20. Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv- und Geheimmittel im 18. Jahrhundert.

Den „Sexualmitteln“ (im weitesten Sinne) widmet Sade in seinen Werken eine besondere Aufmerksamkeit. Gerade hier lässt sich wieder recht deutlich machen, wie sehr er nach Vorbildern gearbeitet hat, und wie dadurch seinen Schilderungen ein eigentümlicher sittengeschichtlicher Wert zukommt.

Es ist kein Wunder, dass die durch häufige und unnatürliche Ausschweifungen entnervten Wüstlinge bei Sade künstlicher Anregung und sexueller Stimulantien in hohem Masse bedürfen. So ist denn auch kein Mangel an den verschiedensten Aphrodisiaca zur Belebung der entschwundenen Kräfte dieser ausgemergelten Individuen. Die Delmonse reibt dem impotenten Grosskaufmann Dubourg die Hoden mit einer Flüssigkeit ein. Darauf muss dieser Unglückselige noch eine Bouillon „composé d’aromates et d’épins“ einnehmen. (Justine I, 62). Cornaro lässt sich die Testes mit Branntwein einreiben (Juliette VI, 223). Die Durand reibt nicht die Hoden, sondern das Glied selbst mit einer „anregenden“ Flüssigkeit ein.[335] Im fünften Bande der Juliette (Seite 330) werden „stimulierende Flüssigkeiten mit Jasmingeruch“ auf die Teilnehmer der Orgie gespritzt. — Neben diesen äusserlichen Aphrodisiaca kennt Sade auch innerliche. Juliette gebraucht als solche Wein und Liqueure, Opium[336] und andere „Aphrodisiaca, die in Italien öffentlich verkauft werden.“ (Juliette IV, 104). Die Durand betreibt einen Handel mit Aphrodisiacis und Antiaphrodisiacis (Juliette III, 229).

Wir haben schon oben (S. 127 ff.) mitgeteilt, dass das Bordell der Madame Gourdan reichlich mit sexuellen Stimulantien versehen war. Dort wurden auch die „Pastilles à la Richelieu“ erwähnt. Da dieselben gerade in Beziehung auf den Marquis de Sade von Wichtigkeit sind und ihr Hauptbestandteil, die Canthariden nach Binz eine „berüchtigte Rolle im Frankreich des vorigen Jahrhunderts spielten“[337], so mag vielleicht ein Wort über diese cantharidenhaltigen Reizmittel hier am Platze sein. Bis schon von Dioscurides (Materia medica Lib. II. Cap. 65) erwähnten Canthariden gelten seit langer Zeit als ein sexuelles Stimulans. Soll doch schon der römische Dichter Lucretius infolge des Genusses eines cantharidenhaltigen Aphrodisiacums gestorben sein. Ambroise Paré berichtet über mehrere derartige Todesfälle. Zu Paré’s Zeit war der Gebrauch der Pastillen oder Bonbons in Frankreich Mode geworden. Die Heimat dieser aphrodisisch wirkenden Bonbons war Italien, von wo besonders Catharina von Medici dieselben in Frankreich einführte. Am Hofe Heinrich’s III. und Karl’s IX., fanden dieselben reichliche Verwendung. Im 18. Jahrhundert war es besonders der Herzog von Richelieu, der von diesen so unschuldig aussehenden Bonbons bei seinen Liebesabenteuern ausgiebigen Gebrauch machte. Seine Propaganda für die nach ihm benannten Pastillen hatte zur Folge, dass dieselben in den letzten Regierungsjahren Ludwig’s XV. Mode wurden[338]. Gerade in diese Zeit fällt die Affäre des Marquis de Sade in Marseille, bei der diese Bonbons eine fatale Rolle spielten. Auch die „Tablettes secrètes de Magnanimité“ der Madame Du Barry, das „Poudre de joie“, die „Seragliopastillen“ waren höchst wahrscheinlich cantharidenhaltig.

