Zweite Szene
Stani und Hechingen treten herein, hinter jedem ein Diener, der ihm Überrock und Hut abnimmt.
Stani (grüßt im Vorbeigehen den berühmten Mann). Guten Abend Wenzel, meine Mutter ist da?
Kammerdiener. Sehr wohl, Frau Gräfin sind beim Spiel. (Tritt ab, ebenso die andern Diener.)
Stani (will hinaufgehen).
Hechingen (steht seitlich an einem Spiegel, sichtlich nervös).
(Ein anderer Altenwylscher Diener kommt die Treppe herab.)
Stani (hält den Diener auf). Sie kennen mich?
Diener. Sehr wohl, Herr Graf.
Stani. Gehen Sie durch die Salons und suchen Sie den Grafen Bühl, bis Sie ihn finden. Dann nähern Sie sich ihm unauffällig und melden ihm, ich lasse ihn bitten auf ein Wort, entweder im Eckzimmer der Bildergalerie oder im chinesischen Rauchzimmer. Verstanden? Also was werden Sie sagen?
Diener. Ich werde melden, Herr Graf Freudenberg wünschen mit seiner Erlaucht privat ein Wort zu sprechen, entweder im Eckzimmer —
Stani. Gut.
Diener (geht).
Hechingen. Pst, Diener!
Diener (hört ihn nicht, geht oben hinein).
Stani (hat sich gesetzt).
Hechingen (sieht ihn an).
Stani. Wenn du vielleicht ohne mich eintreten würdest? Ich habe eine Post hinaufgeschickt, ich warte hier einen Moment, bis er mir die Antwort bringt.
Hechingen. Ich leiste dir Gesellschaft.
Stani. Nein, ich bitte sehr, daß du dich durch mich nicht aufhalten laßt. Du warst ja sehr pressiert herzukommen —
Hechingen. Mein lieber Stani, du siehst mich in einer ganz besonderen Situation vor dir. Wenn ich jetzt die Schwelle dieses Salons überschreite, so entscheidet sich mein Schicksal.
Stani (enerviert über Hechingens nervöses Auf-und-ab-Gehen). Möchtest du nicht vielleicht Platz nehmen? Ich wart' nur auf den Diener, wie gesagt.
Hechingen. Ich kann mich nicht setzen, ich bin zu agitiert.
Stani. Du hast vielleicht ein bissel schnell den Schampus hinuntergetrunken.
Hechingen. Auf die Gefahr hin, dich zu langweilen, mein lieber Stani, muß ich dir gestehen, daß für mich in dieser Stunde außerordentlich Großes auf dem Spiel steht.
Stani (während Hechingen sich wieder nervös zerstreut von ihm entfernt). Aber es steht ja öfter irgend etwas Seriöses auf dem Spiel. Es kommt nur darauf an, sich nichts merken zu lassen.
Hechingen (wieder näher). Dein Onkel Kari hat es in seiner freundschaftlichen Güte auf sich genommen, mit der Antoinette, mit meiner Frau, ein Gespräch zu führen, dessen Ausgang wie gesagt —
Stani. Der Onkel Kari?
Hechingen. Ich mußte mir sagen, daß ich mein Schicksal in die Hand keines nobleren, keines selbstloseren Freundes —
Stani. Aber natürlich — Wenn er nur die Zeit gefunden hat?
Hechingen. Wie?
Stani. Er übernimmt manchmal ein bissel viel, der Onkel Kari. Wenn irgend jemand etwas von ihm will — er kann nicht nein sagen.
Hechingen. Es war abgemacht, daß ich im Klub ein telephonisches Signal erwarte, ob ich hier herkommen soll, oder ob mein Erscheinen noch nicht opportun ist.
Stani. Ah. Da hätte ich aber an deiner Stelle auch wirklich gewartet.
Hechingen. Ich war nicht mehr imstande, länger zu warten. Bedenke, was für mich auf dem Spiel steht!
Stani. Über solche Entscheidungen muß man halt ein bissel erhaben sein. Aha! (Sieht den Diener, der oben heraustritt.)
Diener (kommt die Treppe herunter).
Stani (ihm entgegen, läßt Hechingen stehen).
Diener. Nein, ich glaube, seine Erlaucht müssen fort sein.
Stani. Sie glauben? Ich habe Ihnen gesagt, sie sollen herumgehen, bis Sie ihn finden.
Diener. Verschiedene Herrschaften haben auch schon gefragt, seine Erlaucht müssen rein unauffällig verschwunden sein.
Stani. Sapristi! Dann gehen Sie zu meiner Mutter und melden Sie ihr, ich lasse vielmals bitten, sie möchte auf einen Moment zu mir in den vordersten Salon herauskommen. Ich muß meinen Onkel oder sie sprechen, bevor ich eintrete.
