4. September.

Der Zudrang der Reisenden war dießmal so groß gewesen, daß man schon zwei Tage vor der Abfahrt keinen andern Platz mehr als auf dem Decke bekommen konnte; mehrere Frauen und Herren, die die nächste Gelegenheit nicht abwarten wollten, mußten sich damit begnügen. Auch mich traf dieß Schicksal; denn ich dachte nicht an die Möglichkeit einer solchen Ueberfüllung, und nahm erst zwei Tage vor der Abreise einen Platz. – Während der Fahrt bekamen wir auf den verschiedenen Stationen auch noch Passagiere, und da kann man sich nun den Jammer der armen, jeder Beschwerde ungewohnten Städter denken. – Da suchte nur jedes ein Plätzchen für die Nacht. Einige Glückliche erhielten die winzig kleinen Gemächer des Maschinisten und des Steuermannes, und die andern kauerten sich in den Gängen und an den Stufen der zu den Kajüten führenden Treppen nieder. – Auch mir bot man ein Plätzchen in der kleinen auf eine Person berechneten Kajüte des Maschinisten; da waren aber bereits 3-4 Personen hineingepreßt, und ich zog es daher vor, lieber Tag und Nacht auf dem Decke zu bivouakiren. Einer der Herren war so gütig mir einen tüchtigen Mantel zu borgen, in welchen ich mich einhüllen konnte, und so schlief ich unter Gottes freiem Himmel viel besser, als meine Gefährten in ihrer Schwitzkammer.

Die Einrichtung auf den Schiffen die den Göthakanal befahren, ist auch nicht die beste. Der erste Platz ist zwar sehr bequem, und sein Kajütenraum ist in artige, lichte Kabinete für zwei und zwei Personen eingetheilt; aber desto schlechter steht es mit dem zweiten Platz; da wurden des Nachts nur Hängematten aufgezogen; über Tag diente er zum gemeinschaftlichen Speisesaale. – Noch schlechter ist für das Gepäck gesorgt. Die Schiffe, die den Kanal befahren, haben einen etwas beschränkten Kielraum, und da werden die Koffer, Kisten, Felleisen u. s. w. auf dem Decke aufgespeichert, gar nicht befestiget, und nur höchst nothdürftig gegen den Regen geschützt. Daß aber diese Nachlässigkeit bei einer Fahrt von 5-6 Tagen gar zu groß ist, bewies die Folge. – Der Regen und die aufschlagenden Wogen der Binnenseen setzten den Raum des zweiten Deckplatzes oft 2-3 Zoll hoch unter Wasser, und das Gepäck wurde von allen Seiten durchnäßt. Noch ärger war es während des Sturmes auf dem Wennersee; der warf das Schiff etwas derb herum, wodurch mancher Koffer sein Gleichgewicht verlor, und den Vorübergehenden auf den Kopf zu stürzen drohte. Dagegen sind die Preise sehr billig; eine Sache, die mir doppelt auffiel, da doch die vielen Schleußen bedeutende Kosten verursachen müssen.

Nun zur Reise selbst.

Um fünf Uhr Morgens wurde abgefahren, und bald befanden wir uns im Götha-Fluß, dessen Ufer Anfangs sehr flach und öde sind. Das Thal selbst ist von kahlen, felsigen Hügelketten begrenzt. – Nach ungefähr zwei Meilen[ [6] kamen wir zu dem Städtchen Kongelf, das 1000 Einwohner haben soll. Es liegt an und hinter Felsen, und bleibt dadurch dem Auge theilweise verborgen. Dem Städtchen gegenüber, auf einem Fels, steht die Ruine der einstmaligen Festung Bogus. Von hier fängt die Gegend an etwas mannigfaltiger zu werden. Waldpartieen wechseln mit den kahlen Felsen ab; an beiden Seiten öffnen sich kleine Thäler, und der Fluß selbst, hier durch eine Insel getheilt, breitet sich später oft bedeutend aus. – Die Bauerhäuser sahen größer und netter aus, als jene in Norwegen; sie sind meist ziegelroth angestrichen, und stehen oft auch in größern Gruppen beisammen.

Bei Lilla Edet kömmt man an die ersten Schleußen, deren hier fünfe sind. Während das Schiff sie passirt, hat man Zeit den gleich daneben liegenden zwar niedern, aber wasserreichen und breiten Fall der Götha zu betrachten.

Diese erste Strecke der Schleußen und des Kanals zieht sich noch ziemlich weit hinter dem Falle fort, und ist theils in die Felsen gesprengt, theils mit Quadersteinen ausgemauert. – Bei Äkestron fährt man wie in einem schönen Naturparke; das Thal wird durch reizende Hügel eingeengt und gibt nur dem Strome und einigen niedlichen Pfaden Raum, die sich durch Nadelgehölz, das sich bis an die Ufer zieht, winden.

Nachmittags kamen wir an die berühmten Schleußen bei Trollhätta. Sie bilden ein Riesenwerk, das man nur in den größten Staaten vermuthen würde, nicht aber in einem Lande, das weder an Macht noch an Größe zu den ersten gehört. Im Ganzen sind 11 Schleußen, die bei einer Länge von 3500 Fuß die Höhe von 112 Fuß erreichen. Sie sind breit, tief und in die Felsen gesprengt und mit schönen Quadersteinen ausgelegt; sie gleichen den einzelnen Stufen einer Riesentreppe, unter welchem Namen man dieses Werk auch füglich den sieben Weltwundern beizählen könnte. Eine Schleuße erhebt sich über der andern, mächtige Thore schließen sie, und wunderbar schwebt das große Fahrzeug der Höhe zu. Die Umgebung ist wildromantisch.

