16
Der Jons und die Erdme sitzen im Garten zwischen den eingefaßten Beeten und haben sich lieb — denn es ist ihr Silberner Hochzeitstag.
Fladen ist gebacken worden und ein Mohnstriezel, aber außer der Katrike weiß keiner, weshalb.
Die Katrike hat ihnen einen Myrtenkranz aus Silberpapier schenken wollen, hat auch schon Maß genommen und so, aber dann ist es doch unterblieben, weil das Besorgen zu schwer war.
Und es ist gut so, denn nun kann es kein Gerede geben unter den Leuten.
Die liebe Frühlingssonne sticht ihnen auf die dünnbehaarten Köpfe. Jons nimmt die Mütze, die neben ihm auf der Bank liegt, und setzt sie ihr auf. Sie muß furchtbar lachen, denn solch einen Scherz hat er in all den fünfundzwanzig Jahren nicht gemacht. Und sie fühlt so recht im innersten Herzen, wie sehr sie ihn lieb hat.
Fünfundzwanzig Jahre sind sie nun fleißig und glücklich nebeneinander hergegangen, und nie hat ein Zank ihren Frieden gestört. Betrunken hat er sich nie — außer bei Hochzeiten natürlich und ab und zu wohl am Markttag, aber das gehört ja zum Leben, — und geschlagen hat er sie auch nicht.
Sie hat einen guten Mann gehabt, und dafür dankt sie ihm mit Tränen. Und auch er weint ein bißchen, denn so ein Tag kommt nicht wieder.
Und sie gedenken des jungen Pfarrers mit den Traumdeuteraugen und der zwei Trauzeugen, die auch am Sonntag nach Mist rochen. Und der Abendstunde im Matzicker Chausseegraben gedenken sie auch und sehen sich um, ob niemand sie hört.
„Denkst du daran,“ sagt die Erdme, „was wir uns damals alles gelobt haben? Leicht war es nicht, es zu halten, aber nun haben wir es doch getan, denn nie hat ein Hader unseren Frieden gestört.“
Und er sagt: „Das ist dein Verdienst.“
Sie sagt: „Deins ist es auch.“
Und sie freuen sich, wie zweie wohl tun, denen ein guter Streich geglückt ist wider Erwarten.
„Gott sei gelobt!“ sagt die Erdme; „jetzt sind wir über den Berg, denn was kann uns nun noch Böses geschehen?“
Und er sagt: „Ein Dreck kann uns geschehen.“
Bei der Hand gefaßt sitzen sie noch ein Weilchen im blanken Sonnenschein und denken: „Schöner kann es eigentlich gar nicht mehr kommen.“
Aber es kommt doch noch schöner! Viel schöner kommt es.
Als sie gerade wieder an die Arbeit gehen wollen wie alle Tage, da bemerkt die Erdme, daß ein Wagen auf der Knüppelstraße daherfährt, ein Herrschaftswagen, wie er hier selten zu sehen ist.
Und Jons erkennt die zwei Braunen aus der „Germania“ und denkt natürlich, es sind Herren von der Regierung, die im Moor nach dem Rechten sehen wollen.
Aber wie der Wagen immer noch näher kommt, erkennen sie beide, daß keine Herren darin sitzen, sondern bloß eine Dame. Und eigentlich sitzt sie auch nicht, sondern steht und hält einen weißen Sonnenschirm in der Hand — mit dem winkt sie und winkt sie und winkt.
„O Jezau!“ sagt die Erdme und fällt wie leblos auf die Bank zurück.
Da biegt der Wagen auch schon nach dem Zufahrtsweg ein und hält vor dem Hoftor.
Die Katrike kommt aus dem Hause gestürzt, Brennschere und Seidenpapier noch in der Hand, und rings um die Stirn sitzen die gewickelten Knötchen.
Also wirklich: es ist die Urte, die jetzt Ortrud heißt. In einem feinen graukarierten Wollenkleide springt sie aus dem Wagen, und hinter ihr her springt ein Hund, wie ihn noch nie eines Menschen Auge sah. Mit schneeweißen Locken, größer noch als ein Wolf und magerer als ein Schmalreh.
Doch daß die Urte mager ist, kann man nicht sagen. Einen Busen hat sie — der ist kein Leichenbrett! Und der Veilchenstrauß im dritten Knopfloch wiegt sich wie auf der Schaukel. Und die blauen Kornblumenaugen hat sie noch immer, aber goldene Haare hat sie inzwischen gekriegt und Lippen so rot wie Rübensaft.
