14. Bordelle, geheime pornologische Clubs und Prostituierte.

In „Juliette“ (I, 187) schildert der Marquis de Sade das Bordell der Duvergier in einer Vorstadt von Paris. Diese Kupplerin hat ein Frauen- und Männerbordell. In dem einsam in einem schönen Garten gelegenen Hause hält sich die Duvergier einen eigenen Koch, deliciöse Weine und charmante Mädchen, die für das einfache Tête-à-Tête 10 Louisdors bekommen. Das Haus hat zwei entgegengesetzte Ausgänge, so dass alle Rendez-vous mit dem nötigen Mysterium umgeben werden können. Die Möbel sind prächtig, die Boudoirs ebenso wollüstig wie vornehm ausgestattet. Ohne Moral und ohne Religion konnte die Duvergier, von der Polizei heimlich unterstützt, als Lieferantin sehr vornehmer Herren, sich mehr erlauben als ihre Concurrentinnen und straflos Greuel aller Art begehen. Das Bordell versorgt Prinzen, Adlige, reiche Bürger mit seiner Waare. Als Juliette später selbst in Paris ein Freudenhaus einrichtet, sind 6 Kupplerinnen (maquerelles) für dasselbe tätig, die aus Paris und den Provinzen die jungen Mädchen herbeiholen (Juliette VI, 306). Clairwil führt Juliette in das Haus der „Société des amis du crime“ ein, welches zwar im Herzen von Paris liegt, aber indiscreten Blicken durch die umgebenden Häuser entzogen wird. Es enthält herrliche Empfangssäle, düstere Zimmer, Galerien, Boudoirs, „cabinets d’aisance“ und Harems oder Serails, wie de Sade sie nennt, in denen die Opfer von beiden Geschlechtern für die Orgien gezüchtet und gepflegt werden. Diese Unglücklichen sind meist mit Gewalt ihren Eltern entrissen worden, unter dem Schutze der Polizei. Hier feiert die vornehme Welt ihre schauerlichen Wollustorgien unter Assistenz von Henkern, Abdeckern, Kerkermeistern und Flagellatoren! (Juliette III, 33 ff.). Aehnlich ist das Haus Vespoli’s zu Salerno eingerichtet (Juliette V, 343 ff.), ferner das Bordell, welches Juliette und die Durand gemeinschaftlich zu Venedig errichten (Juliette VI, 144).

Alcide Bonneau meint, dass der Hirschpark dem Marquis de Sade als Vorbild für seine Bordell-Schilderungen gedient habe[210], die übrigens auch in der „Justine“ wiederkehren z. B. die der Benediktinerabtei Sainte-Marie-des-Bois (Justine II, 40 ff.). Indessen hat der Marquis de Sade doch ganz sicher die Pariser Bordelle eingehend studiert und danach seine Schilderungen entworfen. Er spricht (Juliette I, 333) davon, dass „in mehreren Bordellen von Paris“ Truthähne zu wollüstigen Zwecken für Zoophile gehalten werden. Dass er, der beim Tode Ludwig’s XV. 34 Jahre alt war, den Hirschpark aus eigener Anschauung gekannt hat, halten wir allerdings auch für wahrscheinlich. Der oben erwähnte deutsche Autor, der ihn sogar als maître de plaisir des fünfzehnten Ludwig auftreten lässt, versichert, seine Nachrichten aus glaubwürdigen Quellen zu haben.

Wie dem auch sein mag, so viel steht fest, dass der Marquis de Sade seine Schilderungen der Prostitution und des Geschlechtslebens der Wirklichkeit entlehnt hat. Wir haben daher die Pflicht, diese Wirklichkeit näher zu untersuchen. Wir stützen uns auch hier durchweg auf authentische Berichte. Die berühmtesten Bordelle von Paris, die geheimen pornologischen Clubs und die Verhältnisse der Prostituierten sollen im Folgenden geschildert werden.

a. Das Freudenhaus der Madame Gourdan.[211]

Das berühmteste, besuchteste und am meisten von den gleichzeitigen Schriftstellern erwähnte Pariser Bordell im 18. Jahrhundert ist das Freudenhaus der Madame Gourdan in der Rue des deux Portes, das unter den Regierungen Ludwig’s XV. und Ludwig’s XVI. als Bordell für den Hof und die vornehmen Fremden galt.

Dies Bordell zeichnete sich durch die raffiniertesten Einrichtungen aus, welche alle Bedürfnisse der Besucher und Besucherinnen zu befriedigen versuchten. Entwerfen wir eine kurze Skizze derselben,

1. Das Serail. Dies war ein grosser Empfangssalon mit „plastrons de corps-de-garde“, d. h. zwölf Dirnen, die stets in demselben anwesend sein mussten, um den Wünschen der Besucher nachzukommen. Dort wurden die Preise und die Einzelheiten der Wollust verabredet. Es wurde alles aufs genaueste festgesetzt. „Jugez que d’ordures doivent se débiter dans un pareil cercle! que d’horreurs et d’infamies doivent s’y commettre!“ ruft Pidanzat de Mairobert bei dieser Schilderung aus. Es ist kein Zweifel, dass dies Serail der Gourdan den Namen für die „Serails“ bei Sade hergegeben hat. Ebenso lässt de Sade in seinen Romanen häufig den Preis der Liebe vereinbaren und vor allem die Details der zu veranstaltenden Orgie vorher genau analysieren.

2. DiePiscine“. Dies war ein Badekabinet des Bordells, wohin man zuerst die in der Provinz und in Paris für die Gourdan aufgegriffenen Mädchen führte. Dort wurde die Betreffende gebadet, die Haut „weich gemacht“, gepudert und parfümiert. In einem Toilettentische befanden sich verschiedene Essenzen, Mund- und Schönheitswässer. Auch das berühmte „Eau de pucelle“, ein starkes Adstringens, mit welchem Madame Gourdan etwas „verwüstete Schönheiten“ wieder herstellte und das wieder zurückgab, was man „nur ein Mal verlieren kann“. Dass der Marquis de Sade dieses merkwürdige Mittel sehr oft erwähnt und praktisch anwenden lässt, wie wir später bei der Besprechung der Kosmetica und Aphrodisiaca sehen werden, beweist wohl schlagend seine Arbeit nach berühmten Mustern. — Weiter fand sich in der „piscine“ die „Essence à l’usage des monstres“, die durch ihren scharfen Geruch Impotente wieder potent machte und die „Ungeheuer“ zu wollüstiger Grausamkeit anreizte. — Das „Spezificum“ des Doktor Guilbert de Préval (von welchem Charlatan später ausführlich die Rede sein wird), war ein wahres Wundermittel. Denn es diente zur Verhütung, Diagnostik und Heilung der Syphilis zugleich! Madame Gourdan injicierte etwas davon den neu ankommenden Mädchen, um zu sehen, ob sie gesund seien. Also ein sexuelles Tuberkulin des 18. Jahrhunderts! Alles ist schon dagewesen.

3. DasCabinet de Toilette“. Hier empfingen die Schülerinnen dieses Venusseminars ihre zweite Vorbereitung.

4. DieSalle de bal.“ Aus diesem Saale führte ein geheimes Zimmer in das Haus eines Kaufmannes in der Rue Saint-Sauveur, der mit der Gourdan unter einer Decke steckte. Durch sein Haus gelangten die Prälaten und Richter (gens à simarre) und die Damen von vornehmer Abkunft in das Bordell hinein. In diesem geheimen Zimmer waren Kleider aller Art, sowie „Gegenstände der Raffinerie.“ Hier konnte sich der Geistliche in einen Weltmann verwandeln, der Beamte in einen Soldaten, die Damen in Köchinnen und „Cauchoisen“ (aus der Provins Caux). Hier „erduldeten die vornehmen Damen standhaft die kräftigen Umarmungen eines groben Bauern, welchen ihnen ihre vertraute Lieferantin ausgewählt hatte, um ihr unbezähmbares Temperament zu befriedigen.“ Andrerseits glaubte der Bauer mit seinesgleichen zu tun zu haben und genierte sich wenig in Ausdrücken und Handlungen.

