Aufenthalt zu Christiania.

In dieser Stadt kaum angekommen, war mein Erstes, eine Landsmännin aufzusuchen, die hier an einen Advocaten verheirathet ist. – Man sieht, daß die Wienerinen, denen man immer vorwirft »sie könnten ohne ihren lieben Stephansthurm gar nicht leben,« diese Sage doch manchmal zu Schanden machen. Nicht bald sah ich ein Pärchen, das glücklicher und zufriedener lebt als dieses, und doch ist Christiania über 200 Meilen vom Stephansthurm entfernt.

Schon während des Ganges vom Hafen in den Gasthof, und von da zu meiner Freundin kam ich durch die ganze Stadt. Ich fand sie nicht sehr groß und nicht sehr hübsch. Am besten macht sich noch der neuerbaute Theil; der hat doch wenigstens breite, ziemlich lange Straßen, in welchen die Häuser von Ziegeln und Steinen und mitunter recht ansehnlich sind. In den Nebengassen findet man häufig hölzerne Baracken die den Einsturz drohen. – Der Platz ist groß, aber unregelmäßig, und, da auf ihm der Markt von allen möglichen Artikeln abgehalten wird, auch sehr schmutzig.

Die Vorstädte sind meist von Holz erbaut. – Oeffentliche Gebäude gibt es mehrere ziemlich hübsche. Am schönsten machen sich das neue königl. Schloß und die Festung. Beide sind auf kleinen Anhöhen herrlich gelegen, und besitzen eine wahrhaft feenartige Aussicht. – Das alte königl. Schloß liegt in der Stadt, zeichnet sich aber durch nichts aus; es gleicht vollkommen einem Privathause. – Das Haus, in welchem der Storrthing abgehalten wird, ist groß, sein Portale ruht auf Säulen; doch die Treppen sind, wie in allen Steinhäusern in ganz Skandinavien, von Holz. – Das Theater fand ich von Außen für den Bedarf der Stadt groß genug, – von Innen sah ich es nicht. – Eines der schönern Gebäude ist die Freimaurerloge; sie enthält zwei ausgezeichnet große und schöne Säle, in welchen, nebst den Sitzungen der Freimaurer, auch jene von Gelehrtengesellschaften oder Festlichkeiten anderer Art abgehalten werden. – Das Universitätsgebäude scheint mir in gar zu großem Style angelegt zu sein; es ist noch nicht ganz beendet, wird aber so schön erbaut, daß es den größten Residenzen zur Zierde dienen könnte. Recht artig ist auch das Locale, in welchem sich die Fleischerbuden befinden. – Es bildet einen Halbkreis, und ist mit Bogengängen umgeben, in welchen die Käufer bei jeder Witterung im Trocknen stehen. Das ganze Gebäude ist von Ziegeln gebaut, die in ihrem natürlichen Zustande gelassen, weder mit Mörtel angeworfen, noch mit Kalk übertüncht sind. – Von sonstigen Pallästen oder Prachtgebäuden ist nicht viel zu sehen; die meisten Häuser sind einstockig.

Eine große Erleichterung für Fremde, die man in allen Städten Skandinaviens findet, ist das häufige Anschreiben der Namen der Straßen. Es mögen noch so viele Straßen in eine oder die andere münden, an jeder Ecke sind ihre Namen angeschrieben. – Man mag daher kommen, von welcher Seite man will, so weiß man gleich den Namen der Straße, in der man sich befindet, und braucht nicht erst darum zu fragen.

Die Stadt hat offene Kanäle und, wie alle übrigen, bei angekündigtem Mondschein keine Beleuchtung.

Um den Hafen ziehen sich hölzerne Quais, neben welchen mehrere große Magazingebäude stehen, die ebenfalls aus Holz erbaut, aber, wie überhaupt auch die meisten Häuser, mit Ziegeln gedeckt sind.

Die Einrichtungen und Auslagen der Gewölber sind einfach, die Waaren sehr schön, jedoch nicht von eigener Erzeugung. Es bestehen noch sehr wenig Fabriken, und Alles muß aus fremden Staaten bezogen werden.

Was mir sehr mißfiel, waren die schrecklich zerlumpt gekleideten Leute, die man überall auf den Straßen traf. Besonders sahen die jungen Burschen sehr liederlich aus. Sie bettelten zwar höchst selten; doch möchte ich ihnen bei Leibe nicht in einem einsamen Gäßchen begegnet sein.

Ich war so glücklich, gerade zur Zeit nach Christiania zu kommen, als die Sitzungen des Storthings gehalten wurden. – Es geschieht dieß alle drei Jahre. Die Sitzungen fangen im Jänner oder Februar an, und dauern gewöhnlich drei Monate. Dießmal hatten sich jedoch die Geschäfte derart angehäuft, daß der König vorschlug, den Storthing zu verlängern. Diesem glücklichen Zufalle hatte ich es zu verdanken, noch mehreren Sitzungen beiwohnen zu können. – Der König selbst wurde, um die Verhandlungen zu schließen, erst im Monat September erwartet.

