43. Der Dreißigjährige Krieg im oberen Erzgebirge.
a. Kurfürst Johann Georgs I. Verteidigungswerk.
Schon im Jahre 1613, als die in Böhmen ausgebrochenen Religionsstreitigkeiten und Unruhen immer bedenklicher wurden, errichtete Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen für sein ganzes Land, um dasselbe möglichst wehr- und kriegsfähig zu machen, ein sogenanntes Verteidigungswerk, d. h. eine Art von Land- und Bürgerwehr, wozu durch besondere Ausmusterungen die kriegstüchtigen Männer aus den Städten und Dörfern ausgehoben und in besondere Haufen gebracht wurden.
So bestand das Freiberger Verteidigungswerk aus der Mannschaft, die nicht allein aus der Stadt und dem Amtsbezirke, sondern auch aus dem Wolkensteiner, Grünhainer und Tharandter Amte genommen war und zusammen 520 Mann ausmachte. Diese Mannschaften mußten von den betreffenden Städten mit den nötigen Waffen und den vorgeschriebenen Ausrüstungsstücken, nämlich grauen Röcken mit roten Aufschlägen, roten Tuchstrümpfen und schwarzen Hüten versehen werden. Zum Unterhalte dieser Verteidiger wurde im ganzen Lande eine Steuer ausgeschrieben, wozu jede Stadt nach Verhältnis beizutragen hatte. Die Marienberger Stadtgeschichte berichtet, daß von diesem Orte allein im Jahre 1631 nicht weniger als 513 Gld 9 Gr 2 Pf Angeld und 43 Scheffel 9½ Metze Hafer an das Amt Augustusburg abgegeben werden mußten. Im genannten Jahre, wo die Kriegsunruhen die sächsischen Grenzen bereits aufs schlimmste bedrohten, wurden von den erwähnten Verteidigern viele an die sächsisch-böhmische Grenze geschickt, um da in Gemeinschaft mit den gebirgischen Bewohnern alle Pässe zu verhauen oder wenigstens zu bewachen und das Eindringen von feindlichen Streifhorden aus Böhmen zu verhindern.
Nach Donat-Holzhaus.
b. Wie in Böhmen der Krieg ausbricht.
Kaum hatten sich die unglücklichen Bürger Annabergs von den Schäden des großen Brandes 1604 notdürftig erholt, da hatten sie um die gerettete Habe wegen des in Böhmen 1618 ausgebrochenen Dreißigjährigen Krieges zu fürchten. Von 1622 an suchten verschiedene böhmische Protestanten in Annabergs Mauern eine Freistatt ihres bedrückten und verfolgten Glaubens. Dieser Zuzug steigerte sich wesentlich 1625–26. Namentlich viele Edelleute waren es, die sich hier niederließen. Zu ihnen gehörte Sidonie von Hassenstein. Das gewöhnliche Volk bezog die Dörfer oder gründete neue Ansiedelungen. So ließen sich in damaliger Zeit eine Anzahl Flüchtiger in Cranzahl, Bärenstein, Stahlberg und anderen Orten nieder. Aus einem Dorfe bei Elbogen hinter Karlsbad flüchtete ein vertriebener Bauer, Barthel Leibelt, in die Cranzahler Richterschmiede. Bei dem glaubensfrischen Steiger Christian Päßler in Stahlberg, der an seiner Kirche sein Paradies gehabt hat, ließen sich sehr viele nieder und bauten sich an. Wie groß die Glaubenstreue gewesen ist, ersieht man daraus, daß Georg Wagner, Richter am Weipert, 1643 als Apostata oder Abtrünniger erwähnt ist. Insbesondere mußten auch die Geistlichen, in Joachimsthal sogar 3, katholischen Priestern und Mönchen weichen. Der Weiperter Pfarrer vermochte sich bis 1625 zu halten. Als er da der Macht wich, zog er nach Cranzahl. Seine Gemeinde ging mit ihm hier zur Kirche. Erwähnt sei noch, daß 1620 Michael Mahn und Joachim Petzelt von Cranzahl in Böhmen von Kriegsleuten angegriffen und ums Leben gebracht worden sind. Ihnen wurden wenigstens in Cranzahl Leichenreden gehalten.
Nach P. Schultze und Finck.
c. Wie dem Obererzgebirge das Kriegsunglück naht.
Im Jahre 1629 wurde am 6. März zu Annaberg das Restitutionsedikt, das die Herausgabe sämtlicher Kirchengüter forderte, veröffentlicht. Bis zum Jahre 1629 hatte man im Erzgebirge von dem großen Kriege in den deutschen Landen nur wenig bemerkt. Einige Durchmärsche der Kaiserlichen über das Gebirge brachten nur vorübergehende Unzuträglichkeiten. 1630 feierte man in allen protestantischen Kirchen das Jubeljahr der Übergabe des Augsburgischen Bekenntnisses. Die entscheidende Wendung brachte das Jahr 1631, nach Gustav Adolfs Sieg bei Breitenfeld am 7. September. Kurfürst Johann Georg I. ließ nun Truppen werben. Die Erzgebirgspässe wurden besetzt. Der alte Slavenpaß, der über Weipert und Komotau in das Egerthal führt, bildete nun in dem wechselvollen Kriege eine viel benutzte Heerstraße. »Das gute Gebirge mußte alle Parteien von Freund und Feind erdulden, sie speisen, auslösen, fördern und hausen lassen.«
Meltzer erzählt in seiner Stadtgeschichte Schneebergs von Wunderzeichen am Himmel, welche den Krieg anzeigten. Am 25. Januar oder Pauli Bekehrungstage 1630 hat man überall im Gebirge ein Feuer- und Wunderzeichen am Himmel gesehen, als wenn unterschiedene Kriegstruppen miteinander im Gefechte wären. Dergleichen hat man gehöret, als wenn Musketen losgingen, zur Begrüßung geschossen würde. Dies haben unzählige Personen mit Verwunderung und Schrecken beobachtet, aber auch mit seiner Bedeutung in erfolgten feindlichen Einfällen und Kriegsbewegungen erkannt.
Nach Meltzer u. a.
d. Wie wichtige Obererzgebirgspässe besetzt werden.
Drei Hauptpässe, erzählt Chr. Lehmann in seinem »Schauplatze«, gehen über dieses Gebirge nach Böhmen, nämlich der Rittersgrüner, Preßnitzer und Reitzenhainer. Der Rittersgrüner liegt in einer festen Enge, daß man den ganzen Grund mit einer Schanze sperren konnte, und hat Holck viel Mühe und Beschwerden gekostet, ehe er durch das enge und morastige Waldgebirge hat brechen können. Der Preßnitzer geht über Kühberg, Paßberg und ist ein gut Stück gebrücket. Die 10 Minuten langen Schanzen am Blechhammer sind noch jetzt zu erkennen. Der Reitzenhainer geht über Stollberg, Zschopau und Marienberg hin, liegt mitten im Walde eine halbe Meile von Paßberg und hat der reisenden Leute halber einen Gasthof.
Durch diese Pässe haben die Gebirger im Dreißigjährigen Kriege großen Schaden erlitten. Diese Waldpässe wurden im Jahre 1631 im September weit und breit verhauen, viel tausend Bäume gefället, daß sie meist mannshoch übereinander lagen, weder Roß noch Wagen durch konnten und Korn, Malz und Mehl, alles herübergetragen oder geschleppt und kümmerlich durchgezogen werden mußte.
Vor dem Reitzenhainer Paß war eine böhmische Schanze und ein Vorratshaus von Böhmen besetzt, welche der sächsische Oberst Taube mit 1500 Mann zerstörte. An dem Preßnitzer Paß hatte man zwei Schanzen angelegt. Die eine war nahe an Weipert am Grenzwasser beim Gasthofe. Man hatte den Hof und das Haus mit hohen Pfählen verschanzt, Schießlöcher durch die Ställe gemacht und den hohlen Weg zum Laufgraben gebraucht. Das Wachhaus war mit Pfählen hoch verschanzt und darüber eine kleine viereckige Schanze. Diesen Paß besetzte der auf Preßnitz liegende Hauptmann Krebs mit 50 Musketieren, setzte die nächsten Dörfer umher in Kriegskosten, gab Schutzwachen aus nach Crottendorf, Sehma, Cranzahl.
Ehe diese Pässe verhauen wurden, mußten die Gebirger vier Wochen lang in großer Anzahl davorliegen. Die Wolkensteiner bewachten den Paß von Reitzenhain und Kriegwald, die Annaberger und Grünhainer den Preßnitzer, das Amt Schwarzenberg den Paß bei Wiesenthal und Rittersgrün.
