II.
Das zweite nicht minder Merkwürdige war aber, daß am nächsten kleinen Trinktische, ohne die Ankommenden irgend zu bemerken oder zu grüßen, der elegante Herr Erich Tänzer saß, ein intimes Mitglied der Brüderschaft des Cénacle und Karl Hamelts besonderer Herzensfreund. Er hatte einen Becher helles Bier halb ausgetrunken vor sich stehen und in das Bierglas eine gelbe Rose gestellt; dazu rollte er langsam seine großen, ein wenig hervorstehenden Augen und sah zum ersten Mal in seinem Leben albern aus. Zuweilen bog er seine stattliche Nase gegen die Rose hin und roch an ihr, wobei er einen nahezu unmöglichen Schielblick nach dem fremden Mädchenkopf hinüberlenkte, ohne daß hierdurch der Ausdruck seines Gesichtes wesentlich gewonnen hätte.
Und als dritte Absonderlichkeit saß neben Erich mit großer Ruhe der alte Drehdichum, hatte einen Pfiff Kulmbacher vor sich stehen und eine von des Kronenwirts Kubazigarren im Munde.
„Zum Teufel, Herr Drehdichum,“ rief aufspringend Hermann Lauscher, „wie kommen Sie hieher? Sah ich Sie doch soeben um den obern Wall davonlaufen . . .“
„Und haben Sie mir doch eben noch in der größten zitternden Wut Ihre Faust in den Magen gebohrt!“ rief Ludwig Ugel.
„Nichts für ungut,“ rief der Philosoph mit dem gewinnendsten Lächeln zurück, „nichts für ungut, lieber Herr Ugel! Ich empfehle Ihnen das Kulmbacher, meine Herren!“ Damit leerte er ruhig sein Glas.
Indessen rief Karl Hamelt seinen Freund Erich an, der gegenüber noch immer entrückt und schlaff vor seiner ins Bierglas gesteckten gelben Rose saß.
„Erich, schläfst du?“
Erich antwortete ohne aufzusehen: „Ich schläfe nicht.“
„Man sagt nicht, ich schläfe, man sagt, ich schlafe,“ rief Ugel.
Da aber bewegte sich der Mädchenkopf hinter der Schenkgalerie, und die ganze fremde schöne Person trat hervor und an den Tisch der Freunde.
„Was wünschen die Herren?“
Wem nicht schon, da er vor dem schönen Gemälde einer Frau in seliger Begeisterung stand, plötzlich aus der Landschaft des Bildes heraus die Schöne lebendig entgegentrat, der weiß nicht, wie den Brüdern des Cénacle in diesem Augenblick zumute war. Alle drei erhoben sich von ihren Stühlen und machten drei Verbeugungen, jeder eine. „Schöne, teure Dame!“ sagte der Dichter. „Gnädiges Fräulein!“ sagte Ludwig Ugel, und Karl Hamelt sagte gar nichts.
„Nun, trinken Sie Kulmbacher?“ fragte die Schöne.
„Ja bitte,“ sagte Ludwig, und Karl nickte, Lauscher aber bat um einen Becher Rotwein.
Als die Getränke nun von der leisen, schlanken Mädchenhand elegant serviert wurden, wiederholten sich die verlegenen und ehrerbietigen Komplimente. Da kam aus ihrer Ecke die kleine Frau Müller gelaufen.
„Machen Sie doch nicht solche Umstände, meine Herren,“ sagte sie, „mit dem dummen Ding; sie ist meine Stiefschwester und zum Bedienen hergekommen, weil wir eine Hilfe nötig hatten . . . Geh’ ins Büffet, Lulu; es schickt sich nicht, so bei den Herren stehen zu bleiben.“
Lulu ging langsam weg. Der Philosoph kaute wütend an seiner Kuba, Erich Tänzer wälzte einen fabelhaften Jongleurblick nach der Richtung, in der das Mädchen verschwunden war. Die drei Freunde schwiegen ärgerlich und verlegen. Die Wirtin trug, um sich gefällig zu zeigen und Unterhaltung zu machen, vom Fensterbrett einen Blumentopf herbei und zeigte ihn prahlend am Tische vor.
„Sehen Sie, was für ein Staat! Diese Blume ist vielleicht die allerseltenste, die man nur kennt, und man sagt, sie blühe bloß alle fünf oder zehn Jahre.“
Alle betrachteten aufmerksam die Blume, die zart rotblau auf einem kahlen langen Stengel schwankte und einen seltsam trüben, warmen Duft ausströmte. Der Philosoph Drehdichum geriet in eine große Erregung und warf einen schneidend grimmigen Blick auf die Wirtin und ihre Blume, was aber niemand beachtete.
