EHELICHER FRIEDEN

Unsere Erzählung spielt in der Zeit, in der Napoleons vergängliche Herrschaft den höchsten Gipfel ihres Glanzes und ihrer Macht erreicht hatte. Es war gegen Ende des Monats November 1809. Der Kanonendonner und das Trompetengeschmetter der berühmten Schlacht bei Wagram hallte noch im Herzen der österreichischen Monarchie wieder. Der Friede war zwischen Frankreich und den Mächten des Festlandes unterzeichnet, Könige und Fürsten demütigten sich vor Napoleon, der sich die Freude machte, ganz Europa in seinem Gefolge zu sehen und eine prachtvolle Vorfeier der Macht zu veranstalten, die er später in Dresden entfalten sollte.

Die Zeitgenossen behaupten, daß Paris nie schönere Feste gesehen habe, als jene, die der Vermählung Napoleons mit einer Erzherzogin von Österreich vorangingen und ihr folgten. Nie hatten sich in den schönsten Tagen der älteren Monarchie so viele gekrönte Häupter an den Ufern der Seine gedrängt, nie war die französische Aristokratie reicher und glänzender erschienen als damals. Diamanten waren mit einer solchen Verschwendung in Schmuckstücken zur Schau getragen, Gold und Silber strahlte von so vielen Uniformen wieder, daß es schien, als wären alle Reichtümer des Erdballs in den Salons von Paris angehäuft worden.

Eine allgemeine Trunkenheit hatte sich gewissermaßen des ganzen Reiches bemächtigt, und alle Soldaten, den Herrn nicht ausgenommen, erfreuten sich als Emporkömmlinge der Schätze, die eine Million von Kriegern im Auslande zusammengerafft hatte.

Einige Damen aus den höheren Sphären der Gesellschaft trugen damals jene leichten Sitten und jene Lockerung der Moral zur Schau, die ehemals der Regierungszeit Ludwigs XV. den Stempel der Schande aufgedrückt hatten. Wollten sie den alten Ton der gesunkenen Monarchie nachahmen oder wollten sie das Beispiel befolgen, das gewisse Mitglieder der kaiserlichen Familie gegeben hatten, wie einige Häupter der Vorstadt Saint-Germain behaupteten, so viel ist gewiß, daß sich alle, Männer und Frauen, mit einer Unerschrockenheit in den Strudel der Genüsse stürzten, die an das Ende der Welt hätte glauben lassen können. Allein es gab damals einen besonderen Grund für diese Freisinnigkeit. Die Vorliebe des weiblichen Geschlechts für die Krieger war zu einer Art von Wahnsinn geworden. Diese Begeisterung, die den Wünschen Napoleons zusagte, wurde durch keine Zügel gehemmt. Der Kaiser ließ seinen Armeen selten Ruhe und die vorgeblichen Leidenschaften jener Zeit entwickelten sich daher mit einer ziemlich erklärlichen Schnelligkeit; die Ehen wurden auf eine so rasche Weise eingegangen, wie das oberste Haupt der Kolbacs, der Dolmans und der Epauletten, von denen die Frauen so sehr entzückt waren, selbst rasch in seinen Entscheidungen war. Die Herzen waren damals nomadisch, wie die Armeen. Die häufigen Friedensbrüche, die alle zwischen Europa und Frankreich abgeschlossenen Bündnisse nur als Waffenstillstand erscheinen ließen, führten ebenso häufige Trennungen zwischen den Kriegern und ihren Gattinnen herbei. In der Zeit von einem ersten bis zu einem fünften Bulletin der großen Armee sah sich daher manches Weib als Braut, Gattin, Mutter und Witwe.

War es die Aussicht auf eine nahe Witwenschaft, die Aussicht auf Mitgift, oder die Hoffnung, den Glanz eines historischen Namens zu teilen, durch welche die Krieger so verführerische Reize für das weibliche Geschlecht erlangten? Wurde das schöne Geschlecht durch die Gewißheit, daß die Toten das Geheimnis der Leidenschaften nicht ausplaudern können, zu den Kriegern hingezogen? Oder muß man die Ursache für jenen süßen Fanatismus in dem edlen Reize suchen, den der Mut für das weibliche Geschlecht besitzt?

Vielleicht waren es diese Gründe zusammengenommen, die der künftige Geschichtsschreiber der Sitten des Kaiserreichs ohne Zweifel erwägen muß, vielleicht trugen alle jene Gründe zu dem Leichtsinn bei, mit dem sich die Damen der Liebe und der Ehe überlieferten. Wie dem auch sein mochte, es mag hinreichen, daß wir hier bemerken, wie durch den Ruhm und die Lorbeeren so manche Fehler geweckt wurden, wie das weibliche Geschlecht mit Eifer jene kühnen Abenteurer aufsuchte, die ihm damals als wahre Quellen der Ehre, der Reichtümer und der Freuden erschienen, und wie damals eine Epaulette in den Augen eines jungen Mädchens einer Hieroglyphe glich, die Glück und Freiheit bedeutete. Ein Zug, der jene Epoche charakterisiert, war eine gewisse zügellose Leidenschaft für alles Glänzende. Nie wurden so viele Feuerwerke veranstaltet; zu keiner Zeit hatten die Diamanten einen so hohen Wert erreicht. Die Männer waren ebenso begierig nach jenen klaren Kieseln wie die Frauen und schmückten sich mit ihnen, gleich diesen. Vielleicht hatte der Wunsch, die gemachte Beute in der leichtesten Gestalt mit sich führen zu können, die Juwelen bei der Armee in ein so hohes Ansehen gebracht. Der Mann erschien damals nicht so lächerlich, wie das jetzt der Fall sein würde, wenn die Krause seines Hemdes oder die Finger den Blicken schwere Diamanten darboten, und Murat, dieser echte Südländer, hatte den Soldaten das Beispiel eines abgeschmackten Luxus gegeben.

Der Graf von Gondreville, einer der Luculle jenes erhaltenden Senats, der nichts erhielt, hatte nur darum so lange gezögert, ein Fest zu Ehren des Friedens zu veranstalten, um desto glänzender Napoleon den Hof zu machen und alle die Schmeichler zu überstrahlen, die ihm zuvorgekommen waren. Die Gesandten aller mit Frankreich befreundeten Mächte, die wichtigsten Persönlichkeiten des Kaiserreichs, selbst einige Fürsten waren in dem prachtvollen Hotel des reichen Senators versammelt. Wenn der Tanz noch nicht in Schwung kommen wollte, so rührte das daher, weil man auf den Kaiser wartete; denn dieser hatte versprochen, daß er erscheinen werde, und hätte gewiß sein Wort gehalten, wäre nicht an demselben Abende zwischen ihm und Josephine ein Auf tritt vorgefallen, der die Scheidung des gekrönten Gattenpaares voraussehen ließ. Die Nachricht von jenem unangenehmen Auftritt war noch nicht bis zu den Ohren der Hofleute gelangt, und auf die Heiterkeit des Festes, das der Graf von Gondreville gab, hatte daher nur der eine Umstand Einfluß, daß Napoleon nicht erschien. Die schönsten Frauen von Paris hatten sich in den geschmückten Salons eingefunden, um durch die Üppigkeit ihres Schmuckes und ihrer Schönheit vor den Augen des Kaisers zu glänzen.

Die auf ihre Reichtümer stolze Finanzwelt überstrahlte die glänzenden Generäle und hohen Offiziere des Kaiserreichs, die mit Kreuzen der Ehrenlegion und Titeln überhäuft waren; denn solche Feierlichkeiten waren stets Gelegenheit, die von den reichen Familien ergriffen wurden, um ihre Erbinnen den Augen der napoleonischen Prätorianer vorzuführen, in der Hoffnung, daß diese ihre Titel mit der prachtvollen Ausstattung der Erbinnen verbinden würden. Diejenigen Damen, die sich nur hinsichtlich ihrer Schönheit stark wußten, erschienen ebenfalls, um die Macht ihrer Reize zu versuchen. Es war dort, wie fast überall, die Freude nur eine Maske. Die heiteren und lachenden Gesichter, die ruhigen Stirnen verdeckten gehässige Berechnungen. Die Freundschafts- bezeigungen logen, und mehr als einer mißtraute seinen Feinden weniger als seinen Freunden.

Diese kurzen Bemerkungen sind bestimmt, nicht nur die kleinen Verwicklungen des Auftritts, der sich vor unseren Augen entfalten wird, zu verraten, sondern auch das Fest einigermaßen kennen zu lernen, bei dem sie sich ereigneten. Zugleich wollten wir den Ton schildern, der damals in den Salons von Paris herrschte, und das bisherige darf daher gewissermaßen nur als eine Vorrede oder als ein geschichtlicher Prolog betrachtet werden, den die andersgestalteten heutigen Sitten erforderten.

* * * * *

"Schauen Sie einmal nach jener gebrochenen Säule, die einen Kandelaber trägt! Sehen Sie die junge Dame, deren Haar nach chinesischer Art geflochten ist? Dort, links in der Ecke! Sie hat blaue Glockenblumen in dem Busche kastanienbrauner Haare, die in Garben über ihren Kopf herabfallen. Sehen Sie sie nicht? Sie ist so bleich, daß man glauben sollte, sie sei krank. Sie ist eine allerliebste Kleine. Jetzt richtet sie die Augen gerade auf uns. Ihre blauen Augen, die mandelartig gespalten sind und süß zum Entzücken, scheinen ganz besonders zum Weinen geschaffen. Aber sehen Sie doch! Jetzt beugt sie sich, um Madame Vaudremont durch die Masse von Köpfen hindurch zu erblicken, die in beständiger Bewegung sind und ihr die Aussicht abschneiden…."

"Ja, jetzt habe ich sie, mein Lieber!… Du hättest sie mir nur als die bleichste von allen hier versammelten Damen bezeichnen sollen, so würde ich sie schon erkannt haben, denn ich habe sie bereits bemerkt. Sie hat den schönsten Teint, den ich je bewundert habe. Von hier aus dürftest Du wohl die weiße Haut ihres Halses nicht genau sehen können und die Perlen nicht, die die Saphire ihres Halsschmuckes unterbrechen. Aber von hier aus scheint es, als sähe man Türkise auf Schnee gesät. Sie besitzt feine Sitten, oder ist sehr kokett. Welche Schultern! Welche Lilienweiße!…"

"Wer ist es denn?" fragte jener, der zuerst gesprochen hatte. "Ich weiß es nicht."

"Aristokrat! Sie wollen wohl alle für sich behalten…."

"Das paßt zu Dir, mich zu verspotten!" versetzte der Soldat lächelnd. "Glaubst Du das Recht zu haben, einen armen Oberst, wie ich bin, zu verspotten, weil Du als glücklicher Nebenbuhler des armen Soulanges nicht eine einzige Pirouette machen kannst, ohne daß zugleich das Herz der Frau von Vaudremont tanzt? Oder deswegen, weil ich erst seit Monaten in dieses gelobte Land gekommen bin?… Ihr seid ein unverschämtes Volk, ihr Verwaltungsbeamten, die Ihr auf euren Stühlen sitzen bleibt, während wir Kommißbrot essen müssen! Wohlan, Herr Requêtenmeister, lassen Sie uns einmal das Feld rekognoszieren, in dem Ihr nicht eher wieder ruhig herrschen sollt, bis wir abgezogen sind! Was Teufel! Jedermann muß leben." "Oberst, da Sie mit Ihrer ganzen Aufmerksamkeit die schöne Unbekannte beehrt haben, die ich hier zum ersten Male bemerke, so haben Sie doch die Güte, mir zu sagen, ob Sie sie bereits tanzen sahen." "Ei! mein lieber Martial, was fällt Dir ein? Wenn man Dich als Gesandten abschickte, so möchtest Du wohl schlechte Geschäfte machen. Siehst Du nicht drei Reihen der unerschrockensten Koketten von Paris zwischen meiner hübschen Dame und dem glänzenden Schwarm von Tänzern, der unter dem Kronleuchter summt? Hast Du Dich nicht der Hilfe Deines Lorgnons bedienen müssen, um sie in dem Winkel jener Säule zu entdecken, wo sie in ein tiefes Dunkel vergraben scheint? Trotz der fünfzig Kerzen, die um ihr blondes Haupt herumflackern, denn es ist zwischen ihr und uns eine solche Menge von Diamanten und funkelnden Blicken, von schwankenden Federn, Spitzen und Blumen, daß es ein wahres Wunder wäre, wenn irgendein Tänzer sie inmitten dieser blendenden Gestirne bemerken würde! wie, Martial, hast Du nicht erraten, daß sie die Gattin irgendeines Unterpräfekten aus einem entlegenen Departement ist, die hier in Paris versuchen will, ihren Mann zum Präfekten zu machen?…"

"O! er soll es werden!" rief lebhaft der Requêtenmeister aus.

"Ich bezweifle," sagte der Oberst lachend, "denn sie scheint mir in der
Intrige ebenso unbewandert, wie Du in der Diplomatie. Ich wette,
Martial, daß Du nicht weißt, wie sie an ihre Stelle gekommen ist."

Der Requêtenmeister blickte den Oberst auf seine Weise an, die ebensoviel Verachtung als Neugierde verriet.

