25. Die Besiedelung des Erzgebirges.

a. Die Besiedelung des Erzgebirges in vorwettinischer Zeit.

Im 4. Jahrhundert rückten die slawischen Stämme von Osten her vor. Zwischen 454 und 495 drangen die Tschechen in Böhmen ein. Ungefähr zu gleicher Zeit kamen aus der Weichsel- und Odergegend die Milczener, Lutizier, Obotriten und Sorben bis in die später sächsischen, mecklen- und brandenburgischen Länder. Von diesen rückten die Sorben oder Serben, deren Name sie ganz besonders als ackerbautreibendes Volk bezeichnet, in das spätere Meißnische und, da 531 von den Franken und Sachsen das mächtige Reich der Thüringer vernichtet wurde, westwärts bis zur Saale vor. Die Sorben waren demnach die unmittelbar nördlichen Nachbarn des alten Miriquidi. Sie gründeten sehr bald in den fruchtbaren Niederungen und Thälern Orte und bebauten das Land. Aber noch wurde dieses Volk von der Ansiedelung auf den rauhen, unwirtlichen Waldhöhen abgeschreckt, bis endlich nach den langen Vernichtungskämpfen der mächtigen deutschen Kaiser im 9. Jahrhundert, denen die Erbauung der Burg Meißen folgte, und ganz besonders, als unter Otto I. die Grafen Hermann Billung und Gero glücklich die letzte Erhebung an der niederen Elbe und in den Lausitzen niederschlagen, die Macht der Slaven völlig gebrochen war. Der Zinspflichtigkeit zu entgehen, festhaltend an dem Glauben ihrer Väter, erfüllt mit tiefem Haß gegen die christliche Geistlichkeit, welche von ihren Einkünften an Getreide und Vieh, Leinwand, Honig und Wachs den zehnten Teil forderte, zogen sich nun nach den für ihr Volk unglücklichen Kämpfen zahlreiche sorbische Familien in das unfreundliche und von wilden Tieren bevölkerte, aber ihnen doch Freiheit und Sicherheit gegen ihre Besieger verheißende Erzgebirge zurück. So wurden bereits gegen Ende des 10. Jahrhunderts von diesen slawischen Einwanderern daselbst einzelne feste Niederlassungen gegründet. Immer höher stiegen sie, vorzugsweise wohl in den Thälern und so dem Laufe der Gewässer entgegen, auf der nordwestlichen Senkung des Gebirges bis ungefähr zur Linie Eibenstock-Schlettau-Zöblitz-Sayda auf. Erst vom 12. Jahrhundert an, da das Gebirge durch die Entdeckung reicher Silbererze zum Erzgebirge wurde, drangen auch die Deutschen zahlreicher vor, gründeten Städte und Dörfer. Das germanische Element verschlang sehr bald die slavischen Reste, wo sich dieselben bis dahin noch in einiger Selbständigkeit erhalten hatten. Wohl erhielt sich noch, wenigstens am Fuße des eigentlichen Gebirges, ihre Sprache; denn im Jahre 1327 wurde der Gebrauch derselben bei den Zwickauer Gerichten und in Meißen sogar erst 1424 verboten; jedoch auch in den höher gelegenen slavischen Ansiedelungen wird die Muttersprache nach Berührung mit den später vorgedrungenen Deutschen nicht sobald erloschen sein, da viele slavische Wörter, die selbst in der Gegenwart nicht verschwunden sind, von den Deutschen festgehalten wurden.

Nach Dr. Köhler.

b. Die Besiedelung des oberen Erzgebirges in wettinischer Zeit.

1. Die wilde Ecke.

Vor über 400 Jahren, bis zum Jahre 1496, wo man Annaberg gründete, war die Stelle, an der jetzt die Stadt steht, nichts denn dicker, finsterer Wald voll Steinblöcke und Felsen, überragt gleich einer Warte von dem Pöhlberge. In den dichten Wäldern hauste mancherlei unzähliges Getier. Des Nachts erklang das gellende Geschrei des Uhus und am Tage krächzten Raubvögel und Unglück verkündende Raben massig in der Luft und horsteten auf den hohen Fichten. Der Bär brummte, der Wolf heulte und die Wildkatze schlich nach Beute. Der Fuchs und der Dachs führten ihre Baue auf und auch das Wildschwein grunzte in den geringen grünen Eichenwaldungen. Scheuen Blickes und eilenden Fußes umgingen die bewaffneten Bewohner der benachbarten Häuerdorfer die »wilde Ecke«, um nicht eine Beute der Raubtiere zu werden. Da die Gegend noch wenig angebaut war, so mußte man die Nahrungsmittel weit herholen. Die »wilde Ecke« führte darum auch noch den Namen »Hungerloch«.

