VII. Zeitwörter.
§. 20. 1. Die Zeitw. sagen aus, was Gegenstände thun oder was mit ihnen gethan wird. Sie antworten auf die Frage: Was thut ein Gegenstand? oder: Was wird mit einem Gegenstande gethan? Der Knabe schreibt. Was thut der Knabe? schreibt = Zeitw. — Der Hund wird geschlagen. Was wird mit dem Hunde gethan? wird geschlagen = Zeitw.
2. Aeußerlich erkennt man die Zeitw. daran, daß die Wörtchen ich, du, er vor dieselben gesetzt werden können.
§. 21. Es giebt:
1. Hülfszeitw. der Zeit: sein, haben, werden. Sie dienen zur Bildung der zusammengesetzten Zeiten der Zeitw.
2. Hülfszeitw. der Aussageweise: können, dürfen, mögen (Möglichkeit); müssen, sollen, wollen (Nothwendigkeit) und lassen (Möglichkeit und Nothwendigkeit).
Anm. Ich kann, wozu ich Kraft habe. Ich darf, wozu ich Erlaubniß habe. Ich mag, wozu ich Lust habe. Ich muß, wozu ich gezwungen bin. Ich soll, wozu ich Befehl habe. Ich will, wozu ich den Entschluß habe.
3. Zielende (regierende) Zeitw. (V. transitiva). Sie haben eine That- und Leideform (Activ und Passiv): ich lobe und ich werde gelobt.
4. Ziellose (nicht regierende) Zeitw. (V. intransitiva). Sie haben keine Leideform: ich belle, aber nicht: ich werde gebellt.
5. Außer den genannten Zeitw. giebt es noch folgende: zurückzielende (V. reflexiva): sich grämen, sich wundern etc., wechselweiszielende (V. reciproca): sich schlagen, lieben etc. und unpersönliche (V. impersonalia): es regnet, es donnert etc.
§. 22. 1. Die Zeitw. können in der Ein- und Mehrzahl in drei verschiedenen Personen stehen: ich lobe, du lobst, er lobt, wir loben, ihr lobt, sie loben.
2. Die Zeitw. haben 3 Aussageweisen (Modi): die Wirklichkeit, Möglichkeit und die Nothwendigkeit oder den Befehl (Indicativ, Conjunctiv und Imperativ).
3. die Zeitw. treten in drei Haupt- und drei Nebenzeiten (Tempora) auf. Mit den Hauptzeiten verbindet sich der Begriff der Dauer, mit den Nebenzeiten der Begriff der Vollendung.
A. Hauptzeiten.
1. Gegenwart (Praesens).
2. Vergangenheit (Imperfectum) (Mitvergangenheit).
3. Zukunft (Futurum I.).
B. Nebenzeiten:
1. Vollendete Gegenw. (Perfectum) (Vergangenheit).
2. Vollendete Vergangenheit (Plusquamperfectum).
3. Vollendete Zukunft (Futurum II) (Vorzukunft).
Anm. Die Grundform (Infinitiv) des Zeitworts wird auch als Hauptwort, das Mittelwort (Participium) auch als Eigenschaftswort gebraucht: Geben ist seliger als Nehmen. Zürnende Worte sind brennende Pfeile. Getheilte Freude ist doppelte Freude.
4. Die Zeitw. unterliegen einer starken, schwachen und gemischten Biegung (Conjugation). Die Hülfszeitw. sein, haben und werden biegen abweichend.
