7.
Nach Lakroma. Man fährt, vom alten Hafen weg, kaum eine halbe Stunde. Ich habe wieder das Gefühl, im Anblick der Stadt, sie sei nicht von Menschen erbaut, sondern aus der Erde gewachsen.
Dem Landenden wird ein weißes Kreuz sichtbar, und der Schiffer erzählt, daß hier einst ein Kriegsschiff explodiert und nur ein einziger Mann gerettet worden sei, der für ein schweres Verbrechen, das er verübt, ganz unten in Ketten lag. Die Geschichte höre ich immer wieder gern, weil sie so moralisch ist. Wie muß sich dieser brave Mann sein ganzes Leben lang über sein Verbrechen gefreut und es gesegnet haben!
Hier war schon 1023 ein Kloster. Und diese Benediktiner verstanden es dann überall, die Händel der Großen für sich auszunützen. Da war irgendein Zwist eines Königs Radoslav mit seinem Neffen Bodino, und der Schluß ist, daß der landflüchtige König das Kloster zum Erben macht, sein böser Neffe aber auch. Die geistliche Kunst besteht darin, sich so zwischen die Starken und Schwachen zu stellen, daß sie diese zu schützen, jenen zu drohen scheint, doch aber immer noch im rechten Moment wenden kann. – Auch Richard Löwenherz, aus einem Sturm an diesen Strand gerettet, hat dafür dem lieben Gott viel bezahlen müssen.
Wie mir diese Namen klingen! Richard Löwenherz, Kaiser Max, Kronprinz Rudolf. Im wilden Garten sage ich sie mir immer wieder vor. Ich weiß nicht, was ich eigentlich dabei fühle. Es sind nur Akkorde. Richard Löwenherz, Kaiser Max, Kronprinz Rudolf. Bis zu einem deutlichen Gefühl, das ich nennen könnte, wirds nicht klar. Nur wie wenn leise der Wind über eine Harfe ging, streichen die drei Namen über mich hin. Richard Löwenherz, Kaiser Max, Kronprinz Rudolf.
In Hietzing steht der Kaiser Max vor der Kirche. Immer wenn ich in die Stadt muß, fahre ich in der Elektrischen an ihm vorbei. Das Denkmal, von einem Johann Meixner, der mir sonst unbekannt ist, sagt nichts. Es stellt irgendeinen sehr österreichischen, gar nicht tragischen Herrn dar. Wenn man aber hier im Kloster durch seine Zimmer geht, sieht man ihn; da ist er noch selbst, der Kaiser Max von Mexiko. Sie sind ganz einfach, aber in jeder Ecke sitzt die Sehnsucht. Und draußen der Garten und drüben das Meer, in ungeheurer Einsamkeit. Aus den ganz kleinen Zellen sieht man überall ins Große. Und die Stimmen des Windes, der zornig in den Eichen haust, der Welle, die stöhnend an den Fels schlägt, rufen in die tiefe Stille herein.
Lakroma
Ich habe neulich einmal die sieben Bände durchgesehen, die vom Kaiser Max übrig sind. Reiseskizzen, Aphorismen, Gedichte. Besonders die Gedichte sind arg. Überall aber spricht ein Mensch, der sich immer wünscht, Großes und Schönes zu finden; und er glaubt, es müsse draußen irgendwo sein. Die stolzen Namen seiner Ahnen regen ihn auf, ihr Enkel zu sein will er sich verdienen, so sucht er ein würdiges Schicksal. Und rührend ist es, wie er sich immer mit dem Edelsten umgibt und durch Erinnerung an die Taten oder Werke bedeutender Menschen sich selbst ihnen zu nähern glaubt. Er war zu groß, Großes aus der Ferne zu bewundern; er hat daran teilnehmen wollen. Und dazu war er doch wieder nicht groß genug, er hatte nur den Wunsch nach Größe. Er hatte nur die Sehnsucht. Und so hat er, ein Schicksal suchend, zuletzt nur ein Abenteuer gefunden. Das war seine Tragik.
Der Kaiser Max und unsere Kaiserin Elisabeth, diese zwei großen Statuen der Sehnsucht stehen am Eingang unserer Generation. Wird an unserem Ausgang eine der Erfüllung stehen?
Da ist, unter Eichen und Kiefern, eine Mulde, in die vom Meer unterirdisch Wasser dringt: das Mare Morto. Ich strecke mich hier hin, es weht lau, der Stein glüht, unten gluckst es dumpf; und vor mir nichts als das blaue Meer. Mir wird warm und wohl, es denkt sich hier so gut.
