3

Zwei Tage später am frühen Morgen sagte der Jurris zur Marinke: „Die Mutter hat erlaubt, daß wir zusammen fischen dürfen.“

Sie fragte: „Wer wird die Kühe melken?“

Und er erwiderte: „Sie wird es selber tun.“

Als sie mit ihm das Netz auf den Handwagen lud, schämte sie sich sehr vor den Blicken, die sie auf sich gerichtet fühlte. Sie nahm sich auch nichts zu essen mit und sagte zu keinem: „Ich geh’ nun.“ Wie eine Übeltäterin machte sie, daß sie davonkam.

Er zog den Handwagen, und sie schob nach. Aber zu schieben war eigentlich nichts, denn die Räder drehten sich wie von selber.

Bis zum Haff geht man quer durch die Felder mehr als eine halbe Stunde. Zuerst war nichts davon zu sehen als ein rötlicher Nebel, wie er morgens wohl auf den Wiesen liegt, dann aber brach das blaue Wasser durch, hoch über dem Rohr und dem Buschwerk, und zwischen Wasser und Himmel blänkerten in der Ferne die Sandberge der Nehrung, anzusehen wie ein Gürtelband von weißgelber Seide.

Marinke dachte: „Wie schön wird meine Heimat sein!“ Sie wollte was sagen, aber sie traute sich nicht, denn er, der vor ihr ging, drehte sich nie nach ihr um.

Und so kamen sie dem Ufer immer näher.

Dort standen Schuppen errichtet, um die Kähne aufzunehmen, wenn die Zeit der Stürme drohte. Jetzt aber, bei stillem Sommerwetter, waren sie nicht einmal auf den Strand gezogen und schaukelten sich, an Pfähle gebunden, zwischen Grasbank und Röhricht.

Keiner von den andern, die die Fischgerechtsamkeit haben, war am Ufer zu sehen. Denn jetzt bei beginnender Ernte gab es zu viel auf den Feldern zu tun.

Und Marinke fühlte in beklommener Seele, daß auch seine Ausfahrt nur ihr zuliebe geschah.

Nun lud er das Netz aus dem Wagen, und sie half ihm dabei, obgleich es auch hier nichts zu helfen gab. Erst wie sie schon draußen waren, weit draußen im Blauen, wo nur die Ruder klatschten und die Kielwellen schälten, da forderte er sie auf, ihm beim Auswerfen zur Hand zu gehen.

Und sie verstand auch gleich, was zu tun war, so daß alsbald die „Pluden“ — das sind die leichten Hölzer, die das Netz obenhalten — in schönem Bogen rings um sie herschwammen.

Nun kam eine Zeit der Ausruhe, und die Sonne fing etwas zu stechen an.

„Du hast kein Tuch,“ sagte er, „du wirst Kopfschmerzen kriegen.“ Und er holte eine Ölkappe hervor, die sollte sie aufsetzen. Aber sie wollte nicht, denn sie fürchtete, er werde über ihr Aussehen lachen müssen. Und das sagte sie ihm auch.

Aber da begann er schon im voraus zu lachen und rief: „Hundertmal reichen nicht, daß ich dich in der Ölkappe sehen werde.“

Und ohne sich zu besinnen, was sie da sagte, entgegnete sie: „Aber dann werden wir auch verheiratet sein.“

Noch wie das Wort kaum heraus war, da schämte sie sich schon so sehr, daß sie sich am liebsten ins Wasser gestürzt hätte. „O Gott, o Gott,“ dachte sie, „jetzt wird er mich für dreist und für zudringlich halten.“ Und weil sie fühlte, daß sie ganz glutrot geworden war und immer noch röter wurde, drehte sie ihm den Rücken und machte sich klein.

Er — vom Steuer her — sagte: „Marinke, dreh dich doch um.“

Aber sie vermochte es nicht. Denn plötzlich stieg der Gedanke in ihr auf: „Es wird nicht sein — es kann nicht sein. Es ist zu schön für mich — und ich bin es nicht wert.“

Wie ein Herzbruch kam es über sie, so daß sie bitterlich zu weinen begann.

Der Jurris stand von seinem Platze auf und setzte sich neben sie, so dicht, daß ihr Rücken an seine Brust stieß.

Und er fragte sie, ob sie ihn denn wirklich nicht wolle, da sonst ja die Heirat kein Grund zu solchen Tränen sei.

Aber sie weinte nur um so heftiger.

Da schlang er von hinten her die Arme um ihren Hals, so daß ihr Kopf auf seine Schulter zu liegen kam. Sie drehte sich ein wenig nach ihm um, damit sie ihr nasses Gesicht nicht dem hellen Tage preiszugeben brauchte, und so lag sie an seine Jacke gedrückt und wurde wieder ganz still.

„Ach wenn er mich doch küssen möchte!“ dachte sie.

Aber er küßte sie nicht.

Und dann war es Zeit, nach dem Netze zu sehen. Viel brachte der Fang nicht. Ein paar Bleie, ein paar Plötze. Das war alles. Aber sie kümmerten sich nicht darum, und schließlich lachten sie gar darüber.

