10.

Zu Josip Smodlaka.

Mit Smodlaka ging's mir wie mit dem heiligen Biagio. Den trifft man überall, wo man immer in Ragusa geht. Über jedem Tor steht er, aus jeder Nische schaut er, jede Mauer trägt sein Bild. Immer scheint es ein anderer Heiliger zu sein: bald ein zierliches Männchen, zwischen korinthischen Säulchen, den Bart ganz lang und spitz, die Mütze ganz lang und spitz, den Finger der warnenden und drohenden Hand ganz lang und spitz, so blickt er von der Porta Pile aus dem gelben Stein in den grauen Zwinger, dem lieben Nikolo bei uns zu Haus gleich; bald wieder seltsam feierlich, kindlich stilisiert, ein Sarastro aus Lebzelt, wunderbar hager und steif gehalten, in der rechten Hand das Modell der Stadt, die linke mit einem schmalen Hirtenstab, so hält er im Hafen die Wacht; bald wieder, wie über dem Fenster der alten Dogana, in der anmutigsten venezianischen Nische, ein rechter Kinderschreck und böser Gnom mit einem Umhängbart und fetten kleinen Fäusten, einem ganz kurzen, plumpen, atemlosen Rumpf und den winzigsten zittrigsten Beinchen. Und immer ist's doch derselbe: der Heilige der Stadt, dem auch die schöne Barockkirche am Stradone gehört. Er hat die Stadt in seiner Hut, jeder vertraut sich ihm an; und so geschieht's, daß jeder sich nach der eigenen Not sein Bild von ihm macht. Wie von Smodlaka. Der steht jetzt auch überall in Dalmatien. Wovon man immer mit den Leuten zu reden beginnt, um ihre Sorgen, ihre Hoffnungen, ihre Wünsche zu hören, zuletzt wird plötzlich sein Name laut. Sie klagen, sie sind bettelarm, niemand will ihnen helfen. Sagt man ihnen, es sei doch in Wien mancher gute Wille für ihre Not bereit, so verschleiern sich die mandelförmigen samtenen Augen, argwöhnisch stockt das Gespräch, dunkel wird es. Aber plötzlich lacht dann einer und sagt: »Wir werden Wien nicht brauchen, nein, wir haben ja jetzt den Smodlaka!« Und gleich ist es hell. So viel Sonne bringt ihnen der bloße Name. Oder man spricht von alten Zeiten, unter den Venezianern, unter den Türken, als der Dalmatiner noch mitten im Sturm der Geschichte stand; und die gelben Wangen röten sich, die leisen dunklen weichen Stimmen springen auf, bis einer traurig sagt: Es war einmal! Und aller Glanz ist plötzlich erloschen, und aller Stolz wieder versunken, sie sitzen still, draußen wirft die Bora den weißen Schaum über die Riffe. Sie hören es und horchen. Und in das Zischen hinein, während der Sturm so mit seinen zornigen Schwingen schlägt, daß das eherne Tor des Himmels einzubrechen scheint, fragt einer dann: Und jetzt, und jetzt? Aber da sagt ein anderer, während die scheiternden Wasser heulen: Und jetzt, vergeßt nicht, haben wir doch den Smodlaka! Und es ist, als wäre plötzlich ein großes schweres altes Schwert gezückt, durch seinen bloßen Namen. Oder man fragt etwa, ungewiß, sich in allen diesen Zank von Serben und Kroaten, Alten und Jungen, Bedächtigen und Beweglichen zu finden, fragt nach Programmen, fragt nach der Herkunft und der Richtung der Parteien, da steht mitten im Gespräch plötzlich ein ungeduldiger junger Mensch mit dunklen Locken auf und schüttelt alles ab und sagt: Das ist alles Unsinn, das zählt nicht, das sind Masken, wir haben überhaupt erst seit vier oder fünf Jahren wieder ein politisches Leben, denn unser politisches Leben in Dalmatien besteht nämlich aus Smodlaka! Und so bekam ich's immer wieder zu hören, überall, von Intellektuellen und Bauern und Arbeitern, auf dem Land und in den Städten, von Nationalen und Demokraten und Sozialisten: Smodlaka, Smodlaka! Jeder ruft ihn an, in ihm glauben sich alle zu finden. Er hat jedes Vertrauen, ihm will jeder gehorchen. Er ist die allgemeine Landesfreude. Er ist der neue San Biagio der dalmatinischen Jugend.

Dieser neue Biagio ist Advokat in Spalato, Landtagsabgeordneter und fast Reichsratsabgeordneter. Wer nämlich jetzt eigentlich der Reichsratsabgeordnete von Spalato ist, weiß man seit der letzten Wahl nicht. Die Regierung behauptet, es sei Monsignore Franz Bulič gewählt worden. Monsignore Bulič ist ein unendlich feiner, unendlich liebenswürdiger und unendlich gelehrter alter Herr, der sein Leben damit verbringt, die versunkene Stadt Salona auszugraben. Er hat ein bißchen etwas von einem alten Landpfarrer, ein bißchen etwas von dem deutschen Philologen der »Fliegenden Blätter« und ein bißchen etwas von einem Visionär. Wenn man so neben ihm sitzt, zwischen geborstenen Kapitälen, zersprungenen Aphroditen und verwaschenen Inskriptionen, und er einem nun die Stadt des Diokletian erklärt, sieht man, daß er sie sieht, vor seinen Augen steht sie da, und er geht in ihr herum. Wenn er aber in der heutigen Stadt Spalato herumgeht, hat er diese Sicherheit nicht, und ich zweifle sehr, daß er sie sieht. Was auch vielleicht ein bißchen zuviel verlangt ist von einem und demselben Mann: mit eben denselben Augen zu sehen, was vor tausend Jahren war, und zugleich, was heute ist; es gehörte dazu eine nicht gemeine Fähigkeit der Akkommodation. Die letzte Wahl spielte sich nun so ab: Smodlaka war der Kandidat, der Bezirkshauptmann aber erklärte, Bulič sei der Kandidat, was Bulič, höchst erschreckt, eifrig bestritt. Die Wähler erklärten nach der Wahl, sie hätten Smodlaka gewählt. Der Bezirkshauptmann aber erklärte, sie hätten Bulič gewählt. In Wien hielt man sich an das, was der Bezirkshauptmann erklärte. In Wien glaubt man heute noch, Bulič sei der Abgeordnete von Spalato. Bulič selbst aber glaubt es nicht, ihm ist es nicht geheuer, er übt sein Mandat nicht aus, er weigert sich, er will nicht. Wohl auch weil ihm das versunkene Salona lieber ist, da kennt er sich aus, und dort gab es auch damals noch keinen Bezirkshauptmann. Die ganze Sache ist sehr österreichisch, man muß einen österreichischen Kopf haben, um sie zu verstehen; auch in Galizien gibt es das ja, und nun muß man wissen, daß, was Wahlen betrifft, dalmatinisch noch der Komparativ von galizisch ist.

Salona

Als ich nun nach Spalato kam, beschloß ich, Smodlaka aufzusuchen. Ich wollte den Mann sehen, an den sein ganzes Volk glaubt. Solche Männer haben wir heute nicht. Wir in Wien, wir in Berlin. Vielleicht gehört es zur »Kultur«, solche Männer des Vertrauens nicht zu haben. Also ging ich aus, sein Haus zu suchen. Wie man in polnischen Städten, wohin man auch gehe, zunächst immer auf den »Ring« kommt, einen Platz, auf dem die Bewohner der Stadt ihr Leben zubringen, so ist es hier der Gospodski Trg, die Piazza dei Signori, zu der jeder Weg führt. Hier ist der Orient, alle Farben sind hier, das Leuchten der ausgebotenen Orangen verblaßt am Feuer dieser Trachten. Wunderschöne alte Leute mit ganz stillen, ganz großen Gebärden. Sie lehnen den weißen Kopf an die Mauer und ruhen aus. Sie ruhen immer aus. Manchmal schreit einer plötzlich etwas, ein anderer springt auf, sie fahren sich an, jetzt sind zehn, jetzt schon zwanzig beisammen, im Rudel so dicht beisammen, daß es ein einziger ungeheurer Rumpf mit unzähligen Köpfen und Armen scheint, sie schreien, sie stoßen, sie drängen und doch bleibt mitten im Lärm die große Ruhe da. Aus dem Gedränge ragt ein starker Arm, der einen Tschibuk hält, mitten im Gedränge. Und wie einen schweren dichten Mantel haben sie noch immer ihre große Ruhe um. Und plötzlich ist es aus. Und plötzlich ist alles wieder still. Und die weißen Köpfe lehnen wieder an der Mauer, ausruhend. Ich gehe auf den mit dem Tschibuk los, um ihn nach Smodlaka zu fragen. Ich frage italienisch. Er versteht mich nicht. Ich zeige den Brief, den man mir für Smodlaka gegeben hat. Und ich wiederhole: Smodlaka, Smodlaka! Ein bildhübscher junger Mensch hört den Namen, tritt auf mich zu und spricht mich kroatisch an. Ich antworte italienisch, er wieder kroatisch. Ich verstehe, daß er italienisch versteht und es nur nicht sprechen will. Pantomimisch bietet er sich an, mich zu führen. Wir gehen. Ein zweiter Jüngling, auch dieser wunderhübsch und von einer merkwürdigen Wildheit, schließt sich an. Und gleich noch ein dritter, sehr groß, mit exzessiven Beinen. Und bald ist es ein ganzer Zug, ich mitten drin, langsam durch die Gassen stapfend, und die schlanken, hitzigen Burschen neben mir mit ihren federnden, drängenden Tritten. Der bloße Name Smodlaka hat mir eine ganze Garde von Jugend gebracht. Und seltsam kommt's mir vor, wie wir so schreiten, so gar nichts Slawisches an ihnen zu finden. Wie junge, frohe, deutsche Turner sind sie.

Smodlakas Zimmer ist ganz einfach. Ein großer Schreibtisch, zwei Sessel, sehr viel Bücher. Kroatische, russische italienische, englische, französische, deutsche Bücher. Viel Staatswissenschaft, Ökonomie, Statistik. Sehr viel Geographie, sehr viel Orient, sehr viel Kolonien. So mags bei Dernburg aussehen. Oder mein lieber Johannes V. Jensen könnte diese Bibliothek haben. Aber da kommt Smodlaka und ich frage, verwirrt, ungläubig, fast erschreckt: Herr Doktor Smodlaka? Er lacht und sagt ein paar freundliche Worte, schon sind wir mitten im Gespräch; er gehört zu den Menschen, die man nach zwei Minuten seit Jahren zu kennen glaubt. Und doch kann ichs noch immer gar nicht glauben, daß dies wirklich, dieser Wikinger, dieser Ibsen-Mensch hier vor mir, Smodlaka sein soll, der Heilige von Dalmatien! Und dann fällt mir ein, daß daran aber bloß Heinrich Mann schuld ist. Nämlich sein Pavic, in den »Göttinnen«, der morlakische Tribun, trifft das, was sich ein Deutscher unwillkürlich unter einem südslawischen Demokraten zu denken gewohnt ist, so sehr, daß man es nun dem Leben gar nicht glauben mag, es könnte doch auch anders sein. Jetzt weiß ich das erst und werde lachend gewahr, daß ich bei mir, ohne es selbst zu wissen, Smodlaka ja die ganze Zeit als Pavic gesehen! Mit wehendem Bart, mit flatternden Gebärden, mit schnaubender Stimme. So einen kleinen kroatischen Gambetta halt. Und nun sitzt eine Art Roosevelt vor mir, ein Luftmensch, ein Ingenieur, stark bäuerisch im Denken, einer, der keine Worte macht, sondern Hand anlegt, kein Phantast, ein Rechner, einer, der sich nicht an Phrasen, sondern an das Bedürfnis hält, einer, der auf kein Programm, sondern auf die Not hört, ein Wegmacher, der vor dem eigenen Hause beginnt, einer, der ausholzen und Luft haben und Licht machen will. Und ich reibe mir die Augen und frage plötzlich: Ja, bin ich denn in Schweden? Da sieht er auf und lacht. Es ist das kurze helle Lachen eines tätigen Germanen. Und dann sagt er: »Der Vergleich wäre gar nicht übel. Wir sind mehr Schweden, als man weiß. Wir sind Bauern. Spalato ist eine von Bauern bewohnte Stadt. Und ganz Dalmatien ist bäuerisch. Aber die Kraft dieser Bauern liegt gebunden. Und wenn Sie mich schon um mein »Programm« fragen: diese gebundene Kraft wollen wir entbinden, damit der Bauer werde, was er sein kann. Das ist unser Hochverrat. Wir haben neunzig Prozent Analphabeten, und wenn wir Schulen verlangen, nennt man es Hochverrat. Wenn wir Wanderlehrer zu den Bauern schicken, weil diese gern lesen und schreiben lernen möchten, kommt der Gendarm über uns, und es ist Hochverrat. Wenn wir Sparkassen gründen, ist es Hochverrat. Wenn wir gegen die Kolonenwirtschaft sind, die jeden modernen Betrieb unmöglich macht, ist es Hochverrat. Wenn unsere jungen Dalmatiner nach Amerika gehen, dort arbeiten und ein höheres Leben kennen lernen, das sie dann mit nach Hause bringen wollen, ist es Hochverrat. Diesen Hochverrat werden wir so lange fortsetzen, bis wir ihn durchgesetzt haben werden. Wir haben keinen besonderen Wunsch, dabei Gewalt anzuwenden. Sollte man dies aber durchaus wünschen, so ist es Bauernart, auch damit dienen zu können.« Und er wiederholt nachdenklich: »Schweden wäre wirklich gar nicht schlecht. Noch lieber aber Norwegen. Das ist es ungefähr, dahin will unsere Zukunft. Nach einer solchen langsamen, bäuerlich behutsamen und bäuerisch beharrlichen, bedächtig zuschreitenden Entwickelung, von unseren Bedürfnissen aus, unseren Möglichkeiten gemäß, verlangen wir. Diese Möglichkeiten möchten wir zu Wirklichkeiten machen. Auf unsere Art wollen wir unser Land bestellen. Das hält man in Wien für gefährlich. Uns aber verhungern zu lassen, wird vielleicht noch gefährlicher sein. Jedenfalls zeigen wir dazu keine Lust. Und das findet man unpatriotisch.«

