Aus dem Leben eines Gründers.
Ich war im Theater. Eben war der Vorhang gefallen, das Publikum klatschte enthusiastisch Beifall. Frau von Straß hatte in Laube’s „Böse Zungen“ ihren zündenden Monolog gehalten und wurde durch mehrmaligen Hervorruf geehrt.
Noch ganz unter dem Einflusse des herrlich gemalten Zeitbildes, das da vor unsern Augen entrollt worden, bemerkte ich nicht, wie der Logendiener an mich herantrat; erst als er ein versiegeltes Briefchen mir dicht vor die Augen hielt, wandte ich mich um.
„Ein Kellner aus dem Hôtel de Russie wartet auf Bescheid!“ sagte er mir.
Ich erbrach das Schreiben. Es waren die Schriftzüge meines Jugendfreundes Berg, doch zitternd und flüchtig. Er schrieb:
„Eile zu mir; meine Stunden sind gezählt; ich habe Dir wichtige Mittheilungen zu machen!“
Ich griff nach Hut und Stock und folgte dem draußen harrenden Diener.
Aufregende Vermuthungen durchzuckten mein Hirn; wie kommt Berg hierher? fragte ich mich; hat er wieder eine verunglückte Speculation, einen Kampf mit der Regierung? Doch schon war ich vor dem Hotel angelangt.
„Sie werden erwartet, eilen Sie!“ sagte mir am Eingang Professor Sonn; „ich komme soeben von Ihrem Freunde, er ist hoffnungslos.“
Ich flog die Treppe hinan, schon hatte der Diener die Thür geöffnet; ein halblautes, unterdrücktes Stöhnen drang an mein Ohr. Ich schlug die Portieren zum Seitenzimmer zurück und blickte in das matte, halb gebrochene Auge des einst so lebensfreudigen, thatendürstenden Mannes.
Wohl mit einer gewaltigen Schmerzensregung kämpfend, hatte er mich nicht erblickt; ich stand vernichtet; ich hörte mein Herz klopfen und hatte nicht den Muth, eine Frage an den Kranken zu richten, fürchtend, er könne am Ton meiner Stimme meine Gemüthsaufregung und seine Hoffnungslosigkeit erkennen.
Jetzt erhob er den Blick. „Bist Du’s endlich!“ sagte er, mir die matte Hand entgegenstreckend, „o wie freue ich mich, Dich noch einmal zu sehen; seit heute Mittag sende ich schon Boten aus, die Dich weder im Geschäft, noch an der Table d’hôte, noch —“
Er konnte nicht vollenden; angstvoll griff er nach der Herzgegend, als ob da ein Krampf wüthe, der ihn zu ersticken drohte. — Er rang nach Luft; die Hände auf die Brust pressend, röchelte er mit gewaltiger Kraftanstrengung; es sollten Worte sein, doch verstand ich sie nicht zu deuten. „Dort! Nimm!“ brachte er endlich mühsam heraus, mit dem Finger auf ein aufgeschlagenes Buch deutend. Der Krampf schien sich zu legen, er sank ohnmächtig in die Kissen. „Lies!“ hauchte er mit matter Stimme, nachdem er eine Weile geruht. Ich durchblätterte das Buch, es war von seiner Hand geschrieben. „Meine Schicksale!“ begann er mit sichtbarer Anstrengung. „Ich gehe als ein Nichts aus der Welt und weiß doch, daß ich dieser Welt eine übermenschliche Thatkraft geweiht habe. Ich habe Gutes gewollt,“ setzte er nach einer Weile hinzu, „meine Mittel waren edel; ich hatte die Anerkennung von Fürst und Volk — —“
Ein wiederholter Krampfanfall, dann, nach einigen Minuten qualvollen Ringens ein heftiger Blutsturz — Berg lag als Leiche in meinen Armen.
Ich war versteinert; den Kopf des todten Freundes in meinen Händen haltend, saß ich regungslos da; ich fühlte nichts, ich dachte nichts, eine gänzliche Starrheit lähmte mir die Glieder.
„Mein Theodor!“ rang es sich endlich schmerzerfüllt aus meiner Brust empor; ich drückte einen langen Kuß auf die eisig kalte Stirn und weinte bitterlich.
Die Thräne hat eine erlösende Kraft; so selten sie im Auge des Mannes ist, so schwer muß das Schicksal sein, das sie aus ihrem finstern Verließ an’s Licht ruft. Je mehr der Thränen mir in den nun schon silbergrauen Bart rannen, desto mehr Bilder und Erinnerungen, die sich an das Leben des Entschlafenen knüpften, tauchten vor meinem geistigen Auge auf.
Wir hatten die Schulzeit gemeinsam zurückgelegt, hatten als Studenten gezecht und gepaukt, uns gemeinsam in unserer Sturm- und Drangperiode die weitesten Ziele gesteckt und sie zu erreichen geglaubt, im Mannesalter redlich gerungen um die höchsten Güter der Menschheit, um Familienglück und Völkerwohl, und nun —
Wieder überlief es mich eiskalt. Ich legte das Haupt des müden Kämpfers zurück in die Kissen, säuberte meine Kleider und griff nach dem Vermächtniß des Jugendfreundes. Er schrieb:
Mein Karl!
