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Vereinsamt sah Berthold dem Einwintern in seinem Tale zu. Seit einem Jahre hatte er sein Stücklein Boden nimmer verlassen und sich zugeschworen, auch ferner dem Leben der Welt den Rücken zu kehren. Die Genügsamkeit und erste Kinderfreude am Neuen war aber nicht mehr in seinem Herzen, er trieb sich viel auf mühsamen Spaziergängen im Schnee herum, denn der Winter war viel härter als der vorjährige, und überließ die häusliche Handarbeit immer häufiger dem Xaver, der sich längst in dem kleinen Haushalt unentbehrlich wußte und das Gehorchen so ziemlich verlernt hatte.

Mochte sich aber Reichardt noch so viel draußen herumtreiben, so mußte er doch alle die unendlich langen, stillen, toten Abende allein in der Hütte sitzen, und ihm gegenüber mit furchtbaren großen Augen saß die Einsamkeit wie ein Wolf, den er nicht anders zu bannen wußte als durch ein stetes waches Starren in seine leeren Augen, und der ihn doch von hinten überfiel, so oft er den Blick abwandte. Die Einsamkeit saß nachts auf seinem Bett, wenn er durch leibliche Ermüdung den Schlaf gefunden hatte, und vergiftete ihm Schlaf und Träume. Und wenn am Abend der Knecht das Haus verließ und mit wohligen Schritten pfeifend durch den Obstgarten hinab gegen das Dorf verschwand, sah ihm sein Herr nicht selten mit nacktem Neide nach. Für unbefestigte Menschen ist nichts gefährlicher und seelenmordender als die beständige Beschäftigung mit dem eigenen Wesen und Ergehen, dem eigenen Leben, der eigenen einsamen Unzufriedenheit und Schwäche. Die ganze Krankheit dieses Zustandes mußte nun der gute Eremit an sich erleben, und durch die Lektüre so manches mystischen Buches geschult konnte er nun an sich selbst beobachten, wie unheimlich wahr alle die vielen Legenden von den Nöten und Versuchungen der frommen Einsiedler in der Wüste Thebais waren. Von den Entrückungen und dem Einswerden mit dem Herzschlag der Natur, welche jene Heiligen ihrer Askese verdankten, wurde ihm nichts zuteil, es sei denn der bitter traurige Einsamkeitsstolz des freiwillig Ausgeschlossenen, der allein ihn aufrecht hielt.

So brachte er trostlose Monate hin, dem Leben entfremdet und an der Wurzel der Seele krank. Er sah übel aus, und seine früheren Freunde hätten ihn nicht mehr erkannt; denn über dem wetterfarbenen, aber eingesunkenen Gesichte war Bart und Haar lang gewachsen, und aus dem hohlen Gesicht brannten hungrig und durch die Einsamkeit scheu geworden die Augen, als hätten sie niemals gelacht und niemals sich unschuldig an der Buntheit der Welt gefreut.

Ein einziges Mal suchte er, als ihm das Alleinsein in einer schlimmen Stunde unerträglich wurde, das Dorfwirtshaus auf. Sauber gebürstet und gekämmt, doch fremd und wunderlich trat er in die Stube, setzte sich an einen Tisch und ließ sich Wein bringen, von dem er nur wenige Tropfen in ein Glas Wasser goß; und die Stille bei seinem Eintritt, das einsilbige Grüßen und nachherige Wegrücken der Tischnachbarn, das verhaltene Lachen am Nebentische machten ihn sofort verzagt und ließen ihn bereuen, daß er gekommen war. Ach nein, er war kein Prophet wie van Vlissen, der unter Menschen jeder Art seine Überlegenheit bewahrt hatte! Bedrückt und beinahe weinend vor Enttäuschung und Schwächegefühl ging er bald wieder davon.

Es blies schon der erste Föhnwind, da brachte eines Tages der Knecht mit der Zeitung auch einen kleinen Brief herauf, die gedruckte Einladung zu einer Versammlung aller derer, die mit Wort oder Tat sich um eine Reform des Lebens und der Menschheit mühten. Die Versammlung, zu deren Einberufung theosophische, vegetarische und andere Gesellschaften sich vereinigt hatten, sollte zu Ende des Februar in München abgehalten werden. Wohlfeile Wohnungen und fleischfreie Kosttische zu vermitteln erbot sich ein dortiger Verein.