Der Sitzungssaal ist länglich und ziemlich groß. An der einen der längern Wände stehen vier Reihen tapezierter Bänke, von denen eine Reihe die andere überragt. – Ueber achtzig Storthings-Männer haben da Raum zu sitzen. Den Bänken gegenüber steht auf einer erhöhten Tribüne der Tisch, an welchem der Präsident und der Secretär sitzen. Um die eine obere Hälfte des Saales läuft eine Gallerie, zu welcher Jedermann Zutritt hat.

Obwohl ich von der norwegischen Sprache nur sehr wenig verstand, so ging ich doch während meines kurzen Aufenthaltes in Christiania täglich auf eine Stunde in die Sitzung. Ich konnte wenigstens entnehmen, ob flüssig gesprochen, ob kurze oder lange Reden gehalten wurden u. s. w. Ich hatte leider das Unglück, lauter solche Redner zu hören, die die wenigen Worte die sie vortrugen, so abgesetzt und langsam herausstotterten, daß mir dabei ordentlich angst wurde, sie schienen nicht die geringste Gabe des Vortrages zu besitzen. Man sagte mir, daß es bei dem ganzen Storthing nur 3-4 gute Redner gäbe, und daß diese während der Paar Tage meines Aufenthaltes gerade nicht zu sprechen gehabt hätten.

Noch nirgends habe ich so verschiedenartige Fuhrwerke gesehen wie hier. Die gewöhnlichsten, dabei aber unbequemsten, sind jene, die man Carriol nennt. Solch eine Carriol besteht aus einem sehr schmalen, länglichen und offenen Kasten, der zwischen zwei ungeheuer hohen Rädern ruht und mit einem winzigen Sitzchen versehen ist. Da hinein wird man gepreßt; man muß die Füße der Länge nach ausstrecken, wird mit einem Leder bis an die Hüfte zugeschnürt, und muß in derselben Stellung, ohne auch nur einen Fuß bewegen zu können, vom Anfange bis zu Ende der Fahrt verbleiben. – Für den Kutscher ist hinter dem Kästchen ein Brett angebracht, auf welchem er, will der Kastenbewohner nicht selbst die Pferde leiten, knieend oder stehend dieß Geschäft verrichtet. Da es aber höchst unangenehm ist, auf der einen Seite beständig das Schwirren des Leitseiles, und auf der andern das Knallen der Peitsche zu hören, so kutschirt Alles selbst, die Frauen so gut wie die Männer. Außer diesen Carriols gibt es auch noch Phaetons, Droschken, Steierwägelchen u. s. w., nur keine gedeckten Wagen.

Ganz eigen construirt sind die Wagen, die zur Verführung des Biers gebraucht werden; man muß vorerst wissen, daß in Christiania sehr viel Bier getrunken wird, und daß man selbes nicht in Fässern, sondern gleich in Flaschen verführt. Die Wagen bestehen nun aus geräumigen, höchstens anderthalb Fuß hohen, gedeckten Kästen, die inwendig, gleich einem Flaschenkorbe, in viele Fächer getheilt sind, in welche die Flaschen gestellt werden.

Vielleicht nimmt man mir es nicht übel, wenn ich auch einer besonderen Art von Körben erwähne, deren sich die Dienstleute bedienen, wenn sie Artikel, die feucht oder schmutzig sind, wie z. B. Fische, Fleisch, Kartoffeln u. s. w., einkaufen. Diese Körbe sind von feinem Weißblech, und mit einem Henkel versehen. Die strohgeflochtenen Körbe gehören für Brot und andere reine und trockene Eßwaaren.

Oeffentliche Gärten oder Versammlungsorte gibt es in Christiania eigentlich keine, aber Spaziergänge desto mehr; denn jeder Weg, den man außer der Stadt einschlägt, führt in die herrlichsten Gegenden, und jeder Hügel, den man ersteigt, ja beinah jeder Punkt der von allen Seiten offenen Stadt, bietet die wunderherrlichsten Aussichten.

Ladegaardoen ist allenfalls der einzige Ort, den die Städter sehr häufig sowohl zu Fuß als auch zu Wagen besuchen. Man hat hier viele und prachtvolle Ansichten der See und deren Inseln, so wie der umliegenden Gebirge, Thäler, Fichten- und Tannenwaldungen. Hier liegen auch sehr viele Landhäuser. Die meisten sind klein, aber recht niedlich und von schönen Obst- und Blumen-Gärten umgeben. – Wenn ich da herumspazierte, glaubte ich tief im Süden zu sein; – so herrlich grünte und blühte Alles. – Nur an den Getreidefeldern erkannte ich den Norden. – Nicht daß das Getreide schlecht gestanden wäre, im Gegentheile, ich fand Waitzenähren, die sich in höchster Fülle und Schwere zur Erde neigten, – aber jetzt, gegen Ende August, stand das meiste noch ungeschnitten auf dem Felde.

Schöne Wege führen durch einen Tannenwald, oft an Ausschnitten vorüber, die so herrliche Prospecte gewähren, daß man stundenlang da verweilen könnte. – In diesem Walde stehen zwei Monumente, die jedoch beide nicht von Bedeutung sind; das Eine gilt einem Kronprinzen von Schweden, Christian August, das Andere dem Grafen Hermann Wedel Jarlsberg.