Abschied von Japan.

Schön ist das Reich, vom Meer umgeben;

Die Landschaft lieblich, voller Leben,

Die Felder zierlich, die Häuser nett,

Das Volk manierlich, fein, adrett;

Das Leben köstlich und amüsant

In diesem östlich geleg’nen Wunderland.

Der Abschied von Japan, das ich doch gewiss nicht wiedersehen werde, ist mir recht schwer geworden, obschon ich nicht so weit gehe, wie der heilige Franz Xaver, der (in der Mitte des 16. Jahrhunderts) das japanische Volk als das Entzücken seiner Seele bezeichnete. Wahrscheinlich bin ich nicht lange genug auf diesen freundlichen Inseln verblieben. Jedenfalls auch nicht lange genug, um die Schattenseiten zu bemerken, welche die Grämlichen unter meinen Lesern vielleicht mit Befremden vermissen.

Wie jeder vernünftige Reisende, fand auch ich die Japaner freundlich, reinlich, geschmackvoll. Dass sie im Gegensatz dazu „eitel, geschäftsuntüchtig und unzugänglich für abstracte Begriffe“ seien, konnte ich wohl hie und da vermuthen, hatte es aber nur selten zu tadeln. Jedenfalls sind sie fröhlicher, vielleicht auch glücklicher, als wir. Ob sie weiser sind, trotz der geringen Kenntnisse in der reinen und angewandten Mathematik, in den alten Sprachen und in der Philosophie, — das zu entscheiden will ich Andern überlassen.

Man könnte ihre glückliche Gemüthsstimmung ableiten von der heiteren, gemässigten, abwechslungsreichen Natur, welche sie umgiebt; und die gelegentlichen Ausbrüche einer wilderen Art von den Erdbeben und den Erschütterungen ihrer feuerspeienden Berge, welche von Zeit zu Zeit das friedliche Landschaftsbild stören. Aber das sind Redensarten. Unzweifelhaft sind sie tapfer und treu bis zum Tod.

In den Gesetzen von Jeyasu steht wohl die Strafe für ehebrechende Frauen, aber mit dem Bemerken, dass dieses Verbrechen kaum vorkomme. Die Frau der mittleren und höheren Stände waltet im Hause; sie ist aber nicht eingesperrt, wie bei den Türken. Von frühester Kindheit wird sie zu Sanftmuth und Nachgiebigkeit erzogen; der Erfolg ist unendlich viel anmuthiger, als die amerikanische Frau, welche herrisch nicht blos Gleichberechtigung, sondern Vorrecht erzwingen will. San-jô sind die drei Hauptpflichten: Gehorsam des Mädchens gegen den Vater, der Gattin gegen den Mann, der Wittwe gegen den ältesten Sohn.

Unreife Globetrotter haben in Europa und Amerika die Meinung verbreitet, dass in Japan Sittenlosigkeit[240] herrsche. Wer nur in schlechter Gesellschaft sich bewegt, kommt zu schiefen Urtheilen.

Als ich meine Freunde, die viele Jahre in Europa zugebracht, ernstlich befragte, ob denn wirklich die vornehmen Japaner ihre Gattinnen aus der Reihe der Tänzerinnen und Sängerinnen wählten, lachten sie mich fröhlich aus, und befragten mich, ob denn erstlich eine Heirath zwischen Edelmann und Tänzerin noch niemals in Europa vorgekommen sei, und ob denn zweitens alle Tänzerinnen und Sängerinnen in Europa sittenlos seien; in Japan gäbe es ganz ordentliche.

Ihre Kleidung war jedenfalls schicklicher, als die unsrer Ballettdamen; das Benehmen der Aufwärterinnen in den Theehäusern sittsamer, als das unsrer Kellnerinnen. Wenn einmal ein niedrer Japaner wirklich eine Sirene ehelicht, so ist er sicher nicht, wie oft bei uns, ein Substrat der lex Heinze.

Die Ordnung in Japan ist überraschend. Ich habe nie und nirgends einen unordentlichen Menschen, sei es Mann[241] oder Weib gesehen; überhaupt nichts auf der Strasse wahrgenommen, was das Auge selbst der zimperlichsten Dame beleidigen könnte.

Heirathen auf Zeit kommen ja bekanntermassen in Japan vor, nur täuscht sich der eitle Europäer über die Güte der Waare, gerade so wie in Europa; und hat trotzdem in Japan weniger Grund zur Klage, als in Europa.

Japanische Kinder sollen niemals weinen. Das ist wohl nicht wörtlich zu nehmen. Als ich einmal einen unartigen Buben in einem Tempelgrund freundlich zu ermahnen versuchte, ergriff ihn die Mutter entsetzt und floh vor dem Fremdling. Jedenfalls sind die japanischen Kinder weit artiger, als die der Europäer, die in ihrem Lande weilen. Sie spielen fröhlich und heiter; die Mädchen mit Puppen, die Knaben mit Bällen, Kreiseln und Drachen. Mir hat es grosses Vergnügen gemacht, ihnen zuzuschauen. Sie sind auch nicht übertrieben blöde. Ein fröhliches „Oheio“ (gegrüsst) erschallte mir oft entgegen, wenn ich auf der Jinrikisha durch ein entlegenes Dorf rollte. Die Kinder in Japan scheinen vernünftiger, als die europäischen, während die erwachsenen Japaner öfters den Eindruck von grossen Kindern machen. Kindliche Liebe gilt seit sieben Jahrhunderten als die hauptsächliche Tugend.

Noch weit schwieriger, als über Vergangenheit und Gegenwart, ist für den Reisenden natürlich das Urtheil über die Zukunft. Japan befindet sich in einem Uebergang. Das Alte kämpft mit dem Neuen. Was wird das Ende sein? Wird Japan in die Reihe der civilisirten Mächte als vollberechtigtes Glied eintreten?

Japan wünscht die Beseitigung der Consulargerichtsbarkeit über die Fremden. Was es dafür bietet, Aufhebung des Passzwangs, allenfalls das Recht, Grundbesitz im Innern zu erwerben, gemischte Gerichtshöfe, wird von den Kaufleuten in den Vertragshäfen nicht für eine genügende Gegenleistung angesehen, obwohl namhafte europäische Schriftsteller für die Forderungen der Japaner eingetreten sind. Das deutsche Reich scheint berufen, eine wichtige, ja entscheidende Rolle in dieser Frage zu spielen. Ich hoffe auf eine freundschaftliche Lösung, zum Nutzen des deutschen Einflusses.


V.
Von Japan nach Südchina. Hongkong, Canton. Von Hongkong über Singapore nach Colombo.

Wer die ostasiatischen Gewässer zu befahren Gelegenheit hat, namentlich bei schlechtem Wetter, fühlt die unabweisbare Pflicht, in seinem Gehirn die Begriffe Taifun und Monsun ordentlich verpackt unterzubringen.[242]

In der Gegend des Aequators steigt die stark erhitzte Luft empor und fliesst oben nach den beiden Polen ab, unten strömt von den Polen kältere Luft zu. Aber indem die letztere dem Aequator sich nähert, gelangt sie mit geringerer Drehgeschwindigkeit in Gegenden, welche (gewissermassen unter ihr fort) schneller um die Erdachse von Westen nach Osten gedreht werden, sodass die südwärts bewegte Luft, gleichzeitig nach Westen zu gehen scheint. Diese beiden Bewegungen setzen sich auf der nördlichen Halbkugel zum Nordost-, auf der südlichen zum Südost-Passatwinde zusammen. Zwischen den beiden Passaten liegt die Gegend der Windstillen.

Im indischen Ocean ist die Regelmässigkeit der Passatwinde durch die umgebenden Ländermassen, namentlich durch den asiatischen Continent, gestört. Im nördlichen Theil des indischen Oceans, oberhalb des Aequators, weht Nordost-Monsun[243] vom September bis April, Südwest-Monsun vom April bis September.

Im Winter wird eben der Nordost-Passat nicht gestört, im Sommer aber erwärmt sich der asiatische Continent sehr stark und veranlasst eine Luftströmung nach Norden, welche durch die Drehung der Erde in einen Südwestwind verwandelt wird.

Tai-fun[244] sind Wirbelstürme in den chinesischen und japanischen Gewässern, welche zur Zeit des Wechsels der Monsune vom Juli bis November, am häufigsten im September und October, vorkommen. Ihre Mittelpunkte bewegen sich von O. nach W. oder von OSO. nach WNW., während die Drehrichtung wie bei allen Stürmen auf der nördlichen Halbkugel entgegengesetzt der des Uhrzeigers ist. Sie sind für die Schiffe äusserst gefährlich, weil sie erstlich ohne Vorboten auftreten, und weil sie ferner nur eine geringe Breite einnehmen, innerhalb derer die Windrichtungen ganz ungewöhnlich rasch wechseln.

Aber meine Beschäftigung mit dem Taifun blieb rein wissenschaftlich. Schon am Morgen des folgenden Tages (13. October) war das Wetter besser.

Ich lese Byron’s Harold, den ich glücklicher Weise in der Bücherei des Dampfers fand. Byron ist der Dichter des Reisens in vollkommenster Gestalt. Im Zusatz zur Vorrede vom Ritter Harold nennt er die Schönheiten der Natur und die Lust zu reisen ausser dem Ehrgeiz vielleicht die mächtigsten Anreizungen. Noch mehr hat er es durch seine Werke bewiesen. Wer die von ihm geschilderten Gegenden, vor allem Griechenland, zu sehen und zu betrachten Gelegenheit hatte, wird niemals müde werden, ihn zu verehren. Um so merkwürdiger scheint es mir, dass er selbst den gebildeten Engländern, trotz ihrer anerkennenswerthen Reiselust, weder genügend bekannt noch seelenverwandt zu sein scheint. Ich habe kaum einen Engländer gefunden, der den Anfang des dritten Gesangs vom Corsaren kannte, — jene wundervolle Schilderung des Sonnenuntergangs am saronischen Meerbusen, den ich selber so oft vom Nike-Tempel der Akropolis mit staunender Bewunderung geschaut. Weit besser kennen wir Deutschen das Hohelied vom Reisen, das unser Goethe gedichtet:

Doch ist es jedem eingeboren,

Dass sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,

Wenn über uns, im blauen Raum verloren,

Ihr schmetternd Lied die Lerche singt,

Wenn über schroffen Fichtenhöhen

Der Adler ausgebreitet schwebt,

Und über Flächen, über Seen,

Der Kranich nach der Heimath strebt.

Auf dem vaterländischen Schiffe,[245] das vorzüglich eingerichtet ist, werde ich wie ein Kind des Hauses behandelt, vom Capitän und von allen Officieren. Der erste Maschinist erklärt mir die Schiffsmaschinen, zeigt mir seine wundervolle Schmetterlings-Sammlung, die er durch 20jährigen Fleiss in Ostasien zusammengebracht, misst mit mir die Zeitdauer des Sonnenuntergangs, betrachtet mit mir das Meeresleuchten, — wie riesige Leuchtkäfer tanzen die glimmenden Quallen auf der von dem Schiff durchpflügten Wasserfläche, — guckt mit mir nach den Sternen.

Da sehen wir unsern lieben Bekannten, den grossen Bären, aber zur Hälfte in das Weltmeer getaucht, während Homer von ihm singt, dass er allein des Bades im Ocean nicht theilhaftig werde.[246] Die jonischen Schiffer waren nicht so weit südlich vorgedrungen. Mehr als zwei Monate dauerte es, bis ich ihn wieder vollständig erblickte.

Das gute Wetter blieb andauernd. Sonnabend, den 15. October sahen wir zuerst die kleinen Inseln von der steilen chinesischen Küste, gegenüber von Formosa. Das Meer war prachtvoll grün. Nachmittags kam eine chinesische Fischerboot-Flotte in Sicht. Ich zählte gleichzeitig innerhalb unsres Horizontes 114 Fahrzeuge. Zwei Boote fahren immer zusammen und schleppen das dazwischen ausgespannte Netz. Am folgenden Tage, Sonntag, den 16. October, gelangten wir nach Hongkong. Wir haben also die nahezu 1000 Seemeilen von Nagasaki nach Hongkong[247] in vier Tagen vollendet.

Die steile chinesische Küste mit ihren rothen Felsriffen sticht prachtvoll ab von dem grünen Meer. Die Einfahrt sehe ich von der Brücke aus.

Hongkong ist viel schöner, als ich geglaubt. Die Stadt liegt auf der Nordseite der Insel und klimmt an dem Felsen empor, wie Neapel. Unten ist der mächtige Quai und die zahllosen Schiffe und Boote in dem prachtvollen Hafen, der wie ein geschlossener Binnensee aussieht, die stattliche Häuserreihe der Ufer-Strasse, darunter das fünfstöckige Hotel und der Glockenthurm; weiter oben die loggien-geschmückten Wohnhäuser der Wohlhabenden; dazwischen prachtvolle Gärten und auf der Höhe die neuen Gasthäuser.

Wir ankern gegenüber an der Werft der Festlands-Halbinsel Cowloon,[248] die auch den Engländern gehört, dicht neben dem Reichspostdampfer „Neckar“ vom Bremer Lloyd,[249] und werden in dem winzigen Dampfer des Hongkong-Hotel hinübergeschafft.

Der Quai und Landungsplatz waren weiss von Menschengewimmel; denn hier innerhalb der Tropen trägt auch der Kaukasier nicht schwarze Kleidung. „Habt Ihr nichts von der Bokhara gesehen?“ war die allgemeine Frage. Das Postschiff Bokhara, von Shangai nach Hongkong, war seit sieben Tagen fällig, aber vermisst. Da wir nichts melden konnten, stiegen die Befürchtungen aufs höchste, zumal eine fröhliche Cricket-Partie einen Ausflug auf dem Schiffe unternommen. Sogleich wurde ein Kanonenboot der Regierung und ein Dampfer der P. & O.-Gesellschaft zur Nachforschung ausgesendet. Sie kehrten nach mehreren Tagen mit der Trauernachricht heim, dass die Bokhara gänzlich zu Grunde gegangen. Während des Taifun war Wasser durch die Schornsteine in die Maschine gedrungen und hatte die Feuer ausgelöscht, der Sturm trieb das hilflose Schiff gegen die Küste von Formosa. Nur zwei Europäer retteten sich und etwa zwanzig von den indischen Matrosen (Laskaren). Einer der überlebenden Engländer schleuderte in den Zeitungen heftige Beschuldigungen gegen die Laskaren; sie hätten die Rettung der Andern nicht nur nicht befördert, sondern in übertriebener Selbstsucht eher gehindert. Die Angegriffenen blieben die Antwort nicht schuldig. Es scheint nicht ganz so schlimm gewesen zu sein. Allerdings besteht diese Gefahr auf den ostindischen Gewässern, dass im Falle eines Unglücks die asiatischen Matrosen die Befehle der Officiere vielleicht mangelhaft verstehen, wahrscheinlich mangelhaft ausführen, eher den Kopf verlieren, mitunter sogar mehr auf Plünderung, als auf Rettung der Reisenden bedacht sind. Mir haben Schiffsofficiere mitgetheilt, dass sie im Falle des Schiffbruchs zuerst nach Revolver und Bowie-Messer greifen, um jedenfalls nicht wehrlos zu sein. Ueber jeden Zweifel erhaben war das Benehmen der armen chinesischen Fischer auf Formosa und des ihnen vorgesetzten Mandarin. Sie thaten Alles für die Rettung der Schiffbrüchigen von der Bokhara und von dem gleichzeitig gescheiterten norwegischen Dampfer Normannia, — es waren dies die beiden einzigen Schiffe, die unmittelbar vor uns unsere Strasse befahren. Wenn Meister Hildebrandt noch vor 30 Jahren fürchtete, beim Scheitern des Schiffes (allerdings an der Ostküste der Insel Formosa) von den Eingeborenen verspeist zu werden, so dürfte er aus Unkenntniss übertriebene Besorgniss gehegt haben.

