Schluss.
Es ist kein Zweifel, dass den Werken des Marquis de Sade eine Bedeutung in der Geschichte der menschlichen Kultur zukommt, die ganz anderswo liegt als auf dem Gebiet der Pornographie oder der aberwitzigen antimoralischen Ideen, welche wir in diesen Schriften finden. Der Marquis de Sade ist der Erste gewesen, der bewusst alle Erscheinungen der Natur und des sozialen Geschehens unter dem Gesichtspunkte des menschlichen Geschlechtslebens betrachtet hat. Ueber den entsetzlichen Bildern entarteter Geschlechtslust, welche aus einer genauen Kenntnis sexualpathologischer Phaenomene entsprungen sind, darf jene eben angedeutete Grundtendenz der Schriftstellerei des Marquis de Sade nicht vergessen werden. Sie verdient in kulturhistorischer, nationalökonomischer, juristischer und ärztlicher Beziehung die ernsteste Beachtung des wissenschaftlichen Forschers. Es giebt auch hier nur, wie Eulenburg — der mit seiner wertvollen Abhandlung in der „Zukunft“ recht eigentlich in Deutschland die Sade-Forschung inauguriert hat — sich ausdrückt, ein Objekt und ein Problem des Erkennens. Ein geistvoller Psychiater, Dr. Paul Naecke in Hubertusburg, beginnt seine neueste Studie über die Psychopathia sexualis mit den charakteristischen Worten: „Immer klarer und klarer tritt der kolossale Einfluss der Genitalsphäre auf die Bildung des Ich-Complexes, auf den Charakter des Menschen zu Tage.“[699] Wir fügen hinzu: immer klarer wird auch die Bedeutung des sexuellen Faktors in Gesellschaft und Staat. Wir haben selten ein solches Denkerurteil gehört, wie uns gegenüber ein berühmter Anthropologe, der früher mehrere Jahre in Paris gelebt hatte, über die gegenwärtigen Verhältnisse in Frankreich fällte. Er führte zu unserem nicht geringen Erstaunen die sozialpathologischen Erscheinungen, wie sie besonders in der Dreyfus-Affäre grell zu Tage traten, auf zwei Ursachen zurück: auf die geradezu ungeheuerliche Verbreitung der sexuellen Perversionen aller Art und auf den — Absynth! Dies ist ein erleuchtendes Wort. Wenn in der französischen Zeitung „Siècle“ der ehemalige Dominikaner Hyacinthe Loyson und der Schriftsteller Yves Guyot den Gedanken entwickelten, dass der Katholicismus den, wie uns scheint, unaufhaltsamen Verfall Frankreichs herbeigeführt hätte, und Frankreich daher nach Mirabeau’s Rezept zunächst entkatholisiert werden müsse, so ist das nur eine halbe Wahrheit. Denn die Ursache des Triumphes der schwarzen Bande in Frankreich ist nach unserer Ueberzeugung vor allem die geradezu grauenhafte geschlechtliche Entartung in Frankreich, von der man in Deutschland kaum eine Ahnung hat. Dieses sexuell perverse Frankreich stürzt sich mit Wonne in die finsterste Mystik, in religiöse Ekstasen, und bedarf der jesuitischen Moral und Casuistik wie der Hungrige des Brodes. Es ist kein Zufall, dass z. B. Maurice Barrès, dieser dekadente Lüstling, das Banner des nationalistischen Clericalismus schwingt. Nur vom Standpunkte einer sexualpathologischen Erklärung kann man gewisse direkt an sadistische Vorkommnisse erinnernde Aeusserungen und Ausschreitungen des französischen Volksgeistes verstehen, wie z. B. die planmässig durchgeführte Attacke gegen den unglücklichen Dreyfus. Mercier bekommt vom General Boisdeffre den Auftrag, ein belastendes Document gegen Dreyfus herzustellen. Er lässt dasselbe durch den berüchtigten Esterhazy schreiben und dann in den Papierkorb der deutschen Botschaft werfen. Nun folgt die Verhaftung, Degradation und Deportation eines Unschuldigen, von dessen Unschuld der ganze Generalstab, und nicht weniger die Herren Drumont und Rochefort genaue Kenntnis hatten. Aber das Opfer auf der Teufelsinsel muss noch weiter gemartert werden. Man entzog ihm die Nahrung oder reichte ihm ungeniessbare, widerliche Speisen, man belog ihn und spiegelte ihm die Untreue seiner Frau vor; schrieb er in der entsetzlichen Einsamkeit ein Wort auf Papier, so wurde ihm dieses entrissen; schliesslich legte man ihn in Ketten, die ins Fleisch schnitten. Max Nordau hat mit Lebhaftigkeit geschildert, wie sich an diesen Grausamkeiten gegen einen Unschuldigen die ganze Lügner- und Fälscherbande in echt sadistischer Weise geradezu berauschte.