5. Die Pariser Polizeiberichte über die Unsittlichkeit der Geistlichen.

Pierre Manuel hat uns in seinem berühmten Werke „La Police de Paris dévoilée“ (Paris 1794) ein Werk hinterlassen, welches ein photographisch getreues Bild der sittlichen Zustände in der Stadt Paris vor dem Ausbruche der grossen Revolution genannt werden darf. Adolf Schmidt, einer der besten Kenner der französischen Geschichte im 18. Jahrhundert, welcher selbst in seinen „Tableaux de la Révolution Française“ ähnliche Berichte wie Manuel zusammengestellt hat, bezeichnet das Buch von Manuel als eine der zuverlässigsten Quellenschriften des 18. Jahrhunderts.[71]

Manuel hat in seinem berühmten Werke ein eignes Kapitel „De la police sur les prêtres.“[72] Er ergeht sich zunächst in bitteren satirischen Worten über die Keuschheitsgelübde der Priester und sagt (S. 294): „Ich will die wollüstigen Handlungen dieser Himmelsmissionare enthüllen, welche selbst die Leidenschaften der edlen und zartfühlenden Menschen in die Hölle verweisen. Diese Schuldigen zu nennen, heisst nicht sie entehren. Denn der keusche Mensch ist derjenige, welcher bei seiner Frau schläft.“ Kann die Unsittlichkeit des Zölibats besser und würdiger charakterisiert werden, als Manuel es mit diesen Worten getan hat?

Die nun folgenden Berichte beruhen auf den Protokollen des Polizeiinspektors, auf den Berichten der Kommissare, auf den Geständnissen der Schuldigen und auf den Mitteilungen ihrer Vorgesetzten. Wir geben die hervorstechendsten Berichte wörtlich wieder.

Franziskaner (S. 295–297): 12. Februar 1760. Der Bruder François Lortal, Profess des Hauses von Toulouse, im Hause der Laurent, rue de Chantre, bei der Zéphire. Er hat die Maxime des Virgil ins Praktische umgesetzt: nudus ara? sere nudus! Kommissar Thierion, Inspektor Marais.

2. Juli 1766. George le Payen, Pfarrverweser in Cerny, bei der Flora, sponsus super sponsam. Kommissar Grimperil, Inspektor Marais.

Bernhardiner (S. 297): 30. März 1764 J. Ignace-Xavier Dreux, Lizentiat, Professor der Theologie, bei der Agathe, oculoque manuque. Kommissar Mutel u. s. w.

Karmeliter (S. 298): 8. Februar 1763. Jacques Brebi, vom Maubert-Platze. Er war unter dem Namen Jacques Mazure bei der Garde „qu’il prenait pour un autel à la romaine.“ Bericht des Priora Amable Martin, Kommissar Duruiman u. s. w.

Dominikaner (S. 299): 4. November 1763. Pierre Simon, 46 Jahre im Beruf. Er hat mit zitternder Hand sein Vergnügen beschrieben. Kommissar Mutel u. s. w.

Kapuziner (S. 300): 14. Dezember 1762. Laurent Dilly, Bettelmönch aus der Rue St. Honoré, bei der Boyerie, wo er sang: tirez-moi par mon cordon! Bericht des Gardians, Pater Grégoire, Kommissar Sirebaud.

9. November 1765. J. Joseph Biache, genannt Bruder Constant, und Joseph Etienne, genannt Bruder Constantini, aus dem Kloster Crépy, alle beide im Gasthause „Cerf montant“, wo sie ein Bett zu Dreien verlangten, da sie nur die Marin bei sich hatten. Kommissar Mutel u. s. w.

Rekollekten (Franziskaner strengster Observanz) S. 301: 30. Juni 1763. Noel-Clément Berthe, genannt Bruder Paul, bei der Leblanc, welche ihn geisselte. Kommissar Mutel u. s. w.

1. März 1765 Gabriel Anheiser, genannt Pater Gabriel, im Hemde unter dem Bette der Agnes Viard. Er lebte mit dieser früheren Marketenderin seit 7 oder 8 Jahren zusammen. Kommissar Fontaine u. s. w.

19. Februar 1767. Der Pater Constance zwischen Victoire und Emilie, sich selbst dem Esel Buridans vergleichend. Kommissar de Ruisseau u. s. w.

Minimen (Pauliner) S. 302: 17. Januar 1760. André Carron, indem er auf die Wand im Zimmer der Zaire schrieb: ego ad flagella paratus sum. Kommissar Sirebeau u. s. w.

Feuillantiner: 30. Dezember 1762. Dom Claude Jousse, 63 Jahre alt, bei Marie la Neuve, ubi non horruit virginis uterum. Bericht des Subpriors Jean Baptiste de St. Marie-Maddelaine. Kommisar de Ruisseau.