Und er schildert mir dann das Land und das Volk von den alten Zeiten her. Ich sage, welchen seltsam wehmütigen Zauber es für mich hat. »Ästhetisch,« sage ich, »bin ich in den dumpfen Gehorsam und die fast tierische Treue, die es im Blute hat, ganz verliebt. Politisch freilich –?«

»Nun ja«, sagt er, in seiner stillen Art. »Aber vergessen Sie nicht, daß wir die Regierung haben, das ist unser großes Glück, die wird uns den Gehorsam schon noch austreiben.«


Von Smodlaka zu Bulič. Es ist gar nicht weit. Ein paar Schritte und man ist aus dem zwanzigsten Jahrhundert in das vierte getreten.

Ein großer alter Bauer, mit der langsamen Feierlichkeit eines Landgeistlichen und den weltblinden Augen eines Visionärs. Baumeister als Attinghausen hat diesen Blick eines Entrückten, der schon drüben ist. Ein dalmatinischer Abbé Constantin mit einem Zug ins Heroische der großen Träumer. Ein freundlicher alter Herr, den die Gicht plagt, aber wenn er dann von seiner Stadt Salona beginnt, wird er fanatisch jung. Und man spürt, daß es ein Besessener ist. Diokletian und Salona, das ist seine Welt; der Rest macht ihn ängstlich und verwirrt.

Aber auf unsere Regierung ist er noch viel schlechter zu sprechen als Smodlaka. Sie versteht nämlich auch vom Palast des Diokletian nichts. Er erzählt mir, wie er, vor Jahren schon, als er eben zum Konservator ernannt worden war, sich feierlich ins Amt begab, um dort den Palast des Diokletian als Staatseigentum anzumelden, wodurch er ihn vor barbarischen Eingriffen zu sichern glaubte. Statt nun aber dafür, wie er fest erwartete, belobt zu werden, was denken Sie, was geschah? Er steht auf und faßt mich an, er kann es noch heute nicht glauben. Was denken Sie? Das errät niemand! Was denken Sie, was geschah? Ich hätte einen Orden verdient, aber ich bekam eine Nase. Eine Nase! Und er reibt sich seine, als ob es jene wäre. Statt mir zu danken, daß ich das einzige Mittel fand, den Palast zu schützen! Aber im Finanzministerium meinte man, daß es Geld kosten könnte. Und davon wollen sie nichts wissen in Wien. Wenn ich nach Wien komme, heißt's immer: Sehr schön, sehr gut, aber wir haben kein Geld! Und wieder springt der alte Herr auf, nimmt mich an den Schultern und wiederholt, mit seiner schweren zornigen Stimme, ratlos: Kein Geld, für den Palast des Diokletian kein Geld! Und wenn ich nach Wien komme, wollen sie mich schon gar nicht mehr anhören, der Sektionschef läßt sich verleugnen und entschuldigt sich mit Geschäften, die wichtiger sind. Wichtiger als der Palast des Diokletian! Und er tippt mit seinem knöchernen Finger auf meine Schulter und sieht mich aus seinen versunkenen Augen an und wiederholt das Unbegreifliche: Wichtiger als der Palast des Diokletian!

Ich muß lachen, weil ich mir denken kann, wie seltsam, ja fast unheimlich denen in Wien der alte Schwärmer vorkommen mag. Und das Gesicht des jungen Referenten im Ministerium, als damals ein so gar nicht erwünschtes Staatseigentum »angemeldet« wurde! Und den Schrecken, den sein juristisches Gemüt bekam! Die »Nase« war ja sicherlich rechtmäßig fundiert. Denn es kommt in einem Rechtsstaat nicht darauf an, Recht zu haben, sondern die rechte Form zu finden. Einen aber, der das Rechte will, auf den rechten Weg zu bringen, ist nicht Sache des Referenten. Auch muß es denen in Wien unbegreiflich sein, wie man sich um etwas kümmern kann, das einen schließlich ja gar nichts angeht. Dem braven Bulič aber, wie Gott ihn nun einmal geschaffen hat, muß es wieder unbegreiflich sein, daß ihnen das unbegreiflich ist. So geht es in der Welt, und einer hält dann den anderen für schlecht und dumm.

Nun schildert er mir die Leiden seiner Ausgrabungen. Der Taglohn steigt, der Betrag, den man ihm in Wien ausgesetzt hat, bleibt lächerlich klein, so stockt das Werk. Und was gefunden wird, kann er nicht unterbringen. Der enge Raum des Zimmers, das einstweilen als Museum dient, ist längst überfüllt. Seitdem liegt alles in Kisten verpackt, die in Kellern warten. Er kann nicht wissenschaftlich arbeiten, weil er nichts mehr aufstellen, nichts mehr ordnen kann. Und die Miete der Keller, in denen die Kisten liegen, verringert noch den Betrag, mit dem er für sein Werk auskommen soll. Endlich ein wirkliches Museum zu bauen ist unabweislich. Dann kann endlich erst alles ausgepackt und aufgestellt werden, dann erst wird er arbeiten können, dann erst ist es möglich, junge Gelehrte herzuziehen, die ihm helfen, dann wird man die Wunder von Salona sehen, dann werden die Fremden kommen! Ein Architekt hat ihm den Plan dieses Museums entworfen. Damit ist er dann wieder einmal nach Wien gereist und hat die in Wien so bedrängt, daß sie schließlich, um ihn nur wieder los zu werden, sich nicht anders zu helfen wußten, als durch die Zusage, die Baukosten zu bewilligen, unter der Bedingung jedoch, daß die Stadt Spalato dafür aus Eigenem den Bauplatz beizustellen hätte. Sie dachten wohl, er könnte dies von der Gemeinde niemals erreichen und sie stünden dann noch als die verkannten Wohltäter da, ohne Kosten, und hätten Ruhe. Und wirklich wollte die Gemeinde zuerst nicht. Bulič aber, der selbst im Rat der Stadt sitzt, bedrohte sie so, daß endlich keiner mehr zu widersprechen wagte. Nur versuchten sie noch, sich auszureden, indem sie behaupteten, es werde ja doch nichts nützen, denn die Regierung werde nicht halten, was sie versprochen, weil sie noch nie gehalten hat, was sie versprochen hat. Aber da sprang Franz Bulič auf, und indem er drohend seine schwere Hand gegen die Zweifler hob, sprach er: »Ich habe das Wort der Regierung und so kann ich, Franz Bulič, den Ihr kennt als einen wahrhaft gesinnten Mann, der nie gelogen hat, ich kann euch schwören, daß, wenn ihr den Grund gebt, die Regierung das Geld geben wird, und wer ist unter euch, der an meinem Eide zweifelt?«

Mitten im Zimmer steht er, erzählend, mit erhobener Hand, wie wirklich vor der ganzen Gemeinde. Dann besinnen sich seine fernen Augen, kommen langsam zurück, und indem er sich wieder zu mir setzt, sagt er: So sprach ich ins Gewissen der versammelten Gemeinde, da gaben sie den Grund, aber die Regierung gab das Geld nicht, jetzt lachen sie mich aus, und ich muß mich schämen!

Clissa

Natürlich ist man in Wien empört, daß die Regierung verdächtigt wird, nicht zu halten, was sie versprochen hat. Das ist auch eine Verleumdung, denn die Regierung sagt keineswegs, daß sie das Geld nicht geben wird. Sie wird es schon geben, sie läßt sich nur Zeit. In dieser Zeit aber (fünf Jahre mag es her sein) ist es geschehen, daß inzwischen in der Stadt der Arbeitslohn um etwa vierzig Prozent gestiegen ist. Wenn nun also, nachdem die Gemeinde den Grund gegeben hat, die Regierung, wie sie versprochen hat, schließlich doch einmal das Geld geben wird, das der Architekt damals gefordert hat, so wird man nun erst wieder nicht bauen können, denn das Geld reicht jetzt nicht mehr, und mehr als sie versprochen hat, wird die Regierung nicht geben, und sie kann dann noch sagen, daß man eben wieder einmal sieht, wie mit diesen Dalmatinern nichts zu machen ist, und das ausgegrabene Salona bleibt weiter in Kisten verpackt, in Keller versenkt, und kein Forscher, kein Fremder kriegt es zu sehen, und kein Forscher, kein Fremder kommt mehr, und die in Wien haben Ruhe.


Mitternacht. In der Kabine, heimwärts zu fahren. Langsam stößt das mächtige Schiff aus dem Hafen, die Lichter der frohen Stadt erblassen. Und in mir ist eine wunderbare Sicherheit: Diese Menschen hier sind stark, sie werden stärker sein als alles!

Und dann fragt es noch in mir: Warum? Warum wollen wir dieses kräftige Volk voll Zukunft nicht für uns haben? Es ist bereit, warum stoßen wir es weg?

Ich hätte manchmal weinen mögen, über unsere Dummheit. Das schönste Land mit den treuesten Menschen trägt sich uns an und wir wollen es nicht. Warum, warum?

Aber dann denke ich, daß selbst die Dummheit vergebens gegen die Götter kämpft. Die Götter sind stärker, die Macht der Entwicklung siegt. In unserer ganzen Geschichte geht es ja doch immer so, daß wir dumm sind und doch zuletzt etwas Gescheites daraus wird. Wir sind dumm gewesen und haben Deutschland führen wollen. Da sind wir aus Deutschland geworfen worden und nun bleibt uns doch nichts übrig als auf den Balkan zu gehen. Wir sind wieder dumm, wir wehren uns, wir wollen nicht. Aber wir müssen. Wenn es um das Leben geht, hört der Mensch auf, dumm zu sein. Wir müssen auf den Balkan. Wir können aber nicht auf den Balkan, wenn wir unserer Südslawen nicht sicher sind. Bosnien und die Herzegowina zu nehmen kann nur den Sinn haben, daß Österreich seine Zukunft auf dem Balkan sucht. Dazu braucht es das Vertrauen der Slawen auf dem Balkan. Diese muß es sich zu Freunden machen. Kann es sich diese zu Freunden machen, wenn es der Feind ihrer Brüder, seiner eigenen Slawen, bleibt? Sollen uns die Slawen auf dem Balkan vertrauen, so kann es nur geschehen, wenn unsere Slawen in Dalmatien und Kroatien ihnen Lust dazu machen. So lange wir hier aber wie in Feindesland hausen, wird dies die drüben nicht verlocken, sich uns anzuschließen. Wir müssen auf den Balkan, aber wir können es erst, wenn Bosnien und die Herzegowina, Dalmatien, Kroatien und Slawonien beisammen und für Österreich bereit gemacht sind.

Die Geschichte wird sicher wieder gescheiter sein als wir, mir ist gar nicht bange. Still atmet die Nacht zu den Luken herein und wiegt mich; das Wasser schlägt ans Schiff. Mich schläfert, es kreiselt durch das Hirn und ich denke noch, daß ja sicher, bis ich wieder, vielleicht im Herbst, nach Dalmatien komme, diese Verwaltung schon weggejagt und hier ein freies Volk sein wird, an Österreich gläubig, durch Österreich stark, für Österreich bereit, da die Geschichte ja noch immer gescheiter war als wir.