Sehr beruhigend ist die Wirkung der telegraphischen Kabel. Ich hatte sofort nach der Landung in Hongkong eine Meldung meiner glücklichen Ankunft nach Hause gesendet. (Das Wort von höchstens zehn Buchstaben kostet allerdings noch 2 Dollar Silber). Nach 24 Stunden war ich im Besitz der Rückantwort. Erst vier Tage später wurde in Europa das Scheitern der Bokhara bekannt.

Nachdem ich mich über den Hafen und die Hauptgebäude der Stadt einigermassen unterrichtet, bekam ich im grossen Hongkong-Hotel ein befriedigendes Mittagsmahl. Hier lernte ich zuerst die Punka genauer kennen. Es ist dies ein grosser, rechteckiger, mit dünnem Zeug überspannter Holzrahmen, der in einiger Höhe über der Tafel in Angeln aufgehängt ist, während an den oberen Ecken Stricke befestigt sind, vermöge deren der Riesenfächer hin- und hergeschwungen wird. Es sieht lächerlich aus, ist aber sehr erfrischend und von Hongkong bis gegen Suez üblich. Auf Schiffen wird die Punka öfters von einer Maschine bewegt, in den Gasthäusern besorgt es der draussen stehende „Punka-Knabe“, der, wie man sagt, auch im Schlaf seine Arbeit verrichtet. Nach dem Mahl suche ich mein Schlafzimmer auf. Das Hotel ist ein fünfstöckiges, riesiges, aber unordentliches Haus. Jedes Schlafzimmer hat Ventilations-Einrichtungen und einen steinernen Balcon. Trotzdem erwachte ich um 2 Uhr Nachts von der Hitze, und merkte, dass Hongkong weit heisser ist, als ich es mir vorgestellt. Das Thermometer zeigte 23° C.

Ich zog Pantoffeln, Strümpfe und Handschuhe an gegen Moskitos und setzte mich im Hemd auf den Balcon, zündete eine Cigarre an und lauschte dem nächtlichen Lärm der Matrosen, den die Engländer in ihren asiatischen Hafenstädten so gleichgültig dulden.

Die Felseninsel Hongkong[250] liegt unter 22° nördl. Breite, dicht unter dem nördlichen Wendekreis, also südlicher als der erste Cataract des Nil; der südlichste Punkt, den ich vorher erreicht, unter 114° östl. Länge von Greenwich. Die Insel liegt an der Mündung des Perlflusses (Canton River), vor der Küste der chinesischen Südprovinz Kwantung, hat eine Länge von 20, eine Breite von 3,6 bis 7,2 km und misst 83 qkm.[251] Die höchste Erhebung beträgt 539 Meter. Hongkong gehört zur Gruppe der von den Portugiesen sogenannten Ladrones.

Blicken wir auf diesen Hafen an der Nordseite der Insel mit Dutzenden von stattlichen Dampfern, sowohl friedlichen als auch kriegerischen, zahlreichen Seglern und zahllosen Kähnen (Sampan der Chinesen, die darin mit Weib und Kind wohnen, an 20000,) auf die mächtigen Werften, das steinbedämmte Ufer, das dem Meere unter ungeheuren Kosten Raum abgewinnt, die stattliche Praya oder Uferstrasse mit den hohen, steinernen Geschäftshäusern, die schöne Stadt (Victoria), welche an dem grünen Hügel emporklimmt und durch eine Drahtseildampfbahn, die einzige in Asien, mit den prachtvollen Wohn- und den mächtigen Gast-Häusern hoch oben auf der Spitze des Felsens (dem Pik) verbunden ist; so können wir uns kaum vorstellen, dass vor 40 Jahren Hongkong eine ganz öde Insel war, die nur von wenigen chinesischen Steinschlägern und Fischern, die gelegentlich auch Seeraub trieben, bewohnt wurde. Jetzt ist es der grösste Handelshafen an der ganzen, ungeheuren chinesischen Küste und die erste Etappe der Engländer auf der wichtigen Meeresstrasse zwischen ihrem Dominion Canada und ihrem Kaiserreich Indien; gleichzeitig ein wichtiger Wachtposten an der Pforte von Südchina.

Seit 1837 ist Hongkong Ankerplatz von Handelsschiffen für Canton und Macao. Nach dem ersten Kriege gegen China wurde es 1841 an England abgetreten, nach dem zweiten Kriege seit 1843 besiedelt, nach dem dritten Kriege (1857) wurde 1860 auch die Halbinsel Cawloon[252] auf dem chinesischen Festland an die Engländer abgetreten. Eine mächtige chinesische Stadt ist hier entstanden, da der Handel Verdienst versprach. Die Zahl der Einwohner der Colonie betrug 1881 150000,[253] darunter waren nur 8000 Europäer.

Die Engländer halten hier eine kleine Kriegsflotte und eine Besatzung von etwa 1500 bis 2000 Mann, die theils aus Europäern, theils aus indischen Soldaten besteht, hauptsächlich aus hochgewachsenen, rothbeturbanten Sikhs in der bequemen gelblichen Leinwand-Uniform. Die ausgezeichneten, nach unseren Begriffen sogar üppigen Baracken der Soldaten liegen am Westende der Stadt und auf den Hügeln von Cawloon. Natürlich wohnt in Hongkong ein englischer Gouverneur, ein Admiral (Commodore), ein General.

Die Polizisten sind theils Sikhs, theils Chinesen; nur die oberen Stellen werden mit Engländern besetzt. Sicherheit und Ordnung sind befriedigend, obwohl die Insel, wegen ihrer günstigen Lage, den Zufluchtsort der aus Südchina fliehenden Verbrecher darstellt. Der Handel ist bedeutend, da Victoria einen Freihafen besitzt, jedoch nicht mehr so allein herrschend, seitdem verschiedene Vertragshäfen an der chinesischen Küste den Europäern eröffnet sind. Aber immerhin handeln die meisten chinesischen Häfen nicht unmittelbar mit Europa, sondern durch Vermittlung von Hongkong. Ein grosser Theil des Handels liegt in den Händen der Deutschen, die in bester Lage der Stadt ein grossartiges Clubhaus in gothischem Stil, aus grauröthlichem Hongkong-Granit errichtet haben, eines der schönsten Gebäude in Ostasien.

Durch englische, deutsche, österreichische, französische und andere Dampferlinien steht Hongkong einerseits mit Europa, namentlich seit Eröffnung des Suezkanals, ferner mit Indien, China, Japan, endlich mit Amerika und Australien in reger Verbindung.

1884 liefen ein;

26763 Schiffe mit 5000000 Tonnen ,
darunter 2976 Dampfer 3259000 ,
314 Segler 290000 ,
23473 Dschunken 1687000 .

2397 Schiffe waren britisch, 474 deutsch. 1890 verkehrten im Hafen von Hongkong 27626 Schiffe mit 6688000 Tonnen. Die Einfuhr beläuft sich auf jährlich 130 Millionen Mark für Opium, 32 für Baumwollenstoffe, ebenso viel für Rohbaumwolle und 20 Millionen für Reis. Die Ausfuhr besteht in Thee, Seide, Zucker, Reis. Der Werth der Einfuhr betrug 381 Millionen Mark im Jahre 1890, der der Ausfuhr 174 Millionen Mark.

Hongkong ist ein sprechendes Beispiel des grossen Geschicks der Engländer in der Colonisation.

Aber die Geschichte Hongkongs erzählt auch von mannigfachen Unglücksfällen. Anfangs litten Truppen und Colonisten an tödtlichen Fiebern, bis es gelang, Häuser und Baracken besser zu bauen. Im Jahre 1856 entstanden auch Aufstände unter den Chinesen und im Jahre 1857, als Canton zum dritten Mal von den Engländern beschossen wurde, versuchte ein chinesischer Bäcker zu Hongkong, A Lum, die Fremden durch arsen-vergiftetes Brod auszutilgen. Aber er hatte die Gabe zu niedrig gegriffen, der Anschlag wurde entdeckt, ehe viel Schaden angerichtet war. Während 1860–1866 grosser Wohlstand herrschte, (1864 wurde die Gasbeleuchtung, 1866 die Münze eingerichtet,) so folgte darnach eine schwere Geschäfts-Bedrängniss, ebenso 1873, als der Kuli-Handel endgiltig verboten wurde, nachdem die unglücklichen Halbsklaven mehr als einmal auf hoher See das Frachtschiff verbrannt hatten.

1874 enterten chinesische Seeräuber den Dampfer Spark, der zwischen Hongkong und Macao fuhr, und ermordeten den grössten Theil der Matrosen. 1862, 1865, 1867, 1874 und 1875 wurde Leben und Eigenthum durch Taifune vernichtet. Wenn man den Wirbelsturm vorher merkt, so warnt ein Kanonenschuss die Schiffer und Strandbewohner. Eiligst suchen die Sampan Cawloon oder den Strand von Hongkong zu gewinnen; und doch musste man 1874 nach dem Sturm Tausende von Leichen aus dem Hafen fischen. 1862, 1867, 1878 wütheten grosse Feuersbrünste. Jetzt sind auch die Chinesen gezwungen, die Häuser aus Stein und einigermassen feuersicher anzulegen.

Die Stadt Victoria folgt der Nordküste der Insel für 5½ Kilometer und ist ganz von Hügeln eingeschlossen. In der Mitte liegt die europäische Stadt, die riesigen Geschäftshäuser ganz nahe der Küste, massiv aus Granit gebaut, um dem Taifun zu widerstehen. Die Wohnhäuser der Wohlhabenden liegen auf den Hügeln und ziehen sich staffelförmig mehrere hundert Fuss weit empor. Breite Strassen, mit prachtvollen Bäumen bepflanzt, winden sich von einer Terrasse zur andern empor und führen zu Gärten mit den herrlichsten Tropengewächsen. Der granitne Hafendamm säumt die Uferstrasse (Praya) ein und ist über 3½ Kilometer lang. In der Mitte der Stadt, dicht neben der Werft, erhebt sich der Glockenthurm, das Wahrzeichen von Victoria. In der Nähe ist Post- und Telegraphen-Amt, sowie der höchste Gerichtshof, Hongkong-Hotel, die hauptsächlichsten Clubs, und in einem schönen Garten das Haus des Gouverneurs.

Im Osten der Stadt liegt City hall mit Theater, Ballsälen und einem Museum. Die Vorderseite des stattlichen Gebäudes trägt noch den Schmuck der 50jährigen Jubelfeier der Königin-Kaiserin Victoria, ihr Bild und darunter die Zeichen: V. R. 1837, 1887. Davor steht ein monumentaler Brunnen mit Triton oben, Karyatiden unten, 4 Löwen-Kätzchen rings herum. Dass er schön sei, möchte ich nicht glauben; dass er an diesen Ort passe, wird Niemand behaupten. Dann folgen Parade- und Cricket-Gefilde sowie Baracken. Die öffentlichen Gärten sind bewunderungswürdig. Am Westende der Stadt (West Point) ist das Hauptquartier der Chinesen mit ihren Theatern, Gasthäusern, Hotels, Speise- und Theewirthschaften, sowie sonstigen Vergnügungsorten.

Am nächsten Morgen, (Montag, 17. October) fuhr ich zunächst von dem Landungsplatz auf dem kleinen Omnibus-Dampfer nach Cawloon und holte Dr. Dannemann von der „Nürnberg“ ab. Wir fuhren zurück nach Victoria und in Jinrikisha, die hier von kräftigen Chinesen gezogen wird, nach dem glückseligen Thal (Happy valley) am Ostende der Stadt.

Umgeben von bewaldeten Hügeln, durchzogen von wasserreichen Flüsschen, prangt das Thal in immerwährendem, herrlichstem Grün. Die Mitte wird von dem Platz für das Wettrennen der Pferde eingenommen, für das ich nicht das warme Herz habe, wie die Engländer, welche tief beklagen, dass wegen des Daniederliegens von Handel und Verkehr nicht mehr europäische Rassepferde, sondern mongolische Ponnys sich tummeln. Desto mehr fesselten mich die Friedhöfe, welche das Thal umsäumen und gegen die Hügel sich lehnen. Der englische Friedhof enthält ein gut Stück Colonialgeschichte. Da ruht manch’ tapferer Soldat und Seemann fern von Altengland in der Erde, der man bei + 24° C. mittlerer Jahrestemperatur nicht einmal das übliche Beiwort der kühlen ertheilen kann. Da hat auch der preussische Capitän zur See, Kupfer, aus Berlin seine Ruhestätte gefunden; und preussische Adler aus Stein breiten ihre Fittiche über seine Grabessäule. Die herrlichsten Palmen und Blüthensträucher mildern den traurigen Eindruck der Todtenstätten. Der römisch-katholische Friedhof birgt die Gebeine der Irländer und der Portugiesen; die Leichensteine beider Völkerschaften sind durch lange und schwungvolle Inschriften ausgezeichnet. Kleiner sind die Kirchhöfe der Mohammedaner und der Parsi. Die letzteren scheinen hier hauptsächlich nur Leichensteine zur Erinnerung, keine Gräber zu haben. Hier ist kein Thurm des Schweigens, wie zu Bombay. Man betritt die offene und leere, aus Granit gebaute Halle, wo die Angehörigen zu weihevollem Gebete sich sammeln.

Noch etwas weiter östlich liegt Bay-View, ein Gasthaus am Strande, wo ein würdevoller Negergreis aus den Vereinigten Staaten wirthschaftet, ein ehemaliger Schiffskoch, der hierher verschlagen wurde, und im gewähltesten Englisch seinen chinesischen Dienern gebietet. Gutes, auf Eis gekühltes Flaschenbier wird hier in einer erhöhten Laube verschenkt. Wir treffen hier auch, laut Verabredung, Herrn Dr. Schild, Schiffsarzt des „Neckar“, vom Bremer Lloyd, und Herrn Dr. Pauluhn, den Arzt unseres kleinen deutschen Kriegsschiffes „Iltis“, das im Hafen von Hongkong die vaterländische Flagge entfaltet.

Zurückgekehrt nach Cawloon nehmen wir das Frühstück an Bord der „Nürnberg“ zusammen mit Capitän Schmölder vom „Neckar“, und betrachten dann die Abfahrt des letztgenannten Dampfers, der nach der Heimath zurückkehrt. Die Musikbanden beider Dampfer lassen vaterländische Weisen ertönen, am Ufer brennt ein chinesischer Geschäftsfreund ein grossartiges Feuerwerk ab, lustig weht die deutsche Flagge im Winde. Aber auch dieser grossartige Dampfer hat wenig Cajütreisende. Es ist das auch natürlich bei einer vierwöchentlichen Fahrt. Bei zweiwöchentlicher könnte der Reisende sich besser auf unsere Schiffe einrichten. Ein grösserer Zuschuss vom Reiche wäre wünschenswerth.

Bei aller durch die Verhältnisse gebotenen Sparsamkeit kann Colonialpolitik nicht vom Krämerstandpunkt aus behandelt werden. Man muss mehr Geld daran wagen und nicht augenblicklich den Ertrag erwarten. Es sind Saaten für die Zukunft gestreut, die später reichlich Früchte tragen werden. Die gleichen Ueberzeugungen finde ich auch in den Schriften derjenigen Landsleute, welche draussen in Asien sich umgesehen.