§. 23. Biegung der Hülfszeitw. sein, haben, werden.
| B. Haben. | ||||
| Wirklichkeit. | Möglichkeit. | |||
| Gegenwart. | ||||
| E. | ich habe | E. | ich habe | |
| du hast | du habest | |||
| er hat | er habe | |||
| M. | wir haben | M. | wir haben | |
| ihr habt | ihr habet | |||
| sie haben | sie haben | |||
| Vollendete Gegenwart. | ||||
| E. | ich habe gehabt | E. | ich habe gehabt | |
| du hast gehabt | du habest gehabt | |||
| Vergangenheit. | ||||
| E. | ich hatte | E. | ich hätte (würde haben) | |
| du hattest | du hättest | |||
| er hatte | er hätte | |||
| M. | wir hatten | M. | wir hätten | |
| ihr hattet | ihr hättet | |||
| sie hatten | sie hätten | |||
| Vollendete Vergangenheit. | ||||
| E. | ich hatte gehabt | E. | ich hätte gehabt (würde gehabt haben) | |
| du hattest gehabt | du hättest gehabt | |||
| Zukunft. | ||||
| E. | ich werde haben | E. | ich werde haben | |
| du wirst haben | du werdest haben | |||
| Vollendete Zukunft. | ||||
| E. | ich werde gehabt haben | E. | ich werde gehabt haben | |
| du wirst gehabt haben | du werdest gehabt haben | |||
| Befehl. | ||||
| E. habe! | M. habt! | |||
| Mittelwort. | ||||
| 1. | G. habend | . | 2. | V. G. gehabt |
| Grundform. | ||||
| 1. | G. haben | . | 2. | V. G. gehabt haben |
| C. Werden. | ||||
| Wirklichkeit. | Möglichkeit. | |||
| Gegenwart. | ||||
| E. | ich werde | E. | ich werde | |
| du wirst | du werdest | |||
| er wird | er werde | |||
| M. | wir werden | M. | wir werden | |
| ihr werdet | ihr werdet | |||
| sie werden | sie werden | |||
| Vollendete Gegenwart. | ||||
| E. | ich bin geworden | E. | ich sei geworden | |
| du bist geworden | du seist geworden | |||
| Vergangenheit. | ||||
| E. | ich wurde (ward) | E. | ich würde | |
| du wurdest | du würdest | |||
| er wurde | er würde | |||
| M. | wir wurden | M. | wir würden | |
| ihr wurdet | ihr würdet | |||
| sie wurden | sie würden | |||
| Vollendete Vergangenheit. | ||||
| E. | ich war geworden | E. | ich wäre geworden (würde geworden sein) | |
| du warst geworden | du wärest geworden | |||
| Zukunft. | ||||
| E. | ich werde werden | E. | ich werde werden | |
| du wirst werden | du werdest werden | |||
| Vollendete Zukunft. | ||||
| E. | ich werde geworden sein | E. | ich werde geworden sein | |
| du wirst geworden sein | du werdest geworden sein | |||
| Befehl. | ||||
| E. werde! | M. werdet! | |||
| Mittelwort. | ||||
| 1. | G. werdend | . | 2. | V. G. geworden (worden) |
| Grundform. | ||||
| 1. | G. werden | . | 2. | V. G. geworden sein |
§. 24. I. Schwache Biegung der Zeitwörter.
Die Zeitwörter dieser Biegung lauten nicht ab: sie haben fast immer in der Vergangenheit 2 Silben, deren letzte auf te endigt, und bilden das 2. Mittelwort auf t oder et.
