17. Die Tribadie im 18. Jahrhundert.

Dieses Kapitel ist vielleicht das kulturgeschichtlich merkwürdigste in Beziehung auf das Geschlechtsleben Frankreichs im 18. Jahrhundert. Wir glauben nicht, dass selbst das antike Lesbos derartige Zustände gesehen hat, wie sie in Frankreich im vorigen Jahrhundert herrschten. Auch hier spiegeln die Werke de Sade’s getreu das Bild jener Zeit wieder und belehren über die Häufigkeit des amor lesbicus oder der sapphischen Liebe.

Die „Juliette“ wird gleich eröffnet mit der Beschreibung der wollüstigsten tribadischen Szenen zwischen den Nonnen des Klosters Panthémont (Juliette I, 43 ff.); Mondor ergötzt sich an einer ihm vorgeführten lesbischen Liebesszene (Juliette I, 283). Ein ausgezeichneter Typus einer Tribade wird in der von einem glühenden Männerhasse erfüllten Clairwil gezeichnet (Juliette II, 106), die dann gleich mit Juliette und vier anderen Frauen eine Orgie veranstaltet (Juliette II, 138–150 auch III, 157.) Die höchste tribadische Kunst findet sich in Bologna (Juliette III, 306 ff.). Die Prinzessin Borghese (Juliette IV, 100 ff.), die Königin Karoline von Neapel (Juliette V, 259, VI, 12 ff.) sind Tribaden. Sehr zahlreiche Anhänger hat diese Spezialität der Liebe in Venedig (Juliette VI, 156 ff.).

In „Justine“ kommen ebenfalls, wenn auch nicht so häufig, lesbische Szenen vor, z. B. zwischen Dorothée und Madame Gernande (Justine III, 284); Séraphine ist eine Verehrerin der sapphischen Kunst (Justine IV, 116).

Auch an Andeutungen zu einer Erklärung der Tribadie lässt es Sade nicht fehlen. Eine tribadische Orgie zwischen Juliette und der Durand betrifft eine junge und alte Frau, welche letztere im Herbst ihres Lebens wohl keine Männer mehr anlockt und daher gern geneigt ist, als Surrogat die Liebe beim gleichen Geschlecht zu suchen (Juliette III, 60–64). Vielleicht prädestinierte sie aber auch ihre „lange Clitoris“ zu diesem Geschicke. Wenigstens hebt Sade bei einer anderen Tribade Madame de Volmar (Juliette I, 34) dies ausdrücklich hervor. Diese, erst 20 Jahre alt, ist „die wollüstigste Gefährtin der Delbène und hat eine ‚clitoris de trois pouces‘, wodurch sie befähigt wird, die Rolle eines Mannes und Paederasten zu spielen.[287] Solch ein Weib mit männlichen Allüren ist auch die venezianische Tribade Zatta (Juliette VI, 194). Sade behauptet, dass fast alle Tribaden die Praktik der Paedicatio übten. Denn mit den Leidenschaften der Männer hätten sie auch deren Raffinements sich angeeignet und „comme celui de la sodomie[288] est le plus délicat de tous, il est tout simple qu’elles en composent un de leurs plus divins plaisirs“. (Justine I, 253).

Eine grosse von 30 Hofdamen ausgeführte Tribadenszene beschreibt auch Mirabeau in „Ma conversion“.[289]

Die Schilderungen dieser Autoren, denen sich noch Diderot mit seiner „Nonne“ und zahlreiche Andere anreihen liessen, haben die Wirklichkeit nicht überboten. Mairobert hat nämlich in seinem „Espion anglais“ mehrere hochinteressante Dokumente beigebracht, welche uns einen überraschenden Einblick in das Treiben und die Organisation der Pariser Tribaden des 18. Jahrhunderts gewähren. Es ist die schon öfter erwähnte „Confession d’une jeune fille“, welcher wir hier folgen[290] und welche uns ein lebensvolles Bild der Mysterien der berüchtigten „Secte Anandryne“ entrollt, welche im „Tempel der Vesta“ ihre Orgien feierte.

Ein junges Mädchen aus dem Dorfe Villiers-le-Bel, Tochter eines Bauern, war von der Madame Gourdan für ihr Bordell eingefangen worden. Eines Tages traf der Vater sie als Dirne bei den Tuilerien. Es kam zu einem grossen öffentlichen Skandale. Die Tochter war aber bereits für die königliche Akademie der Musik verpflichtet worden, so dass der Vater unverrichteter Sache heimkehren musste. Ausserdem war sie schwanger. Mairobert, der dem Auftritte beiwohnte, liess sich von dem Mädchen, die sich Mademoiselle Sapho nannte, ihre Lebensgeschichte erzählen. Es ist aber mit Sicherheit anzunehmen, dass Mairobert, als königlicher Censor in alle Geheimnisse der Pariser Gesellschaft eingeweiht, in die „Confession d’une jeune fille“ seine eigenen Erfahrungen verwebt hat. Auf jeden Fall stellt diese seltsame Beichte einen der allerwichtigsten Beiträge zur Kultur und Sittengeschichte des vorigen Jahrhunderts dar, dem wir daher eine ausführliche Besprechung widmen.