Nachdem die Erdme sie abgeküßt hat, da kniet sie vor ihr und befühlt das Kleid und betastet die Schuhe, und wie sie das Kleid ein wenig hebt, was kommt da zum Vorschein? Ein Unterrock von lauter — du wagst es gar nicht auszusprechen, nicht auszudenken wagst du es! — ein Unterrock von lauter Seide, von resedagrüner, ruschelnder, klingender Seide.
Wie wenn der Wind durch die Quitschen geht, so klingt bei jeder Bewegung die Seide.
Der Jons steht eingeklemmt zwischen Hoftor und Zaun und traut sich an die hochgeborene Tochter gar nicht heran. Sie muß ihn selber bei der Hand nehmen und aus dem Winkel hervorziehen. Und sie küßt auch ihn, aber man sieht: sehr gerne tut sie es nicht.
Die Katrike ist rasch einmal ins Haus gelaufen, sich die gebrannten Wickel auszukämmen, und wie sie wiederkommt, hat sie das Rotgeblümte an und möchte auch für sich was Bewunderndes hören, doch das sagt ihr heut keiner.
Der weißgelockte Hund, von dem man glauben könnte, man zerbricht ihn, wenn man ihn anfaßt, steht in der Mitte des Hofes, sieht mit erstaunten Menschenaugen um sich und streckt den witternden Schlangenkopf bald nach rechts und bald nach links, als kann er sich nicht erklären, wie er plötzlich in eine so schlecht riechende Gesellschaft geraten ist. Den belfernden Köter, der mit seiner Kette wie verrückt über die Bude springt, würdigt er keines Blickes. —
Der Koffer wird ausgepackt. Es ist ein lackglänzender Lederkoffer, hoch wie ein Haus und wohlriechend wie russische Gurten.
Und wenn die Urte sich bückt in ihrer vollbrüstigen Anmutigkeit und ihrer rundhüftigen Ruhe, dann weiß man, daß sie die Männer führen kann, wie man die Lämmer zu Markte führt.
Der Jons bekommt einen Tabakskasten, der ist von poliertem Holz und hat silberne Einlagen. Auch etwas zum Essen bekommt er, und das soll noch viel feiner sein als Ölsardinen. Es sieht aus wie schwarze, runde Graupenkörner und schmeckt nach gesalzenen Fischen.
Für die Erdme kommt ein dunkles Seidenkleid zum Vorschein mit einem Spitzeneinsatz und Rüschen am Hals und an Ärmeln. Und auch die Katrike kriegt ein Kleid, ein hellblaues Jungmädchenkleid mit einer Tüllbluse und einem hellgelben Strohhut dazu, der biegt sich und federt, wenn man ihn anrührt.
Und das Allerschönste hab’ ich noch gar nicht genannt: das ist der Silberkranz. Kein Silberkranz aus Papierblättern, wie ihn die Katrike beinahe geschenkt hätte, sondern aus wirklichem schweren, klirrenden Silber, und ein gleiches Sträußchen noch außerdem, dem Jons ins Knopfloch zu stecken.
Von nun an ist’s mit den Heimlichkeiten vorbei. Die Erdme muß das seidene Kleid anziehen und den silbernen Myrtenkranz aufsetzen, Jons bekommt das Sträußchen wirklich ins Knopfloch gesteckt, und nun sitzen sie beide im Brautwinkel, trinken fremden, süßen Wein und lassen sich’s gut sein.
Die Töchter sind um sie herum, und sogar die Jette, die abscheuliche Kröt’, tut sich lieblich, wer weiß wie. Sie hat aber auch eine grüne Schürze geschenkt gekriegt und Wollenschuhe, damit sie des Morgens nicht klappert.
Nur einer ist nicht zufrieden — das ist der große, magere, weißlockige Hund. Der schnüffelt und schnobert, und wenn man ihn ’reinzieht, läuft er wieder hinaus. Auch das vorgesetzte Fressen rührt er nicht an. Die Urte muß ihm von dem mitgebrachten Hundekuchen was geben, sonst würde er am Ende verhungern.
Die Urte erklärt: „Das ist ein sibirischer Windhund, Barsoi genannt, aus einer ganz alten vornehmen Zucht mit einem Stammbaum, der reicht wohl hundert Jahre zurück.“
Sie hat ihn von einem russischen Grafen bekommen, der mit ihrem Freunde befreundet war und auch mit ihr. Er hat den Namen Petruschka, und alle lachen sehr, als sie ihn hören, denn Petruschka heißt „Petersilie“.