Ich habe heute nach sechsmonatlicher Untersuchungshaft das Gefängniß verlassen; der Arzt erklärt mir, daß ich mich rüsten möge, in die große Armee einzutreten; vielleicht gibt mir der Herr der Heerschaaren, ehe er mich als treuen Recruten mit obligatem Eide verpflichtet, noch Zeit und Kraft, Einiges zu erzählen, das Klarheit und Wahrheit in ein viel angefeindetes, oft absichtlich verkanntes, oft schnöde beurtheiltes Leben bringen wird. Ich fühle mich zwar unendlich schwach; der Mangel jeden Comforts, die ungesunde Luft im Gefängnißraum, schlechte Kost haben den ohnehin verwöhnten und kranken, der besten Pflege bedürftigen Körper zum Siechthum gebracht.
Was liegt daran? — Ich hatte meine Mission erfüllt, oder zu erfüllen geglaubt; nicht Eigennutz, Du weißt es, war die Triebfeder meines Handelns. Millionen flossen durch meine Hände, für mich blieb nur, was ich als anständiger Privatmann nöthig hatte. Fürsten und Herzoge verkehrten bei mir, ich blieb wer ich war, der einfache Industrielle, der als solcher stolz auf seine Verdienste war und Adelsdiplom und Orden von sich wies.
Als Du vor zwei Jahren in B. mein Gast warst, stand ich im Zenith meiner Thätigkeit. Von da ging es rasend bergab; ich verlor, was ich mühsam erworben, Geld läßt sich zwar verschmerzen, es kommt auch wieder, aber, was mich tiefer drückte, meine redlichen, nur auf das Gemeinwohl gerichteten Bestrebungen wurden verdächtigt; wo ich, um wohlzuthun, Geld mit vollen Händen ausstreute, da hieß es: eitele Prahlerei. Ich konnte nun einmal nicht einsehen, daß Tausende darben sollten, damit Einer genieße. Du weißt, ich ließ damals, als der Prinz X. sich bei mir ansagte und in Folge dessen schon Einladungen an die haute finance und Adelsgesellschaft ergangen waren, plötzlich unter dem Vorwande, meine Frau sei erkrankt, absagen; man hatte mir die Berechnung des Festes auf dreitausend Thaler gemacht; diese Ausgabe, angesichts der allgemeinen Arbeitslosigkeit und grimmigen Kälte, die Tausende armer Menschen vor Frost umkommen ließ, schien mir zu groß für die Freuden einer Ballnacht. Ich legte eine gleiche Summe dazu und gab Auftrag Holz an die Armen der Residenz vertheilen; die mir entstehenden kleinen häuslichen Zwistigkeiten meiner Frau, die sich auf den glänzenden Ball piquirt hatte, ließen mich diesmal kalt; mir war es im Herzen so herrlich warm, dachte ich daran, wie die Eisblumen an den Fenstern der Armen vor der belebenden Gluth des Ofens schwanden, die steifen Glieder sich wieder bewegen lernten, und Tausende, ohne zu wissen, wer ihnen wohlgethan, des Wohlthäters dankend gedachten.
Ja, Karl, dieser leidige Idealismus trieb mich mancher „Thorheit“, wie es die Leute nennen, in die Arme. Warum hat auch der Mensch ein Herz, das Theil nimmt an den Leiden und Freuden seiner Mitmenschen? — Und doch könnte ich heute von Neuem mein Leben beginnen, ich würde von Neuem so anfangen. Es gibt Irrungen, die so süß sind, daß man viel Bitteres in den Kauf nehmen und doch sagen kann: „Das Leben ist werth, gelebt zu werden!“
Zwei unheilvolle Jahre trennen uns. Höre also! Ich hatte damals den Adel refüsirt; Du weißt, ich verachte Alles, was äußerlich ist. Innerlich fühlte ich mich jedem Adeligen mindestens vollkommen ebenbürtig, wozu der Tand also? Das konnte man mir bei Hofe nicht verzeihen. Der Kronprinz hatte mir zuvor seinen Besuch anzeigen lassen, angeblich wollte er meine Gemäldegalerie in Augenschein nehmen, er kam hernach nicht; meine finanziellen Unternehmungen wurden in den der Regierung ergebenen Blättern einer strengen Kritik unterzogen; man konnte mich nicht direct angreifen, doch man unterminirte das feindliche Terrain. Meine Freunde, o ja, ich hatte deren, machten mich aufmerksam, jener bedeutsamen Großmacht, „öffentliche Meinung“ genannt, mehr Beachtung zu schenken. Ich, im Vollgefühle dessen, was ich zur Hebung des Volkswohls gethan, zuckte verächtlich die Achseln. Hätte ich, durch den Tausende und abermals Tausende an allen Grenzen des Vaterlandes Arbeit und Fortkommen gefunden, erst um die Gunst Einzelner buhlen sollen, damit ich richtig beurtheilt würde? Ich verachtete das elende Zeitungsgeschwätz, ignorirte die Weitschweifigkeit, mit der einzelne Volksredner, die nach Popularität rangen, meine Unternehmungen mit der Leuchte ihres beschränkten Unterthanenverstandes kritisirten. Doch so sehr ich mich selbst überzeugt hielt, nur das Rechte und Gute zu wollen, es kam bald eine Zeit, da ich selbst meine Nächsten nicht davon überzeugen konnte. Meine Gattin zeigte sich, je mehr die Wogen der allgemeinen Unbill mich umdrängten, um so kälter und gefühlloser; sie hielt mich heute für einen waghalsigen Speculanten, morgen für einen hirnlosen Phantasten, kurz, wenngleich ich ein verständnißvolles Eingehen auf meine Intentionen nie bei ihr gekannt habe, so hätte ich doch gern nach des Tages Arbeit und Anfeindungen ein herzliches Entgegenkommen von ihr gewünscht; sie war kalt und rücksichtslos. Ich war der arme, reiche Mann, der Tausenden ein Heim bereiten konnte und selbst keines besaß. Ella konnte mir nicht verzeihen, daß ich die Gunst des Hofes verscherzt; als künftige Freifrau hätte sie sich vielbeneidet gesehen! Ihrer Phantasie war alles Bürgerliche bereits entfremdet; das Tafelservice, die Livreen für die Dienerschaft, Alles war schon mit Kronen und Wappen bestellt worden, und da begeht der „tölpelhafte Bourgeois“ die Lächerlichkeit, die Auszeichnung von sich zu weisen! Es war auch zu tölpelhaft!