Von Jugend auf war Sapho zur Koketterie geneigt, putzsüchtig, eitel, faul und vergnügungssüchtig, kurz sie besass alle Anlagen, um eine Dirne zu werden. Mit 15 Jahren war sie bereits sehr lasciv, so dass sie sich in ihrer Nacktheit selbst bewunderte und den Spiegel häufig benutzte,[291] wobei sie sich selbst am ganzen Körper liebkoste. „Je caressais ma gorge, mes fesses, mon ventre; je jouais avec le poil noir qui ombrageait déjà le sanctuaire de l’amour;[292] j’en chatouillais légèrement l’entrée. Cependant je sentais en cette partie un feu dévorant; je me frottais avec délice contre les corps durs; contre une petite sœur que j’avais.“ Dieses Geständnis ist sehr lehrreich und beweist, wie so häufig eine sexuelle Perversität zu Stande kommt. Nehmen wir an, Sapho wäre nicht von der Gourdan entführt worden, wäre weiter so streng von ihren Eltern im Hause gehalten worden, ohne Gelegenheit zum Verkehr mit einem Manne zu finden, so ist es klar, dass eine solche zügellose und feurige Natur ganz von selbst auf den Weg der Tribadie gedrängt worden wäre, indem sie sich immer mehr an ihre Schwester gewöhnt hätte, und schliesslich dieser Umgang ihr ein Bedürfnis geworden wäre. Die Gewohnheit, das Erworbensein der conträrsexuellen Gefühle spielt die Hauptrolle. Wir betrachten die Heredität sehr skeptisch.

Eines Tages wurde Sapho bei diesen Manipulationen von ihrer Mutter überrascht und sehr hart bestraft, so dass sie beschloss, aus dem Elternhause zu entfliehen. Wie wir früher erwähnten, hatte Madame Gourdan eine Filiale ihres Pariser Bordells in Villiers-le-Bel, deren Insassinnen Sapho oft schön geschmückt, lachend, singend und tanzend im Dorfe umhergehen sah. Sie beschloss, dorthin zu gehen, wurde natürlich mit Freuden aufgenommen und von der Gourdan nach Paris gebracht, wo sie zunächst bei einem Helfershelfer, einem Gardisten, untergebracht wurde, dessen Frau die erste Prostituierung der Gourdan’schen Novizen besorgen musste. Nachdem dieselbe aber eine genaue Inspektion des Mädchens vorgenommen hatte, verzichtete sie auf ihr gewöhnliches Vorhaben und richtete folgenden charakteristischen Brief an die Gourdan[293]:

„Sie haben ein Peru in diesem Kinde gefunden; sie ist bei meiner Ehre ‚pucelle‘, wenn sie nicht ‚vierge‘ ist. Aber sie hat clitoridem diabolicam. Sie wird sich daher mehr für Frauen als für Männer eignen. Unsere renommierten Tribaden müssen Ihnen diese Acquisition mit Gold aufwiegen.“

Von dieser Entdeckung benachrichtigte die Gourdan sofort Madame de Furiel, eine der berühmtesten Tribaden von Paris, durch den folgenden Brief:

„Madame,

ich habe für Sie ein Königs- oder vielmehr ein Königinnenstück entdeckt — für diejenigen wenigstens ist es das, die Ihren depravierten Geschmack haben — denn ich kann eine meinen Neigungen ganz entgegengesetzte Leidenschaft nicht anders beurteilen. Aber ich kenne Ihre Freigebigkeit, die mich veranlasst, meine Rigorosität etwas zurückzuhalten, und benachrichtige Sie, dass ich zu Ihren Diensten pulcherrimam clitoridem von Frankreich halte, eine Jungfrau von höchstens 15 Jahren. Probieren Sie dieselbe (essayez-la) und ich bin überzeugt, dass Sie mir nicht dankbar genug sein können. Andernfalls senden Sie mir dieselbe zurück, vorausgesetzt, dass Sie ihr nicht zu viel angethan haben. Es wird immer noch eine ausgezeichnete Jungfrauenschaft für die besten Feinschmecker sein.

Verbleibe in Hochachtung u. s. w.

Ihre Gourdan.“

Das Geschäft kam zu Stande, und Sapho wurde für 100 Louisdors an die Furiel verkauft.

Es folgt nun eine Schilderung des üppigen Hauses der Madame de Furiel. Zuerst musste Sapho ein Bad nehmen, erhielt ein opulentes Souper und musste dann schlafen gehen. Am folgenden Morgen untersuchte zunächst der Zahnarzt der Furiel Saphos Mund, brachte die Zähne in Ordnung, reinigte sie und gab ihr ein aromatisches Mundwasser. Dann erfolgte wieder ein Bad, sorgfältiges Beschneiden der Nägel an Händen und Füssen und Entfernen der Hühneraugen und — überflüssigen Haare; Kämmen der Haare. Zwei junge Gartenmädchen reinigten ihr alle Körperöffnungen, aures, anum, vulvam,[294] massierten voluptueusement alle Gelenke nach Art der „Germanen“, um sie biegsamer zu machen. Darauf begoss man sie mit wohlriechenden Essenzen in grossen Mengen, frisierte sie mit einem sehr lockeren Chignon, dessen Locken auf Schultern und Busen wallten und steckte ihr Blumen ins Haar. Ein Hemd à la tribade, d. h. vorn und hinten offen (vom Gürtel an bis unten) und mit Bändern geschmückt, ein Mieder um die Brust und ein „Intime“ d. h. ein aus Mousselinstoffen bestehender Unterrock, der sich eng an den Körper anschmiegte, darüber eine rotseidene Polonaise bildeten ihre neue Kleidung. So wurde sie zu Madame de Furiel geführt.