Vor alters hatte man von Freiberg die Pässe von Frauenstein, Reitzenhain, Preßnitz. Durch diese sehr wilden und engen Pässe ist man nach Halle, Leipzig und dem Harze gefahren und zwar nicht ohne große Mühe und Gefahr wegen des Morastes, des tiefen Schnees und der Räuber. Sie sind aber auf viertel, halbe und dreiviertel Meilen gebessert und gebrücket, auch darum mit Zöllen und Geleitgeldern beleget worden. Überdies findet man auch richtige Wege zur Jägerei und Anführung der Zeugwagen. Bei Joachimsthal ließ General Holck einen neuen Weg durch Aufhauung des Waldes räumen.
Ein Lichtungsweg oder Paß berührte also auch die Bärensteiner und Weiperter Flur. Eine Fortsetzung der Handelsstraße von Prag nach Laun, Saaz, Kralup und Kaden darstellend, zog er sich durch Reischdorf nach Preßnitz, wo ein Schloß mit drei Türmen stand, von einem Wassergraben umgeben und geschützt durch eine Zugbrücke. Von dieser mutmaßlichen Zollstätte führte der Paß nach Pleil und Sorgenthal, dem Weißen Hirsch und durch die nördliche Spitze Weiperts nach dem Blechhammer herunter. Hier überschritt er den Grenzbach, die Pöhla, und ging über Kühberg und Zollhaus Berghäusel nach Cranzahl herein, von hier aber auf der »alten Schlettauer Straße« nach Schlettau und weiter nach Elterlein, Zwönitz, Stollberg, Leipzig und Halle, woher die Böhmen das unentbehrliche Salz holten, das ihr Kesselland nicht besitzt. Noch heute sind an vielen Stellen die tief und breit in Felsboden ausgefahrenen Hohlwege sichtbar, wie am Blechhammer, in Kühberg, vor dem Erbgerichte und auf der »alten Straße« nach Schlettau, das übrigens noch im Jahre 1807 zur Wiederherstellung der Grenzbrücke am Blechhammer 72 M beitragen mußte.
Nach Chr. Lehmann und P. Schultze.
e. Die ersten Kriegsdrangsale in Marienberg.
Am 16. September 1631 wurden 1500 Mann kaiserliches Fußvolk, das bei Leipzig nach der Schlacht bei Breitenfeld, am 7. September, sich ergeben hatte und nun freien Abzug nach Böhmen erhielt, durch sächsische Reiterei und Infanterie bis Reitzenhain geführt, bei welcher Gelegenheit die Stadt Marienberg die genannten Truppenteile aufzunehmen hatte und derselben ein Kostenaufwand von 425 Gld 20 Gr erwuchs.
Sehr verhängnisvoll sollte das Jahr 1632 für Marienberg werden. Dies erfuhr die Stadt schon, als am 4. Mai die Fürsten von Anhalt und der von Altenburg auf dem Durchmarsche nach Böhmen mit zwei Regimentern einrückten und einige Wochen später der sächsische Oberst Vitzthum von Eckstädt mit einem Reiterregimente die Stadt als Musterungsplatz wählte. in beiden Fällen hatte dieselbe für Verpflegung u. a. 825 Thlr 5 Gr, sowie später noch 1435 Gld 9 Gr 8 Pf zu zahlen.
Nach Donat-Holzhaus.
f. Wallensteins Truppen kommen.
In großen Schrecken sollte das Obererzgebirge versetzt werden, als Wallenstein seine dem Laster ergebenen und aus allerlei Volk zusammengelesenen Truppen nach Sachsen führte. Der General Holck, Wallensteins Oberstfeldmarschall, ein Protestant aus Dänemark, sowie der Kroatenoberst Corbitz führten ihre Banden über Altenberg, Schneeberg und Annaberg durch unser Gebirge, wodurch dieses aufs höchste geängstigt ward. Am 10. August 1632 rückte der Vortrab des Holckschen Heeres unter Oberst Isaak von Brandenstein vor Annaberg, wo nicht nur 2000 Thaler Brandschatzung gezahlt werden mußten, sondern auch, trotz des gegebenen Ehrenwortes, die Stadt vor aller Unbill zu schonen, in schrecklichster Weise geplündert und alles Vieh weggetrieben wurde.
Nach dieser Heldenthat ging es weiter, und mitten in der Nacht kam die Bande vor Marienberg an. Ein kaiserlicher Trompeter sprengte vor das verschlossene Annaberger Thor und begehrte im Namen des Kaisers Öffnung und Übergabe der Stadt. Der Bürgermeister Franke bat um einen Tag Bedenkzeit; der Trompeter ritt zurück und nach einer in großer Angst durchwachten Nacht öffnete man das Thor und – nirgends war ein feindlicher Soldat mehr zu erblicken. Die Gefahr war für diesmal abgewendet; aber die Angst stieg wieder aufs höchste, als man vernahm, daß der grausame General Holck selbst bereits in Schneeberg angekommen sei und sein Heer dort nicht nur alles geplündert und zerstört, sondern auch Fliehende und Flehende unbarmherzig niedergeschossen, viele Bürger getötet oder bis auf den Tod gequält, ja den Stadtrichter vor der Thür seines Hauses und einen 90jährigen Greis, den früheren Bürgermeister von Schlackenwerth, niedergemetzelt hatte.
Von Eger kommend, drang 1632, Mitte August, der General Holck mit seinen Scharen über Elbogen, Neudeck nach Eibenstock und von da gegen Schneeberg vor. Gar übel haben die Kroaten überall gehaust. Schwarzenberg, Schneeberg, Lößnitz, Grünhain, Elterlein, Geyer wurden geplündert und niedergebrannt. Schreckliche Zeiten waren gekommen. Das liebe Getreide wurde zertreten, viele hundert Stück Vieh wurden geraubt, von den Marketendern teuer verkauft, Brot und Bier wurde durch dieselben abgeführt und dadurch Hunger, Brotmangel, Zagen und Wehklagen verursacht.
Nach Donat-Holzhaus u. a.
g. Oberst Preuß vor Marienberg.
Am 21. August rückte Oberst Preuß vor Marienberg, nachdem ihm Holck, in Rücksicht darauf, daß die Stadt noch vom großen Brande her zum Teil in Schutt lag, einige Schonung anempfohlen hatte. Am genannten Tage früh 10 Uhr reitet ein Trompeter vor das verschlossene Thor und verlangt, daß man öffne. Niemand hört ihn und erbittert reitet er zum Heerhaufen zurück. Als auch auf eine erneute Aufforderung keine Antwort erfolgte, ward Sturm geblasen, das Thor gesprengt, und vorsichtig rückte man auf den großen, weiten Markt vor. Zwei volle Stunden läßt der Oberst, der einen Hinterhalt vermutet, seine ungeduldigen Soldaten hier stehen. Ringsum herrscht aber die Stille des Kirchhofs – kein Mensch zeigt sich! Da wird das Rathaus gewaltsam geöffnet; aber auch hier ist kein Mensch zu finden. Selbst der Rat hatte den Mut verloren und mit zuerst die Flucht ergriffen; alle Einwohner waren samt den Geistlichen in den Wald geflohen und nur einige Arme und Kranke zurückgeblieben. Der Ratsdiener aber und einige Bürger wurden noch in der Nähe der Stadt ergriffen und von den Kroaten niedergeschossen.
Als die Bande sah, daß die Stadt aus Furcht vor der Gefahr preisgegeben worden war, begann sofort die Plünderung, welche zehn volle Tage hindurch fortgesetzt wurde. Mit einem unglaublichen Spürsinne wußten die Soldaten in Kellern und Bergschächten, wohin man das Beste der Habe vergraben und verborgen hatte, diese aufzufinden. Auf dem Rathause fand man so viel Gold- und Silberzeug, daß damit allein die Stadt hätte von der Plünderung befreit werden können, wenn der zweite Bürgermeister, Adam Genser, nicht ganz und gar den Kopf verloren gehabt hätte. Als derselbe sich nach einigen Tagen wieder aus dem Reitzenhainer Walde hervor in die Stadt wagte, nahmen ihn die Kroaten gefangen und ließen ihn nicht eher los, bis die Kämmerei 100 Thaler für ihn bezahlt hatte.