Die Canthariden sind ein gefährliches Mittel, da sie sehr leicht Entzündung der Niere, der Blase und der Harnröhre hervorrufen. Die durch sie erzeugten Erectionen kommen durch die entzündliche Reizung der Harnröhren- und Harnblasenschleimhaut auf reflectorischem Wege zu Stande. Eine Steigerung der Sexualität kann höchstens im Anfange der Wirkung beobachtet werden.[339]

Die Kosmetik erfreute sich ebenfalls im vorigen Jahrhundert einer besonderen Pflege. Auf diesem Gebiete gelangte der Charlatanismus zur höchsten Blüte. Und es waren oft wunderliche Blüten. So erhielt im Jahre 1769 eine Gesellschaft das Privilegium, an beiden Seiten des Pont-Neuf Vermietungsstände für Sonnenschirme zu errichten, damit die für den zarten Teint ihrer Haut besorgten Personen sich gegen die Sonnenstrahlen durch diese Schirme schützend, die Brücke überschreiten könnten[340]. Die Schönheitsmittel wurden so wahllos und in solchen Mengen angewendet, dass Casanova gewiss Recht hatte, wenn er — der von Zeit zu Zeit gern den Charlatan spielte — der Herzogin von Chartres, die an Acne des Gesichtes litt, die Anwendung kosmetischer Mittel verbot. Er verschrieb ihr milde Abführmittel — was gewiss sehr zweckmässig war — und die Waschung mit Wegebreitwasser[341], welches im vorigen Jahrhundert bei Hautentzündungen vielfache Verwendung fand.

Als Enthaarungsmittel erwähnt der Marquis de Sade das Rusma, das „dépilatoire turc, connue sous le nom de rusma“, das er in einer Anmerkung als „pierre minérale, atramentaire“ bezeichnet und aus Galatien stammen lässt. (Justine III, 120.) Das Rusma ist ein altes und sehr beliebtes orientalisches Enthaarungsmittel. Die „Pasta depilatoria“ oder „Rusma Turcorum“ (oder „Nurék Persarum“) wird hergestellt aus 2 Teilen Auripigment, 15 Teilen Calcaria viva und 2½ Teilen Weizenmehl. Das ist die Vorschrift von J. J. Plenck, einem berühmten Dermatologen des 18. Jahrhunderts.[342] Zu bemerken ist noch an dieser Stelle das grosse Interesse, welches der Marquis de Sade allen Gegenständen der Medicin und Anthropologie entgegenbringt. Er suchte sich darüber in allen ihm zugänglichen wissenschaftlichen Werken seiner Zeit zu unterrichten. Später werden wir noch erwähnen, dass seine Frau ihn während seines Aufenthaltes im Gefängnis stets mit Büchern versorgen musste. Dieser Gefängnisaufenthalt war wohl erst die Veranlassung, dass Sade sich über die mannigfaltigsten Dinge zu belehren suchte.

Eine merkwürdige Eigentümlichkeit des 18. Jahrhunderts waren die sogenannten falschen Jungfrauschaften, deren grosse Häufigkeit ausdrücklich hervorgehoben wird.[343] Man suchte durch adstringierende Mittel die Reste des Jungfernhäutchens künstlich wieder zusammenzubringen, überhaupt den Introitus vaginae zu verengern. Dieses Bestreben blickt gerade in Frankreich auf eine lange Geschichte zurück. In dem 13. Kapitel der Chirurgie des am Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts lebenden französischen Arztes Heinrich de Mondeville, dessen für die Kulturgeschichte Frankreichs eine reiche Ausbeute liefernden Schriften von J. Pagel im Urtext zum ersten Male herausgegeben wurden, findet sich folgende Anweisung zur Vortäuschung der Jungfrauschaft[344]: „Die Geschlechtsteile bedürfen einer doppelten Pflege: innen und aussen. Die innere Pflege haben Huren nötig, die in ihrem Geschäfte erprobt sind (antiquae), von ihnen insonderheit die, welche naturgemäss eine weite oder infolge des häufigen Coitus schlüpfrige und weiche Vulva haben, um denen, die mit ihnen zusammenliegen, als Jungfern oder doch wenigstens nicht als öffentliche Dirnen zu erscheinen. Zu dieser Pflege nehmen auch Mädchen, die nicht verheiratet, aber unseligerweise defloriert sind, ihre Zuflucht, um als unverfälschte Jungfern dazustehen, wenn es dazu kommt, sich mit dem von ihnen Erangelten im Ehebette zu vereinigen. Ihren Zweck suchen sie auf folgende Weise zu erreichen. Zu Pulver gestossenes Glas bringen sie in dem Augenblicke, wo es zu dem Coitus gehen soll, in die Vulva; die Folge davon ist, dass sie selbst und die Rute dessen, der mit ihnen den Coitus vollzieht, beblutet erscheint. Sonst bringe man in die Scheide Drachenblut und lege darüber Werg und Charpie, beides befeuchtet mit Regenwasser, in dem adstringirende Pflanzen, wie Rosen, Anthera, Sumach, Blutwegerich und dergl. abgekocht sind, oder man setze Blutegel an. Dabei aber sei man vorsichtig, dass sie nicht hineinschlüpfen. Sind diese entfernt, entstehen Schorfs an den Seitenwänden der Vulva. Diese reissen beim Coitus auf. Es fliesst Blut und man besudelt sich damit. Auch nehme man ein Stück Schwamm, benetze es mit beliebigem Blut oder fülle eine Fischblase mit Blut, bringe sie hinein und wasche noch die Vulva aussen mit dem Safte von der grossen Schwarzwurz“[345]. Derartige Praktiken waren im 18. Jahrhundert wieder an der Tagesordnung. Wir haben oben über das „Jungfrauenwasser“ der Madame Gourdan berichtet. Auch Sade kennt verschiedene Mittel zur Wiederherstellung der pucelage. Delbène rühmt ihre „pommade“, mit der sie die eben deflorierte Laurette wieder reparieren will (Juliette I, 171) und giebt der demselben Schicksal verfallenen Juliette eine „Myrthenextraktpomade“, mit der dieselbe sich 9 Tage lang einreiben soll, um am zehnten wieder eine Jungfrau zu sein (Juliette I, 179). Auch die Duvergier benutzt eine ähnliche Jungfrauensalbe. (Juliette I, 187).[346]