11.

Nach Agram. – Architektonisch läßt sich nichts Österreichischeres denken als die alte Stadt Agram, oben beim Palast des Banus und rings um den Dom. Schönstes österreichisches Barock, in welchem sich der südlichen Anmut gleichsam ein bedächtiger deutscher Ernst, ein bürgerlich haushaltender Sinn auf die Schulter setzt. Häuser von einer so lieben Einfalt, stille Balkone, Fenster mit verkrausten Kranzeln sind da im Gewinkel und Gewirr verschlafener Gassen und verbogener Ecken, daß man sich die Augen reibt und verwundert fragt: Ja, bin ich denn in Salzburg oder der alten Stadt Steyr? Und unwillkürlich glaubt man, gleich wird aus einem der engen Fenster ein Wiener Hofrat seinen alten Kopf stecken, um das Land zu mustern! Tritt man dann, an dem Wohnhaus des Barons Rauch vorbei, das wie aus einem Stück von Goldoni aussieht, auf die Promenade hinaus, die nach dem Bischof Stroßmayer heißt, so breitet sich das lieblichste Tal aus, mit anmutigen Villen auf sanften Gehängen, und in der Ferne glänzt die Save weiß. In die untere Stadt zurückgekehrt, steht man vor dem Jelacic, den Fernkorn auf den großen Platz gestellt hat, hoch zu Roß und den Säbel froh gezückt, gegen Ungarn hin. Da brechen Erinnerungen auf, und man kann die Wandlungen der abwechselnden österreichischen Geschichte repetieren.

Ich ging dann ins Gericht, wo jetzt dieser Prozeß gegen die Serben spielt. Ich meine nämlich, daß man Menschen aus ihren Reden niemals erkennen kann, wenn man sie nicht leibhaftig vor sich gesehen hat. Die Gesichter der Menschen muß man sehen, dann bekommen ihre Reden erst den rechten Sinn. So saß ich denn und sah mir die Gesichter an, der Richter oben und der Beschuldigten. Ich erlebte dabei wieder einmal, was ich doch im Grunde für ein Theatermensch bin. Gleich waren meine Gedanken bei Reinhardt, als hätte der ein Stück zu inszenieren, und ich säße bei seiner Probe. Irgendein Stück von der Tolstoischen Art, wo denn immer, wie das schon Tolstoischen Gedanken entspricht, das Licht den Angeklagten günstiger ist als den Klägern. Aber ich würde da sicher zu Reinhardt sagen: »Das ist nun wieder recht Ihre Art mit Ihrer Vorliebe für die ganz starken Ausdrücke, durch die gleich im ersten Augenblick dem Publikum alles handgreiflich gemacht und seine Sympathie sogleich entschieden werden soll! Ich verstehe das schon, aber, lieber Max Reinhardt, übertreibt denn das Leben so? Ich dächte, so drastisch klar abgeteilt sind die Dinge doch im Leben nicht. Und mir wird angst, ob wir da nicht auf einmal wieder in der alten Komödie sind, mit den fuchsroten Bösewichtern und der schwanweißen Unschuld. Geben Sie nur acht!« Es kann aber sein, daß Max Reinhardt mehr vom Leben weiß als ich; die Dinge teilen sich da manchmal wirklich gar drastisch ab, und der Unterschied von der alten Komödie ist vielleicht nicht so groß.

Ein kahler, heller Raum. Die Luft ist trüb. Wenig Publikum. Und diese paar Leute drücken sich eng aneinander und halten sich ganz still. Sie sind scheu und regen sich nicht. Denn das Publikum wird hier sehr streng gehalten. Die Frau des Doktors Hinkovic, des Hauptverteidigers, hat neulich mit ihrer Nachbarin gesprochen, gleich hat sie fort müssen.

Im Halbrund am Fenster sitzen die Richter mit großen vorhängenden kupfrigen Gesichtern, dicken Schnauzbärten und vagen, wie verlorenen Augen, aus denen nur Gehorsam blickt. Merkwürdig ist der stets gereizte Präsident, der aussieht wie jemand, der schlecht schläft und böse Träume hat. Er hört nicht gern zu, besonders den Anwälten nicht. Lieber spricht er selbst. Er kann kaum seine nervösen Hände beherrschen; immer auf dem Sprung sitzt er da. Nimmt einer der Anwälte das Wort, so schüttelt's ihn, und er fährt los. Sie wollen immer beweisen, daß diese oder jene Handlung nicht geschehen sei; ihn aber scheint mehr die Gesinnung zu interessieren. Und er führt manche Neuerungen in den Prozeß ein; wie er z. B. den Verteidigern verboten hat, den Angeklagten, die doch noch gar nicht verurteilt sind, die Hand zu reichen. Eine gute Figur macht der Staatsanwalt. Er zeichnet sich dadurch aus, daß er Talent zu haben scheint. Noch jung, schlank, kampfbereit, agil mit seinem Zwicker hantierend und von einer fast katzenhaften Anmut der beweglichen Gebärden, weiß er seine Sache unbedenklich zu führen. Besonders geschickt ist er im Angriff, wobei ihm eine gewisse geistige Gelenkigkeit hilft, die jeden Augenblick die Stellung wechselt und, wenn ein Argument versagt hat, es sogleich mit dem Gegenteil versucht, immer wieder von einer anderen Seite her. Er hat eine geschmeidige Intelligenz, die jeden Sprung wagt, in dem sicheren Gefühl, zuletzt schon irgendwie wieder auf die Füße zu fallen. Und wenn es einmal für ihn gefährlich wird, läßt er sein Temperament schießen und will überrennen. Seine Begabung wird sichtlich vom Präsidenten gewürdigt. Der Staatsanwalt heißt Accurti, und für die angeklagten Serben soll es eine Art Trost sein, daß seine Frau von dem letzten serbischen Wojwoden Suplikac stammt.

Die Angeklagten sind Lehrer, Popen, Händler und kleine Beamte vom Land, fast durchaus ganz arme Leute. Sie sitzen ergeben da, halb ermüdet, und halb schon ein bißchen gelangweilt; und manchmal reißt einer weit die traurigen Augen auf, als müßte das alles, was er hier hört, doch nur ein einziges großes Mißverständnis sein, und dann senkt er den Kopf wieder und ergibt sich, es gelassen zu tragen, oder sein stiller Blick geht langsam im Saal herum, Menschen suchend. Seit Monaten sind sie in Haft, Monate haben sie noch vor sich. Und dann? Sie sind angeschuldigt, den Tod durch den Strang verdient zu haben. So sitzen sie halt in dem kahlen Raum mit dem trüben Licht und erwarten. Einer fällt unter ihnen auf, Adam Pribicevic, der Hauptangeklagte, mit seinem weißen, geistig zerquälten Gesicht und den großen, fernblickenden Augen. Es ist das Gesicht eines logischen Schwärmers, den viele Fragen gepeinigt haben, eines Suchenden, der sich mit der Welt nicht abfinden kann, eines Unsteten im Geiste, der alles Leid austrinken will, um die Wahrheit über das Leben zu erfahren; einen Hamlet-Zug hat es. Er und der Staatsanwalt, da sieht man vielleicht nebeneinander die beiden Enden der Menschheit. Stark scheint in ihm das Bedürfnis zu sein, ins Volk zu gehen und zu helfen. Was er zu wissen glaubt und für recht hält, will er nicht für sich behalten, sondern es soll unter die Menschen kommen, um die Leiden zu lindern. Dieses Bedürfnis haben junge Russen oft; bei uns ist es ziemlich unbekannt, weshalb es für ihn schwer sein wird, sich hier verständlich zu machen. Man sieht ihm an, daß er mit Zweifeln gerungen hat, und er macht den Eindruck, ein sehr zartes und reizbares Gewissen zu haben. Deshalb sind auch seine Antworten zuweilen von einer Art, die nicht üblich ist. In einer Verhandlung ist ihm gedroht worden, in Ketten geschlossen zu werden. Er antwortete: »Ich fürchte das nicht. Denn körperliche Qualen können mich nicht schrecken. Sie sind mir eher erwünscht, weil sie die anderen, die geistigen, betäuben und die Seele besänftigen.« Zu einer solchen Menschenart, wie sie sich in diesen Worten ausspricht, wird man hier vielleicht kein rechtes inneres Verhältnis finden, aber dies scheint er nicht zu bemerken. Er gehört wohl zu den gläubigen Seelen, die sich, wenn sie etwas für recht halten, ganz sicher fühlen, und er weiß noch nicht, wie die Menschen einander oft mißverstehen.

Die Verteidigung führt der Doktor Hinkovic. Er wird hier jetzt ebenso geschätzt als gehaßt. Mit einer gewissen großen Vereinfachung, die dann freilich im einzelnen nie völlig stimmt, kann man sagen, daß einst Kroatien zwischen Stroßmayer, dem großslawischen Schwärmer, und dem alten Starcevic, für den es auf der Welt nur Gott und die Kroaten gab, geteilt war. Wer nun in dieser Richtung des Starcevic weiter denkt, hält sich jetzt an den Doktor Josip Frank, während die Gläubigen des großen Bischofs zur serbokroatischen Koalition gekommen sind, der der Doktor Hinkovic angehört. Er ist ein unermüdlicher Verstandesmensch, der ganz genau weiß, was er will, und seine Zeit abwartet. Die Neigung, eher ein Wort zu wenig als ein Wort zuviel zu sagen, hilft ihm sehr, und es ist sein Sport, sich um keinen Preis provozieren zu lassen. Als seine Frau neulich aus dem Saal verwiesen wurde, ist er ganz still gesessen, man hat ihm nichts angesehen, und es war nichts zu machen. Seinem Kollegen, dem Serben Doktor Dusan Popovic wird dies weniger leicht, er hat ein prachtvolles Temperament, gleich schießt ihm das Blut in den ehrlichen Kopf, und er ringt insgeheim die Hände, weil er, ganz wie die Angeklagten selbst, gar nicht verstehen kann, warum man denn oft, statt Aufklärungen hinzunehmen, die ganz plausibel sind, noch nach ferneren und unwahrscheinlichen Motiven sucht.

Spalato

Dann ist mir noch was Lustiges passiert, wie es schon mein Schicksal scheint, in meinem Vaterland nirgends unangefochten zu bleiben. Die Bank der Journalisten war besetzt, so luden mich die Verteidiger ein, zu ihnen zu kommen. Dies war mir erwünscht, weil sie mir ja manches erklären konnten. Auch habe ich einen Hang zu symbolischen Akten, da war es mir recht, mich an die Seite des Mitleids zu setzen. Wohl eine Stunde saß ich dort, sehend und hörend, bis dann plötzlich der Staatsanwalt in einen Zwist mit dem Doktor Popovic neben mir geriet. Da fragte der Präsident, wer denn eigentlich der neue Verteidiger da wäre, nämlich ich. Und ich verstehe ja gewiß, daß Zuschauer und Zuhörer aus dem Norden oder Westen hier jetzt nicht gerade sehr erwünscht sind oder doch sich so plazieren sollen, daß sie nichts davon verstehen. Übrigens weiß ich dem Präsidenten allen Dank, es ist mir lieber, daß er mich fortgeschickt hat, als wenn er mich am Ende dort behalten hätte.

Nachts fuhr ich heim. Die Strecke nach Steinbrück scheint die Bestimmung zu haben, die Entfernung zwischen Agram und Wien zu vergrößern. Der Zug war mit Auswanderern voll. Bauern vom kroatischen Land, nach Amerika getrieben, ein paar hundert. Ächzend schob der Zug sich in die schwarze Nacht hinein. An den Stationen, im Dunkel, ihre Mütter, Weiber und Kinder, mit den Schürzen winkend, in die Hände weinend. Der ächzende Zug aber unerbittlich fort in die schwarze Nacht. In der Ferne verhallt das Wimmern. Und die Bauern schreien, gewaltsam: Nach Amerika!

12.

Als Epilog noch einiges, was die Fahrt ergab.

Von Ragusa schrieb ich an das Berliner Tageblatt um Hilfe:

Um Berliner wird gebeten.

Nämlich in Dalmatien.

