau Alving. Dann sei Gott Lob und Dank, daß Regine nicht mehr hier ist!
Oswald. Ja, Mutter, nun mußt du mir jenen Dienst leisten!
Frau Alving (schreit laut auf). Ich!
Oswald. Wer steht mir denn näher als du?
Frau Alving. Ich! Deine Mutter!
Oswald. Grade deshalb!
Frau Alving. Ich, die dir das Leben gegeben!
Oswald. Ich habe dich nicht um das Leben gebeten. Und welch ein Leben hast du mir gegeben? Ich will es nicht! Du kannst es zurück nehmen!
Frau Alving. Hilfe! Hilfe! (Läuft ins Vorzimmer.)
Oswald (ihr nach). Geh' nicht von mir! Wohin willst du?
Frau Alving (im Vorzimmer). Einen Arzt holen, Oswald! Laß mich hinaus!
Oswald (ebenfalls im Vorzimmer). Du kommst nicht hinaus. Und niemand kommt herein. (Dreht den Schlüssel um.)
Frau Alving (kommt wieder herein). Oswald! Oswald! — mein Kind!
Oswald (folgt ihr). Hast du das Herz einer Mutter für mich — du, die mich so namenlose Angst erdulden sieht!
Frau Alving (nach einem Augenblick, sich beherrschend). Hier hast du meine Hand darauf.
Oswald. Du willst —?
Frau Alving. Wenn es nothwendig ist. Aber es wird nicht nothwendig sein. Nein, nein, es ist ja nicht möglich!
Oswald. Laß uns hoffen, Mutter. Und laß uns zusammen leben, so lange wir können. — — Danke, Mutter! (Er setzt sich in den Lehnstuhl, welchen Frau Alving an das Sopha geschoben hat. Der Tag bricht an. Die Lampe brennt noch immer.)
Frau Alving (nähert sich ihm behutsam). Bist du jetzt ruhiger, mein Kind?
Oswald. Ja.
Frau Alving (über ihn gebeugt). Oswald, das ist eine entsetzliche Einbildung bei dir gewesen. Alles nur Einbildung! All diese Aufregungen sind zu viel für dich gewesen. Aber jetzt sollst du ausruhen. Daheim bei deiner Mutter, du mein gesegneter Junge. Du sollst alles haben, was du willst, grade so wie damals, als du noch ein kleines Kind warst. — Siehst du! Jetzt ist der Anfall vorüber. Und ganz leicht. Ach, ich wußte es ja. — Und siehst du, Oswald, den schönen Tag da draußen? Strahlender Sonnenschein. Jetzt kannst du die Heimat so recht sehen. (Sie geht an den Tisch und löscht die Lampe aus. Die Gletscher und Berggipfel im Hintergrunde liegen in strahlendem Sonnenschein da.)
Oswald (sitzt im Lehnstuhl mit dem Rücken gegen den Hintergrund, ohne sich zu rühren; plötzlich sagt er): Mutter, gieb mir die Sonne.
Frau Alving (am Tische, sieht ihn erschreckt an). Was sagst du?
Oswald (wiederholt dumpf und tonlos). Die Sonne. Die Sonne.
Frau Alving (zu ihm eilend). Oswald, wie ist dir?
Oswald (scheint im Stuhl zusammen zu schrumpfen; alle Muskeln erschlaffen; sein Gesicht wird ausdruckslos; die Augen werden blöde und stier).
Frau Alving (bebend vor Furcht). Was ist das! (Schreit laut.) Oswald! Was ist mit dir! (Wirft sich neben ihn auf die Kniee und schüttelt ihn.) Oswald! Oswald! Sieh mich an! Kennst du mich nicht?
Oswald (tonlos wie zuvor). Die Sonne. — Die Sonne.
Frau Alving (springt verzweifelt auf, fährt sich mit beiden Händen ins Haar und schreit): Dies ist unmöglich zu ertragen! (Flüstert wie erstarrt.) Wo hat er sie nur? (Fährt pfeilschnell über seine Brust.) Hier! (Weicht ein paar Schritte zurück und ruft:) Nein; — nein; — nein! — Doch! — Nein, nein! (Sie steht ein paar Schritte von ihm, den Kopf mit beiden Händen gepackt, und starrt ihn wie in sprachloser Furcht an.)
Oswald (unbeweglich wie zuvor, sagt): Die Sonne. — Die Sonne.
Ende.