Eines Morgens warte ich vergeblich, Madame beim Kaffee erscheinen zu sehen; ich habe schon diverse Zeitungen durchblättert, hier und dort das Damoklesschwert über meinen waghalsigen Unternehmungen hängen sehen — man hatte in Volksversammlungen gewarnt, sich an Emissionen, die meinen Namen tragen, zu betheiligen — doch das Alles sollte mir meinen Morgenimbiß nicht stören; ich gehe, um nicht länger zu warten, in Madames Boudoir, sie zu bitten, den Kaffee mit mir zu nehmen, da finde ich statt ihrer ein Billet und die Zofe sagt mir, die gnädige Frau sei diesen Morgen 7 Uhr verreist. Ich öffne das Billet.
„Mein Herr! Sie können nicht verlangen, nachdem ich nun jahrelang ihr abenteuerliches Leben getheilt, daß ich demselben ferner meine Jugend und Lebensfreude opfere. Ich lebe um zu genießen, zu glänzen; Ihre philisterhaften Marotten müssen Sie in’s Unglück stürzen; ich mag es nicht theilen. Baron L. bietet mir Herz und Hand; willigen Sie in die Scheidung, ich bitte Sie darum; mein Platz ist nicht an Ihrer Seite. Ich habe kein Verständniß für Ihre Bestrebungen. Sie nicht für die meinigen. Lassen Sie uns gute Freunde bleiben!
Ella.“
Das war mehr, als ich erwarten konnte. Ella war damals, als ich sie im Hause des Dr. Werther, der sie zur Bühne vorbereiten sollte, kennen lernte, ein armes, adeliges Fräulein; wohl hatte ich sie dem Hang zur Bühne abspenstig gemacht, die komödienhaften Anwandlungen ließen sich jedoch nicht betäuben. Ihre Schönheit, ihre Liebenswürdigkeit fesselten mich; sie hatte eine gute Komödie mit mir gespielt, denn kaum war sie meine Gattin, so war ich nur noch gut genug, Schenkungen auf ihren Namen eintragen zu lassen. Daß ich Rechte auf ihre Treue, ihre Hingebung habe, erschien ihr lächerlich; bei so gewagten Unternehmungen, wie ich sie führe, wiederholte sie mir oft, sei es meine Pflicht, ihre Zukunft sicher zu stellen. Das that ich in der besten Absicht. Am Tage, als sie mich verließ, hatte sie wohl ein Vermögen von sechzigtausend Thalern.
Ich stand wie vernichtet. Eine so raffinirte Betrügerin jahrelang an meiner Seite geduldet, ihr meinen Namen gegeben zu haben, das empörte mich. Meinem Herzen war Ella nie das, was ich erwartet. Sie war arm und hilflos, als ich mich ihrer annahm; ich glaubte ihre Seele zu mir empor zu ziehen, sie der meinigen zu vermälen. Nach all der Last der Tagesgeschäfte sehnte ich mich nach einem hingebenden, treuen Weibe, ich fand eine gefallsüchtige, von Anbetern umgebene Coquette. Doch das wird Dir damals schon nicht entgangen sein. Was aber angesichts dieses Briefes thun? Auf keinen Fall einwilligen! tönte es in mir.
Ich antwortete: „Madame! Sie halten mich für einen einfältigen Narren. Sie irren! Ich fordere Sie auf, unverzüglich zurückzukehren; meine Achtung haben Sie verscherzt, ein öffentlicher Scandal würde Sie entehren.“ Ich sandte diesen Brief in die Wohnung des Baron L.
Madame kam nicht; statt ihrer ein Brief mit Drohungen niedrigster Art. Wolle ich ihr nicht die Freiheit geben, so werde sie Enthüllungen an maßgebender Stelle machen, die mich vernichten müßten; die Documente seien in ihren Händen.