Gegen Abend besuchte ich Herrn Dr. Gerlach, einen ausgezeichneten deutschen Arzt, der in Hongkong seit 1872 wirkt und nicht bloss für die deutsche Colonie Trost und Hoffnung in allen Krankheitsnöthen darstellt, sondern auch ein feingebildeter, liebenswürdiger Mensch und grosser Kunstkenner ist und sein Junggesellenheim mit prachtvollen Erzeugnissen chinesischer und japanischer Kunstfertigkeit reich geschmückt hat.

Dr. Gerlach zeigt mir auch die kürzlich gedruckte Sammlung der chinesischen, gegen die christlichen Missionäre gerichteten Mauer-Anschläge, welche durch Wort und Bild den christlichen Sendboten die ungeheuerlichsten und unglaublichsten Missethaten vorwerfen und die jüngsten, so bedauerlichen Volksaufstände gegen die Christen im Norden von China mit veranlasst haben. In dem letzten Frieden mit den Chinesen ist den Missionären das Recht der Predigt und Bekehrung ausdrücklich gewährleistet. Ich habe englische Officiere gesprochen, welche diesen Punkt des Vertrags bedauerten. Europäische Consuln haben mir gestanden, dass ohne die Missionäre keine Schwierigkeiten mit China vorhanden wären.

Am Dienstag, den 18. October, unternehme ich mit Dr. Dannemann und Obermaschinist Bischoff einen Ausflug nach Canton, der drei Tage in Anspruch nimmt, auf dem grossen Raddampfer Hankow, der in Nord-Amerika gebaut ist, und wie ein Hudson-Dampfer aussieht

Derselbe muss wohl über die erste Jugend fort sein, denn vor 30 Jahren fuhr darauf unser Landsmann Hildebrandt denselben Weg. Die fürstliche Einrichtung, die jener rühmt, konnte ich nicht mehr finden; dagegen ist noch, wie damals, die ganze Breitseite des auf dem Oberdeck gelegenen, geräumigen und bequemen Salons mit Flinten und Säbeln geschmückt.

Noch heute rechnet man, wie damals, auf Piraten-Angriffe,[254] obwohl in diesen 30 Jahren so viele Seeräuber theils im Kampf erschossen, niedergehauen, in’s Wasser gestürzt, theils später in Canton geköpft oder gepfählt, oder in Hongkong aufgehängt worden sind. Noch heute werden die Hunderte von Chinesen, die in der zweiten und dritten Classe des Schiffes nach Canton fahren, auf das schärfste überwacht: sie sind von uns ab- und eingeschlossen, können weder auf das Oberdeck noch an die Steuerung, noch an die Maschine gelangen.

Die Rhederei kann sie nicht entbehren; denn von uns 6–8 Cajütreisenden, deren jeder 5 Dollar für Fahrt und ganz gute Verpflegung[255] zahlen, kann sie nicht leben. Die Entfernung von Hongkong bis Canton beträgt 95 englische Meilen (oder 80 Seemeilen), die Fahrt dauert 6 Stunden, also macht das Schiff fast 14 Knoten.

Pünktlich um 8 Uhr Morgens waren wir vom Quai zu Victoria abgefahren. Der Hafen ist nicht bloss geräumig, sondern auch tief, so dass wir auf einer fliegenden Holzbrücke vom Ufer auf den Dampfer steigen können. Die Ausfahrt gewährt einen prächtigen Blick, wie die aus Neapel oder Stambul. Der Weg führt durch die breite, mit kahlen Inseln besetzte Canton-Strasse nördlich, bis wir Mittags die Delta ähnliche Mündung des Perl- oder Cantonflusses erreichen, die von den Chinesen hu-mun, von den Portugiesen in wörtlicher Uebersetzung Boca Tigris, also Tiger-Rachen, genannt wird.

Hohe, dunkle Felsen ragen am rechten Ufer empor. Die Tiger-Insel liegt eine kurze Strecke oberhalb der Mündung. Die Befestigungen der Chinesen auf den Inseln und den Ufern haben früher das Gelächter der Europäer erregt und sind ja auch in den drei Opium-Kriegen von den Engländern mit stürmender Hand erobert worden. Heute scheint die Sache etwas anders zu liegen. Neben den schwerfälligen Forts der alten Zeit sind unter sachkundiger Leitung eines Deutschen auch ganz moderne Batterien Krupp’scher Kanonen aufgestellt, die, wenn sie richtig bedient werden, jedem Feind schon Achtung einflössen könnten. Dagegen sind die ausserordentlich zahlreichen im Fluss verankerten Kriegsdschunken mit ihren kleinen, auf Zapfen drehbaren Kanonen wohl gegen Seeräuber und Schmuggler, aber nicht gegen europäische Kriegsschiffe brauchbar.

Gewaltig ist der Verkehr der Boote und Dschunken, die dem Dampfer nur unwillig ausweichen; höchst sonderbar sind die Heckradschiffe, deren Triebkraft aber nicht durch Dampf, sondern durch ein von 10–20 Kuli bedientes Tretrad geliefert wird. Diese Schiffe sollen erst seit 20 Jahren gebaut werden. Sie sind Nachahmungen europäischer bezw. amerikanischer, mit asiatischer Verwendung der überschüssigen und so billigen Menschenkraft statt des Dampfes; ferner ein Beweis, dass denn doch nicht die Mongolen durchaus starr und verknöchert auf dem bisherigen Standpunkt verharren. Dagegen sind die Boote mit grossen angemalten Augen[256] am Vordertheil selten geworden. Die Ufer werden bald flacher, Reis- und Gemüsebau wird sichtbar und ausserordentlich zahlreiche Dörfer, jedes mit einem vierstöckigen, granitnen, thurmähnlichen Gebäude. Das ist das Pfandleihhaus des Dorfes, wo die Leute im Sommer ihre Winterkleider versetzen und im Winter die Sommergewänder. Der Pfandleiher sorgt für sichere Aufbewahrung und ist sogar gegen gewaltsame Angriffe von Räubern gewaffnet; er nimmt nur 20–36 Procent. In der Stadt Canton giebt es über hundert Pfandleiher erster Classe.

Bald nach Mittag erscheint auf einem flachen Hügel die erste Pagode. Es ist dies ein neunstöckiger, schlanker und sich verjüngender Thurm, offenbar schon alt und etwas verfallen, mit Sträuchern in den Fugen und auf dem Dache, jedenfalls etwas ganz anderes, als wir uns unter diesem Namen vorstellen, übrigens kein eigentlicher Gebetstempel, sondern ein Bau, der die guten Geister herbeiziehen, die bösen besänftigen oder vertreiben soll.

Wir halten 12 englische Meilen unterhalb unsres Reiseziels, in Wampoa, welches den eigentlichen Hafen von Canton bildet; landen Reisende und nehmen neue ein; eine Stunde später, nachdem wir die merkwürdige Boot-Vorstadt passirt, in Canton selber, und werfen hier Anker vor der Fremden-Ansiedlung, der kleinen Insel Schamin. An’s Land bringt uns ein chinesisches Boot (Sampan), bemannt von einer tüchtigen Chinesin, die durch ein neusilbernes Schild auf der Brust mit eingegrabener englischer Inschrift als Angestellte des Hotels sich ausweist und natürlich ihre drei Kinder bei sich hat, denn die Familie besitzt keine andere Heimstätte.[257]

Sie lenkt den Kahn an die Landungstreppe, trägt unser Handgepäck, bringt uns in’s Gasthaus und erkundigt sofort, wann wir wieder ihre Hilfe brauchen werden.

Die Gastfreundschaft der Europäer in Canton ist noch ebenso hervorragend, wie früher, und wurde auch uns sowohl von dem Vertreter des deutschen Reiches, Herrn Lange, als auch von dem des norddeutschen Lloyd, Herrn Melchers, auf das liebenswürdigste angeboten; aber der Reisende ist heutzutage nicht mehr auf dieselbe angewiesen. Ebensowenig auf ein Nachtlager am Bord des Dampfers. Denn das Schamin-Hotel genügt mässigen Ansprüchen.

Freilich das Mittagsmahl nahmen wir bei Herrn Melchers und statteten auch dem internationalen Club auf Schamin einen Besuch ab.

Canton, chinesisch Kwang-chow-foo (Kwangtschou), liegt an dem linken oder Nord-Ufer des Perlflusses oder Chu-kiang, der hier eine Biegung von West nach Ost macht, und ist die Hauptstadt der Provinz Kwang-tung und eine der wichtigsten und grössten Städte des chinesischen Reiches. Die Bevölkerung wird auf 1600000 angegeben. Die alte Stadt ist etwa 3 Kilometer breit und hat einen Umfang von 10 Kilometern. Sie wird ganz und gar von einer Mauer umschlossen, die 6 Meter dick und 7–13 Meter hoch ist; die westliche Vorstadt wird jetzt als Neustadt bezeichnet.

Der gesammte Umfang beträgt 16 Kilometer, 16 Steinthore und zwei Wasserstrassen führen in’s Innere, das durch Mauern und feuersichere Thore noch in 36 Bezirke getheilt wird, um Feuersbrunst oder — Aufstand möglichst auf den Ursprungsheerd zu beschränken.

Canton ist der Hauptsitz des Vicekönigs der beiden Süd-Provinzen China’s, die den Namen Kwang führen (Kwang-tung[258] und Kwang-Su) und 40 Millionen Einwohner zählen, des Gouverneurs der erstgenannten Provinz und des Tatarengenerals, der die Besatzung befehligt; endlich ein chinesischer Musensitz ersten Ranges, — denn das Gebäude der Staatsprüfungen enthält gegen 15000 Einzelräume.

Die Stadt hat den ältesten Verkehr der Chinesen mit der Aussenwelt vermittelt und trägt dem neuesten Rechnung. Schon im 10. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung fuhren kühne arabische Seefahrer von den Häfen Westasiens bis nach Canton. 1516 landeten hier die Portugiesen, wurden aber wieder vertrieben.

Macao (an der Westseite des Eingangs zur Strasse von Canton) ist das einzige, was ihnen geblieben, und das auch nur durch eine Jahresabgabe von 500 taël, die sie bis 1848 an China gezahlt. 1886 hat die chinesische Regierung sogar eine Aufforderung an die portugiesische gerichtet, Macao[259] zu räumen!

Etwa hundert Jahre nach den Portugiesen erschienen in Canton die Holländer. Deren Erbschaft haben die Engländer angetreten. Obwohl bereits 1684 die ostindische Gesellschaft hier eine Handelsniederlassung gegründet, so ist Canton doch eigentlich erst 1842 dem Wortlaute des Vertrages nach und 1857 thatsächlich dem Welthandel eröffnet worden. 1885 betrug der Eingang an Schiffen europäischer Bauart:

1107 Dampfer mit 1 Million Tonnen und
1147 Segler .

Die deutsche Flagge kommt an zweiter Stelle, nach der englischen. Werth der Ein- und Ausfuhr 170 Millionen Mark, davon entfallen 78 Millionen Mark auf die Ausfuhr von Seide, Thee, Zucker, Matten, Cassia, Porzellan. Die Einfuhr besteht in Baumwollenwaaren, Reis, Weizen, Opium, Metallwaaren. Canton ist die erste Industriestadt China’s und ein hervorragender Markt für den inländischen Handel.

Früh erwache ich, am Mittwoch den 19. October und schaue das Gewühl der Boote, die durch den schmalen Canal zwischen Schamin und der eigentlichen Stadt mit Bambusstäben fortgestossen werden.

Schamin heisst Sandbank. 1859 ist hier eine künstliche Insel aufgeschüttet und den Europäern zum Wohnsitz übergeben worden. Dieselben haben Bäume und Rasen, eine Uferstrasse und hübsche Wege, bequeme Wohn- und grosse Geschäfts-Häuser, ein Hotel, einen Club, einen Cricket-Platz geschaffen, eine kleine Polizei-Truppe und ein Freiwilligen-Corps zur Feuerwehr und zur Vertheidigung errichtet. Denn nur ein schmaler Canal trennt ihren so ruhigen Zufluchtsort von dem betäubenden Gewühl der grössten echt chinesischen Stadt, wo man die Fremden hasst, mehr als irgendwo sonst in China, da die Erinnerung an die dreimalige Beschiessung seitens der Engländer noch im Bewusstsein der Einwohner lebendig geblieben ist. Es ist noch gar nicht so lange her, dass der Versuch gemacht wurde, die verhasste Fremden-Stadt nieder zu brennen. Aber die chinesische Regierung sorgte zärtlich für die letztere, aus dem einfachen Grunde, weil sie für jeden Schaden aufkommen müsste und erkleckliche Entschädigungssummen zu zahlen hätte. Laut Gesetz darf auf Schamin kein Chinese wohnen, der nicht von den Europäern als Diener angestellt und beherbergt wird. Laut Gesetz darf kein Chinese aus Canton nach dem Abendzapfenstreich auf der Insel verbleiben. Die Wache an der Hauptbrücke, die über den Canal führt, lässt Abends die Posaunen ertönen, die gar nicht so übel erklingen, und macht die Runde, um die Insel abzusuchen; schliesslich wird ein Signalschuss abgefeuert und das Thor geschlossen.

Die Bewaffnung dieser Soldaten ist höchst wunderbar, einige haben Hellebarden, andre kurze Carabiner mit trichterförmig erweitertem Ende des Laufes, wie wir sie aus den Abbildungen spanischer Räuber vom Anfang des Jahrhunderts kennen.

Sowie der Tag anbricht, wird der Verkehr wieder preisgegeben.

Sehr höflich öffnete mir die Wache das Thor, als ich um 7 Uhr Morgens über die Brücke schritt. Am Canal entlang sind die Läden kleiner Krämer, die alles Mögliche führen, auch Seifen, Knöpfe, Nadeln, Glassachen aus Deutschland und Oestreich; ferner die Gewölbe der Grosshändler voll Reis und Tabak, endlich Speisewirthschaften für die Fischer und Lastträger. Ich kann nicht sagen, dass die Chinesen meine Wiss- und Neubegier so freundlich befriedigten, wie ich dies früher in Tunis, Aegypten, vor Kurzem in Japan und später in Indien erlebte. Sie betrachten uns Europäer mit spöttischem Hohn, der noch dazu mit einem Gefühl von Ueberlegenheit gemischt ist. Kinder beweisen uns unverblümt ihren Abscheu, zeigen auch mitunter ein wenig Furcht vor den „rothen Teufeln.“ Hin und wieder hört man dies Schimpfwort (Fankei). Der Europäer muss gelassen bleiben. Dann geschieht ihm nichts. Nie kömmt es zu Thätlichkeiten. Gebildete Chinesen, die zu dieser Zeit an diesem Ort nur sparsam vertreten waren, benehmen sich anders. Einer kam auf mich los und sagte, indem er auf den johlenden Kinderhaufen wies: „Belly[260] young, no education.“

Herr Bischoff, der öfters im Innern von China gewesen, um Schmetterlinge und Vögel zu jagen, rühmte mir die Höflichkeit und Gastfreundschaft der Landbewohner, die unter freundlichem Grinsen mit ihrem Gruss: „Tchin, tchin“ den Fremden empfangen.

Um 8 Uhr pünktlich erschien, laut der Abends zuvor mit seinem Sohne getroffenen Verabredung, Herr Ah Cum, Canton City Guide, wie auf seiner Visitenkarte zu lesen ist, ein würdevoller alter Chinese mit Käppchen, Seidengewand und Filzstiefeln, den unvermeidlichen Fächer anmuthig mit der dürren Rechten bewegend. Er brachte, für sich und für uns drei, vier Sänften und 16 Träger mit. Vergeblich suchte ich, als der älteste der kleinen Gesellschaft, ihm unsren Feldzugsplan klar zu machen; wir wollten zwei volle Tage der Besichtigung Cantons widmen und Alles langsam und behaglich betrachten.