Erdme kann nichts den ganzen Tag lang, als die nach Hause gekommene Tochter ansehen und ansehen.
Wenn die auf dem harten Bretterstuhle sitzt — einen besseren gibt es ja nicht — und mit den dunkelroten Lippen lächelt und die goldenen Haare geben Feuerstrahlen um sie herum, dann ist der Erdme, als muß sie in einen finsteren Winkel kriechen und weinen und beten, daß Gott sie nicht strafen wolle für dieses allzu große Glück.
17
Der Urte — die jetzt Ortrud heißt — ist in der Kleinen Stube ein Lager bereitet, und Jons und Erdme wagen beim Aufstehen kaum, sich zu rühren — aus Angst, sie möchten die Tochter erwecken.
Aber die läßt sich nicht stören. Die schläft in Frieden bis in den blanken Vormittag. Eine Stunde dauert ihr Anziehen, und wenn der Vater zum Essen vom Felde kommt, ist sie seit kurzem erst fertig.
Die Erdme hat Kaffee gekauft, das Pfund zu zwei Mark, und läuft zwischen Herd und Stubentür hin und her, um zu horchen, wann die Zeit zum Frühstück gekommen ist. Dann trägt sie ihr alles ans Bett und sieht mit Sorgen, ob die Urte sich’s wohl schmecken läßt.
Wie ein Engelchen liegt sie da in ihrem weißen Spitzenhemd, mit dem ruscheligen Goldhaar und den Grübchen unter dem Halse, und die Ringe, die sie bloß zum Waschen abnimmt, blitzen wie rote und blaue Sonnen auf der gewürfelten Decke.
Dies ist die Stunde, in der sie was zu erzählen pflegt. Aber viel ist es nicht. Und lange Zeiten übergeht sie mit Schweigen. Daß sie weit in der Welt herumgekommen ist, weiß die Erdme schon aus den Briefen, aber was sie da überall getan hat, läßt sie im Dunkeln.
Viele Männer haben sie heiraten wollen, aber es ist nie etwas daraus geworden. Bei den Reichen und Hochgestellten haben die Eltern es nicht erlaubt, und den anderen hat sie selber den Laufpaß gegeben. Als sie in Königsberg Kellnerin war, sind alle Studenten hinter ihr hergelaufen. Viele haben sich duelliert, und einige haben sich totgeschossen. Schließlich hat sie das große Blutvergießen nicht mehr mit ansehen können und ist nach Berlin ausgerückt. Und dort hat das Leben erst recht begonnen.
Wenn die Erdme sie fragt, was sie in Zukunft zu machen gedenkt, lächelt sie mit ihren Blauaugen bloß so verschwommen ins Weite und sagt: „Mach dir keine Sorgen, Mamusze. Für eine wie mich liegt der Reichtum nur auf der Straße. Aber erst möcht’ ich mich hier noch ein bißchen ausruhen.“
Und das tut sie auch gründlich. Niemals faßt sie mit an oder kümmert sich um was. Sie sitzt bald drin im Fensterwinkel, bald draußen auf der Gartenbank, blickt nach dem Himmel und lächelt. Nur ihre Kleider hält sie in Ordnung, steckt die Schuhe auf Leisten und bürstet und bügelt, und ihre Finger, die rund und lecker aussehen wie marzipanene Würstchen, führen die Nadel schnell und mit Ruhe.
Die Erdme ist noch immer wie von einem Zauber befallen.
Was sie auch arbeitet, immer denkt sie an das heimgekommene Kind, macht sich in ihrer Nähe zu schaffen und schleicht um sie ’rum, bloß um sie still und andächtig zu betrachten. Oft ist ihr bange vor lauter Stolz, so daß sie sagen möchte: „Sei doch einmal wieder wie früher.“ Aber sie weiß, das kann die Urte nicht mehr, dazu ist sie zu lange weggewesen und hat zu viel deutsche Lehrer gehabt. Denn daß sie Schönschreiben kann und Französisch, das hat die Urte erzählt, sogar Ballettstunden hat sie gehabt. Erdme weiß zwar nicht recht, was das ist, aber es muß wohl das Feinste sein, was auf der Welt gelehrt werden kann.
Manchmal nimmt sie den Jons bei der Hand und sagt: „Ach, freu dich doch! Freu dich doch!“
Aber er freut sich nicht. Ihm ist es ängstlich, mit der Tochter zusammenzusein, und er schämt sich vor ihr. Weiß nicht, was er mit ihr reden und wie er den Löffel halten soll, und das Brot schneidet er heimlich unter dem Tisch.