Madame de Furiel empfing sie, auf einem Sopha ruhend. Sie war eine Frau von 30 bis 32 Jahren, brünett mit sehr schwarzen Brauen, etwas beleibt und etwas Männliches (hommasse) in ihrem ganzen Habitus darbietend. Doch geberdete sie sich als die zärtliche „Mama“, die nur „ein wenig Liebe“ beanspruchte, zeigte ihr das Symbol der Tribadie, zwei mit einander schnäbelnde Tauben. Elle darde sa langue dans la bouche, bewunderte die mammas duras, marmoreas und fragte, ob man ihr schon einmal das Gesäss gegeisselt habe. Das könne Niemand so gut wie sie. Nates levissime flagellavit quod maximam dedit voluptatem filiae. Defigit illa postremum in cunnum oculus. „O clitoridem pulcherrimam magna voce clamat, qua Sappho ipsa non habuit pulchriorem. Eris mihi Sappho.“ Et per duas horas artifex filiae fuit Veneris novae.

Nach zweistündiger Einweihung Sapho’s in die Mysterien der lesbischen Liebe, rief Madame de Furiel zwei Kammerfrauen, von denen sie Beide gewaschen und parfümiert wurden, um sich dann bei einem deliciösen Souper zu erholen, bei welchem die Furiel Sapho Aufklärungen über die Tribadie in Paris gab, die als „Secte Anandryne“ organisiert im „Tempel der Vesta“ ihre geheimen Feste feierte. Nicht jede Frau erhielt Zutritt. Es gab Proben für die, welche den Eintritt wünschten. Besonders jene für verheiratete Frauen waren sehr streng und von zehn bestand dieselben nur eine. Man schloss die Betreffende in ein Boudoir ein, in dem sich eine Statue des Priapus „dans toute son énergie“ befand. Ausserdem erblickte man verschiedene Gruppen sich paarender Männer und Frauen in den obscönsten Stellungen. Die Wandfresken stellten dieselben Bilder dar. Zahlreiche Nachbildungen männlicher Glieder reizten die Sinne; Bücher und Bilder obscönen Inhalts lagen auf einem Tische. Am Fusse der Statue befand sich ein Feuer, das durch sehr leicht verbrennbare Stoffe unterhalten werden musste, so dass die „postulante“ immerwährend Acht darauf haben musste und genötigt war, von diesen Materialien ununterbrochen etwas hineinzuwerfen; vergass sie dieses nur einige Minuten, indem sie beim Anschauen so vieler Gegenstände der männlichen Wollust ihrer Phantasie das kleinste Spiel einräumte, so erlosch das Feuer und gab den Beweis ihrer Zerstreuung und Schwäche. Diese Prüfungen dauerten drei Tage und an jedem Tage drei Stunden.

Nach dieser Erzählung versprach Madame de Furiel unserer Sapho schöne Kleider, Hüte, Diamanten, Kleinodien, Theater, Promenaden, Unterricht im Lesen, Schreiben, Tanzen und Singen, wenn sie ihr treu die Liebe bewahren wolle und nie mit Männern verkehren werde. Dazu erklärte sich Sapho bereit.

Darauf begann am anderen Tag die grosse Metamorphose. Wäscherinnen, Modistinnen, Toilettenverkäuferinnen kamen und versorgten Sapho mit allem Comfort, worauf sie in die Oper geführt und von den übrigen Tribaden lebhaft bewundert wurde. Die Männer aber sagten in den Corridoren: „Die Furiel hat frisches Fleisch; wirklich ganz neues; welch ein Jammer, dass es in so schlechte Hände fällt.“

Am folgenden Tage geschah die Einführung der Sapho in die Mysterien der anandrynischen Sekte mit grosser Feierlichkeit und merkwürdigen Ceremonien. In der Mitte des „Tempels der Vesta“ befand sich ein Saal von runder Form, der durch eine Glasdecke von oben und von den Seiten Licht empfing. Eine kleine Statue der Vesta befand sich im Saale. Die Göttin war dargestellt, als ob sie, die Füsse auf einen Globus gestützt, majestätisch in die Versammlung herabstiege, um ihr zu präsidieren. Sie schwebte ganz in der Luft, ohne dass dies Wunder die Eingeweihten überraschte.[295]

