4. Wege
Das zu erreichen, wird sich zwar noch vieles wandeln, mancher gute Kampf wird gekämpft werden müssen. Nicht nur die Kinetographie selbst, sondern unser Gesamtheitsempfinden von dem, was schön und gut ist, wird von Grund auf umgewälzt — oder vielleicht nur vom Alpdruck eines bis zum Wahnsinn überhitzten öffentlichen „Genuß“lebens befreit werden müssen. Mächtige Interessen großer Kreise, die zur Befriedigung ihrer persönlichen Wünsche gewissenlos an den geistigen Kräften der ihnen immer wieder in Scharen als Beute zuwachsenden Jugend schmarotzen, werden unschädlich gemacht werden müssen. Niemals kann die Kinetographie zu künstlerischem Werte gelangen, solange nicht ein Übel unseres heutigen öffentlichen Lebens eingedämmt ist: das Übermaß an ganz oder fast unfreiwilligen geistigen Eindrücken überhaupt, die stündlich auf uns herstürmen. Deren Eindämmung wird wohl am nächsten die Aufgabe der allgemeinen Erziehung, der Aufklärung jedes einzelnen schon von der Schule an sein. Und diese Erziehung und Aufklärung wird an sich kein besseres Mittel benutzen können als den Sinn für das, was wirklich und echt künstlerisch ist, zu stärken. Was wirklich und echt künstlerisch ist, ist auch einfach und selten, sei’s in der Erscheinung, sei’s im Genuß.
Inzwischen aber darf es auch am guten Beispiel, am Bessermachen nicht fehlen. Wie sehr das durch die heutigen Verhältnisse auf dem Gebiete der Kinetographie erschwert ist, habe ich nur andeuten, nicht erschöpfen können. Wenn es sich aber darum handelt, einstweilen das Beste zu tun, was möglich ist, und so die Kräfte zu gewinnen, allmählich das Vollkommene anzuregen und zu erzwingen, so sei nur dieser Fingerzeig gegeben. Ein einzelner kann wohl künstlerische Musterprogramme schaffen und vorführen, aber er kann sie wirtschaftlich nicht halten. Um das in einem kinetographischen Programm festgelegte Kapital herauszuholen und gar fruchtbar zu machen, muß stets ein Ring (Turnus) von regelmäßigen Verwertern vorhanden sein. Solche Ringe müssen auch die bilden, die die Kinetographie durch Beispiele zur Höhe einer Kunst erheben wollen. Solange eigne Vorstellungen, eigne Theater für den Zweck nicht lohnen, müssen geistig rege Kinotheaterbesitzer zur Einlegung solcher Vorstellungen angeregt werden. Regelmäßige Wochenprogramme dieser Art werden wir ihnen vorläufig noch nicht bieten können, aber vielleicht monatlich eins. Und wir werden erreichen können, daß sie mit diesen Programmen, folgerichtig und streng allen künstlerischen Ansprüchen entsprechend durchgeführt, volle Häuser haben. Volle Häuser aber sind dasjenige, was selbst die Kinowelt mit der Kunst versöhnen wird.
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Eines der Haupthindernisse edler Volksbildung ist der Abweg, auf den heute der Kino, dieses an sich so wundervolle Volksbildungsmittel, gekommen ist. Eine Besserung mit allen Kräften zu erkämpfen, ist eine der dringlichsten Aufgaben für jeden, der es mit der sittlichen und künstlerischen Hebung unseres deutschen Volkes ernst meint. Vorzügliche Dienste dabei leistet die im Interesse einer energischen Kinoreform gegründete Zeitschrift „Bild und Film“. Das Abonnement dieser Zeitschrift ist vor allem zu empfehlen den zahlreichen, weitverästelten Volksbildungsorganisationen, der Presse, den Kommunen, Polizeiverwaltungen, Lehrerkreisen, Volks-, Fach-, Fortbildungs- und Hochschulen, den kirchlichen Kreisen der verschiedenen Konfessionen, den verschiedenen Standesorganisationen, die ja alle auch die Volksbildung auf ihre Fahne geschrieben haben: den Arbeitervereinen, Gewerkschaften, Jugendvereinen, Gesellenvereinen, kaufmännischen Vereinen, Beamtenvereinigungen, Frauenorganisationen usw. Ebensosehr aber sind interessiert die Kinobesitzer selbst, denen an der allseitigen Hebung des Kinowesens gelegen ist.