| Loben. | |||||
| A. Thatform | |||||
| Wirklichkeit. | Möglichkeit. | ||||
| Gegenwart. | |||||
| E. | ich lobe | E. | ich lobe | ||
| du lobst | du lobest | ||||
| er lobt | er lobe | ||||
| M. | wir loben | M. | wir loben | ||
| ihr lobt | ihr lobet | ||||
| sie loben | sie loben | ||||
| Vollendete Gegenwart. | |||||
| E. | ich habe gelobt | E. | ich habe gelobt | ||
| du hast gelobt | du habest gelobt | ||||
| Vergangenheit. | |||||
| E. | ich lobte | E. | ich lobete (würde loben) | ||
| du lobtest | du lobetest | ||||
| er lobte | er lobete | ||||
| M. | wir lobten | M. | wir lobeten | ||
| ihr lobtet | ihr lobetet | ||||
| sie lobten | sie lobeten | ||||
| Vollendete Vergangenheit. | |||||
| E. | ich hatte gelobt | E. | ich hätte gelobt (würde gelobt haben) | ||
| du hattest gelobt | du hättest gelobt | ||||
| Zukunft. | |||||
| E. | ich werde loben | E. | ich werde loben | ||
| du wirst loben | du werdest loben | ||||
| Vollendete Zukunft. | |||||
| E. | ich werde gelobt haben | E. | ich werde gelobt haben | ||
| du wirst gelobt haben | du werdest gelobt haben | ||||
| Befehl. | |||||
| E. lobe! | M. lobt! lobet! | ||||
| Mittelwort. | |||||
| 1. | G. lobend | . | 2. | V. G. gelobt | |
| Grundform. | |||||
| 1. | G. loben | 2. | V. G. gelobt haben | ||
| Loben. | ||||
| B. Leideform | ||||
| Wirklichkeit. | Möglichkeit. | |||
| Gegenwart. | ||||
| E. | ich werde gelobt | E. | ich werde gelobt | |
| du wirst gelobt | du werdest gelobt | |||
| Vollendete Gegenwart. | ||||
| E. | ich bin gelobt worden | E. | ich sei gelobt worden | |
| du bist gelobt worden | du seist gelobt worden | |||
| Vergangenheit. | ||||
| E. | ich wurde gelobt | E. | ich würde gelobt | |
| du wurdest gelobt | du würdest gelobt | |||
| Vollendete Vergangenheit. | ||||
| E. | ich war gelobt worden | E. | ich wäre gelobt worden (würde gelobt worden sein) | |
| du warst gelobt worden | ||||
| Zukunft. | ||||
| E. | ich werde gelobt werden | E. | ich werde gelobt werden | |
| du wirst gelobt werden | du werdest gelobt werden | |||
| Vollendete Zukunft. | ||||
| E. | ich werde gelobt worden sein | E. | ich werde gelobt worden sein | |
| du wirst gelobt worden sein | du werdest gelobt worden sein | |||
| Befehl. | ||||
| E. werde gelobt! | M. werdet gelobt! | |||
| Mittelwort. | ||||
| gelobt | ||||
| Grundform. | ||||
| 1. | G. gelobt werden | 2. | V. G. gelobt worden sein | |
Beisp.: ermahnen, suchen, zählen, drücken, schicken, lieben, leben, hören, herrschen, entbehren, übereilen, wiederholen, unterstützen, urtheilen.
§. 25. II. Starke Biegung der Zeitwörter.
Die Zeitwörter dieser Biegung lauten in der Vergangenheit und dem zweiten Mittelwort ab; ihre Vergangenheit ist einsilbig — ausgenommen sind die Wörter mit Vorsilben; — ihr zweites Mittelwort hat en.
Binden — band — gebunden: dringen, finden, klingen, ringen, schlingen, schwinden, singen, sinken, springen.
Schelten — schalt — gescholten: bergen, brechen, gelten, helfen, kommen, nehmen, rinnen, schwimmen.
Bitten — bat — gebeten: essen, fressen, geben, lesen, liegen, messen, sehen, sitzen, stehen, treten.
Biegen — bog — gebogen: bieten, dreschen, flechten, fliegen, fliehen, fließen, frieren, gießen, heben, kriechen.
Greifen — griff — gegriffen: kneifen, leiden, reißen, schleichen, schleifen, schneiden, streiten.
Bleiben — blieb — geblieben: leihen, meiden, preisen, reiben, scheinen, schreiben, schreien, treiben, weisen.
Blasen — blies — geblasen: braten, fallen, halten, hauen, heißen, laufen, rufen.
Fahren — fuhr — gefahren: backen, graben, schaffen, schlagen, tragen, wachsen, waschen etc.
§. 26. III. Gemischte Biegung der Zeitwörter.
Die Zeitwörter dieser Biegung haben Ablautung und Umendung:
Brennen — brannte — gebrannt: kennen, nennen, rennen.