Kaum bei den Schleußen angelangt, wird man gleich von einer Menge Knaben umschwärmt, die sich den Fremden als Wegweiser zu den nahen Wasserfällen bei dem Oertchen Trollhätta anbieten. An Zeit zu diesem Ausfluge gebricht es nicht; das Schiff braucht um die Höhe zu erreichen 3-4 Stunden, und in der halben Zeit ist die Excursion abgethan. Früher unterlasse man aber ja nicht, den Fels zu ersteigen, zu dem sich die Schleußen erheben. Ein Pavillon ziert seine Spitze, und von hier übersieht man die Schleußen in die Tiefe hinab.

Nach Trollhätta führen artige, durch den Wald gehauene Wege. Dieses Oertchen hat eine überaus reizende Lage; es liegt in einem lieblichen Thale, das von Waldungen und Hügeln umgeben ist, an den Ufern des Stromes, dessen weiß schäumende Wogen grell von dem dunkeln Waldsaume abstechen. – Man sieht von hier aus nur den Saum des Kanals, der einen weiten Bogen vom Hauptstrome beschreibt, die letzten Schleußen aber liegen hinter kleinen Felspartieen ganz verborgen; wir konnten weder das Aufziehen der Thore noch das Steigen des Wassers in ihnen bemerken, und waren daher sehr überrascht, als wir plötzlich erst die Masten, dann das Schiff selbst aus den Tiefen steigen sahen. Es schien, als ob es von unsichtbaren Händen zwischen Felsenmassen empor gehoben würde.

Die Fälle des Stromes zeichnen sich weniger durch ihre Höhe, als durch ihre Mannigfaltigkeit und Wasserfülle aus. Der Hauptstrom wird an der äußersten Spitze seines Sturzes durch eine kleine Felsinsel in zwei beinahe gleich mächtige Fälle getheilt. Auf dieß Inselchen führt ein langer, schmaler Kettensteg, der gerade über dem Falle schwebt, und so zart und schwach gebaut ist, daß nur immer eine Person hinüber schreiten darf. Der Eigenthümer dieses gefährlichen Steges hält ihn stets versperrt, und öffnet ihn nur gegen ein Entgeld von 10 kr. CM.

Ein eigenes schauerliches Gefühl beengt die Brust während des Hinüberschreitens. Man sieht den Strom wüthend daher tosen, man sieht ihn sich an den hoch emporragenden Felsen brechen und schäumend in die Tiefe stürzen, man sieht unter seinen Füßen die brandenden Wogen; – dabei erzittert das Brückchen bei jedem Tritte, – ängstlich eilt man das Inselchen zu erreichen. Hier erst, auf festem Grund und Boden, wagt man es, sich mit Muße umzusehen. Ein fester Fels neigt sich etwas über die Fälle hinaus, und auf ihm kann man mit Sicherheit seinen Standpunkt wählen. Man steht da nicht nur zwischen zwei schönen Fällen sondern übersieht auch noch 4-5 andere, welche der Strom ober- und unterhalb bildet. – Kaum glaubt man sich von diesen zauberischen Bildern trennen zu können.

Hinter Trollhätta breitet sich der Strom beinahe zu einem See aus, indem er von mehreren Inseln in viele Arme getheilt wird. Seine Ufer verlieren jedoch bedeutend an Schönheit, indem sie flach und unansehnlich werden.

Den herrlichen Wenner-See, 10-12 Meilen lang und mehrere Meilen breit, erreichten wir leider erst gegen Abend, als es schon zu sehr dunkelte, um von der Umgebung noch etwas unterscheiden zu können. – Wir hielten hier bei dem unbedeutenden Städtchen Wennersborg einige Stunden an.

Diesen Tag über waren uns gewiß sechs oder sieben Dampfschiffe begegnet, die Alle schwedischen oder norwegischen Kaufleuten gehörten. Es gewährte einen eigenen interessanten Anblick, diese Schiffe in den hohen Schleußen auf und ab steigen zu sehen.

5. September.

Als wir noch gestern spät in der Nacht Wennersborg verließen, und uns auf dem See herumtrieben, erhob sich ein widriger Wind, oder vielmehr ein kleiner Sturm, der zwar für ein gutes Fahrzeug nichts zu bedeuten gehabt hätte, dem aber das unsrige doch nicht gewachsen war. Vergebens mühte sich der arme Kapitain die ganze Nacht hindurch ab, das Fahrzeug über den See zu bringen, – er mußte seinem Versuche entsagen, wieder zurückkehren, und irgend an einer Stelle Anker werfen. – Wir verloren bei dieser Gelegenheit unser Hilfsboot; eine mächtige Welle schlug über das Schiff und riß es mit sich fort; wahrscheinlich war es so gut befestiget gewesen, als unsere Kisten und Koffer.

Obwohl es erst neun Uhr Morgens war, erklärte der Kapitain dennoch, während des Tages nicht weiter fahren zu können; nur wenn es gut ginge, wäre er im Stande die Reise gegen Mitternacht fortzusetzen. – Glücklicherweise wagte sich ein Fischerboot heran, und einige von uns ließen sich ans Land setzen. Auch ich that dieß und benützte diesen Zufall, einige Bauernhütten zu besuchen, die unfern des Sees am Saume eines Waldes lagen. Ich fand sie zwar auch ärmlich, aber doch aus zwei Gemächern bestehend, die einige Betten und andere Geräthschaften enthielten; auch die Leute waren etwas besser gekleidet als jene in Norwegen. Selbst die Kost der Leute war nicht so übel; sie kochten aus grobem schwarzen Mehle ein dickes Muß, das dann mit süßer Milch verspeiset wurde.