"Nun," fuhr der Oberst fort, "das arme Kind wird ohne Zweifel pünktlich neun Uhr gekommen sein. Vielleicht ist sie die Erste gewesen … Wahrscheinlich wird sie die Gräfin von Gondreville in große Verlegenheit versetzt haben, da diese nicht zwei Gedanken zusammenreimen kann; verstoßen von der Hausfrau, wird sie dann durch jede Neuangekommene von Stuhl zu Stuhl weiter gedrängt worden sein, bis in das helle Dunkel jenes kleinen Winkels, wo sie nun als Opfer ihrer Demut eingeschlossen ist, und als Opfer der Eifersucht jener Damen, deren eifrigstes Bestreben es gewesen ist, eine so gefährliche und reizende Gestalt in den Hintergrund zu versetzen. Sie wird keinen Freund gehabt haben, der sie ermutigt hätte, den Platz zu verteidigen, den sie dem ersten Plane gemäß eingenommen haben muß, und jede von diesen treulosen Tänzerinnen hat gewiß unter Androhung der schrecklichsten Strafe allen ihren Anhängern verboten, unsere schöne Freundin aufzufordern. Sieh nur, mein Lieber, diese zärtlichen und offenen Augen haben gewiß eine allgemeine Verschwörung gegen die Unbekannte veranlaßt!… Diese Verschwörung wird zustande gekommen sein, ohne daß eine einzige dieser Damen ein Wörtchen gesagt hätte, als: 'Meine Liebe, kennen Sie diese kleine blaue Dame?'—Höre, Martial, willst Du binnen einer Viertelstunde von mehr schmeichelhaften Blicken beglückt werden, als Du vielleicht in Deinem ganzen Leben einernten kannst, so tue, als wolltest Du den dreifachen Wall durchdringen, der unsere Andromeda umschließt…. Du wirst sehen, wie auch die Dümmste von diesen schönen Göttinnen sofort eine List erfindet, die fähig wäre, den Mann einzuhalten, der sich am entschiedensten zeigte, um die klagende Unbekannte in das Licht zu ziehen, denn Du wirst gestehen, daß sie ganz aussieht wie eine Elegie."

"Sie glauben also, Oberst, daß es eine verheiratete Frau ist?"

"Nun, vielleicht ist sie Witwe."

"Dann wäre sie nicht so traurig!" sagte der Requêtenmeister lachend.

"Vielleicht ist sie Witwe, obgleich ihr Mann noch lebt!" versetzte der
Oberst.

"In der Tat gibt es unter den Damen viele solcher Witwen seit dem Frieden …" antwortete Martial. "Aber, Oberst, wir täuschen uns beide. Es liegt zu viel Unschuld in diesen Augen, als daß es eine Frau sein sollte. Es liegt noch zu viel Jugend und Frische auf der Stirn und auf den Schläfen! Welch kräftige Töne des Fleisches! Nichts ist an Lippen und Kinn verwelkt. Alles ist noch frisch wie die Knospe einer weißen Rose, aber auch alles durch Wolken der Trauer verhüllt. Die Dame weint…."

"Wie?…" sagte der Oberst.

"Es kommt mir wenigstens so vor; aber sie weint nicht deshalb, weil sie ohne zu tanzen da sitzt," versetzte Martial, "Ihr Kummer rührt nicht von heute her, und man sieht, daß sie sich absichtlich so schön gemacht hat. Ich möchte wetten, daß sie schon liebt." "Bah! Sie ist vielleicht die Tochter irgendeines kleinen Fürsten aus Deutschland!" sagte der Oberst.

"Ach! wie unglücklich ist doch ein armes Mädchen, das allein und vergessen dasteht!" versetzte Martial. "Kann man eine größere Anmut entfalten, als unsere kleine Unbekannte? Sie ist reizend!… Und nicht eine von den höfischen und häßlichen Megären, die sie umgeben, und die so empfindsam scheinen möchten, richtet ein Wörtchen an sie!… Spräche sie, so würden wir wenigstens ihre Zähne sehen!…"

"O! Du wirst sauer, wie die Milch bei der geringsten Temperaturveränderung," sagte der Oberst sanft, aber doch etwas geärgert, einen Nebenbuhler in seinem Freunde zu erkennen.

"Wie!" sagte der Requêtenmeister, ohne die Bemerkung des Obersten zu hören und richtete sein Lorgnon auf alle Personen, die in seiner Nähe standen; "wie, ist denn niemand hier, der uns diese liebliche Blume nennen könnte, die erst jetzt ganz neu in diesen Garten verpflanzt ist?…"

"Nun, es ist vielleicht ein Gesellschaftsfräulein…!" sagte der
Oberst.

"Herrlich! Ein Gesellschaftsfräulein mit Saphiren, deren sich eine Königin nicht zu schämen brauchte!… Das machen Sie andern weis, Sie werden wohl nicht stärker in der Diplomatie sein als ich, wenn Sie eine deutsche Prinzessin für ein Gesellschaftsfräulein halten."

Der Oberst, der weniger gesprächig, dafür aber neugieriger war, ergriff einen kleinen rundlichen Mann beim Arm, dessen graue Haare und geistreiche Augen man in jedem Augenblicke in einem anderen Teile des Salons erblickte. Dieses wundersam behende Männchen mischte sich in alle Gruppen und wurde überall mit einer gewissen Achtung aufgenommen.

"Gondreville, mein lieber Freund," sagte der Soldat zu ihm, "wer ist das allerliebste kleine Weibchen dort hinter Deinem gewaltigen vergoldeten Kandelaber?"

"Der Kandelaber?… Er ist von Ravrio, mein Lieber, und Isabey hat die
Zeichnung dazu geliefert…."

"O, ich habe Deinen Geschmack schon anerkannt, und mich an dem prachtvollen Kandelaber erfreut; ich meine aber die Dame, die Dame…."

"Ach so, die kenne ich nicht!… Es ist ohne Zweifel eine Freundin meiner Frau."

"Oder Deine Geliebte, alter Spitzbube!…"

"Nein, auf Ehre nicht. Allein nur die Gräfin von Gondreville kann Leute einladen, die niemand kennt."

Der kleine dicke Mann sprach diese Bemerkung mit einiger Bitterkeit aus und entfernte sich dann; aber auf seinen Lippen schwebte doch ein Lächeln innerer Zufriedenheit, die durch die Vermutung des Obersten hervorgerufen war. Dieser trat nun wieder zu dem Requêtenmeister, der sich indes einer benachbarten Gruppe angeschlossen hatte, um Erkundigungen über die Unbekannte einzuziehen. Der Oberst nahm den Requêtenmeister beim Arm und flüsterte ihm ins Ohr: "Mein lieber Martial, nimm Dich in acht. Frau von Vaudremont blickt Dich seit einigen Minuten mit einer verzweifelten Aufmerksamkeit an. Sie ist fähig, schon an der Bewegung Deiner Lippen zu erkennen, was Du mir sagst. Unsere Blicke sind überdies bereits zu bezeichnend gewesen. Sie hat dieselben bemerkt und ist ihrer Richtung gefolgt. Wenn ich nicht irre, so zerbricht sie sich in diesem Augenblick den Kopf mehr über unsere Dame, als wir selbst es tun."

"Das ist eine alte Kriegslist! Was kümmert mich das übrigens. Ich mache es wie der Kaiser: wenn ich Eroberungen mache, so behaupte ich dieselben auch." "Martial, Deine Eitelkeit verdient eine Lehre. Wie, Schurke, Du hast das Glück, mit Frau von Vaudremont verlobt zu sein, mit einer Witwe von zweiundzwanzig Jahren, die jährlich zweitausend doppelte Napoleons zu verzehren und Dir Diamanten von dreitausend Taler Wert an die Finger gesteckt hat … und Du willst dennoch den Lovelac spielen, als wärst Du ein Oberst, der nächstens die Garnison vertauschen wird?… Pfui!… Bedenke doch wenigstens, was Du verlieren kannst!…"

"Dann werde ich wenigstens meine Freiheit nicht verlieren," versetzte Martial mit einem erzwungenen Lächeln. Er warf einen leidenschaftlichen Blick auf Frau von Vaudremont, die nur mit einem unruhigen Lächeln antwortete, denn sie hatte gesehen, wie der Oberst die Hand des Requêtenmeisters ergriff, um den kostbaren Ring zu betrachten, den sie diesem geschenkt hatte.

"Höre, Martial!" versetzte der Oberst. "Wenn Du noch länger um meine junge Unbekannte herumflatterst, so unternehme ich die Eroberung der Frau von Vaudremont."

"Das ist Ihnen erlaubt, reizender Kürassier, allein Sie werden den
Platz nicht einnehmen."

"Bedenke, daß ich Junggeselle bin," sagte der Oberst, "daß mein Degen mein einziges Vermögen ist und Du mich durch eine solche Antwort durchaus herausfordern mußt."

"Brrr." Diese scherzhafte Häufung von Konsonanten war die einzige Antwort auf die Drohung des Obersten, den sein Freund vom Kopf bis zu den Füßen maß, bevor er ihn verließ. Der Oberst war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren und trug nach der Mode jener Zeit kurze Beinkleider von weißem Kaschmir und seidene Strümpfe, die die seltene Vollendung seiner Formen verrieten. Er hatte jenen hohen Wuchs, der die Kürassiere der kaiserlichen Garde auszeichnete. Seine Uniform erhöhte noch die Anmut seines Körpers, der durch den Dienst zu Pferde nicht entstellt war, sondern vielmehr die nötige Fülle erlangt hatte, die für seine körperlichen Verhältnisse paßte. Ein schwarzer Schnauzbart vollendete den aufrichtigen Ausdruck seines nicht militärischen Antlitzes, dessen Stirn breit und offen war. Unter der Adlernase zeigten sich die purpurroten Lippen seines Mundes. In dem Benehmen des Obersten lag ein gewisser Adel, den er der Gewohnheit des Befehlens verdankte, und der sehr wohl einer Frau gefallen konnte, die keinen Sklaven aus ihrem Manne zu machen wünschte. Der Oberst lächelte, indem er dem Requêtenmeister, der einer seiner besten Freunde vom Kollegium her war, nachblickte und sah, wie wenig gut dieser gewachsen war.

Der Baron Martial de la Roche-Hugon war ein junger Provençale von etwa dreißig Jahren, den Napoleon damals mit außerordentlichen Gunstbeweisen auszeichnete. Martial schien zu irgendeinem wichtigen Gesandtschafts- posten bestimmt. Er besaß in hohem Grade den Geist der Intrige, jene Beredsamkeit des Salons und jene Gewandtheit des Benehmens, die so leicht die weniger glänzenden Eigenschäften eines soliden Mannes ersetzten. Die lebhaften Züge seines Gesichts, dessen Hautfarbe unter den dichten Locken eines Waldes von schwarzen Haaren noch weißer erschien, als sie wirklich war, verrieten viel Geist und Anmut.—Die beiden Freunde waren gezwungen, sich zu trennen, indem sie sich herzlich die Hände drückten, denn die Töne des Orchesters gaben den Damen das Zeichen, daß die Quadrillen des vierten Contretanzes gebildet werden sollten, und alle Männer mußten sich daher aus dem weiten Raume entfernen, den sie bisher in der Mitte des Salons eingenommen hatten.

Die flüchtige Unterhaltung der Freunde war während der Ruhepause geführt worden, die stets die Contretänze trennt, und zwar vor einem Kamin von weißem Marmor, einer prachtvollen Zierde des größten der drei Salons im Hotel Gondreville. Die meisten Fragen und Antworten dieser Plauderei hatten die beiden Sprechenden einander ins Ohr geflüstert. Allein die Girandolen und Leuchter, mit denen der Kamin verschwenderisch geschmückt war, ergossen so reichliche Ströme von Licht über den Oberst und den Requêtenmeister, daß ihre zu lebhaft erleuchteten Gesichter trotz einer diplomatischen Selbstbeherrschung den Ausdruck der Gefühle den schlauen Augen der Frau von Vaudremont und den aufrichtigen Blicken der jungen Unbekannten nicht zu verhehlen vermochten. Bei Leuten, die gern die Gefühle anderer entdecken, bildet es eines der größten Vergnügen, beim Besuch von Gesellschaften die Gedanken auszukundschaften, und sie gelangen dadurch oft zu köstlichen Genüssen, während andere sich langweilen, ohne daß sie es wagen, ihre Langeweile zu gestehen. Um das geheime Interesse zu begreifen, das in der Unterhaltung liegt, mit der diese Erzählung beginnt, müssen wir notwendig ein Ereignis kennen lernen, das ein fast unbedeutendes scheinen könnte, das aber dennoch durch unsichtbare Bande die Personen dieses kleinen Dramas vereinigte, obgleich sie in den Salons zerstreut waren, die von dem Geräusch des glänzenden Festes widerhallten.