Da plötzlich sprang Erich am andern Tische auf, kam herüber, riß die Blume mit einem gewaltsamen Ruck mitten ab und war mit ihr in zwei Sätzen ins Büffet verschwunden. Drehdichum brach in ein leises Hohngelächter aus. Die Wirtin kreischte entsetzlich auf, rannte Tänzern nach, blieb mit dem Rock am Stuhle hängen, fiel zu Boden, der nacheilende Ugel über sie weg und über ihn der Dichter, der im Aufspringen Weinkelch und Blumentopf mit sich riß. Der Philosoph stürzte sich auf die hilflos liegende Wirtin, hielt ihr die Fäuste vors Gesicht, fletschte die Zähne und achtete es nicht, daß Ugel und Lauscher ihn wie toll an den reißenden Rockschößen zurückzuzerren strebten. In diesem Augenblick eilte der Wirt herein; der Philosoph, wie verwandelt, half der Frau auf die Beine, aus der Tür der angrenzenden Stube glotzten Bauern und Fuhrmänner in den Skandal. Im Büffet hörte man die schöne Lulu weinen, und Erich trat mit der ganz zerknitterten Blume in der Hand heraus. Alles stürzte sich scheltend, fragend, drohend, lachend auf ihn los; er aber hieb mit der zerbrochenen Blume wie ein Verzweifelter um sich und gewann ohne Hut das Freie.
III.
Am nächsten Morgen hatten sich die Freunde Karl Hamelt, Erich Tänzer und Ludwig Ugel im Herbergzimmer Hermann Lauschers versammelt, um seine neuesten Gedichte anzuhören. Eine große Flasche Wein stand auf dem Tisch, aus der sich jeder bediente. Der Dichter hatte mehrere anmutige Lieder vorgetragen und zog nun das letzte kleine Blättlein aus der Brusttasche. Er las: „An die Prinzessin Lilia . . .“
„Wie?“ rief Karl Hamelt und fuhr vom Kanapee empor. Etwas indigniert wiederholte Lauscher den obigen Titel. Karl aber legte sich in tiefem Nachdenken in die geblümten Polster zurück. Der Dichter las:
Ich weiß einen alten Reigen,
Ein helles Silberlied,
Das lautet fremd und eigen,
Wie wenn aus leisen Geigen
Ein Heimwehzauber lockend zieht . . .
Hamelt lenkte die Aufmerksamkeit der beiden andern ganz von der Fortsetzung des Liedes ab. „Prinzessin Lilia . . . Silberlied . . . Der alte Reigen . . .“ wiederholte er immer wieder, schüttelte den Kopf, rieb sich die Stirn, stierte leer in die Luft und heftete sodann den Blick glühend und heftig auf den Dichter. Lauscher war mit dem Lesen zu Ende und begegnete aufschauend diesem Blicke.
„Was ist?“ rief er verwundert. „Willst du den Blick der Klapperschlange an mir armem Vogel versuchen?“
Hamelt erwachte wie aus einem tiefen Traum. „Woher hast du dieses Lied?“ fragte er tonlos den Dichter. Lauscher zuckte die Achseln. „Woher ich alle habe,“ sagte er.
„Und die Prinzessin Lilia?“ fragte Hamelt wieder. „Und der alte Reigen? Siehst du denn nicht, daß dieses Lied das einzige echte ist, das du gedichtet hast? Alle deine andern Gedichte . . .“ Lauscher unterbrach ihn schnell.
„Schon gut; aber in der Tat,“ fuhr er fort, „in der Tat, liebe Freunde, ist dieses Lied mir selber ein Rätsel. Ich saß und dachte nichts und glaubte nur, nach meiner Gewohnheit, aus Langeweile Figuren und Zierbuchstaben auf das Blatt zu kritzeln, und als ich aufhörte, stand das Lied auf dem Papier. Es ist eine ganz andere Hand, als ich sonst schreibe, sehet nur!“
Damit gab er das Blatt dem zunächst sitzenden Erich in die Hände. Der hielt es vors Auge, erstaunte höchlich, sah noch einmal schärfer hin und sank alsdann mit dem lauten Ausruf: „Lulu!“ in den Stuhl zurück. Ugel und Hamelt stürzten hinzu und schauten auf das Papier. „Alle Wetter!“ rief Ugel aus; Hamelt aber hatte sich ins Kanapee zurückgelehnt und betrachtete das merkwürdige Blatt mit allen Zeichen des maßlosesten Erstaunens. Höchste Freude und unheimliche Befremdung wechselten auf seinem Gesicht.
„Nun sag mir, Lauscher,“ rief er endlich aus, „ist dies unsere Lulu oder ist es die Prinzessin Lilia?“
„Unsinn!“ rief ärgerlich der Dichter. „Gib mir’s her!“
Aber während er das Papier an sich nahm und noch einmal überblickte, machte plötzlich ein fremdes, kühles Schaudern seinen Herzschlag stocken. Die unregelmäßigen flüchtigen Schriftzeichen flossen in unbeschreiblicher Weise zu dem Umriß eines Kopfes zusammen, und beim längern Betrachten entwickelten sich aus dem Umrisse feine Züge eines Mädchenangesichts, die niemand anders als die schöne fremde Lulu darstellten.
Erich saß wie versteinert im Sessel, Karl lag murmelnd auf dem Kanapee neben dem kopfschüttelnden Ludwig Ugel. Der Dichter stand bleich und verloren mitten im Zimmer. Da klopfte ihm eine Hand auf die Schulter, und als er aufschreckend sich umwendete, stand der Philosoph Drehdichum da und grüßte mit dem schäbigen steifen Hute.