Ueberhaupt war diese ganze Zeit, ein volles Saeculum, die „goldene Zeit für alle Toilettenkünste und es ist merkwürdig, dass die Schminke und alle hierher gehörigen Utensilien herrschen konnten, obwohl gerade damals die Frische des Teints, der ‚Teint de couvent‘ so ausserordentlich geschätzt und begehrt war“[347]. Es gab damals Hunderte von Pasten, von Essenzen, von Schönheitswässern und Schönheitspflästerchen. Besonders wichtig waren die Schminken, vor allem das Rot, „Le grand point est d’avoir un rouge, qui dise quelque chose.“ Für den Wert, den die Frauen auf das Schminken legten, zeugt folgende von Mercier erzählte Anekdote aus der Schreckenszeit.[348]

(Die Marquise klingelt)

Marton

Gnädige Frau —

Marquise

Marton ich stehe auf —

Marton

Hier bin ich, gnädige Frau —

Marquise

Mein Kind, was giebt’s Neues?

Marton

Gnädige Frau, man spricht von einem Aufstand der diesen Morgen losbrechen soll —

Marquise

Warum nicht gar?

Marton

Man spricht von Plünderung, von Zerstörung, von Weiberraub, ja sogar —

Marquise

Weiberraub ja sogar — ei, Kind, du scherzest - Himmel, wenn man —

Marton

Ach! ich habe überall gehört, dass die Ungeheuer die Frauen töten werden, und man sagt, dass diejenigen, die ihnen gefallen, als unglückliche Opfer ihrer Lüste —

Marquise (sehr lebhaft).

Ich zittre — Marton — kleide mich doch an — Marton — mein Rot! geschwind mein Rot! Himmel! wie ich aussehe — bleich — niedergeschlagen — ich sehe scheusslich aus — sie werden mich töten!.... —

Die Männer trieben die gleichen Toilettenkunststücke, schminkten sich ebenfalls, vergossen „künstliche Thränen“ und enthaarten auf Verlangen der Geliebten den ganzen Körper. „C’est ainsi que M. le duc d’Orléans au témoignage de M. d. Valencay qui lui donna le chemise, se présenta dans le lit de Mme. de Montesson“[349]. Eine grosse Errungenschaft des 18. Jahrhunderts auf kosmetischem Gebiete war das Bad. Die Badeeinrichtungen bildeten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts einen mit grossem Luxus ausgestatteten Bestandteil vornehmer Häuser und wurden hauptsächlich zu kosmetischen Bädern benutzt. Die Heldinnen Sade’s steigen ebenfalls nach vollbrachtem Tages- oder Nachtwerk ins Bad.