5. Die „Infirmerie.“ Das war das Gemach für Impotente, deren erschöpfte Kraft durch alle möglichen Reize wieder aufgestachelt wurde. Das Licht fiel von oben herein; an den Wänden hingen wollüstige Bilder und Kupferstiche, in den Ecken standen ebensolche plastische Kunstwerke, auf den Tischen lagen obscöne Bücher. In einem Alkoven befand sich ein Bett von schwarzer Seide, dessen Himmel und Seitenwände aus Spiegelglas bestanden, welches alle Gegenstände dieses wollüstigen Boudoirs und alle Vorgänge in demselben wiederspiegelte. Parfümierte Stechginster-Ruten dienten zur Flagellation. Dragée-Pastillen in allen Farben wurden zum Essen angeboten, von denen „man nur eine zu geniessen brauchte, um sich bald als einen neuen Menschen zu fühlen.“ Sie hiessen „Pastilles à la Richelieu“, weil dieser sie oft den Frauen als Aphrodisiacum gegeben hatte. Man sieht, dass die berüchtigte Marseiller Cantharidenbonbons-Affaire des Marquis de Sade in jener Zeit nicht vereinzelt war. —- Auch für die Frauen war in dieser „Infirmerie“ gesorgt. Zahlreiche kleine Kugeln aus Stein waren vorhanden, sogenannte „pommes d’amour“, die in die Vagina eingeführt wurden. Mairobert konnte nicht erfahren, ob „die Chemiker diesen Stein analysiert hätten, der eine bestimmte chemische Zusammensetzung haben sollte und von dem die Chinesen oft Gebrauch machten.“ — Der „Consolateur“ war ein ingeniöses Instrument, „in den Nonnenklöstern erfunden“, um den Mann zu ersetzen. Die Gourdan trieb mit diesen künstlichen Phalli ein Engros-Geschäft. Man fand in ihrem Nachlass „zahllose“ Briefe von Aebtissinnen und einfachen Nonnen mit der Bitte um Uebersendung eines solchen „Trösters“. Wie man sieht, war unsere früher geäusserte Ueberzeugung von der sittlichen Korruption in den Nonnenklöstern nicht übertrieben. — Grosser schwarzer Ringe, der sogenannten „aides“ bedienten sich die Männer zur künstlichen Irritation der Frauen. Manche dieser Ringe waren sogar mit harten Buckeln besetzt, was das Vergnügen noch vermehren sollte. Endlich war ein ganzes Arsenal von „redingotes d’Angleterre“ vorhanden, die heute „Condome“ heissen und welche, wie Mairobert sich ausdrückt „gegen das Gift der Liebe schützen sollen, aber nur das Vergnügen abstumpfen“. Also gebührt die Priorität für das berühmte Wort von dem „Panzer gegen das Vergnügen und dem Spinngewebe gegen die Gefahr“ nicht Ricord, sondern Pidanzat de Mairobert, der es 70 Jahre früher aussprach![212]

6. Die „Chambre de la question“. — Das war ein Kabinet, in welches man durch eine verborgene Luke hineinschauen konnte, so dass die Vorsteherin des Bordells und ihre Vertrauten alles sehen und hören konnten, was in dem Zimmer geschah. Eine Einrichtung für „Voyeurs“.

7. Der „Salon des Vulcan“. — In ihm befand sich ein Fauteuil von sonderbarer Form. Setzte man sich hinein, so drehte sich sofort eine Klappe. Die betreffende Person sank nach rückwärts, mit gespreizten Beinen, die an den Seiten gefesselt wurden. Dieser Stuhl war eine Erfindung des Herrn de Fronsac, Sohnes des Herzogs von Richelieu, welcher ihm Widerstand leistende Mädchen mit Gewalt in diesen Klappstuhl presste und so verführte, wofür er, aber nur zeitweilig, vom Hofe verbannt wurde, um später sein Treiben unbehelligt fortzusetzen. Der „Salon des Vulcan“ war so gelegen, dass „das durch die Schmerzensrufe, durch Weinen und Schreien verursachte Geräusch auf keine Weise von Aussenstehenden gehört werden konnte.“ Dieses Mysterium des Lasters finden wir auch bei de Sade wieder.

Die Gourdan war die Hauptlieferantin für die vornehme Welt. Sie konnte alle Wünsche befriedigen und verfügte über grosse Mittel. In Villiers-le-Bel hatte sie ein im Walde einsam gelegenes Landhaus, wohin sie selten kam, aber öfter kranke Mädchen hinschickte, auch die Schwangeren. Zugleich war diese ländliche Villa ein viel benutztes Versteck für besonders raffinierte Ausschweifungen. Die Bauern nannten dasselbe ironisch das „Kloster“.

Man unterschied in Paris zwei Arten von Kupplerinnen, erstens die Verführerinnen der Unschuld, zweitens die Lieferantinnen von schon deflorierten Mädchen. Nur die Ersteren wurden dadurch bestraft, dass man sie rückwärts auf einem Esel reiten liess. Die Gourdan gehörte zu der zweiten Klasse, welche dafür sorgte, dass ihre Novizen zunächst offiziell von irgend einem ihrer zahlreichen Helfershelfer prostituiert wurden. Zugleich mussten diese der Bordellvorsteherin einen Bericht über die körperliche Beschaffenheit der Betreffenden erstatten. Wir werden später einen solchen Bericht mitteilen.[213]

Im Hause der Gourdan wurden die Maitressen für die vornehme Welt herangebildet. So hatte die spätere Gräfin Du Barry ihre glänzende Laufbahn dem Aufenthalte im Bordelle der Gourdan zu verdanken. Aber auch viele Aristokratinnen suchten hier neue Genüsse. Eine vornehme Dame, Madame d’Oppy wurde 1766 von der Polizei bei der Gourdan entdeckt, bei der sie zeitweise als Dirne fungierte.

b. Justine Paris und das Hôtel du Roule.

Am 14. November 1773 hielt Madame Gourdan auf ihre verstorbene Kollegin Justine Paris eine Leichenrede, die im „Espion anglais“ (Bd. II, S. 401 bis 412) abgedruckt ist und so voll sadischen Geistes ist, dass wir einen kurzen Auszug aus derselben hier mitteilen. Die Idee zu dieser Leichenrede concipierte der Prinz Conti, einer der berüchtigsten Lebemänner des ancien régime. Ausgeführt wurde sie von der Gourdan, welche die Rede bei einer Orgie in Conti’s Hause vorlas. Die „Oraison funèbre de la très-haute et très-puissante Dame, Madame Justine Paris, grande-prêtresse de Cythèrè, Paphos, Amathonte, etc. prononcée le 14. Novembre 1773, par Madame Gourdan, sa coadjutrice, en présence de toutes les nymphes de Vénus“ hatte das charakteristische Motto:

La vérole, o mon Dieu,

M’a criblé jusq’aux os.

Justinen’s Eltern predigten ihr auf dem Sterbebett die Unzucht als einziges Heil der Zukunft. „Comptez pour rien tous les jours que vous n’aurez pas consacré au plaisir!“ Justine setzt diesen Rat, den man in den Romanen des Marquis de Sade fast auf jeder Seite findet, schleunigst in die Tat um und giebt sich bereits auf dem Sarge ihrer Eltern hin. Darauf tritt sie in ein Pariser Bordell ein, wo sie schnell grosse Fortschritte im Dienste der Venus macht, und durch ein Verhältnis mit dem türkischen Gesandten bald berühmt wurde. Reisen nach England, Spanien und Deutschland lehrten sie phlegmatisch mit dem Engländer, ernst mit dem Spanier und hitzig (emportée) mit dem Deutschen zu sein. Zuletzt kommt sie nach Italien und ist in Rom die „Königin der Welt und das Centrum der paillardise“. Sie durchreist ganz Italien, von Fürsten und Geistlichen verehrt und begehrt. Leider macht sich von Zeit zu Zeit ihre hereditäre Syphilis wieder geltend, die sie aber nicht abhält, nach ihrer Rückkehr in Paris neue Orgien zu feiern und neue Erfolge zu erringen und sich grosses Ansehen als Besitzerin eines Bordells zu erwerben. Doch endet sie im Hospital.

Sollte dem Marquis de Sade diese Leichenrede ganz unbekannt geblieben sein? Wir glauben es kaum und waren jedenfalls überrascht, in Madame Paris und ihrer Reise durch Italien ein Vorbild der Juliette zu finden, die ebenfalls in Italien, in Florenz, Rom und Neapel als Königin der Welt und als Idealhure gefeiert wird.