Noch heute erinnert uns manches an die ehemalige Wildheit. Von Süden grüßt uns der Bärenstein, im Norden liegen rechts vom Sehmaflusse die Wolfshöhle und links der Sauwald. Auch die Fuchsgasse mag mit genannt werden.

»Sehr wild und felsicht war's in diesen Wald-Sudöden;
Da hauste Wolf und Bär mehr als ein Menschenkind;
Man sahe nichts von Feld, von Handelschaft und Städten;
Die Luft war angestrengt mit Nebel, Frost und Wind.«

Nach Arnold und M. Chr. Lehmann.

2. Entstehung der Orte in Annabergs Umgegend.

Die Ansiedelungen im oberen Erzgebirge sind von sehr verschiedenem Alter. Es läßt sich die Zeit der Gründung der einzelnen Städte und Dörfer nur annähernd bestimmen. Im allgemeinen gilt, daß die Bebauung für das Gebirge später eintrat, als für das Niederland und der Bergbau auch in ältester Zeit Anlaß gab, die sonst gemiedene Wald- und Berggegend zur Wohnstätte zu wählen. Aus der Benennung, welche man den Ansiedelungen gab, läßt sich schließen, daß z. B. die Städte des oberen Gebirges: Lößnitz, Zwönitz, Zöblitz, Schlettau bereits während der Zeit der Sorben-Wenden, also vor dem 10. Jahrhundert gegründet worden sind.

Um das Jahr 1173 wurde das Kloster Zelle bei Aue durch Mönche aus dem Kloster zu Zelle bei Freiberg gegründet. – Vorher, im 11. Jahrhundert, mögen zum Schutz und Trutz die Burgen Wolkenstein und Schwarzenberg mit den sich anschließenden Stadtgründungen entstanden sein. Elterlein scheint seine Entstehung dem Bergbaue auf Eisen im 12. Jahrhundert zu verdanken.

Unter Markgraf Heinrich dem Erlauchten, vielleicht auch früher, entstand westlich von Elterlein die Ansiedelung von Grünhain. Daselbst stiftete, wahrscheinlich 1238, Meinherr II., Graf zu Hartenstein und Burggraf zu Meißen, das Kloster Grünhain und stattete dasselbe 1240 mit zehn Dörfern der Umgegend aus. Später kamen teils durch Kauf, teils durch Schenkung noch andere Besitzungen hinzu, sodaß eine große Anzahl Städte und Dörfer dem Kloster gehörten und sein Gebiet im 15. Jahrhundert sich bis unterhalb Zwickau und einige Meilen nach Böhmen hinein erstreckte. – Außer dem Kloster Grünhain gehört dem 13. Jahrhundert noch die Entstehung der Stadt Ehrenfriedersdorf, d. i. Herrenfriedersdorf, um 1240 an.

Das Städtchen Geyer ist um 1395 infolge der reichen Anbrüche auf Zinn, Silber und Kupfer von Ehrenfriedersdorf aus angelegt worden. – Bald nach der Ansiedelung in Geyer soll zu Anfang des 15. Jahrhunderts ebenfalls infolge des Bergbaues die benachbarte Stadt Thum entstanden sein.

Die um Annaberg gelegenen Dörfer Frohnau, Kleinrückerswalde, Geyersdorf u. a. sind früheren Ursprungs als Annaberg und Buchholz.

