26. Italienische Zustände im 18. Jahrhundert.

Im Jahre 1772, nach der Marseiller Skandalaffäre, entfloh der Marquis de Sade mit seiner Schwägerin nach Italien, wo er sich 5 bis 6 Jahre aufhielt. Die Frucht dieses Aufenthaltes war die Schilderung der italienischen Zustände, die mehr als drei Bände der „Juliette“ in Anspruch nimmt. (Vom Ende des dritten Bandes bis zum Ende des sechsten Bandes.) Er selbst macht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass er Italien aus eigener Anschauung kenne, indem er sagt (Juliette III, 290): „Diejenigen, welche mich kennen, wissen, dass ich Italien mit einer sehr hübschen Frau durchreist habe, dass ich ‚par unique principe de philosophie lubrique‘, diese Frau dem Grossherzog von Toskana, dem Papste, der Prinzessin Borghese, dem König und der Königin von Neapel vorgestellt habe. Sie dürfen also überzeugt sein, dass alles, was die ‚partie voluptueuse‘ betrifft, exakt ist, dass ich thatsächlich die wirklichen Sitten der erwähnten Persönlichkeiten geschildert habe. Wären die Leser Augenzeugen der Szenen gewesen, sie hätten sie auch nicht aufrichtiger und getreuer beschreiben können. Auch in Betreff der Reiseschilderungen darf der Leser versichert sein, dass ich mich der grössten Genauigkeit befleissigt habe.“ Trotz dieser Versicherung kommen in Sade’s Erzählung sehr viele Ungeheuerlichkeiten und Uebertreibungen vor, wie wir bei der späteren Analyse der „Juliette“ sehen werden. Aber ein Kern von Wahrheit ist auch hier nachweisbar, bestimmte von Sade geschilderte Verhältnisse sind wieder auffindbar, so dass wir auf die italienischen Zustände im 18. Jahrhundert einen kurzen Blick werfen wollen.

Italien ist ja ohne Zweifel die Pflanzschule der echt modernen, raffinierten Unzucht, die, nebenbei bemerkt, stets am besten in den spezifisch katholischen Ländern, an den Stätten der Askese und des Coelibats gediehen ist. Brauchen wir an Pietro Aretino, an Papst Alexander VI., an Lucrecia und Cesare Borgia, an Giulio Romano und Augusto und Annibale Carracci, diese grossen Praktiker und Künstler der Wollust zu erinnern? Wie unschuldig und naiv muten uns dagegen die Liebesabenteuer in Boccaccio’s „Decamerone“ an! Freilich, damals gab es auch noch keine Jesuiten. Die Renaissance und der Jesuitismus bezeichnen eine neue Epoche in dem Geschlechtsleben Italiens, die vielleicht die reichsten kulturhistorischen Beziehungen aller Art aufweist und von uns in einer der folgenden Studien einer genauen Untersuchung unterzogen werden wird. Hier berühren wir kurz die Verhältnisse des 18. Jahrhunderts.