Ich hatte in der That in letzter Zeit bemerkt, daß sie unter meinen Privatpapieren herumgestöbert; ich wußte auch, daß ein Brief des Herzogs U., in dem er mir seine Betheiligung an der neuen Eisenbahnstrecke nach W. zusagt, falls ich seinen Namen mit zwanzigtausend Thalern kaufen wolle, abhanden gekommen sei. Hatte sie ihn? fragte ich mich. Und wenn selbst! Was konnte jener Brief beweisen? Weder daß ich ein ähnliches Anerbieten gefordert habe, noch darauf eingegangen sei. Es war nichts Neues, daß man Namen hoher Persönlichkeiten an die Spitze neuer Unternehmungen stellte, um diese dadurch besser zu accreditiren. Meine Unternehmungen waren durchwegs gesund und auf streng rechtlicher Basis erbaut; ich hatte derartige Kunstgriffe nicht nöthig, konnte also der Verdächtigung ruhig in’s Auge sehen. Doch wie schmerzte es mich, daß diese Verdächtigung gerade von meinem Weibe ausging! Wer hoch steht, ist allen Blicken ausgesetzt, hat Neider und Feinde; das sollte ich jetzt Schlag auf Schlag erfahren. Die mise-en-scène war gut ausgedacht. Sie verschmähe es, den schwindelhaft erworbenen Reichthum des Parvenüs zu theilen, die Ehre ihres unbefleckten Stammbaumes auf’s Spiel zu setzen, dann die einem befreundeten Anwalt, der gleicherzeit Parlamentsmitglied ist, geschickt in die Hände gespielten Verdachtsmotive von unlauteren Speculationen, dazu die Gährung in der öffentlichen Meinung, die bei jedem Geschäftsabschluß gleich eine Gründung auf trügerischem Untergrunde wähnte, kurz — was ich noch vor einem Monat für unmöglich gehalten, geschah. — Das Vertrauen zu meinen Unternehmungen war erschüttert; hier Verdächtigung, dort öffentlicher Angriff, ja, jener Freund Ella’s wagte selbst im Parlamente einen beziehentlich sehr deutlichen Speech loszulassen — ich fühlte, wie mir der Boden unter den Füßen wankte. Mehrere Zeichnungen wurden gleich an der Börse zurückgezogen, unsere Eisenbahnpapiere sanken von Tag zu Tag, da — pour comble de malheur, kam von Wien her jene Unglückskatastrophe, die das öffentliche Vertrauen vollständig lahm legte — der Krach. Vierzehn Selbstmörder in Einer Woche dort an der schönen blauen Donau! Sie Alle fuhren einst auf Gummirädern, hatten ihre Logen in der Oper, hatten die Elite-Bälle besucht und — nun? Was hielt mich noch am Leben, nachdem ich Häuslichkeit, Vertrauen, Glück und Frieden verloren? Das Bewußtsein, recht gehandelt zu haben, mich nicht mit jenen Glücksrittern in eine Kategorie stellen zu dürfen, die feige untersanken, als die Wogen über ihren Köpfen zusammenstürzten. Durch Sturm und Brandung wollte ich mir einen Weg bahnen und zeigen, daß meine Unternehmungen lebenskräftig seien und sich behaupten müssen. Das Geld der Armen, der Schweiß des Bürgers, schrie man, klebe an jenen Gründungen, der Fluch der Mit- und Nachwelt werde sie begleiten.
Weißt Du, was schlaflose Nächte sind? Ich lernte ihre Qualen damals kennen. — Den Kopf voll großartiger Pläne, die Hunderte beglücken mußten, sah ich meine Thätigkeit lahm gelegt, das Begonnene in Schutt sinken. Wenn dann mein Hirn die dünne Schale zu zersprengen drohte, griff ich voll unsäglichen Wehes nach dem Herzen; o Du weißt es, Karl; ich hätte einst die ganze Welt mit meinen Plänen beglücken mögen, mein Herz fühlte den Pulsschlag der Menschheit und wollte sich ihm einen; heute glich es einem ausgebrannten Krater. Und doch wußte ich, daß ich noch leben müsse; Tausende hatten ihr Hab und Gut in meinen Gründungen angelegt, für sie hatte ich als Anwalt aufzutreten und meine ganze Kraft einzusetzen, trotz der gesunkenen Course das Ansehen und die Achtung vor meinen Unternehmungen herzustellen. Ja, das hieß gegen den Strom schwimmen!
Drüben, im Lager meiner Feinde, stand jenes Weib, das, da sie meine Unnachgiebigkeit erkannt, nun Pfeil auf Pfeil gegen mich abschoß. Mein Comptoirchef war mit dem Tage, da sie mein Haus verließ, aus dem Geschäfte entlassen; ich wußte, daß er ihr wichtige Papiere überliefert hatte; auch er war nur ein williges Werkzeug in den Händen Derer, die auf meinen Ruin lossteuerten.
O, was ist Dankbarkeit, Pflichtgefühl! Leonhard kam vor Jahren zu mir elend, dürftig; er war seit Monaten ohne Stellung und hatte eine arme kranke Mutter, die auf seine Hilfe angewiesen war. Ich hatte zwar keine Vacanz, doch mochte ich ihn nicht fortschicken. Hundertfünfzig Leute arbeiteten auf meinem Bureau, da konnte auch er noch Verwendung finden. Ich gab ihm einen Vorschuß von dreißig Thalern und stellte ihn mit fünfhundert Thalern Gehalt an. Er erwies sich brauchbar und hatte nach Jahresfrist tausend Thaler. Ich liebe Rührscenen nicht, aber noch heute wird mir das Auge feucht, gedenke ich jener Stunde, da seine alte Mutter im Gefühl überschwänglichen Dankes zu mir in’s Zimmer wankte, mir die Hände küssen wollte, mich den Wohlthäter ihres Lebens nannte und Gott weiß, was noch.
Ich glaubte mir in Leonhard einen Menschen heranbilden zu können, der mich verstände und in meinen Intentionen handeln sollte. Ich stellte ihn pecuniär gut, denn er mußte repräsentiren, sollte er Einfluß haben.