Casanova, dieser geniale Schilderer, dessen historische Glaubwürdigkeit u. a. durch die vortreffliche Schrift von Barthold[214] überzeugend dargetan ist, erzählt in seinen Memoiren von einem Besuche im Bordell der Paris im Jahre 1750, dem sogenannten Hôtel du Roule, und führt uns ein lebendiges Bild von dem Leben und Treiben in einem Pariser Bordell des achtzehnten Jahrhunderts vor Augen, das als Ergänzung der mehr systematischen Beschreibung des Hauses Gourdan hier Platz finden möge.[215] „Das Hôtel du Roule war in Paris berühmt, mir aber noch unbekannt. Die Besitzerin hatte es elegant möbliert und hielt zwölf bis vierzehn ausgezeichnete Nymphen. Man fand bei ihr alle wünschenswerten Bequemlichkeiten; guten Tisch, gute Betten, Reinlichkeit, Einsamkeit in herrlichen Gebüschen; ihr Koch war vortrefflich, ihre Weine ausgezeichnet.

„Sie hiess Madame Paris, ohne Zweifel ein angenommener Name, der aber Alle befriedigte.

Durch die Polizei geschützt, war sie weit genug von Paris entfernt, um überzeugt zu sein, dass die Besucher ihrer Anstalt Leute waren, die über der Mittelklasse standen.

„Die innere Polizei war geordnet wie nach Noten, und alle Vergnügungen hatten einen gewissen Tarif.

„Man zahlte sechs Francs für ein Frühstück mit einer Nymphe, zwölf für ein Diner und das Doppelte für eine Nacht“.

Hier machen wir einen Augenblick Halt und konstatieren, dass diese Schilderung Casanova’s fast Wort für Wort mit der oben gegebenen Beschreibung des Bordells der Duvergier in de Sade’s „Juliette“ übereinstimmt. Das Haus der Duvergier liegt wie das der Justine Paris „einsam“ in einem „Garten“, auch sie hatte einen vortrefflichen „Koch“, ausgezeichnete „Weine“, und last not least war auch sie „durch die Polizei geschützt“ (soutenue à la Police). Vergegenwärtigen wir uns, dass bei der genauen Beschreibung des Bordells der Gourdan sowie auch bei anderen Pariser Freudenhäusern nirgends ein Koch erwähnt wird, dass die Reihenfolge der übrigen Epitheta bei Casanova und de Sade genau dieselbe ist, endlich dass Casanova, der im Juni 1798 starb, nachdem seine nur bis 1773 reichenden Memoiren längst im Manuscripte vollendet waren, die im Jahre 1797 erschienene „Juliette“ sicher nicht mehr für diese verwertet hat und auch früher den Marquis de Sade nicht gekannt hat, dass ferner seine Memoiren erst im Jahre 1822 in der Oeffentlichkeit erschienen, so lässt sich daraus der sichere Schluss ziehen, dass beide Männer, die deshalb kulturhistorisch so wichtig sind, weil in ihren Schriften ein photographisch getreues Bild der sittlichen Corruption des 18. Jahrhunderts uns dargeboten wird, mit fast den gleichen Worten dasselbe Bordell schildern. Der Marquis de Sade hat unter dem Namen der Duvergier das Treiben der Justine Paris geschildert. Wir sind überzeugt, dass spätere Forscher den von uns gefundenen zahlreichen Analogien neue hinzufügen werden. Daraus ergiebt sich, dass die Werke des Marquis de Sade ebenso ein Objekt der Kulturgeschichte wie der Medizin sind. Dieser merkwürdige Mensch hat uns von vornherein ein lebhaftes Interesse eingeflösst. Wir wollten ihn verstehen, um ihn erklären zu können, und wir überzeugten uns bald, dass auch der Arzt hier die wichtigste Belehrung nur aus der Kulturgeschichte empfangen kann. Das Individuum de Sade wird erleuchtet durch den geschichtlichen Menschen.

Kehren wir nach diesem Excurse zu der Schilderung Casanova’s zurück. „Wir stiegen in einen Fiaker und Zatu sagte zu dem Kutscher: ‚Nach Chaillot‘.

„Nach einer halbstündigen Fahrt hielt dieser vor einem Torwege, über dem man ‚Hôtel du Roule‘ las.

„Das Tor war geschlossen. Ein Schweizer mit grossem Bart trat aus einer Seitentür und mass uns ernsthaft mit den Augen. Er fand uns anständig, öffnete und wir fuhren hinein.

„Eine einäugige Frau von ungefähr fünfzig Jahren, welche aber noch Spuren früherer Schönheit erkennen liess, redet uns an, und nachdem sie uns artig begrüsst hatte, fragte sie, ob wir bei ihr dinieren wollten.

„Auf meine bejahende Antwort führte sie uns in einen schönen Saal, in welchem wir vierzehn junge Mädchen sahen, die sämtlich schön und gleichmässig in Mousselin gekleidet waren.

„Bei unserem Eintritt erhoben sie sich und machten uns eine sehr anmutige Verbeugung.

„Alle waren ungefähr von gleichem Alter, die Einen blond, die Anderen braun oder brünett, oder mit schwarzem Haar.

„Jeder Geschmack konnte hier befriedigt werden.

„Wir sprachen mit allen ein Wort und bestimmten unsere Wahl.

„Die beiden Erwählten stiessen einen Freudenruf aus, umarmten uns mit einer Wollust, die ein Neuling für Zärtlichkeit hätte halten können, und wir gingen nach dem Garten, in Erwartung, dass man uns zum Diner rufen würde.

„Dieser Garten war umfangreich und künstlich so eingerichtet, dass er den Freuden der Liebe dienen konnte.

Madame Paris sagte:

„Gehen Sie, meine Herren, und geniessen Sie die frische Luft und halten Sie sich sicher in jeder Beziehung; mein Haus ist der Tempel der Ruhe und der Gesundheit.“

„Während der süssesten Beschäftigung rief man uns zum Essen.

„Wir wurden recht gut bedient; die Mahlzeit hatte in uns neue Neigung erregt, aber mit der Uhr in der Hand trat die Einäugige auf uns zu, um uns zu benachrichtigen, dass unsere Partie beendigt sei.

„Das Vergnügen wurde hier nach der Stunde gemessen“.

Schliesslich lassen sich Casanova und sein Freund dazu bewegen, die Nacht in dem Bordell zu verleben.

Das Hôtel du Roule ist auch in zwei galanten Gedichten des 18. Jahrhunderts verherrlicht worden. Das eine hat den Titel „Le Temple de l’Amour“ (Paris 1751; Neudruck: Brüssel 1869, 8 Seiten); es schildert die mannigfaltigen dort begangenen Ausschweifungen. Der Anfang lautet:

Au milieu de Paris, dans un obscur séjour,

Est un temple charmant consacré par l’Amour;

C’est là que maint f......, dans l’ardeur qui le presse

Va porter son encens an dieu de la tendresse.

Das zweite Gedicht heisst „Les Reclusières de Vénus“ (Allégorie, A la nouvelle Cythéropolis 1750; Neudruck: Brüssel 1869, 16 Seiten). Ich citire eine interessante Stelle daraus, wo erzählt wird, dass die Paris ihren Mädchen andere wohlklingendere, suggestivere Namen zu geben pflegte, ganz wie dies auch in unseren heutigen Bordellen noch geschieht:

Des noms mignards, respirant la luxure,

Feront an cœur la première blessure;

Margot sera la charmant Aglaé,

Fanchon Victoire, et Pernette Daphné,

Dodon Fatime, et Charlotte Emilie,

Cateau Lolotte, et Jeanette Julie.

c. Das Bordell der Richard.[216]

Dieses Freudenhaus wurde hauptsächlich von Geistlichen besucht. Madame Richard hatte ihre Thätigkeit damit begonnen, systematisch junge Beichtväter zu verführen. Diese Spezialität der Erotomanie gab ihr den Gedanken ein, ein Bordell für Geistliche zu eröffnen. Dasselbe florierte glänzend. Madame Richard wurde die Lieferantin von jungen Mädchen für ein „Missionshaus, für Prälaten und andere Geistliche.“ Eine erotische Szene aus diesem Freudenhause haben wir bereits erzählt.

d. Ein Negerbordell.

