Die zweite Nacht.

Du bist heute schweigsam, meine schöne Muse! Komm, spiel mit mir, die Nacht ist so lang! Was spielen wir?

Meine Muse schweigt, nimmt meinen Arm und steigt mit mir in unser schneeweißes Nachtschloß, die breite fürstliche Treppe empor, an den geduldigen steinernen Löwen vorbei, durch die offenen halbbögigen Torflügel, über die schwarzweißen Samtfelder der Flurteppiche und die geschwungene massive Treppe hinan. Sie führt mich an den Drachenleuchtern vorbei in den großen Flügelsaal, wo unser Brunnen zwischen den glänzenden Porphyrsäulen so kühl und weltverloren in seine tiefe Bronzemuschel rauscht. Wir sitzen vor der dunklen tönenden Schale nieder, durch die offenen Fensterbogen blendet das weiße Mondlicht herein und verzittert auf dem sich kräuselnden Wasser in bleichen, zerrinnenden Silberlinien. Gegenüber, jenseits des Brunnens, glänzt auf der geräumigen Dreieckfläche einer schwarzen Pyramide die smaragdene Tafel des Hermes Trismegistus.

„Wir hätten sie weglassen sollen,“ sagt meine Muse.

Du hast recht. Sie ängstigt nur.

„Und doch haben wir sie in so vielen unvergeßlichen Mondnächten zusammen gelesen.“

Freilich — damals.

„Damals! Du mußt das nicht so tragisch sagen.“

Aber doch, — damals.

„Nein! Das macht traurig.“

Möchtest du lustig sein?

„Man kann es nicht in diesem Saal.“

Nicht? Wir waren’s doch, es ist nicht lange her.

„Er wird mir langweilig. Diese Säulen sind so plump, und immer dieses Brunnengeräusch, und dieser ewige Delphin.“

Wir müssen einen andern Saal bauen. Beim Schilfsee, oder über dem Platanenwald. Einen roten Saal. —

„Rot?“

Meinst du nicht?

„Nun, also rot. Und dann lassen wir die Wände mit goldenen Palmenreliefs schmücken, und dann tanzen wir dort nach einer Mozartmusik Gavotte und sehen von den hohen Fenstern auf den schwarzen Wald. Und dann werden wir traurig, kehren in den alten Porphyrsaal zurück und hören dem Brunnen zu. Eigentlich haben wir das schon jetzt. Wir hätten dann zwei Säle, in denen wir traurig sein können.“

Dann ist es besser, hier zu bleiben.

„Und traurig zu sein.“

Was fehlt dir nur?

„Ich weiß nicht. — Schenk mir was!“

Was du haben willst. Soll ich dir das Salzfaß des Cellini schenken?

„Das mit dem Neptun? Nein, nein.“

Oder einen Garten? Ich weiß einen, auf den borromäischen Inseln —

„Ich weiß schon. Was soll er mir?“

Oder ich könnte dich malen lassen. Nicht in der Weise, wie dich Rossetti gemalt hat. In deinem Narzissenkleid, als Flora — ich weiß einen Maler, einen Franzosen —

„Oder Spanier, oder Russen. Nein, nein.“

Dann schenk ich dir eine Harfe. Es gibt eine zedernholzene, dreifüßige, aus den Schatzkammern des —

„Ich will keine Harfe.“

Dann — ja was willst du dann haben? Soll ich dir ein Lied singen?

„Ja, wenn du kannst. Ich warte.“

Aber ich kann doch nicht ohne dich —

„Also, was willst du?“

Du bist unersättlich. Was hab ich dir getan?

„Frag nicht! Frag nicht!“

So will ich dir erzählen. Willst du?

„Von den sieben Prinzessinnen?“

Nein. Von einem Garten im Schwarzwald, wo ein kleiner Knabe mit einem kleinen Mädchen unter den blauen Fliedern saß. Der Knabe hatte das Mädchen lieb, und als sie beide größer geworden waren, an einem Abend im warmen Juni, hingen sie mit roten heißen Lippen aneinander. —

„Weiter! Und dann —?“

Dann kam eine fremde schlanke Frau mit dunkelgroßen Augen, ganz wie du sie hast. Die sang so schön und war so fremd und lockend, daß der Knabe sein liebes Nachbarkind vergaß. Er ging mit der fremden Frau in ein anderes Land, wo die Sterne größer und die Nächte blauer sind. Sie bauten sich ein helles Schloß und darin einen Saal mit Porphyrsäulen, darin ein ewiger Brunnen in eine bronzene Muschelschale klang. Dort sitzen sie nun bei dem Brunnen und sehen den Mond im Wasser verleuchten. Sie haben kühle Hände ineinander gelegt und reden kühle Worte zu einander, und ich glaube, daß jedes von den beiden Heimweh hat. Wenigstens der Knabe, der inzwischen alt und anders geworden ist. Ich weiß, daß er an seine Heimat denkt und daß eine verjährte, knabenhafte Untreue durch sein Leben geht wie ein feiner Sprung durch klares Glas.

„Das ist eine traurige Geschichte. Ist sie zu Ende?“

Noch nicht. Und ich glaube, der Schluß wird das traurigste sein. Glaubst du nicht auch?

„Ich weiß nicht. Ich weiß auch nicht, ob der Knabe die fremde Frau noch immer liebt.“

Man hat keine Nachricht darüber. Oder soll ich Ja sagen?

* *
*