Senden — sandte — gesandt: wenden.
Denken — dachte — gedacht: bringen.
Dürfen: ich darf, dürfe, durfte, gedurft.
Können: ich kann, könne, konnte, gekonnt.
Mögen: ich mag, möge, mochte, gemocht.
Sollen: ich soll, solle, sollte, gesollt.
Wollen: ich will, wolle, wollte, gewollt.
Müssen: ich muß, müsse, mußte, gemußt.
Wissen: ich weiß, wisse, wußte, gewußt.
Bemerkungen.
1. Die zielenden Zeitw. werden mit haben verbunden. Die ziellosen Zeitw. werden theils mit sein, theils mit haben verbunden. Einige Zeitw. haben sein und haben: ich bin gefahren; ich habe gefahren. Die Zeitw. begegnen, folgen, weichen, gehen, kommen, fliehen, fliegen, wachsen, sterben etc. werden mit sein verbunden.
2. Die Vergangenheit (Imperf.), vollendete Vergang. (Plusq.) und vollendete Zukunft (Fut. II.) werden auch bezügliche Zeiten (relative) genannt, weil der Sprechende seine Aussage auf eine andere Aussage bezieht: Die Knaben spielten, als der Lehrer kam. Johann der muntre Seifensieder hatte oft gesungen, ehe ihn der Reiche störte. Der Winter wird vergangen sein, ehe du es ahnst. Die Vergangenheit (Imperf.) ist die Zeit, in welcher in der Regel erzählt wird: Die Schlacht blieb lange unentschieden. In diesem Falle wird sie auch unbezüglich gebraucht.
3. a. Sprechen wir ein Urtheil als bestimmt, als unabhängig, als Thatsache aus, so gebrauchen wir die Wirklichkeitsform: Er lobt den Schüler.
b. Führen wir aber an, was Jemand sagt, glaubt, oder sprechen wir einen Zweifel, eine Vermuthung, einen Wunsch oder eine Bedingung aus, so gebrauchen wir die Möglichkeitsform: Man weiß nicht, daß er den Schüler lobe. Ich glaube, daß er kommen werde. Sehe Jeder, wie er’s treibe! Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Er wünschte, daß er genese. Er arbeitet, damit er esse. Ginge er doch fort! Wenn er fleißiger wäre (sein würde), könnte er vorwärts kommen.
c. Fordern wir Jemanden auf, daß er etwas thue, gebieten wir ihm etwas, so gebrauchen wir die Befehlsform: Geh’ fort! Hole Wasser!
Anm. Da die sogenannte Bedingungsform (Conditionalis) auch eine Möglichkeit ausdrückt, so hielten wir es nicht für angemessen, die Möglichkeitsform zu zerstückeln und die in dieser Beziehung herrschende Sprachverwirrung in die Volksschule zu bringen. Auch hätten wir, bei Aufnahme des Conditionalis, den Optativ, überhaupt eine strengere Eintheilung des Conjunctiv, nicht vergessen dürfen.
§. 27. Die Zeitw. erfordern oft bestimmte Fälle. Es haben den 2. Fall:
1. achten, bedürfen, begehren, entbehren, ermangeln, erwähnen, gedenken, harren, lachen, leben, pflegen, schonen, spotten, vergessen, warten.
Bei den meisten dieser Zeitw. setzt man auch den 4. Fall mit oder ohne Verhältnißw.
Der Mann achtet der Gefahr nicht, und der Mann achtet die Gefahr nicht. Der Kranke bedarf des Arztes, und der Kranke bedarf den Arzt. Die Anklage entbehrt jeder Begründung.
2. Die zurückzielenden Zeitwörter:
sich annehmen, bedienen, befleißigen, bemächtigen, enthalten, entledigen, entschlagen, entsinnen, erbarmen, erinnern, erwehren, freuen, rühmen, schämen, wehren.
Ein guter Christ nimmt sich des Nothleidenden an. Bediene dich des Ausdrucks nicht! Er wehrte sich seiner Haut.