Um dieses Heiligtum der Göttin zog sich ein schmaler Korridor, in dem 2 Tribaden während der Versammlung auf und ab gingen und alle Zugänge bewachten. Dem aus zwei Flügelthüren bestehenden Eingang gegenüber befand sich eine schwarze Marmortafel mit goldenen Versen, zu beiden Seiten Altäre mit dem vestalischen Feuer. Neben dem vornehmsten Altar stand die Büste der Sappho, der Schutzheiligen des Tempels, der ältesten und berühmtesten Tribade; neben dem anderen Altar die von Houdon angefertigte Büste der Mademoiselle (alias Chevalier) d’Eon, der „berühmtesten neueren Tribade“.[296] Rund umher an der Wand standen die Büsten der von Sappho besungenen griechischen Tribaden, der Thelesyle, Amythone, Kydno, Megare, Pyrrhine, Andromeda, Cyrine u. s. w. In der Mitte des Saales stand ein grosses Ruhelager von mehr rundlicher Form, auf dem die Präsidentin und ihre Schülerin ruhten. Ringsherum sassen nach türkischer Sitte auf kleinen viereckigen Fusspolstern die einzelnen tribadischen Paare „les jambes entrelacées, chaque couple composée d’une mère et d’une novice“, oder nach mystischer Terminologie eine „Incuba“ und eine „Succuba“. Die Wände des Saales waren mit hundert Reliefs geschmückt, welche die verschiedenen geheimen Teile des Weibes darstellten, wie sie in dem „Tableau de l’amour conjugal“[297], in Buffon’s „Histoire naturelle“ und bei den „geschicktesten“ Anatomen abgebildet waren.

Die Aufnahme unserer Sapho gestaltete sich folgendermassen: Alle Tribaden sassen auf ihren Plätzen, in ihren Festkleidern. Die „Mütter“ trugen eine rote Levite mit blauem Gürtel, die Novizen eine weisse Levite und einen roten Gürtel, Jacke und Hemd, mit vorn offenen oder ganz empor geschlagenen Unterröcken. Als Sapho eintrat, erblickte sie zuerst das heilige Feuer das auf einer goldenen Pfanne mit lebhafter und aromatisch duftender Flamme brannte und durch Hineinwerfen gepulverter Substanzen fortwährend von zwei Tribaden unterhalten wurde. Sapho musste sich zu den Füssen der Präsidentin Mademoiselle Raucourt, einer berühmten Schauspielerin der Comédie Française, niederlassen, und ihre „Mutter“, Madame Furiel sagte: „Schöne Präsidentin und Ihr, liebe Gefährtinnen, hier ist eine ‚postulante‘: Sie scheint alle verlangten Eigenschaften zu haben. Sie hat niemals mit einem Manne verkehrt, ist wunderbar schön gebaut, und hat bei den ‚Versuchen‘, die ich mit ihr angestellt habe, viel Feuer und Eifer gezeigt. Ich bitte Euch, dass sie unter dem Namen ‚Sapho‘ bei uns zugelassen werde.“ Nach dieser Rede mussten sich beide zusammen zurückziehen. Kurz darauf meldete eine der Wächterinnen der Sapho, dass sie einstimmig zur Probe zugelassen worden sei, und entkleidete sie vollständig, gab ihr ein Paar weiche Pantoffeln, hüllte sie in einen lichten Mantel und führte sie in die Versammlung zurück. Hier wurde sie auf den von der Präsidentin verlassenen Sitz geführt, gänzlich entblösst und von allen anwesenden Tribaden genau daraufhin untersucht,[298] wie viele von den auf der Marmortafel aufgezeichneten dreissig Reizen des Weibes sie besässe. Hierbei las eine der ältesten Tribaden die folgende französische Uebersetzung eines alten lateinischen Gedichtes vor.[299]

Que celles prétendant à l’honneur d’être belle,

De reproduire en soi le superbe modèle.

D’Hélène qui jadis embrasa l’univers,

Etale en sa faveur trente charmes divers!

Que la couvrant trois fois chacun par intervalle

Et le blanc et le noir et le rouge mêlés

Offrent autant de fois aux yeux émerveillés,

D’une même couleur la nuance inégale.

Puisque neuf fois envers ce chef d’œuvre d’amour

La nature prodigue, avare tour à tour,

Dans l’extrême opposé, d’une main toujours sûre

De ses dimensions lui trace la mesure:

Trois petits riens encore, elle aura dans ses traits,

D’un ensemble divin les contrastes parfaits.

Que ses cheveux soient blonds, ses dents comme l’ivoire,

Que sa peau d’un lys pure surpasse la fraicheur,

Tel que l’œil, les sureils, mais de couleur plus noire,

Que son poil des entours relève la blancheur.

Qu’elle ait l’ongle, la joue et la lèvre vermeille.

La chevelure longue et la taille et la main,

Ses dents, ses pieds soient courts ainsi que son oreille.

Elevé soit son front, étendu soit son sein:

Que la nymphe surtout aux fesses rebondies,

Présente aux amateurs formes bien arrondies:

Qu’u la chute des reins, l’amant sans la blesser,

Puisse de ses deux mains fortement l’enlacer,

Que sa bouche mignonne et d’augure infaillible,

Annonce du plaisir l’accès étroit pénible.

Que l’anus, que la vulve et le ventre assortis,

Soient doucement gonflés et jamais applatis.

Un petit nez plaît fort, une tête petite.

