Dritte Szene

Marie. Zarncke

Zarncke

Das haste wahrhaftig um den Lumpen nich verdient, Mariechen. Bittst mich noch, ich soll helfen, ihm sein Nest austapezieren ... Und da traut sich der Kerl überhaupt noch hierher? — Da wollen wir mal gleich — — (steht auf)

Marie

(die, ins Leere starrend, regungslos dagesessen hat, fährt auf)

Nein, Vater, nein!

Zarncke

Was — nein? Und wie siehste denn aus? — Ganz überird'sch!

Marie (in hilflosem Bekennen)

Vaterchen!

Zarncke

(nach einem Schweigen hinter sie tretend)

Miezelchen! (Die Hand auf ihren Scheitel legend, leise) Haben sie dir 's Geheimfach aufgebrochen?

Marie (aufschluchzend)

Nicht ansehn! Nicht ansehn! (Verbirgt das Gesicht in seinem Rock)

Zarncke (sie streichelnd)

Also das war's? Und was du da drinnen verschlossen hieltst, das wird dir nu da — (weist zur Kantine) Ja, wie geht denn das zu?

Marie (von Schluchzen geschüttelt)

Weiß nicht! Weiß nicht!

Zarncke

Na, nu laß doch mal meinen Rock los!

Marie

(verbirgt das Gesicht um so fester)

Zarncke

Willst nich? ... Schämst dich so sehr? ... Kannst mich gar nich ansehn? Möchtst das Tageslicht nich mehr sehn? Möchtst dir womöglich das Leben nehmen noch diese Nacht?

Marie (nickt heftig)

Zarncke (lacht und streichelt sie)

Und machst doch nur durch, was jeder durchmachen muß, dem 'n Stern vom Himmel 'runterfällt. (Zum Himmel weisend) Kiek mal hoch! ... Kannst noch nich? Da sind schon 'n paar. Und dahinter noch Milliarden. Sie stehn da wie für die Ewigkeit. Und sie fallen alle. Aber darum werden wir Menschen nich ärmer ... Höchstens die, denen sie als Zwanzigmarkstücke in die Tasche fallen ... Die Jugend verliert sich zuerst, aber unser Blick wird um so heller ... Die Freunde zerkrümeln sich, aber unsere Freundschaft wird alles, was mit uns reden kann, jeder Gedanke — jeder Hund — jeder Stein ... Na — und die Liebe? — Dem einen fällt sie in den Schmutz — wie dir, dem anderen zerreibt sie der Alltag; — rasch oder langsam, es is immer dasselbe, — aber vor der Tür lauern schon wieder viele, die wollen sehr liebgehabt sein, und die brauchen's den Deiwel wie nötig ... Selbst der Herrgott wird uns aus unseren Herzen gerissen, aber unsere Herzen schlagen kräftiger ... Kindchen, 's wird noch 'n büschen weh tun 'ne Zeit lang ... Scham brennt ... Aber seines guten Rechts soll sich der Mensch nicht schämen. Und dein Recht war's ... Ja war's ... Wie's mein Recht war und ist, dich liebzuhaben und dir zu sagen: Halt still ... Die Stillen sind die Klugen ... Und nur wer von der Welt weit, weit ab is, der hat sie ganz.

Marie (sich aufrichtend)

Vaterchen, hast du das immer gedacht?

Zarncke

Ich geb' zu, Kindchen, es is 'ne Weisheit für die Kranken und die Alten. Aber die, welche die Jungen und die Gesunden sich zurechtmachen, is auch nischt wert ... Na — nu schmunzelst du ja wieder —.

Marie (schluchzt kurz auf)

Zarncke

Nich, nich, nich ... Und komm 'rauf ... Mir is, die Tür hat schon 'n paarmal geklappt. (Weist nach der Kantine) Da traut sich einer nich an die frische Luft, eh' wir nich verduftet sind.

Marie

Die arme Lore!

Zarncke

Nja. Na, komm. (Beide ins Haus ab)