Eine verunglückte Speculation.

Rentier Fels hatte sich seit einigen Monaten in dem Städtchen Auenthal niedergelassen; er war das Muster eines guten Bürgers, wohlthätig, gemeinnützig und trotz seines anscheinenden Reichthums leutselig und gesprächig selbst mit dem Niedrigsten. Sein Haus war eines der schönsten in den neuen Anlagen, mit allem Comfort ausgestattet, doch, wenn gute Bekannte die Annehmlichkeiten desselben priesen, pflegte er stets mit tiefem Seufzer zu antworten: „Ja, wenn sie nur nicht fehlte!“ Er erzählte dann gern, und das Herz schien ihm dabei auf die Zunge zu treten, von seiner vor Jahresfrist gestorbenen Gattin, wie er mit ihr so glücklich gelebt, wie er ihren Verlust fast nicht zu ertragen geglaubt habe, und auch schließlich — um sich nicht ganz dem Schmerz hinzugeben, — einen Wohnungswechsel vorgenommen, hoffend, die neue Umgebung werde ihm sein Leid vergessen machen. Ein Witwer in guten Verhältnissen pflegt für speculative Mütter heiratsfähiger Töchter ein beachtenswerther Fund zu sein.

Die Frau Müllerin hatte drei Töchter, die sich zwar nicht durch persönliche, wohl aber durch finanzielle Liebenswürdigkeit auszeichneten. Marie, die ältere, hatte von dem Großvater ein bedeutendes Gut, außerdem von ihrem Vater gleichtheilig mit den anderen Schwestern ein Vermögen von 20.000 fl. geerbt. Zwar schielte sie etwas, auch wollten böse Zungen meinen, daß sie nur durch Kunstmittel den schiefen Rücken verdecke, dennoch galt Marie für eine gute Partie und, als ihr Vetter Gerstner, der mit Fels befreundet war, diesem einst halb scherzend, halb ernst sagte: „Freund, Sie sollten sich wieder verheiraten, um auf andere Gedanken zu kommen — ich wüßte auch gleich eine Frau für Sie!“ da hatte Fels, als gelte es einen guten Gedanken festzuhalten, erfreut gesagt: „Wenn mich so ein Mädchen wie Ihre Cousine Marie wollte, wahrlich, ich glaube, wieder glücklich werden zu können! Das ist ein Mädchen voll Biederkeit und Kern, die muß einmal die bravste Hausfrau werden!“ setzte er schmunzelnd hinzu. Mehr bedurfte es nicht, daß Gerstner noch am selben Abend den Bescheid von der Frau Müllerin brachte, Fels möge sie des anderen Tages in der Mittagsstunde besuchen und dürfe sich des besten Empfanges gewärtig halten.

Acht Tage hernach war Müllers Marie die verlobte Braut des reichen Fels. Glücklicher, als die Beiden, denen zu Ehren nun Festlichkeiten aller Art gegeben wurden, war vielleicht Vetter Gerstner, denn zweifelsohne hätte er, dem Wunsche seiner Eltern folgend, Marie heiraten müssen, wenn es ihm nicht geglückt wäre, das zwar reiche aber ungeliebte Mädchen einem anderen Freier zuzuführen. Die Müllerin hatte Gerstner, ehe sie ihr Jawort gab, mit Erkundigungen über Fels betraut, die nach des Neffen Aussage äußerst günstig eingegangen waren. Gerstner hatte theils aus Leichtsinn, theils in dem Bewußtsein, selbst wenn unvortheilhafte Nachrichten einliefen, diese der Tante nicht mitzutheilen, jede Recherche über Fels’ Vergangenheit unterlassen; er glaubte sich auch keine Gewissensbisse machen zu dürfen, man sah ja, Fels war ein reicher Mann voll Herzensgüte und Biedersinn, ein Mädchen wie Marie müßte sich nach seinem Dafürhalten glücklich schätzen, von ihm gewählt zu werden.

