Harn. Urin.

Harn. Der Harn, besonders der des kranken Menschen, bietet mehrere Bestandtheile, welche sich durch das Mikroskop erkennen und bestimmen lassen. Sowohl ein Tropfen des klar abgegossenen Harns, sowie eine entsprechende Quantität des etwaigen Bodensatzes (Harnsediments) werden gesondert der mikroskopischen Betrachtung unterworfen.

Fig. 191.Fig. 192.
a Eiterzellen, b dieselben mit verdünnter Essigsäure behandelt, c Schleimkörperchen. Zellen der Harnblasenschleimhaut, stark vergrössert.

[Fig. 193.]

Epithelialzellen aus den Nierenbecken, Ureteren, Kelchen. Vergr.

An organischen Stoffen können sich im Harne finden:

a. Schleimgerinnsel bildet Streifen, aus reihenförmig geordneten, äusserst kleinen Körnchen zusammengesetzt. Es darf nicht mit den Harncylindern verwechselt werden.

b. Schleimkörperchen. Vergl. [S. 141].

c. Blutkörperchen. Vergl. [S. 134].

d. Eiterkörperchen oder Eiterzellen. Vergl. [S. 141].

e. Harncylinder und Epithelialzellen. In Folge krankhafter Beschaffenheit der harnleitenden Gänge findet man im Harn Beimengungen von Gewebetheilen, wie Zellen, (Pflasterepithelien) der Harnblasenschleimhaut, Epithelialzellen aus den Nierenbecken, den Ureteren und den Kelchen, endlich sogenannte Harncylinder, nämlich Stücke des Epithelialüberzuges aus den Bellini’schen Röhrchen in Form cylindrischer Schläuche.

[Fig. 194.]

a, b Harncylinder; c, d, d Epithelialhäutchen aus den Bellini’schen Röhren mit Blutkörperchen.

f. Spermatozoën. Vergl. [S. 158].

g. Krebsmaterie neben Eiterkörperchen, verschieden gestaltete Degenerationsgebilde mit Zellen mehr oder weniger bedeckt.

[Fig. 195.]

Krebsartige Absonderungen und Gebilde. Vergr.

[Fig. 196.]

Gährpilzchen. Vergr.

h. Gährpilze. Vergl. [S. 143].

i. Vibrionen. Vergl. [S. 146].

An krystallisirten Stoffen können vorhanden sein:

Das Sediment des Harns wird allein und dann mit Salzsäure angesäuert auf das Objectglas gegeben oder man lässt Harn auf dem Objectglase verdunsten.

a. Hippursäure bildet, aus kaltem Harne allmählich ausgeschieden, halbdurchsichtige rhombische, vierseitige Prismen und Säulen (mit der Grundform des Rhombenoctaëders), an den Enden in 2 oder 4 Flächen auslaufend.

b. Harnsäure nimmt verschiedene Formen an. Sie bildet bald rhombische, glatte, durchsichtige, oft orange, bräunlich oder gelb gefärbte Tafeln, bald mit abgerundeten stumpfen Winkeln, bald mit spindelförmigen Verlängerungen. Aus der alkalischen Lösung mittelst Salzsäure auf dem Objectglase abgeschieden bildet sie mitunter Dumb-bells (kurze Stränge mit pilzhutförmig erweiterten Enden). Bald nimmt die Harnsäure die Form von Wetzsteinen an, bald vereinigt sie ihre Prismen zu besenähnlichen Büscheln, von denen gemeinlich je zwei mit ihrer Basis zusammenhängen.

[Fig. 197.]

Hippursäure.

[Fig. 198.]

Harnsäurekrystallformen.

c. Saures harnsaures Natron bildet unregelmässige Gruppen kleiner grützlicher Körnchen.

[Fig. 199.]

Saures harnsaures Natron.

[Fig. 200.]

Saures harnsaures Ammon.

d. Saures harnsaures Ammon in Form kleiner, runder, mit Spitzen besetzter, vereinzelter oder in Gruppen zusammenliegender Körperchen.

[Fig. 201.]

Phosphorsaure Ammon-Magnesia.

[Fig. 202.]

Oxalsaure Kalkerde.

e. Phosphorsaure Ammon-Magnesia (Tripelphosphat) gewöhnlich in rhombischen, sargdeckelähnlichen Krystallen, welche sich durch ihre leichte Löslichkeit in verdünnter Essigsäure von der oxalsauren Kalkerde unterscheiden.

f. Oxalsaure Kalkerde in Gestalt kleiner durchsichtiger quadratoctaëdrischer Krystalle, den Briefcouverten ähnlich oder sanduhrförmig.

g. Harnstoff mit Chlornatrium giebt Krystalle, an welchen die Kreuzform vorherrschend ist.

[Fig. 203.]

Harnstoff mit Chlornatrium verbunden.

[Fig. 204.]

Harnsediment bei 200–300facher Vergrösserung.
h Harnsäure, u saure Urate des Ammons und Natrons, o Kalkoxalat, p Doppelphosphat, phosphorsaure Ammon-Magnesia, e Epithelialzellen und Harncylinder, f Fermentkörperchen, ei Eiterkörperchen.

Samenfäden. Flimmerzellen. Cercomonaden.