Anfangs hat sie ihn zu umschmeicheln gesucht, hat ihn „lieb Väterchen“ genannt und so. Wie er aber nicht darauf einging und wegsah, ist auch sie ängstlich geworden und spricht bloß, was nottut. Es liegt noch nicht Übles zwischen ihnen, bloß fremd sind sie sich und werden sich fremder Tag für Tag.
Die Erdme sieht es mit Kummer. Das Herz will ihr zerbrechen bei seinem stillschweigenden Abseitsstehen, aber man kann ihn doch nicht zwingen, daß er sie lieb hat.
Ganz verrückt ist die Katrike. Die will der Schwester alles nachmachen und versteht es doch nicht. Putzt an den Nägeln, bepinselt die Lippen und wäscht das Haar mit Kamillen. Aber die Nägel werden bloß noch dreckiger, der Mund sieht aus wie ein Blutfleck, und das Haar steht ab wie vertrocknetes Krummstroh.
Nur das lange Bettliegen gelingt ihr ohne Beschwerde.
Die Erdme erkennt den Unterschied wohl und macht sich ihre Gedanken. Nicht daß sie die Katrike nun weniger liebte. Im Gegenteil, es ist wie ein Vorwurf für sie, daß die so vernachlässigt dasitzt und sich in rein gar nichts mit der Schwester vergleichen kann. Denn auch, wenn sie das Hellblaue angezogen und den großen Strohhut aufgesetzt hat, ist es noch immer wie Tag und Nacht.
Und sie zerquält sich, wie ihr zu helfen ist.
Die Schwestern stehen nicht schlecht miteinander. Die Urte unterweist die Katrike in allem, was sie wohl wissen will, und schenkt ihr Kämme und Rüschen und sonst alles mögliche Kleinzeug, so daß der Neid in ihr nicht hochwachsen kann.
Aber auch die Urte sieht ein, daß es nicht länger so mit ihr geht.
„Wenn du die Ulele wärst,“ sagt die Mutter, „dann würdest du jetzt einen Mann für sie suchen.“
„Ich kann ebensoviel wie die Ulele,“ sagt die Urte.
Und da sie’s verlangt, wird eines Tages, als der Jons in die Wiesen gefahren ist, der kleine Tuleweit bestellt, der schon für hundert Vermittlungen seine Prozente gekriegt hat.
Der in seinem langen Pfarrersrock und den knallengen Hosen kommt forsch herein und denkt, er wird hier wieder einmal den spaßigen Onkel spielen; wie er aber die Urte zu sehen kriegt, die ihn in ihrer rosenfarbenen Fleischlichkeit ankuckt, da wird ihm schon ganz anders.
„Aus was für ’nem Himmel ist denn das hierher geflogen?“ fragt er.
Und die Urte sagt: „Nehmen Sie Platz, Herr Tuleweit.“ Und sie, die Erdme, bringt von dem fremden, süßen Wein, von dem noch immer was da ist.
Und die Urte sagt weiter: „Sie sehen es mir vielleicht nicht an, Herr Tuleweit, daß ich aus diesen kleinen Verhältnissen stamme, aber das macht nichts.“ Und dann lobt sie ihn, weil ihr bekannt ist, daß er bei seinen Vorschlägen immer das Richtige trifft.
Er bedankt sich und dienert.
„Nun bin ich aber drauf und dran,“ sagt sie weiter, „eine große Partie zu machen. Eine wirklich große Partie. Und da wär’ es mir natürlich angenehm, wenn ich durch meine Schwester nicht in Verlegenheit käme. Ein Deutscher müßte es sein, und sein Eigenes müßte er haben, so daß man sagen könnte: ‚Meine Schwester ist an einen Gutsbesitzer verheiratet.‘ Das würde dann schon den richtigen Eindruck machen.“
Die Erdme denkt: „Sie ist noch klüger als die Ulele.“ Und der ganze Herr Tuleweit schwimmt wie Öl auf Zuckerwasser.
Was an seinen bescheidenen Kräften liege, das werde sicher geschehen, aber letzten Endes sei es ja leider Sache der Mitgift.
„Natürlich, natürlich,“ sagt die Urte. Und wäre sie schon verheiratet, so würde es ihr auch nicht darauf ankommen, die Schwester reichlich auszustatten. Aber für jetzt müßte man schon mit etwas Bescheidenem vorlieb nehmen.