Als sie den Wagen heimwärts fuhren, schob sie nicht mehr wie in der Frühe, sondern schritt an seiner Seite und zog mit ihm. Aber da es beim besten Willen auch jetzt nichts zu ziehen gab, legte er seinen freien Arm um ihre Hüfte, so daß er ihren Arm von der Deichsel abdrängte. Und darum gab es des Lachens kein Ende.

Doch zu Hause taten sie wieder ganz ernst, und als die künftige Schwiegermutter ihnen das Frühstück auftischte, wollte sie es nicht dulden und küßte ihr Ärmel und Rocksaum.

Da sagte die Enskene mit einem freundlichen Lächeln: „Was ihr gefischt habt, ist ja nicht viel, und doch hat mein Jurris einen guten Fang gemacht.“

Der alte Enskys aber ging mit mißtrauischen und ängstlichen Blicken um beide herum, so daß auch der Marinke wieder ganz angst ward.

„Ob er was weiß?“ dachte sie.

Aber dann hätte er wohl nicht gewollt, daß sie „auf Prob’“ ins Haus kam.

Und darum ging sie wieder beruhigt an ihre Arbeit.

4

In dieser Woche hatte der Jozup Wilkat eigentlich nichts mehr auf dem Hofe zu tun, denn das Milchabholen besorgte ein anderer. Aber trotzdem sah man ihn morgens und abends. Einmal hatte er sich einen Bohrer geborgt, den er zurückbringen mußte, ein andermal war ihm die Wagenschmiere ausgegangen, und schließlich kam er ganz ohne Grund, setzte sich neben den Jurris auf eine Deichsel und rauchte manchmal drei Pfeifen aus.

Daß man den jemals einen „Bedraugis“ genannt hatte, war zum Verwundern.

Der Jurris wußte nicht recht, wie er zu der neuen Freundschaft gekommen war, die eigentlich schon seit zwanzig Jahren hätte bestehen müssen, aber da sie ihm plötzlich vom Himmel fiel, ließ er es sich gefallen. Der Jozup, den alle für störrisch und abstoßend gehalten hatten, war gar nicht so schlimm. Er wußte Geschichten und Lieder die Menge, und wenn man die Auflösungen seiner Rätsel erfuhr, konnte man sich vor Lachen den Bauch halten.

Darum kamen auch die beiden Alten häufig dazu, und nur die Marinke machte sich ungern in seiner Nähe zu schaffen. Nicht daß er ihr einen Widerwillen eingeflößt hätte. Wenn sie ihn kommen und gehen sah mit seinen strammen Beinen und seiner pröpschen Kopfhaltung, gefiel er ihr immer ganz gut, aber die Herzbeklommenheit, die sie schon in Augustenhof manchmal befallen hatte, wenn er auf dem Milchwagen vorfuhr, verließ sie auch jetzt nicht.

Zuweilen dachte sie: „Der wird mir gewiß einmal ein Leid antun.“ Aber ein bißchen Angst vor den Männern hatte sie ja wohl immer, seitdem sie erfahren hatte, wie wenig ein armes Mädchen vor ihrem starken Willen vermag.

Und sie brauchte auch nur nach dem Jurris hinüberzublicken, um zu wissen, wie gut geborgen sie war und daß jener ihr niemals würde zu nah kommen können.

Eines Spätabends beim Weggehen blieb der Jozup am Gartenzaun stehen und rief zu ihr herein: „Du, richt dich mal auf!“

Sie wollte erst nicht, denn sie zog gerade Mohrrüben aus der Erde für morgen Mittag, aber sie mußte es doch tun.

„Warum hältst du dich so weit ab von mir?“ war seine Frage. „Ich beiß’ dich nicht. Ich beiß’ bloß in Rindfleisch.“

„Ich bin die Magd hier,“ gab sie zur Antwort, „und ich habe zu tun.“

„Wenn du von Magd sprichst,“ sagte er, „dann lachen die Hühner. Ich weiß am besten, wie bald du hier Herrin sein wirst.“

„Wenn du das weißt,“ entgegnete sie, „dann wart hübsch, bis ich das Recht hab’, mit dir zu reden.“

„Ich glaube nicht, daß dir Stummheit auferlegt ist,“ sagte er, „und ich habe auch eine Bestellung an dich.“

Sie erschrak, aber sie nahm sich zusammen. „Wenn es wieder von Herrn Westphal ist,“ entgegnete sie, „dann sag ihm nur, sobald die Reihe an uns ist, würde ich kommen — und früher nicht!“

Aber diesmal war es was Anderes.

„Meine Mutter leidet an der Knochenkrankheit,“ sagte er. „Sie hat gehört, daß du eine heilkräftige Hand hast, und bittet dich, sie ihr einmal aufzulegen. Bei der Gelegenheit könntest du dir gleich unsere Wirtschaft besehn.“

Ihr wurde ganz heiß von dem allen.

„Wer das gesagt hat von meiner Hand,“ entgegnete sie, „der erfindet sich Lügen, denn ich weiß nichts davon. Und was ich an eurer Wirtschaft zu sehen hätte, das weiß ich noch weniger.“

Damit bückte sie sich nach dem Gelbrübenbeet hinunter und sah ihn nicht mehr an.