1. Auf die Frage: wem ist worden? die Zeitw., die eine Leideform mit dem 3. Fall bilden; z. B. mir, dir, ihm etc. ist geantwortet worden:
aufwarten, antworten, begegnen, befehlen, bestehen, beistimmen, beiwohnen, drohen, danken, dienen, fluchen, folgen, fröhnen, gehorchen, genügen, glauben, helfen (mit allen Zusammensetzungen), huldigen, lohnen, nachgehen, nützen, rathen, schaden, schmeicheln, steuern, trotzen, vorstehen, weichen, widerstehen, widersprechen, winken, zustehen.
Womit kann ich Ihnen aufwarten? Danke dem Vater!
Hierher gehören noch viele Zeitwörter, die mit den Verhältnißwörtern an, auf, bei, entgegen, nach, unter, vor und zu zusammengesetzt sind.
2. Folgende Zeitwörter ohne Leideform mit dem 3. Fall:
ähneln, anstehen, belieben, behagen, bekommen, blühen, einleuchten, entgehen, entfallen, entfliehen, entsagen, erliegen, erscheinen, fehlen, gebühren, gefallen, gelingen, gerathen, gereichen, gleichen, mangeln, munden, nahen, passen, scheinen, schmecken, widerfahren, ziemen, zuhören.
Der Sohn ähnelt dem Vater. Der Vorschlag steht ihm nicht an.
3. Die unpersönlichen Zeitwörter:
es ahnt, ekelt, gebricht, graut, liegt daran, schaudert, schwindelt, träumt.
Es ahnt mir, daß er kommen werde. Es ekelt mir vor der Speise.
4. Die zurückzielenden Zeitwörter:
sich anmaßen, ausbedingen, denken, einbilden, erbitten, getrauen, vornehmen, vorstellen, merken.
Du maßest dir zuviel an. Ich bedinge mir die Benutzung des Gartens aus.
1. Die zurückzielenden Zeitwörter:
sich ängstigen, ärgern, betrüben, bekümmern, besinnen, erholen, erinnern, freuen, grämen, irren, schämen, täuschen.
Hast du dich meinetwegen geängstigt?
2. Die unpersönlichen Zeitwörter:
es befremdet, befällt, betrifft, dauert, dürstet, dünkt, däucht, friert, gelüstet, geht mich an, hungert, jammert, juckt, kümmert, reut, schläfert, schmerzt, sticht, schwitzt, verdrießt, verlangt, wundert.
Es befremdet mich, daß du jetzt zurückgezogen lebst.
3. Alle Zeitwörter, bei denen man auf die Frage: Wem ist worden? keine — wohl aber auf die Frage: Wer ist worden? eine Antwort geben kann. Der im 4. Fall stehende Gegenstand, der geworden ist, heißt der leidende (regierte) Gegenstand (Object).
Steht noch ein zweiter Gegenstand (betheiligter Gegenstand) (Terminativ) bei ihnen, dem etwas geworden ist, so steht dieser auf die Frage: Wem ist geworden? oder: Für wen? — Wem zum Nutzen? wem zum Schaden ist etwas geworden? im 3. Fall.
Der Vater besucht den Freund.
Wer ist besucht worden? der Freund, folglich: den Freund besuchen.
Der Vater schenkt dem Knaben das Buch.
Was ist geschenkt worden? das Buch. Wem ist es geschenkt worden? dem Knaben. Für wen ist es geschenkt worden? für den Knaben = dem Knaben. Wem zum Nutzen ist es geschenkt worden? dem Knaben zum Nutzen ist es geschenkt worden. Bezeichnet der 4. F. eine Sache, der 3. F. eine Person, so sagt man: Bei dem Zeitworte steht der 4. Fall der Sache und der 3. Fall der Person.