Aus der elenden Dachkammer war er mit seiner Mutter in eine glänzende Etage in der Behrenstraße gezogen; er hatte reichliche Tantièmen und so oft ich ihm Zulage machte, versicherte er mir seine unbegrenzte Dankbarkeit. Ich wähnte der Begründer seines Glückes zu sein und ich muß es im Gefühl einer gewissen Selbstüberhebung gestehen, es schmeichelte mir, „Glück ausstreuen“ zu können; noch mehr aber galt mir vielleicht das Bewußtsein, mir einen Menschen durch die Bande der Dankbarkeit zu ewiger Treue verpflichtet zu haben.
Ja, wo blieb die Treue? Meinen Widersachern theilte er meine geheimen Verbindungen und Correspondenzen mit, um sich für den plötzlichen Abschied zu rächen; man sondirte und wußte durch Bestechungen Zeugen gegen mich aufzustellen, die zu jeder Aussage bereit waren. Ich mußte verkaufen, mit Schaden verkaufen, um mich behaupten zu können. Ein langwieriger Proceß entspann sich; ich wollte mein eigener Anwalt sein, und in der Aufregung der gegen mich geschleuderten Anklagen vernachlässigte ich mein Geschäft. Fall folgte auf Fall; ich hatte den klaren Blick, das persönliche Vertrauen verloren; das Chaos brach über mir zusammen. Häuser kamen zur Subhastation, angefangene Bauten konnten nicht vollendet werden, mehrere Eisenbahnlinien, zu denen schon die Concession erlangt war, sanken im Cours, Alles sank — nur der Proceß wuchs riesengroß über meinem Haupte zusammen.
Ich hustete schon während des ganzen Sommers; innere und äußere Aufregungen hatten Körper und Seele erschüttert. Der Arzt wünschte, daß ich den Winter in einem milden Klima zubrächte; das hätte einer Flucht ähnlich gesehen. Nein, ich wollte das Wrack aus dem Sturm retten; der Steuermann muß bei seinem Schiffe bleiben. —
Ich warf Blut aus, mein Aussehen war in wenigen Wochen ein auffallend anderes; dennoch fand ich keine Zeit, an mich zu denken.
Da kam die Untersuchungshaft; man fürchtete, ich werde flüchtig werden, man wollte sich meiner Person vergewissern.
Der Polizeichef S., der sonst ein gerngesehener Gast bei unseren Soireen war, hatte das traurige Amt, mich abzuführen. Er ließ es mich einen Tag zuvor wissen; ich hätte entfliehen können; ich verachtete es. Meine Freunde drangen in mich, sie beschworen mich bei meiner zerrütteten Gesundheit; umsonst, ich blieb fest. Welchen Werth hatte das Leben noch für mich? Meine Schuldlosigkeit mußte und sollte zu Tage kommen, und wenn dann für mich die ewige Nacht kam, so war mir wohl. —
Polizeirath S. fuhr gegen 7 Uhr bei mir vor; ich folgte ihm. Als wir das Opernhaus passirten, stieg eben eine fein gekleidete Dame, auf den Arm des Baron L. gestützt, aus einer eleganten Equipage. Ich kannte sie. Drinnen spielte man eben das Vorspiel zu Wagners „Meistersingern“. Es war die Erstlingsvorstellung; sie durfte nicht fehlen.
Wir fuhren an der Börse vorbei; ein Schauer packte mich; dann weiter der Vorstadt zu; ich kannte dort manches Haus, in dem gute Menschen wohnten, denen ich in meinen glücklichen Tagen Stütze und Trost gewesen, die mich als ihren Erretter aus Noth und Elend verehrten; mir wurde wärmer um’s Herz — ich wußte doch, daß ich nicht umsonst gelebt habe. — Nun eine lange Reise an die Grenze des Landes.
Freund, wer wie ich gereist, in eleganten Schlafcoupés mit Diener und Freund, dem wird es im engen Polizeiwagen unbequem. Die Nacht war kalt; der Husten peinigte mich, ich wollte mich ausstrecken, wollte ruhen, doch nein, die Nothwendigkeit machte mir es klar — ich reiste als Gefangener.
Endlich schloß ein wohlthätiger Schlaf die matten Augen. Ich träumte. Da sah ich sie strotzend von Brillanten am Arme des Baron L. im Foyer des Opernhauses auf und ab promeniren; die jungen Offiziere setzten die Lorgnons auf, um sie besser zu fixiren, die alten Roués drückten ihr freundschaftlich die Hand — Madame war interessant geworden, sie war à la mode. — Die Frau des Gründers mochte sie nicht sein, sie war die Maitresse des Barons. Da plötzlich fuhr ich wild auf. Noch war sie nach allen Gesetzen meine Gattin; konnte ich sie nicht zwingen, zu mir zurückzukehren?
Doch wer war ich? Ein Gefangener! Der Plan war sehr schlau, teuflisch schlau in Scene gesetzt.
Nein, rief es in mir, und wenn sie jetzt fußfällig meine Verzeihung erflehen wollte, ich konnte ihr nicht vergeben, sie nie wieder an meiner Seite sehen. Ein Weib ohne Herz ist der Teufel in Menschengestalt; hatte ich sie bis jetzt nur verachtet, so begann ich sie zu hassen. In einem Anfall von Wuth beneidete ich die Barbaren, die, ohne sich Convenienzen und Formeln fügen zu müssen, dreinschlagen und in dem Augenblick der Wuth auch ihre Rache austoben lassen können. Ja, rächen wollte ich mich an jenem feigen Gesindel, das einst an den Rädern meines Glückswagens gezogen, mich verwöhnt, umschmeichelt, hofirt hatte, und das nun, da der Glückswagen ein elender Karren geworden, mich in Elend und Verzweiflung umkommen läßt.
