60. Ehrentafel berühmter Obererzgebirger.

Das obere Erzgebirge ist die Heimat oder der längere Aufenthaltsort einer Reihe bedeutender Persönlichkeiten gewesen, die für die Kulturentwickelung unseres engeren und weiteren Vaterlandes nicht ohne Bedeutung geblieben sind. Zu ihnen gehören Barbara Uttmann, die das Spitzenklöppeln 1561 in Annaberg bekannt machte, und Klara Angermann, welche in Eibenstock 1775 das Tambourieren einführte. 1589 schon hat Georg Einenkel, angeblich aus Dünkelsbühl in Schwaben, das Posamentiergewerbe in Buchholz eingeführt. 1776 gelang es dem Kaufmann Esche in Limbach, den Strumpfwirkerstuhl den Engländern nachzubauen. In der Nähe von Geyer errichtete 1812 in Siebenhöfen der um die sächsische Baumwollenspinnerei sehr verdiente Evan Evans die erste Baumwollenspinnerei in Sachsen.

Aber außerdem giebt es noch eine Anzahl bekannter Männer des Obererzgebirges, die auf Kunst und Wissenschaft, auf das ganze Geistesleben des sächsischen Volkes nicht ohne Einfluß geblieben sind. Wir gedenken des 1492 geborenen Rechenmeisters Adam Ries aus Staffelstein, der seine Rechenwerke in Annaberg als Bergbeamter schuf. Ferner haben wir den berühmten Rektor der Annaberger Lateinschule, Johannes Rivius, der 1552 in Meißen starb, zu nennen. In Grünhain wurde 1586 Johann Hermann Schein geboren, der Dichter des Liedes: »Mach's mit mir, Herr, nach deiner Güt'.« 1619 ist der Dichter des Liedes: »Liebster Jesu, wir sind hier, dich und dein Wort anzuhören«, Tobias Clausnitz, in Thum geboren worden. 1726 wurde zu Annaberg der berühmte Kinderfreund Felix Weiße geboren. 1674 stellte in Annaberg auf der Münzgasse in dem ihm vom Kurfürsten Johann Georg II. überlassenen Münzgewölbe der Chemiker Kunkel, als einer der allerersten, Phosphor her.

Zu den erwähnten fügen wir hier noch die Namen eines Mykonius, Sarcerius, Pufendorf, Gottfried Arnold, Kramer und Duflos.

1. Mykonius, ein Geschichtsschreiber der Reformation.

Friedrich Mykonius, eigentlich Mekum genannt, gehört zu der Reihe der deutschen Kirchenreformatoren. Am 24. Dezember 1491 ist er zu Lichtenfels in Oberfranken geboren. Er gehört zu den bekanntesten Schülern der Annaberger Lateinschule und ist als solcher schon berühmt geworden durch sein bekanntes Gespräch mit Tetzel. 1510 trat er ins Annaberger Franziskanerkloster ein, später in das zu Weimar. Er gehört zu den ersten und eifrigsten Anhängern Luthers. 1524 ward er evangelischer Pfarrer in Gotha. Am 2. Juli desselben Jahres predigte er in Buchholz unter großem Andrange. Am 4. Mai 1539 hielt er in Annaberg die erste evangelische Predigt. Als Superintendent von Gotha wirkte er für die Einführung der Reformation in Thüringen, sowie in Leipzig, wohin er 1539 berufen ward. Er nahm am Marburger Religionsgespräche 1529, an dem Schmalkaldner Tage 1537 und auch am Hagenauer Religionsgespräche 1540 teil. Gestorben ist er 1546. Seine Geschichte der Reformation erschien erst 1715 zu Gotha.

Nach Ledderhose.

2. Sarcerius, der Reformator Nassaus.

Am 28. November 1501 wurde in Annaberg einem schlichten Bergmanne Namens Scheurer ein Sohn geboren; das war der ehedem berühmte Erasmus Sarcerius, wie sein Name lateinisch lautet. Der junge Sarcerius besuchte die Lateinschulen Annabergs und Freibergs. In Leipzig und Wittenberg studierte er Philosophie und Theologie. Er gehört zu den eifrigsten Anhängern Luthers und seines Reformationswerkes. Mehreren Schulen hat später Sarcerius entweder als Konrektor oder Rektor vorgestanden; es waren Schulen in Rostock, Lübeck, Dillenburg, Wien und Graz. In Österreich hielt er sich nicht dauernd auf, weil er wegen seines Glaubens Anfeindungen ausgesetzt war. Er kehrte nach Lübeck zurück, wo seit 1531 die Reformation eingeführt worden war. Der Graf Wilhelm der Reiche von Nassau berief ihn in sein Land als Oberpfarrer, weil er die Reformation einzuführen gedachte. Sarcerius wirkte in Nassau erfolgreich zu diesem Zwecke. Da er sich aber dem 1548 von Kaiser Karl V. aufgestellten »Interim« nicht fügte, ging er, seines Amtes entsetzt, nach Annaberg. 1549 ward er Pfarrer an der Leipziger Thomaskirche, 1554 Pfarrer in Eisleben und 1559 Superintendent in Magdeburg. Am 28. November 1559 starb er. Er hat zahlreiche Schriften hinterlassen.

Nach Dr. Röselmüller.