Die Schriften des Marquis de Sade gewähren uns ein erschreckendes Bild von der Häufigkeit der auch einen gewissen Zusammenhang mit der Kosmetik aufweisenden Abortiv- und Praeventivmittel im 18. Jahrhunderte. Jene Zeit brachte die Verhältnise hervor, welche zu der gegenwärtigen Abnahme der Bevölkerungsziffer in Frankreich geführt haben. Aus Galliot’s Statistik, die mit dem Jahre 1789 beginnt, kann man die grosse Ausdehnung der Fruchtabtreibung in Frankreich entnehmen. Er schliesst seine Resultate mit den Worten: „On se plaint de tous côtés, en France, de la décroissance de la population. On a fait récemment de nombréuses lois pour protéger l’enfant; nous venons à notre tour demander une protection pour le foetus.“[350] Das vorige Jahrhundert kannte denn auch bereits alle Mittel, welche noch heute angewendet werden, um die Conception zu verhindern oder die Abtreibung der Frucht zu bewirken. Höchst charakteristisch ist jene Stelle in der „Philosophie dans le Boudoir“, wo Madame de St.-Ange auf eine Frage Eugeniens die anticonceptionellen Mittel aufzählt (Philosophie dans le Boudoir I, 99) und neben „éponges“, die sich die Frauen in die Vagina einführen und „condomes“, deren sich die Männer bedienen, als ein vorzügliches Mittel auch die Paedicatio empfiehlt, die am besten den malthusianischen Ideen des Jahrhunderts entspreche. Ist aber das „Unglück“ geschehen, so wissen die Helden und Heldinnen Sade’s Mittel und Wege, um die Frucht im Mutterleibe zu töten. Sade erwähnt die Sabina als ein vortreffliches Abortivum. (Juliette III, 204). Aber ein noch sicheres und gefahrloseres Mittel als Sabina, das zudem „den Magen nicht angreift“ ist dasjenige, welches die von ihrem Vater schwangere Juliette anwendet. Sie lässt sich nämlich von einem berühmten Accoucheur eine viermonatliche Frucht vermittelst einer Nadel abtreiben. (Juliette III, 212). Die Durand verkauft Emmenagoga m diesem Zwecke (Juliette III, 229).

Als letzter Gruppe von sexuellen Mitteln gedenken wir noch der antivenerischen Geheimmittel, mit welchen das Frankreich des vorigen Jahrhunderts in grosser Zahl überschwemmt wurde. Denn trotz aller Ausschweifungen in Venere war die Furcht vor der Syphilis sehr gross, und die Charlatane fanden ein nur zu williges Publikum für ihre Betrügereien. Wir wissen nicht, ob der Plan für ein Bordell mit der Aufschrift: „Du plaisir pour de l’or et santé garantie“[351] zur Ausführung gekommen ist Jedenfalls war die Vorsicht in dieser Beziehung gewiss gerechtfertigt. Casanova hatte es sich zum Prinzip gemacht, niemals in einem fremden Bette zu schlafen.[352] Juliette untersucht ihre Kunden stets genau auf syphilitische Symptome hin. Ein Mann, der mit schwerer Syphilis behaftet ist und der daher als Spezialität seiner Wollust diejenige gewählt hat, die von ihm gebrauchten Weiber anzustecken, wäre beinahe der Juliette gefährlich geworden. (Juliette I, 238–240). Im „Espion anglais“ (Bd. II, S. 98) wird erzählt, wie ein Mann seinen Rivalen aus Rache syphilitisch infizierte damit dieser die Krankheit der früheren Geliebten mitteile. Eine ganz ähnliche Idee führt Sade am Ende der „Philosophie dans le Boudoir“ aus. Dort lässt man einen syphilitischen Knecht holen, der vor den Augen der triumphierenden Scheusale die unglückliche Madame de Mistival infizieren muss, wonach Dolmancé ausruft: Parbleu, voici une inoculation, comme Tronchin n’en fit de ses jours. (Philosophie dans le Boudoir II, 183–184).