Dieses Ereignis hatte sich einige Minuten früher zugetragen, als der Oberst und Baron Martial miteinander sprachen. Etwa um elf Uhr abends, als die Tänzerinnen ihre Plätze einnahmen, sah die glänzende Versammlung im Hotel Gondreville die schönste Frau von Paris erscheinen, die Königin der Mode, die einzige, die noch bei der Versammlung gefehlt hatte. Sie hatte es sich zum Gesetz gemacht, nie eher zu erscheinen, als in dem Augenblick, wo sich die Salons in festlicher Erregung befanden, in jenem anmutigen Tumult, währenddessen es den Damen nicht möglich ist, ihre Aufmerksamkeit lange auf die Frische der verschiedenen Gesichter oder auf die Schönheit der Toiletten zu richten. Dieser flüchtige Augenblick ist gleichsam der Frühling eines Balles, eine Stunde später ist die Freude vergangen, die Ermattung tritt ein, und alles welkt. Frau von Vaudremont verfiel daher niemals in den großen Fehler, so lange auf einem Ball zu bleiben, bis die Blumen sich neigten, die Locken schlaff wurden, der Spitzenbesatz zerknittert war und das Antlitz jenen Ausdruck annahm, der die Folge einer durchschwärmten Nacht ist und nie verborgen bleibt. Sie hütete sich wohl, den Fehler ihrer Nebenbuhlerinnen zu begehen und das Ablassen ihrer Schönheit bemerken zu lassen. Sie wußte dagegen geschickt ihren Ruf als die koketteste Dame zu behaupten, indem sie sich stets ebenso glänzend von einem Ball zurückzog, als sie dort erschienen war. Die Damen flüsterten einander mit einem gewissen Neide zu, daß sie ebenso oft ihren Schmuck wechsle, als sie einen neuen Ball besuche. Diesmal stand es aber der Frau von Vaudremont nicht frei, sich nach ihrem Belieben von dem Ball wieder zu entfernen, auf dem sie als Siegesgöttin erschienen war. Einen Augenblick blieb sie an der Schwelle der Tür stehen, um beobachtende, aber flüchtige Blicke auf die ganze Damenwelt zu werfen, die Kostüme zu mustern und sich zu überzeugen, daß sie durch ihren Schmuck alle übrigen verdunkeln würde. Die berühmte und hübsche Kokette hatte sich dann der Bewunderung aller Anwesenden dargestellt, indem sie von einem der tapferen Obersten der großen Armee geführt wurde, der damals Liebling des Kaisers und überdies jung und schön war. Er hieß Graf von Soulanges. Die zufällige und vorübergehende Vereinigung dieser beiden Personen bot ohne Zweifel etwas Rätselhaftes dar; denn als der Diener an der Tür Herrn von Soulanges und Gräfin von Vaudremont anmeldete, erhoben sich einige Damen, die etwas zu weit abseits saßen, um neugierige Blicke auf die Eintretenden zu werfen. Auch einige Herren eilten aus den anstoßenden Salons vorbei und drängten sich an die Türen des Hauptsaales. Einer von jenen Witzbolden, an denen es bei so großen Gesellschaften nie fehlt, bemerkte, als er die Gräfin mit ihrem Kavalier eintreten sah, daß die Damen mit ebenso großer Neugierde auf einen seiner Geliebten ergebenen Mann schauten, wie die Männer ein schwer zu fesselndes hübsches Weib betrachteten.

Graf von Soulanges war ein junger Mann von etwa zweiunddreißig Jahren; er schien haltlos, war aber nervig. Seine hageren Formen und sein blasser Teint nahmen wenig zu seinen Gunsten ein. Obgleich seine schwarzen Augen eine sehr große Lebhaftigkeit besaßen, war er doch schweigsam. Indes galt er für einen sehr verführerischen Mann, und man gestand ihm große Beredsamkeit in Verbindung mit vielen Fähigkeiten zu.

Die Gräfin von Vaudremont war eine ziemlich große Erscheinung von angenehmer Körperfülle, blendend weißer Haut, trug ihr kleines anmutiges Köpfchen sehr schön und besaß den gewaltigen Vorteil, durch die Anmut ihres Benehmens Liebe einflößen zu können. Man empfand stets eine neue Freude, wenn man sie anblicken oder mit ihr sprechen konnte. Sie war eine von jenen Frauen, die alle Verheißungen erfüllen, welche ihre Schönheit gewährt.

Dieses rätselhafte und glänzende Paar, das für einige Augenblicke Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war, erlaubte der Neugierde nicht lange, sich mit ihm zu beschäftigen, denn der Oberst und die Dame schienen vollkommen zu begreifen, daß der Zufall sie in eine schwierige Lage gebracht habe. Als der Baron Martial die Gräfin und ihren Kavalier miteinander vorwärts schreiten sah, mischte er sich in eine Gruppe von Männern, die den Kamin umstanden, und beobachtete zwischen den Köpfen hindurch, die gleichsam einen Wall um ihn bildeten, Frau von Vaudremont mit der ganzen eifersüchtigen Aufmerksamkeit, die das erste Feuer der Leidenschaft erregt. Eine innere Stimme schien ihm zu sagen, daß der Erfolg, auf den er stolz gewesen sei, noch immer nicht als ein ganz gewisser betrachtet werden könne. Allein das Lächeln kalter Höflichkeit, mit dem die Gräfin Herrn von Soulanges dankte, und die Verneigung, mit der sie ihn verabschiedete, als sie sich zu Frau von Gondreville setzte, entspannte die Muskeln wieder, die die Eifersucht auf dem jugendlichen Antlitz des Requêtenmeisters krampfhaft zusammengezogen hatte.

Als indes der eifersüchtige Provençale bemerkte, daß Herr von Soulanges zwei Schritte von dem Sofa stehen blieb, in dem Frau von Vaudremont Platz genommen hatte, ohne auf den Blick zu achten, durch den die junge Kokette ihrem getäuschten Liebhaber zu sagen schien, daß sie beide eine lächerliche Rolle spielten, da zog er von neuem die schwarzen Brauen zusammen, die seine blauen Augen beschatteten, fuhr, um sich Haltung zu geben, mit den Fingern durch die Locken seiner braunen Haare und beobachtete das Benehmen der Gräfin und des Herrn von Soulanges, ohne die Aufregung zu verraten, die sein Herz heftiger schlagen ließ. Der Requêtenmeister schien mit seinen Nachbarn zu plaudern, aber das Feuer einer heftigen Leidenschaft entflammte sein unruhiges Auge. Nun trat der Oberst zu ihm und reichte ihm die Hand, um seine Bekanntschaft zu erneuern, worauf er die kriegerische Odyssee seines Freundes anhörte, ohne sie zu hören, denn er blickte stets nur auf Herrn von Soulanges.

Dieser überschaute mit ruhigen Blicken die vierfache Reihe von Damen, die den gewaltigen Salon des Senators einrahmte. Er schien jene Einfassung von Diamanten, von Rubinen, von goldenen Ähren und reizenden Köpfen zu bewundern, deren Glanz fast die Helligkeit der Kerzen, das Kristall der Kronleuchter, die silberne Stickerei der Tapeten und die Vergoldung der Bronzen überstrahlte. Die sorglose Ruhe seines Nebenbuhlers brachte den Requêtenmeister außer Fassung, und unfähig, länger die aufwallende und geheime Ungeduld zu beherrschen, die sich seiner bemächtigte, trat er auf Frau von Vaudremont zu, um sie zu begrüßen. Als der Provençale erschien, richtete Herr von Soulanges einen finsteren Blick auf ihn und wandte dann ungeduldig den Kopf.

Ein ernstes Schweigen herrschte in dem Salon. Die Neugierde war auf den höchsten Gipfel gestiegen. Die emporgereckten Köpfe zeigten die wunderlichsten Mienen, und jeder befürchtete oder erwartete einen von jenen Auftritten, vor denen sich jedoch wohlerzogene Leute stets zu hüten wissen. Plötzlich wurde das bleiche Antlitz des Grafen so rot, wie der Scharlach seiner Aufschläge, und seine Blicke senkten sich auf den Fußboden, damit sie den Gegenstand seiner Unruhe nicht erraten ließen. Gleichsam durch einen Zufall hatte er die Unbekannte erblickt, die bescheiden am Fuße des Kandelabers saß. Ein finsterer Gedanke bemächtigte sich seiner, und er ging mit trauriger Miene an dem Requêtenmeister vorüber, um sich in einen der Spielsalons zu flüchten. Der Baron Martial sowie die übrigen Versammelten glaubten, daß Soulanges ihm das Feld räume, um die Lächerlichkeit zu vermeiden, die sich entthronte Liebhaber stets zuziehen; nun erhob er stolz das Haupt, blickte ebenfalls nach dem köstlichen Kandelaber und bemerkte die Unbekannte. Er setzte sich mit gefälligem Anstände neben Frau von Vaudremont, hörte aber so zerstreut auf die Worte, die die Kokette hinter dem Fächer ihm zuflüsterte, daß er sie fast gar nicht verstand.

"Martial, Sie werden mir die Freude machen, den Diamant heute abend nicht zu tragen, den ich Ihnen geschenkt habe. Ich habe meine Gründe und werde sie Ihnen erklären, wenn wir uns entfernen; denn Sie werden mir bald den Arm reichen, um mich zur Fürstin von Wagram zu begleiten."

"Warum hatten Sie den Arm jenes häßlichen Obersten angenommen?" fragte der Baron.

"Ich bin ihm in der Vorhalle begegnet …" anwortete sie; "aber nun verlassen Sie mich, man sieht zu uns herüber…."

"Ich bin stolz darauf!…" sagte Martial, erhob sich aber dennoch und ging. Nun trat er zu dem Kürassier-Oberst, und jetzt wurde die kleine blaue Dame das gemeinschaftliche Band der Unruhe, die sich zu gleicher Zeit, aber auf andere Art, der Gedanken des schönen Kürassier-Obersten bemächtigt hatte, wie auch des betrübten Herzens des Grafen von Soulanges und des flatterhaften Sinnes des Barons Martial und der Gräfin von Vaudremont.

Als sich die beiden Freunde nach den herausfordernden Schlußworten ihrer langen Unterhaltung trennten, trat der junge Requêtenmeister auf die schöne Frau von Vaudremont zu und wußte ihr einen Platz in der Mitte der glänzendsten Quadrille zu verschaffen. Begünstigt durch jene Art von Rausch, in die eine Frau fast immer versetzt wird, und durch das Schauspiel eines Balles, bei dem die Männer wenigstens ebenso geschmückt sind wie die Damen, glaubte Martial ungestraft dem Anreiz nachgeben zu können, der seine Blicke stets wieder zu jenem Winkel hinzog, in dem die Unbekannte gleichsam wie eine Gefangene saß. Es gelang ihm, der lebhaften Gräfin den ersten und den zweiten Blick zu entziehen, den er auf die blaue Dame warf, endlich aber wurde er auf der Tat ertappt. Er wollte sich mit Zerstreuung entschuldigen, rechtfertigte aber dadurch das ungeziemende Schweigen nicht, mit dem er auf die meistverführerische aller Fragen antwortete, die eine Frau aussprechen kann. Je nachdenkender er wurde, desto gereizter zeigte sich die Gräfin.

Während Martial nur widerwillig tanzte, ging der Oberst bei den Gruppen der Zuschauer umher, um Erkundigungen über die junge Unbekannte einzuziehen. Nachdem er die Gefälligkeit aller Anwesenden, selbst der Gleichgültigen, gemißbraucht hatte, wollte er einen Augenblick benützen, in dem die Gräfin von Gondreville frei schien, um sie selbst nach dem Namen der rätselhaften Dame zu fragen, als er eine leichte Lücke zwischen der Säule des Kandelabers und den Divans, die zu beiden Seiten standen, bemerkte.

Der unerschrockene Kürassier benutzte den Augenblick, währenddessen der Contretanz einen großen Teil der Stühle leer ließ, die eine dreifache Festungslinie bildeten, welche jetzt nur noch von Müttern und Frauen eines gewissen Alters verteidigt wurde, und er wagte durch diese mit farbigen Schals und gestickten Taschentüchern bedeckten Palisaden durchzudringen.

Er begrüßte einige Witwen, und von Dame zu Dame, von Höflichkeit zu Höflichkeit, gelangte er endlich zu dem Platz der Unbekannten, den er erspäht hatte. Auf die Gefahr hin, an den Klauen und Chimären des gewaltigen Leuchters hängen zu bleiben, errang er sich eine Stelle unter den Flammen der Wachskerzen, während ihn Martial mit großer Unzufriedenheit anblickte. Der Oberst war zu gewandt, als daß er ohne weiteres die kleine blaue Dame hätte anreden sollen, die zu seiner Rechten saß; dagegen wandte er sich zunächst an eine ziemlich häßliche, links von ihm sitzende Dame und sagte zu ihr: "Das ist ein herrlicher Ball, meine Dame! Welche Pracht, welches Leben! Auf Ehre, es sind hier nur schöne Damen versammelt. Warum tanzen Sie aber nicht?… Sie haben gewiß recht boshafte Körbe ausgeteilt."

Die geschmacklose Unterhaltung, in die sich der Oberst einließ, hatte nur den Zweck, seine Nachbarin zur Rechten in ein Gespräch, zu ziehen. Sie blieb aber stumm und in Gedanken versunken und schenkte ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit. Der Offizier wurde von einem sonderbaren Staunen ergriffen, als er die Unbekannte wie in einer vollkommenen Erstarrung sah. Er bemerkte sogar Tränen in dem blauen Kristall ihrer Augen, und sein Staunen kannte keine Grenzen mehr, als er bemerkte, daß die Aufmerksamkeit der betrübten jungen Dame nur durch Frau von Vaudremont gefesselt wurde.