Nein, das sind keine Verschwörer, dort in der alten Stadt; es sind keine Verräter. Sie haben keinen Wunsch als gut österreichisch sein zu können. Aber die Stadt dehnt sich, sie spürt ihre Kraft; und die Bauern, ringsherum, schicken ihre Söhne nach Amerika, die lernen dort, wie man heute das Land bestellt, und, heimgekehrt, erzählen sie davon. Doch die Bildung fehlt und die Maschinen fehlen und Städter und Bauer erkennen so, daß ihnen überall das Geld fehlt. Woher kriegen wir Geld? Wir selbst sind zu schwach und Wien hilft uns nicht. Ja wenn wir stärker wären! Wir sind zu wenige. Wir müssen uns mit anderen vereinigen. So setzt sich auch hier die wirtschaftliche Not ins nationale Gefühl um. Wenn die Menschen hungern, sagen sie: das Vaterland muß größer sein! Die Stadt dehnt sich, der Bauer will Maschinen, dies wird jetzt in das Wort gepreßt: Trialismus! Warum sind wir von unseren Brüdern getrennt? Wir Kroaten in Dalmatien und die Kroaten in Kroatien und Slawonien sind ein Volk, so wollen wir auch ein Reich sein! Wirtschaftliches Bedürfnis wird so zur politischen Leidenschaft. Ein habsburgisch gesinnter Staatsmann ließe sich das nicht entgehen. Er gewänne für Österreich ein Volk und hätte die ungarischen Rebellen geschlagen.
Nun sagen unsere Staatskünstler freilich: Solange die Menschen hier hungern, gehorchen sie noch am ehesten, brächten wir aber Geld ins Land und ließen Bürger und Bauern erstarken, oder würden gar Dalmatien und Kroatien ein Reich, so fängt sogleich die politische Romantik auszuschlagen an, ein kräftiges Bürgertum ist nicht zu regieren, davon haben wir in Böhmen genug, und wenn es sich erst wirtschaftlich und geistig zu fühlen beginnt, weiß niemand mehr, gegen wen sich die junge Kraft am Ende noch kehrt, während mit diesen Bettlern hier ein paar Gendarmen fertig werden, das ist sicherer, Not regiert man noch am leichtesten, denn wie den Menschen nicht mehr hungert, wird er frech, glauben Sie mir!
Diese Staatskünstler stecken nämlich noch ganz im alten Österreich, das seinen Sinn in Deutschland suchte. Seit es aber hinausgeworfen wurde, hat es nur die Wahl: entweder keinen Sinn mehr zu haben oder sich jetzt einen neuen zu suchen. Der kann nur auf dem Balkan sein. Jener, nach Norden und Westen gekehrt, hat es nicht nötig gehabt, sich um das verlorene Volk dort unten zu kümmern. Dieser braucht es. Denn nur mit starken Südslawen können wir auf dem Balkan stark sein. In ihrer Kraft ist unsere Zukunft. Aber unsere Staatskünstler wissen noch immer nicht, daß wir aus einem deutschen Östreich ein slawisches Westreich geworden sind. Vor dreiundvierzig Jahren ist das geschehen. Es wäre Zeit, sich daran zu gewöhnen...
Das Wasser gluckst im Schacht, die Kiefern biegt der Wind, der Stein glüht. Ich bin unruhig, in einem inneren Halbdunkel, zwischen Denken und Fühlen. So seltsam klingt es überall, die Seele der Insel scheint aus dem Schlaf zu reden. Und ich erwarte, jetzt und jetzt eine weiße Gestalt aus dem Lorbeer treten zu sehen. Wenn noch Götter wären? Die Götter der Griechen! Götter, die sich zu geliebten Irdischen neigen! Und immer das leise Singen, auf der ganzen Insel. Und drüben die roten Rosen. Und draußen das blaue Meer.
