Siebente Szene
Crescence (kommt unten von links seitwärts der Treppe heraus). Ich komm' über die Dienerstiegen, diese Diener machen nichts als Mißverständnisse. Zuerst sagt er mir, du bittest mich, in den Wintergarten zu kommen, dann sagt er in der Galerie —
Stani. Mamu, das ist ein Abend, wo man aus den Konfusionen überhaupt nicht herauskommt. Ich bin wirklich auf dem Punkt gestanden, wenn es nicht wegen ihr gewesen wäre, stante pede nach Haus zu fahren, eine Dusche zu nehmen und mich ins Bett zu legen. Ich vertrag' viel, aber eine schiefe Situation, das ist mir etwas so Odioses, das zerrt direkt an meinen Nerven. Ich muß vielmals bitten, mich doch jetzt au courant zu setzen.
Crescence. Ja, ich begreif' doch gar nicht, daß der Onkel Kari hat weggehen können, ohne mir auch nur einen Wink zu geben. Das ist eine von seinen Zerstreutheiten, ich bin ja desperat, mein guter Bub'.
Stani. Bitte mir doch die Situation etwas zu erklären. Bitte mir nur in großen Linien zu sagen, was vorgefallen ist.
Crescence. Aber alles ist ja genau nach dem Programm gegangen. Zuerst hat der Onkel Kari mit der Antoinette ein sehr agitiertes Gespräch geführt —
Stani. Das war schon der erste Fehler. Das hab' ich ja gewußt, das war eben zu kompliziert. Ich bitte mir also weiter zu sagen!
Crescence. Was soll ich ihm denn weiter sagen? Die Antoinette stürzt an mir vorbei, ganz bouleversiert, unmittelbar darauf setzt sich der Onkel Kari mit der Helen —
Stani. Es ist eben zu kompliziert, zwei solche Konversationen an einem Abend durchzuführen. Und der Onkel Kari —
Crescence. Das Gespräch mit der Helen geht ins Endlose, ich komm' an die Tür — die Helen fällt mir in die Arme, ich bin selig, sie lauft weg, ganz verschämt, wie sich's gehört, ich stürz' ans Telephon und zitier' dich her!
Stani. Ja, ich bitte, das weiß ich ja, aber ich bitte, mir aufzuklären, was denn hier vorgegangen ist!
Crescence. Ich stürz' im Flug durch die Zimmer, such' den Kari, find' ihn nicht. Ich muß zurück zu der Partie, du kannst dir denken, wie ich gespielt hab'. Die Mariette Stradonitz invitiert auf Herz, ich spiel' Karo, dazwischen bet' ich die ganze Zeit zu die vierzehn Nothelfer. Gleich darauf mach' ich Renonce in Pik. Endlich kann ich aufstehen, ich such' den Kari wieder, ich find' ihn nicht! Ich geh' durch die finstern Zimmer bis an der Helen ihre Tür, ich hör' sie drin weinen. Ich klopf' an, sag' meinen Namen, sie gibt mir keine Antwort. Ich schleich' mich wieder zurück zur Partie, die Mariette fragt mich dreimal, ob mir schlecht ist, der Louis Castaldo schaut mich an, als ob ich ein Gespenst wär. —
Stani. Ich versteh' alles.
Crescence. Ja, was, ich versteh' ja gar nichts.
Stani. Alles, alles. Die ganze Sache ist mir klar.
Crescence. Ja, wie sieht er denn das?
Stani. Klar wie's Einmaleins. Die Antoinette in ihrer Verzweiflung hat einen Tratsch gemacht, sie hat aus dem Gespräch mit dem Onkel Kari entnommen, daß ich für sie verloren bin. Eine Frau, wenn sie in Verzweiflung ist, verliert ja total ihre Tenue; sie hat sich dann an die Helen heranfaufiliert und hat einen solchen Mordstratsch gemacht, daß die Helen mit ihrem Fumo und ihrer pyramidalen Empfindlichkeit beschlossen hat, auf mich zu verzichten, und wenn ihr das Herz brechen sollte.
Crescence. Und deswegen hat sie mir die Tür nicht aufgemacht!
Stani. Und der Onkel Kari, wie er gespürt hat, was er angerichtet hat, hat sich sofort aus dem Staub gemacht.
Crescence. Ja, dann steht die Sache doch sehr fatal! Ja, mein guter Bub', was sagst du denn da?
Stani. Meine gute Mamu, da sag' ich nur eins, und das ist das einzige, was ein Mann von Niveau sich in jeder schiefen Situation zu sagen hat: man bleibt, was man ist, daran kann eine gute oder eine schlechte Chance nichts ändern.
Crescence. Er ist ein lieber Bub', und ich adorier ihn für seine Haltung, aber deswegen darf man die Flinten noch nicht ins Korn werfen!
Stani. Ich bitte um alles, mir eine schiefe Situation zu ersparen.
Crescence. Für einen Menschen mit seiner Tenue gibt's keine schiefe Situation. Ich such' jetzt die Helen und werd' sie fragen, was zwischen jetzt und dreiviertel zehn passiert ist.
Stani. Ich bitt' inständig —
Crescence. Aber mein Bub', er ist mir tausendmal zu gut, als daß ich ihn wollt einer Familie oktroyieren und wenn's die vom Kaiser von China wär'. Aber anderseits ist mir doch auch die Helen zu lieb, als daß ich ihr Glück einem Tratsch von einer eifersüchtigen Gans, wie die Antoinette ist, aufopfern wollte. Also tu' er mir den Gefallen und bleib' er da und begleit er mich dann nach Haus, er sieht doch, wie ich agitiert bin. (Sie geht die Treppe hinauf, Stani folgt ihr.)