Ein Lüstling in Venedig bringt stets in das Bordell der Juliette zwei Negerinnen mit, weil der Kontrast zwischen weissen und schwarzen Menschen ihm besondere Befriedigung verschafft (Juliette VI, 152). Neger und Negerinnen spielen auch bei dem anthropophagischen Diner in Venedig eine Rolle (Juliette VI, 204). In dem Schlosse des Cardoville bei Grenoble, wohin Justine als ein Opfer der Lüste dieses Wüstlings geführt wird, sind zwei Neger als Helfershelfer bei diesen Orgien thätig. (Justine IV, 331.) — Im dritten Bande von „Aline et Valcourt“ findet sich auf Seite 200 ein obscönes Bild, drei nackte Weiber darstellend und einen Mann, der die Genitalien des einen Weibes berührt, während von vier dabei stehenden Negern zwei mit wildem Ausdruck Keulen schwingen.

Die Neger sind auch keine Erfindung Sade’s! Es existierte schon vor 1790 in Paris ein Negerbordell! Dies befand sich im Hause einer Mlle. Isabeau, früher rue neuve de Montmorency, später rue Xaintonge, welches letztere Haus einem gewissen Marchand gehörte. In diesem Bordell waren Negerinnen, Mestizen und Mulattinnen vorrätig. Es gab keine festen Preise, sondern die Insassinnen wurden „verkauft wie man die Sklavinnen einer Karawane verkauft.“[217]

Fraxi meint[218], dass der Geschmack für schwarze Frauen vielleicht den Franzosen eigentümlich sei. Jedenfalls findet man noch heute in mehreren Bordellen von Paris und in den Provinzen ständig Exemplare dieser schwarzen Schönheiten. Auch Hagen macht in seiner „Sexuellen Osphresiologie“ (S. 179–181) ausführliche Mitteilungen über diese Vorliebe der Franzosen für Negerinnen, die er vielleicht mit Recht auf Geruchsreize zurückführt.

e. Die „petites maisons“.

Indem wir bezüglich der anderen grossen Pariser Bordelle des 18. Jahrhunderts auf das berühmte Werk von Rétif de la Bretonne verweisen[219], sowie auf die Schrift „Les bordels de Paris“ (1790), erwähnen wir nur noch das Freudenhaus im Faubourg Saint-Antoine, wo nach Rétif’s Erzählung der Herzog von Orléans, der Graf von Artois sich den wildesten Ausschweifungen und Grausamkeiten hingaben, wo man „Bestialitäten“ beging, die später der Marquis de Sade in seinem „exécrable roman“: Justine ou les Malheurs de la vertu beschrieben habe.[220]

Offenbar genügte diese grosse Zahl von Bordellen noch nicht dem Unsittlichkeitsbedürfnisse des ancien régime. Man musste die Wollust bei sich selbst einquartieren. So schufen sich die vornehmen Herren und reichen Wüstlinge jener Zeit in den sogenannten „petites maisons“ gewissermassen ihre eignen Privatbordelle, Freudenhäuser en miniature. Jeder hat sein „kleines Haus“ mit mehreren Maitressen. Das gehörte zum vornehmen Ton bei Jung und Alt. Casanova lernte in Paris den 80jährigen Chevalier d’Arzigny kennen, den „Aeltesten der petits maîtres“, der sich rot schminkte, geblümte Kleider trug, die Perrücke pomadisierte, die Augenbrauen braun malte und ebenfalls parfümierte und ein Gebiss von Elfenbein trug. Selbst dieser alte Lebemann war „seiner Geliebten zärtlich zugetan, die ihm sein kleines Haus führte, in welchem er stets in Gesellschaft ihrer Freundinnen zu Abend ass, die sämtlich jung, sämtlich liebenswürdig waren und jede Gesellschaft für die seinige aufgaben“.[221]

Auch der Marquis de Sade besass im Jahre 1772 auf der butte Saint-Roch sein „petite maison“.[222]

f. Die geheimen pornologischen Klubs.

Das, was der Marquis de Sade in der „Société des amis du crime“ geschildert hat, was wir später als das „Mysterium des Lasters“ in den Romanen dieses Autors bezeichnen werden, existierte in Wirklichkeit. Es gab in Paris geheime Klubs, deren Mitglieder sich zum Zwecke des praktischen Studiums der Wollust vereinigten, die ihre „Tempel“ hatten mit den Statuen des Priapus, der Sappho und anderer Symbole der geschlechtlichen Lust, ihre besondere Sprache und Erkennungszeichen.

Die „Insel der Glückseligkeit“ oder „der Orden der Glückseligkeit“ oder die Gesellschaft der „Hermaphroditen“ war der berüchtigste Liebesklub. Gegründet wurde er vom Herrn von Chambonas.[223] Diese geheime Gesellschaft entlehnte alle Bezeichnungen, alles Ceremoniell und alle Formen dem Seemannsleben und richtete ihre Gesänge und Anrufungen an den heiligen Nicolaus. „Maître“, „Patron“, „Chef d’escadre“; „Viceadmiral“ waren die Namen der einzelnen Grade der „Ritter“ und „Ritterinnen“, die einen Anker auf dem Herzen trugen und ewige Treue und Verschwiegenheit geloben mussten, wenn sie sich auf die Insel des Glückes führen liessen.[224] In ihren „mehr als galanten Versammlungen“ wurden die obscönsten Reden geführt.[225] Ein sehr eifriges Mitglied dieses obscönen Klubs war Moët, der Verfasser des „Code de Cythère“ (Paris 1746) und Uebersetzer der englischen Schrift „Lucina sine Concubitu“ (Vgl. über diese Bd. II von Dühren „Das Geschlechtsleben in England“). Er verfasste für seinen Klub das merkwürdige Buch „L’Anthropophile, ou le Secret et les Mystères de l’Ordre de la Félicité dévoilés pour le bonheur de tout l’univers“, Arétopolis (Paris) 1746. Es enthält die Regeln und Statuten der Vereinigung, das „Wörterbuch“ derselben und Gedichte. Aus dem Dictionnär teile ich einige Ausdrücke mit: „Chaloupe“ = petite fille; „flute“ = grosse femme; „frégate“ = femme; „gabari“ = fille ou femme bien faite; „goudron“ = fard; „hisser une frégate“ = enlever une femme; „mât“ = le corps; „mer“ = amour, intrigue; „sondes“ = les doigts. Den Zweck des Klubs verkündigen folgende Verse:

L’isle de la Félicité

N’est pas une chimère;

C’est où règne la volupté

Et de l’amour la mère;

Frères, courons, parcourons

Tous les flots de Cythère

Et nous la trouverons.[226]

Sehr mysteriös war die Gesellschaft der „Aphroditen“, die durch einen heiligen Eid, durch häufigen Wechsel der Versammlungsorte ihr Geheimnis zu hüten suchten. Sie benannten die Männer mit Namen aus dem Mineralreiche, die Frauen nach dem Pflanzenreiche.[227]

Dagegen hat man von einem andern Klub das Manuscript der Statuten, der Erkennungszeichen, des Mitgliederverzeichnisses mit den „noms de plaisir“ aufgefunden. Das war die „Société du Moment“. Dieses Manuscript gewährt einen tiefen Einblick in den widerlichen Schmutz, in dem sich diese „sociétés de cynisme“, wie die Goncourts sie nennen, wälzten.[228]

Eine vierte geheime pornologische Gesellschaft war die „Secte Anandryne“, der Club der Tribaden, der im „Tempel der Vesta“ seine Orgien feierte. Wir werden weiter unten diesem Klub und seinen Versammlungen eine ausführliche Darstellung widmen.

Die Entstehung dieser geheimen Gesellschaften erklärt ein Wort der Delbène (Juliette I, 25): „Die Laster darf man nicht unterdrücken, da sie das einzige Glück unseres Lebens sind. Man muss sie nur mit einem solchen Mysterium umgeben, dass man niemals ertappt wird.“ de Sade’s Schilderung des geheimen Klubs der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ (Juliette III, 30 ff.) ist offenbar nach den ihm bekannten Vorbildern entworfen. Diese Gesellschaft besitzt eine eigene Druckerei mit zwölf Kopisten und vier Lesern. Im Klubgebäude befinden sich zahlreiche „cabinets d’aisance“, die von jungen Mädchen und Knaben bedient werden, die sich dabei allen Gelüsten der Besucher dieser appetitlichen Orte hingeben müssen. Daselbst findet man „seringues, bidets, lieux à l’anglaise, linges très fins, odeurs“. Aber man kann auch linguam puellarum sive puerorum nachher zur Reinigung benutzen.