Fels wünschte die Hochzeitsfeier so einfach wie möglich zu begehen und da man Rücksicht auf seine früheren Verhältnisse nehmen zu müssen glaubte, sah auch Niemand von der Familie der Braut etwas Sonderbares darin, daß Fels keinen seiner ehemaligen Verwandten oder Bekannten zur Hochzeitsfeier eingeladen. Diese fand zwei Monate nach dem Verlöbniß statt; Fels machte mit seiner jungen Frau eine Hochzeitsreise, auf welcher sie auch die Hauptstadt berührten. Marie, die schüchterne Kleinstädterin, fühlte sich befangen, da sie nun vielen ehemaligen Freunden ihres Gatten gegenübertrat. Eines Abends waren sie in Gesellschaft eines früheren Geschäftsfreundes, der eine fixe Idee zu haben schien, nämlich die, Menschen, mit denen er es gut meinte, in eine Lebensversicherung einzukaufen. Fels spöttelte zuerst über des Freundes Manie, ließ sich jedoch bald durch dessen hinreißende Suada überzeugen, daß es eigentlich Pflicht jedes bedächtigen Menschen sei, seine Zukunft sicher zu stellen, und da Marie derselben Ansicht war, beschloß man eine Polizze auf gegenseitige Versicherung in Summa von 10.000 fl. zu nehmen. Marie lachte und scherzte, als ihr Fels sagte, welche Beruhigung es ihm gewähre, sie dermal einst, wenn er nicht mehr sei, jene Summe bei der Versicherungsgesellschaft erheben zu sehen; vor ihr lag die Welt so rosig, daß es ihr fast eine Entweihung ihrer glücklichen Stimme schien, jetzt sich mit Todesgedanken befassen zu wollen.

Die Polizze wurde einige Tage hernach unterzeichnet. Fels bat seine junge Frau, Niemandem von diesem Act Mittheilung zu machen, die Leute seien voll Neid und Mißgunst, sie möchten ihnen nicht gönnen, daß sie in wohlbedächtigter Weise nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft gesorgt. Marie war ein gefügiges Werkzeug ihres Gatten. Er wünschte es nicht und nicht einmal ihre Mutter erhielt Mittheilung.

Marie hatte auch alle Ursache, wie die „guten“ und selbst die bösen Freunde meinten, glücklich zu sein und den Wünschen ihres Gatten Rechnung zu tragen. Welch herrliches Leben führte sie nach den Meinungen Aller. Sie hatte ihr Abonnement im Theater, sie gab Gesellschaften, machte Reisen, erschien stets in gewählter Toilette — Nichts war Fels zu theuer, ihr eine Freude zu bereiten.

Das erste Grün des Frühlings rief in Fels eine unbezwingliche Reiselust hervor; er wollte die Schweiz sehen und selbstverständlich mußte ihn Marie begleiten. Mit welchen Hoffnungen trat sie die Reise an! Es war stets ihr sehnlichster Wunsch gewesen, ein Gebirgsland zu sehen; trotz ihres vielen Geldes hatte es die Mutter nie über sich gewinnen können, diesem Zweck eine Summe Geldes zu widmen.

Marie hatte schlaflose Nächte, so sehr regten sie die Vorstellungen von dem, was sich ihr darbieten werde, auf. Obgleich sonst eine nüchterne, prosaische Natur, erging sie sich in Schwärmereien, wie herrlich der Sonnenaufgang auf einem Berge, wie wunderbar die Aussicht von demselben über blühende Wiesen und Felder, wie rein die Luft, wie beglückend der Umgang mit anderen Menschen sein müsse. Ihre Schwestern hatten Recht, als sie beim Abschied sagten: Marie ist in dem einen Jahr ihrer Ehe um zehn Jahre jünger geworden; so lebhaft und glücklich hatte sie zuvor Niemand gekannt. Die Mutter, eine sonst sentimentale Frau, der bei jeder Trennung Thränen der Rührung in die Augen zu treten pflegten, vergaß sogar diesmal das übliche „Glückliche Reise!“ Weshalb ihr noch eine glückliche Reise wünschen, da sie im Widerschein des Glückes und der erfüllten Hoffnung strahlte.