Un tétin repoussant le baiser qu’il invite;

Cheveux fins, lèvre mince, et doigts fort délicats

Complettant ce beau tout qu’on ne rencontre pas.[300]

Von diesen Reizen brauchte die zur Aufnahme bestimmte aber nur etwas mehr als die Hälfte zu besitzen, um aufgenommen zu werden, d. h. mindestens sechzehn. Jedes Tribadenpaar stimmte ab und sagte seine Meinung der Präsidentin ins Ohr. Diese zählte und verkündete das Resultat. Alle stimmten für die Aufnahme unserer Novize. Dieser Beschluss wurde dann durch einen „baiser à la florentine“ bekräftigt, worauf Sapho als Tribade gekleidet ward und vor der Präsidentin einen Eid ablegen musste, nie mit Männern zu verkehren und nie die Mysterien der Versammlung zu verraten. Hierauf wurde auf jede Hälfte eines goldenen Ringes von Madame Furiel und der Sapho ihr Name eingeritzt. Dann hielt die Präsidentin, Mademoiselle Raucourt eine Aufnahmerede,[301] deren Inhalt in Kürze angegeben werde.

„Femmes, recevez-moi dans votre sein, je suis digne de vous“. Diese Worte stehen in dem 2ten „Lettre aux femmes“ der Mlle. d’Eon. Diese d’Eon ist das Muster einer Tribade die überall dem männlichen Geschlechte Widerstand geleistet hat. Ihr Ausspruch kann als Motto der Rede gelten.

Zunächst verbreitete sich die Raucourt über den Ursprung der „Secte anandryne“. Schon Lykurg habe zu Sparta eine Tribadenschule eingerichtet. Die Nonnenklöster im modernen Europa, eine Emanation des Collegiums der Vestalinnen, verkörperten das beständige Priestertum der Tribadie, wenn auch nur als ein schwaches Abbild der wahren lesbischen Liebe wegen des Gemisches von „pratiques minutieuses et de formules puériles.“

Weiter wird nur allzu wahr ausgeführt, wie ein junges Mädchen überall Gelegenheit findet, ihren wollüstigen Kitzel zu befriedigen, viel eher als ein Mann. „Elle les trouve dans presque tout ce qui l’environne, dans les instruments de ses travaux, dans les utensiles de sa chambre, dans ceux de sa toilette, dans ses promenades et jusque dans les comestibles.“ Dann helfe man sich gegenseitig und werde einander unentbehrlich,[302] und das neue Leben triumphiere über alle Eitelkeiten dieses Jahrhunderts. Die Busskleider verwandeln sich in Kleider der Lust. Die Tage der allgemeinen Geisselung würden zu Orgien; denn die Flagellation sei ein mächtiges Reizmittel der Wollust. So wird man im Kloster Tribade.

Ueberallhin muss nun die Tribade den Kultus der Vesta bringen und eifrig Propaganda für denselben machen. Die Raucourt nennt jetzt die bekanntesten Tribaden: die Herzogin von Urbsrex, die Marquise de Terracenès, Madame de Furiel (die Beschützerin unserer Sapho und Gemahlin des Generalprocurators); die Marquise de Téchul[303] (die sich als Kammerfrau, Coiffeuse, Köchin verkleidete, um ihre Zwecke bei den Gegenständen ihrer Liebe zu erreichen), Mademoiselle Clairon (berühmte Schauspielerin des Théâtre Français), die Schauspielerin Arnould, die deutsche Tribade Sonck (unterhalten von einem Bruder des preussischen Königs).

Als Novize wird Mlle Julie, eine junge Tribade, erwähnt, die von der Arnould und der Raucourt in die lesbische Liebeskunst eingeweiht wurde. Zum Schluss verherrlichte die Rednerin die Freuden der Tribadie. Der Genuss zwischen zwei verschiedenen Geschlechtern ist flüchtig, kurz und illusorisch. Nur der zwischen Frauen ist wahr, rein und dauerhaft und hinterlässt keine Reue. Sind Defloration, Schwangerschaft und Geburt ein Genuss?

Die Tribadie gewährt nur reine, immer herrlicher werdende Freuden. Den Mann schwächen die Ausschweifungen mit zunehmendem Alter. Bei der Tribade wächst die Nymphomanie mit dem Alter. Sie wird aus einer Succuba zu einer Incuba d. h. activ. Sie bildet selbst neue Schülerinnen aus.

„Die Tribadie hinterlässt keine Reue und ist die ‚sauve garde‘ unserer jungen Mädchen und Witwen, sie vermehrt unsere Reize, erhält sie länger, ist der Trost unseres Alters, wenn kein Mann uns mehr will, eine wirkliche Rose ohne Dornen durch das ganze Leben.“

Nach dieser effektvollen Rede[304] liess man das heilige Feuer ausgehen und begab sich zum Bankett ins Vestibül, wobei die „feinsten Weine“, besonders griechische getrunken, heitere und sehr wollüstige Lieder gesungen wurden, meist aus den Werken der Sappho. Als alle berauscht waren und ihre Leidenschaft nicht mehr zügeln konnten, wurde das Feuer im Sanctuarium wieder angezündet, die Wächterinnen wurden wieder aufgestellt, und eine wilde Orgie nahm ihren Anfang. „Ce sénat auguste, sagt ein berühmter Schriftsteller, est composé des Tribades les plus renommées, et c’est dans ces assemblées que se passent des horreurs que l’écrivain le moins délicat ne peut citer sans rougir.“[305] Die Teilnehmerinnen erröteten jedenfalls nicht, und den beiden Heldinnen, welche am längsten die „Liebesstürme“ ausgehalten hatten, winkte als Belohnung eine goldene Medaille mit dem Bilde der Vesta und den Bildern und Namen der beiden Heldinnen. Das waren an diesem Tage Madame de Furiel und Sapho.[306]

