XVIII.
Solange wir auf dem Wege zum verhängnisvollen Orte waren, schüttelte sie zwar ein Fieberfrost, aber sie beherrschte sich noch. Das Verschwinden der Leiche traf sie wie ein schweres Unglück. Sie verfiel in einen Starrkrampf. Ich fürchtete um ihren Verstand. Mit großer Mühe führte ich sie nach Hause. Ich brachte sie wieder ins Bett und ließ den Arzt kommen; sobald aber die Mutter etwas zur Besinnung kam, verlangte sie von mir, daß ich mich unverzüglich auf die Suche nach »jenem Menschen« begäbe. Ich gehorchte. Aber trotz aller Bemühungen entdeckte ich nichts. Ich ging einige Male auf die Polizei, besuchte alle in der Nähe liegenden Dörfer, erließ einige Annoncen in den Zeitungen, zog überall Erkundigungen ein, – alles war vergebens! Allerdings wurde mir einmal gemeldet, daß in ein Stranddorf ein Ertrunkener gebracht worden sei ... Ich eilte sofort hin, die Leiche war aber inzwischen beerdigt worden; übrigens glich sie nach dem Signalement gar nicht dem Baron. Ich stellte fest, auf welchem Schiffe er nach Amerika abgefahren war; zuerst waren alle überzeugt, daß das Schiff während eines Sturmes untergegangen sei; doch einige Monate später ging das Gerücht, daß man es im Hafen von New-York gesehen habe. Ich wußte nicht, was ich noch weiter unternehmen sollte, und begann den Mohren, mit dem ich ihn gesehen hatte, zu suchen; ich bot ihm durch die Zeitungen eine nicht unbedeutende Geldsumme an, wenn er sich bei uns melden würde. Einmal kam in meiner Abwesenheit zu uns wirklich ein langer Mohr in einem Mantel ... Nachdem er aber das Dienstmädchen ausgefragt hatte, ging er eilig fort und kam nicht wieder.
So verlor ich die letzte Spur meines ... Vaters; so versank er für immer in stummes Dunkel. – Ich sprach mit der Mutter nie wieder von ihm; nur einmal, wie ich mich entsinne, kam sie auf meinen Traum zurück und wunderte sich, warum ich früher niemals seiner erwähnt hatte; sie fügte dann hinzu: »Also war er wirklich ...« sprach aber ihren Gedanken nicht zu Ende. Mütterchen war lange Zeit krank, und unser inniges Verhältnis erneuerte sich nach ihrer Genesung nicht wieder. Sie genierte sich vor mir ... bis an ihr Ende ... Sie genierte sich buchstäblich. Aber dem war nicht abzuhelfen. Alles gleicht sich aus, selbst Erinnerungen an die traurigsten Familienereignisse verlieren ihre Kraft und ihre Schärfe; wenn aber zwischen zwei einander nahestehenden Personen Befangenheit auftritt, so ist dem nicht abzuhelfen! – Den Traum, der mich so sehr beunruhigt hatte, sah ich nie wieder. Ich »suche« meinen Vater nicht mehr; doch manchmal kommt es mir im Schlafe vor, – als hörte ich ein fernes Schluchzen, ein unstillbares, jämmerliches Klagen; es tönt irgendwo hinter einer Mauer, die ich nicht übersteigen kann; es schneidet mir das Herz entzwei, ich weine mit geschlossenen Augen, und kann unmöglich begreifen, was das ist: ob das Stöhnen eines lebenden Menschen, oder das gedehnte wilde Heulen der bewegten See? Die Töne gehen wieder in ein tierisches Brummen über, – und mit tiefem Weh und Grauen im Herzen wache ich auf.
HOF-BUCH- U. -STEINDRUCKEREI DIETSCH & BRÜCKNER, WEIMAR.
[(1)] »Marsch aufs Verdeck!« = Kommandoruf der alten Wolgapiraten.
[(2)] Der berühmte Räuber und Rebell Stenjka Rasin, der um die Mitte des XVII. Jahrhunderts das ganze Wolgagebiet verwüstete. Held zahlreicher Volkslieder.
[Anmerkungen zur Transkription:]
Die mehrmals wiederholte Phrase »Passa quei' colli ...« wurde wie im Original beibehalten.
Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.
- [Seite 13]:
erloschen: jemand war von ihnen ans Fenster
erloschen: jemand war von innen ans Fenster - [Seite 23]:
ist's, der erfahren wollte, wer ich sei ... Das heiße
ist's, der erfahren wollte, wer ich sei ...« Das heiße - [Seite 26]:
dorthin: in meinem Blute siedete es, ich war ungegewöhnlich
dorthin: in meinem Blute siedete es, ich war ungewöhnlich - [Seite 49]:
Soy un cadro de tristeza,
Soy un cuadro de tristeza, - [Seite 78]:
»Und was wird geschen?«
»Und was wird geschehen?« - [Seite 124]:
hin, holt aus der Tasche ein karriertes Tuch und breitet
hin, holt aus der Tasche ein kariertes Tuch und breitet - [Seite 125]:
Knien; ich fühlte in mir ein solche Furcht vor dem
Knien; ich fühlte in mir eine solche Furcht vor dem - [Seite 163]:
konnte .. Ob Mutius tatsächlich mit den bösen Mächten
konnte ... Ob Mutius tatsächlich mit den bösen Mächten - [Seite 185]:
den Lippen. Ich erlaubte mir jedoch, der Muter zu
den Lippen. Ich erlaubte mir jedoch, der Mutter zu - [Seite 192]:
deren Äußeres ich ihnen so genau wie möglich bebeschrieb,
deren Äußeres ich ihnen so genau wie möglich beschrieb, - [Seite 198]:
herbeigeflogen, stiegen schweeweiß zum grauen Wolkenhimmel
herbeigeflogen, stiegen schneeweiß zum grauen Wolkenhimmel - [Seite 202]:
»Wohin denn, Mütterchen?
»Wohin denn, Mütterchen?« - [Seite 203]:
erschrecken vor dem, war wir in unseren Augen
erschrecken vor dem, was wir in unseren Augen