Marie schrieb fast täglich; die Briefe machten die Runde unter allen Bekannten, denn der Müllerin war es keine geringe Genugthuung, ihre Marie, der man schon Glück und Zukunft, zum Mindesten eine gute Verheiratung wegen der ihr mangelnden äußeren Vorzüge abgesprochen, nun in guten Verhältnissen und an der Seite eines braven Mannes zu sehen, dessen Lebensaufgabe es zu sein schien, sie glücklich zu machen.

Plötzlich jedoch blieben die Briefe aus; schon war eine ganze Woche vergangen, ohne daß irgend welche Nachricht eingetroffen; das wirkte namentlich beunruhigend auf die Mutter; sie ließ ihren Neffen rufen, um ihn zu beauftragen, nach Innsbruck zu depeschiren, von wo der letzte Brief angelangt war. Gleich bei Gerstners Eintreten fiel ihr dessen verstörtes Aussehen auf. „Paul, Du hast irgend welche unheilvolle Nachricht!“ rief sie mit der der Mutter eigenen Divinationsgabe. Gerstner gestand, er habe heute eine Nachricht von Fels erhalten, daß Marie unterwegs bedenklich erkrankt sei.

„Aber warum theilt er es mir nicht mit!“ rief die Müllerin, Schlimmeres ahnend. „O Paul, ich bitte Dich, sage mir die Wahrheit, was weißt Du von Marie? Zeig’ mir den Brief!“

„Unmöglich!“ rief Paul verwirrt. „Er ist nicht für Sie geschrieben, Sie würden —“

„Um des Himmels Willen!“ jammerte die Müllerin; „mit meiner Marie ist ein Unglück passirt! Rede, Paul! Ich kann Alles eher ertragen, als diese quälende Ungewißheit, die mich nun schon acht Tage martert.“

„Fast glaube ich selbst,“ sagte Paul nach einigem Ueberlegen, „daß es richtiger ist, die volle Wahrheit zu sagen. Fels schreibt mir,“ fuhr er nach einer Pause fort, „daß Marie beim Bergsteigen ausgeglitten ist und sich erheblich beschädigt hat!“

„Wo ist sie, die Arme, daß ich zu ihr eile?“ rief die geängstigte Mutter.

„Man hat sie nach Innsbruck zurückgebracht, doch fürchte ich, können Sie ihr nicht helfen!“ setzte Paul zögernd hinzu.

„Eine Mutter soll ihrem Kinde nicht helfen können!“ rief die Müllerin, der das Schreckliche nicht in den Sinn wollte. „Paul, Du mußt mich begleiten, sicher ist Gefahr im Verzuge, sonst hätte mir Marie geschrieben! Wir reisen mit dem nächsten Zuge ab!“

„Aber beste Tante, vertrauen Sie mir, wenn ich Ihnen sage, daß Sie dort Nichts mehr nützen können —“

„Nichts mehr?“ rief die Müllerin in wildem Aufschrei. „So ist Marie — —“

Die arme Frau sank ohnmächtig zusammen.

Als sie wieder erwachte, saß sie stumm, fast leblos da; die beiden anderen Töchter Anna und Elise weinten schmerzlich, ihr wollte keine erlösende Thräne das Auge netzen.

„Gib mir den Brief!“ sagte sie endlich mit gebrochener Stimme. Kaum hatte sie ihn erfaßt, als er wiederum ihren Händen entfiel. „Anna lies Du!“ sprach sie, in Thränen ausbrechend. Anna begann nach einigem Zögern: „Bester Vetter! Ein schweres Unglück hat uns Alle betroffen: ich finde erst heute die Kraft, Dir Mittheilung zu machen, denn ich war, seitdem mir Marie für immer genommen, fast meiner Sinne nicht mächtig. Theile das Schreckliche den Ihrigen so schonend wie möglich mit; ich vermag es nicht! Noch sehe ich sie mir voran die Anhöhe erklimmen, leicht und glücklich, wie ein Vogel, der seine Schwingen entfaltet, da plötzlich höre ich einen Angstruf, ich eile ihr nach, sehe wie sie sich angsterfüllt an einen Strauch klammert, den sie beim Fall in die Tiefe gepackt, der Strauch gibt nach und wie sich die Wurzeln dem Boden entwinden, fehlt auch ihr der letzte Anhalt, ich muß, ohne ihr helfen zu können, mit ansehen, wie mein geliebtes Weib hinunter in die tiefe Schlucht stürzt; noch ein markerschütternder Schrei — ich wußte Alles. Man trug mich leblos in meine Wohnung und kaum eine Stunde hernach die Unglückliche, die man unten in der Thalschlucht mit zerschlagenem Schädel und gräßlich zerschundenem Leibe aufgefunden.“