Augustiner (S. 303): 5. November 1763. Bernard-Nicolas, vom Hause Palais-Royal, in der Avenue von Vincennes mit drei Franziskanern und der Rosalie, qui leur faisait la chouette. Kommissar Mutel u. s. w.

26. Oktober 1765. „Ich, der Unterzeichnete Honoré Regnard, 53 Jahre alt, Kanonikus des heiligen Augustinerordens, Prokurator des Hauses St.-Cathérine, bestätige, dass der Inspektor Marais mich bei der St.-Louis, rue du Figuier, gefunden hat, zu welcher ich gestern aus eigenem Antriebe gegangen bin, um mich mit der Félix zu vergnügen. Ich liess diese sich ausziehen und berührte sie mit der unter dem Mantel verborgenen Hand. Und heute spielte ich mit der Félix und ihrer Freundin Julie, die mir meine geistlichen Gewänder auszogen und mich als Frau kleideten und schminkten. Der Inspektor hat mich in diesem Zustande überrascht. Ich erkläre, dass ich seit mehreren Jahren diese Phantasie habe, welche ich aber bis heute nicht befriedigen konnte. Als Beweis der Glaubwürdigkeit unterzeichne ich die vorliegende Erklärung, welche die genaue Wahrheit enthält, mit meinem Namen Honoré Regnard.“ Kommissar Mutel, Inspektor Marais.

18. Juli 1768 Simon Boucel, bei den Prévilles, Louise und Sophie.

Praemonstratenser (S. 306): 17. März 1760. François de Maugre, von der rue Haute-Feuille, zwischen Desirée und Zaire, alle drei glücklich. Kommissar Sirebeau u. s. w.

Büsser von Nazareth (S. 307): 2. Mai 1766. Bruder Nicephorus, bei der Laville, welche ihm zeigt albentes coxas, inguina, crura, nates. Kommissar Mutel u. s. w.

Theatiner (S. 307): 28. Februar 1765. Laurent Durand, bei der Dumoulin, nach der Vorschrift handelnd:

Entre la chair et la chemise

Il faut cacher le bien qu’en fait.

Kommissar Sirebeau u. s. w.

Coelestiner (S. 308): 3. Dezember 1760. J. D. Tordoir, Subprior von Nantes, bei der Mausy, in der Haltung des Propheten, welcher den Sohn der Sunamitin auferweckt.

Barmherzige Brüder (S. 308): 19. Oktober 1762. Jacques François Boulard, ehemaliger Aufseher der Novizen und Prior, bei der Lagarde, vor Victoire und Julie, quaerens quam devoret. Kommissar de Ruisseau u. s. w.

Oratorianer (S. 309): 14. November 1761. Etienne Leroi mit der Chantrelle, welche... Die Grazien hatten dem Amor die Flügel abgeschnitten. Venus nimmt ihn an ihren Busen, und sie wachsen wieder. Kommissar Mutel u. s. w.

Stiftsherren von St.-Geneviève (S. 311): 9. Mai 1761. Jean Pierre Bedosse bei der Zéphire, per ipsam, cum ipsa et in ipsa. Kommissar Sirebeau u, s. w.

2. August 1752. Der Pater Bernard, berühmter Prediger. Er nahm sich zwei oder drei Dirnen bei der Lasolle. Das kostete ihn das Vermögen einer Herzogin. Er gab 6½ Louisdors. Und der Chirurg Pouce verlangt von ihm in der Folge 40 Taler, und drei Livres für den Besuch.[73]

Eremiten (S. 311): 5. August 1773. Bruder Camille, aus dem Kloster Hayet, bei Therese, wo er sich als „Portier des Chartreux“ bezeichnet. Kommissar Mutel u. s. w.[74]

Christliche Schulen (Ecoles Chrétiennes): 14. September 1763. Bruder Firmin bei der Royer, die ihn mit jenen schlechten Lesern verglich, welche ein Buch zu lesen anfangen, ohne die Lektüre zu vollenden, Kommissar Mutel u. s. w.

Stiftsherren von St.-Antoine (S. 312): 27. September 1765. François Canova, bei der Lamourette Kommissar Mutel, Inspector Marais, welche eintraten cum pariter victi, femina virque jacent.

Jesuiten (S. 313): 5. November 1764. François Terrasse-Desbillon, 52 Jahre alt, bei der Mouton, wo er sich wie ein anderer vergnügte. Kommissar Mutel u s. w.[75]

Dekane, Würdenträger und Domherren (S. 313–315): 3. April 1764. Blaise Messier, Domherr von Beauvais, bei der Blampié. Er schien gleicher Ansicht mit Rubens zu sein, welcher nur Schönheiten von 200 Pfund Gewicht liebte. Kommissar Rochebrune u. s. w.