In den beiden „Serails“ des Hauses werden Knaben, Mädchen, Männer, Frauen und — Tiere zur Befriedigung jeglicher Art von Wollust gehalten. Der „Mord“ kostet 100 Thaler. Der Eintritt in den Hauptversammlungssaal erfolgt nackt auf einem mit Hostien bedeckten Cruzifix, an dessen Ende die Bibel liegt. Vor der Aufnahme wird Juliette befragt, ob sie die Arten der Unzucht und die Verbrechen, die man ihr nacheinander aufzählt, begehen würde. Nachdem sie bejaht hat, empfängt sie die „Instruktionen für die in die Gesellschaft der Freude aufgenommenen Frauen“. Die in dem geheimen Club stattfindenden Orgien werden in der Analyse der „Juliette“ erwähnt werden.[229]

g. Die Freudenmädchen.

Es ist schon aus der bisherigen Darstellung zur Genüge hervorgegangen, dass das 18. Jahrhundert mit seiner Selbstsucht und seiner tierischen Wollust das Jahrhundert der Dirne ist. Die Dirne wird vergöttert, idealisiert. Sie steht um so höher über der ehrbaren Frau, je mehr Wollust, je raffiniertere Genüsse sie geben kann. In der „Philosophie dans le Boudoir“ (I, 52) fragt die Novize Eugenie ihre Lehrerin in der Liebe, Madame de St.-Ange, was eine „putain“ sei, welches Wort sie zum ersten Male höre. Diese erwidert (S. 52–53): „So nennt man diese öffentlichen Opfer männlicher Ausschweifungen, welche stets bereit sind, sich ihrem Temperament oder ihrem Interesse zu ergeben. Es sind glückliche und ehrenwerte Geschöpfe, die aber von der allgemeinen Meinung entehrt werden, während die Wonne sie krönt. Sie sind der Gesellschaft nützlicher, als alle prüden Personen, weil sie den Mut besitzen, ihr zu dienen. Sie sind die wahrhaft liebenswürdigen Weiber, die einzigen Weltweisen! Was mich betrifft, die ich seit 12 Jahren diese Benennung zu verdienen mich bestrebe, so bin ich fern davon, mich dadurch beleidigt zu fühlen, wenn man mich so nennt. Es freut mich sogar und ich liebe es, wenn ich inmitten des Genusses diese Benennung höre. Denn diese Beschimpfung bringt mein Blut in Wallung“. Das ist das, was die Goncourts „den Verlust seines guten Rufes geniessen“ nennen und für ein allgemeines Merkmal der Frauen des 18. Jahrhunderts erklären.

Rétif de la Bretonne erhebt sich im „Monsieur Nicolas“ zu folgendem „Schwanengesange“ der Prostitution: „Wenn Ihr (die Dirnen) nicht zur Monandrie gelangen könnt, verzweifelt deshalb nicht. Ihr seid doch noch nützlich. Durch die ausgesuchten Vergnügungen, welche Ihr gewährt, durch die Wonnen Eures Berufes haltet Ihr die sinnlichsten Männer in den Schranken der Natur und verhindert sie, sich mit anderen unsittlicheren Weibern abzugeben oder bei weniger Vorsichtigen ihre Gesundheit einzubüssen. Seid niemals herausfordernd und zänkisch, denkt daran, dass Mädchen Eurer Art eine Erholung für den Mann sind, wahre Priesterinnen der Wollust. Achtet Euch!“[230]

Diese Verherrlichung der Dirne nahm oft sonderbare Formen an. So sprach ein Chevalier de Forges bei seinen Lebzeiten oft den Wunsch aus, in den Armen eines Freudenmädchens zu sterben. Er hatte im Leben seine Lust und sein Glück bei Dirnen gesucht. Er wollte sie auch im Sterben dort finden. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Er starb mitten im Genusse, in den Armen einer Prostituierten.[231]

Dieses grosse Ansehen der Prostituierten im 18. Jahrhundert spiegelt sich am einleuchtendsten in dem Verhalten der Polizei ihnen gegenüber wieder. Wir sahen, dass de Sade das Bordell der Duvergier ausdrücklich durch die Polizei geschützt sein lässt. So war es in der That zur Zeit der Entstehung der „Juliette“, während der Schreckensherrschaft und unter dem Direktorium. Doch unter der Regentschaft wurden aufgegriffene Dirnen bestraft, einzelne sogar nach Neu-Orléans geschickt. Es sei nur an „Manon Lescaut“ erinnert, jene berühmte Erzählung des Abbé Prévost, mit welcher übrigens die Verherrlichung der Dirne in der französischen Litteratur des 18. Jahrhunderts beginnt. Bald aber fiel jede Aufsicht fort. Wohl wurden ab und zu kranke Dirnen nach Bicêtre geschickt. Wohl musste der bekannte Polizei-Inspektor Marais dem Könige Ludwig XV. über die Dirnen von Paris regelmässige Berichte erstatten[232]. Aber eine ernsthafte Aufsicht fehlte. Parent-Duchatelet hat die Archive der Pariser Polizeipräfektur vom Jahre 1724 bis 1788 durchgesehen und aus dieser entnommen[233]: „Dass die Duldung der Polizei in Betreff der öffentlichen Dirnen und Häuser unbegrenzt war, dass sie nur in sehr argen Fällen einschritt und unsern jetzigen Duldungsscheinen entsprechende Bewilligung gab. Dass sie nie Haussuchungen anstellte, ausgenommen wenn von Seiten der Nachbarn Klagen angebracht wurden.

„Dass in manchen Häusern Mordthaten vorfielen, in anderen Mädchen und Männer zum Fenster hinausgeworfen wurden, der Lärm hauptsächlich von verkleideten Soldaten herrührte, die Nachbarn beim Heimkehren die grösste Gefahr liefen und oft nicht heimkehren konnten.

„Dass bei allen Verhaftungen die grösste Willkür obwaltete, durch keine Vorschrift etwas geordnet war, alles von der Laune der Polizeikommissare und ihrer Diener abhing.

„Dass in dem Masse, als man sich von den ersten Zeiten des verflossenen Jahrhunderts entfernte, die Strafe minder hart, das Verfahren minder roh und eilig war“.

Die Revolution war dann die goldene Zeit des Dirnentums. Jene Zustände, wie sie de Sade in seinen Werken schildert, waren Wirklichkeit. Nach Parent-Duchatelet[234] wurden von 1791 an alle alten Einrichtungen abgeschafft. Das Gewerbe der Lustdirne war nicht mehr besonderer Gegenstand gesetzlicher Verfügungen. Das Gesetz vom 22. Juli dieses Jahres handelt zwar im zweiten Titel, unter dem Kapitel der Zuchtpolizei in sehr unbestimmter Art, unter Bezeichnung von öffentlichen Eingriffen in die Sitten, davon; allein offenbar wollte der Gesetzgeber jener Zeit nur die Geschöpfe erreichen, welche junge Leute des einen und des andern Geschlechts verführen, um sie einem Richter zu überliefern. Von dem Treiben der Lustdirnen sagt er nichts, und es scheint, dass er dies für ein Gewerbe ansah, welches jede zu üben berechtigt wäre, dass eine Vorschrift deshalb ein Eingriff gegen die persönliche Freiheit sei.

So waren also diese Mädchen von aller Aufsicht befreit und denen gleich gestellt, welche irgend ein Gewerbe treiben, über ihre Tätigkeit frei gebieten können; durch einen unbegreiflichen Missgriff der Nationalversammlung sahen sie sich emanzipiert, eine Wohltat, die sie zu keiner Zeit und in keinem Lande genossen hatten.

Eine zügellose Frechheit, ein beispielloses Aergernis war die Folge. Schreckensherrschaft und Direktorium bezeichnen den höchsten Gipfel der Freiheit und Zuchtlosigkeit, welche die Prostitution zu irgend einer Zeit und bei irgend einem Volke jemals erreicht hat. Wir erinnern schon jetzt daran, dass der Marquis de Sade diese ganze Zeit, von 1790 bis 1801, mit der kurzen Unterbrechung eines halben Jahres, in voller Freiheit in Paris zugebracht hat, dass er also Zeuge des Triumphes des Dirnentums und der widerlichsten öffentlichen Unzucht gewesen ist.