Ich war jetzt wieder unten. Und überall dieselbe Klage, noch immer: Wir haben keine Fremden! Und überall derselbe Wunsch, wieder: Ja, wenn wir Berliner hätten! Allen ist es ausgemacht: Nur Fremdenindustrie kann uns retten. Oder wie sie's gern sagen: Nur als Adriatische Schweiz können wir leben. Und dürfen wir es nicht ansprechen? Wird nicht die Landschaft der Bocche, mit den weißen Bergen am blauen Golf, nordischen Fjorden verglichen? Lockt Lakromas verwunschener Hain nicht weicher als Korfu? Haben wir in Salona, kaum eine halbe Stunde von Diokletians verwittertem Palast, nicht unser Pompeji? Nicht die ganze Küste von Arbe bis nach Ragusa hinab Reste der venezianischen Herrlichkeit, mit einer Kraft im Zierlichen, einer Unschuld im Prächtigen, einem Frühling in der Anmut hier, die daheim, in der Sicherheit des eigenen Landes, längst zum Buhlerischen, Üppigen, Prahlerischen entartet? Und dazu das Gewimmel serbischer, albanischer, türkischer Trachten, in durchsonnten Farben! Und auf dem angestammten Stolz ungebrochener Leidenschaften liegt der bronzene Glanz der slawischen Wehmut! Uralte Sitten, aus griechischer Zeit noch, walten im Land, der Orient greift herein, aber schon wühlen westliche Gedanken, Hoffnungen aus dem Norden das Volk auf; und dies alles wird von dem ahnungslosen österreichischen Militär bewacht! Galizien und Castilien und der Peloponnes ist hier, aber in die Jugend bläst ein Alarm von Amerikanismus, Jugend dehnt sich, Jugend streckt die kühnen Arme, während von den Forts der Radetzky-Marsch klingt! Wo gibt es das noch, extremen Osten und Westen, Süd und Nord, Urzeit und Zukunft so beisammen? Hier könnt ihr ein totes Land sehen! Und hier könnt ihr ein Land erwachen sehen! Es ist ein ganz einziger Augenblick. Und hier könnt ihr den Orient begreifen, in seiner stillen Heiligkeit, und den österreichischen Bezirkshauptmann, in seiner lauten Albernheit! Aber sachte gleiten diese neuen großen, schönen Dampfer des Lloyd durch die glitzernde See, weiße Möwen ziehen mit. Möwen, aber keine Fremden. Warum kommen keine Fremden? Warum kommen die Berliner nicht? In zwei Tagen kann man von Berlin in Triest, in vierundzwanzig Stunden von Triest in Ragusa sein. Warum kommen die Berliner nicht? So hat man mich überall gefragt.

Es gibt drei Gattungen von Berlinern, die im Winter reisen. Erstens die reichen Berliner. Sie gehen nach Schierke oder nach Kitzbühel oder auf den Semmering. Dann die sehr reichen Berliner. Sie gehen nach Sankt Moritz. Endlich die ganz reichen Berliner. Die gehen an die Riviera oder an den Nil. Den Dalmatinern wäre jede der drei Gattungen recht. Warum kommt keine?

Ich habe den Dalmatinern auf ihre Fragen gesagt, daß wahrscheinlich deswegen kein Berliner nach Dalmatien kommt, weil noch kein Berliner nach Dalmatien gekommen ist. Ich meine damit nicht bloß, daß der Berliner wenig Neigung hat, einen Ort aufzusuchen, wenn er nicht sicher ist, dort schon einen anderen Berliner vorzufinden. Er geht dorthin, wohin »man« geht. Er gehört nicht zu den Entdeckern im Reisen. Dies überläßt er den Engländern, deren Stolz es ist, die ersten zu sein und ein Land sozusagen zu deflorieren. Aber ich meine damit auch noch, daß hier erst einmal ein paar Jahre lang Berliner gehaust haben müßten, um Dalmatien für Fremde einzurichten. Denn wenn der Berliner auch kein Entdecker im Reisen ist, so gleicht er doch dem Engländer darin, daß er als Reisender produktiv ist, indem er seine Gewohnheiten, Sitten und Ansprüche in das Land mitnimmt und hier unterbringt. Dies aber ist es, was wir hier brauchen, um Dalmatien erst für Europäer wohnlich zu machen; und die Kraft dazu fehlt den Ungarn und den Wienern ganz, den einzigen Gästen, die Dalmatien bisher hat. Nachdem man der österreichischen Regierung zwanzig Jahre lang vorgesagt hat, es könne doch auf die Dauer nicht genügen, dieses Land immer noch bloß militärisch besetzt zu halten, sondern sie müsse nun doch auch einmal mit einer Art Verwaltung beginnen, es müsse für das Land irgend etwas einem Regieren Ähnliches geschehen, und das Nächste sei, Fremde herzubringen, fängt sie jetzt langsam mit Erstaunen an, dies einzusehen, glaubt nun aber alles getan, wenn sie den Lloyd verhält, diese beiden neuen schönen großen Dampfer auszurüsten, den »Baron Gautsch« und den »Prinzen Hohenlohe« (im Ministerium gilt es nämlich für die Hauptaufgabe unserer Schiffahrt, eine Art Walhalla der großen österreichischen Politiker zu sein), und wundert sich baß, daß diese behaglichen Schiffe mit ihren liebenswürdigen Kapitänen dreimal wöchentlich leer sind. Achthundert hätten Platz, meistens sinds keine Zwanzig: ein paar Offiziere, nach Cattaro versetzt, ein paar Offiziersfrauen, die ihre Männer auf vierzehn Tage besuchen, und die paar Ungarn und Wiener, die eine Woche im Hotel Imperial in Ragusa verbringen wollen, um einen Schnupfen loszuwerden. Läßt sich ein solcher einmal verlocken, auch nach einer anderen Stadt oder gar nach einer der Inseln zu gehen, so kommt er eilends zurück, entsetzt, zerstochen und halb verhungert. Er ändert aber nichts. Denn Ungarn und Wiener sind als Reisende ganz unproduktiv. Der Engländer, der ein produktiver Reisender ist, sagt: Nein, das ist kein Bett, das ist kein Essen, das ist kein Waschtisch, sondern das Bett muß so sein, das Essen so, der Waschtisch so, vorwärts! und außerdem will ich noch folgendes! Der Engländer weiß genau, was er will, zeigt es und läßt nicht ab, bis er es durchgesetzt hat. Der Ungar schimpft, reist ab und schließt daraus, daß Dalmatien ungarisch werden müsse. Der Wiener verdirbt sich den Magen, aber gern, weil ihm das wieder einmal beweist, daß es nur eine Kaiserstadt gibt. Und so zeigt niemand diesen höchst willigen Leuten hier, was der Fremde braucht. Sie sind bereit, man muß es ihnen nur sagen, denn sie wissen es nicht, man muß sie nur erziehen. Weshalb ich wiederhole: Um Berliner wird gebeten! Denn der Berliner nimmt seine Sitten, seinen Geschmack, seine Gewohnheiten auf Reisen mit und weiß sie überall mit Entschiedenheit zu installieren. Beliebt macht er sich dadurch wenig, was ja wohl auch kaum sein eigentlicher Ehrgeiz ist. Aber man weiß: wo Berliner einmal einige Zeit waren, da kann man getrost hin. Es gibt unter den Deutschen keinen anderen Stamm, der so sehr die Kraft hat, zu kolonisieren.

Trau

Um Berliner wird gebeten. Noch aus einem dritten Grunde. Wo nämlich ein Berliner hinkommt, entsteht eine G. m. b. H. Jedes Gespräch in Dalmatien aber schließt damit, daß man überall eine Gesellschaft mit beschränkter Haftpflicht nötig hätte. Mit Wienern geht das nun leider nicht, weil der Wiener seinen ganz eigenen Begriff von Geschäften hat. Ein Geschäft, meint er, ist, was nachweisbar acht Prozent trägt, aber pupillarsicher. Der Berliner weiß, daß man bei einem Geschäft auch verlieren kann. Der Wiener sagt: Dann kaufe ich mir lieber gleich ein Los. Als Argument führt er dafür an: Wenn schon, denn schon! Und so geschieht's, daß man in Istrien und Dalmatien, die ganze Küste hinab, alle zwei Stunden an ein Geschäft kommt, das bereit steht, für das aber kein Geld zum Betrieb zu finden ist. Bei den Leuten hier nicht, denn sie sind bettelarm. Bei der Regierung nicht, die sie mit Flausen betrügt; auch ist sie der Ansicht, Brücken oder Straßen nicht nach der Notwendigkeit, sondern nach dem Servilismus der Ortschaft zu vergeben: Wählt klerikal, dann kriegt ihr die Eisenbahn! Und ein alter Grundsatz bei uns ist: daß man, um Zement machen zu dürfen, erst eine patriotische Gesinnung nachweisen muß. Was nun die guten Kroaten noch nicht begreifen wollen; sie sind erst hundert Jahre lang österreichisch. Sehen sie sich nun aber sonst nach Geld um, so tritt ihnen die Wiener Forderung der sicheren acht Prozent in den Weg. Und so bleiben die Geschäfte stehen und warten. Mir ist es eine Qual, hier zu reisen, mit den wartenden Millionen am Ufer. Da ist Opcina, oberhalb von Triest, die seligste Höhe, die ich weiß, im Schutz der Berge, mit dem Blick übers Meer, auf Miramar und Grignano, bis zu den Lagunen des weißen Grado hin, Alpenmacht und Meerespracht in der düsteren Einsamkeit des Karst; lind lächelt die Luft, die Welle tanzt, Segel leuchten, Möwen blinken, die Erde hat kein helleres Glück, und da steht ein elendes, lächerliches Wirtshaus zwischen drei verschlafenen Villen. Und so geht's die ganze Küste hinab, aus einem Entzücken ins andere, aus einem Elend ins andere. Dort ragt der Monte Maggiore, aber die Bahn wird nicht gebaut. Noch immer ist Triest mit Abbazia durch kein Automobil verbunden, sie bringen die fünfzigtausend Kronen nicht auf. Dort ist Medolino, der schönste Hafen, den wir haben könnten. Gewiß, sagt die Regierung, gewiß! Drüben ist Arbe, unser Venedig, hier winkt das Eiland Sansego! Schade, sagt die Regierung, daß hier keine Fremden sind! Man kann aber hier nicht wohnen, kriegt nichts zu essen und hat kein Bad. Und dann gar, zwischen Trau und Spalato, der Märchenweg der sieben Kastelle, unsere Corniche! Man kann aber nirgends wohnen, kriegt nichts zu essen und kann nicht baden. Und die Halbinsel Lapad bei Gravosa mit den uralten Zypressen! Und San Giacomo bei Ragusa mit den schiefen Agaven! Unheimlich ist es, wenn man so zwei Tage lang immer an Millionen vorbeifährt! Überall winken die reifen Millionen am Ufer und warten und scheinen die Hände zu ringen, zwischen den schwarzen Pinien und den silbernen Ölbäumen: Fremdling, heb' mich doch auf, nimm mich doch mit! Aber der Wiener sagt: Das ist mir ein unsichere Geschichte, mit solchen Millionen; wenn man Pech hat, tragen sie einem fünf, sechs Jahre lang nichts!

Um Berliner wird gebeten! Ich habe mir auf dieser ganzen Fahrt, an den flehenden Millionen vorbei, nur in einem fort gedacht, wie ich's denn bloß machen könnte, daß einmal zehn Berliner mit mir nach Dalmatien kämen. Freche, hämische, Skat spielende Berliner; Berliner, die mir schnoddrig den schönsten Sonnenuntergang verwitzelten: Berliner, die mir vor dem Rektorenpalast der Ragusaner jüdische Anekdoten erzählten; Berliner, die auf Lakroma, während aus dunklem Busch der Faun hinter der Nymphe her über den gelben Fels springt, Sehnsucht nach dem Ball der bösen Buben hätten. Ich will alles ertragen. Denn ich weiß, daß mich am zweiten Tag doch einer mit seiner zottigen Hand auf die Schulter schlagen wird, um mir zu sagen: Machen wir! Und nichts braucht Dalmatien als so einen mit einer großen dicken schwarzen Importe in der rauhen Hand, der es »macht«. Um Berliner wird gebeten!

Sagt aber doch ja nicht, ihr Herren, daß dies ein guter Spaß sei, sondern merkt lieber auf, ob denn keiner hört, wie weh mir dabei ist.


Dann beschrieb ich in der Neuen Freien Presse mein Dalmatinisches Abenteuer:

Platz hätten achthundert. Wir sind aber unser kaum zwanzig. Und als ich letzte Woche hinunterfuhr, waren wir noch weniger. Überall hört man jammern, die ganze Küste entlang, in allen Hotels, in allen Läden: Leer, es wollen keine Fremden heuer kommen, leer! Und die Schuld wird natürlich den Zeitungen gegeben; wieder einmal. Die Zeitungen haben das angestellt! Die Zeitungen verscheuchen uns die Fremden, mit ihrem Kriegslärm und ihrer Kriegsfurcht! Täglich hab' ich's überall hören müssen: Schreiben Sie doch, bitte, bitte, schreiben Sie doch in die Zeitung, daß es nicht wahr ist; daß wir hier in aller Stille leben, wie sonst; daß weit und breit der schönste Friede herrscht; das verdammte Kriegsgeschrei ruiniert uns noch alles! Die armen Leute taten mir leid, so gern hätt' ich ihnen zu helfen versucht! Wenn ich nur nicht inzwischen fast verhaftet worden wäre.

