Schlußwort.

Dieß sind die vorzüglichsten Regeln der Höflichkeit, die Ihr, meine jungen Freunde, Euch nicht früh genug einprägen könnt. Denn von allen Zierden der Jugend ist die Höflichkeit die wohlfeilste und doch zugleich diejenige, durch welche man sich am meisten beliebt machen kann. „Gebückt, gebückt, mit dem Hut in der Hand, so kommt man durch’s ganze Land” — dieß war der Wahlspruch unsres großen Landsmannes, Benjamin Franklin, der es mit diesem Grundsatz der Höflichkeit, wie Euch bekannt ist, vom armen Buchdruckerlehrling zu einem der angesehensten und berühmtesten Männer seiner Zeit und seines Landes, nein! aller Zeiten und aller Länder, gebracht hat. Lasset mich Euch zum Schlusse aus meiner eignen Erfahrung eine Thatsache mittheilen, wo das höfliche Betragen eines Knaben der Grundstein seines Glückes wurde, eine Thatsache, die sich im geselligen Leben schon sehr oft wiederholt hat.

In meiner Vaterstadt St. Louis lebte — nun, er lebt noch, der würdige Mann und Ihr müßt mir daher gestatten, ihn ohne Namen zu belassen — ein tüchtiger, viel beschäftigter Arzt, der eines Tages auf dem Weg zu einer Farm war, wo die bekümmerten Eltern seine Kunst für ein plötzlich und heftig erkranktes Kind in Anspruch genommen hatten. Es sind schon viele Jahre her und damals war die Gegend um meine Vaterstadt noch nicht mit den guten Straßen und Wegen versehen wie jetzt, und unser Doctor, obgleich er sich den rechten Weg zu seinem Patienten genau hatte beschreiben lassen, verirrte sich bei einem abscheulichen Wetter auf seinen Gang in den „Busch.” Glücklicher Weise traf er endlich auf eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft von Knaben und Mädchen, die in der Nähe einer Farm sich lärmend herumtummelten. Unser Doctor fragte freundlich nach seinem Wege; allein keines der Kinder wollte ihm den Weg zeigen, der allerdings wegen des schlechten Wetters nicht eben sehr angenehm war. „Ich gehe nicht mit,” sagte das Eine; „ich auch nicht,” meinte das Andere, „da müßt ich ein Thor sein, durch den nassen Wald zu traben.” In diesem Augenblicke kam ein armer kleiner Junge herzu — Hermann M. hieß er und Mancher meiner Leser kennt den jungen Mann recht wohl — und kaum hörte er, was der Doctor wollte, so grüßte er ihn freundlich und bot sich zum Führer an. Unterwegs fragte der über das höfliche Benehmen des Knaben erfreute Arzt unsern Hermann mancherlei und überzeugte sich bald durch seine Antworten wie durch sein ganzes Benehmen, daß der Junge ein intelligenter, offener Kopf sei, der nur durch die große Armuth seiner Eltern vom Lernen und damit von der Begründung seines zukünftigen Fortkommens abgehalten wurde. Er zog noch nähere Erkundigungen ein, nahm dann den Knaben in seine Apotheke, unterrichtete ihn zum Theil selbst und ließ ihn später die medizinische Hochschule in St. Louis absolviren. Heute ist Hermann M. eine viel genannte, weit und breit bekannte Persönlichkeit, ein Muster der Menschenfreundlichkeit, des Wohlwollens und der aufopferndsten Hingebung für das Wohl besonders des armen Theils seiner Mitbürger, und zählt, trotz seiner Uneigennützigkeit, zu den wohlhabendsten Bürgern seiner „County.” Einer einfachen Handlung von Höflichkeit und guter Sitte verdankte Herr M. sein Glück und Amerika vielleicht einen seiner besten Söhne.

Wohl wird nicht jede Höflichkeit in so eclatanter Weise sich belohnen, aber gewiß ist und bleibt es: der Höfliche wird sich stets und allenthalben beliebt machen, während man den groben, unhöflichen Burschen eben mit Verachtung seine Wege gehen läßt, die ihn gewöhnlich zu Auszeichnungen ganz anderer Art führen.