Jetzt wurde die Dirne zur „Göttin der Vernunft“, die alle anbeten müssen, und jedes Weib wurde Dirne. Im Juli 1793 wurde auf dem Theater der Republik ein neues Stück gegeben, betitelt „Die Freiheit der Frau“. Es schildert aber in Wirklichkeit die „Frechheit des Lasters“. Die Hauptfigur war ein Ehemann, der aus Neigung liederlich, von Charakter unbeständig, und aus Berechnung Feind des Anstandes, das Bekenntnis ablegt: „Die Reize meiner Frau müssen mehr als Einem Glücklichen zu Teil werden!“[235] Die öffentlichen Dirnen „vervielfältigten“ sich auf allen Strassen, hauptsächlich im Palais Royal, der Maison-Egalité und den Champs Elysées; in den Logen der Theater, in den Kneipen, in den grossen Restaurationen erblickte man die scheusslichste Unzucht. Paris wurde die „Kloake der ganzen Republik“, die allen Schmutz der Provinzen an sich zog, das Genussleben nahm einen immer unerträglicheren Charakter an und steigerte sich bis zur äussersten Brutalität. Namentlich bot im Sommer 1796 der Boulevard des Temple das Schauspiel der ekelhaftesten Unzucht dar, geübt von Militärs. In Gemeinschaft mit ganz in Lüsten verkommenen Weibern trugen sie ein wahrhaft viehisches Verhalten zur Schau, und mit diesen Weibern waren zugleich Mädchen von 12 und 13 Jahren, die hier einer empörenden Prostitution sich hingaben. Aber trotz aller Entrüstung, die selbst die Polizei darüber empfand, boten noch später das Palais-Royal und die Champs-Elysées mit der Fülle ihrer öffentlichen Orte tagtäglich völlig ähnliche „Schauspiele der scheusslichsten und unverschämtesten“ Unzucht dar.[236]

Hier wurde das Ideal, das der Marquis de Sade in seinen Romanen aufstellt, verwirklicht: Die Massensuggestion der Wollust! Zu dem unzüchtigen Gebahren gesellten sich die Kostüme à la grecque, die unglaublichen Nuditäten der Kleidung, die wir oben geschildert haben, um auch die reinen Menschen schnell in den Strudel der wildesten Begierden hinabzuziehen. Diese Infection der Moral durch das Gift der Wollust hat Rétif de la Bretonne sehr schön wiedergegeben in seiner Schilderung des Treibens der Dirnen auf den Strassen[237]: „Die Mädchen gehen aus und spazieren; einige machen sich durch ihre elegante Kleidung, noch öfter aber durch die unanständige Blosstellung ihrer verführerischen Reize bemerklich. Junge unverständige Menschen erlauben sich, ganz öffentlich sogar, strafbare Freiheiten — und unsere Kinder, die Zeugen der Abscheulichkeiten sind, schlürfen das Gift; es gährt, es entwickelt sich mit dem Alter, und der gefahrbringende Anblick leitet sie zum Verderben. Die Tochter eines Handwerkers, eines Bürgers wohl gar, noch in dem Alter stehend, wo die angeborene Unschuld sie nirgends etwas Böses argwöhnen lässt, sieht ein wohlgekleidetes Weib, welchem die jungen Federhelden auf dem Fusse nachgehen, sie anreden und liebkosen. Das unschuldige Mädchen fühlt ein Verlangen, ihr gleich zu sein; es ist allerdings noch schwach, aber wird schon an Stärke gewinnen und ihr eines Tags vielleicht die Bahn des Lasters öffnen. Dabei bleibt es noch nicht; junge Leute, die oft noch unter der Rute stehen, finden so leicht Gelegenheit, zu frühe Genüsse zu kosten und sich zu entkräften, ehe sie noch ausgebildet sind. Um dieser Gefahr zu entgehen, müsste eine Tugend vorhanden sein, die jede Probe besteht, oder alle Sinnlichkeit fehlen. Welche Unanständigkeit! Unter dem Schleier des Halbdunkels wagt man Derartiges — Kinder haben es vor Augen — und man wundert sich noch über die Verderbnis der Sitten vom zartesten Alter an.“ Und als Illustration zu diesen Worten berichtet A. Schmidt nach Polizeiberichten — wir betonen das, weil das Factum sonst kaum glaublich erscheint — dass im Oktober 1793 alltäglich der Revolutionsgarten und namentlich die Gallerien bei dem Theater Montansier mit ganz jungen Burschen und Mädchen im Alter von 7 bis 14 und 15 Jahren angefüllt waren, die sich fast öffentlich den Ausschweifungen der infamsten Unzucht hingaben. Und dabei waren dieselben „fast nackt wie die Hand und boten den Vorübergehenden das entwürdigendste Schauspiel“.[238] Es ist kein Zufall, dass diese Monstrositäten sich in dem Herbste des Jahres 1793 zeigten, nach jenen grauenvollen Septembertagen, an denen das Blut in Strömen floss. Es ist kein Zufall, dass der Gipfel der Wollust in der Zeit der Terroristen erreicht wurde. de Sade, der im Dezember dieses Jahres wieder gefangen gesetzt wurde, hatte während dieser Zeit mit Wollust im Blute gewatet, und die entsetzlichen Ideen seiner Werke eingesogen. Das war jene Zeit, wo sogar die geheimen pornologischen Clubs an die Oeffentlichkeit traten und im Opernhause „nackte Bälle“, bei denen nur das Gesicht maskiert war, feierten[239], wo die Zahl der täglichen Dirnenbälle auf mehrere Hundert stieg[240], auf denen die „Nacktheiten der Griechen und Römer“ zur Schau getragen wurden, wo in 23 Theatern der Unzucht gefröhnt wurde.

Was die Zahl der Pariser Prostituierten im 18. Jahrhundert betrifft, so betrug dieselbe um 1770 etwa 20000 bei einer Einwohnerzahl von 600000. Zur Zeit der Revolution wuchs die Zahl auf 30000 an[241].

Wenn wir nun noch einen Blick auf die verschiedenen Arten der Dirnen werfen, so konstatieren wir zunächst, dass das Maitressentum des ancien régime sich grösstenteils aus der Theaterwelt rekrutierte. Schauspielerinnen, Operntänzerinnen, Opernsängerinnen kommen hier besonders in Betracht.

Mercier erzählt, dass die „filles d’Opéra“ auf die Männer einen ganz besonderen Reiz ausüben[242]. La Mettrie ruft emphatisch aus: „Transportons-nous à l’Opéra, la Volupté n’a point du Temple plus magnifique, ni plus fréquenté“, und rühmt die Reize der berühmten Tänzerin Camargo und der Jalé[243]. d’Alembert meinte derb-cynisch, dass das häufige Glück und der Reichtum der Tänzerinnen und Sängerinnen „eine notwendige Folge des Gesetzes der Bewegung sei“.[244]

Grelles Licht fällt auf diese Verhältnisse durch zwei von Casanova erzählte Erlebnisse. Sein Freund Patu führte ihn zu einer berühmten Sängerin der Oper, der Mademoiselle Le Fel, beliebt in ganz Paris und Mitglied der königlichen Akademie der Musik. Sie hatte drei allerliebste kleine Kinder, welche in dem Hause umherflatterten. — „Ich bete sie an,“ sagte sie. „Sie verdienen es durch ihre Schönheit“, erwiderte ich (Casanova), „obgleich ein jedes einen anderen Gesichtsausdruck hat.“ — „Das glaube ich gern! Der älteste ist der Sohn des Herzogs von Anneci, der zweite der des Grafen von Egmont und der jüngste verdankt sein Leben Maisonrouge, der eben die Romainville geheiratet hat.“ — „Ach, entschuldigen Sie, ich glaubte Sie wären die Mutter der drei Knaben.“ — „Darin haben Sie sich auch nicht getäuscht; ich bin es wirklich.“ Indem sie dies sagte, sah sie Patu an und brach gemeinschaftlich mit ihm in ein lautes Gelächter aus. Ich war Neuling und nicht gewohnt die Frauen anmassende Angriffe auf das Privilegium der Männer machen zu sehen.