Der Marquis de Sade schildert die Verbreitung der Prostitution in Italien als eine geradezu ungeheuerliche. Alle Städte, die Juliette besucht, wimmeln von Dirnen aus hohem und niederem Stande, die besonders bei den grossen mit Ausschweifungen verbundenen Festen in den Häusern des Adels ihre Reize glänzen liessen und sich im allgemeinen eines hohen Ansehens erfreuten. Sade berichtet denn auch häufig über solche Dirnentriumphe. Nach den Glossatoren des Papstrechtes war ja der Begriff einer „Hure“ sehr weit gefasst. Nur diejenige könne man eine wahre Hure nennen, die 23000 Mal — gesündigt habe![446] Casanova fand die Gärten des Grafen Friedrich Borromeo auf den „borromeischen Inseln“ angefüllt mit „einem Schwarm junger Schönheiten“. Der venetianische Gesandte in Turin hielt bei sich offene Tafel, und man „betete hier öffentlich das schöne Geschlecht an“. — Bologna, dessen sittliche Corruption auch von Sade geschildert wird (Juliette III, 306), wimmelte von „singenden und tanzenden Nymphen“[447]. Besonders ausgeartet war das Geschlechtsleben in Venedig, von dem der Marquis de Sade schreckliche Dinge erzählt (Juliette IV, S. 144 ff.). Die Courtisane, schon seit Jahrhunderten „die Pest welscher Städte“, wurde in Venedig vergöttert. Wo bot aber auch ein Ort in der Welt, „so reizende Verlockung und Sinnengenuss jeder Art? Wo war die Ehe der Intrigue zugänglicher als in der Stadt, wo die Sitte des Cicisbeats die Strenge der Pflicht längst zu einem lächerlichen Vorurteil gestempelt? Wo waren die Courtisanen schönere, gebildetere und vollkommenere Priesterinnen Cytherens? Wo bot die Licenz adliger Jungfrauenklöster, die Prostitution der Vestalinnen, einen feineren Reiz für sinnliche Romantik, erhöht durch Gefahr, als zu Marano und San Giorgio? Wo gewährte der Carneval und die Maskenfreiheit, mitten in lauen, schmeichelnden Sommernächten, so mühelos die entzückendsten Abenteuer? Wo gab es ausgesuchtere Tafelfreuden und köstlicheren heisseren Wein bei Orgien im Geschmacke des klassischen Altertums? Wo prachtvollere Opern, entzückendere Stimmen, nacktere Terpsichoren, pikantere Festlichkeiten? Wo konnte der adlige Hang zum Glücksspiele in volleren Goldhaufen sich sättigen? Nach Venedig ging daher der erste Zug aller vornehmen Lüstlinge; verdorben, ärmer an Glücksgütern und an Lebenskraft, selten mit Reue, kehrten sie heim, nachdem jedes Einzelnen Sünde die Sündhaftigkeit der Stadt gesteigert hatte. Diese Bedeutung Venedigs, als der Metropole der raffinierten Freiheit des Sinnengenusses, geht aus der geheimen Geschichte und den Memoiren der Fürsten und Vornehmen hervor. Nur ein bestimmt ausgesprochener Zweck führte alle nach der Stadt der Lagunen.“[448] Infolge dessen erfreuten sich in der Republik Venedig die Prostituierten des ganz besonderen Schutzes der Regierung und waren sogar der einzige erlaubte Gegenstand des sonst durch die Gesetze streng verpönten Luxus der Nobili.[449] Montesquieu schreibt: „In Venedig zwingen die Gesetze die Adeligen zu einer bescheidenen Lebensweise. Sie sind so an Sparsamkeit gewöhnt, dass nur die Buhlerinnen sie dazu vermögen können, Geld auszugeben. Man bedient sich dieses Wegs, um die Betriebsamkeit zu befördern: die verächtlichsten Weibespersonen verschwenden dort ohne Gefahr, während ihre Liebhaber das armseligste Leben von der Welt führen.“[450] Casanova berichtet interessante Einzelheiten über das Leben und Treiben der Venetianischen Dirnen um 1750, speziell der berühmten Courtisane Juliette. Sade erzählt (Juliette VI, 147) von den Besuchen eines alten Prokurators im Bordell der Durand. Bei Casanova kommen ebenfalls die galanten Abenteuer des Prokurators Bragadin vor.[451]

Italien ist das gelobte Land der Paederastie, noch heute. Drastisch sagt der Marquis de Sade, in diesem Punkte gewiss ein richtiger Beobachter: „Le cul est bien recherché en Italie“. (Juliette III, 290.) Das ist ein Erbteil aus Griechenland und Rom. Und jeder, der von Liebe zu den klassischen Studien und antiker Kunst leidenschaftlich ergriffen, den Boden Italiens betrat, war dieser Gefahr ausgesetzt, wie das Beispiel unseres J. J. Winckelmann beweist. Schon Dante erwähnt im 15. und 16. Gesange des „Inferno“, die grosse Verbreitung der Männerliebe in Italien.[452] Papst Sixtus IV. (1471 bis 1484) huldigte in ausgedehntem Masse der Paederastie und soll seine Ganymede zu Kardinälen erhoben haben. Einige Kardinäle baten den Papst, in der heissen Jahreszeit Paederastie treiben zu dürfen, worauf der Papst die Erlaubnis hierzu erteilt haben soll. Auf Sixtus IV. fand der folgende obscöne Vers Anwendung:

Roma quod inverso delectaretur amore

Nomen ab inverso nomine fecit Amor.