[700] Er hat auch darauf aufmerksam gemacht, dass der grösste Teil der tonangebenden Antidreyfusards aus Lebemännern und Wüstlingen bestand. Aehnlich wie bei der Dreyfus-Affäre zeigten sich auch in der Affäre Voulet-Chanoine sadistische Anwandlungen im französischen Volke. Diese beiden Helden hatten ihren Vorgesetzten, den Obersten Klobb, mitten in Afrika einfach erschiessen lassen. Auch sie fanden — so unglaublich es klingt — in der nationalistisch-antisemitischen Presse leidenschaftliche Verteidiger, die von Heldenmut, von der Besonderheit afrikanischer Verhältnisse u. s. w. faselten.[701] — In allen diesen Dingen macht sich jenes „eigentümliche gallokeltische Element des französischen Volkscharakters bemerkbar, dem neben dem frivol-erotischen auch der lüstern-grausame Zug von jeher nicht fehlte und der in Voltaire’s Kennzeichnung seiner Landsleute als ‚Tigeraffen‘ den zutreffendsten Ausdruck findet.“[702]
Wir haben oft ernsthaft die Frage erwogen, ob unserm Vaterlande auch ähnliche Gefahren drohen, wie sie in Frankreich aus der zunehmenden sexuellen Entartung sich ergeben, die bereits zu einem Bevölkerungsstillstande geführt hat. Nun besteht zwar zwischen dem deutschen und französischen Volke auch in sexueller Hinsicht ein gewaltiger Unterschied, und schon Kurtz hat darauf aufmerksam gemacht, dass in diesem Punkte seit alter Zeit ein greller Kontrast zwischen beiden Nationen besteht, wie er sich schon in der Schilderung der germanischen Sitte und Zucht bei Tacitus und der bei Gregor von Tours in dessen Geschichte der Franken offenbart. Dort rohe, aber edle Einfalt, Gradheit der Sitten, Zucht und Keuschheit des Lebens, Heilighaltung der Ehe, Treue, Ehrenhaftigkeit; hier die kolossale Entartung der merowingischen Zeit, brutale Zuchtlosigkeit, treulose Verräterei, Meineidigkeit, Heimtücke, Mordpläne, Giftmischerei, Unersättlichkeit nach Schätzen, Ausschweifungen im geschlechtlichen Leben. Und obschon die schwärzesten Farben des Gregor’schen Gemäldes den Kreisen des Hoflebens angehören, so behauptet Kurtz ganz richtig, dass Entartung auch im Volke eingerissen war.[703] Schon Salvian von Marseille († 485 n. Chr.), der von der sittlichen Verwilderung seiner Zeit in Frankreich ein schreckliches, aber getreues Bild entwirft, behauptet, dass Gott den deutschen Eroberern das Reich hingegeben, weil sie frömmer als die Römer seien.[704]
Indessen seien wir im Hinblick auf diese angeborene und immer wieder durchbrechende sittliche Kraft unseres Volkes nicht zu vertrauensvoll in Beziehung auf unsere Widerstandsfähigkeit gegen die immer mehr Platz greifenden verderblichen Einflüsse aller Art.
Es ist unsere feste Ueberzeugung, die wir mit einem der grössten deutschen Irrenärzte, unserem langjährigen Lehrer E. Kraepelin teilen, dass die grösste Zahl der geschlechtlichen Perversitäten erworben und nicht angeboren ist. Nichts reizt so zur Nachahmung wie sexuelle Dinge und Praktiken aller Art, seien sie noch so ekelhaft! In der dritten Szene von Molière’s „La Critique de l’Ecole des Femmes“ kommt ein Zwiegespräch vor, das auf eine höchst naive Weise diese Wahrheit ausdrückt:
„Climène. — Il a une obscénité qui n’est pas supportable.
Elise. — Comment dites-vous ce mot-là, madame?
Climène. — Obscénité, madame.