Anna konnte vor Schluchzen nicht fortfahren.

„Arme, arme Marie!“ jammerte die Mutter; „so früh und so schrecklich mußtest Du enden!“ Schweren Schrittes ging sie in ihre Stube und schloß die Thür hinter sich; sie wollte mit ihrem Schmerze allein sein.

In dem Städtchen rief der Trauerfall die lebhafteste Theilnahme wach und als der trauernde Witwer eine Woche hernach völlig gebrochen zurückkehrte, war Jeder erschüttert ob seines tiefen Schmerzes. Er wollte Niemand sehen, seine besten Freunde wurden nicht vorgelassen; die Müllerin besuchte er, sie mußte ja, wie er oft sagte, seinen Schmerz verstehen. Fels sah in der That um Jahre älter aus; sein Blick war eingesunken, sein Gang schlaff; nichts schien ihm Interesse zu erregen. Er wollte Haus und Anwesen verkaufen, um nicht durch Alles an die schmerzlich betrauerte Todte erinnert zu werden.

Wohin er gehen wollte? er wußte es selbst nicht; vielleicht hoffte er durch Reisen von seinem tiefen Weh abgelenkt zu werden. Bald fand sich ein Käufer für das schöne Haus; Fels stellte ihn der Müllerin vor und bemerkte so nebensächlich, daß Herr Eckart auch das Gut, das er bisher für Marie verwaltet, übernehmen werde. Die alte Frau stutzte. So peinlich ihr jetzt, wenige Monate nach der Tochter Tode eine Auseinandersetzung bezüglich der Hinterlassenschaft war, so sagte sie doch unverholen: „Das Gut, denke ich, fällt an die Familie zurück.“ „Wir sprechen gelegentlich davon!“ hatte Fels entgegnet und begann dann unter Seufzen und Weheklagen seines Verlustes wiederum zu gedenken.

Obgleich die Müllerin eine keineswegs besonders scharfsinnige Frau war, ließ ihr doch jene Aeußerung keine Ruhe; sie sandte des andern Tages ihren Neffen Paul zum Schwiegersohn, damit er sondire, welche Bewandtniß es mit der Uebergabe des Gutes habe.

Fels verhielt sich zuerst ablehnend, es sei ihm widerwärtig, jetzt schon von Erbtheil und dergleichen zu sprechen, doch als Paul ihm ohne Hehl sagte, daß in kinderloser Ehe das Vermögen der Frau an die Familie zurückfalle, zog er schweigend ein Testament aus der Tasche, das Marie in Gegenwart eines Notars unterzeichnet hatte, nach welchem ihr Gatte dereinst ihr alleiniger Erbe sein sollte.

Paul blieb sprachlos; ehe es Fels ahnte, erhob er seinen Blick vom Papier und schaute in die Augen des ihm gegenüber Sitzenden, die eher Bosheit, List und Tücke als jenen so würdevoll zur Schau getragenen Schmerz ausdrückten. Dieser eine Moment hatte genügt, ihn einen Blick in die Seele des Mannes werfen zu lassen, der, obschon er im nächsten Augenblick wieder sein Gesicht mit jenem Schmerzesausdruck überkrustet hatte, ihm jeder Schandthat fähig schien.

„Was hat Marie bewogen ein derartiges Testament zu unterschreiben?“ fragte er kurz.

