3. Analyse der „Justine“.

Es sind die „Malheurs de la vertu“, die in der „Justine“ geschildert werden. Die Tugend, verkörpert durch die Titelheldin Justine, gerät immer ins Unglück und wird vom Laster und vom Bösen erwürgt. Das ist die Fabel des Romans. —

Justine und Juliette sind die Töchter eines sehr reichen Pariser Bankiers, die bis zum 14. und 15. Lebensjahre in einem berühmten Kloster von Paris erzogen werden. Durch den plötzlichen Bankerott des Vaters, dem sein Tod und der der Mutter nach kurzer Zeit folgt, werden sie genötigt, das Kloster zu verlassen und, da sie mittellos sind, sich selbst den Lebensunterhalt zu verschaffen.

Juliette, die Aeltere, „lebhaft, leichtsinnig, boshaft, mutwillig und sehr hübsch“, freut sich der goldenen Freiheit. Justine, die Jüngere, 14 Jahre alt, naiver und interessanter als ihre Schwester, eine zärtliche, zur Melancholie und Phantasterei geneigte Natur, empfindet weit mehr ihr beklagenswertes Geschick. Juliette sucht sie zu trösten durch den Hinweis auf die Freuden sexueller Erregungen und zeigt ihr, wie sie durch ihre körperliche Schönheit reich und glücklich werden könne. Ihre Vorschläge werden aber von der tugendhaften Justine mit Entrüstung zurückgewiesen, worauf sich Beide von einander trennen, um sich später unter eigentümlichen Umständen wieder zu treffen.

Zunächst wird also das Schicksal der tugendhaften Justine erzählt. Diese wendet sich in ihrer Verlassenheit an die früheren Bekannten ihrer Eltern, wird aber schnöde abgewiesen. Ein Pfarrer versucht sogar, sie zu verführen. Schliesslich kommt sie zu einem Grosskaufmann Dubourg, dessen grösster geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder zum Weinen zu bringen, und der natürlich infolgedessen über die weinend ihre Klagen vorbringende Justine sehr entzückt ist. Als sie aber im Laufe des Gespräches seinen sexuellen Gelüsten einen heftigen Widerstand entgegensetzt, wird sie von ihm hinausgeworfen. Inzwischen hat eine gewisse Madame Desroches, bei der Justine abgestiegen ist, in deren Abwesenheit ihre Kommode geöffnet und Justines geringe Habseligkeiten gestohlen, sodass das arme Mädchen ganz in die Hände dieser Megäre geliefert ist. Letztere macht Justine mit einer Demimondaine, Madame Delmonse, bekannt, welche ihr eine grosse Rede über die Vorteile und die Freuden der Prostitution hält. (Justine I, 28 ff.). „Man fordert nicht die Tugend von uns, sondern nur deren Maske“. Daher „bin ich (Delmonse) eine Hure wie Messalina; man hält mich aber für so keusch wie Lucretia. Ich bin Atheistin wie Vanini; man hält mich für so fromm wie die heilige Therese. Ich bin falsch wie Tiberius; man hält mich für so freimütig wie Sokrates. Man glaubt, ich sei nüchtern wie Diogenes; aber Apicius war weniger unmässig als ich es bin. Ich bete alle diese Laster an und verabscheue alle Tugenden. Aber wenn Du meinen Gatten, meine Familie fragtest, würden sie sagen: Delmonse ist ein Engel!“

Justine wird nun von beiden Frauen zusammen zu verführen gesucht und schliesslich dem alten Dubourg wieder zugeführt, dem sie aber wiederum Widerstand leistet. Man lockt sie dann in das Haus der Delmonse, wo Dubourg später zum dritten Male sein Heil versuchen soll und wo Justine zunächst die tribadischen Attacken der geilen Delmonse abzuwehren hat. Endlich kommt der alte, impotente Dubourg an, wird zunächst von der Delmonse, die ihm die Testes mit einer scharfen Flüssigkeit einreibt und ihn eine wunderbare Bouillon trinken lässt, gehörig präpariert. Im kritischen Moment entwischt Justine zum dritten Male, indem sie unter das Bett kriecht. Der arme Dubourg ist wiederum betrogen, und man schwört dem widerspenstigen Mädchen schlimme Rache. Delmonse beschuldigt Justine, ihr eine goldene Uhr gestohlen zu haben, und so wird die Unglückliche ins Gefängnis geschickt.