Elise. — Ah! mon dieu, obscénité. Je ne sais ce que ce mot veut dire; mais je le trouve le plus joli du monde.“
Ja, das Wollüstige, das Obscöne zieht unwiderstehlich an, fast jeden Menschen! Denn der Geschlechtstrieb ist nun einmal, wenigstens eine lange Zeit, der Brennpunkt des menschlichen Lebens, und dann ist Manches „le plus joli du monde.“
Wir haben immer diejenige Paedagogik für die beste gehalten, welche mehr negativ ist und das Böse von dem jugendlichen Gemüte abwehrt, statt dieses mit frommen Lehren vollzupfropfen. Am gefährlichsten sind für die Jugend schriftliche und bildliche Darstellungen der Entartungen des Geschlechtstriebes. Eine traurige Wahrheit spricht Rétif de la Bretonne in der Einleitung seiner „Anti-Justine“ aus, wenn er schreibt: „Fontenelle sagte: ‚Es giebt keinen Kummer, der gegen eine Stunde Lektüre Stand hielte.‘ — Nun ist aber von allen Lektüren diejenige der erotischen Werke die anziehendste (la plus entraînante), besonders wenn dieselben mit ausdrucksvollen (expressives) Figuren ausgestattet sind.“ Man sollte die Worte beherzigen, die Emile Zola, dieser freie und grosse Geist, an einen Vater schrieb, der ihm die Frage vorlegte, ob seine Tochter den „Doktor Pascal“ lesen dürfe. Er antwortete: „Ich schreibe nicht für junge Mädchen, und ich denke, dass nicht jede Lektüre für Gehirne gut ist, die noch in der Entwickelung begriffen sind. — Später, wenn das Leben sie frei macht, werden sie lesen, was sie wollen.“[705] Den verderblichen Einfluss der modernen naturalistischen Litteratur schildert Seved Ribbing in seinem ausgezeichneten Buche über die „sexuelle Hygiene“, dessen Lektüre wir jedem Paedagogen empfehlen möchten.[706]
Auch die Kunst hat sich leider zu allen Zeiten in den Dienst der Wollust und der sexuellen Perversion gestellt. Seved Ribbing versichert, dass er öfter bei einem Besuche von Studenten oder anderen jungen Männern Wände und Schreibtisch derselben mit Abbildungen mehr oder weniger entblösster Frauen bedeckt gefunden habe, mit Photographien der Fräulein X. und Y., von Kunstreiterinnen, Café-Sängerinnen, welche „mit und ohne Kleidung in den unglaublichsten Stellungen und Verrichtungen dargestellt sind.“ Rechnet man noch allerlei andere obscöne Bilder hinzu, welche mit „Cigarrenetuis, Breloques, Stöcken und auf tausend anderen Wegen eingeschmuggelt, wohl auch öffentlich in den Tagesblättern angezeigt werden, so findet man, dass die Verführung auf recht vielfache Weise arbeitet.“[707] Nach Eulenburg existiert sogar ein Sadismus in der Kunst oder „mindestens eine nicht geringe Zahl oft mit virtuoser Technik ausgeführter, aber in bedenklicher Weise sadistisch wirkender Schöpfungen in Malerei und Sculptur.“ Er erwähnt Rodin’s „Pforte der Danteschen Hölle“, Frémiet’s „Gorilla, der ein Weib raubt“, Galliard-Sansonetti’s „Brunhild“, Rochegrosse’s „Andromache“, „Jacquerie“, „Eroberung Babylons“, Albert Keller’s „Mondschein“, Richir’s „Verderbtheit“ und Klinger’s „Salome“.[708] Dass J. J. Winckelmann durch das Studium des griechischen Altertums und der griechischen Kunst zur Knabenliebe sich bekehrte, ist uns sehr wahrscheinlich und bei der Betrachtung des von ihm so sehr geliebten „Pan“ in der Münchener Glyptothek noch mehr zur Gewissheit geworden. Hössli sagt in seinem gedankenreichen Werke über den „Eros“[709]: „Nach unseren Meinungen und Auslegungen müsste das Studium der Antike eigentlich ein gefährliches Bestreben, und London, Paris, Rom und München mit ihren antiken Kunstschätzen gefährliche Orte sein, welche unsere Zeit der reinen Moral und Sittlichkeit mit der Pest der naturabtrünnigen Griechen bedrohen!“
Zweifellos wird der Einfluss der Litteratur und Kunst bei weitem überboten durch die direkte Verführung, von der sich behaupten lässt, dass sie alle Arten der sexuellen Perversion zu erzeugen vermag. Tarnowsky erklärt paederastische Kreise als „mächtige Centren für die Propaganda der Sittenverderbnis“, die durch „Erfahrung und Beispiel“ junge Subjekte verführen. In Paris werden zehn- bis zwölfjährige Kinder durch Ueberredung und Drohungen allmählich zur Masturbation und Sodomie verleitet und dann zu denunzierenden Kynaeden herangebildet — „les petits Jésus“, wie man sie nennt.[710] Und angesichts dieser Thatsachen denkt man an Aufhebung des § 175 des deutschen Strafgesetzbuches! Das hiesse den Teufel durch Beelzebub austreiben. Mögen lieber die paar unglücklichen hereditären Urninge leiden als dass die Paederastie, das entsittlichendste aller sexuellen Laster, für erlaubt und straflos erklärt wird.