Fräulein Raucourt,[307] die Präsidentin dieser etwas sehr emanzipierten Versammlung, wusste das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Sie verliess den Marquis de Bièvre, dessen Maitresse sie gewesen war, um fortan sich ganz ihrem tribadischen Leben zu widmen. Aber nicht ohne sich vorher eine Rente von 12000 Livres zusichern zu lassen. Dieser Seigneur machte darüber einen Calembour, indem er seine ehemalige Freundin als „l’ingrate Amaranthe“ (l’ingrate à ma rente) bezeichnete.

Eine französische Zeitschrift teilt den folgenden hochinteressanten sapphischen Brief der Raucourt mit, der ebenfalls dazu beiträgt, die Mitteilungen des „Espion Anglais“ als vollkommen glaubwürdig erscheinen zu lassen:

„An Madame de Ponty,
Schloss La Chapelle-Saint-Mesmier, bei Orléans.

Brüssel, 21. Messidor.
Sonntag, 10. Juli.

Wie mein Herz Dir dankt, meine Liebe, für Deinen schönen Brief vom fünften! Wie ich denselben nötig hatte, um mich von der Aufregung zu erholen, die mir Dein letzter verursacht hatte! Ich werde Dir niemals den Zustand schildern können, in den er mich versetzt hatte, die Gedanken, die er in mir hervorrief. Welch’ seltsames Ding ist doch das menschliche Herz! Ich würde verzweifeln, wenn Du Dich so sehr vergnügtest, dass Du meine Abwesenheit gar nicht bemerktest, und doch, wenn Du mir sagst dass Du Dich langweilst, dass Du traurig bist, so würde ich mich so sehr darüber grämen und beunruhigen, dass ich alles verlassen und mich in die Eilpost werfen würde, um Dich wieder aufzusuchen. Ja meine Henriette, ich fühle mich dessen fähig; für mich ist das einzige unmögliche Ding: ohne Deine Liebe zu leben. — Ich bin entzückt, dass das Badezimmer und Deine Boudoirs nach englischer Art Dir gefallen; sie sind von mir für Dich eingerichtet worden, und ich darf wohl hoffen, dass Du, wenn Du sie benutzest, an diejenige denken wirst, welche die Arbeiten leitete. Du hast mir nicht gesagt, ob Du mit den Blumenvasen zufrieden bist, unglücklicher Weise giebt es augenblicklich keine mehr. Lass Nelken auf dem Markte kaufen, es können gewöhnliche sein. Wir brauchen sie für die Boudoirs. — Ich bin überrascht, dass Du Mme. Dugazon nicht gesehen hast; sie sollte zwei Tage nach mir abreisen, wie mir Labuxière sagte. Riboutet hatte mir versprochen, dass seine Frau Dich bald besuchen würde. Aber ich wünsche, dass alle diese Zerstreuungen, für die ich gesorgt habe, Dir unbefriedigend erscheinen, und dass Du meiner inständigen Bitte nachkommst und mich besuchst. Ich versichere Dich, dass Du es nicht bereuen wirst. Von allen Ländern, die wir zusammen bereist haben, giebt es nicht eines, welches so vortreffliche Spaziergänge hat wie dieses; dies ist auch mein einziges Vergnügen. Ich ermüde meinen Körper, um meine Gedanken zu zerstreuen, immer wenden sie sich trotzdem zu Dir; dann krampft sich mein Herz zusammen; und alle meine Freuden sind in der Vergangenheit und in der Zukunft. Ich habe indessen gestern grosse Abenteuer erlebt. Ich habe Dir erzählt, dass Barras mich mehrere Male besucht hat; gestern hatte er mich zu Tische geladen. Ich war dort, ebenso Talma und seine Frau. Wir waren in guter Gesellschaft. Nach dem Essen fuhr er mit mir in einer Kalesche in der Force spazieren. In meinem Leben habe ich so etwas Schönes nicht gesehen. Wie ich Dich herbeiwünschte! Um 9 Uhr kehrte ich zurück und machte Toilette, um bei dem Praefekten zu soupiren, dessen Frau mich eingeladen hatte. Der Garten war illuminirt, es waren 60 Personen dort, unter ihnen wenigstens 20 Frauen, alle vortrefflich gekleidet, und mehr als die Hälfte sehr hübsch..... Oh, sage mir aufrichtig in Deiner Antwort, ob Dich meine Briefe nicht langweilen. Es ist mein einziger Genuss, mich in Gedanken zu Dir zu versetzen. Es ist mir als ob ich mit Dir spräche, wenn ich Dir schreibe, und wenn ich mir diese Illusion mache, habe ich täglich eine Stunde des Glückes. Gute Nacht, meine theure, vielgeliebte Henriette; denn ich schreibe Dir nächtlicher Weile. Ich komme gerade von einem Spaziergange mit Mlle Mars zurück, die von den Schönheiten dieses Landes entzückt ist. Bei jedem Schritt sagten wir alle Beide: Wenn Mme de Ponty hier wäre, würde sie das reizend finden. Du, immer Du, kann das anders sein, da Du ja mein einziger Gedanke bist? Noch einmal eine gute Nacht der Gefährtin, welche sich mein Herz erwählt hat. Es ist so voll von ihr, dass ich hoffe, dass ein tröstender Traum mich an ihre Seite, in ihre Arme trägt. Henriette! noch vierzehn Tag! und heute ist erst der sechste meiner Enthaltsamkeit.. Es ist zum Sterben.“[308]

Auch einige witzige Verse über diese berühmteste Tribade haben sich erhalten:[309]

Pour te fêter, belle Raucourt,

Que n’ai-je obtenu la puissance

De changer vingt fois en un jour

Et de sexe et de jouissance!