Hunger und Elend nahmen unter den unglücklichen Bewohnern überhand, welche neun Tage in Höhlen und Klüften der Wälder gelebt hatten, weshalb sich eine Anzahl mutiger Bürger entschloß, beim Oberst Preuß um sichere Rückkehr in die Stadt zu bitten. Die Erlaubnis ward gegeben und sogar eine Abteilung zur Deckung des traurigen Einzugs beordert, und so kehrten am 30. August sämtliche Bewohner zurück, fanden aber bald genug zu ihrem größten Schrecken, daß ihre so sicher geglaubte Habe geraubt war. Der Stadtgeschichtsschreiber berichtet hierüber: »38 Fähnlein Fußvolk sind auf dem Markte, als der Marsch wieder fortgegangen, gestanden; die Reiterei ist aber bei der Stadt vorüber nach Freiberg zu marschiert; es ist weder Brot noch einiger Trunk in der Stadt zu bekommen gewesen, und hat nach diesem Unglücke ein Brot – sonst einen Groschen – 5 Groschen und eine Kanne Bier 3 Groschen gegolten.« Auch wird noch weiter hinzugefügt: »Es sind auch 325 Personen an der Soldatenkrankheit gestorben, welche die kaiserlichen Völker für Ausplünderung der armen Stadt als Trinkgeld hinterlassen. Unter den Verstorbenen waren auch die Stadtschreiber Joachim Frank und Josephus Collmann, sowie der Stadtrichter Heinrich von der Feldt.« Übrigens lagen noch bis zum 25. September Soldaten in der Stadt, wo sie bis auf 15 Mann, welche als Schutzgarde zurückgeblieben, abzogen. Ehe aber der Aufbruch geschah, sollte zuvor einer, der einen Mönch erschlagen, stranguliert werden, »hatte sich aber, als ein seltsamer Abenteurer, vom Galgen wieder losgemacht«.
Nach Donat-Holzhaus.
h. Wie die Kaiserlichen nach der Lützner Niederlage im Gebirge hausen.
Früher ward in der gewölbten Sakristei der Zwickauer Marienkirche ein in Gold gefaßtes Stücklein vom Kreuze Christi verwahrt, welches der Hauptmann Martin Römer im Jahre 1479 der Kapelle geschenkt hatte. An dieses Kreuz heftete sich der Fluch: »Wer ein Stücklein von diesem Holze mit Gewalt nehmen wird, der sei verflucht und das heilige Kreuz bringe ihn um.« Nun hat Herzog von Friedland oder Wallenstein am 1. September 1632 dieses Kleinod durch seine Vettern Graf Maximilian von Wallenstein und Graf Paul von Lichtenstein abholen und dem Kaiser eigenmächtig im Namen der Stadt Zwickau anbieten lassen. Nachdem dies am 14. September geschehen, hat Wallenstein am 6. November die große Schlacht bei Lützen verloren und seit dieser Zeit kein Glück mehr gehabt, also daß er schließlich zu Eger umgekommen ist. Auch die beiden Grafen sind eines unnatürlichen Todes gestorben. So erzählt die Sage. In der Lützner Schlacht hat auch auf Seite der Kaiserlichen Herzog Franz von Sachsen-Lauenburg mit gekämpft. Es ist derselbe, welcher die Kapelle auf dem Kupferhügel in Böhmen gründete. Er weihte sie der Maria. Man hat jeden Freitag zur Zeit der Blüte des dortigen Bergbaues Gottesdienst darin gehalten. Später verfiel sie und ward erst 1821 wieder hergestellt. Der Gründer, Franz von Sachsen-Lauenburg, ist derjenige, welchem der Tod des Schwedenkönigs Gustav Adolf in der Schlacht bei Lützen zugeschrieben wird. Die kaiserliche Besatzung vor Leipzig fiel den Schweden in die Hände, wurde entwaffnet und von schwedischen Reitern auf dem Weiperter Paß nach Böhmen geführt. Kaum war die schwedische Bedeckung fort, so fielen die in die Wälder geflüchteten Bauern am Kühberge über Wagen und Rosse her und hieben die Begleitung der Rosse nieder.
Der Rückzug der Kaiserlichen nach der Schlacht bei Lützen verbreitete von neuem Schrecken, Elend und Not. Die Kaiserlichen trieben alles Vieh, was sie überhaupt noch in den Ställen fanden, mit fort. Als einigermaßen wieder Ruhe wurde, kamen die geflüchteten Landesbewohner aus den Bergschluchten und Wäldern wieder hervor. Kaum elendes Kleienbrot und Salz konnten sie auftreiben, als der Landmann wieder zum Pfluge griff. – Sogar Bernhard von Weimar ließ Wolkenstein, Lauterstein, Augustusburg, sowie die Bergstädte brandschatzen. Am 16. Dezember rückte er vor Zwickau, beschoß die sich lebhaft verteidigende, von Kaiserlichen besetzte Stadt und legte mit dem Feuer von acht halben Kanonen die Stadtmauer am Rößleinturme nieder, sodaß die Kaiserlichen mit fliegenden Fahnen, Kugeln im Munde, brennender Lunte und viel Vorratswagen abzogen.
Im nächsten Jahre 1633 kam Holck wieder ins Gebirge. 16 000 Kaiserliche zogen über den Weiperter Paß nach Böhmen. Zwei Jahre lang blieb derselbe besetzt. Alles wurde zu nichte gemacht. In Schneeberg raubt er den Altar, heilige Geräte, Meßgewänder, vernichtete die Bilder von Luther und Melanchthon. Aue wurde niedergebrannt, Lößnitz geplündert und ausgeraubt. Dazumal ist auch das Getreide im Felde an vielen Orten niedergetreten worden. Wochenlang brachten die Bewohner der Orte in den Wäldern zu.
Später befreite der sächsische Oberst von Taube das Land von den Kaiserlichen. Aber die eigene verwilderte Soldatenhorde hauste nicht minder schrecklich. Es waren sächsische Dragoner, welche die Thore von Marienberg stürmten und die Stadt, wie später auch Annaberg, plünderten.
Nach Dr. Köhler, M. v. Süßmilch u. a.
i. Wie die Bauern die Kaiserlichen vertreiben.
Als im Jahre 1632 die Kaiserlichen die Ausgänge der Pässe von Preßnitz und Reitzenhain besetzt hielten, thaten sich die Bauern zusammen, vertrieben die Kaiserlichen aus den Schanzen und lauerten ihnen auf, wenn sie mit Beute durchs Gebirge zogen. Der Anführer der Bauern war der Amtsschösser von Grünhain, Friedrich Türck. Als nun von allen Seiten Klagen über die Bauern beim General Gallas, welcher um Freiberg lag, einliefen, schickte dieser wiederholt Boten an Türck mit Warnungen und Drohungen und verlangte Kriegskosten. Friedrich Türck wollte davon nichts wissen und ließ den Kaiserlichen entbieten, er wollte ihnen Pestilenz, Pulver und Blei und alle katholischen Steine aus dem Kloster Grünhain auf die Köpfe geben. Dies konnte nicht ungestraft bleiben. Gallas entsandte 2000 Pferde mit 20 Standarten unter dem Obersten Kehreuß gegen die Bauern ins Gebirge. Am 7. November kamen sie auch durch Kühnhaide. Von Friedrich Türck wird gerühmt, »er habe seine Bauern dermaßen begeistert und abgerichtet, daß sie frisch vorm Feinde standen, keine Gefahr scheuten und sich trefflich wehrten, sonderlich, wenn er dabei war und ihnen zusprach«. – Es drängt sich die Vermutung auf, daß die »Türckenheide« bei Kühnhaide ihren Namen von jenem Bauernführer erhalten hat.
Auch in andern Gegenden wehrten sich die Bauern erfolgreich. Das berichtet die Erzählung von den sechs Brüdern bei Geyer. Als nämlich in demselben Jahre, 1632, kaiserliche Truppen von der Burg Scharfenstein die ganze Umgegend durchstreiften und plünderten, war es einem Trupp herzhafter Burschen aus Elterlein und Zwönitz gelungen, in der Nähe von Scharfenstein sechs Österreicher, welche im dichten Walde schliefen, zu überfallen und gefangen zu nehmen. Was nun mit den Gefangenen zu beginnen sei, darüber entstand bei den Siegern heftiger Streit. Die von Elterlein meinten, daß es das beste sei, sie sämtlich totzuschlagen. Die von Zwönitz wollten nichts davon wissen und brachten es dahin, daß man beschloß, sie zum Heere zu bringen. Sie zogen fort. Als sie in die Nähe von Geyer kamen, erhob sich der Streit von neuem, und weil die Elterleiner mit Gewalt drohten, so wurden die Zwönitzer voll Ärger und schieden von ihnen, die Gefangenen ihrem Schicksale überlassend. Dieses war ein trauriges. Denn kaum waren die Zwönitzer im Walde verschwunden, so fielen die mordlustigen Elterleiner über die wehrlosen Opfer ihrer Wut her und ermordeten fünf Österreicher auf die grausamste Weise, den sechsten aber warfen sie in ein tiefes Loch, in welchem ihn die Vorübergehenden noch am andern Tage jammern hörten. Zum Gedächtnisse dieser Greuelthat heißt jene Stelle der Wiesen bei Geyer noch jetzt »Sechs Brüder«, ohne daß man bestimmen kann, ob wirklich die sechs unglücklichen Österreicher Brüder gewesen sind.