Das spielte sich in drei Akten ab. Es begann vorigen Mittwoch in Cattaro. Wir kamen an, ich wollte nach Montenegro, da hieß es, die Post gehe nicht, weil alles verschneit und der Paß unpassierbar für Wagen sei. Ich glaubte das zunächst nicht, nach meiner Gewohnheit, zunächst nichts zu glauben, und ließ meine Sachen ans Land bringen. Da trat mir ein finsterer Mann entgegen, ein österreichischer Finanzer von Aussehen, und auf italienisch, wie er mich mit meinem Facchino reden hörte, forderte er mir meinen Paß ab. Zufällig hatte ich in meinem alten Reisesack einen mit (er gilt natürlich längst nicht mehr, ich habe ihn nicht erneuern lassen, weil ich ja meistens im Ausland reise, und im Ausland braucht man keinen). Der Mann der Obrigkeit, der nicht Deutsch konnte, sah sich den Paß lange an. Dann rief er einen Kollegen herbei, der konnte auch nicht Deutsch. Und nun sahen alle zwei den Paß an und konnten alle zwei noch immer nicht Deutsch. Endlich nahm der erste wieder das Wort und fragte mich in seinem rauhen gutturalen Italienisch, wohin ich denn wolle. Ich: Nach Cettinje. Er, schon sehr argwöhnisch: Um was dort zu tun? Im reinsten Toskanisch, dessen ich fähig bin, bekam er zur Antwort: Was ich will. Er glaubte nicht recht verstanden zu haben und fragte wieder, als ob er schlecht gehört hätte: Um was zu tun? Ich sagte wieder: Was ich will. Und noch einmal wiederholte er seine Frage, ich meine Antwort: Um was zu tun? Was ich will. Und plötzlich, mit einem freundlichen Wink, war ich entlassen. Ist das nicht echt österreichisch, harmlosen Passagieren erst durch unnützes Verhör die Reise zu verleiden, wenn sich dann aber herausstellt, daß sie gar nicht harmlos sind, sondern frech, sogleich Respekt vor ihnen zu haben?

Trau

Nun war aber wirklich kein Gefährt nach Cettinje zu kriegen; es regnete, der Sturm stieß mir ins Gesicht, so beschloß ich, in meinem geliebten Ragusa besseres Wetter abzuwarten. Und erst heute fuhr ich nun wieder nach Cattaro. Zweiter Akt in dieser Tragödie von der dalmatinischen Hebung des Fremdenverkehrs. Ort: Hafen von Gravosa. In Erwartung des Dampfers. Der Morgen glänzt, leise Wellen schweben durch die Bucht, drüben grünen die Kiefern hell. Torpedos und Kriegsschiffe liegen draußen, grau wie Forellen. Ich stehe, mein Gepäck und einen von diesen stillen, geduldigen, gottergebenen Trägern neben mir. Und nichts Verdächtiges war an mir, bis auf den Schädel, den mir der liebe Gott verliehen hat. Da kam plötzlich langsam ein Feldwebel von der Gendarmerie zu mir heran, mit einem großen, offenen, herzensguten Gesicht, und grüßte mich recht freundlich und war sichtlich sehr verlegen, wie jemand, der sich furchtbar geniert. Es half ihm aber nichts, er mußte schließlich doch meinen Paß verlangen. Sehr froh war er, daß ich einen hatte. In meiner Bosheit hätt' ich's ihm gegönnt, keinen zu haben; es fiel mir aber zu spät ein; im ersten Moment regt sich doch stets der ausgezeichnete Staatsbürger, wenn man in Linz geboren ist; auch fuhr schon der Dampfer an. Mit hohen Ehren gab mir nun der Gendarm den Paß zurück, den ich alle die Jahre her in Italien, Frankreich und England niemals gebraucht. Und jetzt Akt drei! In Cattaro hieß es nämlich wieder: Alles verschneit, kein Wagen kommt durch! Und wieder vertröstete mich mein Freund Milo Milosevič, Packträger, Bruder eines Postkutschers und Montenegriner: In ein paar Tagen, vielleicht morgen schon! Aber ich hatte keine Lust, in dem säbelklirrenden Ort mit den aufgezwirbelten Kadetten zu bleiben, und zog es vor, nach Spalato zu fahren. Also ging ich aufs Schiff zurück, da lauerte mir schon das Verhängnis auf. Es bestand zunächst aus einer ganz merkwürdigen, schneehellen Luft, die von solcher Reinheit war, daß alles darin wie frisch gebadet schien; und nun oben der Himmel, unten das Wasser von einem venezianisch unwahrscheinlichen Blau, dazwischen aber das kreischende Kreideweiß des neu gestreuten Schnees in allen Bergen. So jung hatte mir schon lange keine Luft geglänzt; als wär's ein neuer Anfang aller Dinge. Zweitens aber bestand das Verhängnis aus einer Kette von Möven, diesen blitzschnellen, flugfrohen Möven, die hier in der Adria und unten im Mittelmeer oft tagelang den Schiffen folgen. Ein ganzer Zug war's, einige darin aber ganz toll vor Übermut, sich zu regen, wie betrunken von Sonne; und tauchten und stiegen und sprangen und bogen sich und warfen sich und trieben's so arg wie junge Delphine oder lange, lichte Engländerinnen, die Tennis spielen. Und eine, die war gar geheimnisvoll: sie schien's gar nicht nötig zu haben, erst zu fliegen, sondern ganz still hielt sie sich, und der Wind, auf seinem sanften Arm, trug sie. Da war's um mich geschehen. Nichts reizt mich nämlich mehr, als den Vogelflug zu photographieren. Nie gelingt's, drum will ich's immer. Einen Apparat hatte ich mit. Ich soll ja nämlich für meinen Verleger ein Büchl über dieses Land schreiben, um den Menschen in Berlin ein bissel Lust zu Dalmatien zu machen; und da, meint er, wären ein paar Aufnahmen gut. Also: ich stelle den Apparat auf die Möven ein, aber das Schiff stößt. Da sind wir gerade vor Castelnuovo, hier wird nicht gelandet, sondern Boote legen an. Der Dampfer steht, die Möven schweben, eben will ich knipsen, da schreit mir ein Individuum, das wie ein Briefträger aussieht, aus einem Boot herauf in rauhem Deutsch mit rabiaten Gesten zu, nicht die Festung zu photographieren! Ich lache und sage gelassen zurück: »Aber nein, ich will ja bloß die Möven, die Festung ist doch sicher den Italienern längst bekannt, also wozu?« Aber schon bewegen wir uns wieder, ich habe die kleine Möve verloren, nun freut's mich auch nicht mehr. Und den blauen Golf entlang, still auf dem Deck spazierend, genieß ich das Glück des silberweißen Tages und denke nur insgeheim, daß es gar nicht so einfach ist, den Menschen Mut zu Dalmatien zu machen! Und schon biegen wir wieder in die gelinde Bucht von Gravosa, wir landen, siehe, da springt ein aufgeregter Herr aufs Schiff, ein Telegramm in der Hand schwingend: der Polizeikommissär! Mein Pech war nun, daß unser Kapitän mich kannte und dem Kommissär meinen Namen nannte. Und leider war es ein wohlgebildeter und wohlgesitteter, sehr artiger Kommissär (auch das gibt's!), der sich höflich entschuldigte, mir zur Entschuldigung das Telegramm wies, das jener gelb ausgeschlagene Lackl von Castelnuovo dem Spion mit dem Kodak patriotisch nachgeschickt, nur »der Form wegen« meinen Paß zu sehen bat und mir, wohl auch »nur der Form wegen«, den Apparat abnahm, aber baldigst nachzusenden versprach – aber sicher wird die Polizei schlecht »entwickeln«! Schade. Wie schön wär's gewesen, in Ketten über den Stradone zu marschieren! Die besten Gelegenheiten versäumt man. Ernsthaft: wenn ich nun nicht zufällig »einer von der Zeitung« wär', die jeder haßt, aber mit einer solchen Heidenangst davor? Wenn ich ein unbekannter junger Maler wär'? Oder gar ein ehrsamer, lustiger Schneidergesell? Den hätten sie drei Wochen eingesperrt und mit dem Schub nach Haus geschickt.

Ich höre nun liebe Wiener sagen: Muß er denn auch grad jetzt nach Dalmatien gehen, bei den aufgeregten Zeiten? Sie haben ganz recht: man muß nicht. Aber darum handelt es sich ja grad: denn die Dalmatiner möchten doch, daß man muß. Und seit Jahren werden doch in den Ministerien so viele Köpfe gekratzt, dienstlich oder freiwillig, was denn geschehen soll, damit man nach Dalmatien muß! Und wie kann ich den Dalmatinern den Gefallen tun und »in die Zeitung schreiben«, daß hier niemand was von Kriegsgefahr und Aufregung weiß und alles still und friedlich ist, wenn man nicht einmal mehr dem banalen Mädchensport des Kodaks frönen darf, in seinem eigenen Lande nicht? Ja, die Dalmatiner gehen freilich ruhig ihren Arbeiten und Sorgen nach, sie wissen nichts von Lärm und Furcht, sie sind still und friedlich wie sonst, sie schon; das ist schon wahr. Aber die Polizei macht das Land unsicher. Und da hab' ich's: Ich muß in diesem Satze nur Verwaltung noch für Polizei einsetzen, und er drückt vollkommen das Gefühl aus, das mir in Dalmatien nicht von der Seite geht. Die Verwaltung macht Dalmatien unsicher, das ist es. Seit Jahren reise ich hier und muß mich immer wieder fragen, was denn so bang und schwer hier auf allen Menschen und allen Dingen liegt. Und eigentlich kommt's mir immer mehr und mehr so vor: Wir haben dieses Land inne, wir halten es besetzt und bewacht, aber wir eignen es uns noch immer nicht an, dafür tun wir nichts. Wir eignen es uns nicht an, denn dazu gehörte Vertrauen bei beiden; und Vertrauen hat keins. Das Verhältnis ist: dem Dalmatiner ist von vornherein alles verdächtig, was von der Regierung kommt, und der Regierung ist von vornherein alles verdächtig, was der Dalmatiner will; und trifft es sich zuweilen einmal, daß beide dasselbe wollen, so kriegen beide Angst, und beide denken, daß sie sich geirrt haben müssen! Die Regierung sagt, sie will das Beste. Möglich. Die Dalmatiner sagen auch, sie wollen das Beste. Höchst wahrscheinlich. Und dieses Beste, wovon in einem fort geredet und worüber in einem fort geschrieben wird, warum geschieht es nie? Weil die Regierung meint, es müsse von ihr aus geschehen, nach ihrer Wohlmeinung und als eine Belohnung sozusagen, die sich die Dalmatiner erst durch artige Sitten zu verdienen hätten. Und weil die Dalmatiner verlangen, daß es durch sie selbst geschehe, durch ihres eigenen Volkes Kraft und nach seinem Bedürfnis und als sein Recht. Darum bleibt, was immer man in Wien für Dalmatien »erlassen« mag, die Stimmung im Lande stets: Timeo Danaos et dona ferentes. Man muß in alten Memoiren nachlesen, aus der Zeit, als wir noch in Oberitalien saßen. Auch da sind wir immer Danaer geblieben. Und unsere Verwaltung macht überall immer doch die alten Dummheiten wieder!