"Madame ist ohne Zweifel verheiratet?" fragte er endlich.

"Ja, mein Herr."

"Ihr Herr Gemahl ist ohne Zweifel ebenfalls hier anwesend?"

"Ja, mein Herr."

"Und warum bleiben Sie so an Ihrem Platz? Etwa aus Koketterie?…"

Die Unbekannte lächelte traurig.

"Geben Sie mir die Ehre, bei dem nächsten Contretanz meine Tänzerin zu sein! Ich werde Sie gewiß nicht an diesen Platz zurückführen; ich sehe neben dem Kamin eine leere Gondole, und dort sollen Sie für den Rest des Abends ihren Sitz haben. Während so viele Damen hier zu glänzen suchen und die Narrheit des Tages ihre Krönung feiert, begreife ich Sie nicht, warum Sie sich weigern wollten, die Königin des Balles zu werden, wozu Ihnen Ihre Schönheit die gerechtesten Ansprüche bietet."

"Mein Herr, ich werde nie tanzen." Die sanfte, aber kurze Betonung der lakonischen Antworten, die die Unbekannte gab, war so entmutigend, daß sich der Oberst gezwungen sah, den Platz zu verlassen. Martial hatte während des Tanzens nicht nur die letzte Bitte des Obersten erraten, sondern auch die abschlägige Antwort, die er erhielt, weshalb er lächelte und sein Kinn streichelte, indem er dabei den Diamant an seinem Finger erglänzen ließ.

"Worüber lachen Sie?" fragte ihn die Gräfin.

"Über den Mißerfolg des armen Obersten. Er hat einen Holzweg betreten…."

"Ich hatte Sie gebeten, den Diamant abzunehmen," bemerkte darauf die
Gräfin.

"Ich habe es nicht gehört."

"Sie hören aber heute abend auch gar nichts, Herr Baron!…" antwortete
Frau von Vaudremont sehr gereizt.

"Sehen Sie den jungen Mann dort, der einen sehr schönen Diamanten am
Finger trägt," sagte in diesem Augenblicke die Unbekannte zu dem
Obersten, der sich eben entfernen wollte. "Es ist ein prachtvoller
Diamant," antwortete dieser. "Der junge Mann ist der Baron Martial de
la Roche-Hugon, einer meiner vertrautesten Freunde."

"Ich danke Ihnen, daß Sie mir diesen Namen genannt haben," versetzte die Unbekannte. "Er scheint mir sehr liebenswürdig!…" fuhr sie fort.

"Ja, allein er ist ein wenig leichtsinnig."

"Man könnte glauben, daß er mit der Gräfin von Vaudremont sehr vertraut sei!…" versetzte die junge Dame und sah den Obersten fragend an.

"Er wird sich mit ihr verheiraten." Die Unbekannte erbleichte. "Zum
Teufel!" dachte der Krieger, "sie liebt diesen verdammten Martial!"

"Ich glaubte, Frau von Vaudremont stehe seit längerer Zeit in einem Verhältnis mit Herrn von Soulanges?…" versetzte die junge Dame, indem sie sich von einem inneren Leiden erholte, das für einen Augenblick den übernatürlichen Glanz ihres Antlitzes aufgehoben hatte.

"Seit acht Tagen täuscht ihn die Gräfin," antwortete der Oberst. "Sie müssen aber den armen Soulanges gesehen haben, als er eintrat…. Er versucht noch, den Glauben an sein Unglück von sich fernzuhalten…."

"Ich habe ihn gesehen," sagte die Dame in einem vielsagenden Tone. Dann fuhr sie fort: "Mein Herr, ich danke Ihnen für Ihre Mitteilung!" Die Betonung dieser Worte galt einer Verabschiedung gleich.—In diesem Augenblick ging der Contretanz seinem Ende entgegen, und der aus dem Felde geschlagene Oberst hatte kaum noch Zeit, sich aus den Festungslinien der Damen zurückzuziehen, indem er sich gewissermaßen zum Trost sagte: "Sie ist verheiratet!…"

"Nun, mutiger Kürassier!" sagte der Baron, indem er den Obersten mit sich in eine Fensternische zog, um die reine Luft des Gartens einzuatmen. "Wie weit sind Sie gekommen?"

"Sie ist verheiratet, mein Lieber."

"Was schadet das?"

"Ha, der Teufel, ich halte auf die guten Sitten!…" antwortete der Oberst. "Ich will mich nur noch an solche Damen wenden, die ich heiraten kann…. Überdies, Martial, hat sie mir deutlich erklärt, daß sie nicht tanzen wolle."

"Oberst, verwetten Sie Ihren Apfelschimmel gegen hundert Napoleons, daß sie heute abend noch mit mir tanzt?"

"Abgemacht …" sagte der Oberst und reichte dem Gecken die Hand. "Unterdes werde ich zu Soulanges gehen, der vielleicht diese Dame kennt…. Es schien mir, als wäre sie hinsichtlich mancher Dinge unter richtet."

"Mein Tapferer, Sie haben verloren!" sagte Martial lachend; "meine Augen sind eben mit den ihrigen zusammengetroffen und—ich verstehe mich darauf…. Aber, Oberst, Sie werden doch nicht böse werden, wenn sie mit mir tanzt, nachdem Sie einen Korb empfangen haben?"

"Nein, nein; der lacht am besten, der am längsten lacht!… Übrigens,
Martial, bin ich ein guter Spieler und ein guter Feind, weshalb ich
Dich darauf aufmerksam mache, daß sie Diamanten liebt."

Nach diesem Gespräch trennten sich die beiden Freunde abermals. Der Oberst begab sich zum Spielsalon und bemerkte den Grafen von Soulanges an einem Bouillottetische.

Obgleich zwischen den beiden Obersten nur jene Freundschaft des äußerlichen Umgangs bestand, wie sie durch die Gefahren des Krieges und die Pflichten eines gleichen Dienstes herbeigeführt wird, schmerzte es den Kürassier-Oberst dennoch, den Grafen von Soulanges, den er als einen klugen jungen Mann kannte, bei einem Spiel zu finden, das ihn zugrunde richten konnte. Die Haufen von Gold und Banknoten, die auf dem unglückseligen grünen Tisch lagen, bezeugten die Wut des Spiels. Ein Kreis schweigender Männer umstand die ernsten Spieler, die beim Bouillotte saßen. Einige Worte wurden hier und da laut, wenn man aber die unbeweglichen Spieler sah, so hätte man glauben sollen, daß sie nur mit den Augen sich unterhielten. Als der Oberst, der durch die bleifarbene Blässe des Herrn von Soulanges erschreckt wurde, sich diesem näherte, war der Graf eben gewinnender Teil. Der österreichische Gesandte und ein berühmter Bankier erhoben sich, nachdem sie bedeutende Summen verloren hatten. Der Graf von Soulanges wurde noch finsterer, als er es vorher gewesen war, während er eine ungeheuere Menge Gold und Banknoten einstrich. Er zählte seinen Gewinn nicht einmal. Ein bitterer Spott zeigte sich auf seinen Lippen. Er schien das Glück und das Leben zu bedrohen, anstatt ihnen zu danken, wie so viele andere getan haben würden.

"Mut," sagte der Oberst zu ihm; "Mut, Soulanges!" Dann glaubte er ihm einen wahren Dienst zu leisten, indem er ihn vom Spiel wegführte und sagte: "Kommen Sie, ich habe Ihnen eine angenehme Neuigkeit mitzuteilen, aber nur unter einer Bedingung."

"Und die ist?" fragte Soulanges.

"Daß Sie mir auf die Frage antworten, die ich an Sie richten werde."

Der Graf von Soulanges erhob sich rasch. Er schob seinen ganzen Gewinn höchst sorglos in sein Taschentuch, das er auf krampfhafte Weise zusammenzog. Sein Gesicht zeigte einen so verzweifelten Ausdruck, daß keiner seiner Mitspieler eine Äußerung der Mißbilligung über die abgebrochene Partie zu tun wagte, und die Züge der übrigen schienen sich sogar noch zu erheitern, als seine finsteren und unwilligen Blicke aus dem Kreis verschwanden, den eine Bouillote-Lampe um den Tisch beschrieb. Ein Diplomat, der bisher unter den Zuschauenden gestanden hatte, sagte indes, als er den Platz einnahm, den der Oberst verlassen hatte: "Diese verteufelten Soldaten verstehen sich doch untereinander, wie die Weißkäufer auf einem Jahrmarkt!" Ein einziges bleiches und verlebtes Gesicht wandte sich gegen den neuen Teilnehmer am Spiel, indem es ihm einen Blick zuwarf, der erglänzte und erlosch, wie das Feuer eines Diamanten, den man spielen läßt. Dieses Gesicht war das des Fürsten von Bénévent.

"Mein Lieber!" sagte der Oberst zu Soulanges, den er mit sich in eine Ecke gezogen hatte, "heute Morgen hat der Kaiser mit großem Lobe von Ihnen gesprochen, und Ihre Beförderung in der Garde ist nicht mehr zweifelhaft. Der Herrscher hat ausgesprochen, daß diejenigen, die während des Feldzuges in Paris zurückgeblieben wären, nicht als in Ungnade gefallen angesehen werden dürften…. Nun…?"

Der Graf von Soulanges schien nichts von diesen Worten verstanden zu haben.

"Nun hoffe ich," versetzte der Oberst, "daß Sie mir sagen werden, ob Sie die kleine allerliebste Person kennen, die am Fuße des Kandelabers sitzt."

Bei diesen Worten leuchtete aus den Augen des Grafen ein ungewöhnliches Feuer. Er ergriff mit außerordentlicher Heftigkeit die Hand des Obersten und sagte mit einer offenbar erregten Stimme zu ihm: "Mein tapferer Kamerad, wenn Sie es nicht wären … wenn ein Anderer diese Frage an mich richtete … so würde ich ihm mit diesem Haufen Goldes den Schädel zerschmettern…. Verlassen Sie mich, ich bitte Sie darum…. Ich möchte mir lieber heute Abend eine Kugel durch das Hirn jagen, als…. Ich hasse alles, was ich sehe … daher will ich auch sogleich fort; denn diese Freude, diese Musik, diese lachenden Schafgesichter sind mir grauenhaft."

"Mein armer Freund…" sagte der Oberst mit sanfter Stimme und drückte freundschaftlich die Hand des Grafen, "Sie sind so aufgeregt… Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen mitteilte, daß Martial jetzt noch so wenig an Frau von Vaudremont denkt, daß er sich vielmehr in jene kleine Dame verliebt hat?"

"Wenn er mit ihr spricht," sagte Soulanges, indem er vor Wut seine
Worte stotternd vorbrachte, "so werde ich ihn zusammenklappen wie eine
Brieftasche, und verkröche er sich unter dem Rock des Kaisers…."

Bei diesen Worten sank der Graf halb ohnmächtig in den Armstuhl, zu dem ihn der Oberst geführt hatte. Dieser zog sich langsam zurück, nachdem er bemerkt hatte, daß Herr von Soulanges von einem zu heftigen Zorn ergriffen sei, als daß ihn die Scherze oder die Sorgfalt einer oberflächlichen Freundschaft zu beruhigen vermöchten. Als sich der schöne Kürassier in den großen Tanzsaal begab, war Frau von Vaudremont die erste, auf die seine Blicke fielen. Er gewahrte in ihren gewöhnlich so ruhigen Zügen einige Spuren einer schlecht verhehlten Aufregung. Der Oberst bemerkte einen leeren Stuhl neben ihr und eilte zu ihr hin.

"Ich möchte wetten, daß Sie sehr aufgeregt sind," sagte er.

"O, es ist eine Kleinigkeit, Oberst. Ich wollte mich eigentlich schon von hier entfernt haben, denn ich habe versprochen, auf dem Ball der Großherzogin von Berg zu erscheinen, und vorher muß ich noch einen Besuch bei der Fürstin von Wagram machen. Herr de la Roche-Hugon weiß es, aber er belustigt sich damit, noch immer mit den alten Witwen von früheren Zeiten zu schwatzen."

"Das ist nicht die Ursache Ihrer Unruhe…. Ich wette hundert
Louisdors, daß Sie hier bleiben."

"Sie Unverschämter!…"

"Also habe ich die Wahrheit gesagt."

"Bösewicht!" versetzte die schöne Gräfin und schlug mit ihrem Fächer auf die Finger des Oberst.

"Nun, woran dachte ich denn?… Ich bin fähig, Sie zu belohnen, wenn
Sie die Wahrheit erraten."

"Ich kann die Wette nicht eingehen, denn ich habe zu viele Vorteile."

"Anmaßender!…"

"Sie befürchten, Martial zu den Füßen einer Dame zu sehen…."

"Welcher Dame?" fragte die Gräfin, indem sie sich überrascht stellte.

"Der Dame, die neben dem Kandelaber sitzt …" antwortete der Oberst und deutete nach der Ecke, in der die schöne Unbekannte saß, die keinen Blick von der Gräfin wandte.

