Zweite Szene

Lore. Marie

Marie

'n Tag, Lore. Du hast wohl schon sehr auf mich gewartet?

Lore (gedrückt)

Ach! Jetzt hatt' ich schon aufgehört.

Marie

Wußtest du's, daß ich gestern mit ihm gesprochen hatte?

Lore

Die anderen erzählten sich's.

Marie

Und du fragst gar nicht? Dachtst dir wohl schon, daß ich keine guten Nachrichten bringe?

Lore (mutlos)

Gott, als Sie gestern abend nicht kamen. Und heute vormittag nicht. Wollen sich nich setzen, Mariechen?

Marie

Danke. (Setzt sich) Hast du gehört, wie schön die Amsel singt auf deinem Dach? Mitten in all dem Lärm. Täusch' ich mich, oder pfeift sie fröhlicher, seit sie ihr Nest hat? Es is wirklich so, als ob das Glück pfeift ... Auf deinem Dach, Lore.

Lore

Für mich pfeift kein Glück.

Marie

Wer weiß? ... (Zögernd) Lore, ich will dir was gestehn: Ich hab' Vater gebeten, daß er ihm am nächsten Termin kündigt.

Lore

Warum haben Sie das getan? Wenn er gehen will, dann soll er gehn. Aber nicht fortjagen. Nicht um meinetwillen.

Marie

Lore. Ich hab' auch Vater gebeten, daß er ihm dann sagt, daß er dir 'ne Aussteuer geben wird.

Lore

Ich will keine Aussteuer. Die heilt nichts und macht nichts gut. Ich will nichts.

Marie

Denn sieh mal: Er ist ehrgeizig. Er will eine Frau, die wohlhabend ist. Darauf geht er aus.

Lore

Woher wissen Sie das?

Marie

(stockend, mit abgewandtem Gesicht)

Nun, das — merkt — man doch.

Lore

Zuzutrauen ist es ihm schon. Aber so himmlisch gut Herr Zarncke is, wohlhabend, wie er meint, kann ich ja doch nie werden.

Marie

(mit geheimnisvollem Lächeln)

Nun — wer weiß?

Lore

Denn erspart hab' ich nichts. Ich verdien' hier gerade das tägliche Brot.

Marie (mit unterdrückter Erregung)

Sieh mal, Lore, was ich dir schon immer mal hab' sagen wollen: Lange leben werd' ich nicht, (langsam, mit Betonung) und — dein Lenchen — hab' ich sehr lieb.

Lore (nach langem Schweigen)

Mein Kind hast du — so lieb?

Marie (nickt)

Lore

Mein Lenchen hast du so lieb?

Marie (tonlos)

Ja.

Lore (aufschreiend)

Dann geb' ich's dir. Dann nimm's als dein eigen. Wozu soll sie sich durchschleppen mit mir durch all den Jammer, wenn sie das haben kann? (schluchzt)

Marie

Lore, hör mal! ... Vor zwei Tagen — da hätt' ich noch ja und »Schön dank« gesagt. Aber jetzt — seh' ich die Dinge — anders an. Denn, sieh mal! So ein — Kindchen — muß doch zuerst mal — seinen Vater haben ... Nicht wahr?

Lore (in neuem Erstaunen)

Marie, Marie! Wenn ich das recht versteh'! ... Das glaub' ich nicht! Das ist zu viel! Das ist zu viel! Und das kann auch nicht zum Guten sein. Nie im Leben. Nie.

Marie

Warum nicht?

Lore

Weil — weil ... Der — der will mich nicht mehr. Dem bin ich doch bloß 'ne Kette am Bein. Weiter nichts.

Marie

Auch wenn er weiß, was Lenchen mal zu erwarten hat? Und wovon er doch der Verwalter sein wird?

Lore

Mein Gott, mein Gott, mein Gott!

Marie

Nur wie das wird, wenn ich früher sterbe als Vater, das weiß ich nicht. Denn wollen wird er ja nicht.

Lore

Nein, nein, nein! Es wird nichts. Es kann auch nicht. Und es schadet auch gar nichts, wenn's — nichts — wird. — Man is ja längst schon viel zu mürbe. Und vielleicht ist einem ganz, ganz was anders bestimmt, wo nicht so viel Tränen drauf liegen. Aber 'ne Viertelstunde lang mal froh gewesen sein und ein Mensch, nicht bloß ein Stein, den man hin und her stößt, ach, das tut so gut, so gut, so gut! (Sinkt lachend und weinend vor ihr nieder und küßt ihr die Hände)

Marie

Laß doch! Steh auf! Mir scheint, es kommt wer. (Lore steht auf)