Medicamentöse Schutzmittel gegen Syphilis wurden vorzüglich in den Gewölben des Palais-Royal angepriesen. Es gab auch Manche, die ohne Scheu dieselben in Flugschriften bekannt machten und ihre Betrügerei durch Anschläge an den Mauern, durch Verteilung von Karten oder Zetteln auf der Strasse feilboten.[353]

Wir haben früher schon den Charlatan Agirony und das „Spezificum des Doktor Préval“ erwähnt. Der Letztere ist wohl der berüchtigste Charlatan des 18. Jahrhunderts gewesen, dessen Persönlichkeit um so mehr Interesse erweckt, als Guilbert de Préval derjenige war, welcher Rétif de la Bretonne in die Geheimnisse der Pariser Prostitution und die „Artes amandi“ des Palais-Royal einweihte, ein Mensch, der nur im schmutzigsten Sumpfe sich wohl fühlte.[354] Die Geschichte dieses Erzcharlatans wird im „Espion anglais“ ausführlich erzählt.[355]

Préval studierte seit 1746 in Caën, wo er dann eine umfangreiche Praxis ausübte, machte später noch anatomische Studien zu Paris und promovierte dort im Jahre 1750. Er beschäftigte sich nunmehr 20 Jahre mit der Therapie der Syphilis und entdeckte nach Ablauf dieser Zeit ein „unfehlbares Specificum“ gegen diese Krankheit, mit welchem er mehr wie 8000 (!) Menschen heilte. Das Mittel besass übrigens die Kraft, auch alle übrigen „Haut- und Blutkrankheiten“ zu heilen. Selbst bis „nach Indien, Amerika und — Martinique“ drang der Ruf dieses Mittels wo es „Pians und Scorbut“ zur Heilung brachte. Gleichzeitig war dieses Mittel, eine sogenannte „eau fondante“[356], ein zuverlässiges Vorbeugungsmittel der Syphilis. Endlich diente es sogar, wie das heutige Tuberkulin bei Tuberkulose, zur Diagnose der Syphilis, wozu es z. B. Madame Gourdan benutze. Die Ankündigung dieses Mittels machte ausserordentliches Aufsehen und „brachte alle Köpfe der jungen damals am alten Hofe befindlichen Wüstlinge in Aufruhr.“[357] Man liess den Herrn Préval kommen, überhäufte ihn mit Schmeicheleien, wie sie kaum dem Entdecker einer neuen Welt zu Teil geworden wären, verlangte aber, dass er selbst in Gegenwart von Zeugen den nötigen Versuch machen sollte, die Wirksamkeit des von ihm angegebenen Mittels zu beweisen. Préval ging darauf ein. Im Juni 1772 geschah das Unglaubliche. In Gegenwart vornehmer Herren vollzog unser Charlatan an einer exquisit inficierten Dirne, die im Spital der barmherzigen Schwestern behandelt wurde, einen Coitus, nachdem er zuvor sein berühmtes Mittel eingenommen hatte.[358] Er blieb gesund, wobei aber nicht mitgeteilt wird, ob eine frühere, doch sehr wahrscheinliche Syphilis dieses Lebemannes Ursache dieser Immunität war. Parent-Duchatelet[359] „könnte noch die Zeugen dieser merkwürdigen Szene nennen“, allein der Rang, den sie im Staate einnahmen, „befahl ihm Stillschweigen.“

Wir befinden uns nicht mehr in dieser Lage und nennen die Namen. Es waren der Herzog von Chartres, der Graf de la Marche, der Marschall Richelieu, der Herzog von Nivernois und andere „Cavaliere“. Auch der Herzog von Zweibrücken liess ähnliche Versuche anstellen, die günstig ausfielen. Préval wurde vom Pariser Magistrat aufgefordert, die Syphilitischen im Bicêtre mit seinem Mittel zu behandeln. Es wurden ihm zu diesem Zweck 6 Männer und 4 Frauen zugewiesen. Von diesen Dingen bekam die medizinische Fakultät Kenntnis und trat zu einer merkwürdigen Sitzung am 8. August 1772 zusammen, in der Préval aus der Liste ihrer Mitglieder gestrichen wurde, mit 154 gegen 6 Stimmen. Er fing darauf mit der Fakultät einen Prozess an und verklagte dieselbe vor dem Pariser Parlament. Nachdem dieses im Jahre 1777 den Beschluss der Fakultät aufgehoben hatte, wurde derselbe nach neuerlicher Weigerung der letzteren am 13. August 1777 bestätigt und Préval ausserdem noch zu einer Geldstrafe von 3000 Francs verurteilt.