Sixtus war grausam und fand Gefallen am Ansehen blutiger Schauspiele. Sein angeblicher Neffe Pietro Riario, wahrscheinlich aber sein Sohn, lebte inter scorta atque exoletos adolescentes, und war ebenfalls Paederast. Michel Angelo soll der Knabenliebe gefröhnt haben.[453] Der Maler Giovanni Antonio Razzi (1479–1564) bekam wegen dieser Neigungen den Beinamen il Sodoma.[454] Papst Julius III. (1550–1555) ist ebenfalls hier zu nennen. „Dans le conclave même, il pratiquait l’acte de sodomie avec les jeunes pages attachés à son service, et loin d’en faire un mystère, il affectait de se laisser surprendre en flagrant délit par ses collègues.“[455]

Im 18. Jahrhundert war die Paederastie in Italien an der Tagesordnung. Man konnte sogar Gefahr laufen, von Paederasten vergewaltigt zu werden. Casanova erzählt einen solchen Ueberfall, den ein Mann auf ihn machte. Ebenso von einem Knaben Petronius, der als ein gewerbsmässiger Prostituierter in Ancona thätig war. Der Kardinal Brancaforte, einer der grössten Wüstlinge der Welt, der nach Casanova „nicht aus den Bordellen herauskam“, war der Paederastie sehr verdächtig. Als bei Gelegenheit seines Aufenthaltes in Paris eine junge Paduanerin ihm in der Beichte gestand, dass ihr Mann sich bei ihr gewisse Freiheiten herausgenommen hätte, die durch den Ehecodex streng verboten würden, fesselte der üppige Kardinal sein Beichtkind sehr lange an diesen kitzlichen Gegenstand. Ehe er ihr die Absolution erteilte, wollte er die genauesten Umstände erfahren. Bei jeder Mitteilung wurde er von Begierde verzehrt und rief aus: „Es ist ungeheuer! — Es ist monströs! — Ach, meine Teure, Sie haben eine abscheuliche Sünde begangen, aber es ist eine sehr hübsche Sache.“[456] Noch eine andere ähnliche Anekdote wird von Casanova mitgeteilt.

Noch heute ist die männliche Prostitution in Italien so öffentlich wie in keinem anderen Lande. In Neapel „bieten sich abends auf der Via Toledo junge Männer dem Vorübergehenden an, und die Zwischenhändler preisen dort nicht nur ihre weibliche, sondern auch die männliche Ware an.“ Moll, der dies mitteilt, meint auch, dass in Italien die Homosexualität stets etwas mehr hervortrat als in andern Ländern Europas. J. L. Casper berichtet 1854, dass in Neapel und Sicilien dem Reisenden am hellen Tage von auf den Strassen lungernden Kupplern un bellissimo ragazza schamlos angeboten wurde, wenn man ihre Anträge, Weiber betreffend, zurückwies.[457]