Diener. Sehr wohl. (Geht wieder hinauf.)
Hechingen. Mein Instinkt sagt mir, daß der Kari in der Minute heraustreten wird, um mir das Resultat zu verkündigen, und daß es ein glückliches sein wird.
Stani. So einen sicheren Instinkt hast du? Ich gratuliere.
Hechingen. Etwas hat ihn abgehalten zu telephonieren, aber er hat mich herbeigewünscht. Ich fühle mich ununterbrochen im Kontakt mit ihm.
Stani. Fabelhaft!
Hechingen. Das ist bei uns gegenseitig. Sehr oft spricht er etwas aus, was ich im gleichen Augenblick mir gedacht habe.
Stani. Du bist offenbar ein großartiges Medium.
Hechingen. Mein lieber Freund, wie ich ein junger Hund war wie du, hätte ich auch viel nicht für möglich gehalten, aber wenn man seine fünfunddreißig auf dem Buckel hat, da gehen einem die Augen für so manches auf. Es ist ja, wie wenn man früher taub und blind gewesen wäre.
Stani. Was du nicht sagst!
Hechingen. Ich verdank' ja dem Kari geradezu meine zweite Erziehung. Ich lege Gewicht darauf, klarzustellen, daß ich ohne ihn einfach aus meiner verworrenen Lebenssituation nicht herausgefunden hätte.
Stani. Das ist enorm.
Hechingen. Ein Wesen wie die Antoinette, mag man auch ihr Mann gewesen sein, das sagt noch gar nichts, man hat eben keine Ahnung von dieser inneren Feinheit. Ich bitte nicht zu übersehen, daß ein solches Wesen ein Schmetterling ist, dessen Blütenstaub man schonen muß. Wenn du sie kennen würdest, ich meine näher kennen —
Stani (verbindliche Gebärde).
Hechingen. Ich fass' mein Verhältnis zu ihr jetzt so auf, daß es einfach meine Schuldigkeit ist, ihr die Freiheit zu gewähren, deren ihre bizarre, phantasievolle Natur bedarf. Sie hat die Natur der grande dame des XVIII. Jahrhunderts. Nur dadurch, daß man ihr die volle Freiheit gewährt, kann man sie an sich fesseln.
Stani. Ah.
Hechingen. Man muß large sein, das ist es, was ich dem Kari verdanke. Ich würde keineswegs etwas Irreparables darin erblicken, einen Menschen, der sie verehrt, in larger Weise heranzuziehen.
Stani. Ich begreife.
Hechingen. Ich würde mich bemühen, meinen Freund aus ihm zu machen, nicht aus Politik, sondern ganz unbefangen. Ich würde ihm herzlich entgegenkommen: das ist die Art, wie der Kari mir gezeigt hat, daß man die Menschen nehmen muß: mit einem leichten Handgelenk.
Stani. Aber es ist nicht alles au pied de la lettre zu nehmen, was der Onkel Kari sagt.
Hechingen. Au pied de la lettre natürlich nicht. Ich würde dich bitten, nicht zu übersehen, daß ich genau fühle, worauf es ankommt. Es kommt alles auf ein gewisses Etwas an, auf eine Grazie — ich möchte sagen, es muß alles ein beständiges Impromptu sein. (Er geht nervös auf und ab.)
Stani. Man muß vor allem seine tenue zu wahren wissen. Beispielsweise, wenn der Onkel Kari eine Entscheidung über was immer zu erwarten hätte, so würde kein Mensch ihm etwas anmerken.
Hechingen. Aber natürlich. Dort hinter dieser Statue oder hinter der großen Azalee würde er, mit der größten Nonchalance stehen und plauschen — ich mal mir das aus! Auf die Gefahr hin, dich zu langweilen, ich schwör' dir, daß ich jede kleine Nuance, die in ihm vorgehen würde, nachempfinden kann.
Stani. Da wir uns aber nicht beide hinter die Azalee stellen können und dieser Idiot von Diener absolut nicht wiederkommt, so werden wir vielleicht hinaufgehen.
Hechingen. Ja, gehen wir beide. Es tut mir wohl, diesen Augenblick nicht allein zu verbringen. Mein lieber Stani, ich hab' eine so aufrichtige Sympathie für dich! (Hängt sich in ihn ein.)
Stani (indem er seinen Arm von dem Hechingens entfernt). Aber vielleicht nicht bras dessus — bras dessous wie die Komtessen, wenn sie das erste Jahr ausgehen, sondern jeder extra.
Hechingen. Bitte, bitte, wie dir's genehm ist. —
Stani. Ich würde dir vorschlagen, als erster zu starten. Ich komm' dann sofort nach.
Hechingen (geht voraus, verschwindet oben).
Stani (geht ihm nach).