Hier macht sie die Bekanntschaft einer gewissen Dubois, die alle möglichen schändlichen Verbrechen begangen hat. Sie und Justine werden zum Tode verurteilt. Die Dubois legt Feuer im Gefängnisse an, bei dem 60 Personen verbrennen. Justine und Dubois entfliehen und gesellen sich zu einer Räuber- und Wildererbande im Walde von Bondy. Als Justine sich weigert, ihrer Gefährtin weiter auf der Bahn des Verbrechens zu folgen, wird sie durch Todesdrohungen dazu gezwungen und muss Zeugin und Gehilfin einer wilden Orgie der vier Männer mit der Dubois sein: Der Bruder der Dubois, Cœur-de-Fer, hält nach derselben eine grosse Lobrede auf die Paederastie, die besonders bei Beichtvätern beliebt sei. (Justine I, 88–99.) Nach verschiedenen Schandthaten dieser Bande entflieht Justine mit einem Kaufmann Saint-Florent, den sie vor der Erschiessung gerettet hat, und der sich als ihr Onkel zu erkennen giebt. Sie steigen in einem Gasthause ab. Bald zeigt sich, dass die arme Justine vom Regen in die Traufe gekommen ist. Dieser Saint-Florent enthüllt sich als ein bösartiger Lüstling. Schon im Hotel schleicht er herbei, um Justine bei der Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses zu beobachten. Bei anbrechender Nacht verlassen sie das Städtchen und kommen in einen Wald. Hier versetzt Saint-Florent ihr plötzlich einen Schlag mit dem Stocke, so dass sie ohnmächtig hinfällt, befriedigt seine Lüste an ihr und lässt sie in einem traurigen Zustande und bewusstlos liegen. Beim Erwachen kann nur das Gebet die unglückliche Justine trösten. Sie hat sich bei Tagesanbruch versteckt, da sie das Wiederkommen des elenden Saint-Florent fürchtet, und wird so unfreiwillige Zeugin einer paederastischen Szene zwischen einem jungen Edelmann, Herrn de Bressac, und dessen 20 Jahre älteren Lakaien Jasmin. Justine wird von ihnen entdeckt, an einen Baum gebunden, aber wieder befreit und der Mutter des Herrn de Bressac als Kammerzofe zugeführt. Madame de Bressac ist eine Frau von strengster Tugend, die ihren Sohn sehr karg hält. Daher herrscht zwischen diesen Beiden ein sehr schlechtes Einvernehmen. Frau von Bressac sucht Justine in Paris zu rehabilitieren. Die Delmonse ist aber nach Amerika ausgewandert, so dass die Sache nicht aufgeklärt wird. Merkwürdiger Weise wird Justine von einer heftigen Leidenschaft für den vollkommen degenerierten und im höchsten Grade misogynen Bressac ergriffen. Dieser benutzt die Annäherung Justinens nur dazu, um sie mit seinen lasterhaften Grundsätzen bekannt zu machen und ihren Charakter zu verderben. Auch veranstaltet er in ihrer Gegenwart eine sexuelle Orgie, bei der er die eigene Mutter vergewaltigt. Er kündigt darauf Justine an, dass er seine Mutter beseitigen wolle, die ihm schon längst im Wege sei. Das Entsetzliche geschieht dann auch inmitten wildester Ausschweifungen. Justine, die sich geweigert hat, an dem Morde teilzunehmen, soll ebenfalls getötet werden, entflieht aber nach dem Städtchen Saint-Marcel in ein Haus, das eine von einem gewissen Rodin geleitete Schule sein soll. Dieser empfängt die nunmehr 17jährige Justine sehr freundlich und macht sie mit seiner Tochter Rosalie bekannt. Rodin ist 36 Jahre alt, von Beruf ein Chirurg und wohnt mit seiner 30jährigen Schwester Coelestine zusammen. Letztere ist eine Tribade, und ein ebensolches erotisches Scheusal wie ihr Bruder. Ausserdem befindet sich noch die 19jährige Gouvernante Martha im Hause. Rodin hat eine Pension und Schule für beide Geschlechter, 100 Knaben und 100 Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren. Hässliche Kinder werden nicht aufgenommen. Rodin unterrichtet die Knaben, Coelestine die Mädchen. Kein fremder Lehrer wird zugelassen, damit die Geheimnisse des Hauses gewahrt werden können. Gleich in den ersten Tagen beobachtet Justine mit Rosalie das geheime Treiben der Geschwister. Rodin scheint Saint-Florent’s Neigungen zu teilen, er beobachtet von einem Nebengelass aus Justine, die sich in einem cabinet d’aisance aufhält, et defaecatione filiae delectatur. Da im weiteren Verlaufe ihres Aufenthaltes in diesem Hause der Wollust Justine den Anerbietungen der Geschwister hartnäckig widersteht und schliesslich mit Rosalie zu entfliehen sucht, beschliesst Rodin, Beide mit Hilfe eines Kollegen Rombeau zu ermorden, nachdem man sie vorher zu physiologischen Experimenten benutzt habe. Zuerst wird an Rosalie unter schrecklichen Orgien die — Sectio caesarea ausgeführt. Justine aber kommt glücklich mit einer Brandmarkung davon und wird fortgejagt.