Ohne durch den herben Ton beleidigt zu sein, entgegnete Fels: „Dasselbe, was mich bewogen, sie nach meinem Ableben zu meiner Universalerbin zu ernennen.“

„Sie mögen wohl gewußt haben, wen Gevatter Tod zuerst abrufen werde?“ erwiderte Paul, doch hielt er plötzlich inne, als er sah, welchen Eindruck seine Worte auf Fels machten; bleich, einer Bildsäule gleich, saß er da und starrte ihn an. Da Paul diese Wandlung nur dem heftig sich erneuernden Schmerz zuschreiben konnte, brach er das Gespräch ab und that dem Unglücklichen innerlich Abbitte, daß er jener Vermögensregulirung wegen so unzart kaum geschlossene Wunden aufgerissen. Der Tante gab er die Auskunft, daß man den schwer gebeugten Mann jetzt mit jener Angelegenheit verschonen müsse; zwar existire ein Testament, demzufolge der überlebende Ehegatte Universalerbe sei, doch hoffe er, daß Fels jenes alte Familienerbtheil nicht in fremde Hände übergehen lassen werde.

Wenn schon die Müllerin im höchsten Grade unangenehm von jenem Testamente überrascht worden war, von dem ihr ihre sonst stets Alles vertrauende Tochter nie Etwas mitgetheilt, so war sie doch noch zu sehr von ihrem Schmerz befangen, um einen klaren Gedanken fassen zu können.

Nicht wenig erstaunt war die harmlose Frau, da sich eines Tages ein Versicherungsbeamter der Allemannia melden ließ, der von seiner Gesellschaft beauftragt zu sein vorgab, über die Todesart ihrer Tochter Erkundigungen einzuziehen.

Als die Müllerin ihr Befremden äußerte, wieso die Direction irgend ein Interesse an dem sie betroffenen Unglücksfall habe, erwiderte der Beamte lakonisch: „Weil die Direction dem überlebenden Gatten zehntausend Gulden zu zahlen hat.“

Die arme Frau brach zusammen; wie ein Blitzstrahl durchzuckte es ihr gramumwebtes Herz, hier könne ein Verbrechen vorliegen. Dort das Testament, hier die Versicherung, die schreckliche Todesart, — Alles ließ sie vermuthen, daß — doch sie wagte das Schreckliche nicht einmal zu denken. Der Beamte kam ihrer Vermuthung zu Hilfe, indem er ihr mittheilte, daß Fels seine beiden ersten Frauen, die bei anderen Gesellschaften auch hoch versichert waren, gleichfalls durch plötzlichen Todesfall verloren. Wie Schuppen fiel es der unglücklichen Mutter von den Augen. „Zwei Frauen hat er schon gehabt?“ rief sie verwundert. „Als er die erste heiratete,“ entgegnete der Beamte, „war er noch Schuhmacher; nach ihrem Tode nannte er sich Rentier, ging bald wieder auf Freiersfüßen,“ er hielt inne, denn er sah, daß die Arme besinnungslos in einen Sessel gesunken war. Als sie wieder zu sich kam, war ihr erstes Wort, man möge Fels rufen. Dieser, Nichts ahnend, kam sogleich aus seiner nur wenige Schritte entfernten Villa herüber, da das Mädchen ihm von dem Unwohlsein ihrer Herrin sagte.

„Elender, feiger Mörder!“ herrschte sie ihn in mächtig hervorbrechendem Groll an; „warum hast du mein Kind umgebracht?“

Darauf war Fels nicht vorbereitet; geisterbleich, keines Wortes mächtig, stand er da, ein Sünder der, ohne zu beichten seine Schandthat eingesteht, als sein stierer Blick den Fremden gewahrte, brach er kraftlos zusammen; noch ehe Beweise seiner Schuld vorlagen, hatte ihn sein Gewissen verrathen.

„Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie!“ sagte der Assecuranz-Beamte.

„Wessen klagte man mich an?“ entgegnete Fels, dem jetzt seine Geistesgegenwart zurückgekommen.

„Drei Frauen elendiglich aus der Welt geschafft zu haben, um sie zu beerben!“ sagte der Beamte kurz.