„Drehdichum!“ rief der Dichter erstaunt. „Zum Hagel, sind Sie durch den Plafond herabgefallen?“
„Wieso?“ entgegnete lächelnd der Alte.
„Wieso, lieber Herr Lauscher? Ich hatte zweimal angeklopft. Aber lassen Sie sehen, Sie haben ja hier ein prachtvolles Manuskript!“ Er nahm das Lied oder vielmehr das Bild sorgfältig aus Lauschers Händen. „Sie erlauben doch, daß ich das Blatt betrachte? Seit wann sammeln Sie solche Raritäten?“
„Raritäten? Sammeln? Werden Sie denn aus dem Wische klug, Herr Drehdichum?“ Der Alte betrachtete und betastete das Papier mit großem Behagen.
„Ei freilich,“ erwiderte er schmunzelnd, „ein schönes Stück eines wenn schon verdorbenen und späten Textes! Es ist askisch.“
„Askisch?“ rief Karl Hamelt.
„Nun ja, Herr Kandidat,“ sagte freundlich der Philosoph. „Aber gestehen Sie doch, bester Herr Lauscher, wo Sie den seltenen Fund gemacht haben! Es möchte weitere Nachforschungen lohnen.“
„Sie fabeln, Herr Drehdichum,“ lachte beklommen der Dichter. „Dieses Blatt ist nagelneu, ich selbst habe es gestern nacht geschrieben.“
Der Philosoph maß Lauschern mit einem argwöhnischen Blick.
„Ich muß gestehen,“ antwortete er, „ich muß wirklich gestehen, mein lieber junger Herr, daß diese Späße mich einigermaßen befremden.“
Lauscher wurde nun aber ernstlich ungehalten.
„Herr Drehdichum,“ rief er heftig, „ich muß Sie bitten, mich nicht mit einem Hanswurste zu verwechseln und sich, falls Sie selbst, wie es scheint, diese heitere Rolle agieren wollen, gefälligst einen andern Schauplatz als meine Wohnung zu suchen.“
„Nun, nun,“ lächelte gutmütig Drehdichum, „vielleicht denken Sie der Sache noch einmal nach! Indessen leben Sie allerseits wohl, meine Herren!“ Damit rückte er den grünlich schillernden Hut auf dem weißen Kopfe zurecht und verließ lautlos das Zimmer.
Unten fand Drehdichum die schöne Lulu allein im leeren Wirtszimmer stehen und Weingläser mit einem Tuch ausreiben. Er schenkte sich seinen Becher selber am Fasse voll und setzte sich dem Mädchen gegenüber an den Tisch. Ohne etwas zu reden, blickte er zuweilen freundlich aus seinen alten hellen Augen der Schönen ins Gesicht, und sie, da sie sein Wohlwollen spürte, fuhr unbefangen in ihrer Arbeit fort. Der Philosoph ergriff ein leeres geschliffenes Glas, füllte ein wenig Wasser hinein und begann den Rand, den er befeuchtet hatte, mit der Spitze des Zeigefingers zu reiben. Bald kam ein Summen hervor, und dann ein klarer Ton, der ohne Unterbruch bald schwellend, bald schwindend die Stube erfüllte. Die schöne Lulu hörte das feine Singen gern, sie ließ die Hände ruhen und lauschte und ward von dem ewigen süßen Kristalltone ganz bezaubert, indes der Alte manchmal vom Glase weg ihr freundschaftlich und eindringend in die Augen blickte. Das ganze Zimmer klang von dem Singen des Glases. Lulu stand ruhig damitten und dachte nichts und hatte die Augen groß wie ein horchendes Kind.
„Lebt noch der alte König Ohneleid?“ vernahm sie eine Stimme fragen und wußte nicht, war es der Alte, der fragte, oder kam die Stimme aus dem Ton des Glases. Auf die Frage aber mußte sie durch ein Nicken antworten, sie wußte nicht warum.
„Und weißt du noch das Lied der Harfe Silberlied?“
Sie mußte nicken und wußte nicht warum. Leiser tönte der Kristallklang. Die Stimme fragte:
„Wo sind die Saiten der Harfe Silberlied?“
Der Ton klang immer leiser und schwang in kleinen zarten Wellen aus. Da mußte die schöne Lulu weinen, sie wußte nicht warum.
Es war ganz still im Zimmer geworden, und so blieb es eine gute Weile.
„Warum weinen Sie, Lulu?“ fragte Drehdichum.
„Ach, hab ich geweint?“ antwortete sie schüchtern. „Mir wollte ein Lied aus meiner Kinderzeit einfallen; aber ich kann mich nur halb darauf besinnen.“
Hastig ward die Tür aufgerissen, und die Frau Müller kam hereingerannt. „Was, noch immer an den paar Gläsern?“ rief sie keifend. Lulu weinte wieder, die Wirtin rumorte und schimpfte; beide bemerkten es nicht, wie der Philosoph aus seiner kurzen Pfeife einen großen Rauchringel blies, sich darein setzte und leise auf einem sanften Zugwind durch das offene Fenster fuhr.