Sonst wenn ich nach Dalmatien kam, war ich auf den Zufall angewiesen, mir in den Gassen die Stimmungen der Menschen zu erhorchen. Diesmal haben es mir Empfehlungen erleichtert, die ich dem Grafen Ivo Vojnovič, dem großen kroatischen Dichter, verdanke; sie schlossen mir manches gastliche Haus auf. Nun sind mir diese scheuen, ernsten, schwermütigen Menschen erst recht ins Herz gedrungen! So traurig sind sie, so preisgegeben und ausgesetzt fühlen sie sich, mit ihrer tiefen Liebe zur Heimat. Und immer dieselbe Klage: Niemand will uns anhören, man traut uns nicht, wie in feindlichem Land hausen sie mit uns! Und überall hat man mir dieselbe Geschichte wieder erzählt: wie vor ein paar Jahren der Stadt Ragusa, weil einmal in ihren Straßen auf den durchfahrenden Prinzen Danielo von Montenegro zu stark Hoch gerufen wurde, strafweise ein Bataillon entzogen worden sei, »strafweise, als wären wir unartige, schlimme Buben!« Noch klingt mir immer der dunkle, schamverhüllte Ton zorniger Kränkung im Ohr, in dem mir's alle erzählten: Wie schlimme Buben, die man in den Winkel stellt! Und darum geht schließlich alles: sie wollen nicht von Wien »erzogen« werden, sie fühlen sich reif, sich selbst zu erziehen, ihr eigenes Leben wollen sie haben, ihrer eingeborenen, angestammten Art gemäß! Und dann rücken sie an einen ganz nahe heran, und die mandelförmigen, samtenen Augen glänzen ihnen, und, kindisch-treuherzig, beteuern sie, es sei wirklich nicht wahr, daß sie Hochverräter sind, nur ihr schönes Land möchten sie für sich haben.

Agaven

Noch eine Geschichte haben mir alle gerne erzählt. Als der Kaiser Franz einst nach Ragusa kam, gefiel ihm eine Straße sehr. Und er hörte: Die haben die Franzosen gemacht! Und dann gefiel ihm eine Brücke. Und er hörte: Die haben die Franzosen gemacht! Und noch manches gefiel ihm. Und immer hörte er: Das haben die Franzosen gemacht! Bis er endlich sagte: Schad', daß s' nicht länger da blieben sind, die Franzosen! So sprach der staatsmännische Kaiser Franz.

Übrigens, wenn die Ragusaner Polizei noch weiter nett mit mir sein wird, mir meinen Apparat unversehrt wiedergibt und den Film nicht verdorben hat, will ich mich revanchieren und ihr raten, wie sie sich noch patriotischer betätigen kann: Sie soll doch auch die Ansichtskarten der Bocche konfiszieren!

Einstweilen aber sinne ich nach, wie ich's anstellen soll, um wieder Lust zu kriegen, den Leuten Lust zu Dalmatien zu machen.


Diese Schilderung meines Dalmatinischen Abenteuers war dem jungen Herrn von Chlumecky gar nicht recht, und er ließ sich darüber in der Österreichischen Rundschau vom 15. März also vernehmen:

»Hermann Bahrs Dalmatien.

Dem Lande Dalmatien ist großes Heil widerfahren: Hermann Bahr hat es entdeckt. Jetzt wird das Aschenbrödel Österreichs bald eine reiche Prinzessin werden, denn Hermann Bahr sinnt darüber nach, wie er »wieder Lust bekommen könnte«, den Leuten Lust zu Dalmatien zu machen. Wie er uns selbst sagt, soll er über seines Verlegers Wunsch ein »Büchel« schreiben, um Stimmung für Dalmatien zu machen. Es scheint nicht, daß es dem Verleger wirklich darum zu tun ist, gerade dieses Ziel zu erreichen. Der Ruf eines Landes muß schon wohl begründet sein, um Hermann Bahrs zersetzenden Kritiken standhalten zu können. Schon in dem Präludium[*] zu seinem »Büchel« bleibt uns die ätzende Lauge seines Spottes nicht erspart. Sie ergießt sich wie gewöhnlich über die Verwaltung Österreichs. Diese hat freilich ein schweres Vergehen begangen. Hat es gewagt, Herrn Bahr nach seinem Paß zu fragen und ihm den Kodak abzunehmen, als er in einem Festungsrayon lustig darauf losknipste. Die böse, vom Polizeigeist Metternichs durchdrungene Verwaltung! Sie unterfängt sich am Vorabend eines Krieges in einem von Spionen durchkreuzten und von Feinden umlauerten Lande den Fremdenverkehr ein bißchen zu überwachen. Und nun gar die Kodakaffäre! Freilich: In Malta oder Villefranche oder Spezia wie in jedem Kriegshafen oder anderen Orte des Auslandes, in dem wichtige Festungen sich befinden, wäre Hermann Bahr einfach arretiert worden. Selbst dann, wenn es dort keinen Kriegslärm gegeben und vielleicht auch dann, wenn er gar nicht photographiert hätte, sondern mit seinem Kodak bloß spazieren gegangen wäre. Selbst der Kaiserin Eugenie ist einmal ähnliches widerfahren. Im Auslande kennt man eben in solchen Dingen keinen Spaß, und Hermann Bahr verdankt es nur unserer Gemütlichkeit, wenn es ihm dabei so glimpflich ergangen ist.

Wer ihn hört, muß freilich glauben, daß in Dalmatien das türkische Spitzelsystem herrsche. Ausnahmezustände und Ausnahmezeiten werden als Regel dargestellt und so dem ahnungslosen Publikum für immer die Lust benommen, nach Dalmatien zu reisen. Das kleine »Abenteuer mit dem Kodak« scheint Herrn Bahrs objektiven Blick getrübt zu haben, denn auch die Wiedergabe seiner sonstigen Beobachtungen läßt das unbefangene Urteil missen. Studien, die bei einer hastigen Eilfahrt längs der Küste des Landes betrieben wurden, scheinen den Beobachter zu befähigen, ein Urteil zu fällen, welches klarer und treffsicherer sein soll als jenes von Beamten und Offizieren, die jahre- und jahrzehntelang im Lande leben, es von Nord nach Süd und bis tief ins Innere durchstreiften, dabei tagtäglich mit der Bevölkerung in innigsten Kontakt kamen, und die heute alle es noch wagen, anderer Meinung zu sein als Hermann Bahr. Das eben ist der Vorzug des Genies. Es erfaßt alles auf den ersten Blick und kann aus einigen hie und da aufgelesenen Andeutungen ein ganzes System ausklügeln. Schade nur, daß die Quellen, aus denen Herr Bahr geschöpft, vielleicht etwas trüb, die Ansichten, die er zu hören bekommen, recht einseitige waren. Man darf nicht vergessen, daß Ragusa seit Jahren der Brennpunkt der großserbischen Bewegung ist, welche gerade die Intelligenz der Stadt erfaßt hat. Es scheint, daß Hermann Bahr in Kreise gelangt ist, die man nicht konsultieren darf, wenn man über Österreichs Wirken in Dalmatien die Wahrheit wissen will. Dies gibt uns den Schlüssel für seine ganz eigenartige Auffassung der Dinge. »Die Polizei macht das Land unsicher.« Gewiß, unsicher für jene, welche »still und friedlich« ihre – hochverräterischen Pläne mit Cettinje und Belgrad weiterspinnen wollen, unsicher für jene, welche großserbischen Ideen nachjagen. Diese »scheuen und schwermütigen Menschen« Hermann Bahrs, die seit Jahrhunderten ein mit faszinierender Liebenswürdigkeit verbundenes diplomatisches Auftreten einander vererben, haben auch andere als Herrn Bahr über ihre wahren Ziele und Absichten getäuscht. Mit etwas mehr Gründlichkeit würde aber Hermann Bahr dessen gewahr werden. Er würde die ihm so unschuldig erscheinende Demonstration für den Fürsten Danilo in ihrer Bedeutung einschätzen lernen, würde erfahren, daß hinter dem Glanz dieser »mandelförmigen, samtenen Augen« sich Hoffnungen verbergen, deren Kühnheit sein Erstaunen und vielleicht auch sein Befremden erregen dürften.

Und noch einen anderen Irrtum begeht Bahr, indem er meint, man brauche nur der eigenen Kraft des Volkes freien Lauf zu lassen, um Dalmatiens wirtschaftliche Lage zu bessern. Es ist wahr: Österreich hat an Dalmatien jahrzehntelang schwer gesündigt, aber gerade dadurch, daß es von der Initiative der Bevölkerung immer erwartet hat, was dieser ohne Anregung von außen besonders schwerfallen wird: sachliche, ruhige Arbeit. Die Kräfte des Dalmatiners sind durch seine politischen und nationalen Kämpfe, welche ihn mehr fesseln als jedwede andere Betätigung, so sehr gebunden, daß sie auf keinem anderen Gebiete mehr zu voller Entfaltung gelangen können. Daher erwartet der Dalmatiner jeden Impuls, und mehr als das, jede praktische Tätigkeit zur wirtschaftlichen Hebung des Landes immer nur von der Regierung. Die Intelligenz Dalmatiens treibt Politik und übt Kritik an der Regierung und ihren Maßnahmen. Der Verwaltung wird die Aufgabe zugewiesen, dem Volke Arbeitsgelegenheit zu schaffen, für die materiellen Bedürfnisse des Landes zu sorgen. Und eben dadurch haben die Regierungen Österreichs gefehlt, daß sie jahrzehntelang darauf warteten, daß dieses durch den Dalmatiner selbst geschehe. Damals, als die Verwaltung keine Anregung zu geben wußte, da wurde sie in Dalmatien als indolent verschrien. Heute, wo die Regierung die wirtschaftliche Wiedergeburt des Landes selbst herbeiführen will, wehren sich die Dalmatiner gegen die fremde Einmischung. Herr Bahr möge uns den Weg weisen, wie wir es anstellen sollen, um diesen einander widersprechenden Wünschen und Beschwerden gerecht zu werden. Solange er uns kein anderes Rezept zu geben weiß, halten es viele für das beste, Dalmatien wie eine Kolonie zu verwalten, in die man erst alles von außen hineintragen muß. Alles: Kapital, Menschen, Impulse und Ideen.«

[*]: »Neue Freie Presse« vom 2. März 1908.


Ich lasse mir nun ja viel gefallen, aber doch nicht, daß der junge Herr von Chlumecky den Retter Dalmatiens spielt; ich weiß zu gut, womit er seine Zeit in Ragusa zugebracht hat. Ich bat also den Regierungsrat Glossy zum Telephon, den Herausgeber des Blatts, um anzufragen, ob ich antworten könnte. Er war einverstanden und so schrieb ich ihm am 19. März:

»Sehr verehrter lieber Herr Regierungsrat! Im letzten Hefte Ihrer Rundschau macht sich Herr Baron Chlumecky der Jüngere das Vergnügen, meine Meinungen über Dalmatien mit Ironie zu behandeln. Ich könnte ihm das vergelten. Ich könnte ja zum Beispiel erzählen, wie man über ihn in Dalmatien denkt; man kennt ihn dort und weiß manches von ihm. Doch handelt es sich hier weder um ihn noch um mich, nicht um Personen, sondern um die Sache, um Dalmatien. Ich kenne Dalmatien und die Dalmatiner seit Jahren, nicht bloß vom Eildampfer aus, ich liebe das Land und die Leute, sie tun mir sehr leid, und ich habe nachgedacht, ob es denn nicht möglich wäre, aus Dalmatien ein österreichisches Land zu machen. Jetzt, kommt mir vor, ist es dies keineswegs, sondern es wird von uns nur mit Waffengewalt besetzt gehalten. Und wir werden es uns, kommt mir vor, so lange nicht innerlich aneignen, als wir zu den Dalmatinern und sie zu uns kein Vertrauen haben. Nach meinen Erfahrungen zeigt aber die österreichische Verwaltung den Dalmatinern kein Vertrauen und sie verdient von ihnen keins. Mein Eindruck ist alle die Jahre her dort immer derselbe gewesen: ein armes, stilles, treues, aufrichtiges und gehorsames Volk, das sich in seiner Not gar nichts Besseres wünschen möchte, als gut österreichisch sein zu können, wird durch Unverstand, Willkür und Rechtlosigkeit gepeinigt, als sollte ihm gewaltsam sein österreichisches Gefühl ausgetrieben und es vorsätzlich zum Hochverrat gezwungen werden. Da man nun damit bisher nichts erreicht hat als Verwirrung, Argwohn und Haß im ganzen Land, wäre ich dafür, es jetzt einmal mit Vernunft, Wohlwollen und Gesetzlichkeit zu versuchen. Probeweise könnten ja, zunächst etwa bloß für ein Jahr, Vernunft, Wohlwollen und Gesetzlichkeit in Dalmatien eingeführt werden, und man könnte dann eben abwarten, was aus den Dalmatinern werde, wenn sie sich einmal wohl fühlen. Das ist meine Meinung über Dalmatien. Sie kann natürlich falsch sein. Aber es kann ja auch die Meinung des Herrn Chlumecky falsch sein. Das können wir beide nicht wissen. Wollen wir in Dalmatien darüber abstimmen lassen, wer von uns beiden recht habe? Ich bin's bereit. – Übrigens weiß ich sehr wohl, daß Dalmatien fremde Hilfe braucht, darin hat Herr Baron Chlumecky sicher recht. Ich habe nur noch nicht bemerkt, daß es sie je von Wien bekommen hätte. Weshalb ich schon voriges Jahr einmal in der Neuen Freien Presse vorschlug, Dalmatien sollte doch, da ja wir nichts dafür tun, einer Berliner G. m. b. H. übergeben werden, und erst neulich noch im Berliner Tageblatt über Dalmatien unter dem Titel schrieb: Um Berliner wird gebeten! Ich sagte da meinen Berliner Freunden: Dalmatien braucht Geld, das größte Geschäft wäre dort zu machen, Österreich unterläßt es, also macht ihr es doch! Da es am Ende ja wirklich gleich sein kann, woher Geld in das verlassene Land kommt. Wenn Herr Baron Chlumecky eins bringt, solls ebenso willkommen sein. Er will ja »kolonisieren«. Nur zu! Alles, alles soll durch ihn ins Land gebracht werden, »Kapital, Menschen, Impulse, Ideen!« Nur zu! Aber wenn er schon »alles, alles« in Dalmatien importiert, wüßte ich ihm noch etwas, was er auch mitbringen könnte: ein bißchen Gerechtigkeit, oh, einen einzigen Tropfen nur, einen einzigen kleinen Tropfen Gerechtigkeit für den ersten Anfang.«