„Mademoiselle Le Fel war gleichwohl nicht frech und gehörte sogar der guten Gesellschaft an, aber sie war, was man ‚über die Vorurteile erhaben‘ nennt. Hätte ich die Sitten der Zeit besser gekannt, so würde ich gewusst haben, dass dergleichen Dinge in der Ordnung waren. Die grossen Herren, welche so ihre Nachkommenschaft umherstreuten, liessen ihre Kinder in den Händen der Mütter, indem sie denselben starke Pensionen zahlten. Folglich lebten diese Damen um so mehr im Wohlstande, je fruchtbarer sie waren.[245]

Die zweite Anekdote ist noch charakteristischer. Eines Tages sah Casanova bei Lani, dem Balletmeister der Oper fünf bis sechs junge Mädchen von 13 bis 14 Jahren, sämtlich von ihren Müttern begleitet und von bescheidenem, feinem Wesen. Er sagte ihnen Schmeicheleien, die sie mit niedergeschlagenes Augen anhörten. Eine von ihnen beklagte sich über Kopfschmerz. Während Casanova ihr sein Riechfläschchen bot, sagte eine ihrer Gefährtinnen: „Ohne Zweifel hast Du schlecht geschlafen.“ „Nein, das ist es nicht“, erwiderte die unschuldige Agnes, „ich glaube ich bin in anderen Umständen.“ Bei dieser so unerwarteten Antwort eines jungen Mädchens, das er nach ihrem Alter und Aussehen für eine Jungfrau gehalten hatte, sagte Casanova: „Ich glaubte nicht, dass Madame verheiratet wären.“ Sie sah ihn einen Augenblick überrascht an. Dann wandte sie sich gegen ihre Gefährtin und beide lachten um die Wette.[246]

Die Figurantinnen und Choristinnen der Oper empfingen keine Gage, sodass „zahlreiche Herren den Mangel des Honorars ersetzen mussten“. Diese Kaste suchte mit wenigen Ausnahmen einen Stolz darin zu setzen „verächtlich zu sein“. Es gab in jener Zeit bei der Oper mehrere Figurantinnen und Sängerinnen, die eher hässlich als nur leidlich zu nennen waren, kein Talent hatten und dennoch sehr behaglich lebten. Denn es verstand sich von selbst, dass ein solches Mädchen, auf jede Tugend verzichten musste, um nicht zu verhungern.[247]

Aus einem im „Espion anglais“ mitgeteilten Dialog über die berühmtesten Dirnen von Paris erfahren wir, dass dieselben fast durchweg der Theaterwelt angehören.[248]

Die Opernsängerin La Guerre war jene Dame, für welche der Herzog von Bouillon in drei Monaten 800000 Livres verschwendet hatte.

Die Dirne La Prairie gehörte zu denjenigen Weibern, welche sich dem Marschall Prinzen von Soubise in dessen „petite maison“ nackt zeigen mussten. „C’est le costume chez Son Altesse comme chez l’Abbé Terrai!“ Dieser moralische Geistliche hatte in seinem Hause in der Rue Notre-Dame ein Zimmer mit einem kostbaren Bette. Stieg die jeweilige Angebetete hinein, so fand sie ein verhülltes Gemälde, das nach der Enthüllung den schönen Körper einer nackten Frau zeigte. „Madame, c’est le costume“, bemerkte der Abbé kaltblütig, indem er ihr durch diese Worte anzeigte, dass er auch sie in diesem Kostüm bei sich zu haben wünschte.

Die berühmte Mademoiselle Du Thé war anfänglich als „Rosalie“ Choristin der Oper und als solche wurde sie ausersehen, den jungen Herzog von Chartres in die „Uebungen der Venus“ einzuweihen. Als sie von diesem Prinzen verlassen wurde, ging sie nach London, ruinierte dort mehrere Lords, kehrte nach Paris zurück, wo sie eine Spielhölle eröffnete, die ihr viel Geld einbrachte und nur sehr Reichen Zutritt gestattete. Diese Messalina war überaus geldgierig und eigennützig. Später wurde sie die Geliebte des Grafen von Artois. Ein junger in sie verliebter Musketier, der keine Erhörung fand, sandte ihr folgendes malitiöse Gedicht:

Du Thé tu cherches à plaire

A qui peut t’enrichir;

Moi qui suis mousquetaire

Je n’ai rien à t’offrir.

Mais je sais faire usage

D’un moment de loisir,

Un homme de mon âge

Ne paie qu’en plaisir.[249]

Die Du Thé schwelgte nicht immer in Gold. In einem Bericht des Polizeiinspektors Marais vom 12. Dezember 1766 heisst es: „Gestern hatte die Du Thé keinen Sou! sie musste sich einen Thaler und 6 Livres leihen, um in die Italienische Oper gehen zu können.“[250]

Die Schauspielerin Dubois von der Comédie française hatte einen Katalog ihrer Liebhaber angefertigt, deren sie im Jahre 1775 bereits 16527 zählte, nach 20 jähriger Geschäftstätigkeit, d. h. etwa drei pro Tag, da sie mit mehreren zu gleicher Zeit vorlieb nahm. „Sie hat die gleiche Gier nach dem Gelde und nach dem Vergnügen.“

Diese sehr bekannte Geschichte hat offenbar den Marquis de Sade beeinflusst, wenn er in der „Philosophie dans le Boudoir“ (I, 94) die Madame St.-Ange erzählen lässt, dass sie in 12 Jahren sich 10- bis 12000 Männern hingegeben habe. Wieder eine Entlehnung aus der Wirklichkeit.

Die La Chanterie, ursprünglich Choristin an der Oper, war von einer seltenen Schönheit, ein weiblicher Engel. Die Maler benutzten sie als Modell. So wurde sie auch als Madonna für ein Bild über dem Hauptaltar einer Kirche gemalt. Als ein Engländer, der die Sehenswürdigkeiten der Pariser Kirchen besichtigte, nachdem er vorher diejenigen der Theater nicht ohne bitteren Nachgeschmack genossen hatte, in diese Kirche kam und den Kopf der Madonna erblickte, rief er überrascht aus: „Ah! voilà la Vierge qui m’a donné la chaude-p...!“[251]

Neben den Theaterdamen erfreuten sich die Modistinnen und Verkäuferinnen einer grossen Beliebtheit. Die „jeunes ouvrières“ kommen denn auch bei de Sade mehr als einmal vor. Rétif de la Bretonne hat diese Klasse der Prostituierten mit besonderer Vorliebe in seinen Werken geschildert. Er unterhielt lange Zeit einen heimlichen Briefwechsel mit den Modistinnen eines grossen Modewarengeschäftes in der rue de Grenelle-Saint-Honoré. Die Inhaberin dieses Ladens war eine Madame Devilliers, die für die Gräfin du Barry arbeitete. Letztere war selbst früher Modistin gewesen, bevor sie in das Bordell der Gourdan eintrat. Das Leben und Treiben dieser Modistinnen schildert Rétif besonders in „Le Quadragénaire“ (Genf 1777, 2 Bände).[252] Nach Parent-Duchatelet[253] traten Lustdirnen während der Revolutionszeit mit Vorliebe in Verkaufsläden ein. Man rechnete mehr als 20 dergleichen im Palais-Royal und unter ihnen acht, die sich in den alten hölzernen Gallerien befanden. Sie hatten zum Zeichen Gefässe, die mit Pulver von verschiedener Farbe gefüllt und in ganz eigentümlicher Art aufgestellt waren, so dass sie Jedermann kannte. Bisweilen bekränzte man sie noch mit Blumen. Jetzt denke man sich, was in diesen Orten geschah, welche aus zwei Teilen bestanden, einem Vorder- und einem Hinterladen, die beide meist sehr eng waren, statt aller Geräte aber nur einige Stühle und — eine spanische Wand hatten. Die Berichte jener Zeit schildern auch die Abscheulichkeiten, welche hier vorgingen, die täglichen Störungen, welche dadurch im Garten und in den Gallerien veranlasst wurden. Letztere konnte kein nur einigermassen anständiger Mensch mehr besuchen.