Mit überlegener Würde bewegte er seinen Fächer und sagte, er kenne das besser, wir würden das Alles sehr gut in einem Tage sehen. Er hatte Recht.

Erstlich sind die Sehenswürdigkeiten weder zahlreich noch entzückend für den Reisenden; zweitens kauft der letztere am zweiten Tage doch nichts mehr in den Läden, in welche er geschleppt wird: also fehlt der Nebenverdienst für Herrn Ah Cum Wohlgeboren. Uebrigens war die Schluss-Rechnung, die er machte, als mässig zu bezeichnen. Die Besichtigung, die er uns verschaffte, schnurrte so regelmässig ab, wie eine Rundfahrt in einem Caroussel.

Erstaunlich ist die Menschenanhäufung in den engen, kaum drei Schritt breiten, mit Granitschwellen gepflasterten und mit unzähligen farbigen, senkrecht herabhängenden Aushängeschildern geschmückten Geschäftsstrassen, durch welche unsre Träger nur mit Mühe und stetem Geschrei sich durcharbeiten. Zuerst kommt die Sänfte des Herrn Ah Cum, dann die meine, darauf die des Herrn Bischoff, dessen achtunggebietende Hühnengestalt die Ladenburschen zum Schweigen bringt, während sie nach der letzten Sänfte, des Jüngsten unter uns, öfters die Fäuste ballten und Schimpfworte ausstiessen. Wegen der Enge der Strassen und des steten Gewühls erscheint uns die ganze Stadt wie ein einziger Volks-Auflauf.

Was wir besuchen, sind I) Läden. Zuvörderst (1) einen, wo die bekannten Reispapier[261]-Malereien feil geboten werden. Ich kaufe ein Dutzend, welche chinesische Trachten, bis zu den kostbarsten, darstellen, für den billigen Preis von 90 Cts.; während die eifrigst angebotenen Hinrichtungsscenen meinen Beifall nicht finden. Unser Meister Hildebrandt hat sehr abfällig geurtheilt über diese Pinseleien. Natürlich ist der Kunstwerth sehr gering; aber der Preis ist es auch. Ein Künstler macht den Umriss, ein zweiter malt das Gesicht, ein dritter die Hände, ein vierter das Gewand. (Bessere Leistungen sah ich bei dem Miniaturmaler in Hongkong, bei dem ich meine Photographien kaufte.)

Sodann (2) kommt die Klein-Mosaik-Arbeit. Auf Spangen und andere Schmuckgegenstände von gepresstem Metall werden winzige Stückchen von Vogelfedern, die blau und purpur schimmern, mit höchster Geduld und Sorgfalt aufgeklebt. Damen, welche Halsketten aus kleinen, verschiedenfarbig strahlenden Muscheln tragen, werden auch an diesem Schmuck Gefallen finden.

Hierauf folgt (3 u. 4) Seiden-Weberei und Seiden-Stickerei. Die erstere wird auf dem Handwebstuhl betrieben, die letztere nur von Männern ausgeführt. Die besseren Läden haben alle ein Oberlicht-Fenster, ausserdem steht die Thür offen, so dass es nicht an Licht fehlt.

Beim Schwertfeger (5) sah ich dieselbe Uebung wie in Japan, abgeschliffene Haifischhaut auf die Holzscheiden geklebt.

Der Elfenbeinschnitzer (6) endlich suchte riesengrosse Schachfiguren, Fächer und Essstäbchen-Bestecke an den Mann zu bringen, sowie in einander geschachtelte Hohlkugeln, deren Herstellung uns ebenso überflüssig wie unbegreiflich vorkommt. Sie sind nicht etwa zusammengeleimt, sondern werden von aussen nach innen zu gearbeitet; sind auf der Oberfläche der soliden Elfenbeinkugel zwei kreisförmige Löcher bis zu einer gewissen Tiefe hergestellt, so wird mit eisernem Geisfuss der Zwischenraum zwischen den Löchern untergraben u. s. w.

Nachdem Herr Ah Cum durch den Versuch festgestellt, wie gross unsere Kauf-Kraft oder Lust war, brachte er uns zu der 2. Gruppe von Sehenswürdigkeiten, den Tempeln (II.), deren 800 in Canton sich befinden, aber nur zwei unseres Besuches für würdig erachtet wurden.

7) Der Tempel der 500 Genien oder Buddha-Schüler enthält, wie der Name besagt, 500 lebensgrosse, vergoldete Holzbildsäulen, von denen so manche uns lächerlich vorkommt. Eine Bildsäule trägt einen europäischen Hut und hat auch leidlich kaukasische Gesichtszüge und wird deshalb dem Reisenden mit besonderer Feierlichkeit als Marco Polo vorgestellt.

In der Nähe dieses Tempels ist der Edelstein-Markt. Die Chinesen schätzen den Nierenstein (Nephrit, englisch Jade), der aus dem Kuen-Lün Gebirge stammt, so hoch wie die Kaukasier den Diamant. Jeder Reiche schmückt sich und sein Weib mit Zierrath aus diesem Stein, Finger-Ringen, Armbändern u. dgl.; der Arme trägt Nachahmungen aus Glas.

8) Der Tempel des Schreckens zeigt eine gute Sammlung von Höllenmartern in plastischer Darstellung, das Kochen und Sieden der armen Seele, das Zersägen, Zerhacken, Zerstampfen. —

In einem Tempelthurm ist eine alte Wasseruhr. Vier Kupferbecken sind so übereinander aufgestellt, dass das Wasser von dem einen immer in das andere herabträufelt; in dem untersten ist ein Schwimmer mit Massstab. Der Wächter bezeichnet die Stunden durch weisse Tafeln mit grossen schwarzen Nummern. Zwei Mal am Tage wird das Wasser vom untersten Becken wieder in das oberste hineingefüllt. Die ganze Einrichtung war etwas schmutzig und schäbig, wie die meisten chinesischen „Tempel“, die ich gesehen. Doch hat man von hier eine hübsche Aussicht auf die Dächer von Canton.

Die dritte Art von Sehenswürdigkeiten (III) muss ich in Ermangelung eines besseren Namens als Vermischtes bezeichnen.

Natürlich wurden wir nach einem Gefängniss (10) geschleppt. Wer eine solche Besserungs-Anstalt im wirklichen Europa unsrer Tage oder in den altenglischen Staaten von Nordamerika oder in Neu-Japan besichtigt hat, kann Abscheu und Entrüstung nicht zurück halten, wenn er diesen niedrigen, schmalen, nur durch ein festes Gitter aus rohbehauenen Baumstämmen, nicht etwa durch eine Wand, von der Strasse abgetrennten Stall betritt, wo auf schmutziger Streu die halbverhungerten, auf Bettel- und Selbstbeköstigung angewiesenen, theils angeketteten, gelegentlich auch mit dem Kopf durch ein Holzbrett gestreckten Gestalten lagern und den Reisenden kläglich anbetteln. Ich eilte von dannen und hatte keine Lust, die „Marterwerkzeuge“ zu betrachten, die einer der Begleiter zu sehen verlangte und deren Existenz Herr Ah Cum würdevoll in Abrede stellte. Denn trotz aller Selbsteingenommenheit beginnen die Chinesen ihrer Strafvollstreckung sich zu schämen, wenigstens wenn Europäer dieselbe in Augenschein nehmen wollen. Auch die Zahl der Hinrichtungen (vom Gefängniss zum Richtplatz ist nur ein Schritt in China,) hat in letzter Zeit erheblich abgenommen.

Die Hinrichtungsstätte (11) ist eine Töpferwerkstatt auf einer schmalen Strasse. Der Töpfer holte flugs, als wir erschienen, einen Schädel aus einem Sack und öffnete die linke Hand für das Trinkgeld. Wohlweislich hatte ich Herrn Ah Cum bedeutet, dass wir das Köpfen eines Menschen keineswegs für ein sehenswerthes Schauspiel hielten; aber er hatte mich vollständig beruhigt.

Squeezi Pidgin oder Quälgeschäft heisst in dem englisch-chinesischen Kauderwälsch Ostasiens eine Gerichtsverhandlung; so könnte aber mit vollem Recht auch die chinesische Staatsprüfung genannt werden. Da sind in der Prüfungshalle (12) 12000 oder gar 15000 käfigartige Zellen vorhanden, in denen die unglücklichen Prüflinge streng abgeschlossen und im Schweisse des Angesichts ihre Kenntnisse von den „Klassikern“ zu beweisen haben. Kaum 150 von den 10000 erreichen alljährlich das Ziel, in die höhere Beamten-[262]Laufbahn hineinzuschlüpfen. Mit grosser Ehrfurcht zeigte uns ein Bogenschütze das ungeheure, jetzt ganz leere Gebäude, das auch uns Europäern, und mir insbesondere, der ich schon 23 Jahre als Universitätslehrer wirke, die grosse Wahrheit predigte: Prüfungen sind ein schreckliches, aber leider unvermeidliches Uebel.

Endlich erreichten wir das Ende der Stadt und den hohen und breiten Wall (13), der oben neueres Mauerwerk mit Schiessscharten und Hunderte von unbrauchbaren, nicht einmal mit Lafetten versehenen Eisenkanonen enthält. Neugierig las ich die Inschriften und fand vielfach die Jahreszahl 1814; es ist altes Eisen, das nach den gegen Napoleon Bonaparte geführten Kriegen ausgemerzt und wahrscheinlich von den Herrn Engländern für theures Geld an die damals auf diesem Gebiete noch unwissenden Chinesen verkauft worden ist. (Heute sind die „Himmlischen“ gewitzigter und kaufen neue Kanonen von Herrn Krupp und stellen auch deutsche Lehrmeister der Kriegskunst an.) Auf einem mächtigen Granittisch, in dem kleinen Gärtchen eines Thorwächterhäuschens, wurde das vorsorglich mitgenommene Frühstück (14) ausgepackt, das, wie gewöhnlich, aus gebacknen Hühnern und gekochten Eiern bestand; aber auch einige Flaschen Bier und Rothwein einschloss.

Wir sprachen herzhaft zu, Herr Ah Cum würdevoll. Auch erbat er sich einen Dollar zur Speisung der 16 Träger, wahrscheinlich gelangte die Hälfte dieses Geldes in seine eigne Tasche.

Dicht neben unserem Ruheplatz befand sich der fünfstöckige Thurm (Pagoda, 15,) ein riesiger, schön geschnitzter Holzbau, mit leiterartigen Treppen zu dem Oberstock, wo der Gott des Krieges und der des Schriftthums, aus Holz geschnitzt und sorgfältig lackirt, friedlich nebeneinander sitzen, umgeben von lärmenden Kindern und theeschlürfenden Wächtern. Von hier aus hat man eine weite Aussicht: einerseits auf die riesige Stadt, aus deren gleichförmigen Häusermassen die französische Cathedrale stolz und fremdartig emporsteigt, gerade so wie die russische in Tokyo, und auf den belebten Fluss; andrerseits auf unendliche Reisfelder und zahllose Grabhügel mit halbmondförmigen, gemauerten Grabstätten. Da hatten wir das Vergnügen, die Uebung einer Truppe chinesischer Soldaten zu sehen: der General wurde natürlich in einer Sänfte getragen, der Oberst war zu Pferde, liess aber würdevoll das letztere von einem Fussgänger am Zügel führen!

Der Rückweg brachte uns zunächst an einen Begräbnissplatz (16) reicher Fremden. Es sind für theures Geld gemiethete Grabhäuser, in denen geschmacklose, mit Flitter verzierte Püppchen stehen und die einfachen, aber dauerhaften, luftdicht verschlossenen Särge mit den Leichen, die hier so lange bleiben und von den Angehörigen besucht und verehrt werden, bis sie in die Heimathprovinz geschafft werden können. Obwohl die Särge ganz einfach sind und wie riesige Holzblöcke aussehen; so wird doch mit Lack grosser Prunk getrieben. Herr Ah Cum zeigte uns einen Sarg, der jeden Monat frisch lackirt wird und bereits 1500 Dollar gekostet hat. Die ganze Einrichtung wird verständlicher, wenn man berücksichtigt, dass in China kein höherer Beamter in derjenigen Provinz, in welcher er geboren ist, Anstellung findet; dass aber die Verehrung der Ahnen ein Begräbniss in der Heimath erfordert.

Hierauf gelangen wir in die Tatarenstadt (17), die eine besondere Umwallung besitzt.

Die Tataren sind, wie die Kosaken, Berufsoldaten, welche von dem stammverwandten Kaiser ihr Haus zum Lehn erhalten haben und mit Pferd und Waffen des Rufes gewärtig sind oder sein sollen. Denn die Pferde oder Ponnies, die man gelegentlich vor den einstöckigen Häusern sieht, sind recht verwahrlost. Die Tataren selbst mit ihren spitzen Gesichtern und herabhängendem Schnauzbart sehen den Slaven einigermaassen ähnlich.

Den Schluss der Besichtigungen macht ein chinesischer Club (18) der sehr prunkvoll eingerichtet ist, mit Holzschnitzereien, Gemälden, Springbrunnen, eingelegten Sesseln und Täfelung in den grossen Sälen.

Das Volksgewühl war Nachmittags noch grösser als Vormittags; aber alles ging ordentlich ab, der Polizist mit der alten Reiterpistole im Gürtel blieb ruhiger Zuschauer.

Der Nahrungsverkauf war in voller Blüthe, Thee, Reis, Gebäck, Fische, Spick-Enten, braungebratene (wie lackirte) Ferkelchen wurden allenthalben an den Mann gebracht. Raupen und Regenwürmer habe ich nicht gesehen und glaube, dass die Reisenden, welche davon sprechen, durch die herausgenommenen Eingeweide von Seethieren getäuscht worden sind.

Nachmittags um 4 Uhr konnte Herr Ah Cum von uns sich verabschieden, da er seine Aufgabe gelöst. Ich glaube seiner Führung und der Stadt Canton ganz gerecht geworden zu sein, indem ich die Sehenswürdigkeiten mit fortlaufenden Nummern bezeichnet habe.

Nach dem Mittagsessen bei Herrn Melchers liessen wir uns nach den Blumenbooten fahren. Das gilt für eine der grössten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Jeder Reisende wird dorthin geführt, viele haben es beschrieben. Ich kann mich ganz kurz fassen. Es sind grosse Boote, die dicht am Ufer und so nahe bei einander verankert sind, dass man zu Fuss von dem einen zum andern spazieren und diese schwimmende Vorstadt des Vergnügens bequem betrachten kann. Die ausserordentlich prächtigen Cajüten, von deren Decken Blumenkörbe herabhängen, stehen meist offen, man sieht einen oder mehrere offenbar wohlhabende oder wenigstens freigebige chinesische Herren beim Mahle oder beim Gläschen sitzen, in Gesellschaft von einer oder mehreren „Künstlerinnen“, die allerdings mit dem breiten, weiss geschminkten Gesicht, der ganz straff anliegenden Haartracht, den grossen Ohrringen und dem ausserordentlich gezierten Wesen uns wenig anmuthig vorkommen, wie auch ihr Guitarrengeklimper uns nicht sonderlich zusagt. Aber Würde und Anstand werden gewahrt, besser als in den Ball-Häusern der grossen Stadt Paris und andrer Weltstädte. Auch von dem fremden Reisenden wird erwartet, dass er der Würde des Ostens Rechnung trage und seine Blicke nicht allzu neugierig umherschweifen lasse.