3. Pufendorf, ein Mitbegründer der Wissenschaft des Natur- und Völkerrechtes.

Freiherr Samuel von Pufendorf, einer der Gründer der Wissenschaft des Natur- und Völkerrechtes, ist am 8. Januar 1632 zu Dorfchemnitz geboren. Er besuchte die Fürstenschule zu Grimma, widmete sich dann in Leipzig und Jena dem Studium der Rechte und wurde 1658 Hofmeister im Hause des schwedischen Gesandten Coyet in Kopenhagen. Die Schrift »Elemente der allgemeinen Rechtswissenschaft«, welche 1660 in Haag erschien, bewirkte 1661 seine Berufung zum Professor des Natur- und Völkerrechts an die Universität Heidelberg. Doch schon 1670 folgte Pufendorf einem Rufe an die neue schwedische Universität Lund. Durch weitere Schriften erhob er das Naturrecht zu einer selbständigen Wissenschaft. Für das Verhältnis des Staates zur Kirche schuf er die von allen gegenwärtigen Staaten angenommene Theorie des Kollegialismus. 1686 wurde er nach Stockholm berufen und zum Staatssekretär, königlichen Hofrat und Historiographen ernannt. 1688 begab er sich nach Berlin, wo er von dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg als Historiograph und Kammergerichtsbeisitzer angestellt und 1690 zum Geheimrat ernannt wurde. König Karl XI. von Schweden erhob ihn 1694 in den Freiherrnstand. Er starb am 26. Oktober 1694 in Berlin. Pufendorfs älterer Bruder, Esaias Pufendorf, starb am 26. Oktober 1689 als dänischer Gesandter in Regensburg. Derselbe hat mehrere theologische und historische Schriften veröffentlicht.

Nach Meyers Lexikon.

4. Gottfried Arnold, der Kirchen- und Ketzerhistoriker.

Der lutherische Theologe Gottfried Arnold ist am 5. September 1666 zu Annaberg geboren. Seine Studien machte er in Wittenberg. Im Jahre 1697 ward er Professor der Geschichte in Gießen. Sein Verkehr mit Spener in Dresden regte ihn pietistisch an. In Frankfurt und Quedlinburg kam er durch persönliche Verbindungen zu einem mystischen Separatismus. Er enthielt sich des Kirchenbesuches und verschmähte das heilige Abendmahl. 1698 legte er seine Professur nieder. Später, 1700, hat er sich verheiratet. Da er seine Ansichten geändert hatte, wurde er Hofprediger der verwitweten Herzogin von Sachsen-Eisenach in Allstedt. 1714 starb er in Perleberg als Prediger, nachdem er seit 1707 dort gelebt hatte. Vorher wirkte er seit 1704 als Prediger in Werben. Von Arnold rühren mehrere mystische Schriften her. Geistliche Lieder hat er auch gedichtet. Sein Hauptwerk aber ist die ihrer Zeit schon durch die Darstellung Aufsehen erregende »Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie«, worin er der Ketzerei ein Streben nach wahrem Christentume zuschrieb und ihre Berechtigung durch die Mängel und die Ausbreitung der Kirche nachwies.

Nach Dr. Röselmüller.

5. Kramer, der Kirchenliederdichter.

Der berühmte Kanzelredner und Kirchenliederdichter Johannes Andreas Kramer wurde 1723 in Jöhstadt geboren. Er wurde 1748 Prediger zu Krollwitz bei Magdeburg. 1750 schon treffen wir ihn als Oberhofprediger in Quedlinburg. Seit 1754 ist er deutscher Hofprediger in Kopenhagen und seit 1765 zugleich Professor der Theologie ebenda gewesen. Lübeck berief ihn 1771 zum Superintendenten. Dann ward er 1774 erster Professor der Theologie in Kiel. Hier wurde er 1784 zum Universitätskanzler und Rektor ernannt. Am 12. Juni 1788 starb er in Kiel. – Er stiftete ein homiletisches Institut und ist der Gründer des ersten Schullehrerseminars für Schleswig-Holstein geworden. Auch gab er den Herzogtümern einen verbesserten Katechismus und ein neues Gesangbuch. Am bekanntesten sind unter seinen Werken seine »Sämtlichen Gedichte« und seine »Hinterlassenen Gedichte«, woraus viele Lieder in die Gesangbücher übergegangen sind.

Nach Meyers Lexikon.

6. Duflos, der Vater der Pharmazie.

Im Jahre 1889 starb zu Annaberg der Geheime Rat Professor Dr. Adolf Ferdinand Duflos, Ritter u. s. w. Er stammt aus Artenay bei Orleans in Frankreich und ist am 2. Februar 1802 daselbst geboren. In den Napoleonischen Kriegen kam er mit seinem Vater nach Torgau. Er fand ein Unterkommen bei dem dortigen Rektor Benedict, welcher später die Waise bei seiner Übersiedelung als Rektor der Lateinschule nach Annaberg mit sich nahm. Duflos trat als Lehrling in die Annaberger Apotheke ein. Als einst, den 27. Februar 1817, Apotheker Hertel einen Vortrag über die Beleuchtung durch Gaslicht aus Steinkohlen nebst einigen erläuternden physikalischen Versuchen in der Museumsgesellschaft zu Annaberg hielt, bereitete der damalige Apothekerlehrling Duflos das Gas dazu. Niemand mochte ahnen, zu welcher Bedeutung der 15jährige noch in ganz Deutschland gelangen würde. Er gilt in ganz Deutschland als »Vater der Pharmazie« und ist Verfasser vieler hochgeschätzter chemischer Werke. Seit 1866 lebte er in stiller Zurückgezogenheit in Annaberg. Sein Grab wird zu den berühmtesten des schönen Friedhofes gezählt werden. Er liegt im Brodengeyerschen Schwibbogen.

Nach Fr. Brodengeyer und Ruhsam.