Auf der Flucht gelangt sie in die Nähe von Sens. Als sie in der Abenddämmerung am Ufer eines Teiches sitzt, hört und sieht sie, wie ein kleines Kind ins Wasser geworfen wird. Sie rettet dasselbe, wird aber von dem Mörder, einem Herrn von Bandole, dabei überrascht. Er giebt das Kind sofort wieder demselben Schicksal preis und führt Justine mit sich auf sein Schloss. Dieses Ungeheuer lebt einsam in seinem entlegenen Schlosse. Er hat die Manie, jedes Weib nur einmal zu missbrauchen und sie dabei sofort zu schwängern. Die Kinder werden bis zum Alter von 18 Monaten von ihm erzogen und dann in den Teich geworfen. Augenblicklich hat er 30 Mädchen in seinem Schlosse. Er ist Antialkoholist und Vegetarier und hält auch die Mädchen zu einer knappen Kost an, damit sie Kinder bekommen. Auch bindet er sie ante coitum auf eine Maschine, und lässt sie nachher 9 Tage im Bette liegen, Kopf niedrig und Füsse hoch. Das sind seine conceptionsbefördernden Mittel. Er wohnt dann dem Gebärakt bei, was ihm stets besonderen Genuss bereitet, und führt selbst allerlei Operationen dabei aus, u. a. die Sectio caesarea. Justine wird, gerade als an ihr die Reihe ist, von Cœur-de-Fer befreit, den sie ins Schloss einlässt, und der ihr die Freiheit giebt.

Sie gerät nun in eine Benediktiner-Abtei, Sainte-Marie-des-Bois, dessen Prior Severino, ein Verwandter des Papstes, sich als gefährlicher Wüstling und Paederast entpuppt, der mit den nicht weniger ausschweifenden Mönchen in unterirdischen Sälen teuflische Orgien feiert. Zwei „Serails“ von Knaben und Mädchen sind im Kloster, die von einer Messalina namens Victorine beaufsichtigt werden. Bei den nun geschilderten Ausschweifungen sind die verschiedensten sexualpathologischen Typen vertreten. Einer sucht seine Befriedigung darin, Frauen zu ohrfeigen, ein Anderer liebt besonders Menstruirende, ein dritter den Geruch der Achseln. Der Mönch Jérôme sagt: „Ich möchte sie (die Frauen) verschlingen, ich möchte sie lebend essen, ich habe lange keine Frau gegessen und ihr Blut geschlürft.“ Justine, die mit einem jungen Mädchen Omphale Freundschaft geschlossen hat, wird von dieser mit den geradezu raffinierten Einrichtungen dieses klösterlichen Bordelles, mit den darin geltenden Vorschriften und den Strafen gegen das Uebertreten derselben bekannt gemacht. Die Mönche vollziehen die Todesstrafe in Form des Röstens, Kochens, Räderns, Vierteilens, Zerstückelns und Totpeitschens. Zwischen den zahlreichen Orgien werden grosse Reden zur Rechtfertigung derselben gehalten, so von Clément. Der scheussliche Jérôme erzählt seine lange wollustreiche und bluttriefende Lebensgeschichte. Im Beginn seiner Thätigkeit hat es ihm nach der Verführung seiner eigenen Schwester besonderes Vergnügen bereitet, Schwestern durch ihre Brüder verführen zu lassen. Er ist auch im Jahre 1760 in Deutschland gewesen und hat in Paderborn und Berlin seine Schandthaten verübt[576]. Dann geht er nach Sizilien, wo die Giftmischerei in höchster Blüte steht und die Geistlichen das verderbteste Leben führen. Er wird mit dem Chemiker Almani bekannt, der ein grosser Liebhaber von Ziegen ist, und bei dem der Ausbruch des Aetna einen sexuellen Orgasmus auslöst. Mit Hülfe einer gewissen Clementia verübt Jérôme dann die Greuelthaten eines Gilles de Retz. Von Sizilien geht Jérôme nach Tunis und kehrt darauf nach Frankreich zurück, wo er, bevor er ins Kloster kommt, in Marseille Gelegenheit hat, die dortige Corruption zu studieren.