Am nächsten Vormittag (Donnerstag, den 20. October) fuhren wir in dem Boot unserer tüchtigen Chinesin nach dem Missions-Krankenhaus. Unterwegs hatten wir Gelegenheit die schwimmende Vorstadt von Canton kennen zu lernen.

Jedes Boot ist Heimstätte einer Familie. Ueber 300000 Menschen leben auf dem Fluss und haben niemals eine Wohnung auf dem Lande gehabt. Dieser Zustand hat von Geschlecht auf Geschlecht sich vererbt. In regelmässigen Strassen liegen die Boote verankert; jedes hat eine eigne Boje, die leicht wiederzufinden ist. In der kleinen und niedrigen Cajüte schläft die Familie. Auf dem hinteren Ende striegelt Morgens die Frau ihre Kleinen und bereitet das Frühmahl. Der Mann geht auf Arbeit, die Frau sucht mit der Wasserdroschke Nebenverdienst.

Es giebt auch Flussbettler, die nie an’s Land kommen, namentlich Aussätzige mit verstümmelten Händen, die noch eben das Ruder und die Stange führen können: sowie der Dampfer sich zur Abfahrt füllt, erscheint der Bettler in seinem Boote unter kläglichem Geschrei und erhebt eine lange Stange mit einem kleinen Beutelchen, in welches der mildherzige Fremde eine Münze wirft.[263]

Das Missions-Krankenhaus ist eine seltsame Einrichtung. Es gewährt religiöse Belehrung, ärztliche Hilfe und medizinischen Unterricht. Der eigentliche Leiter, der alte und verdienstvolle Dr. Kerr, war nicht zugegen, wohl aber Herr Dr. Swan und Fräulein Dr. Niles, sowie zwei chinesische Gehilfen. Die Leidenden, welche für ihre Schmerzen Linderung suchen, müssen erst eine längere Predigt anhören, bis die ärztliche Thätigkeit beginnt. Die Kranken, welche aufgenommen werden, erhalten eine Pflege und Nahrung, wie sie einfacher und billiger nirgends in der Welt geliefert wird; 1267 in’s Krankenhaus aufgenommene Menschen wurden für 1800 Dollar verpflegt![264] Die Operationserfolge sind recht mittelmässig. 50 Fälle von Star-Schnitt lieferten 5 Verluste, 14 mittelmässige, 31 befriedigende Erfolge. Aber die „befriedigenden“, welche ich sah, haben mich nicht befriedigt.

Zwei junge Frauen im Alter von 20 Jahren wurden wegen (cystischer) Geschwulst im Unterleib operirt, beide starben, die eine vier, die andere fünf Tage nach der Operation. Natürlich ist dies eine kleine Reihe, aber der Eindruck auf die Chinesen, welche davon hören und an solche Eingriffe nicht gewöhnt sind, muss ein sehr peinlicher sein. So sehr ich geneigt bin, dem Opfermuth und der Schaffensfreude dieser Prediger-Aerzte meine Anerkennung zu zollen; die Verquickung von Frömmigkeit mit etwas Wundarzneikunst ist nicht geeignet, die Liebe der harten Chinesenherzen zu gewinnen. Mir schien es sehr zweckmässig, wenn ein gut geschulter deutscher Wundarzt in Canton ein rein ärztliches Krankenhaus eröffnete, um die Zuneigung der Himmlischen für unser Vaterland zu stärken. Auch Herr Generalconsul Budler, dem ich meine Ansicht mittheilte, war auf Grund seiner reichen Erfahrung schon lange zu derselben Ueberzeugung gekommen.

Je mässiger die Erfolge, um so seltsamer das übertriebene Selbstlob in dem gedruckten Bericht.[265]

Der ärztliche Unterricht, der in dem Krankenhaus chinesischen Jünglingen gewährt wird, kann natürlich nur mittelmässig sein; denn hier, wie überall heisst es, erst lernen, dann lehren: noch dazu wird er nur unter der Bedingung ertheilt, dass die Studenten zum Missionswerk sich verpflichten. Kurze Auszüge aus europäischen Lehrbüchern sind in chinesischer Sprache gedruckt und werden im Krankenhaus feilgehalten.

In dem Krankenhaus gelang es mir auch, die verkrüppelten Füsse einer (ganz blinden) Chinesin zu sehen, aber nur mit vieler Mühe, nach langer Ueberredung; denn sie sind ebenso schamhaft, ihren Fuss, wie unsere Frauen, ihren Körper zu entblössen.

Die Zehen des Fusses werden bei den kleinen Mädchen nach unten eingebogen, — wie wenn man die Finger in die Handfläche hineinbeugt, — und in dieser Stellung durch Binden festgehalten.

Der Schuh der erwachsenen Chinesin ist nicht grösser, als bei uns der eines einjährigen Kindes, aber die Ferse bleibt draussen. Die Chinesin geht also auf der Rückenfläche der Zehen, selbstverständlich nicht sicher, und braucht einen Stock oder eine Magd als Stütze.

Von allen Modethorheiten des Weiberputzes ist dies eine der unsinnigsten. Die Frauen aus dem Volke in Canton und Hongkong, die für ihre Familie so tüchtig sorgen, lassen sich auf diesen Unfug nicht ein.

Vom Krankenhaus fuhren wir nach den Blumen-Gärten in der westlichen Vorstadt. Hier wird der Zwergwuchs der Bäume künstlich gepflegt, und aus Sträuchern die verschrobensten Gestalten gebildet, wie Menschen, Delphine, Schiffe; die Köpfe, Augen und sonstige Theile sind aus Thon gebildet und eingesetzt.

Nachmittags um 5 Uhr bestiegen wir wieder den Dampfer, beobachteten, dass auch die Chinesen im Perlfluss rothe und grüne Signallaternen zur Bezeichnung des Fahrverkehrs unterhalten, und gelangten um Mitternacht in den prachtvoll erleuchteten Hafen von Hongkong zurück.

Am nächsten Morgen entnehme ich auf Grund meines (von der Berliner Discontogesellschaft ausgestellten) Creditbriefes Reisegeld auf der Bank von Indien, China und Australien und kaufe in dem Geschäftshaus der P. & O. meine Fahrkarte Hongkong-Colombo für 175 Dollar. Der Dampfer „Brindisi“ wird am 27. October abfahren. Ich habe mehrere Tage ohne genügende Beschäftigung in Aussicht. Das ist auf solcher Reise nicht zu vermeiden. Die Zahl der Dampfer ist doch zu klein. Ich hätte am 19. October mit dem französischen Dampfer (M. M.) abfahren können; dann würde ich Hongkong im Fluge und Canton gar nicht gesehen haben. So aber hatte ich genügend Zeit und besuchte sogar das Museum von Hongkong, im Stadthaus, was die ansässigen Landsleute weidlich bespöttelten. Ich fand auch keinen Europäer ausser mir, aber viele Chinesen. Das Museum wird grossentheils durch freiwillige Beiträge unterhalten, ist täglich von 10–5 Uhr offen, ohne Eintrittsgeld, und enthält: 1. culturgeschichtliche Sammlungen, wie Modelle chinesischer Dschunken und Sampan, Gebrauchsgegenstände aus Formosa, Timur, Japan; 2. zoologische Sammlungen, wie Vögel, Schlangen, Insekten aus Asien; endlich 3. Seltsamkeiten, wie von Insecten ganz und gar zerfressene Holzpfeiler, und eine japanische Meermaid. (Es ist ein Fisch, verbunden mit dem geschnitzten Oberkörper eines Mädchens.)

Nach dem Frühstück fahr ich auf den Pik mit der Drahtseilbahn. Die Dampfmaschine, welche das Drahtseil bewegt, steht oben; in der Mitte ist eine kleine Ebene, wo der von unten und der von oben kommende Wagen aneinander vorbeifahren. Die Erhebung ist ziemlich steil.[266] Die Kunst der Anlage wird hier in Asien sehr bewundert. Uns Europäer fesselt mehr die Aussicht von den offenen Wagen, die unvergleichlich schön ist, auf den von Schiffen und Booten wimmelnden Hafen, die kleineren Inseln, die gegenüberliegende Küste, wie auf die gartengeschmückte Vor- oder Oberstadt mit ihren stattlichen Wohn- und Landhäusern; Abends auf ein Lichter-Geflirr, das wie ein geschmackvolles Feuerwerk aussieht. Oben auf der Pass-Höhe (Gap)[267] befinden sich, ausser Polizei- und Telegraphen-Station sowie Halteplätzen für Kuli mit Tragsesseln, Palankin und Reiteseln, mehrere neue geräumige und vornehm gehaltene Hotels, die ersehnten Zufluchtsstätten für die europäische Colonie, während der heissen Zeit vom Mai bis October. Leider sind es mehrere, der Wettbewerb schmälert den Verdienst, zumal in einer solchen Zeit der Geschäftsstille, wie jetzt gerade, wo der fallende Werth des Silbers in den Silberländern Ostasiens sich sehr fühlbar macht.[268] Das beste ist Mt. Austin Hotel. Entzückend ist die Aussicht von dem Haus wie von mehreren eigens hergerichteten Ruhebänken in der Nähe desselben auf das gegenüberliegende Festland von China mit den Werften und Schiffen von Cawloon, auf das eben auftauchende chinesische Städtchen gleichen Namens, berühmt durch seine kleinen und zierlichen Spielhöllen, auf die Inseln der Meeresstrasse und die wohlgebaute Stadt Victoria nebst ihrem reichgefüllten Hafen. Noch umfassender ist die Aussicht vom eigentlichen Pik (1800 Fuss), wo eine Signalstange errichtet ist und Kanonenschüsse beim Eintreffen der Postdampfer abgefeuert werden. Hier sieht man mehr von der Stadt Victoria, namentlich von dem westlichen Chinesenviertel; sowie auch von der Rückseite des Höhenzuges bis zum Südufer der Insel. Ein reicher Hindu hat hier einen hübschen Aussichtsthurm und einen gutgepflegten Garten zum Vergnügen des Volkes gestiftet.

Abends schlendre ich noch, mit einer amerikanischen Familie von der Empress of Japan, durch die Hauptstrassen des Chinesenviertels von Hongkong und besuche das Chinesen-Theater. Aber wir verstanden das Lustspiel nicht recht, trotz des Dolmetschers, den der amerikanische Herr angenommen, — ein vornehmer Jüngling heirathet nicht die Reiche, welche die Eltern ihm ausgesucht, sondern eine Schönere; — und verliessen unsere theuren Logenplätze, (jeder hatte 1 Dollar zu zahlen,) da dicht neben uns einige Kuli Platz nahmen, die nichts als Hosen anhatten. Der braune, kräftige Oberkörper erschien zwar dem ärztlichen Auge wohlgebildet und ebenmässig; aber unsre Dame war mit der Nachbarschaft weniger zufrieden.

Sonnabend, den 22. October Vormittags, ziehe ich aus dem unordentlichen Fuchsbau des Hongkong-Hotel hinauf nach Mount Austin, wo ich ein schönes Zimmer im ersten Stock, vorn mit eignem Balcon, hinten mit eignem Bad, nebst guter Verpflegung (natürlich ohne Wein) für 6 Dollar täglich erhalte. Mein Nachbar ist unser ebenso erfahrener und gelehrter, wie liebenswürdiger General-Consul Budler,[269] der nach Beendigung seiner amtlichen Thätigkeit hier oben an einem „deutschen“ Stammtisch seine Mahlzeiten zu nehmen pflegt. Die Bewohner des Hotels erhalten Tageskarten zur beliebigen Benutzung der Drahtseilbahn für 40 Cts., während sonst jede einzelne Fahrt 25 Cts. kostet.

So wie ich mein Zimmer eingerichtet, wandere ich zu Fuss nach der mir noch unbekannten Südseite der Insel. Zunächst tritt der ursprüngliche Charakter des öden Felseneilands noch deutlich hervor; aber hier, wie überall in englischen Colonien, sind die Wege vortrefflich. Sie sind das Werk der zahlreichen chinesischen Uebelthäter, die von den südlichen Provinzen des Reiches der Mitte, wo ihnen der Boden unter den Füssen zu heiss geworden, nach dem bequemen Zufluchtsort Hongkong geflohen, hier aber sich so ausgezeichnet haben, dass die englische Regierung ihnen wohl freie Wohnung und Nahrung auf längere Zeit bewilligte, jedoch gleichzeitig mit mildem Zwange sie ersuchte, durch Anlegen von Strassen sich möglichst nützlich zu machen.

Ferner hat man erfolgreiche Versuche unternommen, Föhren anzupflanzen. Der Zickzack-Weg führt erst bergab, dann bergeben, endlich wieder gegen die Südküste zu bergauf. Aber schon auf dem ersten Theil hat man eine schöne Aussicht auf die mit Gebäuden gekrönten Hügel der Südküste und das jenseitige Meer; vor der Küste liegt ein künstlicher Teich für die Wasserleitung, der dem fernen Beschauer in derselben Ebene zu liegen scheint, wie das Meer, in der That aber mehrere hundert Fuss höher liegt.[270] An der Südküste finde ich auf steilem Hügel in beherrschender Lage ein grosses Gebäude in gothischem Stil; ein langbärtiger, etwas blasser Herr raucht auf hohem Balcon behaglich seine Pfeife und erwiedert meine Frage, ob ich eintreten könne, mit bejahender Handbewegung. Aber die Sprache ist hier französisch, — zum zweiten und vorletzten Male auf meiner Reise, auf der ich allerdings französische Colonien nicht berührt habe. Es ist Bethanie, eine Heilstätte für die französischen Missionäre in China und Hinterindien, wo sie von Fieber und Ruhr Genesung und Erholung suchen. Die Herren waren, wie immer die katholischen Priester, ausserordentlich liebenswürdig und auch sehr gebildet, denn der Verkehr mit den verschiedensten Menschen und in den verschiedensten Ländern kann nicht verfehlen, einen sehr günstigen Einfluss auszuüben.

Der Blick schweift in die Weite, auf das südchinesische Meer, haftet in der Nähe auf dem herrlichen Garten voll tropischer Blumen und Sträucher; namentlich fesselte mich die Pflanzung der feigenähnlichen Melonen- oder Papaya-Bäume, deren Früchte ein Verdauungs-Ferment enthalten.[271] Das letztere wird ja in der Heilkunde verwendet, erstlich bei Verdauungsstörungen, zweitens, um krankhafte Ausschwitzungen (diphtherische Beläge) zu bepinseln und aufzulösen. Aber die Asiaten, welche weder Physiologie noch Heilkunde verstehen, haben doch, wie mir der Priester erzählte, die Wirkung der Pflanze kennen gelernt und benutzen die Blätter, um zähes Fleisch verdaulicher zu machen: was um so bemerkenswerther scheint, als die wirkliche Heimath der ganzen Gattung (Carica) im tropischen Amerika zu suchen ist.

Nach dem Spaziergang von 2×3 km, der in den Tropen mehr bedeutet als bei uns, mundete mir das Frühstück vortrefflich. Danach wanderte ich zu Fuss bergab, um die öffentlichen Gärten Hongkongs, die auf halber Höhe liegen, kennen zu lernen. Der Garten ist mit grossem Geschick terrassenförmig angelegt. In der Mitte der Hauptterrasse, die eine hübsche Aussicht auf Meer und Ufer gewährt, steht ein grosser Springbrunnen. Seine Bronze-Nymphen sind allerdings mittelmässig, aber das Becken ist mit Papyruspflanzen geziert. Hier kann man die Bevölkerung Hongkongs studiren. Die Europäer sind allerdings hauptsächlich durch Kinder und vereinzelte Väter vertreten; aber die sogenannten Portugiesen (Mischlinge) erscheinen schon in grösserer Zahl und höheren Altersstufen, gelbbräunliche Mädchen mit krausem, schwarzem Haar; am zahlreichsten sind natürlich die Chinesen, nicht bloss Kinder, Männer und Frauen, sondern auch einzelne feine Herren in blauseidenem Gewande, mit tadellosem Zopf und Englisch.