Dass es sogar Kotesser aus blosser Gewöhnung giebt, erwähnt Tarnowsky ebenfalls (S. 70).
Nichts erscheint uns ungereimter als der Ausspruch von Hobbes in seinem „Leviathan“ (Pars I, cap. 6). „Alienae calamitatis contemptus nominatur crudelitas, proceditque a propiae securitatis opinione. Nam ut aliquis sibi placeat in malis alienis sine alio fine, videtur mihi impossibile.“ Würden die Hinrichtungen wieder öffentlich oder die altrömischen Gladiatorenkämpfe wieder eingeführt werden, dann würde auch die Zahl der Lustmorde sich vermehren. Noch neuerdings haben wir in den Komorner Folterern Anklänge an die alte Inquisition wieder bekommen. Hobbes kannte die menschliche Natur zu schlecht.
Wie die einzelnen sexuellen Perversionen allmählich erworben werden, schildert unübertrefflich Tarnowsky: „Der entsittlichte Mensch wendet Alles an, was zur Steigerung der Wollust beitragen kann. Das Gesicht, das Tastgefühl, Gehör, Geruch, sogar der Geschmack zuweilen, kurz alle Sinne werden nacheinander, oder zugleich, in gewisser Weise gereizt, um die geschlechtliche Erregung zur möglichsten Intensität zu bringen. Unter diesen Erregungsmitteln kommt auch die passive Paederastie vor, als zufällige Nebenerscheinung, als ein neuer Reiz, welcher die Erregung steigern kann, die gewöhnlich zum Schluss durch Beischlaf mit einem Weibe befriedigt wird. Zuweilen wird auch der Gebrauch äusserer und innerer Reizmittel, die Lektüre pornographischer Schriften hinzugezogen u. s. w.“[711]
Und als eine Illustration der erschreckenden Wahrheit des Molière’schen „le plus joli du monde“ erscheint der Ausspruch dieses erfahrenen Kenners des modernen Lebens: „Gegenwärtig erscheint das Laster in den Augen der Mehrheit nicht nur verführerisch durch die Kraft, Neuheit oder Mannigfaltigkeit der Empfindungen, sondern es verleiht in der Sphäre der eigentlichen Geschlechtsthätigkeit dem Wüstling einen gewissen Anstrich von Epikuräismus, Ausgesuchtheit, Verwöhntheit und Ueberlegenheit vor anderen Menschen, die anscheinend weniger entwickelt, aber sittsamer und enthaltsamer sind.“[712]
Der geschlechtlichen Corruption kann nur auf eine einzige Weise entgegen gearbeitet werden. Die Bekämpfung der Prostitution, des Mädchenhandels, der, wie die Verhandlungen der internationalen kriminalistischen Vereinigung in Budapest (1899) gezeigt haben, wieder eine grosse Ausdehnung angenommen hat, des Alkoholismus, der Verführung durch Bücher, Schaustellungen u. s. w. sind nur Palliativmittel. Schon Seved Ribbing betont, dass nur die Aufklärung, d. h. geistige Bildung, das nun einmal in der Welt vorhandene Uebel paralysieren könne (a. a. O. S. 93). Wir haben in der Einleitung dieses Werkes als das wahre Ziel der menschlichen Liebe die geistige Freiheit, den Gedanken, den Begriff, als das wahrhaft Objektive und Unvergängliche kennen gelernt. Die Grundlage jeder Ethik ist die Reflexion, der Verstand, den W. Stern mit grossem Unrecht ganz aus der Ethik entfernen will.[713] Er will die Ethik ganz auf die Gemütswelt basieren. Das ist Utopie. Nur wo der Geist, der Begriff in der Welt herrscht, kann wahre Sittlichkeit gedeihen. Denn die wahre geistige Natur des Menschen entbehrt nicht des Gemütslebens, sie hebt es nur mit sich empor und adelt es. Mit dem Gemüte allein verdirbt man alles in „einer eisernen Zeit, inmitten ernster Erforschung des Wirklichen“.