"Ja, Sie haben es erraten!" antwortete die Kokette und verbarg ihr Antlitz hinter ihrem Fächer, indem sie sich stellte, als spiele sie mit demselben. "Die alte Frau von Marigny, die, wie Sie wissen, boshaft ist wie ein alter Affe," fuhr sie fort, nachdem sie einen Augenblick geschwiegen hatte, "hat mir eben gesagt, daß Herr de la Roche-Hugon einige Gefahr laufen würde, wenn er der Unbekannten den Hof machen wollte, die sich, wie ein Störenfried, auf diesem Balle gezeigt hat. Ich möchte lieber den Tod sehen, als dieses Antlitz, das so grausam schön und zugleich so bleich, so unbeweglich ist, wie eine Geistererscheinung. Frau von Marigny," fuhr sie dann fort, "die auf den Bällen erscheint, um alles zu sehen, während sie zu schlafen scheint, hat mich ungemein beunruhigt. Gewiß, Martial soll mir den Possen, den er mir gespielt, teuer bezahlen. Ersuchen Sie ihn indes, Oberst, da er Ihr Freund ist, mir keinen Kummer zu machen."

"Ich habe eben mit einem Manne gesprochen, der an nichts weniger denkt, als ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn er mit der kleinen Dame spricht. Und jener Mann, meine Dame, hält sein Wort. Indes kenne ich Martial. Gefahren ermutigen ihn nur. Überdies haben wir eine Wette miteinander gemacht…." Diese Worte sprach der Oberst mit leiser Stimme.

"Sollte es wahr sein?…" antwortete Frau von Vaudremont, während sie einen gefallsüchtigen Blick auf ihn richtete. "Würden Sie mir die Ehre erweisen, bei dem nächsten Contretanz mit mir anzutreten?…"

"Nicht bei dem ersten, aber bei dem zweiten; jetzt will ich erst sehen, was aus dieser Intrige werden kann, und will wissen, wer die kleine blaue Dame ist. Sie sieht sehr geistreich aus."

Der Oberst erriet, daß Frau von Vaudremont jetzt allein sein wollte, und entfernte sich, zufrieden, den beabsichtigten Angriff auf geschickte Weise begonnen zu haben.

Es gibt bei allen Bällen Damen, die, ähnlich der Frau von Marigny, das Amt alter Seemänner übernehmen, die am Ufer des Meeres den Stürmen zuschauen, mit denen sich junge Matrosen herumschlagen. Frau von Marigny, die an den Personen dieses Auftritts Teil zu nehmen schien, vermochte nun in diesem Augenblick sehr leicht den grausamen Kampf zu erraten, der in dem Herzen der Gräfin vor sich ging. Vergebens fächerte sich die junge Kokette auf die anmutigste Art Kühlung zu, vergebens lächelte sie den jungen Leuten entgegen, von denen sie begrüßt wurde, und wandte alle weibliche List an, um ihre Aufregung zu verbergen, die alte Witwe, eine der klügsten Herzoginnen am Hofe Ludwigs XV., schien die Geheimnisse zu durchblicken, die sich hinter den Zügen der Gräfin bargen. Die alte Dame schien fast jene unmerklichen Bewegungen des Augensterns wahrzunehmen, die die Wallungen des Herzens verraten. Die leichtesten Falten, die die weiße und reine Stirn runzelten, das unmerkliche Zittern der Züge, das Spiel der anklägerischen Augenbrauen, die fast unsichtbare Bewegung der Lippen, dies alles wußte die alte Herzogin so gut zu lesen, wie die geschriebenen Worte eines Buches. Die Kokette außer Dienst saß in einem Armstuhl, den sie vollkommen ausfüllte, und plauderte mit einem Diplomaten, der sie aufgesucht hatte, weil sie in unvergleichlicher Weise Anekdoten vom alten Hofe erzählen konnte, aber sie beobachtete dabei mit ununterbrochener Aufmerksamkeit die junge Kokette, die ihr wie eine neue Auflage ihres eigenen Ichs vorkam. Sie fand sie ganz nach ihrem Geschmack, als sie sah, daß sie so gut ihren Kummer verberge und die Schmerzen ihres Herzens zu verhehlen wisse.

Frau von Vaudremont fühlte sich in der Tat ebenso schmerzlich ergriffen, als sie sich heiter stellte. Sie hatte geglaubt, in Martial einen Mann von Talent anzutreffen, der ihr Leben durch die Genüsse des Hofes, nach denen sie sich sehnte, verschönern sollte. Sie erkannte in diesem Augenblick einen Irrtum, der ebenso grausam für ihren Ruf, wie für ihre Eigenliebe war. Es ging ihr, wie den übrigen Frauen jener Epoche, indem die plötzliche Regung der Leidenschaften die Lebhaftigkeit der Gefühle nur vermehren konnte. Die Herzen, die viel und schnell leben, dulden nicht weniger, als die, die sich in einer einzigen Leidenschaft verzehren. Mehr als ein Fächer verbarg damals kurze, aber schreckliche Qualen. Die Vorliebe der Gräfin für Martial war allerdings erst Tags zuvor entstanden, allein auch der unerfahrenste Chirurg weiß, daß die Abtrennung eines lebenden Gliedes weit schmerzhafter ist, als die eines abgestorbenen. Bei Frau von Vaudremonts Neigung zu Martial kamen die Aussichten auf die Zukunft hinzu, während ihre frühere Leidenschaft ohne Hoffnung war und durch die Gewissensbisse des Grafen von Soulanges vergiftet wurde.

Die alte Herzogin wußte alles zu erraten und beeilte sich nun, den Gesandten zu entlassen, von dem sie belagert wurde, denn in Gegenwart entzweiter Geliebten und Liebhaber erbleicht jedes andere Interesse, selbst bei einer alten Frau. Frau von Marigny richtete daher, um den Kampf anzufachen, einen sardonischen Blick auf Frau von Vaudremont. Dieser schreckliche Blick ließ die junge Kokette befürchten, ihr Los möge in die Hände der Witwe geraten. Es gibt in der Tat Blicke, die ein Weib dem andern zuwirft, die gleichsam tragische Fackeln sind, welche den nächtlichen Ausgang eines Dramas beleuchten. Man müßte die Exherzogin genauer kennen, um den ganzen Schrecken zu würdigen, den das Spiel ihrer Physiognomie der Gräfin einflößte. Frau von Marigny war hoch gewachsen, und wenn man sie sah, so mußte man sagen: "Die Frau ist gewiß hübsch gewesen!" Sie verbarg die Runzeln ihrer Wangen durch eine so starke Auflage von Rot, daß sie fast gar nicht sichtbar wurden, allein ihre Augen empfingen keinen künstlichen Glanz durch dieses satte Karmin, sondern wurden dadurch nur noch düsterer. Sie trug eine Menge von Diamanten und kleidete sich mit hinreichendem Geschmack, um nicht lächerlich zu erscheinen. Ihr Mund war durch ein künstliches Gebiß verschönt und daher keineswegs eingefallen, sondern zeigte nur einen ironischen Zug, der ihr eine Ähnlichkeit mit Voltaire gab. Ihre spitze Nase deutete auf scharfen Witz, aber dennoch milderte die ausgesuchte Feinheit ihres Benehmens den Spott ihrer Einfälle so sehr, daß man sie nicht der Bosheit beschuldigen konnte.

Ein triumphierender Blick belebte die beiden grauen Augen der alten
Dame und schien den Salon zu durchfliegen, um das Rot der Hoffnung auf
die bleichen Wangen der kleinen Dame zu ergießen, die zu den Füßen des
Kandelabers seufzte. Diesen durchdringenden Blick begleitete ein
Lächeln, das zu sagen schien: "Das hatte ich Ihnen bereits verheißen!"

Diese unvorsichtige Enthüllung einer Verbindung, die zwischen Frau von Marigny und der Unbekannten bestand, vermochte dem geübten Auge der Gräfin von Voudremont nicht zu entgehen. Sie erblickte ein Geheimnis und wollte es durchdringen. Die Neugierde verringerte ihren vorübergehenden Schmerz.

In diesem Augenblick hatte der Baron de la Roche-Hugon die ganze Reihe der alten Witwen durchgemacht, um den Namen der blauen Dame zu erfahren, aber gleich vielen Altertümlern hatte er sein ganzes Latein bei diesen unglücklichen Nachforschungen verloren. In seiner Verzweiflung hatte er sich sogar an die Gräfin von Gondreville gewandt; aber auch von ihr nur wenig befriedigende Antwort erhalten: "Es ist eine Dame, die mir von der ehemaligen Herzogin von Marigny vorgestellt wurde…."

Nun wandte sich der Requêtenmeister schnell zu dem Armstuhle, den die alte Dame einnahm, und überraschte sie bei jenem Blick des Einverständnisses, der mit der Unbekannten gewechselt wurde. Die Färbung, die sich über die Wangen der einsamen Dame ergoß, verlieh ihr einen solchen Glanz, daß der Requêtenmeister, bewegt durch den Anblick einer so mächtigen Schönheit, zu Frau von Marigny zu treten beschloß, obgleich er seit einiger Zeit ziemlich schlecht mit ihr gestanden hatte. Als die Herzogin den Baron um ihren Armstuhl herumschweifen sah, lächelte sie mit sardonischer Bosheit und blickte mit einer so triumphierenden Miene auf Frau von Voudremont, daß der Oberst darüber lächelte. "Sie nimmt eine freundliche Miene an, die alte Zigeunerin," dachte er, "sie wird mir ohne Zweifel einen bösen Streich spielen wollen." "Meine Dame," sagte er, "wie man mir gesagt hat, sind Sie beauftragt, über einen köstlichen Schatz zu wachen."

"Sehen Sie mich für einen schwarzen Hund mit glühenden Augen an?"
fragte die alte Dame und ergötzte sich für einen Augenblick an der
Verlegenheit des jungen Mannes. "Aber von welchem Schatze sprechen
Sie?" fuhr sie dann mit einer süßen Stimme fort, durch die Martial neue
Hoffnung erhielt.

"Von der kleinen unbekannten Dame, die durch den Neid der koketten Damen in jene Ecke verdrängt ist … Sie sind ohne Zweifel mit ihr bekannt?…."

"Ja," sagte die Herzogin und lächelte wieder boshaft. "Warum tanzt sie nicht? Sie ist so schön! Wollen Sie, daß wir Friede miteinander schließen? Wenn Sie mich über das belehren wollen, was ich gern erfahren möchte, so gebe ich Ihnen mein Ehrenwort darauf, daß Ihr Gesuch um Zurückgabe der Waldungen von Marigny bei dem Kaiser kräftig unterstützt werden soll."

"Herr Baron," antwortete die alte Dame mit einem trügerischen Ernst, "fuhren Sie mir die Gräfin von Vaudremont zu. Ich verspreche Ihnen, daß ich ihr das ganze Geheimnis enthüllen will, das unsere Unbekannte so anziehend macht. Alle Männer, die auf dem Ball anwesend sind, scheinen ebenso neugierig geworden zu sein, wie Sie. Aller Augen richten sich unwillkürlich nach jenem Kandelaber, neben dem das arme Kind so bescheiden sitzt. Sie erntet alle Huldigungen, die man ihr hat entreißen wollen. Der muß glücklich sein, der mit ihr tanzen wird!…" Bei diesen Worten unterbrach sie sich, indem sie einen Blick auf die Gräfin von Vaudremont richtete, der deutlich sagte: "Wir sprechen von Ihnen." Dann fuhr sie fort: "Ich denke, daß Sie den Namen der Unbekannten lieber aus dem Munde der schönen Gräfin hören werden, als aus dem meinigen." Die Haltung der Herzogin war so herausfordernd, daß Frau von Vaudremont sich erhob, zu ihr kam, sich auf den Stuhl setzte, den ihr Martial anbot, und dann, ohne auf ihn zu achten, lachend sagte: "Ich errate, meine Dame, daß Sie von mir sprechen, aber ich muß meine Schwäche anerkennen und gestehen, daß ich nicht erkenne, ob Sie Gutes oder Böses von mir reden."

Frau von Marigny drückte mit ihrer trockenen und verschrumpften Hand die hübsche Hand der jungen Dame und antwortete mit leiser Stimme und im Tone des Mitleids: "Arme Kleine!"

Die beiden Frauen blickten einander an. Frau von Vaudremont begriff, daß der Baron von Martial überflüssig sei und verabschiedete ihn mit einem gebieterischen Blick, der ihm sagte: "Verlassen Sie uns augenblicklich!"

Den Requêtenmeister freute es wenig, die Gräfin von den Künsten der gefährlichen Sybille gefesselt zu sehen und richtete einen jener männlichen Blicke auf sie, die so viel Macht über ein liebendes Herz besitzen, aber auch einer Frau so lächerlich erscheinen, wenn sie kalt gegen den geworden sind, in den sie verliebt war.

"Wollen Sie vielleicht dem Kaiser nachäffen?…" sagte Frau von Vaudremont und wandte ihren Kopf, um den Requêtenmeister spöttisch anzusehen.

Er kannte die Welt zu gut, besaß zu viel Feinheit und guten Geschmack, als daß er sich einem Bruch mit der hübschen Kokette hätte aussetzen wollen; überdies rechnete er auf die Eifersucht, die er bei ihr erwecken wollte, als auf das beste Mittel, das Geheimnis ihrer plötzlichen Kälte zu entdecken. Er entfernte sich umso williger, als in diesem Augenblick ein neuer Contretanz alle Tänzerinnen in Bewegung setzte. Die heiteren Töne des Orchesters erklangen und man hätte die durcheinander wogende Menge mit einer Wolke tausendfarbiger Schmetterlinge vergleichen können, die sich bei dem harmonischen Konzert der Vögel eines Gebüschs über einer Waldwiese erheben.