14. August 1761. Marx-Antoine Montal, von der heiligen Kapelle, bei der Provençale, anhelantem alte stratis in lectis. Kommissar de Ruisseau u. s. w.

8. Juli 1760. Marie Mocet, Erzpriester von Tours, 60 Jahre alt. Nudus una manu ad mammam, altera pudendis adhibita, inguniculabat.

3. August 1760. Jean B. Thévenet, Domherr von Poitiers, bei der Adelaide, welche, wenn sie es gekonnt hätte, gern ihre Aktäons, den Kommissar Sirebeau und den Inspektor Marais, in Hunde verwandelt hätte.

Pfarrer (Curés) S. 316: 20. Juni 1765. Jean Pierre Pelletier bei der Lambert, per cuncta cava corporis libidinem recipientem. Kommissar Mutel u. s. w.

22. August 1760. Pierre Louis Thorin. Zaire in dextrum semisupina latus. Kommissar Sirebeau u. s. w.

Abbés (Clercstonsurés) S. 317: 27. Oktober 1763. Charles Marie Thibault de Monsauche wird nach Saint-Lazare geführt, weil er zum dritten Male bei der Aurora gefunden wurde. Man fand bei ihnen einen Brief in Versen, in denen der Abbé Tethon das besang, was Hebe den Göttern zeigte, und was die Könige sehen wollen, wenn sie, um Vergnügen zu haben, bis in den fünften Stock steigen, was endlich, nach ihm, einen Schemel bei Hofe haben sollte.

Doktoren der Sorbonne (S. 318): 8. Mai 1765. J. Baptiste R..... qui truncus iners jacuerat et inutile lignum bei der Guerin.

23. Mai 1763. Fél. Auguste Tomolle quidquid liberet prolicito indicans bei der Desnoyers. Das war seine dritte These.

Erzieher (S. 319): 24. Februar 1761. P....; Hauslehrer der Kinder des Marquis de P. bei der Perle. Ille vero statim solvit zonam et leges inierunt benevolae Veneris. Kommissar Sirebeau u. s. w.

Auswärtige Priester (S. 319–320): 28. Oktober 1762. François Detraussin de Jausse, aus Florenz, Professor der Beredtsamkeit. Sophie kämpfte nicht ganz nach der Weise der Parther, indem sie beständig den Rücken wandte. Kommissar Fontaine u. s. w. —

Das wäre einiges aus der langen Liste. Ein Kommentar ist überflüssig. Facta loquuntur. Schon diese Tatsachen, diese authentischen Dokumente geben eine genügende Erklärung und — Rechtfertigung für den Löwenanteil, der dem Klerus an den Orgien in Sades Romanen zukommt, und für den Hass, mit dem die Geistlichkeit nicht blos von Sade bedacht wird. Denn Unsittlichkeit an sich ist schlimm, Unsittlichkeit aber, begangen von Predigern der Sittlichkeit, ist das Verabscheuungwürdigste in dieser frommen Welt, welcher mehr Intelligenz gut täte als Frömmigkeit.

Manuel bemerkt am Schlusse dieser Aufzählung, dass kein Bischof in derselben genannt sei. Das erklärt er daraus, dass man nicht einmal von einer Krankheit des Bischofs reden dürfe, um wie viel weniger von seinen geschlechtlichen Ausschweifungen. Er deutet aber doch diejenigen des Erzbischofs von Cambrai an, in dem wir vielleicht ein Vorbild für den Erzbischof von Lyon bei Sade zu suchen haben.[76]

Ausser diesen Berichten Manuels existiert noch ein sehr grosses Werk über die Unsittlichkeit des französischen Klerus im 18. Jahrhundert. Nach der Erstürmung der Bastille im Jahre 1789 erschienen die in der Bastille gefundenen Prozessakten über die Sittlichkeitsvergehen der Geistlichkeit in zwei Bänden.[77] Ludwig XV. liess sich jeden Morgen über die Auffindung von Geistlichen in Bordellen berichten. Ebenso der Erzbischof von Paris. Diese Bulletins nannte man die „Nuits de Paris“. Die beiden Bände umfassen 189 Berichte vom 10. April 1755 bis zum 7. Juni 1766, sie sollten wahrscheinlich eher „raviver la lubricité caduque du monarque“ als den Interessen der Moral und der Würde des Königs dienen.

In dieselbe Kategorie gehört die Affäre des Pfarrers von Bagnolet und der Mademoiselle Mimie. In der Autographensammlung von Lucas-Montigny befindet sich der folgende Brief des Erzbischofs von Paris, M. de Inigué an den Polizeiintendanten Le Noir[78]:

Le clerc de Inigué.
Conflans, den 30. Juli 1786.
Mein Herr!