Wenn man auch dem Beschlusse der Fakultät als solchem zustimmen kann, so ist doch die Begründung desselben sehr fragwürdiger Natur. An einer Stelle derselben heisst es nämlich: „Es wäre Sache der Moral, zu prüfen, bis zu welchem Punkte eine Erfindung erlaubt sein könne, welche kein anderes Ziel habe, als den natürlichen Reiz des Lasters noch durch den der Straflosigkeit zu verstärken. Wir wissen oder glauben es doch zum mindesten, dass ein Schutzmittel gegen die in Rede stehende Krankheit eine Liederlichkeit veranlassen würde, wodurch die Bevölkerung und bürgerliche Ordnung, wir könnten auch hinzusetzen, die Reinheit der Sitten leiden müssten.“ Schon Girtanner, der sich in seinem Werke überall als einen rigorosen Moralisten erweist, bemerkt dazu: „Der Erfinder eines solchen Mittels, verdiente nicht Verachtung, sondern den Dank des menschlichen Geschlechts, weil dadurch, in kurzer Zeit, die Lustseuche ganz von der Erde vertilgt werden müsste. Und welcher Menschenfreund wünscht nicht, dass es möglich wäre, eine so glückliche Revolution zu bewirken!“[360] Parent-Duchatelet, der diesem Gutachten der Pariser medizinischen Fakultät ein enthusiastisches Lob zollt, wird von Proksch mit Recht getadelt.[361] Denn man kann das Laster verdammen, ohne der Menschheit die Schutzmittel vor Krankheiten zu entziehen, und wenn die Furcht vor Krankheiten der einzige Beweggrund der Tugendhaftigkeit sein soll, dann dürfen wir diese Tugend nicht allzuhoch einschätzen.

Das Hauptschutzmittel gegen die venerischen Ansteckungen war im 18. Jahrhundert wie — heute: der Condom. Wir haben bereits mehrere Male auf den weit verbreiteten Gebrauch dieses Praeservativs hingewiesen, von dem in jedem Bordell, ein „ganzes Arsenal“ vorhanden war. Auch die alleinwohnenden Prostituirten betrieben den Verkauf dieser „redingotes d’Angleterre“. Als Casanova in Marseille ankam und nach seiner Gewohnheit die erste Erholung von den Reisestrapazen bei einer Dirne suchte, wobei er seine Furcht vor Ansteckung äusserte, bot ihm das Mädchen „englische Hüllen“ an, welche „Beruhigung gewähren“. Aber er mochte sie nicht, da sie „von zu geringer Qualität waren.“ Darauf offerierte die Schöne „feinere zu drei Francs das Stück“, welche „die Händlerin nur dutzendweise verkaufte“ worauf Casanova sich bereit erklärte, das ganze Dutzend zu nehmen und sich zu diesem Behufe ein paar Specimina von einer kleinen 15jährigen Dienerin „anpassen“ liess.[362]

Der Condom wurde von dem unter Karl II. lebenden Londoner Arzt Dr. Conton erfunden, ist daher eigentlich „Contom“ zu nennen. Nach der Angabe dieses Arztes wurde diese zum Bedecken des männlichen Gliedes vor dem Beischlaf bestimmte Hülle aus den Blinddärmen der Lämmer bereitet. Zu diesem Behufe ward das entsprechende Darmstück in gehöriger Länge aus den geschlachteten Lämmern herausgeschnitten, getrocknet und dann durch Reiben mit einem feinen Oele und Kleien schlapp, weich und geschmeidig gemacht.[363]