Die unmenschliche Behandlung, welche die friedlichen Bewohner von Freund und Feind zu erdulden hatten, brachte es so weit, daß eben jeder Soldat, gleichviel, welcher Seite er angehörte, als Feind betrachtet wurde. Daher herrschte zwischen den Bürgern und den Söldnerhorden ein fortwährender Kriegszustand. Die Soldaten brannten, plünderten, mordeten und schändeten; die Bewohner wehrten sich ihrer Haut und wagten nicht selten auch den Angriff. Versprengte Soldaten wurden unerbittlich niedergehauen. So lockten die Bauern von Dorf-Chemnitz nach der Leipziger Schlacht sechs hungrige Soldaten und ein Soldatenweib in den Wald, erschlugen sie und raubten alles, selbst die Kleider. Als die Leichen verscharrt werden sollten, findet man einen Halbtoten und macht ihn noch vollends nieder. Der Jahnmartin am Kühberge klagte oft, seine Hände röchen so nach Menschenfleisch; denn er hatte viel Soldaten helfen erschlagen. 1641 erschlugen die gebirgischen Bauern bei Unterwiesenthal 9 Flüchtige von dem Heere Baners, entkleideten sie und bedeckten sie mit Reisig: davon hat sich einer wieder ermuntert und ist halbnackt nach Wiesenthal gekommen.
Nach Chr. Lehmann und Dr. Pöschel.
k. Das Kriegsjahr 1634.
Alle Schrecken des Kriegen kehrten im Jahre 1634 wieder. Namentlich wütete zu jener Zeit der kaiserliche Oberstleutnant Schutz von Schutzky in unserem Gebirge, setzte unter anderm Sayda in Flammen, brandschatzte Annaberg mit 1200 Thalern und rückte auch vor die Stadt Marienberg. Hierüber berichtet die Stadtgeschichte: »Den 29. September rückte ein kaiserlicher Oberstleutnant Hans Heinrich von und zu Schutz zu Roß um 2 Uhr nachmittags vor die Stadt; solchem ging der Rat entgegen und bat für die arme Stadt, da sich's denn etwas besser angelassen als im ersten Einfall; er kam mit etlichen Pferden in die Stadt und nahm sein Quartier bei Georg Löven. Da er nun eingelassen worden war, begehrte er von der Stadt für die Plünderung und als Lösegeld 6000 Thaler; es blieb auf der Geistlichen und des Rats Bitten bei 1000 Thaler. Ingleichen wurden dem Oberst 65 Thaler Tafelgeld und dem Regimentsquartiermeister 35 Thaler verehrt. Das Lösegeld wurde halb, nämlich 500 Thaler, den folgenden Morgen ausgezahlt, die anderen 500 Thaler sollten innerhalb 14 Tagen abgestattet werden. Obgleich aber der Rat wegen dieser 500 Thaler einen Schuldschein von sich ausstellte, haben sie doch um mehrerer Versicherung den ältesten Ratsherrn Michael Seeliger mitgenommen. Bei diesem ankommenden Volke entstand auch am Michaelistage abends 7 Uhr eine von den Soldaten angelegte Feuersbrunst vor dem Annaberger Thore und verderbte in solcher ein Haus und eine Scheune und ward ein großes Geschrei in der Stadt, weil es sehr nahe an der Stadtmauer war.« Die letzte Abzahlung der obengenannten Brandschatzungssumme leistete die Stadt am 31. Oktober durch den Bürgermeister Augustin Eckstein, und mußte dieselbe, da alle Geldmittel erschöpft waren, zum größten Teile in Naturallieferungen, worunter auch Heringe und Stockfische aufgeführt werden, geschehen.
In die bedenklichste Lage sollte die Stadt geraten, als im Oktober 1634 der österreichische Major Beck den bisher verhauen gewesenen Paß bei Reitzenhain in einer Nacht öffnen ließ, sodaß nun diese Heerstraße von hin- und herziehenden Heereshaufen wimmelte und es auch zuweilen zu Gefechten zwischen sächsischen und kaiserlichen Truppen kam. So entstand etwa eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, auf den Lautaer und Hilmersdorfer Höhen, ein Treffen, später auch an dem ganz nahen Kaiserteiche, wobei Marienberg in die größte Gefahr geriet. Täglich mit Brand und Plünderung bedroht und von Kroaten und Spaniern umringt, sollte es immer und immer wieder für die in der Nähe lagernden Truppen Lebensmittel schaffen. Es war der Mangel so groß, daß der Rat das Brot von Haus zu Haus in einzelnen Stücken zusammentragen ließ und es manche Eltern im Augenblicke, wo sie es essen wollten, den hungernden Ihrigen entreißen mußten. Aus jenen trüben Tagen erzählt der Geschichtsschreiber: »Es haben sich die Kroaten und spanischen Regimenter vor die Stadt am Walde geleget, da denn die Offiziere auf den Tag hereinkamen und mußten gespeiset werden, dem Volke aber alle Tage 2 Faß Bier, Fleisch und Brot und wöchentlich jedem Regimente 20 Thaler Kriegskosten, welche 12 Tage gewährt, wobei das Götzsche Regiment noch dazukommt, welches gleichsam seine Verpflegung hat haben müssen. Der Kroatenoberst Joh. Tischler hat die Einquartierung in der Stadt haben sollen, weil aber keine Möglichkeit, vornehmlich auch wegen des sächsischen Volkes, welches in Zschopau gelegen, da dann groß Unglück der Stadt hätte entstehen sollen. So hat der Oberst Tischler 200 Thaler und 6 Paar Stiefel für die Einquartierung begehrt, ist aber bei dem halben Teile verblieben, und ist damals große Not wegen des lieben Brotes gewesen; denn man hat weder aus noch ein können und vielmals die Ratspersonen und Bürger das Brot von Haus zu Haus stückweis von Bürgern einbringen und korbweise nausschicken müssen. Dieses aber alles mußte man dulden, daß die Stadt nicht in Brand gestecket wurde.«
Nach Donat-Holzhaus.
l. Zschopau wird niedergebrannt.
Am 21. November 1634 war es, als die Bewohner Marienbergs zu ihrem größten Schrecken mitten in der Nacht den Himmel hoch gerötet sahen. Zschopau stand in Flammen, dessen Besatzung von 4 Regimentern kaiserlicher Truppen unter dem Obersten Colloredo überfallen worden war. Sie richteten in der Stadt, welche mit Menschen überfüllt war, da sich außer den Soldaten und Bürgern auch die Landleute darin aufhielten, ein schreckliches Blutbad an. Hering schildert das Ereignis in folgender Weise: »Die Schlafenden schreckten plötzlich durch den Ruf der Kriegstrompeten empor. Zschopau ist umringt; Frauen, Kinder, Greise flüchten in die Keller; die Männer stürzen sich mit hinaus und alle Schrecken der Schlacht erhöhen sich durch die dichte, nur durch die tötenden Blitze der gelösten Gewehre erleuchtete Finsternis. Es rast die Schlacht – es wütet der Tod in allen Gassen; es häufen sich Leichen von gefallenen Soldaten, Bürgern und Bauern, und jetzt schlagen die Flammen empor – rechts und links und fern und nah steht die Stadt in Feuer. Dem Tode in den Flammen entfliehend, stürzen die Versteckten hervor und suchen sich zu retten. Aber ach, wie viele hatten dem Schutze der Keller sich lieber vertrauen wollen als der würgenden Schlacht und waren hier erstickt. Außer den im Kampfe Gefallenen zählte man am Morgen nach dieser schaudervollen Nacht 90 Leichen von Erstickten.
