Erste Szene
Zarncke. Marie. Jenisch
Zarncke
(Sechziger, mittelgroß, stark ergraut. Bartfunzeln auf den Backen. Gutmütig-vergnügte Äuglein. Sprechweise — mit Anklängen ans Niederdeutsche — weich, bisweilen harmlos polternd, voll stillen Grüblersinnes)
Marie
(Ende der Zwanzig, klein, bucklig. Fahle Krankheitsfarbe. Zwei schöne Augen voll wehmütig-lachender Güte. Gequetschte Sprache, bisweilen durch schweres Atmen unterbrochen. Bewegungen tastend, unsicher)
Jenisch
(behaglicher, beschränkter Zahlenmensch)
Zarncke (mit Jenisch eintretend)
Na, Miezelchen?
Marie
(die im Lehnstuhl sitzt, aufleuchtend)
Vaterchen! (Will aufstehen)
Zarncke
Sitzen bleiben! Sitzen bleiben! (Tritt zu ihr hin und küßt sie auf die Stirn) Läßte dir die Maisonne in 'n Magen scheinen? Das is recht ... Na, Jenisch, was haben Sie da!
Jenisch
Die neuen Sandsteinproben aus den Knauerschen Brüchen, Herr Zarncke. (Reicht ihm die kleinen Blöcke)
Zarncke (kratzt an den Rändern)
Schreiben Sie man den Leuten, mein Kontorbedarf an Streusand sei vorläufig noch gedeckt.
Jenisch (lacht respektvoll)
Zarncke
Zweite Post?
Jenisch
Jawohl. (Reicht ihm ein Paket Geschäftsbriefe)
Zarncke
(setzt sich an den Tisch und läßt die Kuverts durch die Hand gleiten)
Nischt — nischt — nischt. (Ein Kuvert öffnend) Machen wir. (Ein zweites) Machen wir desgleichen. »Verein zur Besserung entlassener Strafgefangener«. Möchten sie mir mal wieder einen andeichseln? ... Na, wollen mal sehn ... (Legt das Kuvert beiseite und schiebt Jenisch die anderen Briefe hin) Zurück zur Beantwortung! ... Und wenn die Leute von der Polizei kommen wegen heute nacht — das sag' ich besser draußen. (Zu Marie) Verzeih mal! (Öffnet das Fenster. Das klingende Geräusch der Meißelschläge, das Klirren der Flaschenzugketten, das Quietschen der Windewagen wird hörbar) Sie da! Willig! Polier! (Lauter) Polier!
Stimme des Poliers Willig
Jawohl, Herr Zarncke!
Zarncke
Wenn die Leute vom Kriminal kommen, lassen Sie sie gleich aufs Kontor führen. Ich will nicht, daß sie mir den Platz rabiat machen mit ihrem dummen Gefrage.
Stimme Willigs
Jawohl, Herr Zarncke.
Zarncke (nachahmend)
Jawohl, Herr Zarncke. (Schließt das Fenster, das Geräusch hört auf)
Marie
Mußtest du's denn anzeigen, Vaterchen?
Zarncke
Ja, das frag' ich mich auch. Aber ich kann mir doch nicht zu nachtschlafender Zeit in meinen Magazinschlössern rumpulen lassen. Womöglich noch »Schön Dank« sagen ... Hören Sie mal, Jenisch, euch auf'm Kontor geht's ja eigentlich nischt an, aber wie denken Sie über den alten Eichholz?
Jenisch
Ja, Herr Zarncke, wir meinen, er wird sich nich mehr lange halten lassen. Als Wächter.
Zarncke
Na, als was denn sonst?
Jenisch
Das weiß ich ja nich.
Zarncke
Sinekuren gibt's nich bei mir auf'm Platz. Selbst mein Kanarienfritze hat sein Geschäft. Wenn der nich singt, dreh' ich ihm den Hals um.
Marie (lächelnd)
Na, na.
Zarncke
Was ist hier zu na-na-en! (Zärtlich) Du — hä?
Marie (lacht)
Zarncke
Der Alte hat seine dreißig Dienstjahre. Hat 's Geschäft groß werden sehen ... Wird mir schwer! (Pause) Abends, wenn er elfe gepfiffen hat, setzt er sich friedfertig auf einen Block, und dann sägt er los. (Ahmt einen Schnarchton nach) Und derweilen pulen mir die Herren Einbrecher in den Schlössern rum. Mir schwant so was, min Döchting, diese Instituschon is nich das richtige.
Marie (lacht)
Zarncke
Also, Jenisch, ziehn Sie sich tapfer zurück.
Jenisch (lachend)
Adieu, Fräulein Mariechen.
Marie
Adieu, Herr Jenisch.