Ich war also in der entfernten Grenzstadt D., wo ich während meiner Untersuchungshaft bleiben sollte, angelangt. Ein Zimmer ohne jeglichen Comfort wurde mir angewiesen. Der Diener meines Hauswarts hatte bei mir eine behaglichere Einrichtung. Ein Sopha, dessen Sitz schon mehr einem wattirten Brette glich, ein Spiegel, einen Fuß hoch und dito breit, zwei wackelige Stühle, ein elendes Bett, ein dreibeiniger Tisch aus Methusalem’s Zeiten, das war mein Mobilar.
Ihr habt oft über den Luxus in meinem Hause gespöttelt; wahrlich, er war mir nicht Bedürfniß, nicht einmal sympathisch. Ella liebte ihn und schaffte wohl Manches an, das eben sonst nur Fürstlichkeiten erlaubt zu sein pflegt; ich hatte nichts dagegen; „man muß die Industrie unterstützen“, sagte ich mir; wenn jeder Reiche das Geld im Geldkasten verschließen wollte, wie sollten Handel und Gewerbe blühen? L’argent veut circuler!
Aber welcher Abstand von jenem „Zuviel“ bis zu dieser Dürftigkeit!
Gleich in der ersten Nacht hatte ich einen Hustenanfall, wie ich ihn vorher nicht gekannt. Die Brust preßte sich mir zusammen; ich rang nach Athem, glaubte mich dem Ersticken nahe. In meiner Angst riß ich die Fenster auf, ich rief nach Hilfe — keine Menschenseele antwortete. Unten hörte ich das Gekläff des Wachthundes; voilà tout. Seit langen Jahren empfand ich zum ersten Male, was es heißt: „Allein sein!“
Der Anfall ging vorüber, doch wünschte ich am folgenden Tage einen Arzt. Dieser, ein Doctor Streit, musterte mich, als ich ihm meinen Namen nannte, mit eigenem Blick; im Laufe des Gesprächs sagte er mir, daß auch er Papiere der Nordbahn gekauft und nun die Hälfte beim Umsatz verloren habe. Es klang wie eine Art Vorwurf, ja, an seiner gänzlichen Theilnahmslosigkeit sah ich, daß er es fast für Pflicht hielt, den Mann, der ihm Schaden verursacht, dafür büßen zu lassen. Medicamente seien nicht nöthig, sagte er, einen Wärter oder Diener, den ich wünschte, hielt er für überflüssig; ein leichter Hustenanfall führe nicht gleich zum Erstickungstod. Leider war es so.
Du weißt, mit welcher Umständlichkeit man bei uns Processe führt! O, es war zum Verzweifeln! Da saß ich nun in meinen vier Pfählen voll des unersättlichen Thaten-, ja Rachedurstes und konnte Nichts thun, als abwarten. Fehlt bei finanziellen Unternehmungen die leitende Hand, so ist oft Alles verloren; ohne Selbstüberhebung wußte ich, daß ich die Seele jener Schöpfungen war, die ich angeregt. — Störe den Pulsschlag des Herzens und es steht still, der Organismus ist todt; vernichte die treibende Kraft, die Triebfeder eines jeden größeren Werkes, es steht still. Ja, Alles stand still, nur ich rannte wie wüthend gegen die Mauern meiner Zelle, als wollte ich mein Gehirn zersprengen.
Ella ließ mich durch ihren Anwalt mit der Scheidungsklage peinigen; sie drohte mit weiterer Denunciation, falls ich sie nicht frei gäbe. Ich schäumte vor Wuth ob solcher Verworfenheit. Das Weib, das einst schmeichelnd in meinen Armen geruht, deren Wunsch mir Befehl war, der ich mein geheimstes Denken und Wünschen anvertraut, sie konnte so gesunken sein?
Noch eben mit diesen Ideen beschäftigt, hörte ich, wie an der Thür meines Zimmernachbars gepocht wurde. Er war ein Kaufmann aus der Provinz, der des betrügerischen Bankerotts angeklagt war. Ich hörte, wie er die Thür öffnete. — Ein Freudenschrei, ein langer, inniger Kuß. Ich wußte genug. Beschämt, wie ein Bettler wandte ich mich von jener Thür, an der ich soeben gelauscht. Drüben eine Scene innigsten Familienglücks, hier die Qualen der Einsamkeit. Zu mir kam keine theilnehmende, tröstende Gattin bis in die Kerkerzelle; ich war verlassen, elend. Nie habe ich die ganze Schwere meines Geschicks so furchtbar empfunden wie in jener Stunde.
Was ist aller Reichthum der Welt im Vergleich mit einer Menschenseele, die uns gehört, die uns treu bleibt in Nacht und Elend, die uns umfangen hält und wenn eine ganze Welt in Waffen entgegensteht. O Karl, ich breitete meine Arme aus, als müsse ich ein Wesen umfassen, an dessen Herzen ich mich ausweinen konnte; die Arme fielen schwer und matt hernieder, ich war allein.
Drüben ging endlich die Thür. „Habe tausend Dank, Du Gute,“ hörte ich meinen Nachbar sagen, „Du hast mich heut glücklicher gemacht, wie je in den glücklichsten Tagen.“ Sie hielten sich wohl noch lange umfangen; endlich vernahm ich: „Lebe wohl, es muß geschieden sein!“ Die Frau ging einige Schritte der Treppe zu, doch nochmals und nochmals kehrte sie zurück; endlich kam der Aufseher und bemerkte, daß die Stunde abgelaufen sei. Ja wohl, dem Glücklichen schlägt keine Stunde!