3. Entstehung Annabergs und anderer Bergstädte des Obererzgebirges.

In dem bei der Teilung 1485 von Albert gewählten Meißnerlande war nach dem Tode dieses Fürsten im Jahre 1500 sein Sohn Georg der Bärtige (1500–1539) gefolgt. Dieser war der eigentliche Gründer von Annaberg, da sein Vater zu jener Zeit als »des Kaisers gewaltiger Marschall und Bannermeister« Krieg mit den Niederländern führte und seinem Sohne während seiner Abwesenheit die Regierung des Meißnerlandes übertragen hatte. Als Georg 1500 zur selbständigen Regierung gelangte, bewies er der durch ihn gegründeten Stadt vor allen seine Gunst und Zuneigung und besuchte die reiche Bergstadt mehrmals von Dresden aus. Er spendete bedeutende Beihilfen zum Bau der schönen Annenkirche (1499–1525), ließ das Franziskaner-Kloster (1502–1512) erbauen und begnadigte die Stadt mit vielen Rechten und Freiheiten.

Bald nach der Gründung der beiden sächsischen Städte Annaberg und Buchholz entdeckte man auch Silber auf der böhmischen Seite des Erzgebirges. Im Jahre 1516 ward Joachimsthal in Böhmen gegründet und 1520 zur freien Bergstadt erhoben. Gewöhnlich nimmt man an, daß die dort vom Jahre 1519 an geprägten Münzen abgekürzt »Thaler« genannt worden seien und dadurch dieser Name für jede Münze von gleichem Werte in Gebrauch kam, was aber von Sachkundigen bezweifelt wird. Man leitet richtiger den Münznamen von talentum ab.

Was die Gründung anderer Städte des Obererzgebirges infolge reicher Erzanbrüche betrifft, so merke man noch: Im Jahre 1517 wurden Gottesgab, Eibenstock und Jöhstadt, eigentlich Josephsstadt, gegründet, 1521 Marienberg, 1522 Scheibenberg, 1526 Wiesenthal, 1532 Platten.

Das Gebiet, wo die Städte Gottesgab und Platten damals erbaut wurden, gehörte 1459–1547 durch den Vertrag zu Eger zur Mark Meißen, fiel aber infolge des Wittenberger Vertrages an Böhmen zurück.

Jenesius sagt in seiner Geschichte Annabergs: »Die Bergstädte haben ihren Namen nicht von ohngefähr, sondern aus reifem Nachdenken bekommen. Meine Vaterstadt ist anfangs Schreckenberg genannt worden. Aber es wurde kurz hernach, auf Ansuchen des Herzogs Georg und der Bürgerschaft durch den Kaiser Maximilian I. bewilligt, daß dieselbe Sankt Annaberg heißen sollte. Die böhmischen Grafen von Schlick nahmen von der Benennung dieser Stadt Veranlassung, die von ihnen erbaute Stadt nach dem Ehemanne der Anna Joachimsthal zu nennen. Dies bewog ferner den sächsischen Fürsten Heinrich den Frommen, den Bruder Georgs, daß er der von ihm gegründeten Stadt den Namen Marienberg beilegte und den Flecken, welcher an der äußersten Grenze des Meißener Landes in waldiger Gegend liegt, Jöhstadt, d. i. Josephsstadt, benannte. Es gefiel also den Herren dieser Länder, die Städte nach denen zu benennen, die die Voreltern des Heilandes nach dem Fleische waren, damit die Einwohner zur Verkündigung der Wohlthaten Christi entzündet würden und sich ihnen mit Seele und Leib, mit Hab' und Gut weihten.«

4. Jüngere Gründungen im Obererzgebirge.

Der Bergbau in Buchholz war durch einen furchtbaren Wolkenbruch am 21. Juli 1565 fast ganz vernichtet worden, und im Jahre 1568 hatte die Pest Annaberg und die Umgegend verheert. Auf Anregung des Kurfürsten August ward damals überall im Lande nach neuen Schätzen des Erdbodens geforscht. So wurde 1546 der Serpentin bei Zöblitz entdeckt. In den Kalkbrüchen von Crottendorf fand man 1575 abbauwürdige Marmorlager. Der daselbst gebrochene Marmor ist bis auf die Gegenwart herab vielfach zu Bauwerken und Kunstgegenständen verwendet worden. Seit einigen Jahren hat jedoch die Ausbeute an Marmor aufgehört und es wird nur Kalk gefunden.

Nach Schulrat Dr. Spieß.