Solche Stunden, wenn der Wind weht, das Meer glänzt, die Sonne glüht, haben die sonderbare Macht, indem sie den Geist zu lichten oder gleichsam zu schleifen scheinen, daß er hell und schneidend wird, zugleich einen magischen Kreis um ihn zu ziehen, in dem alles traumhaft wird. Niemals sind wir bereiter, mit dem Verstande alles zu wagen, niemals kühner zu logischen Exzessen gestimmt, niemals so gewiß, jedes Geheimnis auszurechnen, niemals aber auch ahnungsvoller und mehr in Nacht vertieft. Während unser Verstand dann eine lachende Zuversicht hat, alle Fragen aufzustören, alle Rätsel abzuwickeln, werden wir über den Rand des Bewußtseins gedrängt und sind unsicher, was noch Realität, was schon Halluzination ist. Wirklichkeit erkennen wir für Wahn, und Wahn nimmt die Gewalt von Wirklichkeiten an. Niemals fühlen wir uns im Geiste so fest, aber der Boden unter ihm wankt. Wir wissen, daß wir im Recht sind, aber es könnte sein, daß es das Recht einer anderen Dimension wäre. Wir fühlen uns ungeheuer wach, aber so unwahrscheinlich wach, daß wir es bloß zu träumen fürchten. Und seltsam ist es, wie von dieser geheimnisvollen Erektion des Geistes nun auch unsere Sinnlichkeit mitgerissen wird. Das sinnlich Aufregende weiß zerstiebenden Wassers, mit leisen Fingern kitzelnden Windes und des verwirrenden Geruchs schwellender Blumen wirkt niemals stärker auf uns als in solchen Stunden der höchsten inneren Klarheit, wenn sich der Geist vom Körper zu lösen scheint und dieser nur noch einmal zum Abschied die Hände nach ihm hebt. Dann hat jede Rose das Gesicht einer Frau, Dryaden nicken nackt aus allen Bäumen und der Boden dampft überall vom Schweiß der Faune. Indem wir, entrückt, schon aufzufliegen glauben, hält uns noch einmal der süße Bann der Erde zurück. In solchen Stunden ist es, als machten wir an uns noch einmal die ganze Menschheit durch, vom Anbeginn des Urtiers, und ewig weiter, bis in unbekannte Fernen, vom Faun, der wir gewesen sind, bis zum Gott, der aus uns werden will. Und einen atemlosen Augenblick lang steht dann in uns die Ewigkeit versammelt.
Dem Heimkehrenden aber, der, solcher banger Seligkeit entkommen, noch einmal vom Kahn zu dem magischen Eiland zurückblickt, ist es wieder nur ein stiller, waldiger, verwilderter Garten...
Im Kahn fällt mir plötzlich ein: Warum setzen wir hier nicht einen unserer jungen Erzherzoge her? Den Erzherzog Eugen etwa, der sich in Innsbruck bewährt hat. Er wäre fähig, die Schönheit der Insel zu genießen, und hätte durch seine frische, leutselige, weltkluge Sinnesart bald das Zutrauen der Menschen. Sie sind zu oft getäuscht worden, um uns noch zu glauben. Sie lachen nur, wenn wieder ein Minister zum hundertstenmal die »Hebung Dalmatiens« verkündigen läßt. Sie wissen schon, daß es doch immer auf dem Papier bleibt. Aber käme nun, statt der Botschaft, auf die keiner mehr hört, ein lebendiger Mensch in ihre Stadt, um unter ihnen zu wohnen, ihre Sitten zu teilen und ihre Sorgen zu suchen, dies wäre vielleicht ein Zeichen für sie, woran sich alte Hoffnungen wieder aufrichten könnten. Und er hat es ja nicht so nötig, sich oben beliebt zu machen. Er müßte nicht immer daran denken, nur das nach Wien zu berichten, was man in Wien gerade zu hören wünscht. Er könnte wagen, einmal die Wahrheit zu sagen, ohne gleich verdächtig zu sein. Abends auf dem Stradone gehend, wie es seine Art ist, sich gern im Volke zu bewegen, oder ins Land zu den Bauern fahrend, schon um alte Waffen und ererbten Schmuck zu sehen, die Wünsche der Bürger hörend, mit diesen schönen Frauen scherzend, Fischern im Boot lauschend, die Geschichten aus der alten Zeit erzählen, fände dieser junge, dem Leben offene, wahrhafte Mensch den echten Sinn des verleumdeten Volkes bald heraus und hätte den Mut, Gerechtigkeit zu heischen. (Behutsam natürlich, denn wir haben Hofräte im Ministerium, denen auch ein Erzherzog noch lange kein genügender Patriot ist!) Und die Familien der alten Ragusäer, die sich jetzt in Einsamkeit verkriechen und verbittern, legten wieder ihren alten Prunk an, um bei seinen Festen zu glänzen, und sein froher Sinn, den Künsten zugetan, riefe die Jugend der Dichter und Maler herbei, die jetzt in ohnmächtiger Sehnsucht vergeht. Und der Saal, oben in der Dogana, wäre dann wieder von Freuden und Hoffnungen hell wie damals, in der unvergessenen Zeit des ersten Erwachens.