[714] Schön sagt Hegel, dass gerade „aus dem Ueberdruss an den Bewegungen der unmittelbaren Leidenschaften“ sich der Mensch zur Betrachtung und geistigen Durchdringung der Dinge heraus macht. Weder die Liebe, noch die Freundschaft, noch die Familie, noch Kunst und Religion an und für sich vermögen die dem Menschen innewohnende Sehnsucht nach dem Ewigen zu befriedigen. Alles gipfelt im Erkennen. „Die Seligkeit des Erkennens ist die höchste menschliche Befriedigung, sie ist die unvergängliche Quelle, von der ein Trunk den Durst auf ewig stillt; sie ist das, was ich den absoluten Genuss nenne. Die Sehnsucht nach dem Ewigen, dieser Heimat des Geistes, kann sich nur im Wissen befriedigen; in allen früheren Formen der Befriedigung, in dem natürlichen Genusse, in der Liebe, dem Staate, der Kunst, der Religion, konnte sich das wahre Bedürfnis des Geistes nie ganz erfüllen, jede dieser Formen blieb mit einem Widerspruch behaftet, der erst in der Philosophie sich zur vollen Befriedigung auflöste.“[715]
Niemand hat wohl begeisterter die veredelnde Wirkung der geistigen Bildung auf die Moralität gepriesen, als die beiden grossen englischen Philosophen des 19. Jahrhunderts, die wahren praktischen Lebenskünstler Buckle und Lecky. Nach Letzterem versteht es sich von selbst, dass „jeder Einfluss, welcher den Bereich und die Kraft des Vorstellungsvermögens vergrössert, auch die liebenswürdigen Tugenden befördert, und ist es ebenso klar, dass die Erziehung diese Wirkung im höchsten Grad besitzt. Ein ungebildeter Mensch kann sich von den ihm fremd gebliebenen Menschenklassen, Völkern, Gedankenrichtungen und Existenzen keine Vorstellung machen, während jede Erweiterung des Wissens eine Erweiterung der Einsicht und daher des Mitgefühles mit sich bringt. — Dieselbe intellectuelle Kultur, welche die Vergegenwärtigung des Schmerzes erleichtert und daher Mitleid erzeugt, erleichtert auch die Vergegenwärtigung der Charaktere und Meinungen, und erzeugt daher Milde. Die Errungenschaft dieses Vermögens der intellectuellen Sympathie ist die gewöhnliche Begleiterin eines grossen und gebildeten Geistes.“[716]
Der Gedanke an den Tod und an die ewige Vergeltung, mit welcher manche Moralisten und fast alle Confessionen den fleischlichen Sünder bedrohen, ist nach unserer Ansicht eher geeignet, die Sinnlichkeit zu schüren, wie ja auch gerade die mit Hölle und Fegefeuer drohende katholische Kirche unter ihren Bekennern nicht eben sittlich reinere Menschen zählt als die übrigen Confessionen. Uns erschien immer der siebenundsechzigste Lehrsatz des vierten Teiles der Ethik des Spinoza als eine der erhabensten Maximen der Lebensweisheit:
„Der freie Mensch denkt über nichts weniger nach, als über den Tod; und seine Weisheit ist nicht ein Nachdenken über den Tod, sondern über das Leben.“
Was nach dem Tode sein wird, das hat Sokrates in den herrlichen Schlussworten der platonischen „Apologie“ verkündigt[717]. Wir aber sind im Leben, welches dem Geiste so unendlich viele, anziehende und der Erforschung würdige Probleme bietet. Beherzigen wir des Septimius Severus gedankenschweres Wort „Laboremus“, arbeiten wir unausgesetzt an unserer Vervollkommnung, die nicht anders möglich ist als durch geistige Thätigkeit, und lehren wir auch unsere Kinder die „Seligkeit des Erkennens“, dann werden wir unseren Nachkommen ein Bekenntnis ersparen, in welches eines jener verderblichen Bücher des 18. Jahrhunderts, der „Faublas“ elegisch ausklingt: „Beklagen Sie mich nicht, beneiden Sie vielmehr mein Loos und sagen Sie nur, dass es für glühende und gefühlvolle Menschen, die in der ersten Jugend den Stürmen der Leidenschaften preisgegeben waren, nie mehr ein vollkommenes Glück auf Erden giebt.“