In Angst und Mitleid schloß sich in jener Nacht auch in Marienberg kein Auge zum Schlummer. – Da brauste nach Mitternacht das rückkehrende Heer heran; alles wollte, nach Brot schreiend, in die Stadt stürzen. Oberst Colloredo aber ließ die Thore besetzen und nur die Offiziere hinein, sodaß die schreckensreiche Nacht für die Stadt ebenso glücklich endete, als sie über die Nachbarstadt unbeschreibliches Elend und Unheil gebracht hatte.«
Nach Hering-Holzhaus.
m. Die Sachsen in Marienberg.
Auch der Anfang des Jahres 1635 war für die Stadt noch trübe genug, und zwar kam diesmal die Bedrängnis nicht von feindlicher Seite, sondern von sächsischen Truppen her. Am 2. Januar ritt der sächsische Oberstleutnant Unger mit 300 Dragonern vor die Stadt, wo die Thore Tag und Nacht verschlossen gehalten wurden. Er begehrte Einlaß. Man fürchtete sich aber vor den Sachsen ebenso, wie vor den Kaiserlichen, und der Rat zögerte, ob er öffnen lassen sollte oder nicht. Da verbreitete sich plötzlich allgemeiner Schrecken; denn krachend ertönten die Schläge der Hämmer und Äxte, womit das Freiberger Thor aufgehauen wurde. Gleich einem feindlichen Heere strömten die Krieger herein. Von den zwei Mann, welche der Rat von der kaiserlichen Besatzung in Reitzenhain als Schutzwache erhalten hatte, war nichts zu sehen. Man suchte nach ihnen, und der eine hatte sich in einen Gasthof geflüchtet, während der andere glücklich nach Reitzenhain entkommen war. Derjenige, welcher sich versteckt hatte, wurde von einem Dragoner bemerkt, herunter geholt und auf den Markt vor den Oberstleutnant gebracht; die Ratsherren baten für ihn, aber vergebens. »Hund, knie nieder!« war die Antwort auf die inständigen Bitten, und der Arme wurde sofort erschossen. Die Soldaten quartierten sich selbst ein, und ist es nach den Worten des Geschichtsschreibers »zuletzt übel hergegangen, indem sie geplündert; alle Pferde, so auch sind bei den feindlichen Einfällen erhalten worden, haben sie mitgenommen, so haben die Bürger damals ihren Schaden über 1700 Thlr angegeben, welches nichts Geringes gewesen und die Stadt für die erschossene Schutzwache auf große Bitte noch 28 Thlr bezahlen müssen, ohne, was sonsten an Verheerung und anderem aufgegangen ist.«
Nach Donat-Holzhaus.
n. Wie die Schweden ins Gebirge kommen.
1. Der Beginn der Schwedengreuel.
Kurfürst Johann Georg I. hatte am 30. Mai 1635 den Prager Frieden geschlossen. Aber dieser Friede hatte die größten Drangsale für Kursachsen im Gefolge. Verödung, Hungersnot und Pest waren schon da. Nun brachte die gesteigerte Verwilderung und vor allem die Rachsucht gegen die verlassenen Bundesgenossen die fürchterlichsten Greuel. Hatten vorher nur die Kaiserlichen im Lande gehaust, so wurden von nun an auch die Schweden zu Feinden und übertrumpften die Kaiserlichen an Ingrimm und Wut.
Raub und Erpressungen bezeichneten ihren Weg. Städte und Dörfer wurden verheert und niedergebrannt, Wohnungen und Eigentum zerstört. Keine Kirche und Schule, kein Hospital, keine milde Stiftung wird verschont, und die Bewohner werden aufs grausamste gequält, gemartert und getötet. Die Verstorbenen in den Gräbern haben keine Ruhe vor ihnen. Die Kruzifixe an den Wegen werden mutwillig zerhauen und verstümmelt. Das Land war bis aufs Mark ausgesaugt. Baner marschierte nach den Bergstädten. Vor Annaberg nahmen die Schweden allenthalben die besten Pferde weg, ließen sich mit Kleidung, Schuhen, Stiefeln, Sätteln, Hufeisen, Nägeln versehen.
Am südlichen Ende des zwischen Chemnitz und Schellenberg gelegenen Dorfes Euba erhebt sich eine kleine Anhöhe. Auf dieser befindet sich eine einfache, hölzerne Säule, welche der Eigentümer der Anhöhe zu erhalten hat. Man hält sie für einen ehemaligen Galgen, an dem eine Abteilung Schweden, welche da ihrem Feinde gegenübergestanden hat, einen gefangenen Spion aufgehängt haben soll.
2. Die Schweden werden aus Marienberg vertrieben.
Den 26. Februar 1639 nahte das schwedische Unheil auch der Stadt Marienberg; denn der Geschichtsschreiber teilt folgendes mit: »Ein schwedischer Fähnrich kam mit seinen Reitern und begehrte alsobald die schwedischen 2000 Rthlr, so ihnen vor zwei Jahren sein Rest geblieben, davon uns aber nichts wissend. Ist schwer hergegangen und hat der halbe Teil an Geld, Pferden, Speisen, Schuhen, Stiefeln und Tuchen an 500 Rthlr zusammengelaufen, und 500 Rthlr alsdann Rest geblieben, haben's aber doch bezahlen müssen, daher auch Stücke verpfändet worden, so den Vermächtnissen und dem Armenkasten zuständig, weil sonst kein ander Mittel gewesen.«
Im Februar 1639 floh alles, was fliehen konnte, in die Städte Freiberg, Annaberg und Marienberg; die Landgeistlichen schafften ihre Frauen und Kinder wenigstens dahin in Sicherheit, um bei wirklicher Gefahr schneller mit dem Reste der Kirchenkinder in die Wälder flüchten zu können. Die Nähe der großen Waldungen ist damals für das Gebirge die Rettung aus tausend Todesgefahren gewesen. Vom Februar an streiften bereits schwedische Banden überall im Gebirge umher, und es wurde damals auch von nur drei schwedischen Reitern das Schloß Lauterstein angezündet und in Asche gelegt.
Am 12. April, es war Karfreitag, kamen etwa 500 solcher schwedischer Brandstifter, nachdem sie Zöblitz geplündert und angezündet, sowie dessen Bewohner in jeder Weise mißhandelt hatten, auch nach Marienberg. Es heißt hierüber: »Dieselbigen kamen vor das Annabergische Thor, wollen dasselbe aufhauen, gaben auch Feuer darauf. Da man sie aber mit Gottes Hilfe durch hinausgeworfene Steine abgetrieben, mußten sie weichen. Sie zündeten aber das Schießhaus an und die Hilligersche Scheune, da denn die Bürgerschaft in sehr großer Gefahr war.« Am ersten Osterfeiertage kehrten die Erbitterten in noch größerer Anzahl zurück, aber ein gleicher Steinhagel lehrte ihre verwundeten Köpfe, daß die Bürger hier fest wie ihre Steine wären. Einige Tage darauf wurde erneuter Sturm dadurch glücklich abgewehrt, daß die Bürger anstatt der Steine – Brot hinauswarfen.
Glücklich sollte das fast täglich in Angst und Schrecken gesetzte Marienberg am 10. August desselben Jahres wegkommen, als der schwedische Oberst Holck mit 250 Reitern und 200 Infanteristen Einlaß in die Stadt verlangte. Zagend öffnete man die Thore, und drohend ziehen die Schweden ein. Es fehlte Brot und Bier so ganz in der armen Stadt, und diese wilden Gäste verlangten doch so viel und drohten, die Stadt aufs äußerste zu quälen. Sie verteilen sich bereits in die Häuser, wo Jungfrauen und Kinder sich verkrochen haben und angst- und hungerbleich der Bürger die Räuber empfängt, die unter gräßlichen Verwünschungen Geld, Brot und Bier und was nicht alles, fordern. Da – ruft plötzlich die Trompete; die Soldaten stürzen auf den Markt vor; dieser füllt sich mit sächsischen Dragonern; ein wütendes Gemetzel beginnt; die Schweden ergeben sich; einzelne entfliehen; der Oberst mit mehreren Offizieren und Frauen wird gefangen genommen, und es werden gegen 6000 Rthlr Wert erbeutet. Der sächsische Oberst Stritzky hatte der Stadt Rettung gebracht.
Nach Donat-Holzhaus.
3. Das Schreckensjahr 1639.
Das schrecklichste Jahr war das Jahr 1639.
Sobald die Schweden Zwickau und Chemnitz genommen hatten, teilte Baner wie das ganze Land, also auch den Obererzgebirgischen Kreis unter seine Obersten und Regimenter. Das Amt Schwarzenberg und Amt Grünhain kamen unter Oberst Leßle. Da war kein Amt, Stadt, Flecken, Dorf oder Schloß im Gebirge, das nicht geplündert oder gebrandschatzt wurde, von Marienberg an im Gebirge hinunter bis an die Flöha und Olbernhau, ja gar nach Böhmen hinein.