Qui, je voudrais, pour t’exprimer

Jusqu’à quel degré tu m’es chère,

Etre jeune homme pour t’aimer,

Et jeune fille pour te plaire.

Wer war aber die Mlle. d’Eon, deren Büste im Tribadenheiligtum der „Secte Anandryne“ aufgestellt war? Die Geschichte dieses Fräuleins d’Eon bildet eines der merkwürdigsten kulturgeschichtlichen Vorkommnisse, dessen wir kurz gedenken wollen.

Der Chevalier d’Eon[310] war ein talentvoller burgundischer Landjunker, der sich in Paris zum Doktor der Rechte, Censor, litterarischen Dilettanten, vor Allem aber zum Liebling hochadliger Familien emporgearbeitet hatte. Er galt als findiger Kopf. Den entscheidenden Umschwung seines Geschickes führte aber seine eigentümliche, frauenhaft zarte Erscheinung herbei. Als Ludwig XV. kurz vor dem Ausbruch des siebenjährigen Krieges einen geheimen Agenten Douglas nach Petersburg schickte, gesellte man diesem d’Eon bei, der — auf Wunsch Conti’s oder des Königs Frauentracht anlegte und in dieser Verkleidung wirklich bei Hof Eingang gewann, der Kaiserin eigenhändige Briefe Ludwigs XV. in die Hände spielte, das Wohlgefallen der Czarin erregte und sich so als geheimer diplomatischer Agent grosse Verdienste um sein Vaterland erwarb. Später, nach Ablegung seiner Frauentracht, machte er den siebenjährigen Krieg mit, ging dann wieder als geheimer Agent nach London, welche Rolle er jedoch als Mann durchführte. Hier geriet er aber mit dem französischen Gesandten Guerchy in Zwist. Es kam soweit, dass d’Eon drohte, alle in seinem Besitze befindlichen geheimen Papiere der englischen Regierung auszuliefern. Es gelang jedoch Ludwig XV. den Chevalier vorläufig durch eine Rente von 12000 Livres zu beschwichtigen, und damit dieser sich gegen seine Feinde schützen könne, riet der König ihm in einem unter dem 4. Oktober 1763 geschriebenen Briefe, dass er wieder Frauenkleider anlegen solle, was aber d’Eon noch nicht befolgte. Nach dem Tode des Königs wiederholte d’Eon seine Drohungen, als er Gefahr lief seine Rente zu verlieren. Nun taucht eine neue Person in dieser Komödie auf. Das war kein Geringerer als der Autor der „Hochzeit des Figaro“, Beaumarchais, der als Abgesandter König Ludwig’s XVI. nach London ging, um d’Eon zur Auslieferung der Geheimpapiere zu bewegen. Schon scheint die Rückkehr d’Eons gesichert, die Auslieferung der Papiere unmittelbar bevorzustehen, da erklärt der Sohn des ehemaligen französischen Gesandten Guerchy, dass er das Andenken des Vaters an diesem Nichtswürdigen rächen würde, wann und wo er es immer wagen sollte, sich in seinem Vaterlande zu zeigen.

Bei diesem precären Stand der Sache kam ein sinnreicher Kopf — wahrscheinlich Beaumarchais selbst, — auf den Einfall, alle Schwierigkeiten in der Art zu heben, dass man d’Eon zu der öffentlichen Erklärung vermöchte: er sei überhaupt kein Mann, sondern ein — Weib. Alle Weiterungen wären damit auf einen Schlag beseitigt: alle Vergehen wider die Beamten-Disciplin, alle litterarischen Anfeindungen Guerchy’s würden dadurch als Unarten einer in ihrer Eitelkeit verletzten Frau entschuldbar und jede Forderung von Genugthuung als Narretei erscheinen. In den Friedens-Unterhandlungen Beaumarchais’ war es mithin der erste und der entscheidende Punkt, d’Eon zu der unumwundenen, feierlichen Versicherung zu bestimmen, er sei seit jeher ein Weiblein gewesen, das nur durch wunderbare Schicksalsfügung sich alle Zeit als Mann im Leben umgethan habe.[311]

So kam am 25. August 1775 der folgende seltsame Vertrag zu Stande, ein Unicum in der Weltgeschichte:

„Wir Endesgefertigte, Pierre Augustin Caron de Beaumarchais einerseits (mit besonderer Vollmacht des Königs von Frankreich ddo. 25. August 1775 beglaubigt, welche dem Chevalier d’Eon vorgewiesen und abschriftlich dem gegenwärtigen Protokolle angeschlossen wurde) und