Dass in den Restaurationen, Cafés, Kneipen u. s. w. die Prostitution kühn ihr Haupt erhob, wird nicht Wunder nehmen. Casanova pflegte, wenn er Liebesabenteuer suchte, zuerst in ein Café zu gehen, um dort eine Schöne zu ergattern. Der Paragraph 14 der französischen Polizeiverordnung vom 8. Oktober 1780, der gegen alle Schankwirte, Limonadenverkäufer u. s. w., welche unzüchtige Mädchen bei sich hatten, 100 Francs Strafe verhängte, wurde niemals angewendet. Ausserdem galt er nur für die, welche an solche Mädchen vermieteten, nicht aber für jene, welche den bei ihnen Eintretenden zu trinken vorsetzten, wobei man annahm, dass sie letztere gar nicht kannten.[254]

Auch das Zuhältertum war bereits im 18. Jahrhundert stark entwickelt. Der Marquis de Sade zeichnet mehrere Typen desselben, z. B. den Dorval (Juliette I, 196 ff.), der es bereits durch die Arbeit seiner Dirnen zum Besitz von 30 Häusern gebracht hat. Im Jahre 1789 spricht Peuchet in seiner Encyclopädie von den Zuhältern und Rétif de la Bretonne ebenso in seinem 1770 zum ersten Male erschienenen „Pornographe“. Im Laufe des vorigen Jahrhunderts wurde dem Pariser Polizeileutnant eine Denkschrift übergeben, deren Verfasser sich darüber so äusserte: „Die Mädchen können nicht ohne Beschützer bestehen. — Gewöhnlich fällt ihre Wahl auf den ärgsten Bösewicht, um anderen desto mehr Schrecken einzuflössen und gegen sie im Guten wie im Bösen eine Stütze zu haben. Hat einmal ein Mädchen ihre Wahl getroffen, so vermag sie nicht mehr, sich von ihm loszumachen; sie muss ihn in seiner Faulheit, seinem Trinken, Spielen und Ausschweifungen mit anderen Mädchen unterhalten (denn es giebt unter diesen Menschen einige, welche wegen ihres Rufes mehrere auf einmal haben), und kann sie der Tyrannei desselben nicht mehr widerstehen. So muss sie, um ihn loszuwerden, einen noch furchtbareren finden, der aber gerade darum noch ärgerer Tyrann und Despot ist.“[255]

Zahlreich waren endlich die Unterhändlerinnen, Kupplerinnen, Begleiterinnen u. s. w., dieses notwendige Correlat der Prostitution, das natürlich bei Sade in allen Gattungen vertreten ist. Auf den letzten Seiten des „Pornographe“ findet sich ein Verzeichnis dieser „mamans publiques“ von Paris im vorigen Jahrhundert. Solche Frauen hatten mannigfaltige Namen. Diejenigen „Begleiterinnen“, die nicht mehr ihr Gewerbe treiben konnten und sich an liederliche Orte begaben, um es wenigstens bei anderen zu befördern, hiessen „Pieds-levés“, welchen die verschiedenartigsten Vermittelungsgeschäfte oblagen.[256]

Die eigentlichen Kupplerinnen und Mädchenverkäuferinnen hiessen „maquerelles“, „baillives“ („Amtmänninnen“), „abbesses“, „supérieures“, „mamans“. Der Name „Maîtresse“ oder „Dame de maison“ kam erst seit 1796 auf.[257]

In „Justine“ und „Juliette“ sind alle Bordelle und Häuser der Unzucht reichlich mit Knaben und besonders kleinen Mädchen versehen, die hier den Zwecken der Wollust dienen und oft in Menge den grausamen Gelüsten geopfert werden. Das lässt auf eine grosse Ausdehnung des Knaben- und Mädchenhandels im 18. Jahrhundert schliessen. Wie wir sahen, musste schon allein für den Hirschpark ein umfassender Mädchenhandel ins Werk gesetzt werden. Aber auch für andere ähnliche Institute und für Privatbedürfnisse existierte derselbe in grösstem Umfange.[258] Im 16. Bande der „Nuits de Paris“ giebt Rétif de la Bretonne ausführliche Nachricht über diese Schändlichkeiten, die „haarsträubend“ sind. Man sah 1792 unter den Arkaden des Palais-Royal Kinder beiderlei Geschlechts, im „zartesten Alter“, auffällig gekleidet, von Kupplerinnen geführt, die die Kindheit profanierten und frühzeitig zu Grunde richteten. Bisweilen starben die unglücklichen Opfer nach den Schändlichkeiten, die man mit ihnen vornahm. „Man bezahlt das Kind,“ sagt Rétif, „wie man ein Tier bezahlt. Der Preis wird vorher zwischen Eltern und Kupplerin vereinbart, welche dabei immer den Vorteil hat.“ Rétif berichtet, dass dieser Handel schon unter dem ancien régime existierte und — horribile dictu — eine Haupteinnahmequelle des Inspektors der Prostituierten bildete, der davon vielleicht dem Polizeileutnant abgegeben habe! Dieser Handel wurde daher niemals unterdrückt. Der Censor Mairobert kannte alle Details und machte Rétif damit bekannt. Dieser erfuhr noch näheres von einer solchen teuflischen Händlerin, die ihm alle Mysterien ihres Geschäftes enthüllte.[259]

Rétif de la Bretonne hat sich vielfach mit der Organisation der Prostitution beschäftigt, vor allem in seinem „Pornographe“ (1769, 1770, 1786), einem Buche, in dem man nach Parent-Duchatelet „Fragen von Ernst und Zurückhaltung auf eine sehr leichtsinnige Art behandelt findet.“ Das Buch entstand unter Mitwirkung eines Engländers Lewis Moore, des Advokaten Linguet und des königlichen Censors Pidanzat de Mairobert.[260] Rétif schlug darin der Polizei vor, in grossen Städten mehr oder weniger weitläufige Gebäude zu errichten, in welche alle (!) öffentlichen Mädchen gehen müssten. Er gab den Plan zu den Häusern an und entwarf ein Reglement von 70 Artikeln, in welchem sich die seltsamsten Dinge finden, die man sich nur vorstellen kann. So teilt er die Mädchen in verschiedene Klassen, nach Massgabe ihrer Schönheit und Reize; er setzt die Preise fest und organisiert ein Personal für den inneren wie für den äusseren Dienst des Hauses; ebenso nimmt er im Voraus auf die Verheirateten, auf die Mädchen, welche schwanger werden, auf ihre Kinder dem Alter und Geschlecht nach Rücksicht; er beschäftigt sich mit dem Schicksale der Kranken, Schwachen und Bejahrten. Selbst den Kaplan oder Pfarrer vergisst er nicht. Endlich geht er auf die kleinsten Umstände, auf Wäsche, Nahrung, wahrscheinlichen Aufwand des Hauses ein. Rétif wurde wegen dieser Schrift mit Recht vielfach verspottet. Fast zur gleichen Zeit gab ein vielleicht von Rétif’s Schrift begeisterter Anonymus in einer Handschrift seine besonderen Ansichten über die Lustdirnen in Paris heraus. Die von ihm vorgeschlagenen Verbesserungen gründeten sich auf Errichtung von besonderen Häusern, deren jedes eine Superiorin haben sollte. Ihre Anzahl wünschte er, um die Aufsicht darüber zu erleichtern, auf fünfhundert (!) beschränkt.[261]

Rétif’s „Pornographe“ wurde eine der bekanntesten Schriften dieses Genres und erlebte wiederholte Auflagen. Ein Arzt, Dr. Robert nahm in einer Schrift „De l’influence de la révolution française sur la population“ (Paris, an X, 2 Bände) den Plan Rétif’s wieder auf und schlug für diese Art von Bordellen den Namen „Korinthenäen“ vor. Der Marquis de Sade, der vielfach ein grosses Nachahmungstalent zeigt, versuchte gleichfalls dieses Thema in seiner Weise zu bearbeiten. Ein Pariser Bibliophile (M. H. B.) besitzt unter anderen auf Sade sich beziehenden Autographen und Dokumenten auch den von dem Marquis entworfenen Plan eines Lupanars, in dem die Einrichtung des Hauses, das Vestibül, die Frauengemächer, die „Folterkammern“ — jede derselben dient einer besonderen Art von Folterung — genau beschrieben werden. Er vergisst sogar nicht den Kirchhof, auf dem die Opfer begraben werden, welche bei diesen Orgien getötet werden. Geheime Thüren erleichtern den unbemerkten Eintritt oder Austritt. Zum Schlusse wird das „Menu eines aufregenden Diners“ beschrieben.[262]