„Was heißt bei Ihnen ‚bescheiden‘?“ fragt der kleine Herr Tuleweit und dienert nicht mehr.
Der Erdme schlägt das Herz hoch. Was wird sie sagen?
Und sie sagt: „Nun, etwa fünftausend Mark.“
Fünftausend Mark hat der Jons auf der Sparbank. Die hat er mit ihr in zwanzig Jahren zusammengekratzt. Aber die kann die Urte nicht meinen. Die sollen ihnen ja Stütze und Zuflucht sein für das kommende Alter. Gewiß will sie aus eigener Tasche geben, was fehlt. Und es fehlt womöglich noch mehr, denn der Herr Tuleweit macht eine hängende Nase und sagt, bei einem so kleinen Anerbieten werde man leicht behandelt wie ein nichtsnutziger Schwätzer, aber er wolle schon sehen, er wolle schon Rat schaffen und hoffe auf spätere reiche Belohnung.
Damit trinkt er sein Weinglas leer und verspricht, in acht Tagen wiederzukommen.
„Willst du die Fünftausend wirklich aus Eigenem geben?“ fragt die Erdme voll Dankbarkeit.
„Sehr gern wollt’ ich sie geben,“ sagt die Urte und lächelt; „nur, wenn ich sie hätte, dann braucht’ ich sie selber.“
„Wo sollen sie denn aber herkommen?“
„Von da, wo der Vater sie hingetragen hat,“ erwidert die Urte. „Ist es nicht schon genug, daß ich auf meine Hälfte verzichte?“
Die Erdme will reden, aber ihr ist, als sitzt ihr ein Klumpen Heede im Schlund.
Alles soll hin! Alles soll weg! Bloß damit die Katrike ein Nest kriegt.
Und die, die solange in der Kammer gelauert hat, kommt begierig gelaufen.
„Wer wird es? Wer ist es? Wieviel Hufen hat er? Wieviel Pferde stehen im Stalle? Wieviel Rindvieh weidet am Ufer?“
Da kriegt die Erdme die Sprache wieder. „Wenn es um den Preis geht, dann schlag dir die Heirat nur aus dem Kopf. All sein Gespartes gibt der Vater dir nie.“
Und die Katrike heult und wälzt sich am Boden. Ihren Besitzer will sie nicht lassen. Der ist ihr versprochen, seit sie ein Kind war. Der kommt ihr zu. Der gehört ihr zu eigen.
Der Erdme dreht sich das Herz im Leib um. Ihr Kind ist im Recht. Nie ist von was Anderem die Rede gewesen. Nie hat sie selbst es sich anders gedacht.
Sie hebt die Katrike auf und liebkost sie und verspricht ihr das Blaue vom Himmel.
Der Jons kommt aus den Wiesen, sieht die dickgeweinten Gesichter und wundert sich. Aber fragen tut er nichts. Das hat er sich lange schon abgewöhnt.
Die Erdme, deren Gewissen nicht das reinste ist, geht ihm aus dem Wege, so viel sie nur kann, aber begegnen muß sie ihm doch, und schließlich versucht sie’s mit Vorwürfen.
„Du hast kein Herz für deine Töchter,“ sagt sie, „und du achtest sie wie einen Strick um den Hals.“
Er fragt: „Wer hat dir das zu wissen getan?“
Und sie sagt: „Das ersieht man aus deinem Benehmen. Schon die Katrike hast du nicht leiden mögen, und seit die Urte wieder da ist, ist es noch schlimmer. Du bist eben ein Kúmetis“ — ein gemeiner Mann — „und bleibst ein Kúmetis, und alles Hochgeborene ist dir zuwider.“
Er sagt: „Ich habe nie erfahren, daß du von besserer Herkunft wärest als ich. Als wir anfingen, Pracher waren wir da alle beide.“
„Ich habe doch wenigstens meine Betten gehabt,“ entgegnet sie drauf, „und sechsundsechzig Mark hatt’ ich auch, aber du hattest so gut wie gar nichts.“
Und er sagt: „Zu meinem bißchen habe ich zwei Jahre Arbeit gebraucht, aber wo du deine Reichtümer herhattest, darüber weiß man nichts Rechtes.“
Ihr ist, als schlägt ihr einer mit der Axt vor die Stirn. „Ich habe dir vorgerechnet auf Heller und Pfennig,“ sagt sie, wie mit Blut übergossen, und wendet sich ab.
Sie ist nun so wütend auf ihn — sie könnt’ ihn beinahe vergiften.