Den 25. Februar kamen zwei Unteroffiziere vom Leßlischen Regiment. Einer, Barthel Moth, kam ins Amt Schwarzenberg, der teilte Sicherheitswachen aus. Das waren unberittene Reiter, die die Gemeinden mußten verpflegen und versehen mit Pferden und Roßzeug, Stiefeln, Kleidern, Röcken, Mänteln. Es wurde das ganze Amt gebrandschatzt um 6000 Thaler.
Der Leutnant Peter Kupfer legte sich aufs Schloß in Schlettau und plünderte das Amt Grünhain und was hineingehörte um 5000 Thaler, auch Schlettau, auf welches allein 1250 Thaler kamen, nahm viel an Geschmeide und auch den silbernen Schützenvogel, mitsamt den Schulden 80 Thaler wert. Das Vieh mußten die Schlettauer samt den Scheibenbergern nach Schwarzenberg treiben. Das Volk war arm, konnte nichts erwerben; daher konnten die Richter die Kriegssteuer nicht eintreiben und zur rechten Zeit abstatten.
Der Richter Hans Schwaner zu Walthersdorf war nicht zu finden, als die Boten Kupfers erschienen. Da wurde der Ort zum großen Teile niedergebrannt. Nichtsdestoweniger mußte das Dörflein seinen Teil abstatten, alle Wochen 14 Thaler und Nahrungsmittel ohne Gnade geben.
Das Städtchen Scheibenberg wollte der oben erwähnte Barthel Moth wegbrennen lassen; doch es wurde durch Bitten und Versprechungen der Bürger abgewendet. – Es fehlte wenig, daß das ganze Amt Wolkenstein von dem Obersten Höcking, der in Annaberg auf Vorwache lag, vernichtet worden wäre, weil dessen Vetter unterwegs von einer Rotte loser Burschen erschlagen worden war. Das kurfürstliche Vorwerk und die Schäferei zu Geringswalde, sowie der Försterhof zu Hilmersdorf, die Heinzebank genannt, waren bereits in Asche gelegt, da griff man einen der Burschen auf, einen der harmlosesten, der nur das Pferd des Ermordeten gehalten, prügelte ihn solange, bis er 21 Thaler und alle seine Sachen, die er im Felde versteckt hatte, herausgab, und lieferte ihn an den erzürnten Obersten ab. Dieser ließ ihn am 25. März vor dem Thore vom Henker enthaupten und seinen Kopf aufs Rad legen. Das Haupt eines Buckauers, der sich eines ähnlichen Vergehens schuldig gemacht haben sollte, wurde zur Warnung für andere vor dem Thore auf eine Stange gesteckt. Auch in Wiesa war ein Soldat erschlagen worden; da ließ der Oberst Höcking die Edelfrau, der das Dorf gehörte, in Annaberg einsperren, bis sie den Getöteten teuer bezahlte.
Aus dem gleichen Grunde wurden in Königswalde elf Güter samt dem Gerichte angezündet. Auch wurden im Dorfe Olbernhau an der Flöha Kirche, Pfarre, Schule, Försterhof und viele Bauernhäuser niedergebrannt.
Nachdem Baner im April die vereinigten Kaiserlichen und Kursachsen bei Chemnitz geschlagen, wobei fast das ganze sächsische Heer aufgerieben worden war, gingen die Drangsale im Gebirge aufs neue an. In Annaberg lag ein schwedischer Leutnant, Christian Zastro, ein Pommerischer von Adel, mit einer Sicherheitswache. Derselbe konnte es nicht hindern, daß eine Abteilung Schweden am Palmsonntage einfiel und vor ihrem Abzuge am nächsten Tage 3000 Thaler verpraßte. Als er acht Tage später, am dritten Ostertage, den 16. April, 250 Mann vom Regimente Königsmark, welche durch das Wolkensteiner Thor einfallen wollten, nicht in die Stadt einließ, zündeten sie Veit Wolfens Vorwerk an, schossen dessen Sohn, sowie den eines anderen Bürgers, Kaspar Enderlein, die zum Löschen herbeieilten, nieder und stifteten noch sonst viel Unglück.
Zöblitz war am Gründonnerstage ganz ausgeplündert worden, und am Karfreitage brannten es gar 500 Reiter weg. Da wurde auch von Baners Scharen das Schloß Niederlauterstein bei Zöblitz an der Pockau von drei schwedischen Reitern in Brand gesteckt und von seinen Bewohnern verlassen.
Vor Marienberg erschien ein Trupp nach dem andern und begehrte Einlaß, sodaß die Sicherheitswachen kaum Steine genug hatten, um die Zudringlichen zurückzutreiben. Friedens halber mußte man ihnen Brot und Bier hinausschicken. Lößnitz und Aue wurden wiederholt geplündert. Am 19. April wurden die Leßlischen Offiziere samt den Sicherheitswachen abgefordert. Die Durchzüge der schwedischen Regimenter nach Böhmen und ihre Kämpfe dauerten bis August. Den 23. Mai wurden vier Regimenter unter den Obersten und dem Herzoge von Holstein in Annaberg untergebracht, die es so arg gemacht als auf dem Lande, also daß mancher arme Landmann im Gebirge nicht einen Löffel wiedergefunden, und viele feine Bürger mußten nach dem lieben Brot gehen, weil es sehr teuer war und doch nichts zu erwerben war.
Baner ließ nach dem ausgesogenen Böhmen Vorräte aus Sachsen herbeischaffen. Ein solcher Vorratszug war unter starker Bedeckung am 19. August abends um 5 Uhr von Chemnitz aus in Marienberg eingetroffen. Da erschien plötzlich der kurfürstliche Befehlshaber von Freiberg, Florian Stritzky, mit vier Kompanien Dragonern und einer starken Reiterabteilung aus Dresden, drang durch drei Thore in die Stadt ein und fiel über die vom langen Marsche ermüdeten Schweden her.
Ein Major und acht Soldaten wurden erschossen, der gefürchtete Oberst Höcking, vier Oberstleutnants, sieben Rittmeister, vier Hauptleute, zwei Reiterfähnriche, zwei Fähnriche, viele Unteroffiziere und Mannschaften gefangen genommen und samt ihrem Vorrate, ihren Weibern und Sachen nach Freiberg abgeführt. Auch der Leutnant Zastro mit seinem eigenen Schatze und 20 000 Thalern Kriegskosten, die er für seinen Obersten Leßli eingetrieben hatte, befand sich unter den Gefangenen. Viele Bürger von Annaberg, welche sich dem Obersten Höcking angeschlossen hatten, um in dem schwedischen Lager ihre Waren zu verhandeln, kamen bei dieser Gelegenheit ebenfalls um das Ihrige. Es wurde ihnen alles als schwedische Beute mit abgenommen.
Seit Gustav Adolfs Tode völlig im Kriege verwildert, brachen die Schweden 1639 über das Erzgebirge in Böhmen ein und warfen Feuer in jeden Ort, sodaß das Egerland vom Gebirge aus einem riesigen Flammenmeere glich. Vor den Unholden waren die Bewohner des Gebirges wieder in die Wälder geflüchtet. Auf dem Bärensteine war ein Wächter bei einer hohen Stange. Nahte von irgend einer Seite ein Feind, so warf er seine Stange um. Das war das verabredete Zeichen, auf das sich alle ins Dickicht warfen. 1640 wurden die Schweden wieder nach Sachsen getrieben. Sie deckten den Rückzug für ihre Geschütze und ihre Beute in den Pässen auf dem Gebirgskamme. Auf diesem Rückzuge wohnte Baner in Annaberg. Schon im nächsten Jahre erschien er wieder, verfolgt von den Sachsen. Wie durch ein Wunder entkam er auf Eilmärschen. Sein verschanztes Lager hielt die Kaiserlichen lange auf. Endlich steckte er es in Brand und vernichtete seine 500 Vorratswagen. Nachzügler zündeten Hassenstein, Preßnitz, den Weiperter Grund an. 1643 gingen 600 Reiter Torstensons durch die Pässe nach Kaden. 1644 waren Pässe und Schanzen in den Händen der Kaiserlichen. Im Herbste stand Torstenson davor und erzwang im Januar 1645 den Durchbruch nach Böhmen.