Dass der italienische Klerus des 18. Jahrhunderts einen grossen Anteil an diesen sexuellen Ausschweifungen hatte, brauchen wir wohl nicht weiter anzuführen. Dafür spricht schon die geradezu ungeheuerliche Zahl der Geistlichen jeder Art, die im ganzen Lande verbreitet waren. Gorani, dessen mit Recht berühmte Memoiren wir mit grossem Vergnügen gelesen haben und dessen Glaubwürdigkeit durch neuere Forschungen noch mehr bekräftigt worden ist, berichtet, dass das Königreich Neapel ohne Sicilien unter 480000 Einwohnern etwa 60000 Mönche, 3000 Laienbrüder und 22000 Nonnen zählte. Dieser Klerus war von einer „unglaublichen Ignoranz“, von einer ungeheuerlichen „débauche crapuleuse“. Seine Sitten seien noch verderbter als die der Mönche aller übrigen katholischen Länder. „Mord, Schändung und Gift sind ihnen vertraut.“ Gorani berichtet über verschiedene haarsträubende Verbrechen von Priestern. Die Nonnenklöster seien Schauplätze der wüstesten Orgien. Dabei war der Klerus so reich, dass er fast ein Drittel aller Güter im Lande besass.[458] Die Geistlichen gaben denn auch in der Liebe den Ton an. Das war seit Boccaccio’s Zeiten nicht anders geworden. Casanova berichtet darüber aus dem 18. Jahrhundert allerlei Ergötzliches. So z. B. führt ihn ein Mönch in Chiozza in ein Bordell, wo er freilich das Unglück hat, sich zu inficieren. Als Casanova noch selbst als Geistlicher mit einem Franziskaner auf der Wanderschaft war, wurden sie von zwei nymphomanischen Megären überfallen. Man muss also damals gerade den Geistlichen allerlei zugetraut haben.[459] Das scheussliche Unwesen der Castraten für geistliche Zwecke ist ein weiterer Beweis für die tiefe Depravation des italienischen Klerus.

Zoophilie und Sodomie waren ebenfalls seit jeher in Italien mehr verbreitet als in einem andern Lande. Der Marquis de Sade lässt denn auch bei einer Orgie im Hause der Prinzessin Borghese einen Truthahn, eine grosse Dogge, einen Affen und eine Ziege als maîtres de plaisir aufmarschieren! (Juliette IV, 262). Noch heutzutage sollen nach Metzger die Ziegenhirten in Sicilien im allgemeinen Ruf stehen, dass sie sich mit ihren Ziegen abgeben.[460] Der Kardinal Bellarmin trieb seit 1624 mit Weibern verbotenen Umgang und hatte noch nebenher „vier schöne Ziegen auf der Streu.“[461]

Einzelne von Sade erwähnte italienische Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts bedürfen noch besonderer Erwähnung. Im fünften Bande der „Juliette“ wird ein üppiges Gartenfest beim Fürsten von Francavilla geschildert (S. 326 ff.). Diese Gartenfeste bei den neapolitanischen Granden sind historisch. Casanova berichtet ebenfalls, dass Francavilla, „ein entschiedener Epikuräer, voll Geist, Anmut und Unverschämtheit“, im Jahre 1770 ein glänzendes Fest für alle Fremden gab. Er liess seine jungen und schönen Pagen beim Schwimmkampfe im Wasser „erotische Verschlingungen“ ausführen, bei denen sich „die Damen sehr gut unterhielten“[462]. Der bei Sade (Juliette IV, 156 u. ö.) erwähnte Kardinal Bernis wird auch von Casanova als sehr unheilig geschildert.

Leopold I. von Toskana, der „grand successeur de la première putain de France“ (Juliette IV, 36) soll nach Sade ebenfalls ein erotisches Scheusal gewesen sein. Hierbei hat wohl der Hass gegen das Haus Oesterreich ein Wort mitgeredet. Casanova, der ein fesselndes Bild von dem Abenteurerleben in Florenz entwirft, sagt über Leopold aus, dass er „eine entschiedene Leidenschaft für das Geld und die Weiber hegte.“[463] Besonderes Interesse beanspruchen die Schilderungen des Papstes Pius VI. und der Königin Karoline von Neapel bei Sade.

1. Papst Pius VI.

Dieser Papst war nach Sade (Juliette IV, 268) ein grosser Lüstling, dem Juliette eine lange Rede über die Zuchtlosigkeit der Päpste aller Zeiten hält (IV, 270 ff.), wobei sie ihn mit „alter Affe“ anredet (IV, 285). Nachher muss dann auch Seine Heiligkeit eine ebenso lange Rede halten an deren Schlusse dieser Wahrheitsapostel den Mord für die „einfachste und legitimste Handlung auf der Welt“ erklärt (IV, 370) und in seinen nunmehr geschilderten Orgien hinter dieser Versicherung nicht zurückbleibt (V, 1 ff.).