Da stößt der Kahn hart ans Ufer und rüttelt mich auf. Ich muß lachen, denn ich habe plötzlich in mir die Stimme Kolo Mosers gehört. Der las uns auf dem Semmering so gern eine Predigt des Abraham a Santa Clara vor, in der jeder Satz mit dem Ausruf schließt: O Narr! Und wie aus einem Grammophon klingt es mir: O Narr! Und klingt mir noch in einem fort nach, während ich durch die Stadt gehe, mit seiner vollen, tief gurrenden Stimme von verhaltener Lustigkeit: O Narr! – Kolo, was tust du? Kolo, Professor, Ritter des Franz-Josef-Ordens, was willst du von mir? Hebe dich hinweg und störe mich nicht in meinen patriotischen Phantasien!
Dreimal die Woche werden die Ragusa besuchenden, im Hotel Imperial abgefütterten Fremden in eine stoßende stinkende Barkasse gestopft und nach Cannosa geschleppt; noch drei Nächte lang träumt man dann nur von Öl. Dort müssen sie aussteigen und werden über steile Stufen in der Sonne zu der berühmten Platane getrieben; gehorsam geht jeder um diese herum, die Schritte zählend, um festzustellen, daß es wirklich fünfundzwanzig sind. Dann nimmt man jedem eine Krone ab und sie dürfen in den Garten der alten Grafen Gozze. Hier sind Zedern und Lorbeer und Palmen von seltener Art, und es wäre hier sehr schön. Schon aber wird der schwitzende Fremde wieder in die stinkende Schale gesteckt. Rote Rosen winken vom Fels, das blaue Meer glänzt, aber die ganze Welt riecht hier nach Öl. Einer liest vor, daß die Erinnerungen der Gozze zurück bis in das zehnte Jahrhundert gehen und wer alles aus dem kleinen Schloß schon über das Meer geblickt hat, Tegetthoff und Kaiser Max mit der Charlotte und unser alter Kaiser Franz, und daß die weiße Straße, die man dort sieht, nach dem Herzog von Ragusa, dem Marschall Marmont heißt, aber alle rümpfen die Nasen, denn alle diese feierlichen Namen schwimmen in Öl. Und man hat nach einiger Zeit das Gefühl, daß es überhaupt nur Öl gibt. Und dann unterhalten sich die Frauen. Ihr Hauptvergnügen ist, jede will der anderen beweisen, daß sie noch billiger eingekauft hat. Ein dickes, kommerzienrätliches, altes Weib, schwer mit Putz behangen, beschreibt, wie man es anstellen muß, um den armen Händlern auf dem Stradone die Preise zu drücken. Sie zeigt einen Ring, den sie gekauft hat, und läßt raten, um wie viel. Es ist nicht der Ring, der ihr Freude macht, sondern das Hochgefühl, den armen Albanesen übervorteilt zu haben. Ehrfurchtsvoll wird ihr zugehört.
Spalato
So weit sich in Öl denken läßt, überlege ich, warum wohl diese Menschen eigentlich reisen mögen. Auf den Schiffen stecken sie die Köpfe zusammen und erzählen sich Anekdoten. Manchmal nennt einer den Namen einer Insel, da sehen sie hin und sagen: A! Und schon stecken die Köpfe wieder beisammen. In den Hotels interessiert sie die Kost, und sie vergleichen, was man um dasselbe Geld in Wiesbaden, Ischl und Sorrent zu essen kriegt. Zuweilen lassen sie sich von einem Führer durch die Stadt treiben, der ihnen ungeduldig Daten zuwirft, die er aus dem Baedeker hat. Und sie verlassen das Land, ohne jemals mit einem seiner Bewohner ein Wort gesprochen zu haben. Der Hofrat Burckhard hat einmal einer Dame von Rom erzählt, da rief sie, den Gatten stupfend: »Ach ja, Rom! Erinnerst du dich? Da wo uns der liebe weiße Pudel zugelaufen ist!«
Der reiche Reisende hat für ein Land wirklich bloß einen wirtschaftlichen Wert. Der arme, der Student, der junge Künstler, der Lehrer, hat auch einen geistigen. Denn der lernt das Volk kennen und es ihn. Den hätte Dalmatien nötig. Der könnte dann, heimgekehrt, von diesem wunderbaren Land erzählen, und von der tiefen Not, in der sein edles Volk gefangen liegt. Und dies wäre der Tag der Freiheit. Denn das heutige Dalmatien wird unmöglich sein, sobald man nur einmal davon weiß.
Ein einziges Mal möchte ich, bloß eine Woche lang, zehn ruhige rechtliche Männer, Kaufleute, Landesgerichtsräte, Hausbesitzer aus Krems oder Steyr, durch Dalmatien geleiten!