Samenfäden, Spermatozoën, Zoospermien, sind Zellengebilde. Sie zeigen bei starker Vergrösserung einen ovalen abgeplatteten Körper mit einem langen, feinen, fadenförmigen Schwanze. Die Bewegungen der lebenden scheinen unter dem Mikroskope ungemein schnell und lebhaft.

[Fig. 205.]

Spermatozoën.
a auf dem Rande stehend, b auf der platten Seite liegend, an letzterer in der Mitte eine kleine Vertiefung. 1200mal vergr.

In der Wirklichkeit ist die Bewegung natürlich nur eine langsame, denn jede Bewegung erscheint durch starke Objective gesteigert. Beim Absterben legt sich der fadenartige Schwanz meist ösenförmig oder spiralig an den ovalen Körper.

[Fig. 206.]

Flimmerzellen
verschiedener Form. Vergr.

Die Zoospermien sind keine Thiere, wie man sonst wegen ihrer lebhaften Bewegungen glaubte, sondern sie sind analoge Gebilde wie die Flimmerzellen der Schleimhäute und entstehen jedenfalls aus den Kernen jener eigenthümlichen Bildungszellen, welche während der Geschlechtsreife durch Umwandlung des Drüsenepithelium der Samenkanälchen gebildet werden. Wie die Flimmerzellen eine lebendige Bewegung der Fäden und Härchen (Flimmerbewegung, Wimperbewegung) unter dem Mikroskope erkennen lassen, so auch die Samenfäden. Die Bewegung wird durch sehr verdünnte Aetzkalilauge oder verdünnte Zuckerlösung gesteigert, eine kürzlich zur Ruhe gekommene dadurch oft wieder erweckt.

Im frischen Sperma findet man ferner vereinzelte, hyaline, farblose, kugelförmige, mattgranulirte Körper, Spermakörperchen genannt.

[Fig. 207.]

Spermakörperchen. Vergr.

Die Aufsuchung der Spermatozoën in Flecken der Wäsche geschieht in der Art, dass man ein kleines Stückchen des Zeuges ausschneidet, in einem Uhrglase mit mehreren Tropfen Wasser aufweicht und nach 1 bis 2 Stunden mit einem Glasstabe sanft hin und her bewegt. Von dem Wasser bringt man dann ein Tröpfchen auf das Objectglas, ebenso auch einen Tropfen von der aus dem Zeuge gedrückten Flüssigkeit. Bei Untersuchung älterer Flecke schneidet man ein Stück des mit dem Fleck bedeckten Gewebes aus und theilt es mit der Scheere in drei Theile. Den Theil a weicht man, je nach dem Alter des Fleckes 1–3 Stunden in kaltem Wasser ein, den Theil b dagegen in verdünnter wässriger Pikrinsäurelösung und den Theil c zuerst in Pikrinsäurelösung und nach Verlauf einer halben Stunde in kaltem reinem Wasser. Von jedem dieser Theile des befleckten Gewebes trennt man behutsam einzelne Fädchen und mustert diese unter dem Objectiv bei circa 300-, 500-, 800-maliger Vergrösserung. Durch die Pikrinsäure wird das Samenfädchen gelb gefärbt, auch der Samenschleim, nicht aber die Leinenfaser, von welcher adhärirende Pikrinsäure sich durch Wasser beseitigen lässt. Die von einem Gewebe gesammelten Spermatozoën haben meist ihre Schwänze verloren und ist dann die Identität des schwanzlosen Spermakörperchens festzustellen. Eine Verwechselung mit Cercomonadenkörperchen wäre möglich.

[Fig. 208.]

Durch vorsichtige Waschung der einen Tag alten Flecke in einem Hemde einer gewaltsam Deflorirten Gesammeltes circa 400fach vergr. h Schamhaare b Blutkörperchen, s Schleimkörperchen, e Eiterzellen, p Pflasterepithelialzellen, l Leinenfaser.

Cercomonaden, geschwänzte Monaden, finden sich in thierischen Absonderungen. Die Intestinal-Schwanzmonade des Menschen (Cercomonas intestinalis) ist von verschiedener Grösse und körperlicher Ausbildung. Die Länge ihres Körpers ohne Schwanz schwankt zwischen 0,005 bis 0,01 mm. Die Bewegungen dieser Gebilde sind sehr lebendige und schnelle in bogig gekrümmten Touren. Sie finden sich in den schleimigen und flüssigen Dejecten des Darmkanals bei Diarrhöe, Cholera etc.

[Fig. 209.]

Cercomonas intestinalis.
500–600fache Vergrösserung.

[Fig. 210.]

Trichomonas vaginalis.
500–600fache Vergrösserung.

Vaginal-Monade (Trichomonas vaginalis) ein in dem Vaginalschleime häufig vorkommendes Gebilde, welches von einigen für eine Art Flimmerzelle gehalten wird. Sie ist von verschiedener Grösse, an dem einen Ende ihres Körpers mit 1–2–3 peitschenförmigen, sehr beweglichen Anhängen versehen. Der am andern Ende befindliche Ansatz bildet einen unbeweglichen Fortsatz des Körpers. Letzterer hat eine Länge von 0,008–0,018 mm.