„Sie sind mir Beweise für diese schändliche Anklage schuldig!“ entgegnete Fels jetzt mit frecher Stimme.

„Die Beweise wird Ihnen der Staatsanwalt geben!“ antwortete Jener, „jetzt haben sie zu folgen.“

Vergeblich wollte Fels an seine Verwandten appelliren — Alle wiesen ihn mit Entrüstung von sich.

„Ich folge Ihnen!“ sagte er endlich, „doch nur, um mich von einer schändlichen Verleumdung zu reinigen!“

Die Müllerin ließ zunächst ihren Neffen rufen, der, da sie selbst zu schwach war, die Reise nach Innsbruck machen sollte, um Näheres über die Todesart der schmerzlich beweinten Tochter zu erfahren. Paul machte sich die heftigsten Vorwürfe zu leichtfertig gehandelt zu haben, da es galt, Erkundigungen einzuziehen, ehe das Verlöbniß zu Stande kam: er sah bleich und verstört aus, als fühle er, daß er indirect die Schuld an dem Unglück trug, das seine Familie betroffen. Bei gewissenhafter Nachforschung hätte er sicher Kunde von dem Vorleben des Mannes erhalten können und dann wäre es wohl nie zu einer Annäherung gekommen. Marie war das beklagenswerthe Opfer seines Leichtsinnes und — wenngleich er sie nie geliebt, war seine Trauer jetzt eine so tiefe, unlöschbare, daß die Umgebung sicher darin zu sein glaubte, er habe der Verstorbenen ein wärmeres Gefühl entgegengebracht, als sie selbst vielleicht geahnt.

Da er am Grabe der viel Beweinten dort auf jenem einsamen Friedhof der kleinen Bergstadt niederkniete, schluchzte er wie ein Kind; ein Geistlicher des Ortes, der ihn begleitete, hatte Mühe ihn zu beruhigen; er theilte ihm mit, wie ihm selbst die seltene Fassung, die der Gatte der Verstorbenen bewahrte, aufgefallen sei; wahrscheinlich habe er es nicht für nöthig erachtet, seine Heuchlerkunst vor einfachen Naturmenschen zur Schau zu tragen.

Die Leiche wurde ausgegraben, doch konnten die zu einem Concilium geladenen Aerzte nicht feststellen, ob der Sturz in die Tiefe gewaltsam oder zufällig bewirkt worden. Der Körper war an allen Seiten zerschunden. Knochen und Gelenke gebrochen, der Tod mußte noch während des Sturzes erfolgt sein.

Paul beschloß, die nun einmal in ihrer Ruhe gestörte Leiche mit heimzuführen, um der unglücklichen Mutter wenigstens den einen Trost zu gönnen, ihre Tochter auf dem Gottesacker besuchen zu können.

Fels war noch immer in Gewahrsam und leugnete standhaft; er wußte ja am besten, daß seine dunkle That keinen Zeugen hatte. Paul kam gerade an dem Tage zurück, da er wiederum in Freiheit gesetzt werden sollte. Als der Ortsrichter indeß hörte, daß Paul die Leiche mitführe, änderte er seine Bestimmung. Er ließ bitten, den Sarg in’s Gerichtszimmer zu überführen und nachdem dies geschehen, nahm er Fels noch einmal streng in’s Verhör; Fels blieb dabei seine Unschuld zu betheuern; da plötzlich öffnete der Richter die Thür nach dem Gerichtssaal, des Gefangenen Blicke fielen auf den geöffneten Sarg, in dem die gemordete Frau lag. „Marie, du hast mich verrathen!“ rief er zusammensinkend. Die Gefängnißwärter trugen ihn in seine Zelle zurück; jeder Blutstropfen schien aus seinem Körper gewichen.

Den Gerichten war es nun ein Leichtes, erfolgreiche Nachforschungen über die Todesart der beiden anderen Frauen anzustellen.

Fels war vor fünf Jahren als armer Schuhmacher nach Renddorf gekommen, wo er die Tochter einer vermögenden Witwe heiratete.