Der Baron schien den antretenden Quadrillen zu weichen und stützte sich auf den Marmor einer Konsole. Er kreuzte die Arme über der Brust und blieb einige Schritte vor den beiden Damen stehen, die sich heimlich miteinander unterhielten. Von Zeit zu Zeit folgte er den Blicken, die beide wiederholt auf die Unbekannte richteten, und der Baron befand sich in einer schrecklichen Unentschlossenheit, während er die Gräfin mit jener neuen Schönheit verglich, die noch mehr gehoben wurde durch das Geheimnis, das sie umgab. Er schwankte, ob er ein reicher Mann werden oder eine Laune befriedigen solle.

Der Glanz der Lichter ließ so kräftig das schwermütige und düstere Antlitz unter seinen schwarzen Haaren hervorstechen, daß man ihn mit einem bösen Geist hätte vergleichen können, und mehr als ein fernstehender Beobachter mochte sich wohl sagen, "Der arme Teufel scheint auch nicht zu seiner Freude hier zu sein!"

Die rechte Schulter leicht an die vergoldete Einfassung der Tür zwischen dem Spielzimmer und dem Tanzsaale gestützt, konnte der Oberst unbemerkt lachen. Er freute sich über den berauschenden Lärm des Balles. Er sah hundert hübsche Köpfe, die je nach den Launen des Tanzes hin und her schwebten. Er las in manchen Zügen, ebenso wie in denen der Gräfin und seines Freundes Martial, die Geheimnisse der Seelen. Dann wandte er sein Gesicht und verglich das düstere Aussehen des Grafen Soulanges, der noch immer in dem Armstuhle saß, wo er ihn verlassen hatte, mit den sanften und klagenden Zügen der unbekannten Dame, auf deren Antlitz abwechselnd die Freuden der Hoffnung und die Angst eines unwillkürliehen Schreckens erschienen. Der glückliche Kürassier hatte soviele Geheimnisse zu erraten, Reichtum von einer keimenden Liebe zu hoffen, die Lehren zu merken, die der gekränkte Ehrgeiz gibt, das Schauspiel einer heftigen Leidenschaft zu beobachten und das Lächeln von hundert hübschen Damen über Soulanges, Martial, die Gräfin oder die Unbekannte mit seinen Blicken zu erfassen, und er war daher so heiter, als sei er der König des Festes. Das lebhafte Bild gab ihm ein vollkommenes Gleichnis der Welt und des Lebens; aber er lachte, ohne daß er hinter das Wesen dieser Dinge zu kommen versucht hätte. Es war etwa Mitternacht, und die Unterhaltungen, das Spiel, der Tanz, die Selbstsucht, die Bosheit und die verschiedenartigsten Pläne, alles war auf jenem Siedepunkt angelangt, wo sich einem jungen Manne der Ruf entringt: "Es ist doch eine hübsche Sache um einen Ball!…"

"Mein kleiner Engel," sagte Frau von Marigny zu der Gräfin, "ich bin weit älter, als ich scheine, denn ich zähle fünfundsechzig Jahre; ich habe fast ein Jahrhundert gelebt. Sie, meine Liebe, stehen jetzt in einem Alter, in dem ich tausend Fehler begangen habe, und da ich Sie jetzt bittere Qualen erdulden sah, so fiel es mir ein, Ihnen einige liebevolle Winke zu geben. Wer Fehler im zweiundzwanzigsten Jahre begeht, verdirbt sich dadurch seine Zukunft, zerreißt das Kleid, das er erst anziehen soll. Ach, meine Liebe, wir lernen erst zu spät uns des Gewandes zu bedienen, ohne es zu zerknittern…. Fahren Sie fort, mein schönes Kind, sich redliche Feinde zu machen und diejenigen als Freunde zu erwerben, die den Geist der Welt nicht besitzen, und Sie sollen sehen, was für ein angenehmes Leben Sie führen werden!"…

"Ach, Herzogin, es macht uns recht viel Mühe, glücklich zu werden!
Nicht wahr?" rief die Gräfin kindlich aus.

"Meine Kleine, man muß es nur verstehen, in Ihrem Alter zwischen dem Vergnügen und dem Glück die Wahl treffen zu können. Hören Sie mich an! Sie wollen Martial heiraten. Er ist aber auf der einen Seite nicht dumm genug, um ein Ehemann zu werden, und auf der anderen Seite nicht gut genug, um sie glücklich zu machen. Er hat Schulden, meine Liebe!… Er ist ganz der Mann, der Ihr Vermögen verzehren könnte. Er ist ein Ränkeschmied, der sich ausgezeichnet in die Geschäfte einleben kann, er weiß angenehm zu plaudern, aber er besitzt zu viele Vorteile, als daß er ein wahres Verdienst haben wollte. Er wird nicht weit gehen. Überdies, sehen Sie ihn nur an!… Werfen Sie nur einen Blick auf ihn!… Liest man es nicht auf seiner Stirn, daß er in diesem Augenblick keineswegs das hübsche junge Weib sieht, sondern nur die Besitzerin von zwei Millionen?… Er liebt Sie nicht, meine Liebe; er berechnet Sie, als ob es sich um eine Multiplikation handelte. Wenn Sie sich verheiraten wollen, so nehmen Sie einen bejahrten Mann, der zugleich Ansehen genießt. Eine Witwe darf ihre Wiederverheiratung nicht zu einem Geschäft der Liebe machen. Fängt man je eine Maus zweimal in derselben Falle? Jetzt muß ein neuer Kontrakt eine Spekulation sein, und wenn Sie sich wieder verheiraten, so müssen Sie dabei wenigstens die Hoffnung haben, sich dereinst Frau Marschallin nennen zu hören!" In diesem Augenblick richteten sich die Augen der beiden Damen natürlich auf das hübsche Antlitz des Obersten. "Wollen Sie die schwierige Rolle einer Kokette spielen und sich nicht wieder verheiraten …" fuhr die Herzogin gutmütig fort; "ach, meine arme Kleine, dann verstehen Sie besser als jede andere, die Wolken eines Ungewitters zu häufen und auch wieder zu zerstreuen…. Allein ich beschwöre Sie, machen Sie sich nie eine Freude daraus, den ehelichen Frieden zu stören, die Eintracht der Familien und das Glück der glücklichen Frauen zu vernichten. Ich habe diese gefährliche Rolle gespielt, meine Liebe … und etwas zu spät habe ich erkennen gelernt, daß, wie jener Diplomat gesagt hat, ein Lachs besser ist als tausend Frösche! Ja, meine Liebe, um einen Triumph der Eigenliebe zu feiern, meuchelt man oft arme tugendhafte Geschöpfe; denn es gibt wirklich tugendhafte Frauen, meine Liebe. Lernen Sie einsehen, daß eine wabrhafte Liebe tausendmal mehr Genüsse gewährt, als die vergänglichen Leidenschaften, die man erregt. Gewiß, ich bin hierhergekommen, um Ihnen eine Predigt zu halten…. Ja, Sie, mein guter kleiner Engel, sind die Ursache, weshalb ich in diesem Salon erschienen bin, der nach Pöbel stinkt. Sieht man hier nicht sogar Schauspieler?… Man empfing diese Leute auch sonst, meine Liebe, aber in seinem Boudoir; in einem Salon jedoch, pfui!… Ja, ja, sehen Sie mich nicht so erstaunt an.—Hören Sie mich an! Wollen Sie über die Männer lachen," fuhr die alte Dame fort, "so begeistern Sie nur die Herzen derer, die keine feste Bestimmung haben, die keine Pflichten zu erfüllen haben…. Das ist eine Lehre, die ich meiner alten Erfahrung verdanke; nutzen Sie dieselbe. Dieser arme Soulanges zum Beispiel, dem Sie den Kopf verdreht haben, den Sie seit fünfzehn Monaten, Gott weiß wie, berauscht haben … ihn haben Sie für sein ganzes Leben unglücklich gemacht. Er ist verheiratet. Er wird von einem kleinen Weibe angebetet, das er auch liebte, aber getäuscht hat. Soulanges leidet zuweilen an Gewissensbissen, die grausamer sind, als seine Freuden süß waren, und Sie, kleiner Schlaukopf, haben ihn getäuscht! Kommen Sie nun und sehen Sie Ihr Werk!" Die alte Herzogin faßte die Hand der Frau von Vaudremont, und beide erhoben sich.

"Sehen Sie!" sagte Frau von Marigny zu ihr, indem sie mit den Augen auf die bleiche und zitternde Unbekannte zeigte. "Das ist meine Nichte, die Gräfin Soulanges!… Sie hat heute endlich meinen Bitten nachgegeben und ihr Schmerzenszimmer verlassen, in dem ihr der Anblick ihres Kindes nur einen sehr schwachen Trost gewährt…. Sehen Sie sie an…. Sie erscheint Ihnen reizend. Beurteilen Sie nun, was sie damals war, als Glück und Liebe noch ihren Glanz über dieses jetzt gewelkte Antlitz verbreiteten!"

Die Gräfin wandte schweigend das Haupt und schien in ernstes Nachdenken versunken. Die Herzogin führte sie allmählich bis an die Tür des Spielzimmers, blickte hinein, als suche sie jemand, und sagte dann mit einer fast geisterhaften Stimme zu der jungen Kokette: "Und dort sehen Sie Soulanges!…"

Die junge und glänzende Gräfin schauderte zusammen als sie in der am wenigsten erhellten Ecke des Spielzimmers ein bleiches und verzerrtes Antlitz erblickte. Herr von Soulanges hatte sich in den, Armstuhl zurückgelehnt. Die Erschlaffung seiner Glieder und die Bewegungslosigkeit seiner Stirn deuteten auf einen hohen Grad des Schmerzes. Er war allein. Die Spieler kamen und gingen an ihm vorüber, ohne ihm mehr Aufmerksamkeit zu widmen, als einem leblosen Wesen. Er war in der Tat mehr ein Schatten, als ein Mensch.

Der Anblick der trauernden Gattin und des düstern und finstern Gatten, die inmitten dieses Festes von einander getrennt waren, wie die beiden Hälften eines durch den Blitz getroffenen Baumes, erfüllte die Gräfin mit großem Schrecken und böser Vorahnung. Sie fürchtete ein Bild dessen zu sehen, was die eigene Zukunft für sie aufbewahrte. Ihr Herz war noch nicht so weit verhärtet, daß ihm Empfindsamkeit, und Nachsicht gänzlich fremd geworden, und sie preßte die Hand der Herzogin, während sie ihr mit einem freundlichen Lächeln dankte, in dem eine gewisse kindliche Anmut lag.

"Mein Kind," sagte ihr jetzt die alte Frau ins Ohr, "bedenken Sie fortan, daß wir es ebenso gut verstehen müssen, die Huldigungen der Männer von uns zu weisen, als sie zu erlangen…."—

"Sie gehört Ihnen, wenn Sie kein Dummkopf sind!" Diese Worte flüsterte Frau von Marigny dem Obersten ins Ohr, während sich die schöne Gräfin ganz dem Mitleid hingab, das der Anblick des Herrn von Soulanges ihr einflößte. Sie liebte ihn noch aufrichtig genug, um ihn seinem Glücke wiedergeben zu wollen, und im Herzen versprach sie sich, die unwiderstehliche Macht anzuwenden, die ihre Verführungskünste noch auf ihn ausübten, um ihn in die Arme seiner Frau zurückzuführen. "O! die Strafreden, die ich ihm halten werde!…" sagte sie zu Frau von Marigny. "Sie werden das nicht tun, meine Schöne, wie ich hoffe!" sagte die Herzogin, während sie sich zu ihrem Armstuhl zurückbegab. "Wählen Sie sich dagegen einen braven Ehemann und verschließen Sie meinem Neffen die Tür. Vermeiden Sie, ihm in Gesellschaften zu begegnen, und wenn er von seiner Krankheit geheilt ist, so bieten Sie ihm Ihre Freundschaft…. Glauben Sie mir, mein Engel, eine Frau empfängt nie von einer anderen Frau das Herz ihres Mannes. Sie wird hundertmal glücklicher sein, wenn sie glauben kann, es durch sich selbst wiedererlangt zu haben, und ich glaube, meiner Nichte ein herrliches Mittel gewährt zu haben, durch das sie die Freundschaft ihres Mannes wiedererlangen kann, indem ich sie hierherführte.—Ich verlange keine andere Mithilfe von Ihnen, als daß Sie unsern schönen Kürassier-Oberst mit Neckereien der Liebe überhäufen." Bei diesen Worten zeigte sie auf den Freund des Requêtenmeisters, und die Gräfin lachte.

"Nun, meine Dame, wissen Sie endlich den Namen der Unbekannten?" fragte der Baron auf etwas gereizte Art die Gräfin, als diese wieder allein war.