Diese Erzählung begeistert die Mönche zur Hinrichtung einiger Mädchen. Auch Justine soll, als ihr einziger Beschützer Severino, der zum Ordensgeneral der Benediktiner ernannt wird, das Kloster verlässt, an die Reihe kommen. Doch gelingt ihr die Flucht. Sie trifft unterwegs Dorothée d’Esterval, eine abgefeimte Heuchlerin, die Gattin des Besitzers einer einsam gelegenen Herberge, der alle seine Gäste ausplündert und bestialisch ermordet. Dorothée lebt, wie sie sagt, mit ihrem Manne in sehr schlechtem Einvernehmen und bittet Justine, mit ihr zu gehen. Justine ist aber wieder einmal in eine Falle gegangen. Dieser d’Esterval, der stets seinen Opfern das an ihnen zu begehende Verbrechen vorher verkündet, braucht nämlich jedes Mal nach vollbrachter That eine Frau, die ihm die eigene Gattin besorgen muss, die übrigens ebenso verderbt ist, wie ihr Mann. Justine soll ihren und seinen Lüsten dienen und ausserdem die Reisenden anlocken und umgarnen. Mehrere solche Greuelszenen werden geschildert. Eines Tages kommt ein alter Bekannter Justinens, Herr de Bressac, der ein Verwandter d’Estervals ist. Sie begeben sich alle vier zu dem Grafen Gernande, ebenfalls einem Verwandten. Dieser ist ein Vielfrass und Säufer und befriedigt seine Blutgier durch Aderlässe und Incisionen an seinen Frauen, deren er bereits die sechste besitzt. Solche Szenen werden in schauerlichster Weise vorgeführt, während Dorothée später die Madame Gernande zu tribadischen Manövern verführt. Dann repräsentiert sich in der Familie Verneuil, ein neuer Zweig der würdigen Verwandtschaft. Herr de Verneuil kommt mit seiner Frau, seinem Sohne Viktor, seiner Tochter Cécile und Gefolge an. Der alte Verneuil betreibt auch eine besondere Spezialität des sexuellen Genusses. Er bezahlt reiche Frauen und bestiehlt arme! Er veranstaltet alsbald eine Orgie auf einer „Ottomane sacrée“, über der ein Bild Gottes hängt, das Veranlassung zu schrecklichen Gotteslästerungen giebt. Nach mehreren ähnlichen Szenen, wobei Justine einmal in einen tiefen Brunnen fällt, aber wieder herausgezogen wird, und Bressac grosse Reden gegen die Unsterblichkeit der Seele hält, werden die Tochter und die Frau Verneuils getötet. Justine entflieht nach Lyon, trifft dort Saint-Florent wieder, dessen Spezialität die Verführung von Jungfrauen bildet, die er sofort durch einen Mädchenhändler verkaufen lässt. Justine soll Gehilfin bei seinen Schandthaten werden, weigert sich aber und wird von ihm eingesperrt und muss den von Saint-Florent ausgespuckten Speichel auflecken. Nach der unerlässlichen Orgie wird Justine freigelassen und begegnet ausserhalb Lyons einer Bettlerin, die um Geld bittet und dann Justine die Börse raubt. Beim Verfolgen gerät Justine in die Höhle einer Bettlerbande, bei deren geschlechtlichen Ausschweifungen der Paederast und Jesuit Gareau und die Tribade Séraphine, deren Geschichte ganz weitläufig erzählt wird, als Hauptpersonen thätig sind. Justine entkommt auch aus dieser Verbrecherhöhle, findet einen von zwei Cavalieren halbtot geschlagenen Mann namens Roland, dem sie ihre Hilfe angedeihen lässt. Dieser Roland ist das Haupt einer Falschmünzerbande und haust auf einem hoch oben im Gebirge gelegenen Schlosse. Er ist natürlich ebenfalls ein gefährlicher Wüstling, wie die arme Justine, die er mit auf sein Schloss gelockt hat, bald erfährt. In einem unterirdischen Gewölbe seines Schlosses, wo zahlreiche Skelette, Waffen aller Art, kirchliche Geräte, Krucifixe, Kerzen u. s. w. sich befinden, betreibt dieses Scheusal als sexuellen Sport das „jeu de coupe-corde“, das Erhängen seiner weiblichen Opfer, da dies ein unsäglich wollüstiger Tod sei, wie Roland an sich selbst öfters erprobt hat und Justinen demonstriert, die ihn aber zur rechten Zeit wieder abschneiden muss. Schliesslich wird Justine von Roland in einen mit Toten gefüllten Abgrund hinabgestossen, aus dem sie am folgenden Tage, da er das Schloss verlässt, von seinem menschlicheren Nachfolger Deville gerettet wird. Eines Tages wird die ganze Falschmünzerbande verhaftet, nach Grenoble gebracht und zum Galgen verurteilt. Justine wird aber durch die aufopfernde Thätigkeit eines Herrn S... (Sade?), Advokaten am Gerichtshofe in Grenoble, befreit, der auch eine Sammlung für sie veranstaltet.