Er kaufte sie vier Wochen nach der Hochzeit mit 1000 fl. in eine Lebensversicherung ein — sechs Monate nachher stürzte die junge Frau die Kellertreppe hinunter und langte todt unten an.

In Folge des Lärmens und Schreiens des trostlosen Ehemannes kamen die Hausgenossen zusammen — alle Wiederbelebungsversuche waren erfolglos. Fels war so erschüttert, daß er kurze Zeit nach der Beerdigung der Frau sein Geschäft aufgab und nach Saalfeld übersiedelte. Hier machte er nach Jahresfrist die Bekanntschaft der Witwe Kore, einer vermögenden, doch älteren Frau. Die Vermälung wurde in aller Stille gefeiert und als Frau Kore nach drei Monaten am Herzschlage starb, wußten ihre nächsten Bekannten noch nicht, daß sie inzwischen Frau Fels geworden. Wohl aber wußte die Versicherungsgesellschaft, daß sie dem trauernden Witwer 5000 fl. zu zahlen hatte.

Wenngleich jedes Mal eine andere Gesellschaft betheiligt war, wurde die Sache doch ruchbar. Die Direction der Allemannia erhielt eine Zuschrift, man möge doch recherchiren, welcher Todesart Fels frühere Gattinnen gestorben seien, die bei den namhaft gemachten Versicherungen durch den früheren Schuhmacher, jetzigen Rentier Fels eingekauft waren.

Obschon kein Beweis vorlag, daß Fels ein Mörder, so verurtheilten ihn doch die Geschworenen nach allen Indicien und seinen eigenen Worten beim Anblick der Leiche seines dritten Opfers zum Tode.

Die Entrüstung im Städtchen ob der schändlichen That war eine allgemeine.

Jetzt freilich wollten einige Hellseher dies und das in des Gerichteten Benehmen auf niedere Abkunft und gemeine Gesinnung deuten, doch war die Thatsache nicht wegzuleugnen, daß derjenige, der heute als Mörder von Allen verachtet wurde, noch unlängst einer der geachtetsten Männer des Städtchens gewesen. — Zu allgemeinem Erstaunen hatte der Fürst das eingereichte Gnadengesuch berücksichtigt und die Todesstrafe in lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt. Von dem Correctionshause aus, das an einer Anhöhe lag, konnte Fels hinab auf seine mit allem Comfort ausgestattete Villa schauen, die die Müllerin als Erbin ihrer Tochter in Besitz nahm.

Im wunderbaren Wechsel der Ereignisse wurde schon nach wenigen Monaten dort ein Hochzeitsfest gefeiert. Der Verstorbenen zweite Schwester Anna, ein durch Anmuth und Schönheit ausgezeichnetes Mädchen, hatte Vetter Paul, gerührt von seiner aufrichtigsten Trauer um die Verewigte, die Hand gereicht. Wenngleich er nun als Schwiegersohn der Müllerin von ganzem Herzen bemüht war, die gebeugte Mutter zu trösten — er vermochte es — da Selbstanklagen und Vorwürfe ihn ungeachtet der glücklichen Wendung seines Geschickes darniederhielten, nicht. Allgemein wunderte man sich, daß die ungleich liebenswürdigere Anna in ihm das Andenken an Marie nicht verlöschen konnte.

Fels starb schon nach einigen Jahren in der Gefangenschaft; sein frevelhaft erworbenes Gut hatte ihm keinen Segen gebracht und oft hat er, wie seine Mitgefangenen berichteten, die Zeiten zurückgewünscht, da er noch mit ruhigem Gewissen und frohem Sinn als armer Schuhmachergeselle von Werkstatt zu Werkstatt wanderte und Abends nach gethaner Arbeit das müde Haupt zu friedlichem Schlafe niederlegen konnte. An einer Ecke der Kirchhofsmauer ruht der arme, reiche Mann, ein Ausgestoßener, dessen Grab Jeder meidet, der die Geschichte des Unglücklichen kennt.

Druck von J. C. Fischer & Comp. in Wien.