Spalato, Porta aurea

Aber ich mußte dem verehrten Regierungsrat noch ein zweites Mal schreiben, nämlich folgendes: »In der Österreichischen Rundschau vom 15. März hat sich Herr von Chlumecky über mein in der Neuen Freien Presse vom 2. März erschienenes Feuilleton, »Dalmatinisches Abenteuer« ausgesprochen. Telephonisch wurde dann zwischen Ihnen und mir vereinbart, daß ich in Ihrer Zeitschrift antworten könnte. Zehn Tage, nachdem meine Antwort an Sie abgegangen war, wurde ich von Ihrer Redaktion verständigt, das Manuskript sei auf eine unbegreifliche Weise in Verlust geraten; dies mit der Bitte, eine Kopie des Manuskripts einzusenden, mit dem Bedauern, daß es nun leider für die Nummer vom 1. April zu spät sei, und mit der Versicherung, den Brief im zweiten Aprilheft abzudrucken. Dieses zweite Aprilheft ist am 9. ausgegeben worden und enthält meinen Brief nicht. Ich überlasse es Ihrem Urteil, sehr verehrter Freund, ob dies unseren journalistischen Sitten entspricht.«

Er antwortete mir: »Ich habe mir am 2. April erlaubt, Ihnen mitzuteilen, daß ich Ihre Erwiderung Herrn Baron Chlumecky mitgeteilt habe und hoffentlich in der Lage sein werde, Ihnen recht bald Nachricht zu geben. Von meinem Osterausfluge zurückgekehrt finde ich sowohl ein Schreiben des Herrn Baron Chlumecky als auch Ihre werte Zuschrift vom 13. d. M. vor. Herr Baron Chlumecky schrieb mir, daß man gerne Ihre Stimme in einem sachlich begründeten Artikel, worin die Bedenken der dalmatinischen Verwaltung erörtert und Vorschläge zu deren Verbesserung gemacht werden, hören würde. Mit Ihrer Erwiderung könnte er sich nicht einverstanden erklären. Ich möchte Sie also bitten, hiervon Kenntnis zu nehmen und dem Vorschlage des Herrn Baron Chlumecky zu entsprechen. Ich habe Ihnen bereits mitgeteilt, daß wir Herausgeber uns in die Arbeit geteilt haben und daß der politische Teil unserer Zeitschrift in das Arbeitsgebiet des Herrn Baron Chlumecky fällt. Ich würde mich ungemein freuen, endlich einmal einen Beitrag aus Ihrer Feder für unsere Zeitschrift zu erwerben. Sie können sich auch denken, daß mir bei der besonderen Sympathie für Ihre Person diese Episode sehr unangenehm ist, und ich hoffe, daß Sie mit Rücksicht auf Ihre mir sooft bewiesene freundschaftliche Gesinnung auch diesmal entgegenkommen werden. Ich bin auch der Meinung, daß bei Vermeidung jeder Spitze der Effekt weit kräftiger und nachhältiger sein wird.«

Worauf ich dem verehrten Regierungsrat noch ein drittes Mal schrieb, nämlich so: »Es tut mir sehr weh, Sie in dieser Gesellschaft zu sehen. Ihre Redlichkeit kennend, weiß ich ja, wie schwer es Ihnen geworden sein muß, das Gebot des journalistischen Anstands zu verleugnen.«




An Nikolaus Nardelli, den Statthalter von Dalmatien, schrieb ich am 9. März:

»Sehr geehrter Herr Statthalter! Um über Dalmatien, das ich seit Jahren kenne, für einen Berliner Verleger ein kleines Buch zu schreiben, bin ich nun wieder einige Zeit dort gewesen. Dabei wurde mir in Spalato von Leuten, die durchaus mein Vertrauen haben, immer wieder ein Vorgang erzählt, der sich vor ganz kurzer Zeit abgespielt haben soll, der mir fast unglaublich vorkommt, der mir aber von allen mit einer solchen Heftigkeit beteuert wird, daß ich ihn nicht werde verschweigen können. Doch will ich nicht von ihm sprechen, ohne zuvor Ihre Äußerung eingeholt zu haben, da Sie, sehr geehrter Herr Statthalter, mir überall als ein gründlicher Kenner und der ehrlichste Freund Dalmatiens bezeichnet werden und ich für Sie, für Sie persönlich, keineswegs für Ihre Organe, die allergrößte Hochachtung hege. Erzählt wird allgemein, daß vor einigen Monaten eine allgemeine Entwaffnung angeordnet und dann in der Umgebung von Spalato bei den Bauern nach Waffen gesucht worden sei. Nun besteht das einzige Erbe dieser armen Leute in altertümlichen Gewehren, Pistolen oder Handsäbeln, die von ihren Ahnen den Türken abgenommen worden und von Geschlecht zu Geschlecht als kostbare Andenken an eine größere Zeit in den Familien aufbewahrt geblieben sind. Es ist ganz unzweifelhaft, daß solche längst unbrauchbar gewordene historische Geräte keine »Waffen« im Sinne des Gesetzes sind. Und wären sie es, so müßte doch jedenfalls der Ordnung gemäß verfahren und dem Eigentümer mitgeteilt werden, was mit den »Waffen«, die man ihm konfisziert hat, denn eigentlich geschieht, wohin sie gebracht worden und wo sie bleiben. Erzählt wird aber, daß man dies unterlassen, den Bauern ihr Eigentum einfach weggenommen und es verschleudert habe. Meine Vertrauensmänner pflegen diesen Bericht mit der Bemerkung zu schließen, daß man seitdem bei vielen Beamten und Offizieren merkwürdig reiche Sammlungen kostbarer alter dalmatinischer Waffen finde. Meine Vertrauensmänner stehen nicht an, dies als einen »amtlichen Raub« zu bezeichnen. Ich wäre Ihnen, sehr geehrter Herr Statthalter, außerordentlich verbunden, wenn Sie die große Güte hätten, mich darüber mit einigen Worten aufzuklären.«

Als ich dem Hofrat Burckhard von diesen merkwürdigen »Entwaffnungen« berichtete, sagte er: »Sie dürfen nur nicht glauben, daß dies etwas Neues oder etwas besonders Dalmatinisches sei, nein, es ist gute alte österreichische Tradition.« Und er erzählte mir, wie er als Bub daheim einst ein verrostetes altes Schießgewehr fand und sein Vater, als er ihn damit spielen sah, in argen Zorn geriet, weil dieses Schießgewehr nämlich früher eine wunderschöne Flinte gewesen war, die 1849, bei der allgemeinen Entwaffnung, abgeliefert werden mußte; und als dann später die konfiszierten Waffen ihren Eigentümern zurückgegeben wurden, siehe! da hatte die kostbare Flinte sich in ein wertloses Schießgewehr verwandelt. Es gab also schon damals solche Sammler und die dalmatinische Verwaltung hält sich an ein altes Gewohnheitsrecht.

Auf meinen Brief an den Statthalter in Zara kam zunächst an mich ein Brief aus Spalato. Einer meiner Freunde dort hatte erfahren, was ich an den Statthalter geschrieben, ferner daß darauf der Statthalter bei der dortigen Bezirkshauptmannschaft angefragt, und endlich, was die Bezirkshauptmannschaft dem Statthalter geantwortet und was nun also der Statthalter mir antworten werde. Dies alles schrieb mir der Freund, und es machte mir Spaß, die Antwort des Statthalters früher zu wissen als er selbst. Ich dachte einen Moment daran ihm zu schreiben: »Sehr geehrter Herr Statthalter! Auf meinen Brief vom 9. d. M. werden Sie mir antworten, daß usw. Ich erlaube mir darauf im voraus zu erwidern, daß usw.« Aber das hätte ihn am Ende geärgert.

Der Statthalter antwortete mir am 30. März aus Zara:

»Euer Hochwohlgeboren! Wiewohl mir die von Euer Hochwohlgeboren erwähnten Gerüchte über das Verschwinden amtlich konfiszierter Waffen wenig glaubwürdig vorkamen, habe ich hierüber Erhebungen einleiten lassen, aus welchen ich entnehme, daß die letzte Entwaffnung im Bezirke Spalato im Jahre 1898 erfolgte. Die damals konfiszierten Waffen befinden sich ausnahmslos noch gegenwärtig in Verwahrung der Bezirkshauptmannschaft. Die Euer Hochwohlgeboren erteilten Informationen über ein Abhandenkommen einzelner derselben muß ich demnach als ganz unrichtig bezeichnen. Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung Euer Hochwohlgeboren ergebener Nardelli.«

Ich schrieb darauf an ihn noch diesen Brief: »Sehr geehrter Herr Statthalter! Nehmen Sie, sehr verehrter Herr Statthalter, meinen allerbesten Dank für Ihre so freundlichen Bemühungen und Ihr liebenswürdiges Schreiben vom 30. März. Was die Sache selbst betrifft, die ja auch mir »wenig glaubwürdig« verkommt, so sind mir inzwischen hierzu noch folgende Daten angegeben worden: ›Zu Weihnachten 1908 wurden bei der Entwaffnung des Dorfes Otok im politischen Bezirke Sinj den Bauern mehrere sehr schöne, kostbare, antike Nationalwaffen genommen, welche die Bauern bei dem jährlichen, am 15. August stattfindenden historischen »Alka«-Pferderennen als Schmuck tragen. So wurde dem Dorfvorsteher von Otok, Luka Milanovič-Litre des ver. Luka, zwei mit Silber beschlagene sehr alte Gewehre und ein gleichfalls mit Silber beschlagenes und mit sehr kostbaren Steinen besetztes Handjar-Messer genommen. Diese Waffen waren schon über 150 Jahre im Besitze der Familie Milanovič.‹ So steht nun Behauptung gegen Behauptung. Nochmals bestens dankend, bin ich, sehr geehrter Herr Statthalter, Ihr aufrichtig ergebener H. B.«

Darauf erhielt ich vom Statthalter keine Antwort mehr, wohl aber erschien in der Spalatriner »Sloboda« vom 18. Juni folgender Aufsatz:

»Hermann Bahr für Dalmatien.

Als Hermann Bahr den verflossenen Winter in Dalmatien zubrachte, fragte er uns, da er sich für die Landes- und Volksverhältnisse sehr interessierte, unter anderem, weshalb unsere reichen und altertümlichen Volkswaffen immer mehr verschwinden, so daß sie heute zu einer Seltenheit im Lande geworden sind.

Um dem Herrn Bahr dieses »Verschwinden« zu erklären, zeigten wir ihm, wie auch in diesem »Unternehmen« unsere Regierung die Hauptrolle spielt und es ausschließlich ihr Verdienst ist, daß es mit diesen historischen und kunstvollen Andenken unseres Volkes so weit gekommen ist.

Wir erzählten ihm folgendes: Unsere Regierung führt schon seit mehreren Dezennien ununterbrochen und systematisch die Entwaffnung des Landes durch; bei diesen Entwaffnungen wird auf die historischen Volkswaffen der größte Wert gelegt, und werden dieselben von den betreffenden behördlichen Organen mit einer gewissen Habgier gepfändet und abgenommen; hierbei werden mit den neuen Waffen alte Gewehre, Pistolen und Säbel abgenommen, mit denen man kaum eine Maus töten könnte, die für das Volk jedoch die einzige Erinnerung an die Heldentaten ihrer Vorfahren sind. Diese Waffen werden dann aus Dalmatien nach Wien transportiert, und hier entweder um teures Geld verkauft, oder unter die höheren Beamten und deren Freunde verteilt. Der verstorbene Dr. Trojanović sah gelegentlich einer Opernvorstellung in Wien in der Hand des Tenors einen herrlichen alten Säbel, der aus der Gegend von Kotor stammte; als er mit diesem Tenor zusammenkam, sagte ihm dieser, er habe den Säbel im Ministerium des Inneren erworben. Schließlich wurde vor einiger Zeit das Dorf Glavice bei Sinj entwaffnet und hierbei den Leuten kostbare, in Gold und Silber gearbeitete, sowie mit Edelsteinen verzierte Waffen, abgenommen.