Der I. Jahrgang 1912 von „Bild und Film“ liegt gebunden vor (128 Seiten in gr. 4º), Preis M. 3.20, und ist durch alle Buchhandlungen sowie direkt vom Verlag der Lichtbilderei in M.Gladbach zu beziehen. Der II. Jahrgang läuft von Oktober 1912; monatlich erscheint ein Heft zu 40 Pf., halbjährlich M. 2.40. Das Abonnement kann durch jede Buchhandlung, durch die Post und auch direkt durch den Verlag in M.Gladbach bewirkt werden; im letztern Falle liefert der Verlag im Postüberweisungsverfahren, läßt Bezugsgebühr und Bestellgeld durch die Post einfordern und liefert an diese.
Die von der Zeitschrift „Bild und Film“ vertretenen Reformziele sucht in die Praxis umzusetzen die
Filmverleih-Zentrale der Lichtbilderei GmbH.,
M.Gladbach, Waldhausener Straße 100, Telephon 2095
Über das außerordentlich reiche Lager von Filmen unterrichtet ein gratis zu beziehender „Allgemeiner Katalog“ und ein Spezialkatalog: „Belehrende Filme für Schule und Volk“. Es werden geliefert: Sonntags-, Wochen-, Schüler- und wissenschaftliche Programme, dezent, belehrend und erheiternd für alle Volkskreise zu den billigsten Preisen. Spezial-Offerte gratis und postfrei. Ferner:
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komplette Einrichtungen für Theater.
[ [1] Fahrt auf dem Avonfluß in Neuseeland, Urbanora Haus, London (s. Katalog der Firma Eclipse, Berlin.)
Anmerkungen zur Transkription:
Der vorliegende Text wurde anhand der 1913 erschienenen Ausgabe nahezu originalgetreu wiedergegeben. Lediglich ganz offensichtlich falsch gesetzte Satzzeichen wurden stillschweigend korrigiert. In heutiger Zeit seltene und unübliche Schreibweisen (z.B. „größern” anstatt „größeren”; „der Kino”) wurden dagegen durchgehend beibehalten.
Die Buchausgabe erschien in Frakturschrift; zur Heraushebung einiger Passagen wurden diese gesperrt gesetzt; im obigen Text wird dies durch Kursivschrift wiedergegeben. Insbesondere fremdsprachige Ausdrücke wurden im Original in Antiqua gesetzt, was hier durch KursivschriftFettdruck reprästentiert wird; Einzelbuchstaben in Aufzählungen und Überschriften sind hiervon aber ausdrücklich ausgenommen.
Gegenüber dem Original wurden die folgenden Korrekturen vorgenommen:
# p. [11]: „kinemotographische” → „kinematographische”
# p. [14]: „von denn” → „von denen”
# p. [28]: „da man sich” → „daß man sich”
# p. [30]: „des brandenen” → „des brandenden”
# p. [33]: „dieser Zweiges” → „dieses Zweiges”
# p. [36]: „wiederspiegeln” → „widerspiegeln”
# p. [40]: „nüchterne” → „nüchterner”; „entsprechender” → „entsprechenden”
# p. [42]: „Hauptflicht” → „Hauptpflicht”; „lang am” → „langsam”
# p. [47]: „Handgeberden” → „Handgebärden”
# p. [53]: „zuempfehlen” → „zu empfehlen”
# p. [54]: „menschlich-künstlischer” → „menschlich-künstlicher”
# p. [61]: „einen unsichtbare” → „eine unsichtbare”
# p. [63]: „Ganze” → „Ganzes”
# p. [64]: „daß” → „das”
# p. [66]: „ales” → „alles”; „diese” → „diesen”