"Ja," anwortete Frau von Vaudremont. Es lag dabei in ihren Zügen ebensoviel Schlauheit als Heiterkeit. Das Lächeln, das über ihre Lippen und ihre Wangen Leben verbreitete, der feuchte Glanz ihrer Augen war mit jenen Irrlichtern zu vergleichen, die den verspäteten Wanderer täuschen. Martial glaubte sich noch immer geliebt; er nahm jene kokette Haltung an, in der sich ein Mann so selbstgefällig in der Nähe der von ihm Geliebten wiegt, und sagte mit Geckenhaftigkeit: "Werden Sie mir nicht böse werden, wenn es scheint, als legte ich großen Wert darauf, den Namen der Unbekannten zu erfahren…."

"Und werden Sie mir nicht böse werden," versetzte Frau von Vaudremont, "wenn ich Ihnen infolge einer letzten Spur von Liebe den Namen nicht sage und Ihnen zugleich verbiete, die geringste Annäherung an jene junge Dame zu wagen? Sie könnten vielleicht Ihr Leben aufs Spiel setzen."

"Meine Dame, Ihre Liebe zu verlieren ist schmerzlicher, als das Leben zu verlieren…."

"Martial!…" sagte die Gräfin ernst, "es ist Frau von Soulanges! Und ihr Mann würde Ihnen eine Kugel durch das Hirn jagen, wenn Sie ein solches haben, sobald Sie…."

"Ach!" fiel ihr der Geck lachend in die Rede, "der Oberst läßt den in Frieden leben, der ihm Ihr Herz entrissen hat, und er sollte sich für seine Frau schlagen?… Welche Umkehrung der Grundsätze!… Ich bitte Sie, lassen Sie mich mit der kleinen Dame tanzen. Sie werden auf diese Weise am schnellsten den Beweis erhalten, wie wenig Liebe das eiskalte Herz besitzt, das Sie verabschiedet haben, denn wird der Oberst böse darüber, daß ich seine Gattin zum Tanzen veranlasse…."

"Sie liebt aber ihren Mann…."

"Das ist wieder ein Einwurf, der…."

"Sie ist aber verheiratet…."

"Köstliche Einwände in Ihrem Munde!"

"Ach!" sagte die Gräfin mit einem bitteren Lächeln, "Ihr bestraft uns bitter für unsere Fehltritte und unsere Reue! Dann beklagt Ihr Euch noch über unsern Leichtsinn! So wirft der Herr seinen Sklaven die Sklaverei vor. Welche Ungerechtigkeit!" "Betrüben Sie sich nicht!" sagte Martial lebhaft. "Oh, ich bitte Sie darum, verzeihen Sie mir! Hören Sie! Ich denke nicht mehr an Frau von Soulanges."

"Sie verdienten, daß ich Sie zu ihr schickte!"

"Ich gehe schon…." sagte der Baron lachend; "allein ich werde verliebter in Sie zurückkehren, als ich es je gewesen bin, und Sie werden sehen, daß sich auch das hübscheste Weib von der Welt eines Herzens nicht bemächtigen kann, das Ihnen gehört."

"Das heißt, Sie wollen das Pferd des Obersten gewinnen?"

"Ha, der Verräter!" antwortete er lachend und drohte seinem lächelnden
Freunde mit dem Finger.

Nun näherte sich der Oberst, und der Baron trat ihm seinen Platz neben der Gräfin ab, zu der er noch spöttisch sagte: "Meine Dame, dieser Herr hat sich gerühmt daß er an einem Abend Ihre Liebe erwerben könne!"

Er entfernte sich, während er sich freute, die Eigenliebe der Gräfin erweckt und dem Obersten ein Bein gestellt zu haben; ungeachtet seiner gewöhnlichen Schlauheit, hatte er doch nicht den ganzen Spott erraten, der in den Reden der Frau von Vaudremont lag; er hatte nicht einmal bemerkt, daß sie ebensoviele Schritte seinem Freunde entgegengetan habe, als dieser ihr entgegengegangen war.

Als sich Martial dem glänzenden Kandelaber näherte, hinter dem die Gräfin von Soulanges saß, trat deren Gemahl mit wilden Blicken in die Tür des Salons und zeigte zwei Augen, in denen das Feuer der Leidenschaft flammte. Die alte Herzogin, die auf alles aufmerksam war, näherte sich ihrem Neffen mit der Lebendigkeit einer jungen Frau und bat ihn um seinen Arm und um seine Kutsche, um sich entfernen zu können, indem sie eine schreckliche Langeweile vorschützte und sich schmeichelte, auf solche Weise ein peinliches Aufsehen zu vermeiden. Bevor sie ging, gab sie noch ihrer Nichte ein Zeichen des Einverständnisses, indem sie zugleich auf den kühnen Kavalier deutete, der sich bereit machte, sie anzureden. Ihr strahlender Blick schien zu sagen: "Da ist er, räche Dich!"

Frau von Vaudremont fing den Blick der Tante und den der Nichte auf. Ein plötzliches Licht fiel in ihr Herz, und die junge Kokette befürchtete, von der alten, in Ränken so erfahrenen Dame genarrt worden zu sein.

"Diese treulose Herzogin," dachte sie, "wird es vielleicht ergötzlich gefunden haben, mir eine moralische Vorlesung zu halten und zugleich einen schlechten Streich nach ihrer Weise zu spielen." Bei diesem Gedanken wurde die Eigenliebe der Frau von Vaudremont vielleicht noch lebhafter ins Spiel gezogen, als ihre Neugierde, den Knäuel dieser Intrigen entwirrt zu sehen. Der innere Sturm, von dem sie ergriffen wurde, raubte ihr die Selbstbeherrschung. Der Oberst erklärte sich nun zu seinem Vorteil die Verlegenheit, die sich in den Reden und in der Haltung der Gräfin zeigte, und wurde deshalb noch glühender und drängender.

Neue Geheimnisse, gleich anziehend wie die früheren, belebten nun diese bewegte Szene. Die Leidenschaften der beiden Paare, deren Abenteuer diese Erzählung wiedergibt, sprangen auf alle Teilnehmer des glänzenden Balles über und veranlaßten die verschiedensten Färbungen der Teilnahme.

Die alten abgestumpften Diplomaten, denen es so viel Freude machte, das Spiel der Mienen zu beobachten und die angesponnenen Ränke zu erraten und zu verfolgen, hatten noch nie eine so reiche Ernte der Unterhaltung gefunden, dennoch ließ das Schauspiel so vieler, lebhafter Leidenschaften, ließen die Zänkereien der Liebe, diese süßen Äußerungen der Rache, diese grausamen Gunstbeweise, diese entflammten Blicke, ließ das ganze glühende Leben, das rund um sie her ergossen war, sie nur umso lebhafter ihre Ohnmacht erraten.

Endlich war es dem Baron gelungen, in der Nähe der Gräfin von Soulanges einen Sitz zu finden. Seine Augen schweiften verstohlen über einen Hals, der frisch war wie der Tau, wohlduftend wie ein Blumenbeet. Er bewunderte in der Nähe die Schönheiten, die ihn schon aus der Ferne überrascht hatten, er konnte einen kleinen, schönbekleideten Fuß sehen, und eine geschmeidige anmutige Taille mit den Augen messen. Damals knüpften die Frauen die Gürtel ihrer Kleider dicht unter dem Busen, wie man es bei den griechischen Statuen erblickt! Diese Mode war grausam für jene Frauen, deren Wuchs irgendeinen Fehler hatte. Martial warf flüchtige Blicke auf den Busen und wurde entzückt durch die Vollendung der himmlischen Formen der Gräfin. Er war trunken vor Liebe und Hoffnung. "Sie haben heute abend noch nicht ein einziges Mal getanzt?" fragte er mit sanfter und schmeichelnder Stimme; "hoffentlich ist dies nicht die Schuld der Herren."—"Es ist nun bald zwei Jahre, daß ich mich nirgends gezeigt habe, und ich bin unbekannt in der Welt …" antwortete Frau von Soulanges; denn sie hatte den Blick nicht begriffen, durch den ihre Tante sie aufforderte, sich gefällig gegen den Baron zu zeigen. Dieser ließ aus Gewohnheit den schönen Diamant spielen, der den Ringfinger seiner linken Hand schmückte. Das Feuer, das die geschliffenen Flächen des Steines ausstrahlten, schien ein plötzliches Licht in das Herz der jungen Gräfin zu werfen. Sie errötete und blickte den Baron mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an.

"Tanzen Sie gern?" fragte der Provençale, um es zu versuchen, die
Unterhaltung wieder anzuknüpfen.

"Sehr gern, mein Herr."

Bei dieser Antwort trafen ihre Blicke einander; denn der junge Mann wurde von dem süßen und zum Herzen sprechenden Tone überrascht, der eine unbestimmte Hoffnung bei ihm erweckte, und hatte daher schnell die Augen der Gräfin geprüft.

"Würden Sie es nicht als eine Verwegenheit von meiner Seite betrachten, wenn ich Sie bäte, bei dem nächsten Contretanz mit mir anzutreten?"

Eine kindliche Verlegenheit rötete die bleichen Wangen der Gräfin, wie einige Tropfen eines roten Weines sich allmählich in einem Glase klaren Wassers verbreiten und dasselbe röten.

"Aber, mein Herr … ich habe bereits einem Tänzer eine abschlägige
Antwort gegeben, einem Oberst…."

"Vielleicht dem langen Kavallerie-Oberst dort?"

"Ganz recht."

"Der ist mein Freund, befürchten Sie nichts. Ich hoffe, Sie werden mir meine Bitte gewähren."

"Ja, mein Herr…."

Der zitternde Klang ihrer wohltönenden Stimme deutete auf eine so neue und tiefe Bewegung, daß selbst das abgestumpfte Herz Martials dadurch schwankend gemacht wurde. Er fühlte sich von der Blödigkeit eines Schulknaben ergriffen. Er verlor seine Sicherheit, und sein südländisches Blut geriet in Flammen. Er wollte sprechen, allein seine Ausdrücke erschienen ihm im Vergleich zu den geistreichen und feinen Antworten der Frau von Soulanges ohne Anmut. Es war ein Glück für ihn, daß der Contretanz begann, denn als er neben seiner schönen Tänzerin stand, fühlte er sich wieder erleichert. Es gibt viele Männer, für die der Tanz eine Art weltmännischer Gewandtheit ist, und die, indem sie die Anmut ihres Körpers zu entfalten suchen, stärker auf das Herz der weiblichen Welt einzuwirken glauben, als durch ihren Geist. Der Provençale wollte ohne Zweifel in diesem Augenblick alle seine Verführungskünste entfalten, wenn man dies aus der Sorgfalt schließen darf, die er auf alle seine Bewegungen verwandte. Aus Eitelkeit hatte er seine Eroberung zu der Quadrille geführt, zu der sich die glänzendsten Damen des Salons aufgestellt hatten, während sie eine besondere Wichtigkeit darauf legten, schöner zu tanzen, als die Tänzerinnen aller anderen Quadrillen.

Während das Orchester das Vorspiel der ersten Figur beendete, empfand der Baron eine unglaubliche Befriedigung des Stolzes, als er bemerkte, daß Frau von Soulanges die schönste Tänzerin unter allen sei, die sich auf den Linien dieses glänzenden Vierecks aufgestellt hatten. Ihre Toilette überstrahlte selbst die der Frau von Vaudremont, die sich infolge eines vielleicht absichtlich gesuchten Zufalles mit dem Obersten dem Baron und der blauen Dame gegenüber gestellt hatte. Die Blicke aller Männer hafteten für einen Augenblick auf Frau von Soulanges, und ein schmeichelhaftes Gemurmel deutete darauf, daß alle Tänzer mit ihren Damen gegenwärtig von ihr sprachen. Blicke des Neides und der Bewunderung wurden mit einer solchen Lebhaftigkeit gegen die junge Dame abgeschossen, daß diese gleichsam beschämt wurde durch einen Triumph, dem sie sich gern entzogen hätte, bescheiden ihre Augen senkte, errötete und dadurch noch reizender wurde. Wenn sie ihre weißen Augenlieder aufschlug, so geschah es nur, um ihren Tänzer anzublicken, als hätte sie den Ruhm dieser Huldigungen auf ihn zurückzuführen und ihm sagen wollen, daß sie die seinigen allen anderen vorzöge. Sie legte Unschuld in ihre Koketterie oder schien sich vielmehr einem neuen Gefühl, einer kindlichen Bewunderung mit jener Aufrichtigkeit zu überlassen, die man nur in jugendlichen Herzen antrifft. Wenn sie tanzte, so konnten die Zuschauer leicht glauben, daß die Verschlingungen der launenhaften Pas, die sie auf eine reizende Weise ausführte, nur für Martial vollbracht wären, denn die luftige Sylphide wußte gleich der verständigen Kokette ihre Augen zu rechter Zeit gegen ihn zu erheben oder auch mit verstellter Bescheidenheit wieder zu senken.

Als eine Bewegung des Tanzes Martial dem Obersten entgegenführte, sagte er lachend zu ihm: "Ich habe Dein Pferd gewinnen…."

"Ja, aber Du hast achtzigtausend Livres Rente verloren," entgegnete ihm der Oberst und zeigte auf die strengen Blicke der Frau von Vaudremont.

"Was kümmert mich das," antwortete Martial mit leichtem Trotz. "Frau von Soulanges ist Millionen wert!"