Christian Lehmann erzählt, daß die Befreiung Freibergs von den Schweden zu Neujahr 1643 in Elterlein einem Mädchen, das sich vor den schwedischen Einfällen sehr geängstigt hat, im Traume sei geoffenbaret worden. Sie hat im Traume gesehen, daß zwar Torstenson die Stadt an einer Kette hatte; aber es kam ein vornehmer Reiter mit einem bloßen Schwerte geritten, der hieb die Kette mit einem Streiche entzwei, daß der Torstenson mit der halben Kette zurückfiel. Darüber sind seine Soldaten erschrocken und ausgerissen.
Nach sieben Wochen ging der Traum in Erfüllung, und der Feind mußte abziehen.
Die Greuel nahmen im Gebirge erst ein Ende, als 1645 der Kurfürst mit den Schweden den Waffenstillstand zu Kötzschenbroda schloß.
Nach Chr. Lehmann, Dr. Pöschel und P. Schultze.
4. Kriegsgreuel in Cranzahl.
Im Herbste 1640 mußte eine Beerdigung bis Sonntag Estomihi, also Ende Februar, 1641 verschoben werden. Als am 18. Januar 1640 Georg Ottens 84jährige Witwe begraben wurde, lief, nachdem die Einleitung der Predigt vorüber war und soeben zur Erklärung geschritten werden sollte, die Nachricht ein, es seien Banersche Reiter mit etlichem Vieh in der Nähe. Alle eilen aus der Kirche. Man bringt schnell den Leichnam ins Ruhekämmerlein. Die Predigt ist nachher am Sonntage Estomihi gehalten worden. Am 24. Januar ist ein 74jähriger Greis von Cranzahl von den Soldaten des Schwedengenerals Königsmarck, die hier, in Crottendorf, Neudorf, Weipert, der Sehma und diesem Gebirge herum drei Tage und Nächte in Quartier gelegen, im Walde ertappt und so mißhandelt worden, daß er am 30. desselben Monats starb und am 1. Februar in des Pfarrers Abwesenheit, der sich verborgen halten mußte, zugleich mit noch einem 78jährigen Manne mit Sang und Klang beerdigt ward. Beiden ist am Sonntage Invocavit die Predigt gehalten worden. Den 28. Februar fielen gegen Sonnenuntergang etliche Banersche Reiter so plötzlich ein, daß die meisten es nicht gewahr wurden, bis schon das Pfarrvieh auf den Platz bei der Brücke getrieben war. Daher war niemand entwichen und weder Kuh noch Pferd, noch Samengetreide in Wälder geborgen. Als nun diese Reiter fast alle Ställe geplündert, kamen sie auch zu Kaspar Schmiedel, der sich seine zwei Pferde und Kühe nicht nehmen lassen wollte, aber von ihnen mit einem Hammer so auf den Arm geschlagen wurde, daß er ihn wenig mehr würde haben gebrauchen können; sie hätten ihn auch erschossen, wenn das Gewehr nicht versagt hätte. Als nun diese Horden das Vieh zusammengeraubt hatten, trieben sie es nach Preßnitz zu. Um es auszulösen, liefen viele bis nach Preßnitz nach. Da aber die Reiter weiterziehen und die Nacht anbricht, bleiben sie dort. Nur Kaspar Schmiedel und Jakob Gruner laufen bis nach Brunnersdorf. Da haben sich aber etliche böhmische Bauern in einem Verstecke zusammengerottet und schießen auf die Reiter. Ein Trupp eilt auf die Seite, zu erspähen, woher die Schüsse fallen, und wird unserer Ortskinder gewahr. Sie eilen auf sie zu und fragen, wo sie das Rohr hätten? Als sie sich aber entschuldigen, sie hätten nicht geschossen, sondern wollten das Vieh von ihnen einlösen, glaubten es die Reiter nicht, und flugs schießt einer auf Schmiedel, der, ins Herz getroffen, tot niedersinkt. Auf Gruner aber, den Sohn des 1634 erschossenen Martin Gruner, schoß ein zweiter Reiter, fehlte ihn jedoch; aber der Reiter stieg vom Pferde, schlug ihn auf den rechten Arm, daß derselbe fast herunter war, und stach ihn dermaßen in die Seite, daß er auch starb. Sie blieben am Wege liegen. Geschehen war's nachts zwischen 12 und 1 Uhr. Am Morgen, einem Sonnabende, wurden sie von den in Preßnitz Zurückgebliebenen gefunden, auf einen Schlitten aufgebahrt und am Sonntag Reminiscere früh nach Hause gebracht. Welch Reminiscere! Montag, den 2. März, hat man sie christlich und ehrlich vor überaus großem Zudrange Einheimischer und Auswärtiger mit Predigt bestattet. Schmiedel war 33, Gruner 30 Jahre alt.
Nach P. Schultze.
o. Wie General Wrangel nach Schlettau kommt.
Am 23. Februar 1646 lief der Waffenstillstand zwischen Kursachsen und den Schweden zu Ende. Da kam General Wrangel mit 20 Regimentern über den Preßnitzer Paß und hatte das Hauptlager in Schlettau bezogen. Der linke Flügel lag im Felde und im Grunde bei den Teichen. Da standen viele Oberste zu Roß und Fuß bei einem frischen Brünnlein, zogen ihre silbernen und vergoldeten Becher heraus, schöpften Wasser, löschten den Durst auf das Annaberger Bier. Sie lobten dabei das gute, gesunde Wasser viel höher als Bier. Der Brunnen heißt der süße Kühl- und Löschbrunnen.
An der Straße, die von Schlettau nach Scheibenberg führt, stand früher ein altes, stark verwittertes Steinkreuz. Dasselbe soll die Stelle bezeichnen, an welcher im Dreißigjährigen Kriege ein schwedischer Offizier begraben wurde.
Nach Dr. Köhler.
p. Wie die Bewohner des Gebirges als Flüchtlinge leben.
Im Jahre 1620 waren 250 Menschen in einem Stollen am Wolfssteine bei Cranzahl verborgen. Die Wohnungen, die man während des Krieges in den Wäldern aufschlug, konnten nur ganz dürftige sein und boten daher wenig Schutz gegen die Witterung. Häufig benutzte man auch gleich natürliche Tannenzelte, wie man sie von ästereichen oder ineinander verwachsenen Bäumen gebildet fand. Wenn nun ein Sturmwind kam mit Sausen und Brausen und mächtige Stämme rings um die Geflüchteten zu Boden geschlagen wurden, da mußten die Flüchtigen jeden Augenblick darauf gefaßt sein, von den stürzenden Bäumen zerschmettert zu werden. Am 14. Oktober 1630 wütete ein furchtbarer Sturm. Da erwies der gütige Gott seinen allgewaltigen Schutz an flüchtigen Gebirgern. 21 Personen hatten ihre Hütten unter eine dicke Tanne gebaut. Sie fielen unter dem Heulen des Sturmes auf ihre Knie und beteten. Um 9 Uhr warf der Wind eine zweiklafterige Tanne auf ihr Obdach. Diese blieb aber eine Elle hoch über ihrer Hütte am Baume lehnen, und die andächtigen Flüchtlinge kamen alle mit dem Leben davon.
Das Elend der in die Wälder Geflüchteten war, wenn größere feindliche Scharen ihren Aufenthalt ausgespürt hatten, überaus schrecklich. Im Walde wurden Betstunden und Predigten von den Priestern gehalten, auf Baumstümpfen die unter so traurigen Umständen geborenen Kinder getauft; sogar Eheschließungen fanden statt. 1639 ist am 8. April im Walde bei Cranzahl, wo sich auch Wölfe und Bären so mehrten, daß sie in Rudeln von 10 bis 20 den Soldaten nachliefen, um die Überreste vom geschlachteten Vieh zu verschlingen, in dieser rauhen Jahreszeit ein Kind getauft worden. Ähnliches wird auch von andern Gegenden berichtet. Als die Bewohner von Rabenau in die nahen Waldungen flüchteten, hielten sie auch Gottesdienste im Freien ab. Es heißt der Felsen, von dem herab die Pfarrer predigten, noch jetzt der Predigtstuhl oder die Kanzel. Im Gebirge hörte alle Gerechtigkeit, Andacht auf, und aller Gottesdienst verfiel. In Scheibenberg ist in 10 Wochen keine Beichte gewesen. Auch sind wenig Predigten verrichtet worden wegen der Unsicherheit vor den Feinden. Alles Volk hatte sich verlaufen.
Ebenso wurde für die leiblichen Bedürfnisse gesorgt, so gut es ging. Wie als Taufsteine, so mußten die Baumstöcke auch als Verkaufstische für Fleischer und Brotträger dienen. Der Markt mit den Nahrungsmitteln fand also im Walde statt.