Zielende Zeitwörter sind:
loben, lieben, schlagen, stoßen, finden, sehen, bitten, necken, tadeln, bestrafen, verehren, kennen, retten, ziehen, beneiden, abholen, erfreuen, verachten, führen, fragen, ertappen, fangen, unterstützen, verlassen, tödten, betrügen, auffordern, belohnen, wecken, heilen, umstürzen, plagen, tragen, vorstellen etc.
abbitten, abdringen, abgewöhnen, abschlagen, auftragen, aufbinden, borgen, geben, geloben, gönnen, glauben, leihen, leisten, liefern, melden, nehmen, rauben, reichen, senden, schlachten, schenken, wünschen, vorlegen, vorziehen, vorsagen, verkaufen, bringen, aufbewahren, überbringen, erzählen, mittheilen, erlauben etc.
§. 30. 1. Den 4. Fall der Person und den 2. Fall der Sache erfordern:
anklagen, belehren, berauben, beschuldigen, entlassen, entsetzen, überführen, verweisen, würdigen, zeihen.
Man klagt ihn des Verraths an. Er belehrt mich eines Bessern. Er wurde des Landes verwiesen.
2. Einen doppelten 4. Fall erfordern:
nennen, heißen, schimpfen, schelten, taufen, lehren.
Er nannte ihn einen Narren. Er lehrt mich die deutsche Sprache.
Anm. Bei „lehren“ wird auch der 3. Fall der Person gebraucht: Er lehrt mir die deutsche Sprache. Folgt aber ein Zeitwort in der Grundform, so darf nur der 4. Fall stehen: Er lehrt mich lesen.
§. 31. Einige Bemerkungen:
1. Lassen hat den 4. F. bei sich, wenn die Person (sprechende Person) selbst die handelnde ist, z. B. Laß mich das Buch vorlesen; d. h. ich will es vorlesen. Der 3. Fall steht, wenn ein Anderer der Handelnde sein soll, z. B. Laß mir das Buch vorlesen; d. h. ein Anderer soll es mir vorlesen.
2. Kosten hat stets den 3. Fall der Person. Das Buch kostet mir einen Thaler.
3. Steht heißen für „befehlen,“ so hat es den 3. Fall: Kein Mensch hat ihm diese Thorheit geheißen. Folgt aber ein Zeitw. in der Grundform (Infinitiv), so steht der 4. F. Wer hieß dich weggehen? —
4. Gelten hat den 3. Fall, wenn es gleichbedeutend ist mit „werth sein“: Mir gilt die ganze Welt Nichts. Die Rede gilt dir. Steht es aber für „erfordern“ und „kosten“, so hat es den 4. Fall: Hier gilt es Entschlossenheit. Der Stock gilt einen Thaler.
5. Er schlägt mir die Hand roth. Es friert mir der Finger. Ich wasche mir die Hände. — Er tritt mir auf das Kleid. Es regnet mir in’s Gesicht. Die Thränen treten ihm in die Augen. Er tritt mir auf den Fuß. Dem geschenkten Gaul sieht man nicht in’s Maul. Gebratene Tauben fliegen Einem nirgends in den Mund. Der Regen schlägt mir in’s Gesicht.
6. Bei versichern steht entweder der 4. Fall der Person und der 2. F. der Sache, oder der 3. F. der Person und der 4. F. der Sache: Ich versichere sie meiner Freundschaft. Ich versichere ihnen die Wahrheit — oder: ich versichere ihnen, daß es wahr ist.
7. Bei trauen steht der 3. Fall, wenn es gleichbedeutend ist mit „Glauben schenken“, der 4. Fall, wenn von der priesterlichen Trauung die Rede ist: Ich kann ihm nicht mehr trauen (Glauben schenken). Der Prediger traute das Brautpaar.
8. Mit gratuliren und condoliren wird der 3. Fall verbunden: Ich gratulire dir = Ich wünsche dir Glück. Ich condolire Ihnen = Ich bedaure Sie, bezeige Ihnen mein Beileid.
9. Dieses Bild ist schön gemalt. Das Mehl ist fein gemahlen.
10. Der Lehrer lehrt die Schüler. Die Schüler lernen vom Lehrer.