Mehrere Tage schwankte Reichardt ungewiß, ob ihm diese Einladung eine Erlösung oder Versuchung bedeute, dann aber faßte er seinen Entschluß und meldete sich in München an. Und nun dachte er drei Wochen lang an nichts anderes als an dieses Unternehmen. Schon die Reise, so einfach sie war, machte ihm, der länger als ein Jahr eingesponnen hier gehaust hatte, Gedanken und Sorgen; er ließ sich ein Kursbuch kommen und las nachdenklich die Namen der Haltestellen und Umsteigestationen, die er von mancher sorglosen Reise der früheren Zeiten her kannte. Gern hätte er auch zum Bader geschickt und sich Bart und Haar zuschneiden lassen, doch scheute er davor zurück, da es ihm als eine feige Konzession an die Weltsitten erschien, und da er wußte, daß manche der ihm befreundeten Sektierer auf nichts einen so hohen Wert legten wie auf die religiös eingehaltene Unbeschnittenheit des Haarwuchses. Dafür ließ er sich im Dorfe einen neuen Anzug machen, gleich in Art und Schnitt wie sein van Vlissensches Büßerkleid, aber von gutem Tuche, und einen langen, landesüblichen Lodenkragen als Mantel.

Am vorbestimmten Tage verließ er früh am kalten Morgen sein Häuschen, dessen Schlüssel er im Dorf bei Xaver abgab, und wanderte in der Dämmerung das stille Tal hinab bis zum nächsten Bahnhof. Da saß er nun im Wartesaal, von Marktfrauen und Bauernburschen neugierig beobachtet, und aß sein mitgebrachtes Frühstück. Gar gerne wäre er in der zweiten oder ersten Klasse gefahren, nicht so sehr aus alter Gewohnheit als um weniger beobachtet unter diskreten Mitreisenden zu sitzen; aber die Schändlichkeit eines solchen Rückfalles in Luxus und Weltrücksicht war einleuchtend, und er ließ davon ab. Mit Hilfe zweier schöner Äpfel, die von seinem Imbiß übrig waren, machte er sich die Kinder einer Bauernfrau zu Freunden und kam mit den Leuten in ein leidliches Gespräch, das ihm wohltat und Mut machte. Er stieg mit in ihren Wagen und nahm beim Anschluß an die Hauptbahnlinie in Freundschaft Abschied. Nun saß er geborgen und mit einer lang nicht mehr gekosteten frohen Reiseunruhe im Münchener Zug und fuhr aufmerksam durch das schöne Land, unendlich froh, dem unerträglichen heimischen Zustand für ungewisse Tage entronnen zu sein. Von Kufstein an wuchs seine Erregung. Wie war das wunderlich, daß Kufstein und Rosenheim und München und die ganze alte Welt noch unverändert und gleichmütig dastand, und daß alles das, was er sich aus dem Herzen gerissen und in höheren Erkenntnissen ertränkt hatte, doch eben noch da war und lebte!

Es war der Tag vor dem Beginn der Versammlung, und es begrüßten den Ankommenden gleich am Bahnhof die ersten Zeichen derselben. Aus einem Zug, der mit dem seinen zugleich ankam, stieg eine ganze Gesellschaft von Naturverehrern in malerisch exotischen Kostümen und auf Sandalen, mit Christusköpfen und Apostelköpfen, und mehrere Entgegenkömmlinge gleicher Art aus der Stadt begrüßten die Brüder, bis alle sich in einer ansehnlichen Prozession in Bewegung setzten. Reichardt, den ein ebenfalls heute zugereister Buddhist, einer seiner Sommerbesuche, erkannt hatte, mußte sich anschließen, und so hielt er seinen Wiedereinzug in München in einem Aufzug von Erscheinungen, deren Absonderlichkeit ihm hier im Straßenbilde augenblicklich peinlich störend auffiel. Unter dem lauten Vergnügen einer nachfolgenden Knabenhorde und den belustigten Blicken aller Vorübergehenden wallte die seltsame Schar stadteinwärts zur Begrüßung im Empfangssaale.