Der Scheibenberger Pfarrer Chr. Lehmann erzählt sehr eingehend von den Drangsalen des Krieges. Er sagt unter anderem: »Ich habe mit meinen Augen gesehen, daß im Jahre 1640, da die Schweden die Gottesgaber Wälder plünderten, einem vermögenden Handelsmanne nachjagten. Der ist in einen stehenden, hohlen Baum gekrochen. Sein Weib hat die Öffnung mit Moos artig verdeckt, damit er sicher bliebe. Mein Priesterrock ist sechs Wochen lang in einem hohlen Baume gesteckt. Um Steinbach und Wolkenstein wachsen viele Eschen, daraus Lanzenschäfte zur Kriegsrüstung acht und mehr Ellen lang gemacht wurden. Im Jahre 1633 fand der kaiserliche Oberst Brandstein in Preßnitz viel gesottenes Harz. Er ließ daraus viel Pechkränze machen und damit den Annabergern alle ihre Güter am Bärensteine wegbrennen.«
Eine halbe Meile über Satzungen an einem wilden, mit Kiefern bewachsenen rauhen Ort ist ins Gevierte 30 Schritt breit und lang ein Pfuhl mit rotem Moos bewachsen. Niemand soll sich früher gern allein an diesen Ort gewagt haben. Im dreißigjährigen Kriege sind aber die Leute auch dorthin geflohen, um sicher vor den Feinden zu sein. Doch haben sie daselbst von den Gespenstern des Sees manche Anfechtung erdulden müssen.
Nach Chr. Lehmann.
q. Wie die Landwirtschaft darniederliegt.
Während des Dreißigjährigen Krieges unterblieb das Bestellen der Felder oft gänzlich. Man warf den Samen gleich auf die Stoppeln aus und mußte ihn dort aus Furcht vor umherstreifenden feindlichen Abteilungen oft vier bis fünf Wochen lang uneingeeggt liegen lassen. Höchstens wagte man sich bei Nacht einmal an die Arbeit; dann spannten sich Männer und Weiber an die Eggen. Mit dem Vieh lagen sie am Tage im Walde. Häufig aber ersparten ihnen das Eggen, freilich auch das Einernten, die wilden Schweine, welche nachts in Haufen kamen und den Samen »aufleckten«. Zum Schutze gegen sie wurden die Zäune anderthalb Ellen hoch, fest und dicht gemacht; aber es half doch nichts. Brachen die Tiere einmal im Herbste in einen Acker ein, so verdarben sie in einer einzigen Nacht ein großes Stück.
Nach Chr. Lehmann.
r. Die letzte Schlacht auf sächsischem Gebiete.
Für Sachsen endigte im allgemeinen 1645 mit dem Waffenstillstande zu Kötzschenbroda die persönliche Gefahr der Einwohner, sowie Raub und Brand. Dagegen sah das sächsische Hochland noch an mehreren Orten die früheren Greuel erneuert, indem die Schweden, die in Böhmen hausten, die Flüchtlinge oft bis nach Sachsen verfolgten. Annaberg, das mit seiner Umgebung seit 1632 fort und fort alljährlich teils von kaiserlichen, teils von schwedischen Heerhaufen vielfach gelitten, hatte in dieser ganzen Zeit des Waffenstillstandes eine sächsische Besatzung. Eine Abteilung derselben traf am 15. Januar 1648 auf eine kaiserliche Streifhorde bei dem Städtchen Thum, wo sofort ein hitziges Reitergefecht entstand, weil man vergeblich die Kaiserlichen für Schweden hielt. Die Leichen der Gefallenen blieben längere Zeit liegen und davon heißt noch heute der Wiesengrund zwischen Thum und Herold »Das Elend«. Dies war der letzte Kampf des Dreißigjährigen Krieges auf sächsischem Boden. Zum Andenken daran hat man an der Straße von Thum nach Ehrenfriedersdorf im Jahre 1848 eine Spitzsäule mit Inschrift errichtet.
Nach Dr. Spieß.
s. Wie es nach dem Kriege im Gebirge aussah.
Wie es am Ende des Krieges in Sachsen und fast in jedem Orte desselben aussah, schildert ein Zeitgenosse jenes Elends in folgender ergreifenden Weise: »Ihr wisset, wie über Euch fliegende Drachen, zerreißende Bären und Löwen gekommen sind, die Eure Städte ausgebrannt, Eure Ernten, Ochsen und Schafe vor Euren Augen verzehrt, viele Tausende Bürger und Bauern zu Tode gemartert und so barbarisch gehaust haben, daß aller Menschen Sinne es nicht begreifen können. Wie jämmerlich stehen Eure Städte und Flecken; da liegen sie verbrannt, zerstört, daß weder Dach, Gesperr, Thüren oder Fenster zu sehen sind. Man wandert oft zehn Meilen und sieht nicht einen Menschen, nicht ein Vieh, nicht einen Sperling. In allen Dörfern sind die Häuser voller Leichname, Mann, Weib, Kinder, Gesinde, Pferde, Schweine, Kühe und Ochsen, neben und unter einander von Pest und Hunger erwürgt, voller Maden und Würmer und von Wölfen, Hunden und Krähen zerfressen, weil niemand ist, der sie begraben hat. Ihr wisset, wie Lebendige sich unter einander in Kellern und Winkeln zerrissen, totgeschlagen und gegessen haben; daß Eltern ihre toten Kinder, und Kinder ihre toten Eltern gegessen, daß viele um einen toten Hund oder eine Katze gebettelt und das Aas aus den Schindergruben genommen und verzehret haben.«
Zehn Jahre nach Beendigung des Krieges schrieb der Rat der Stadt Buchholz: »Dieses offene Städtlein ist bei dem verderblichen Kriegswesen durch vielfältige Einfälle, Ausplünderung, Durchzüge, Einquartierung, hohe und schwere Kriegskosten und Auflagen gänzlich verderbt und ruiniert worden, also, daß öfters in keinem Hause ein Schloß, Band, Fenster, Ofen und anderer Hausrat gelassen, sondern alles weggenommen, eingeschlagen und verbrannt, ja auch eine große Anzahl Häuser und öffentliche Gebäude ganz und gar verwüstet und eingerissen worden, sodaß sie noch jetzt öde und wüste liegen.«
Auch sind im Dreißigjährigen Kriege im Erzgebirge manche Orte von Grund aus zerstört worden und als wüste Marken liegen geblieben. Westlich vom Morgenberge bei Neudorf an der Sehma kamen die Waldarbeiter nach einem Orte im Walde, wo früher ein Dorf mit Namen Eibendorf gestanden hat, das in jener Zeit zerstört worden sein soll. Ein nach Frankenstein gepfarrtes Dorf Ailitz soll vor dem Kriege zwischen Frankenstein, Memmendorf und Hartha gestanden haben. Ebenso bezeichnet man unterhalb Wingendorf eine Stelle am Kemnitzbache als diejenige, wo das Dorf Kuhren zerstört worden ist. Zwischen dem Städtchen Bärenstein und den Dörfern Falkenhain und Jahnsbach lag einst das Dorf Greifenbach. Ebenso liegt zwischen Bärenstein und Börnichen die Wüstung des Dorfes Elend.
Nach dem Dreißigjährigen Kriege trieben sich in den Wäldern, wie anderwärts so auch in Scharfenstein Räuber und Wildschützen umher, welche entlassene Söldlinge waren, denen das wüste Leben nun Gewohnheit war. Ein Herr von Einsiedel, welchem Scharfenstein gehörte, beschloß, den Wildschützen mit aller Macht nachzugehen, um sein Gebiet von ihnen zu säubern. Es gelang ihm endlich, zwei derselben gefangen zu nehmen. Es gab damals noch eine furchtbare Strafe für die auf der That ertappten Wilddiebe: das Hirschreiten. Der Schloßherr hatte einen starken, lebenden Hirsch einfangen lassen. Die Diebe sollten auf ihn gebunden werden. Das war einem zehnfachen Tode gleich zu achten. Man hatte Beispiele, daß nach Tagen und Wochen die geängstigten Tiere ihre schreckliche Last zerfleischt und doch noch lebend mit sich herumschleppten. Die Missethäter flehten da inständig um Gnade. Die soll ihnen gewährt worden sein, weil sie versprochen haben, in drei Tagen und Nächten einen Stollen durch die Felsenrippe am Fuße des Schloßberges zu treiben, damit das Zschopauwasser mit viel Fall eine Mühle treiben könne.
Nach Holzhaus, Dr. Spieß und Dr. Köhler.