Nach Schluß des Contretanzes wurde mehr als eine Bemerkung von den Zuschauern und Mittänzern den Nachbarn und Bekannten ins Ohr geflüstert. Die weniger hübschen Damen sprachen mit ihren Tänzern über die Moral und spielten dabei auf die keimende Zuneigung des Barons und der Gräfin von Soulanges an. Selbst die Schönsten wunderten sich über den Leichtsinn, mit dem dies Bündnis abgeschlossen war. Die Männer begriffen umsoweniger das Glück des kleinen Requêtenmeisters, da er gar nichts Verführerisches an sich zu haben schien. Einige nachsichtigere Damen sagten, daß man nicht so voreilig urteilen dürfe, und die Jugend sei sehr zu beklagen, wenn ein ausdrucksvoller Blick und ein anmutiger Tanz hinreichten, um so ernste Anklagen darauf zu stützen.

Nur Martial kannte den Umfang seines Glückes. In der letzten Figur hatten die Damen der Quadrille die Windmühle zu bilden. Seine Finger drückten die der Gräfin, und er glaubte durch die feinen parfümierten Handschuhe hindurch zu fühlen, daß die Finger des jungen Weibes seinem verliebten Druck antworteten.

"Meine Dame," sagte er in dem Augenblicke zu ihr, als der Contretanz endete, "kehren Sie nicht in jene abscheuliche Ecke zurück, in der Sie bis jetzt Ihre Schönheit und Ihren Schmuck verborgen haben. Die Bewunderung ist der einzige Zoll den Sie durch Ihre Diamanten erreichen können, die Ihren weißen Hals und Ihre so schön geflochtenen Haare schmücken. Machen Sie mit mir eine kleine Runde durch die Salons und genießen Sie einen Anblick des ganzen Festes."

Frau von Soulanges folgte dem geschickten Verführer, der dachte, daß sie ihm umso sicherer angehören würde, wenn es ihm gelänge, sie vor der Welt bloßzustellen. Sie machten nun eine angenehme Wanderung zwischen den Gruppen hindurch, die die prachtvollen Salons des Hotels erfüllten. Die Gräfin von Soulanges blieb furchtsam einen Augenblick an der Tür eines jeden Salons stehen und trat nicht eher ein, bis sie einen durchdringenden Blick nach allen Männern geworfen hatte. Diese Besorgnis erfüllte den Requêtenmeister mit noch größerer Freude, denn er sah, daß sie sich nicht eher beruhigte, bis er gesagt hatte: "Ermutigen Sie sich, er ist nicht da."

So gelangten sie bis in eine Gemäldegalerie von ungemeinem Umfange, die in einem Flügel des Hotels lag, und wo man sich zum Voraus des großartigsten Anblicks eines Imbißes erfreute, der für dreihundert Personen aufgetragen war. Der Requêtenmeister erriet, daß das Mahl bald beginnen werde, und zog daher die Gräfin mit sich nach einem Boudoir, das er ausfindig gemacht hatte. Es war ein länglich-rundes Zimmer, das nach dem Garten ging. Die seltensten Blumen und Sträucher bildeten gewissermaßen ein Dickicht, durch dessen Blätter hindurch das Auge die glänzenden Tapeten erblickte. Das Geräusch des Festes erstarb hier wie das Geräusch der Welt in der Nähe eines heiligen Asyls. Die Gräfin zitterte beim Eintreten und weigerte sich hartnäckig, dem jungen Manne zu folgen; nachdem sie aber einen Blick in einen Spiegel geworfen und in demselben ohne Zweifel Verteidiger erblickt hatte, ließ sie sich anmutig auf eine wollüstige Ottomane nieder.

"Was für ein köstliches Gemach," sagte sie und bewunderte eine himmelblaue Tapete, die durch Perlen gehoben wurde.

"Hier atmet alles Liebe und Wollust …" sagte Martial. Dann betrachtete er bei dem geheimnisvollen Halbdunkel, das in dieser süßen Einsamkeit herrschte, die Gräfin, und bemerkte in ihren stark erregten Zügen einen Ausdruck der Verwirrung, der Scham und der Sehnsucht, durch den er bezaubert wurde. Sie lächelte, und dieses Lächeln schien dem Kampfe aller Gefühle, die in ihrem Herzen miteinander rangen, ein Ende zu machen; der Baron war entzückt. Auf die verführerischste Weise der Welt ergriff sie die linke Hand ihres Anbeters und zog den Ring von seinem Finger, auf den sie bereits so feurige Blicke der Sehnsucht geworfen hatte.

"Das ist ein recht schöner Diamant!…" sagte sie sanft und mit dem unschuldigen Ausdruck eines jungen Mädchens, das die ganze Macht seiner ersten Lockung fühlen läßt. Martial war durch die unwillkürliche, aber berauschende Berührung, die ihm von den Fingern der Gräfin beim Abziehen des Ringes zuteil geworden war, erregt und betrachtete ihn mit Blicken, die ebensosehr funkelten wie der Ring.

"Behalten Sie ihn als Erinnerung an diese himmlische Stunde und aus
Liebe für…"

Er vermochte seine Worte nicht auszusprechen, denn der Ausdruck der Begeisterung, der in ihren Zügen lag, erregte ihn zu lebhaft. Er küßte ihre Hand.

"Sie schenken ihn mir?…" fragte sie mit erstaunten Blicken.

"Ich möchte Ihnen die ganze Welt darbringen können…."

"Scherzen Sie nicht vielleicht?…" fragte sie dann abermals, und man erkannte in dem Ausdruck dieser Worte ihre lebhafte Freude.

"Nehmen Sie meinen Diamanten nur an!"

"Und Sie werden ihn nie von mir wieder verlangen?" fragte die Gräfin.

"Nie!"

Sie steckte den Ring an ihren Finger. Martial glaubte, daß nun nichts mehr an seinem Glück fehle und machte eine kühne Bewegung; allein die Gräfin erhob sich plötzlich und sagte mit einer hellen Stimme, die durchaus keine Erregung verriet: "Mein Herr, ich nehme diesen Diamanten mit umsoweniger Bedenken an, da er mir gehört."

Der Requêtenmeister wußte nicht, was er sagen sollte, und blieb unbeweglich, mit weitgeöffnetem Munde sitzen.

"Herr von Soulanges hat ihn vor sechs Monaten aus meinem Schmuckkasten genommen und dann vorgegeben, daß er ihn verloren habe."

"Sie irren sich, meine Dame," sagte Martial in gereiztem Tone; "denn ich habe den Ring von Frau von Vaudremont."

"Ganz recht!" erwiderte sie lächelnd, "mein Mann hat den Ring entführt, hat ihn ihr gegeben, und sie hat ihn wieder verschenkt. Gewiß, mein Herr, ich würde nie gewagt haben, ihn um denselben Preis wiederzuerwerben, um den ihn die Gräfin erworben hat, wenn er nicht mir gehörte…. Aber, sehen Sie hier," fuhr sie dann fort und ließ eine kleine Feder aufspringen, die unter dem Steine verborgen war, "hier befinden sich noch die Haare des Herrn von Soulanges."

Sie brach in ein lautes und spöttisches Gelächter aus und eilte dann mit einer solchen Schnelligkeit in den Garten, daß jeder Versuch, sie wieder einzuholen, überflüssig erscheinen mußte. Überdies war Martial so niedergeschlagen, daß er keine Lust hatte, das Abenteuer fortzusetzen. In der Tat hatte das Lachen der Frau von Soulanges ein Echo in dem Boudoir gefunden, und der junge Geck bemerkte zwischen zwei Orangenbäumen den Obersten und Frau von Vaudremont, die ebenfalls herzlich lachten.

"Willst Du mein Pferd haben, um dieser boshaften Person nachzusetzen?" fragte der Oberst.

Der Baron stimmte in dies Lachen ein, denn es war offenbar das Klügste, was er tun konnte. Er erkaufte das vollkommene Schweigen der beiden Zeugen dieses Auftritts durch die Demut, mit der er die Scherze der künftigen Gattin des Obersten und des Obersten selbst ertrug, nachdem dieser an dem heutigen Abend sein Kampfroß gegen eine junge, reiche und hübsche Frau eingetauscht hatte.

* * * * *

Die Gräfin von Soulanges erreichte es mit einiger Mühe, daß ihr Wagen vorfuhr, und kehrte nun, gegen zwei Uhr morgens, nach Hause zurück. Während sie von der Chaussée d'Antin nach der Vorstadt Saint-Germain fuhr, in der sie wohnte, wurde sie von einer lebhaften Unruhe ergriffen.

Bevor sie das Hotel de Gondreville verließ, hatte sie nochmals die Salons durchsucht, ohne ihre Tante oder ihren Mann anzutreffen, deren Abfahrt ihr unbekannt geblieben war. Schreckliche Ahnungen quälten ihr edles Herz. Sie hatte die Leiden erkannt, die ihr Mann seit dem Tage fühlte, an dem ihn Frau von Voudremont an ihren Triumphwagen spannte, und hoffte vertrauensvoll, daß ihr die Reue bald ihren Mann wieder zuführen würde. Mit einem unglaublichen Widerstreben hatte sie daher in den Plan eingewilligt, den ihre Tante, Frau von Marigny, entworfen, und befürchtete jetzt, einen Fehler begangen zu haben.

Der Besuch des Balles hatte ihr aufrichtiges Herz betrübt. Erst war sie durch das leidende und finstere Aussehen des Grafen von Soulanges erschreckt worden, dann aber noch mehr durch die Schönheit ihrer Nebenbuhlerin. Zuletzt hatte noch die Verderbnis der Welt ihr Herz beengt. Während sie über den Pont-Royal fuhr, warf sie die entweihten Haare, die unter dem Diamant lagen und ihr ehedem als ein Unterpfand reiner Liebe waren dargebracht worden, weg. Sie weinte, indem sie sich der lebhaften Leiden entsann, deren Beute sie seit langer Zeit gewesen, und mehr als einmal seufzte sie, wenn sie daran dachte, daß Frauen, die den ehelichen Frieden erlangen wollen, ohne Klagen im Innersten ihres Herzens Qualen verschließen mußten, die so grausam waren wie die ihrigen.

"Ach!" dachte sie, "wie mögen es die Frauen haben, die nicht lieben? Worin beruht die Quelle ihrer Gleichgültigkeit? Ich möchte meiner Tante nicht glauben, daß die Vernunft hinreicht, um sie bei einer solchen Ergebenheit zu erhalten." Sie seufzte nochmals, als ihr Jäger den eleganten Tritt niederschlug, von dem sie unter das Vordach ihres Hotels sprang. Hastig eilte sie die Treppe hinauf und trat in ihr Zimmer, zuckte aber vor Schrecken zusammen, als sie ihren Mann auf einem Stuhl neben dem Kamin sitzen sah. Er zeigte ihr ein erzürntes Antlitz. "Seit wann besuchen Sie die Bälle ohne mich, meine Liebe?… Ohne mich davon zu benachrichtigen?…" fragte er mit erregter Stimme. "Wissen Sie, daß eine Frau nie den gebührenden Platz findet, wenn sie ohne ihren Mann irgendwo erscheint?… Sie wurden außerordentlich zurückgesetzt, indem man Sie in jenen dunklen Winkel drängte!…"

"O mein guter Leon," sagte sie in einem schmeichelnden Ton. "Ich vermochte dem Glück nicht zu widerstehen, Dich zu sehen, ohne daß Du mich sähest. Meine Tante hat mich auf den Ball geführt und ich war dort sehr glücklich!"

Diese Worte verbannten plötzlich aus den Blicken des Grafen die erzwungene Strenge. Es war leicht zu erraten, daß er sich selbst die lebhaftesten Vorwürfe mache, daß er die Rückkehr seiner Frau gefürchtet habe und überzeugt sei, sie habe auf dem Balle sich von einer Untreue überzeugt, die er ihr hoffte verbergen zu können. Er folgte daher dem Gebrauch solcher Liebenden, die ihre Schuld erkennen, und versuchte den gerechten Zorn der Gräfin zu vermeiden, indem er sich erzürnt gegen sie stellte. Überrascht blickte er nun schweigend seine Gattin an. Sie schien ihm schöner als je, in dem glänzenden Schmuck, der in diesem Augenblick ihre Reize hob.

Was dagegen die Gräfin betraf, so freute sie sich, ihren Mann lächeln zu sehen und ihn zu dieser nächtlichen Stunde in einem Zimmer zu finden, das er seit einiger Zeit weniger häufig besucht hatte. Sie errötete und richtete verstohlene Blicke auf ihn, in denen aber ein Reichtum der Liebe und Hoffnung lag. Soulanges wurde umso trunkener durch sein Glück und seine Liebe, da dieser Auftritt auf die Qualen folgte, die er während des Balles erlitten hatte, und ergriff die Hand seiner Frau, um sie dankbar zu küssen.

"Hortense, was trägst Du denn an Deinem Finger, das mich so hart an die
Lippen drückt?" fragte er lachend.

"Es ist mein Diamant, den Du verloren zu haben glaubtest. Ich habe ihn heute Abend in einem Schubfach meiner Toilette wiedergefunden."

Der Graf bewunderte eine so große Nachsicht, und am folgenden Morgen konnte Frau von Soulanges unter den wiedergefundenen Diamanten neue Haare legen, die nicht wieder weggeworfen wurden, wie die früheren.