Er stand noch eine kleine Weile, und ihr war, als fühle sie seine Blicke auf ihrer Haut; dann wünschte er „Guten Abend“ und ging von hinnen.

„Mein Gott, mein Gott!“ dachte sie. „Trachtet der auch nach mir?“ Aber das konnte nicht sein! Würde er sich alsdann den Jurris zum Freunde ausgesucht haben?

Nach einer Weile hörte sie dessen Schritte den Mittelsteg herabkommen, und ihr Herz flog ihm entgegen. Sie dachte: „Wie kann man einen bloß so rasch liebhaben!“ Aber sie blickte nicht auf und beklopfte die Möhren nur um so fleißiger.

Er blieb hinter ihr stehen und sagte: „Kannst du dir denn gar nicht genug tun? Es ist halbdunkel und Schlafenszeit, und du arbeitest noch immer.“

Sie stand auf und wischte das Schrapmesser an ihrer Schürze ab. „Du mußt nicht glauben,“ sagte sie, „daß ich mich zeigen will vor dir oder den Eltern. Aber wenn ich daran denke, daß es vielleicht auch bald meine Erde ist, auf der ich da kniee, dann wird mir der Abend zum Morgen und die Arbeit zum Spiel.“

Er sagte: „Wir haben uns immer noch nicht richtig miteinander versprochen.“

„Nein,“ sagte sie, „das haben wir noch nicht.“

Und sie schickte sich an, den Korb mit den Gelbrüben ins Haus zu tragen.

Aber er nahm ihn ihr aus der Hand und führte sie den Mittelsteg weiter zu dem Eschenbaum, unter dem die Bank stand für Mittagsruh’ und für Feierabend.

Dort unter den hängenden Zweigen war es fast Nacht, und wer einen auffinden wollte, den sah man schon lang’ auf dem helleren Stege daherkommen.

Der Jurris stellte den Korb auf die Erde und setzte sich neben sie. Ihre Hand ließ er nicht los und nahm auch die andere dazu.

„Weißt du, was der Jozup heute gesagt hat?“ begann er das Gespräch. „Wenn wir Hochzeit machen, möcht’ er Brautführer sein.“

Sie konnte ihm doch nicht sagen, daß sie Angst vor dem Jozup hatte, denn ihr war ja nichts Böses von ihm geschehen, und darum meinte sie nur: „So weit ist es ja noch nicht.“

Er antwortete: „Warum nicht? Wenn du mich willst, ich will dich. Ich hab’ dich schon immer gewollt.“

Und sie erwiderte: „Ich will dich gern.“

Nun saßen sie eine Weile ganz still. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter, und er lehnte die Backe an ihren Kopf. Und sie dachte: „Warum küßt er mich immer noch nicht?“

Nicht daß sie unzufrieden gewesen wäre oder ihn für linkisch gehalten hätte, aber sie hatte so große Sehnsucht nach ihm. Darum schob sie auch den Kopf sachte, ganz sachte immer weiter nach hinten, so daß erst ihre Backe auf seiner Backe und dann ihr Mund fast ganz auf seinem Munde lag.

Da mußte er es wohl tun, und es war wie ein Schaudern und wie ein Schlag. Und wie eine ängstliche Erinnerung war es und auch wie eine neue Angst.

Aber dann kam um so stärker die Seligkeit. Sie wußte nicht mehr, wieviel von ihrer Seele und ihrem Leibe noch ihr selbst gehörte, sie wollte ihm immer noch mehr von sich schenken und immer noch mehr die Seinige sein.

Doch da schien es ihr, als höre sie irgendwo rings ein Geräusch, und es war doch niemand den Steg heruntergekommen.

Darum sprang sie auf und sagte: „Komm. Es ist nicht mehr sicher hier.“ Und wünschte ihm rasch „Gute Nacht“ und lief stracks nach der Klete, wo ihre Kammer gelegen war.

Aber schlafen konnte sie nicht, denn sie dachte, es würde nicht lange mehr dauern, dann würde er nachgefolgt sein. In dem Nebenraum schnarchte die Taglöhnerfrau. Derentwegen hätte er es ruhig auf sich nehmen können.

Sie horchte und horchte nach der Türklinke hin, aber die rührte sich nicht. Statt dessen war es ihr, als ob draußen im Hofe leise, ganz leise Schritte sich regten, die zwischen Wohnhaus und Klete unaufhörlich hin und her liefen.

„Der Arme!“ dachte sie. „Er traut sich nicht. Ich muß es ihm leichter machen.“

Und darum stand sie auf und öffnete sacht den oberen Teil der Tür nur eine Handbreit weit. Gott sei Dank, daß der Spalt nicht größer geriet! Denn als sie den Kopf für einen Augenblick durchgesteckt hatte, wurde ihr gleich offenbar, daß der, der da draußen im Sommernachtschein ruhelos umging, nicht etwa der Jurris, sondern sein Vater war, der wider Recht und Gewohnheit lauerte, damit, was sich liebte, nicht zueinanderkam.