„Grüß mir die Kinder!“ rief er ihr nach. Die Thür schloß sich. Die Kinder! Welche Welt der Empfindungen durchwogte meinen Busen. Für wen hatte ich mich gemüht? Jahrelang war es der innigste Wunsch meines Herzens, ein trautes Kinderauge mir zulächeln zu sehen; ich glaubte das Schicksal, das mir diesen heißesten Wunsch unerfüllt ließ, versöhnen zu müssen, indem ich für die Kinder der Armen Gold mit vollen Händen ausstreute. Hunderte erhielten durch mich Kleidung, Unterricht, Versorgung — unser Haus blieb kinderlos.
Heute danke ich meinem Schöpfer, daß es so gekommen. Was wäre aus den Kindern einer solchen Mutter geworden? Man sagt, es liege im Blut, daß sich ein Mensch gerade so und nicht anders entwickeln müsse. Ich glaube es. Weder persönliche Einsicht, noch Erziehung, noch die treffendsten Vernunftgründe können einen Menschen von der abschüssigen Bahn abbringen, wenn ihn eine innewohnende Kraft zwingt; es giebt ewige Naturgesetze, gegen die kein Kampf zum Sieg verhilft.
An mir fühlte ich, daß meine physischen Kräfte diesen Gesetzen verfallen waren. Ich war nicht mehr ich selbst. Es ist schauerlich, den Tod langsam, tappend, doch sicher heranschleichen zu sehen. Ja, ich sehe ihm in’s Auge, doch ohne Grauen. Die Beweise meiner Schuldlosigkeit häufen sich, alle Verdachtsgründe sind beseitigt, meine Freilassung muß in den nächsten Tagen erfolgen. Der unbefleckte Name ist gewahrt, und ein erfahrungs- und thatenreiches Leben, in dem ich viel genützt, liegt hinter mir. Ich wandere nicht nach B. zurück; ich habe Ordre gegeben, Alles zu realisiren und mit dem Erlös die Forderungen zu decken. Zu Dir, mein Jugendfreund, will ich kommen; ich bedarf des Freundes. Vielleicht, wenn ich einige Zeit unter guten Menschen geweilt und Körper und Geist gekräftigt ist, kann ich mich wieder den Geschäften widmen; doch ich fürchte fast, daß dies eine trügerische Hoffnung ist. Eine Mission jedoch habe ich noch zu erfüllen; jene sechzigtausend Thaler, die mir Ella mit teuflischer Schlauheit abgeschwindelt, sollen ihr, da sie mich böswillig verlassen, abgenommen und zur Deckung —
Hier endete die Mittheilung.
Ich brauchte lange Zeit, mich zu sammeln; mit hastigen Schritten ging ich auf und ab; ein Diener, in der Vermuthung, ich wünsche etwas, trat ein. Von ihm hörte ich, daß Berg gestern hier eingetroffen war, er hatte nach meiner Wohnung gefragt, um mich zu besuchen; sein Zustand hinderte ihn jedoch am Ausgehen. Er sandte heute früh nach dem Arzte und hatte mir gegen Mittag ein Paar Zeilen nach meiner Wohnung geschickt; da ich jedoch gleich von der Börse in’s Comptoir und von da in’s Theater ging, konnte ich sie nicht erhalten. Nachdem ihm der Arzt erklärt, daß sein Zustand das Schlimmste befürchten ließe, hatte er nochmals nach mir gesendet; der Bote mußte mich von einem Schauspiel zu einem Trauerspiel holen. — Ich blieb die Nacht bei dem Entschlafenen, eine schauerlich lange Nacht.
„Das ist das Ende eines aufregenden, thatenreichen Lebens!“ sagte ich mir. Bilder buntester Art stiegen vor meinem Geiste auf, Zeitfragen, auf die ich keine Antwort wußte.
Ist es nicht besser, im Dunkel der Mittelmäßigkeit dahin zu vegetiren, ohne Schaffensdrang und Streben, als seine besten Kräfte an Probleme zu setzen, die, falls sie wirklich erreicht werden, Neid, Mißgunst und das ganze Heer der niedrigen Leidenschaften gleich einer wilden Meute fessellos auf unser Leben einstürmen lassen?
Berg hatte sich kraft seines riesengroßen Fleißes und bedeutender Begabung emporgearbeitet zu oft beneideter Höhe; er war ein Fürst im Reich der Armen, ja, ich wußte es, sie küßten den Saum seines Kleides, sie verehrten ihn mit innigster Dankbarkeit. Und die Reichen und die Vornehmen, auch sie hatten um seine Gunst gebuhlt und jenes Weib, es hatte sich gesonnt im Glanze seines Reichthums. — Ha, als ich ihrer gedachte, ballte ich die Hände krampfhaft; hätte ich sie da vor mir gehabt, ich glaube, ich hätte sie züchtigen können. Doch einen Trumpf wollte ich noch ausspielen, sie durfte nicht die reiche Witwe des zu Grunde gerichteten Mannes bleiben; war sein Vermögen, wie sie ihn denuncirt hatte, schwindelhaft erworben, so sollte sie auch zur Herausgabe der schwindelhaft erworbenen sechzigtausend Thaler gezwungen werden! In der Hoffnung, meinen Freund zu rächen, fand ich die Kraft, das mir obliegende traurige Amt, ihn der allumfangenden Mutter Erde zu übergeben, auszuführen.