In einem Gasthofe zu Grenoble trifft Justine die inzwischen zur Baronin avancierte Dubois wieder, ihre einstige Gefährtin im Gefängnis zu Paris, die sich bei ihr mit einer „Dissertation philosophique“ einführt und sie zur Beraubung eines jungen Kaufmanns zu verleiten sucht. Justine verrät diesem die Pläne der Dubois, aber zu spät. Denn er ist bereits von der den Verrat ahnenden Dubois vergiftet worden. Justine wird auf der Landstrasse von drei Männern überfallen, die sie in ein Landhaus des Erzbischofs von Grenoble führen, in dem die rachedurstige Dubois als Aufseherin fungiert. Dieser Erzbischof ist natürlich auch ein Ausbund von Lasterhaftigkeit und Grausamkeit; ein „Faun aus der Fabel“, ein Monomane des Köpfens. Er hat sich einen eigenen „Hinrichtungssaal“ eingerichtet[577], in dem vor den Augen der schaudernden Justine ein Mädchen Eulalie archiepiscopo eam paedicante geköpft wird. Justine entflieht, wird aber von der Dubois wieder eingefangen, als Brandstifterin und Mörderin denunziert, und ins Lyoner Gefängnis eingeliefert, von wo sie nächtlicher Weile durch den wieder einmal auftauchenden Saint-Florent einem der Richter, Cardoville, zugeführt wird. In dessen Schlosse feiert eine Gesellschaft von Anthropophagen ihre Orgien, unter Assistenz von 12 Negern. Justine wird eine Zeit lang aufs Rad geflochten. Sodann machen zwei Mädchen an ihr die Operation der Infibulation. Dann muss sie Spiessruten laufen. Danach legen sich sämtliche Teilnehmer auf ein mit eisernen Stacheln besetztes Kreuz, das die Wollust unermesslich reizt und zu wilden Ausbrüchen derselben Veranlassung giebt. Danach wird Justine ins Gefängnis zurückgeführt und vom Gericht unter dem Präsidium des Wüstlings Cardoville zum Feuertode verurteilt. Doch lässt sie der Gefängniswärter, für den sie aber vorher einen Diebstahl begehen muss, entschlüpfen.

Auf ihrer Wanderung bemerkt sie gegen Abend eine elegante Dame mit vier Herren. Es ist ihre Schwester Juliette. Bei der Erkennungsszene ruft Juliette aus: „O Kleinmütige, höre auf, Dich zu wundern. Ich hatte Dir alles das vorausgesagt. Ich habe den Weg des Lasters eingeschlagen und auf ihm nur Rosen gefunden. Du warst weniger Philosophin, und Deine verwünschten Vorurteile liessen Dich Chimären träumen. Du siehst, wohin sie Dich gebracht haben.“ Justine wird mit Kleidern und Nahrung versehen, und einer der Cavaliere sagt, auf sie deutend: „Oui, voilà bien ici les Malheurs de la Vertu!“ Und auf Juliette zeigend: „Et là, là, mes amis, les Prospérités du Vice!“

Am anderen Tage kündigt Juliette an, dass sie ihrer Schwester ihre eigene Geschichte erzählen will. „Sie, Noirceuil und Chabert, die Sie alles wissen, brauchen nicht zuzuhören. Gehen Sie einige Tage aufs Land. Aber Sie, Marquis, und Sie, Chevalier, Sie müssen zuhören; um sich von der Wahrheit der Worte Chaberts und Noirceuils’s zu überzeugen, dass es keine extravagantere Frau giebt als mich.“ Man geht in einen Salon des Schlosses, setzt sich auf Canapés. Justine nimmt auf einem Stuhle Platz, und Juliette fängt an zu erzählen.