Aber die Hauptsache sind in dem Garten die Pflanzen. Palmen verschiedener Art, Akazien mit wundersam feinem Fiederblattwerk, australische Farn, indische Feigenbäume, chinesische Rosen und duftende Michelien entzücken den Europäer eben so sehr, wie sie den daran gewöhnten Asiaten gleichgiltig lassen.

Einer der herrlichsten stundenlangen Spaziergänge mit prachtvollen Aussichtspunkten ist Bowen road. Dieser Weg führt über den verdeckten Canal, welcher von einem künstlichen Teich, östlich von Hongkong, die Stadt mit gutem, frischem Wasser versorgt.

Die folgenden Tage gaben mir reichlich Musse, in meinem Zimmer und an den schönen Aussichtspunkten einige gute Bücher über China zu lesen, die der Herr General-Consul mir verschaffte und aus seinem reichen Erfahrungsschatz erläuterte; auch versorgte er mich mit deutschen Zeitungen, die bis zum 24. September reichten und zu meiner grossen Beruhigung das Freibleiben Berlins von der Cholera-Seuche meldeten.[272]

Natürlich, von China wissen wir ebenso wenig, wie von Japan, und glauben erst recht, diese Kenntniss nicht zu gebrauchen. Aber das ist eine sehr beschränkte Weltanschauung. Womit lassen wir die Neuzeit beginnen?

„Pulver, Compass, Buchdruck und Amerika.“ Aber

„Pulver kannten die Chinesen,

Konnten auch Gedrucktes lesen,

Sind mit Compass selbst zu Schiff gewesen,

Und Amerika war immer da,

Stets wie jetzt uns fern und nah.“[273]

Die einzige Entschuldigung, die ich für unsere Unwissenheit gelten lasse, ist die Unmöglichkeit, neben den wichtigen Thatsachen der neueren Naturforschung und neben der Geschichte unserer eigenen jüngeren Culturentwicklung noch die der älteren Völker genau zu erlernen und sicher zu behalten.

Die Erzählungen der Chinesen greifen zurück bis 2700 v. Chr., aber zuverlässige Zeitrechnung reicht nur bis 841 v. Chr.

Höchst anziehend sind die Sagen von den ältesten Kaisern. Shin-nung (angeblich 2737 v. Chr., 416 J. nach der Sint-Fluth) wird gepriesen als Erfinder des Pfluges. Noch heute beweist der Kaiser von China seine Hochachtung vor dem Ackerbau, indem er mit eigner Hand ein Stück Ackerland umpflügt.

„Wie heisst das Ding, das Wen’ge schätzen,

Doch ziert’s des grössten Kaisers Hand.“

Shin-nung soll auch die ersten Forschungen über Heilkräuter angestellt und ein Buch über Pflanzenkunde (Hon-zo) geschrieben haben, das die für alles Alte schwärmenden Chinesen noch heute zu zeigen sich erkühnen.

Der Kaiser Hwang-ti (angeblich 2697 bis 2597 v. Chr.) wird geschildert, wie er weisheitsvoll auf seinem Throne sass, umgeben von seinen Lehrern, und die fünf Elemente auffand (Wasser, Feuer, Holz, Metall, Erde) und das männliche und weibliche (thätige und leidende) Princip (Yo und In) und die fünf Haupttugenden (Barmherzigkeit, Rechtschaffenheit, Ordentlichkeit, Weisheit, Treue) erkannte. Er soll auch die Grundgesetze der Heilkunde aufgestellt und dieselben seinen geliebten Unterthanen mitgetheilt haben.

In der dritten Dynastie (Tscheu, 1123–246 v. Chr.) wurde das Feudalsystem gegründet, 552 Confutse geboren. Schihoangti, von der vierten Dynastie (Tsin[274] 246–206 v. Chr.) begründete Alleinherrschaft des Fürsten und Einheit des Reiches, das er vergrösserte und durch die grosse Mauer nach Norden schützte. Es folgten viele Bürgerkriege und Spaltungen. Seit 65 n. Chr. breitete sich die Buddha-Lehre aus.

Um 700 n. Chr. war die Glanzzeit der Chinesen, das Reich gross und geeint, die Wissenschaften in Blüthe, der Buchdruck erfunden.

1260 war der Mongole Kublai (19. Dynastie), Enkel von Dschengis-Chan, Herrscher von China und empfing Marco Polo in Chanbaligh, dem heutigen Pecking. Die Eroberer nahmen die Sitten der Unterjochten an. Ein Buddhapriester vertrieb die Mongolen wieder und wurde als Kaiser Taitsu Stifter der Ming Dynastie (der XX., 1368 bis 1644). Katholische Missionäre kamen nach China. 1644 eroberten die Mandschu-Tataren die Hauptstadt und begründeten die jetzige (XXI.) Tsing-Dynastie. Der erste Kaiser Schuntschi hatte den Unterricht eines deutschen Jesuiten genossen und räumte ihm grossen Einfluss ein. Unter seinen ersten Nachfolgern erhob sich China zu bedeutender Macht. Seit 1735 wurden die Christen verfolgt. Seit Anfang dieses Jahrhunderts herrschten Unruhen.

1841 begannen die Engländer den ersten Opiumkrieg, da die chinesische Regierung in Canton ihnen das Opium, dessen Einführung sie verboten hatte, fortnahm. Die Chinesen mussten Entschädigung zahlen, Hongkong abtreten und fünf Häfen eröffnen, die sie aber nicht bloss den Engländern, sondern allen Nationen freigaben. Die Franzosen erlangten in ihrem Vertrag Freigebung des christlichen Bekenntnisses.

Nach dieser Niederlage der Mandschu-Dynastie rührten sich die Mingchin, die Anhänger der alten, echtchinesischen Ming-Dynastie. Ein im Staatsexamen durchgefallener Gelehrter aus Kwantung, Hung-Siutsuen, der zum Christenthum hinneigte, sammelte seine Stammesgenossen, schlug die kaiserlichen Truppen, wurde 1851 als Begründer der neuen Dynastie Taiping (grosser Friede) ausgerufen und eroberte sechs Provinzen mit der alten, jetzt neuen Hauptstadt Nanking.

Da die Engländer, trotz des Vertrags, mit dem Handel in Canton wegen des Widerstands der Chinesen nicht vorwärts kamen; so benutzten sie als Vorwand die Wegnahme eines unter englischer Flagge segelnden chinesischen Schiffes, bombardirten und eroberten im December 1857, zusammen mit den Franzosen, die Stadt Canton, und rückten im October 1860, nach dem Siege bei Palikao, wo 7000 Europäer 50000 Chinesen in die Flucht trieben, nach Pecking vor, wo die Franzosen den Sommerpalast des Kaisers schmählich plünderten. Jetzt trat China, unter Regentschaft des Prinz Kong für den minderjährigen Kaiser, in geregelte Beziehung mit den europäischen Mächten und schloss 1861 auch einen Vertrag mit Preussen, gleichzeitig für den Zollverein.

Die Franzosen und Engländer vertrieben nunmehr die Rebellen aus Shangai und richteten für die Chinesen Fremdenlegionen ein, mit deren Hülfe die Taiping-Revolution 1863 durch Eroberung von Nanking beendigt wurde. Zwei Millionen Menschen hatte dieser Bürgerkrieg hinweggerafft und die Thee- und Seidenbezirke stark geschädigt.

England, Frankreich, Russland hatten Krieg und haben Streitigkeiten mit China. Deutschland war stets, und ist heute mit China gut befreundet und kann bei geschickter Ausnutzung seines Einflusses eine bedeutsame Rolle in Ostasien spielen.

Unsere friedliche Flotten-Demonstration vom Jahre 1875, wegen des Angriffs auf den deutschen Schooner Anna, hat wirksam zur Unterdrückung der Seeräuberei an den chinesischen Küsten beigetragen.

Mit Amerika steht China schlecht, seitdem 1882 die Einwanderung von Chinesen nach den Vereinigten Staaten verboten wurde. Mit Russland drohte bereits Krieg wegen Kuldscha, doch gelang es noch 1881 einen annehmbaren Frieden zu schaffen. Mit Frankreich entstand 1882 Krieg wegen Annam und Tonking, die Chinesen waren 1885 bei Langson siegreich, gestanden aber, im Frieden von Tientsin, den Franzosen die Oberherrschaft von Annam und die Einverleibung von Tonking zu. Jedenfalls hat dieser Krieg gezeigt, dass die Chinesen in den letzten 20 Jahren ganz erhebliche Fortschritte gemacht haben.

Die Redensart neuerer Schulbücher der Weltgeschichte, „China sei eine balsamirte Mumie, mit Hieroglyphen bemalt und mit Seide umwunden,“ nöthigt ein mitleidiges Lächeln Jedem ab, dem es vergönnt war, den Schleier Asiens auch nur an einem kleinen Zipfelchen empor zu heben.

Der merkwürdigste und bekannteste Chinese ist der weise Khung-futse[275]. Geboren 551 v. Chr., zu einer Zeit der grössten Verwirrung und Streitigkeit zwischen den verschiedenen Lehnsfürsten, hatte er zu 22 Jahren bereits begeisterte Zuhörer, obwohl er grosse Ansprüche an deren Fleiss- und Fassungskraft[276] stellte, und mit 30 Jahren war er „fest“. Voll Begeisterung für die weisen und guten Kaiser der alten Chow-Dynastie, für die alten Gebräuche und die alte Musik des Kaisers Sun verfasste er das Buch der Gesänge und das Buch der Geschichte (Schi-king und Schu-king); übernahm das Amt eines Bürgermeisters der Stadt Chung-too in dem Herzogthum Loo und erzielte so ausgezeichnete Erfolge, dass der Herzog ihn zum Justizminister ernannte.

In diesem Amt zeigte er ebensoviel Muth wie Geschick. Die Verbrechen verringerten sich soweit, dass die Strafgesetze nur selten zur Anwendung gelangten. Als ein Vater seinen eignen Sohn anklagte, setzte Confucius beide in’s Gefängniss, den Vater, weil er seinen Sohn niemals in der Kindespflicht unterwiesen. „Verbrechen liegt nicht in der Menschen-Natur. Der Vater in der Familie ist verantwortlich für Verbrechen gegen Kindesliebe und die Regierung im Staate für solche gegen die Staatsgesetze. Ein Fürst, der nachlässig ist in der Veröffentlichung der Gesetze und doch streng nach dem Buchstaben straft, handelt wie ein Schwindler.“ Er wirkte hauptsächlich durch gutes Beispiel und verbreitete Frieden und Ruhe im Lande. Trotzdem fiel er in Ungnade und musste sein Amt aufgeben.

Die kriegerischen Zeitläufte waren dem Wirken des Weisen nicht günstig. Er begann ein Wander-Leben und blieb trotz aller Misserfolge voll Selbstvertrauen und Ueberzeugung, im sechzigsten Jahr wie im dreissigsten.

Zurückgekehrt in seine Heimath Loo, verbesserte und vervollständigte er die früheren Werke und verfasste die Frühling- und Herbst-Annalen (Ch’un ts’ew), das einzige Werk, das er von Anfang bis zu Ende selbst geschrieben. Aber, so hoch er selber das Werk schätzte, seine Landsleute ziehen die Sammlung seiner Aussprüche vor. (Lun yu, Confucius’sche Analekten.)

Im Alter von 73 Jahren starb der Weise, nachdem er auf das genaueste das Begräbnissceremoniell festgestellt und seine Klage darüber ausgesprochen, dass im ganzen Reiche kein einsichtsvoller Fürst sei, der ihn um Rath frage. Sein Grab ist noch heute erhalten und hochverehrt.

Kein Mann ward so missachtet bei Lebzeiten und so verehrt von der Nachwelt, wie Confucius. Er gab die leitenden Grundsätze für alles Grosse und Edle im chinesischen Leben seit mehr als zwei Jahrtausenden. Sein System ist in den drei Werken seiner Schüler enthalten: Lun Yu (C’. Analekten), Ta He[)o] (grosse Lehre), Chung Yung (Mittel-Strasse).

Confucius vermied alle Beziehungen auf das Uebernatürliche. Der Mensch ist der Meister seines Geschicks und entwickelt durch Tugend seine Natur, dann bildet er eine Dreieinigkeit mit Himmel und Erde. Das ist die Stellung der idealen Männer im Universum. Die Art der Menschen ist gut von Natur. In dem Weisen erreicht die Natur ihre höchste Entwicklung.

Der Himmel (Shang-te) schafft und regiert Alles, aber Gebet ist überflüssig; Geister (der Ahnen) müssen verehrt werden, aber es ist am besten, sich nicht mit ihnen einzulassen. Noch heute wird Shang-te in einem bilderlosen Marmortempel bei Pecking verehrt.

Nächst dem Weisen kommt der hervorragende Mann. Er ist Fehlern unterworfen, aber sie gehen vorüber, wie die Verfinsterungen der Sonne, und, indem er das ihm eingepflanzte Gute sorgfältig ausbildet, wird auch er gleich Himmel und Erde. Die vollständige Lauterkeit ist sein Wesen. Confucius selber gesteht zu, diese Stufe noch nicht erreicht zu haben. Wenn je der Fuss des hervorragenden Mannes ausgeglitten, so handelt er wie der Bogenschütze, der, nachdem er die Mitte der Scheibe verfehlte, nachforscht und die Ursache in sich selber sucht. Er erzieht sich so, dass das Volk glücklich wird. Wohlfahrt des Volkes war die stete Sorge des Confucius.

Aber keiner wird ein hervorragender Mann, ohne sich zu unterrichten; kein Edelstein kann benutzt werden ohne Schliff. „Mit 15 Jahren, sagt Confucius, war mein Geist gerichtet auf das Lernen, mit 30 war ich fest, mit 40 hatte ich keine Zweifel, mit 50 kannte ich die Gebote des Himmels, mit 60 war mein Ohr gehorsam die Wahrheit aufzunehmen, mit 70 konnte ich dem Zuge meines Herzens folgen, ohne den Weg des Rechtes zu überschreiten.“

Mit gründlichem Lernen muss ein fester und reiner Wille verbunden werden. Was du nicht willst, das man dir thu’, füg’ keinem andern zu. Tugend erhebt den Menschen zur Gottheit. Sie muss um ihrer selbst willen gepflegt werden. Die Regierung eines Landes ist die Probe für die Tugend des Herrschers; ein Fürst, der durch Tugend regiert, ist wie der Polarstern. Zur Tugend gehört Muth, Wohlwollen, Gesetzessinn, Treue. Ein Mann ohne Treue ist ein Boot ohne Ruder. Der Vater der Familie ist das Vorbild des Herrschers. Die erste Tugend ist Sohnesliebe. Das Verhältniss von Mann zu Weib ist wie vom Himmel zur Erde.[277] Der Mann sei stark und die Frau sanft.