Als Herr Bahr dies hörte, staunte er und skandalisierte sehr über dieses Barbarenwesen und diese Plünderung – wie er es selbst bezeichnete. Er wollte gar nicht an die Möglichkeit unserer Behauptungen glauben, und sagte, daß dies nicht nur ein dalmatinischer, sondern ein europäischer Skandal wäre, und begriff nicht, wie das Land und besonders die Abgeordneten dem ruhig zusehen können, denn es wäre doch unglaublich, wenn man diesem Vorgehen nicht Einhalt tun könnte...

Als Bahr dann nach Wien kam, richtete er einen Brief direkt an den Statthalter Nardelli, worin er ihm Einiges, was er in dieser Beziehung gehört, mitteilte, und fragte ihn ob es wahr sei, daß gelegentlich der Entwaffnung im Jahre 1907 in einem Dorfe des Bezirkes von Splitazach die altertümlichen Volkswaffen den Bauern abgenommen wurden. (Bahr glaubte nämlich, daß das Dorf Glavice im politischen Bezirke von Split gelegen sei.) Die Statthalterei wußte zwar genau, daß sich dies auf den Ort Glavice beziehe, machte sich jedoch den Irrtum Bahrs zu Nutzen, und stellte fest, daß schon seit zehn Jahren im Bezirke von Split keine Entwaffnung vorgenommen wurde, und daher auch die Behauptung Bahrs nicht der Wahrheit entspreche.

Herr Bahr ruhte jedoch nicht, erfuhr, daß der Ort Glavice zum politischen Bezirk von Sinj gehöre, daß derselbe im Jahre 1907 entwaffnet wurde, und daß bei dieser Gelegenheit nebst anderen auch dem Luka Milauvire-Litre zwei kostbare Stücke alter Waffen abgenommen wurden.

Als Bahr im Besitze dieser unwiderlegbaren Tatsachen war, drohte er diesen ganzen systemisierten Skandal der Plünderung des Nationalgutes in die europäische Presse zu bringen, falls dem nicht ehebaldigst entgegengetreten würde.

Die Drohung des deutschen Herrn Bahr flößte doch den Herren in Zadar und Wien Angst ein, obwohl sie die Drohungen unserer Abgeordneten unbeachtet ließen, und die Folge war, daß die Statthalterei einen Erlaß erließ, worin angeordnet wird, daß die dem Luka Milanovič-Litre, gelegentlich der Entwaffnung abgenommenen Waffen sogleich rückzuerstatten sind, und am 27. Mai l. J. sandte die Statthalterei ein Zirkular an alle Bezirksvorstände, in welchem bestimmt wurde, daß von nun an bei der Entwaffnung dalmatinischer Ortschaften auf die alten Waffen genau zu achten ist, und solche weder gepfändet noch abgenommen werden dürfen, sondern im freien Besitze desjenigen zu verbleiben haben, bei dem sie gefunden wurden.

So wird durch das Verdienst eines Fremden unser Volk in der Lage sein, die wenigen Überreste der historischen Waffen behalten zu können. Dies ist zwar sonderbar und traurig, aber wahr.«

In diesem Aufsatz wundert mich nur, daß die Statthalterei als eine »Drohung« empfunden haben soll, was doch nur eine höfliche Anfrage war.

Am Ende wird man dieses ganze Buch auch als »Drohung« empfinden, während es doch nur zornige Liebe ist, die hier spricht.

Ich will helfen, Österreichs schönstes Land vor seinen tückisch schleichenden Verderbern zu retten und ihm die Freiheit zu bringen.

Ende

DRUCK DER SPAMERSCHEN BUCHDRUCKEREI IN LEIPZIG

Werke von Hermann Bahr

(S. Fischer, Verlag, Berlin)

Die gute Schule. Roman. 2. Auflage. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk.

Neben der Liebe. Wiener Roman. 2. Auflage. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk.

Dora. Wiener Geschichten. 2. Auflage. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.

Caph. Novellen. 2. Auflage. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.

Renaissance. Neue Reihe zur Kritik der Moderne. Geh. 3,50 Mk., geb. 4,50 Mk.

Theater. Ein Wiener Roman. 3. Auflage. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk.

Tschaperl. Ein Wiener Stück. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.

Josephine. Ein Spiel. Geh. 2,50 Mk., geb. 3,50 Mk.

Der Star. Ein Wiener Stück. 2. Auflage. Geh. 2,50 Mk., geb. 3,50 Mk.

Wiener Theater (1892-1898). Geh. 4 Mk., geb. 5 Mk.

Die schöne Frau. Novellen. 2. Auflage. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.

Rezensionen (Wiener Theater 1901-1903). Geh. 5 Mk., geb. 6 Mk.

Dialog vom Tragischen. Essays. Kart. 2,50 Mk.

Der Meister. Komödie. 3. Auflage. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.

Sanna. Schauspiel. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.

Die Andere. Schauspiel. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.

Glossen (Zum Wiener Theater 1903-1906). Geh. 5 Mk., geb. 6,50 Mk.

Ringelspiel. Komödie. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.

Die gelbe Nachtigall. Komödie. Geh. 2,50 Mk., geb. 3,50 Mk.

Stimmen des Bluts. Novellen. 2. Auflage. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.

Die Rahl. Roman. 3. Auflage. Geh. 4 Mk., geb. 5 Mk.

Drut. Roman. 4. Auflage. Geh. 5 Mk., geb. 6 Mk.

Theater

Hermann Bahr hat sein oft gegebenes Versprechen gehalten, er hat den ersten bodenechten Wiener Roman geschrieben.

(Wiener Tagblatt)

... So hat denn sein Roman, den er selbst einen Wiener Roman nennt, bei aller Lokalfarbe doch etwas Allgemeingültiges, ist ein menschliches Dokument, das seinen Wert behalten wird, auch wenn alle Modelle, von denen er die Einzelzüge entlehnt, längst den Weg alles Fleisches gegangen sein werden... Ein so mondänes Buch wie das Bahrsche darf man selbst denen empfehlen, die sich mit Grund vor deutschen Romanen fürchten. Eine spannende Plauderei für den Oberflächlichen, ist es ein hochrespektables Kunstwerk für den Verständigen, in Plan und Detailausführung gleich bemerkenswert, zugleich aber eine Prosaleistung, vor der man den Hut abnehmen darf.

(Neues Pester Journal)

Glossen

So manche der in der Glossensammlung besprochenen Autoren werden im Mausoleum der Literaturgeschichte vermodert, so mancher heute noch laut ausgerufene Name wird, vergessen und verschollen, selbst den Gelehrten nicht mehr geläufig sein – in dem höchst anziehenden und lehrreichen Buche des impressionistischen Dichterkritikers werden sie vor der Nachwelt ihre Auferstehung feiern.

(Die Wage, Wien)

Stimmen des Bluts

Jede dieser lässig skizzierten Erzählungen hat irgendeinen Reiz, der fasziniert. Ihre Vorwürfe sind bizarr. Die geheimnisvolle Anziehung und Abstoßung zwischen den Geschöpfen wird von einem skeptischen Weltmann mit eleganter Nachlässigkeit beplaudert. Es ist Pose in dieser Eleganz, Nachlässigkeit vor dem Photographen, aber es ist künstlerisch und niemals langweilig.

(Süddeutsche Monatshefte)

... Wer aber diese Geschichten liest, der wird eine Weile lang sonst unhörbare, nie völlig erschürfte Quellen des Lebens rauschen hören und eine Weile lang gedankenvoll Dingen nachgrübeln, die ganz abseits vom Wege unseres nüchternen Rechenverstandes liegen und die nur ein Dichter zuweilen bis an die Schwelle unseres Bewußtseins zu heben versteht.

(Pester Lloyd)

Drut

... den österreichischen Roman zu schreiben, das Buch, in dem nicht einzelne Typen, sondern der gesamte Komplex von verknöcherten Traditionen, kampfbereiten Expansionsgelüsten, innerem Parteihader, still arbeitenden politischen Gewalten, von Liberalismus und Demagogentum, von ehrfürchtiger Kaisertreue und scheelem Zynismus, von müde gewordenen Hoffnungen und machtdurstiger Geschäftigkeit, in dem dieser Komplex von mehr fühlbaren als faßbaren Dingen lebendig würde und dies in der spezifisch weichen, lebensfrohen Atmosphäre Österreichs – dieses Buch zu schreiben gelang erst heute Hermann Bahr in seinem eben erschienenen Roman »Drut«... Es wird Leute geben, die sich an diesem allzu frischen Zusammenhang des Bahrschen Romans mit realen Ereignissen stoßen werden. Sie werden das Buch lesen müssen, um zu sehen, wie ein Künstler den Einzelfall ins große Allgemeine, Typische zu weiten weiß. Mit welch tiefer Seelenkunde, mit welch warmem Verstehen und namentlich mit welch unglaublicher Lebensechtheit die Menschen hier gestaltet sind. Und wie in ihr Tun alle Probleme und alle Mächte des heutigen Österreich hineinspielen, wie greifbar die österreichische Landschaft hineingrüßt – und sie werden dann bewundernd zu der Höhe der Kunst hinaufsehen, zu der sich Bahr durch so vielerlei Wandlungen emporläuterte.

(Pester Lloyd)

... So bekommen wir auch in diesem Roman, der, künstlerisch gemessen, eines seiner bedeutendsten und vollkommensten Werke, ein österreichischer Roman im besten Sinne des Wortes, ein wundervoll lebendiges Bild unserer Zeit ist, doch auch manchen prächtigen Essay, manche treffende Abhandlung über soziale und ethische Fragen zwischendurch zu lesen. – Bahr will eben nicht bloß unterhalten, sondern auch überzeugen. Er ist Bildner und Lehrer, Prophet und Dichter zu gleicher Zeit. Sein Roman ist in diesem Sinne auch ein politisches Buch. Und es ruft nicht bloß – wie sonst meistens Romane – Frauen und Jünglinge, sondern auch und vielleicht vor allem Männer zu seinen Lesern herbei. Männer, die dieses Österreich lieben wie Bahr selbst und denen Österreichs Zukunft am Herzen liegt.

(Neue Freie Presse, Wien)

Die Rahl

Hermann Bahr hat einen neuen Roman geschrieben: »Die Rahl«. Aus dem Theaterleben, dem Bahr schon so viel psychologische Beute verdankt. Diesmal steht eine große Tragödin in der Mitte und neben ihr ein kleiner Schuljunge, ein Gymnasiast. Die Rahl lebt im Leben nur ein Scheindasein, ihr inneres und echtes Leben lebt sie auf dem Theater; der arme kleine Junge neben ihr darf eine Nacht lang ihr Genosse sein, und da der Gymnasiast in der Wirklichkeit steht, kann er es nicht begreifen, daß die Künstlerin die große Stunde so rasch vergessen konnte. Am Ende, da der Jüngling von den Bedienten der Rahl nicht mehr vorgelassen wird, dringt er in seinem knabenhaften Mut bis zu dem Grafen, dem Gatten der Tragödin, vor, um ihm alles zu »enthüllen«. Das ist eine von delikatestem Witz eingegebene Szene. Dieser bebende kleine Junge, der mit der Romantik seiner sechzehn Jahre vor einem vom Leben durchgegerbten, aus Notwendigkeit milde gewordenen Gatten steht, nun von dem vermeintlichen »Unterdrücker« die Geliebte fordert, und als Antwort nur ein sehr gütiges, nachsichtiges Lächeln empfängt! Ich wüßte nicht, welcher Deutsche außer Hermann Bahr eine ähnliche Szene schreiben könnte. Diese aus seelischem Wissen entspringende Lustspielstimmung gehört nur ihm. Wo ist denn ein anderer Deutscher, dessen Humor aus psychologischem Untergrund kommt? Der Roman ist mit einigen sehr scharfen Silhouetten aus der Mittelschulwelt geschmückt, und besonders in Wien wird das angedeutete Porträt des »kleinen Beer«, des jüdischen Revolutionärs im Obergymnasium, von Hunderten Jünglingen als das eigene Bild angesehen werden.

(Wiener Arbeiterzeitung)