Reichardt erfragte so bald als möglich die ihm zugewiesene Wohnung und bekam einen Zettel mit der Adresse in die Hand gedrückt. Er verabschiedete sich, nahm an der nächsten Straßenecke einen Wagen und fuhr, ermüdet und verwirrt, nach der ihm unbekannten Straße. Da rauschte um ihn her das Leben der wohlbekannten Stadt, die ihn nichts mehr angehen sollte, da standen die Ausstellungsgebäude, in denen er einst mit dem Maler Konegen Kunstkritik getrieben hatte, dort lag seine ehemalige Wohnung, mit erleuchteten Fenstern, da drüben hatte früher der Justizrat Weinland gewohnt. Er aber war vereinsamt und beziehungslos geworden und hatte nichts mehr mit alledem zu tun, und doch bereitete jede von den wieder erweckten Erinnerungen ihm einen leisen süßen Schmerz. Und in den Straßen lief und fuhr das Volk wie ehemals und immer, als sei nichts Arges dabei und sei keine Sorge noch Gefahr in der Welt, elegante Wagen fuhren auf lautlosen Rädern zu den Theatern, und Soldaten hatten ihre Mädel am Arm.

Das alles erregte den Einsamen, das wogende rötliche Licht, das im feuchten Pflaster sich mit froher Eitelkeit abspiegelte, und das Gesumme der Wagen und Schritte, das ganze wie selbstverständlich spielende Getriebe. Da war Laster und Not, Luxus und Selbstsucht, aber da war auch Freude und Glanz, Geselligkeit und Liebe, und vor allem war da die naive Rechenschaftslosigkeit und gleichmütige Lebenslust einer Welt, deren mahnendes Gewissen er hatte sein wollen, und die ihn einfach beiseite getan hatte, ohne einen Verlust zu fühlen, während sein bißchen Glück darüber in Scherben gegangen war. Und dies alles sprach zu ihm, zog mit ungelösten Fäden an seinen Gefühlen und machte ihn traurig.

Sein Wagen hielt vor einem großen Mietshause, seinem Zettel folgend stieg er zwei Treppen hinan und wurde von einer kleinen roten Frau, die ihn fast mißtrauisch musterte, in ein überaus kahles Zimmerchen geführt, das ihn kalt und ungastlich empfing.

»Für wieviel Tage ist es?« fragte die Vermieterin kühl und bedeutete ihm ohne Zartheit, daß das Mietgeld im Voraus zu erlegen sei.

Unwillig zog er die Geldtasche und fragte, während sie auf die Zahlung lauerte, nach einem besseren Zimmer.

»Für anderthalb Mark im Tag gibt es keine besseren Zimmer, in ganz München nicht,« sagte die Frau kurz und sachlich. Nun mußte er lächeln.

»Es scheint hier ein Mißverständnis zu walten,« sagte er rasch. »Ich suche ein schönes, großes, bequemes Zimmer, nicht eine Schlafstelle. Die Herren, die hier für mich bestellt haben, waren so freundlich, meine Börse möglichst schonen zu wollen. Mir liegt aber nichts am Preise, wenn Sie ein schöneres Zimmer haben.«

Die Vermieterin ging wortlos durch den Korridor voran, öffnete ein anderes Zimmer, drehte das elektrische Licht an und sagte: »Das hier wäre noch frei, das kostet aber dreieinhalb.«

Zufrieden sah der Gast sich in dem weit größeren und wohnlich, fast behaglich eingerichteten Zimmer um, legte den Mantel ab, gab der Frau ihr Geld für einige Tage voraus und sah erst nachträglich, als er in dem fremden Raume umherging und sich auszukleiden begann, daß er allerdings als ein Fremder in höchst uneleganter Kleidung ohne anderes Gepäck als den Rucksack kaum Ansprüche auf einen besseren Empfang machen durfte.