Der höhere Mann, der seinen Haushalt gut verwaltet, ist geschickt, den Staat zu regieren. Dem friedlichen und glücklichen Zustand des Staates hat Confucius seine ganze Sorgfalt und Einsicht gewidmet. Als man ihn fragte, ob Unrecht durch Güte zu vergelten sei, erwiederte er: „Und wie willst du dann Güte vergelten? Vergelte Unrecht mit Gerechtigkeit und Güte mit Güte.“[278]

Der Einfluss von Confucius’ Schülern war bedeutend und als, wie es heisst, auf Befehl des Kaisers Tsching-wang alle Bücher verbrannt werden mussten, wurden die des Confucius in den Wänden der Häuser und unter der Erde verborgen oder in dem Gedächtniss der Getreuen. Mit der Han-Dynastie (206 v. Chr.) begann eine neue Blüthe der Confucischen Literatur. Die grössten Ehren wurden auf den Weisen gehäuft, er wurde nachträglich zum Grafen, Fürsten, König ernannt und wird noch heute vom Kaiser wie von seinem letzten Unterthan verehrt.

Er war ein echter Chinese und wusste, was seinem Volke passt; seine Sittenlehre scheint zweckmässig dem Herrscher wie dem Beherrschten, seine Schriften sind Gegenstand des Studiums für Alle und Gegenstand der Prüfung. 40 Generationen des zahlreichsten Volkes der Erde lauschen den Worten dieses Mannes.

Ein sehr seltsames Buch, das ich gleichfalls dem Herrn General-Consul verdanke, ist das über die tugendhaften Weiber. (Englisch von Miss A. C. Stafford. Kelly & Walsh, Shanghai u. Hongkong, 1891.) Der erste Anfang des Buches ist vor 2000 Jahren geschrieben, dann wurde es im Laufe der Zeit vervollständigt. Es enthält die bescheidene, zartfühlende Sittenlehre des Confucius, nach der diese Frauen des Ostens sich richten, und höchst eigenartige Geschichten: von der kühnen Frau, die dem wilden Bären entgegentrat, um ihrem kaiserlichen Herrn das Leben zu retten; von der schönen Prinzessin, die den armen Gelehrten geheirathet, erst bitterlich weinte, dass sie ihre seidnen Kleider nicht tragen durfte, dann aber entschlossen den Krug ergriff und Wasser für die Wirthschaft holte; von der treuen Mutter, die ihren Sohn aus dem Gefängniss erlöste; von der klugen Frau, die den Mägden das Schwatzen verbot und die feindlichen Brüder versöhnte, und von solchen Frauen noch hundert andre Geschichten. Hildebrandt spöttelt über die Denkmäler, die für tugendhafte Frauen in chinesischen Städten errichtet sind, und meint, dass Frauen-Tugend wohl selten in China sein müsse. Aber das ist ein grosses Missverständniss. Was er dabei unter Frauen-Tugend versteht, wird in Asien als der Normalzustand angesehen und nicht weiter gepriesen.

Da ich bei den Frauen verweile, so muss ich einer grossen Freude gedenken, die mir mein werther College, Herr Dr. Gerlach, bereitete: er lud auf Montag, den 24. October, zum Abendessen die drei hauptsächlichsten Familien[279] der deutschen Colonie ein und auch meine Wenigkeit und Herrn Dr. Dannemann. So hatte ich zum ersten Mal auf meiner Reise eine gebildete Gesellschaft mit deutschen Frauen und deutscher Unterhaltung. Es war zu natürlich, dass wir bis 12 Uhr Nachts zusammen blieben. Die Privat-Kuli von Dr. Gerlach trugen mich in dem landesüblichen Palankin nach oben, da die Drahtseilbahn nach 11 Uhr gewöhnlich nicht mehr fährt. Die Gastfreundschaft in Ostasien gehört zu den angenehmsten Erinnerungen des Reisenden.

Am Dienstag, den 25. October, besuchte ich, unter freundlicher Leitung des Herrn Collegen Gerlach, Heil- und Wohlthätigkeits-Anstalten von Hongkong, den deutschen Club und die Chinesen-Stadt.

1) Das Regierungs-Krankenhaus ist europäisch eingerichtet und von englischen Aerzten geleitet. Das Alice-Krankenhaus (Alice memorial hospital) beherbergt ausschliesslich Chinesen, die Hausärzte und die Studenten sind Chinesen, nur die beiden Oberärzte (Dr. Jordan, Augenarzt, und Dr. Thompson, Chirurg und Missionär) sind Engländer. Gegründet ist das Krankenhaus von einem Hindu, der in England Doctor der Heilkunde und der Rechte geworden, eine wohlhabende Engländerin geheirathet, in Hongkong lebte und nach dem Tode seiner Gattin ihr Vermögen zu dieser Stiftung verwendete. 70 Procent derjenigen, die wegen Augenkrankheit Hilfe suchen, leiden an der Körnerkrankheit oder ägyptischen Augenentzündung.

2) Asile de St. Enfance liegt am Meeresufer im Osten der Stadt. Französische Schwestern verwalten die Anstalt. Sie nehmen ausgesetzte Chinesen-Kinder, taufen und erziehen dieselben. Die Schwestern sind sehr freundlich und thun, was sie können; aber das Material, welches sie bekommen, ist schrecklich. Ich sah dort ein Dutzend unheilbar erblindeter Kinder und ebensoviel ganz blinde, schon grössere Mädchen. Die letzteren nähten gröbere Kleidungsstücke und zwar ganz gut; sie fädelten sogar den Faden ein, indem sie das Oehr an die Zungenspitze hielten, wo wir bekanntermassen das feinste Gefühl besitzen!

3) Einen weit erfreulicheren Anblick gewährte das Berliner Findling-Haus. Offen gestanden, war ich sehr überrascht, hier in Ostasien eine von Berlinern gegründete und verwaltete Wohlthätigkeits-Anstalt zu finden, von der weder ich selber noch irgend Jemand aus meinem Bekanntschaftskreise eine Ahnung gehabt. Es würde mich freuen, wenn meine Zeilen dazu beitragen, der Anstalt neue Freunde und — Mittel zuzuführen; denn sie verdient es. Das möchte ich auch hier aussprechen, obwohl ich schon mehrmals Spott über meine „Empfindsamkeit“ vernommen und den Widerspruch erfahren, dass es bei uns zu Hause näher liegende und wichtigere Aufgaben der Barmherzigkeit gebe.

Die Zöglinge des Berliner Findlingshauses zu Hongkong.

Ausgesetzte Chinesen-Mädchen, ganz kleine und gelegentlich auch etwas grössere, werden von deutschen Missionären hieher geschickt; die Kinder werden getauft, chinesisch erzogen und gut unterrichtet, vor Allem in der Wirthschaft, im Kochen und Nähen, auch im Rechnen und Lesen und Schreiben der einfacheren chinesischen Zeichen. Alle lernen singen; die begabteren auch Harmonium-Spielen, sogar die Anfangsgründe der chinesischen Classiker. Gegen das 20te Jahr werden sie an chinesische Christen verheirathet. Wegen ihrer guten Ausbildung finden sie sehr leicht Männer. 43 waren 1890 bereits verheirathet und stehen im brieflichem Verkehr mit der Anstalt. (Die Zahl ihrer Kinder betrug 98 und die ihrer Kindeskinder 3.) Das war nun meine Freude, in das Völkchen von 30 fröhlichen, gelblichen, breitmäuligen Kindern von 3–5 Jahren hineinzugreifen und einem die Hand zu schütteln. Da kam jede angewackelt, um gleichfalls meine Hände zu schütteln; und als ich fertig war, ging es noch einmal los. Die grösseren sangen fromme Lieder, chinesische und auch deutsche. „Stille Nacht, heilige Nacht“, von kindlichen Stimmen gesungen, verfehlt auch in Hongkong nicht des Eindrucks; es ist auch ihr Lieblingslied, weil danach die Bescheerung folgt.

Bei besonderen Gelegenheiten wird den Kindern eine „Landpartie nach dem glücklichen Thal“ mit Wettrennen und Beschenkung bewilligt.

Ich leerte mit den Berliner Damen der Anstalt ein Glas Bier auf ihr Wohl und das ihrer Zöglinge und hatte auch das Vergnügen, Herrn Pastor Gottschalk, als ich aufbrach, kennen zu lernen. Was mich besonders zu Gunsten dieser Berliner Anstalt einnahm, war die Fröhlichkeit der Kinder; das spricht lauter als alle Zahlen und Thatsachen der Berichte.[280]

In den Districten von Canton werden die Kinder, welche man nicht aufziehen will oder kann, in einem Korb auf die Strasse gesetzt, aber nicht in die Einöde, und stets mit einem Zettel versehen. Wir finden das mit Recht schrecklich und drücken unsere sittliche Entrüstung kräftig aus. Leider vergessen wir dabei, — was in Europa und Amerika geschieht. Der medical Record, eine amerikanische Zeitung der Heilkunde, beziffert die Zahl der alljährlich in der Stadt New-York getödteten Neugeborenen auf mehrere Tausende. Findelhäuser sind in Europa seit 787 n. Chr. errichtet, in Mailand, 1070 in Montpellier, 1317 in Florenz, 1331 in Nürnberg, 1362 in Paris, 1380 in Venedig, 1687 in London.

Als man in Frankreich die Drehladen an den Findelhäusern einführte, stieg 1833 die Zahl dieser auf öffentliche Kosten unterhaltenen Kinder bis auf 131000; und nach Abschaffung der Drehladen stieg die Zahl der Kindesmorde.

Auch in mohammedanischer Gegend, in Alexandria, sah ich eine Findlings-Anstalt im arabischen Hospital. Aber Dr. Schiess, der Vorsteher, zahlt nicht mehr derjenigen Frau, die das gefundene Kind bringt, das Verpflegungs- bezw. Ammen-Geld, — weil es zu häufig die eigne Mutter war; durch dieses persönliche Deplacement[281] wurde die Zahl der Findlinge erheblich verringert.

4) Die Basler Mission hat ihr Findelhaus aufgegeben und hält nur noch ein Geschäftshaus in Hongkong, wo ich Herrn Dr. Reusch begrüsste.

Unser Frühstück hatten wir an diesem Tage natürlich in dem deutschen Club[282] genommen und fanden dort fröhliche Gesellschaft. Im Hintergrund des grossen Speisesaales ist eine Bühne aufgeschlagen, auf der im Winter ganz munter Theater gespielt wird.

Am Nachmittag besuchten wir auch die Chinesenstadt. In der mit der Uferstrasse gleichlaufenden Queensroad befinden sich neben Banken und europäischen Läden[283] aller Art auch die feineren chinesischen, wo Gold-, Silber-, Seide-, Porzellan-, Holz-, Horn-, Bronze-Waaren u. dergl. verführerisch ausgelegt sind.

Die Läden des eigentlichen Chinesen-Viertels sind weniger geräumig, sauber, anziehend. Im Hintergrund des Ladens brennt eine kleine Lampe vor den Hausgöttern. An den Wänden hängen Rollen mit Weisheit-Sprüchen aus den Classikern, besonders zum Lobe des redlichen Kaufmanns. Der Reisende kann ruhig eintreten und betrachten; erst nach einiger Zeit erhebt sich der Kaufmann mit dem üblichen Gruss „chin-chin“ und fragt nach dem Begehren.

Der Kaufmann kennt den Geschmack „der Barbaren“ und führt schwere Stickereien auf Silber, elfenbeinerne, sorgsam geschnitzte Fächer, Schachspiele, Juwelenkästchen, Spazierstöcke, Vasen, Messer und Gabel, Thee-Service u. dergl. Chinesische Silberarbeit ist sehr berühmt und ausserordentlich billig. Silber ist das gewöhnliche Zahlungsmittel, da im Innern von China, ausser dem Bronze-Cash, Münzen nicht geprägt werden.

Jeder Mensch kennt Silber und seinen Werth, und jeder Trödler oder Hausierer hat eine kleine Wage bei sich. Mit einem Stück Silber kann man allenthalben zahlen; man könnte durch China reisen mit einem paar Dutzend silberner Theelöffel und für jedes Nachtlager, jedes Mittagbrot ein Stück abhacken. Höchst seltsam war mein Versuch, vor der Reise nach Canton, Nachmittags, als die Banken geschlossen waren, englische Goldstücke in Silber bei einem chinesischen „Gold and Silver coin changer“ umzuwechseln. Der Mann besah das Geldstück, runzelte die Stirn und sagte, wie ein echter Agrarier: „Gold ist schlechte Münze;“ fing an zu wägen und zu tadeln und zu unterbieten, bis ich lachend mein Gold nahm und mich empfahl. Im Canton Hotel wurde übrigens Gold zum Börsen-Preis, den mir Herr Melchers sagte, gern genommen.

Im Innern von China werden grössere Zahlungen durch Silberbarren geleistet, die von einer Bank gestempelt sind und gewöhnlich 50 Taels (d. h. 50×37,783 Gramm) wiegen. Kleinere Zahlungen werden durch abgewogenes Hacksilber gemacht. Der Tael ist eine Rechnungsmünze, ungefähr gleich 1½ mexic. Dollar. Der Tael wird eingetheilt in 10 Mähs = 100 Candareen = 1000 Cash, so dass also das Cash = 0,4 Pfennig. Mexicanische Dollar werden in den Vertragshäfen genommen, gewöhnlich werden sie von einer Privatbank gestempelt (Shop-Dollar) und gewinnen ein trauriges Aussehen, wenn dies öfters wiederholt wird. Der Vicekönig von Canton hat Zehnteldollarstücke (7,2 Candareen) aus Silber schlagen lassen, ein Zugeständniss an den Fremdenverkehr. Jede Silbermünze wird, ehe man sie nimmt, sorgsam auf den Klang, öfters auch auf das Gewicht geprüft. Papiergeld der Banken (von 100 bis 1000 Cash) und auch darüber cirkulirt im Innern. Regierungspapiergeld gab es früher, schon vom 7.-10. Jahrhundert; nach den Betrügereien der Mongolenkaiser wurde es abgeschafft. Das chinesische Banksystem reicht zurück bis ins erste Jahrhundert v. Chr. Bankbruch ist unerhört in China.

Je weiter nach Westen, desto schäbiger die Läden, die nur noch für chinesische Bedürfnisse sorgen. Da stehen Reihen von dampfenden Theetässchen, Suppennäpfchen, Reisportionen auf einem Brettergestell und harren der herantretenden Käufer; da hängt das gebratene Ferkel-Viertel herab, das so braun aussieht, als wäre es lackirt, und die beliebten Spickenten. Die feineren Restaurants zeigen schon am Eingang und auf den Treppen vergoldetes Schnitzwerk und enthalten oben besondere Zimmer für chinesische Leckermäuler.

Ein grosses Geheimniss chinesischer Gesundheitspflege besteht darin, dass Wasser niemals ungekocht, sondern nur in Gestalt von Theeaufguss genossen wird. Als ich rohen Reis in dem trübgelben Wasser des Canals von Canton schlemmen sah, war ich wenig befriedigt; aber wer beobachtet, dass der Reis immer erst gründlich durchgekocht wird, wird bezüglich dieses Hauptnahrungsmittels ganz beruhigt sein.

Zwei Arten von Läden und Buden fesselten meine Aufmerksamkeit besonders: erstlich die Pfandleiher, die ausserordentlich zahlreich und auch gut besucht waren; und zweitens die Läden und Standorte der Kräuterdoctoren und Zahnkünstler.

Der letztere, in keineswegs sauberer Kleidung, eine riesengrosse Hornbrille mit Fensterglas auf der Nase, um den Leuten Ehrfurcht vor seiner Weisheit einzuflössen, sitzt auf der Strasse vor einem kleinen Tischchen mit Heilmitteln und den Siegeszeichen seiner Wirksamkeit. Als Handwerkszeug zeigt er eine einzige, schon etwas schadhaft gewordene Zange. Die Häuser der Kräuterdoctoren sind mit marktschreierischen Inschriften von unten bis oben bedeckt.