Proksch macht über die weitere Geschichte und Beurteilung dieser Erfindung sehr interessante Mitteilungen und constatiert, dass in der Neuzeit „das hypermoralische Toben gegen den Condom“ beinahe ganz aufgehört hat. Die Aerzte erkennen den hohen Wert der Condome als Mittel zur Verhütung der venerischen Krankheiten fast einstimmig an. „Die meiste Anerkennung der Schutzkraft der Condome kam, freilich wider Willen, von einer Seite, von welcher man es gar nicht vermutet hätte.“ Im Jahre 1826 erschien nämlich ein päpstliches Breve (Leo XII.), welches diese Erfindung verdammte, „weil sie die Anordnungen der Vorsehung hindert, welche die Geschöpfe an dem Gliede strafen wollte, mit dem es gesündigt.“ Proksch übt an diesem Breve eine vernichtende Kritik, auf die wir den Leser verweisen. — „Die Condome aus Blinddärmen der Lämmer, aus Fischblasen und Goldschlägerhäutchen sind weniger zuverlässig, da diese tierischen Membranen sehr bald vertrocknen, brüchig und rissig werden, von kleinen Insekten an- oder durchfressen werden, und zudem fast gar keine Dehnbarkeit im trockenen Zustande besitzen, sodass sie bei einer geringen Gewaltanwendung entzwei gehen können.“[364] Proksch, dieser ernsthafte und gelehrte Forscher auf dem Gebiete der venerischen Krankheiten, hat aber durch sehr exakte Versuche nachgewiesen, dass die Condome aus Kautschuk die sichersten Schutzmittel gegen alle durch naturgemässen Beischlaf erworbenen venerischen Krankheiten sind.[365] Die moralischen Einwände, welche man gegen den Gebrauch dieser Condome erhoben hat, sind nicht stichhaltig für denjenigen, der weiss, dass Alles in der Welt gemissbraucht werden kann, und dass das gesellschaftliche Wohl höher gestellt werden muss als die Bedenken des Einzelnen. Alle diese Einwürfe hat Proksch im humansten Sinne widerlegt. Der Arzt, der die Gesundheit des einzelnen Menschen, der Familie und der ganzen Gesellschaft zu schützen berufen ist, kann nicht den Standpunkt eines Theologen einnehmen, der sich, wie wir zugeben, auch vertheidigen lässt. Er muss auch einen Missbrauch seiner Ratschläge von sich abweisen, der ihm doch gewiss nicht zur Last fällt. „Sollte durch den Condom einer jeden erdenklichen Unreinlichkeit und dem triefenden Schmutz einerseits und andrerseits den hirnverbrannten Einfällen eines jeden Wüstlings Rechnung getragen werden, dann müsste er freilich nicht nur die Geschlechtsteile, sondern auch den ganzen Körper überziehen.“ (Proksch.)

Endlich kommen wir zu einer letzten Gruppe von Aphrodisiaca. Das sind die Surrogate des Mannes, wie wir sie nennen möchten, die künstlichen Apparate, welche der Frau die Abwesenheit des Mannes ersetzen sollen, vor allem die ledernen Phalli oder Godmichés, die „Consolateurs“, wie sie bei der Gourdan heissen die „bijoux indiscrets“, „bijoux de religieuse“ (englisch: Dildo, indiscreet toy; italienisch: Cazzo, Parapilla), deren Gebrauch aus dem Culte des Priapus entsprungen ist.[366] Diese schon seit dem Altertume[367] in Gebrauch befindlichen künstlichen Phalli erlangten im 18. Jahrhundert wieder eine weite Verbreitung, nicht blos in Frankreich[368], sondern auch in Deutschland, wo sie von den vornehmen Damen als „Samthanse“ bezeichnet wurden.[369] Sade beschreibt sogar automatisch wirkende Godmichés (Juliette V 328), sowie kunstvoll mit verschiedenen scharfen Spitzen versehene Instrumente, wie sie z. B. die Tribade Zatta gebraucht (Juliette VI 124). Wie wir auf einer Abbildung in der „Philosophie dans le Boudoir“ (Band II, 31) ersehen, waren die Godmichés des vorigen Jahrhunderts ähnlich konstruiert wie diejenigen, welche noch heute in Frankreich Verwendung finden, und welche Garnier folgendermassen beschreibt:[370] „On en fabrique ici (à Paris) en caoutchouc rouge durci, parfaitement imités, que l’on vend secrètement à des adresses connues de toutes les intéressées. Le mécanisme en est des plus ingénieux. Ils se gonflent à volonté et du lait ou tout autre liquide, placé à l’intérieur, s’échauffant au contact du vagin, s’échappe et se répand au moment psychologique, pour rendre l’illusion plus complète.“[371] Diese Dinge wurden übrigens nicht blos im Amor lesbicus gebraucht, sondern sogar auch zwischen Mann und Frau, w. z. B. Madame de St. Ange es zur Paedicatio des Dolmancé benutzt (Philosophie dans le Boudoir II, 31).

Garnier meint, dass die sogenannten „japanischen Kugeln“, welche in Japan, China und Indien seit alter Zeit von wollüstigen Frauen benutzt wurden, erst seit 1819 nach Europa gelangt und damals zuerst im „Dictionnaire des sciences médicales“ beschrieben worden seien.[372] Das ist ganz unrichtig. Wie wir oben (S. 130) zeigten, waren diese „pommes d’amour“ schon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich bekannt.