Es war ein stilles Begräbniß. — Er war ja ein ruinirter Mann; er hatte nicht Weib, nicht Kind, wer sollte ihm folgen? Meine heißen Thränen rollten auf sein Grab hernieder, der Prediger sprach ein kurzes Gebet; — ein müder Pilger war zur letzten Ruhe bestattet worden. — Noch vor Jahresfrist, da er ein Palais in der Residenz sein eigen nannte, wäre seinem Leichenwagen ein unabsehbarer Conduct gefolgt; Palmen und Kränze, umflorte Equipagen und in ihnen traurig scheinende Menschen hätten zu seinem Leichengang gehört; heute hatte ihn nur ein Freund hinausgeleitet, doch Einer, der seinen Werth voll und ganz erkannt.
Oeffentliche Blätter brachten bald die Nachricht von seinem Tode. Ein mir bekannter Reporter wußte geschickt die Bemerkung einzustreuen, daß ein Testament, nach welchem die seiner in Scheidung lebenden Gattin geschenkten Gelder zur Deckung der Außenstände verwendet werden sollen, existire, daß ein Freund des Verstorbenen, der ihm zuletzt nahe gewesen, das Testament in Händen habe. Das wirkte mit wahrem Knalleffect. — Wer jener Freund sei, konnte den Betheiligten nicht zweifelhaft sein; sie wußten, Berg sei in D. gestorben, und daß ich jener Bevollmächtigte sei, mußte ihnen einleuchten.
Einige Tage nach jener Veröffentlichung erschien bei mir der Advocat des Baron L. Er interpellirte mich, ob an jener Zeitungsnotiz etwas Wahres sei und ob ich ihm Schriftstücke zeigen könne.
Ich durchschaute die Absicht und gewann dadurch den Muth zu einer beinahe straffälligen Unwahrheit. Baron L. hatte nicht die gefallsüchtige Frau, sondern ihr Geld gemeint. Dieses schien ihm angefochten — wer weiß, sagte ich mir, ob er sie nicht verläßt, wenn er sie enterbt weiß, und dann hätte sie den Lohn ihres ruchlosen Gebahrens. — Ich theilte dem Advocaten mit, daß Berg mich auf seinem Todtenbette zum Mitwisser aller ihrer Intriguen gemacht, daß er es „schwarz auf Weiß“ hinterlassen, daß das ihr geschenkte Vermögen zur Deckung seiner Gläubiger verwendet werden solle; Einsicht in die Papiere könne ich ihm jetzt nicht geben, da diese schon an maßgebender Stelle abgeliefert seien.
Ich galt als Ehrenmann; der Advocat, obwohl er keine Einsicht in die Papiere erhalten, schenkte meinen Worten Glauben; er kehrte nach der Residenz zurück und theilte dem Baron mit, daß, da ein Testament existire, das jene Schenkung ungültig mache, und außerdem in Folge unmotivirter Trennung eine Enterbung denkbar, es das Rathsamste sei, Frau Berg von einem Processe zurückzuhalten, für dessen Durchführung wenig Aussicht sei.
Mein Reporter arbeitete nun weiter; er sprach von Enthüllungen, von Legaten, kurz, es wurde kaum bezweifelt, daß ein vollständig rechtskräftiges Testament existire. — Wie leichtgläubig ist doch die Menge! Hätte das Fragment, das ich in Händen hatte, irgend welche Rechtsgiltigkeit gehabt? Ich hätte günstigsten Falls eine moralische Pression ausüben können! Doch ich ließ der Sache ihren Lauf; die Nemesis sollte ihres Amtes allein walten.
Eben machte ich Anstalt, zur Börse zu gehen, als mein Freund athemlos zu mir hereinstürzte.
„Was haben Sie da angestiftet, Freund?“ rief er mir zu, „Sie haben Fatum gespielt und können möglicher Weise zur Rechenschaft gezogen werden.“
„Was ist denn vorgefallen?“ fragte ich beunruhigt.
„Eben bekomme ich die Nachricht von Lieutenant Solm, daß Frau Berg, die angebliche Braut des Baron L., in dessen Zimmer todt vorgefunden worden; man spricht von einem Selbstmord, schreibt er mir. In ihren krampfhaft verschlungenen Händen fand man einen Brief des Baron L., der einige Tage zuvor verreist war; er schrieb ihr in demselben, daß seine derangirten Verhältnisse eine Heirat nicht gestatten; er habe Ehrenschulden, die ihn, da nun auch das ihr angeblich gehörige Vermögen confiscirt sei, wie er aus glaubwürdiger Quelle erfahren habe, zur Auswanderung zwingen; er gehe nach Californien und bitte sie, keine Nachforschungen anzustellen.“
Ich blieb noch lange sprachlos, nachdem mein Freund geendet. „Das war eine schnelle Justiz!“ sagte ich endlich. „Kein irdischer Richter hätte so scharf und so gerecht strafen können.“ Die Worte des Dichters:
Das Leben ist der Güter Höchstes nicht,
Der Uebel größtes aber ist die Schuld
traten urplötzlich vor meine Seele. — Die Schuld war gesühnt, doch ein energievoller, in weitesten Kreisen hochgeachteter Mann war durch die Ränke und Treulosigkeit eines Weibes dem Ruine entgegengeführt worden. —