Man hat mir mitgeteilt, dass der Herr Pfarrer von Bagnolet bei Paris oft eine Dirne Mimie besucht, welche in der rue Pierre-Poissons wohnt. Wenn es Ihnen möglich wäre, diese Tatsache zu verifizieren, die zu erfahren ich sehr begierig bin, so würden Sie mich zu grösstem Danke verpflichten.

Ich verbleibe mit respektvoller Anhänglichkeit Ihr gehorsamer und ergebener Diener.

Antoine E. L., Erzbischof von Paris.

Der sehr bezeichnende Brief enthält folgende Randbemerkung des Empfängers: „An den Herrn Quidor, um sofort und im Geheimen die Tatsache zu verifizieren und mir Material zu einer Antwort zu liefern.“

Weitere interessante Einzelheiten über das Treiben der Pariser Geistlichkeit finden sich in den „Confessions d’une jeune fille.“[79] Wir werden in das Bordell der Madame Richard geführt. Sapho (so heisst das junge Mädchen) beobachtet durch ein Guckloch das Tête-à-Tête der Richard mit einem Geistlichen. Diese nimmt aus einer Schublade einen doppelten Rosshaarpanzer (double cuirasse de crins), der innen mit einer unzähligen Menge von oben abgerundeten Eisenspitzen besetzt ist, legt ihn um Brust und Rücken des Geistlichen, bindet ihn an beiden Seiten mit Stricken fest und befestigt dann um den Unterleib eine Eisenkette, welche sie unter den Testikeln hindurchführt, so dass diese durch eine Art von Suspensorium unterstützt werden, das sich in der Mitte dieser Kette befindet. Auch dieses Suspensorium ist mit Haaren besetzt, aber weit geflochten, de manière à ne point empêcher les attouchements de la main sur ces sources de plaisir. Um die Handgelenke wurden ähnliche „Armbänder“ gelegt. Hierauf erfolgt Erektion. Nunmehr schreitet die Richard zur Flagellation aliaque incitamenta amoris.

Weiter erzählt Sapho, wie sie die Geliebte eines Bischofs wird, dessen Vikare ihm in der Lebensweise sekundierten, und entwirft eine lebhafte Schilderung des unsittlichen Treibens der Geistlichkeit in dieser Diözese. Sie erlebt ein Abenteuer mit vier Pfarrern (S. 318 ff.) Einer von ihnen ist ein Paederast dessen Devise ist tout est c.. dans une femme.[80]

Auch durch Gedichte und Bilder wurde die sexuelle Liederlichkeit des Klerus gegeisselt. Das kräftigste in dieser Beziehung hat wohl der Exjesuit Cerutti geleistet, wenn er sagt[81]:

Des mensonges sacrés le commerce sordide

Partout du sacerdoce a grossi le trésor.

Partout le sacerdoce a bu le sang et l’or.

Souvenez-vous des Juifs que massacra Moïse;

Contemplez les bûchers que Rome canonise;

Tout prêtre est un bourreau, patenté par la foi.

Die folgenden Verse führen ebenfalls eine nur zu deutliche Sprache[82]:

On a choisi cinq Evêques paillards,

Tous cinq ronges de vérole et de chancre,

Pour réformer des Moines trop gaillards.

Peut-on blanchir l’ébène avec de l’encre?

Dies Gedicht bezieht sich auf eine Sittlichkeits-Enquête, mit welcher man die Erzbischöfe von Rheims, Arles, Narbonne, Bourges und Toulouse betraut hatte. Diese Enquête ist gewiss auch ein Zeichen der Zeit! Wie sie aber von der Volksmeinung beurteilt wurde, zeigen jene Verse und das zeigte noch deutlicher eine allegorische, nur in wenigen Exemplaren hergestellte Zeichnung, die der Verfasser des „Espion anglais“ sah. Auf derselben sind die fünf Erzbischöfe abgebildet. Der Erzbischof von Rheims (De la Roche-Aymon) befindet sich vor einer katholischen Kirche neben einer Frau, welche ihm Gesichter schneidet und einen Hut unter ihrem Kleide verbirgt. Mit der anderen Hand überreicht sie dem Erzbischof von Arles (de Jumilhac) den Orden vom heiligen Geiste, zieht ihn (den Erzbischof) an sich, streichelt ihn und spielt mit ihm. Ein Jagdwagen zieht die grösste Aufmerksamkeit des Erzbischofs von Narbonne (Dillon) auf sich. Der Erzbischof von Toulouse (de Brienne) ist in seinem Amtszimmer und hat zwei Bände der „Encyclopédie“ vor sich aufgeschlagen, den einen mit dem Artikel „Zölibat“, den andern mit dem Artikel „Mönche“. Endlich überreicht der Erzbischof von Bourges (Phelyppeaux) einer jungen Dame einen Blumenstrauss, die ihn liebkost und deutlich alle Kennzeichen eines Freudenmädchens trägt.