Julie
Die schwere Haustür ging zögernd auf, im Spalt erschien das Gesicht einer jungen Dienstmagd. Ich fragte nach dem Hausherrn und wurde eine dunkle Treppe hinaufgeführt. Im Gang oben brannte ein Öllicht, und während ich meine angelaufene Brille abnahm, kam Herschel heraus und begrüßte mich.
„Ich wußte, daß Sie kommen würden,“ sagte er halblaut.
„Wie konnten Sie das wissen?“
„Durch meine Frau. Ich weiß, wer Sie sind. Aber legen Sie, bitte, ab. Hier, wenn ich bitten darf. — Es ist mir ein Vergnügen. — O, bitte. So, ja.“
Es war ihm offenbar nicht sonderlich wohl, und mir auch nicht. Wir traten in ein kleines Zimmer, wo auf dem weißgedeckten Tisch eine Lampe brannte und zum Abendessen serviert war.
„Hier also. Meine Bekanntschaft von heute morgen, Julie. Darf ich vorstellen, Herr — —“
„Ich kenne Sie,“ sagte Julie und erwiderte meine Verbeugung durch ein Nicken, ohne mir die Hand zu geben.
„Nehmen Sie Platz.“
Ich saß auf einem Rohrsessel, sie auf dem Diwan. Ich sah sie an. Sie war kräftiger, schien aber kleiner als früher. Ihre Hände waren noch jung und fein, das Gesicht frisch, aber voller und härter, noch immer stolz, aber gröber und glanzlos. Ein Schimmer von der ehemaligen Schönheit und zarten Anmut war noch vorhanden, an den Schläfen und in den Bewegungen der Arme, ein leiser Schimmer — —
„Wie kommen Sie denn nach Ilgenberg?“
„Zu Fuß, gnädige Frau.“
„Haben Sie Geschäfte hier?“
„Nein, ich wollte nur die Stadt wieder einmal sehen.“
„Wann waren Sie denn zuletzt hier?“
„Vor zehn Jahren. Sie wissen ja. Übrigens fand ich die Stadt nicht allzusehr verändert.“
„Wirklich? Sie hätte ich kaum wieder erkannt.“
„Ich Sie sofort, gnädige Frau.“
Herr Herschel hustete.
„Wollen Sie nicht zum Abendessen bei uns vorlieb nehmen?“
„Wenn es Sie gar nicht stört —“
„Bitte sehr, nur ein Butterbrot.“
Es gab jedoch kalten Braten mit Gallerte, Bohnensalat, Reis und gekochte Birnen. Getrunken wurde Tee und Milch. Der Hausherr bediente mich und machte ein wenig Konversation. Julie sprach kaum ein Wort, sah mich aber zuweilen hochmütig und mißtrauisch an als möchte sie herausbringen, warum ich eigentlich gekommen sei. Wenn ich es nur selber gewußt hätte!
„Haben Sie Kinder?“ fragte ich, und nun wurde sie ein wenig gesprächiger. Schulsorgen, Krankheiten, Erziehungssorgen, alles im besseren Philisterstil.
„Ein Segen ist ja die Schule trotz alledem doch,“ sagte Herschel dazwischen.
„Wirklich? Ich dachte immer, ein Kind sollte möglichst lange ausschließlich von den Eltern erzogen werden.“
„Man sieht, Sie selber haben keine Kinder.“
„Aber Sie sind verheiratet?“
„Nein, Herr Herschel, ich lebe allein.“
Die Bohnen würgten mich elend, sie waren schlecht entfädet.
Als das Essen abgetragen war, schlug der Mann eine Flasche Wein vor, was ich nicht ablehnte. Wie ich gehofft hatte, ging er selber in den Keller, und ich blieb eine Weile mit der Frau allein.
„Julie,“ sagte ich.
„Was beliebt?“
„Sie haben mir noch nicht einmal die Hand gegeben.“
„Ich hielt es für richtiger —“
„Wie Sie wollen. — Es freut mich zu sehen, daß es Ihnen gut geht. Es geht Ihnen doch gut?“
„O ja, wir können zufrieden sein.“
„Und damals — sagen Sie mir, Julie, denken Sie nie mehr an damals?“
„Was wollen Sie von mir? Lassen wir doch die alten Geschichten ruhen! Es ist gekommen, wie es kommen mußte und wie es für uns alle gut war, meine ich. Sie haben schon damals nicht recht nach Ilgenberg hereingepaßt, mit allen Ihren Ideen, und es wäre nicht das Richtige gewesen —“
„Gewiß, Julie. Ich will nichts Geschehenes ungeschehen wünschen. Ich wollte nur irgend ein Wort von damals hören, eine Erinnerung. Sie sollen nicht an mich denken, gewiß nicht, aber an alles andere, was dazumal schön und lieb war. Es ist doch unsere Jugendzeit gewesen, und die wollte ich noch einmal aufsuchen und ihr ins Auge sehen.“
„Bitte, reden Sie von anderem. Für Sie mag es anders sein, aber für mich liegt zu viel dazwischen.“
Ich sah sie an. Alle Schönheit von damals hatte sie verlassen, sie war nur noch Frau Herschel.
„Allerdings,“ sagte ich grob und hatte nichts dagegen, als nun der Mann mit zwei Flaschen Wein zurückkam. Die erste Flasche wurde aufgemacht und ich war nicht verletzt, als Julie das Mittrinken ablehnte.
Es war schwerer Burgunder, und Herschel, der sichtlich kein Weintrinker war, begann schon beim zweiten Glase anders zu werden. Er fing an, seine Frau mit mir zu necken. Als sie nicht darauf einging, lachte er und stieß sein Glas an meines.
„Zuerst wollte sie Sie gar nicht ins Haus haben,“ vertraute er mir an.
Julie stand auf.
„Entschuldigen Sie, ich muß nach den Kindern sehen. Das Mädel ist noch immer nicht ganz wohl.“
Damit ging sie hinaus, und ich wußte, sie würde nicht zurückkommen. Ihr Mann machte zwinkernd die zweite Flasche auf.
„Sie hätten das vorher nicht sagen dürfen,“ warf ich ihm vor.
Er lachte nur.
„Lieber Gott, so grätig ist sie schließlich nicht, daß sie das übelnimmt. Trinken Sie doch! Oder schmeckt Ihnen der Wein nicht?“
„Der Wein ist gut.“
„Nicht wahr? Ja, sagen Sie, wie war denn das nun damals mit Ihnen und meiner Frau? Kindereien, was?“
„Kindereien. Doch tun Sie besser, nicht davon zu reden.“
„Gewiß — freilich — ich will ja nicht indiskret sein. Zehn Jahre ist es her, nicht?“
„Verzeihen Sie, ich muß es vorziehen jetzt zu gehen.“
„Es ist besser. Vielleicht sehen wir uns ja morgen noch.“
„Na, wenn Sie durchaus gehen wollen —. Warten Sie, ich leuchte Ihnen. Und wann kommen Sie morgen?“
„Nach Mittag, denke ich.“
„Also gut, zum schwarzen Kaffee. Ich begleite Sie ins Hotel. Nein, ich bestehe darauf. Wir können ja dort noch etwas zusammen nehmen.“
„Danke, ich will zu Bett, ich bin müde. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau, bis morgen.“
Vor der Haustür schob ich ihn ab und ging allein davon, über den großen Marktplatz und durch die stillen dunkeln Straßen. Ich lief noch lange in der kleinen Stadt herum, und wenn von irgend einem alten Dach ein Ziegel gefallen wäre und hätte mich erschlagen, so wäre es mir auch recht gewesen. Ich Narr! Ich Narr!