War Pius VI. ein solcher Mensch? Dies kann nur zum Teil bejaht werden.

Pius VI. (1775–1798), vorher Giovanni Angelo, Graf Braschi, war einer der schönsten Männer seiner Zeit, „hochgewachsen, von edlem Aussehen, blühender Gesichtsfarbe“. Er trug sein päpstliches Gewand mit einer Art von Koketterie und trug vor allem seine schönen — Beine zur Schau, indem er stets sein langes Gewand an der einen Seite etwas aufhob, so dass wenigstens ein Bein sichtbar war, auch legte er grosses Gewicht auf eine schöne Frisur. Diese Eitelkeit geisselte das folgende Distichon:

Aspice, Roma, Pium. Pius! haud est: aspice mimum.

Luxuriante coma, luxuriante pede.

Er liess sich denn auch von der Geistlichkeit und den Gläubigen gehörig anbeten, mit einer „vénération stupide“, der aber manchmal ein ironischer Beigeschmack nicht fehlte. Seine Ausfahrten geschahen mit ungeheuerem Gepränge. Draussen war Pius ein Gott, im Vatican ein vielfach verspotteter Mensch. Zeigte er sich auf der Strasse, so riefen die Frauen: Quanto è bello, quanto è bello! Und man behauptete, dass Pius sich dadurch mehr geschmeichelt gefühlt habe als durch die Huldigung der Kardinäle. Der Kardinal Bernis nannte ihn ein lebhaftes Kind, das man immer bewachen müsse.[464] Auch Coletta schildert diesen Papst als einen „bildschönen Mann“, von grosser Liebe zum Putze und weibischen Eigenschaften.[465] Er war im Gegensatz zu seinem Vorgänger Clemens XIV. den Jesuiten zugeneigt.[466] Was sein Verhalten in geschlechtlicher Beziehung betrifft, so begünstigte er nach Casanova (Bd. XVII, S. 169) die Prostitution, hielt nach Gorani selbst viele Maitressen und trieb sogar Incest mit einer natürlichen Tochter.[467] Bourgoing dagegen findet ihn in sexueller Hinsicht ganz rein und sagt, dass Pius VI. seine Zeit zwischen den religiösen Pflichten, seinem Cabinet, Museum und der vatikanischen Bibliothek teilte.[468]

2. Die Königin Karoline von Neapel.

Die Königin Karoline von Neapel schildert der Marquis de Sade als vollendete Tribade (Juliette V, 258), und beschreibt ihre Reize „nach der Natur“. Sie sowohl, wie ihr Gemahl, der König Ferdinand IV., zeichnen sich durch einen hohen Grad von wollüstiger Grausamkeit aus, die sich in verschiedenen von Sade geschilderten wilden Ausbrüchen äussert, so z. B. bei dem grossen neapolitanischen Volksfeste, bei dem 400 Personen getötet werden. (Juliette VI, 1.)[469]

Hier hat der Marquis de Sade wirklich durchaus „nach der Natur“ geschildert. Man darf sagen, dass von Helfert’s Aufsehen erregender Versuch einer Ehrenrettung der Königin Karoline von Neapel[470] vollständig misslungen ist, wie die bündige Widerlegung der Helfert’schen Ausführungen durch Moritz Brosch wohl definitiv dargethan hat.[471] Danach bestehen die von Gorani, Coletta und vielen anderen dargebotenen Enthüllungen über die Sittenlosigkeit der Königin Karoline zu Recht.

Coletta sagt von ihr, dass sie „mehr als eine Leidenschaft besass, rachsüchtig und hochfahrend war und durch eine glühende Wollust verblendet wurde“.[472]

Gorani, der den Stoff zu seinem berühmten Werke in den Jahren 1779 bis 1780 und 1789 bis 1790 sammelte, richtete seine Angriffe besonders gegen die neapolitanischen Zustände, denen wohl das bekannte Motto seiner Memoiren gilt:

Des tyrans trop longtemps nous fûmes les victimes,

Trop longtemps on a mis un voile sur leurs crimes.