Fräulein Charles Geneviève Louise Auguste Andrée Thimothée d’Eon de Beaumont, grossjährig, vormals Dragonerhauptmann, Ritter des königlichen Ludwigsordens, Adjutant des Marschalls und des Grafen von Broglie, vordem Doctor des kanonischen und des bürgerlichen Rechtes, Advokat am Parlament von Paris, königlicher Censor für belletristische und historische Werke, mit dem Chevalier Douglas nach Russland entsendet, um die Annäherung beider Höfe herbeizuführen, französischer Botschaftssekretär des bevollmächtigten Ministers am russischen Hofe, Marquis l’Hôpital, Gesandtschaftssekretär des Herzogs von Nivernais etc. andererseits — sind über folgende Vertrags-Bestimmungen einig geworden:

Art. I. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der politischen Papiere.)

Art. II. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der Correspondenz d’Eons.)

Art. III. Verpflichtet sich d’Eon, Guerchy’s Andenken und Familie fortan in Frieden zu lassen.

Art, IV. Und damit eine unübersteigliche Schranke zwischen den Streitteilen aufgerichtet werde, fordere ich im Namen Sr. Majestät, dass die Verkleidung, welche bis zu diesem Tage die Person eines Mädchens fälschlich in Gestalt eines Chevalier d’Eon hat erscheinen lassen, völlig aufhöre. Und ohne weiter Charles Geneviève Louise Auguste Andrée Thimothée d’Eon de Baumont einen Vorwurf aus dieser Veränderung ihres Standes und Geschlechtes zu machen, deren Schuld einzig und allein ihre Eltern trifft: ja, indem wir dem tapferen und kraftvollen Betragen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, das sie stets in der Tracht ihrer Wahl (habits d’adoption) bewährt hat, verlange ich unbedingt, dass zur Behebung aller Zweifel über ihr Geschlecht, welches bis heute unerschöpflichen Anlass zu Gerede, unziemlichen Wetten und schlechten Spässen gegeben, die sich immerfort erneuern könnten, vor Allem in Frankreich: verlange ich also, dass das Phantom eines Chevalier d’Eon völlig verschwinde und eine öffentliche unzweideutige Erklärung über das wahrhaftige Geschlecht von Charles Geneviève etc. d’Eon vor ihrer Ankunft in Frankreich und vor der Wiederaufnahme ihrer Mädchenkleider diese Frage für alle Welt endgiltig zur Entscheidung bringe. Fräulein d’Eon kann sich heute diesem Begehren um so weniger verschliessen[312], als sie durch dessen Erfüllung in den Augen beider Geschlechter, welche sie gleicherweise durch ihre Lebensführung, ihren Mut und ihre Talente geehrt hat, nur desto interessanter erscheinen wird. Unter diesen Bedingungen werde ich ihr urkundlich freies Geleit zusichern, kraft dessen sie nach Frankreich gehen und daselbst unter dem besonderen Schutz Sr. Majestät verweilen kann; und nicht blos Schirm und Sicherheit wird ihr der König zu Teil werden lassen, er hat auch die Güte, die Jahrespension von 12000 Livres, welche ihr der verstorbene Herrscher im Jahre 1766 bewilligt hat, in einen Leibrentenvertrag auf die gleiche Summe umzuwandeln.“

d’Eon verpflichtete sich zur Annahme all dieser Bedingungen, erhob aber noch Anspruch auf allerlei grosse und kleine Vorteile und Ehrenrechte. So wünschte er auf den Frauenkleidern das Ludwigskreuz tragen zu dürfen. Weiter einen ansehnlichen Geldbetrag zur Anschaffung von — Mädchenwäsche und Frauenkleidern.

Endlich war alles geordnet und der ehemalige Dragonerkapitän galt in ganz Frankreich — mit Ausnahme der Eingeweihten — als Mädchen.[313] Daher die Büste, welche ihm seine „Geschlechtsgenossinnen“ im „Tempel der Vesta“ errichteten. Casanova erklärt geradezu: „Der König wusste und hat es stets gewusst, dass er (d’Eon) eine Frau sei, und der ganze Streit, den dieser falsche Chevalier mit dem Bureau der auswärtigen Angelegenheiten hatte, war eine Posse, welche der König bis zu Ende spielen liess, um sich dadurch zu unterhalten.“[314]

Louvet de Couvray lässt seinen „Faublas“ dieselbe Metamorphose vom Manne zum Weibe durchmachen. Nur dass dieser Chevalier sich stets zur rechten Zeit und am rechten Orte als Mann, ja allzumännlich — enthüllt.

Dass zur Zeit der Revolution die Viragines, die Weiber mit männlichen Allüren, immer mehr hervortraten, haben wir schon früher erwähnt. Sade hat mehrere solche Typen geschildert.

Wie die Tribadie im vorigen Jahrhundert beurteilt wurde, erhellt aus einer Bemerkung des Grafen von Tilly über die lesbische Freundin eines Mädchens, das er zu heiraten wünschte: „J’avoue, que c’est un genre de rivalité, qui ne me donne aucune humeur; au contraire, cela m’amuse et j’ai l’immoralité, d’en rire.“[315]