Je vais le déchirer....

Karoline ist die „österreichische Megäre“, die die ganze Wollust einer Messalina mit den unnatürlichen Gelüsten einer Sappho verbinde. Sie gab sich ohne Wahl und ohne Scham den verächtlichsten und verworfensten Männern hin und unterhielt mit ihrem Minister Acton eine Liaison. Dieses „unique monstre de cette espèce“ tötete alle ihre Kinder oder machte sie krank. Einmal schrie ihr Gemahl Ferdinand ihr durch’s Schlüsselloch zu: „Ce n’est point une reine, une épouse, une mère, que l’Autriche nous a’donnée, c’est une furie, une mégère, une Messaline qu’elle a vomie dans sa colère et lancée parmi nous“.[473]

Besonders berüchtigt wurde Karolinen’s Verhältnis zu der berühmten Lady Emma Hamilton, der Geliebten Nelson’s. Coletta’s Urteil über diese tribadische Liaison der Beiden ist von allen gewissenhaften Forschern bestätigt worden: „Nella reggia, nei teatri, al publico passeggio Emma sedeva al fianco della regina; e spesso, ne’ penetrali della casa, la mensa, il bagno il letto si godevan communi. Emma era bellezza per tutte le lascivie“.[474]

Die von Sade beschriebene Orgie in den Ruinen von Herculanum und Pompeji (Juliette V, 340 ff.) ist wohl in Wirklichkeit öfter gefeiert worden. Denn im Jahre 1798 wurde zu Ehren Nelson’s an diesen Stätten ein solches üppiges Fest veranstaltet.

Auch der grosse Massenmord, von dem Sade spricht, ist historisch. Am 18. Oktober 1794 gab es einen grossen, mutwillig hervorgerufenen Strassenkampf in Neapel, bei dem 30 Menschen getötet und viele verwundet wurden.

Alle übrigen neapolitanischen Zustände erscheinen in der Wirklichkeit ebenso schlimm, wie sie in der „Juliette“ dargestellt werden. Nach Gorani soll die römische Kaiserzeit keine solche Sittenverderbnis gesehen haben, wie diejenige am Hofe von Neapel, keine solche Messalina, wie die Königin Karoline. Nelson sagte von Neapel: „Von den Frauen ist nicht eine tugendhaft, von den Männern ist nicht ein einziger, der nicht an den Galgen oder auf die Galeere gehörte.“[475] Ja, nach Gorani muss Neapel lauter Gestalten aus den Romanen des Marquis de Sade enthalten haben. Der Neapolitaner sei von Natur böse, überlege sich mit kaltem Blute die Verbrechen, die er begehen wolle, und füge denselben noch tausend Grausamkeiten hinzu. 30000 Menschen trieben sich obdachlos umher. Die Zahl der Gefangenen sei ausserordentlich gross. Die Frauen liessen ihre Geliebten durch Spione bewachen, während sie selbst treulos seien. Die öffentlichen Mädchen seien sehr schön, wohnten aber schlecht. Die schönsten seien Ausländerinnen, die eingeborenen Frauen seien hässlich und unreinlich, aber „très ardentes pour le plaisir“. Der ungeheuer grosse Mund derselben komme von dem vielen Reden und Gesticulieren, so dass ein hübscher kleiner Mund eine Rarität sei.

König Ferdinand IV. von Neapel war nach Gorani ein Lüstling von grausamem Herzen, dessen Passion es war, Kaninchen, Hunde, Katzen und zuletzt Menschen zu quälen und zu töten, daneben zahlreiche Liebesverhältnisse zu unterhalten, während Acton und die Königin Karoline ohne ihn ihre nächtlichen Orgien veranstalteten.[476]

Wir sehen, dass auch hier der Marquis de Sade wiederum die Wirklichkeit ziemlich getreu abkonterfeit hat, und dass seine Werke daher einen hohen kulturhistorischen Wert besitzen, den wir in diesem ersten Abschnitt zur Genüge nachgewiesen zu haben glauben.

II.
Das Leben des Marquis de Sade.

Die Vorfahren.