Die gewöhnlichen chinesischen Aerzte sind schäbige Gesellen; man soll aber diese Zahnbrecher, Pflasterschmierer und Kräuterhändler nicht mit europäischen Aerzten, sondern höchstens mit unseren Heilgehilfen vergleichen. Während es früher Kaiserliche Schulen der Heilkunde in China gab, kann jetzt jeder ohne Studium und Prüfung die Heilkunde ausüben. Der chinesische Arzt, welchen ich schon 1887 in Portland (Oregon) besucht, war der schmutzigste Genosse, den ich bisher gesehen. Seine Heilkunst stützte sich auf ein chinesisches Buch; auf der einen Seite ist der Kranke abgebildet, die Erzählung seiner Leiden fliesst aus dem Mund, ein Pfeil zeigt auf den leidenden Theil des Körpers; auf der anderen Seite stehen gegenüber die Heilmittel verzeichnet. Mehrere Diener sind mit dem Raspeln von Wurzeln und dergleichen beschäftigt. Die hauptsächliche Marktschreierei dieses Chinesen bestand aber darin, dass er „niemals schneidet.“

Natürlich giebt es auch feinere Aerzte in China. In neuester Zeit hat die chinesische Regierung durch Erlasse die Aerzte zu bessern gesucht; sie hat auch 1868 eine Universität zu Pecking gestiftet und einige Europäer und Amerikaner dorthin berufen.

Das chinesische Volk, voll Stolz und Vaterlandsliebe, zieht die einheimischen Aerzte den fremden vor und glaubt, dass die ersteren geschickter seien, da sie durch blosses Fühlen des Pulses und Betrachtung der Zunge mehr herausbrächten, als die letzteren mit ihren zusammengesetzten Untersuchungen. Die 30000 Chinesen in S. Francisco, die 8000 in Portland (Oregon), die Tausende, welche auf europäischen und amerikanischen Dampfern alljährlich den stillen Ocean und die chinesisch-japanischen Gewässer befahren, befragen niemals einen Arzt kaukasischer Abstammung, wenn sie es irgend vermeiden können.

Uebrigens sollen diese Kuli, denen ihre amerikanischen — Freunde jede Art von Schmutz und Laster nachreden, im Ganzen recht gesund sein, und Todesfälle sind thatsächlich selten.

Allerdings fassen die Chinesen mehr Zutrauen zu europäischen Aerzten da, wo sie besser behandelt werden, wie in Hongkong und Singapore; der deutsche Arzt in letztgenanntem Orte hat eine ausgedehnte, auch chirurgische Praxis unter den Zopfträgern.

Die chinesische Literatur der Heilkunde ist übrigens ziemlich beträchtlich. Cho-Chiu-Kei, der chinesische Hippocrates, welcher während der Hang-Dynastie (also zwischen 25 und 221 n. Chr.) gelebt hat, schrieb ein Buch über die fieberhaften Krankheiten, das noch heute von den Chinesen als Richtschnur betrachtet wird, und worin er folgendes lehrt: Jede fieberhafte Krankheit entsteht durch einen Giftstoff, der nur dadurch verschieden wirkt, dass er auf verschiedenen Bahnen und in verschiedener Stärke eindringt. Gift wird durch Gegengift geheilt. Oefters muss aber wieder das Heilgift ausgetrieben werden. — Noch vor einem Menschenalter hielten die europäischen Aerzte diese chinesische Lehre für ganz verrückt. Aber in der allerletzten Zeit sind wir merkwürdiger Weise vielfach zu ganz ähnlichen Anschauungen gelangt.

Ebenso schäbig und unsauber wie die Läden im Westend sind auch die Tempel. Ein abenteuerlich aussehender, holzgeschnitzter, bemalter Gott mit herabhängendem Schnurrbart sitzt würdevoll auf dem Altar, vor ihm stehen Opfer von Reis und Thee und brennende Weihrauchstäbchen.

Natürlich giebt es hier auch Opium-Kneipen. Aber die Ansicht, welche einige Missionäre zu verbreiten suchen, als ob das ganze chinesische Volk durch Opium entnervt sei, ist einfach lächerlich. Man betrachte den nackten braunen[284] Oberkörper der Kuli, welche ungeheure Lasten schleppen. Weit schlimmere Verwüstungen richtet in Europa und in Amerika der Schnapsmissbrauch an, der noch dazu den Nachtheil mit sich bringt, zur Rohheit und zum Verbrechen anzureizen.

Chinesische Spielhäuser, wie ich sie in Portland und S. Francisco gesehen, waren auch früher in Hongkong geduldet und brachten sogar monatlich 14000 Dollar der Regierung an Abgaben, doch wurden sie neuerdings unterdrückt. Aber die Chinesen sind spielwüthig und fröhnen der Leidenschaft heimlich in Clubs und Privathäusern; Kuli, die beim Spiel sich ertappen lassen, werden eingesperrt. Die Kinder auf den Strassen spielen eifrigst um ein Paar Kupfermünzen.

Die Strassenscenen sind sehr mannigfaltig. Allenthalben sieht und hört man Fruchtverkäufer. Die Hauptsorten sind Litchi (von Nephelium L.), eine pflaumenähnliche Frucht; Pumelo, eine Riesenorange (Citrus decumana), aber auch unsere gewöhnlichen Orangen und Mandarinen; ferner die Canton-Stachelbeere (Averrhoa carambola), eine sechseckige Frucht von seltsamem Aussehen und wenig Geschmack; ferner Mango-Pflaumen, Bananen; endlich kleine Nüsse und Zuckerrohr, an dem die Chinesen ebenso begeistert saugen, wie Fellachen in Aegypten.

Dort hat ein wandernder Barbier seinen Sitz aufgeschlagen, rasirt das Vorderhaupt, ordnet den Zopf[285] und holt aus Nasenlöchern und Ohr das letzte widerspenstige Haar heraus. Der Geschichtenerzähler bricht geschickt ab, wenn der junge Gelehrte der kleinfüssigen Schöne die Liebe erklärt, und beginnt Cash einzusammeln. Hochzeits- und Begräbnisszüge werden von Musikern, Bannerträgern und Männern, die bemalte, figurenreiche Holzschnitzereien tragen, begleitet. Roth ist die Hochzeits-, Weiss die Trauer-Kleidung.

Es giebt auch schon einige Droschken und kleine Omnibus in Hongkong, das eigentliche Beförderungsmittel ist aber für die Ebene Jinrikisha, und für die Hügel der Palankin.

Donnerstag, den 27. October 1892 Nachmittags, fährt mein Dampfer Brindisi (von der P. & O. G.) ab von Hongkong nach Colombo. Der Dampfer hat 2109 Tonnen, 2000 Pferdekräfte, ist 360 Fuss lang, verbraucht 38 Tonnen Kohlen täglich. Das Schiff ist also nicht sehr gross, nicht sonderlich neu, nicht sehr bequem, obschon ich persönlich meine eigne, auf Deck belegne Cabine durchsetze. Die englische Dampfschifffahrts-Gesellschaft (P. & O.) vernachlässigt die Nebenlinie von Ostindien nach China, wenigstens hinsichtlich der Reisenden, deren Ertrag weit hinter dem der Güter zurücksteht.

Erster Classe ist eigentlich nichts auf diesem Dampfer, als der Fahrpreis. Der Capitän ist ein steifes, unzugängliches Männlein, das auf Beschwerden nur mit Achselzucken antwortet. Abends 11 Uhr wird das elektrische Licht ausgelöscht und abgestellt, das Verdeck ist ganz dunkel, bis auf eine grosse Stall-Laterne. Die Leuchter in den Cajüten enthalten keine Kerzen. Aber dies ist unvernünftig. Zusammenstoss und Unglück erfolgt natürlich meist in der Dunkelheit: da muss man um sich sehen können. Ausserdem ist es lästig, wenn man Nachts in der tropischen Hitze aufwacht, gar kein Licht zu haben. Aus diesen Gründen legte mein Nachbar (Herr Capitän R. von der deutschen Flotte) und ich selber dem Schiffslenker unsere Wünsche so nahe, dass wir, aber nur wir allein, wirklich Kerzen in die Leuchter bekamen. Die „Officiere“ des Schiffes sind recht junge Leute, deren theoretische Kenntnisse verschwindend klein sind; wenigstens wissen sie auf einfache Fragen der Schiffskunde keine Antwort. Sie kennen nicht einmal ihr Schiff. Die oben erwähnten Angaben habe ich nicht von ihnen, sondern von dem Erlaubniss- oder Fahr-Schein des Schiffes, der vor dem Speisesaal aufgehängt ist. Des Morgens gehen sie barfuss.

Die Matrosen sind Laskaren, d. h. Inder, braune, meist kleine Kerle, die leidlich geschickt, aber nicht sehr kräftig zu sein scheinen und uns hauptsächlich bei der Parade am Sonntag Vormittag gefallen, wenn sie in weiss gewaschener Kleidung mit bunten Gürteln und Kappen oder Turbanen antreten. Die Aufwärter sind sogenannte Portugiesen aus Goa, mit dunkelbraunem, nicht hässlichem, bart-geschmücktem Gesicht, aber mit geringem Vorrath von englischen Worten und sehr geringer Einsicht, trotzdem sie die klangvollsten Namen führen. Der meinige hiess de Sousa, ein Name, der in der portugiesischen Colonialgeschichte sehr berühmt und jetzt unter den „Portugiesen“, d. h. Mischlingen Ostasiens, so verbreitet ist, wie bei uns Schultze oder Müller. Ich konnte trotz grosser Beharrlichkeit und Geduld nicht erzielen, dass er, wenn wir im Hafen lagen, meine Cajüte abschloss und dem zahlreichen Gesindel, welches dann die Schiffe unsicher macht, den Zugang zu meinen Sachen versperrte; dagegen fand ich Nachts, als ich von Singapore zurückkehrte, die Cabine verschlossen, Herrn de Sousa in sanftem Schlafe.

Die Zwischendeck-Reisenden waren meist Chinesen, aber ausgewanderte; einige hatten Japanerinnen geheirathet; die Kinder waren recht drollige Geschöpfe. Wer die Geschäfts-Sprache in Ostasien (Pidgin-Englisch, mit zahlreichen spanischen und chinesischen Worten und ohne Conjugation) ein wenig versteht, kann sich mit ihnen ganz gut unterhalten. Es sind geschäfts- und lern-eifrige Menschen. Ein 15jähriger Schusterjunge fragte mich gleich, was meine braunen Lederstiefel gekostet, und versprach mir neue für den halben Preis zu liefern. Uhr, Aneroïdbarometer, Doppelfernrohr reizen ihre Neugier aufs höchste; jeder will die Dinge betrachten und in die Hand nehmen.

Reisende erster Cajüte hatten wir 30. Zum Glück waren einige Deutsche da, so dass ich doch auch meine Muttersprache sprechen und eine angenehmere Unterhaltung führen konnte. Zunächst der Herr Capitän R., der aus seinem reichen Erfahrungsschatz mir Vieles mittheilte; er war während des letzten Bürgerkrieges in Chile gewesen und hatte Leben und Eigenthum der Deutschen und auch der andern Europäer thatkräftig geschützt. Oft sassen wir bis Mitternacht auf dem dunklen Verdeck bei der glimmenden Cigarre und sprachen von der Heimath und der Entwicklung des Vaterlandes. Ferner war an Bord ein deutscher Kaufmann aus Kobe, der aber in Amerika Bürger der vereinigten Staaten geworden: er reiste hinter einem ungetreuen Buchhalter her, der einen tiefen Griff in die Geschäftskasse gethan: leider hat er sein Ziel nicht erreicht, denn der in Singapore auf telegraphisches Ersuchen festgehaltene Dieb wurde doch von den Engländern freigelassen, da angeblich ein sicherer Beweis des Diebstahls nicht zu liefern sei. In Singapore kam dann noch ein deutscher Kaufmann an Bord, um die Heimath zu besuchen, ein liebenswürdiger und unterrichteter Herr: schade, dass er zu Geschäftszwecken schon vor langer Zeit die deutsche Unterthanschaft aufgegeben. Das ist ein erheblicher Uebelstand, der nur durch grosse Thatkraft seitens der deutschen Consuln und durch Opferwilligkeit seitens der ausgewanderten Kaufleute zum Nutzen unseres Vaterlandes überwunden werden kann.

Ausser den Deutschen waren Engländer an Bord, zwei Parteien von je zwei Globetrottern, die ich schon von der Fahrt über den stillen Ocean her kannte. Erstlich ein Bruder-Paar von Junggesellen, Geistlicher und Gymnasialdirector, unterrichtete Leute, die aber doch den englischen Hochmuth in Urtheilen über unser Vaterland zur Schau trugen; freilich, als man ihnen tüchtig entgegen trat, mildere Saiten aufzogen. Dann ein sechzehnjähriger Jüngling, den sein Vater, Mitglied des Parlaments, unter Schutz eines 22jährigen Mathematikers, zur Stärkung der Gesundheit um die Welt sendete. Der Erfolg dieses Versuchs scheint mir recht zweifelhaft, es sei denn, dass die schon bestehende Neigung zur Unverschämtheit noch gestärkt werden sollte. Ein sehr angenehmer Engländer war ein Officier, Capitän H., der in fesselnder Weise von dem Kleinkrieg in Birma und seinen indischen Soldaten (Sikhs) zu erzählen wusste. Ueberhaupt fand ich auf dieser Reise, dass von allen Engländern die Officiere noch mit am meisten geneigt und befähigt waren, Deutschland Gerechtigkeit und Anerkennung zu zollen.

Ein guter Gesellschafter war ein junger Italiener aus Mailand, der zur Erholung seiner Nerven und zu seinem Vergnügen die Reise um die Erde machte. Höchst wunderlich erschien uns Allen ein sehr grosser Neger, Geistlicher aus Baltimore, der von bedeutendem Selbstbewusstsein erfüllt war, da er als erster seiner Farbe selbständig eine Vergnügungsreise um die Erde unternommen, und auf’s eifrigste an einem Reisetagebuch schrieb.

Der dritte Theil der Cajüt-Reisenden waren Parsi, gutgestellte Kaufleute aus Indien, die bis China ihre Geschäftsverbindungen ausdehnen. Es ergötzte mich höchlichst, dass keiner von ihnen mir angeben konnte, wann Zoroaster, der Stifter ihrer Religion, gelebt hat oder gelebt haben soll.[286]

Ueber die Gesellschaft, der unser Schiff gehört, möchte ich ein paar Worte sagen, da ich, wie fast jeder Reisende in Ostasien, ziemlich viel mit ihr zu fahren hatte. Zunächst möchte ich unseren vaterländischen Linien dringend empfehlen, auch ein solches Taschenbuch[287] herauszugeben, wie es die Peninsular and Oriental Steam Navigation Company hat drucken lassen und für 2 Shilling oder 1 Rupie verkauft: gut gebunden, handlich, in jede Tasche passend, enthält es auf nahezu 300 Seiten die werthvollsten Belehrungen für den Reisenden über alle Linien der Gesellschaft und kleine, aber brauchbare Karten. Dies Büchlein führt zweifellos der Gesellschaft zahlreiche Kunden zu.

Ihre gegenwärtige Flotte umfasst 54 Schiffe mit 209872 Tonnen oder 3887 Tonnen im Mittel.

Die Gesellschaft ist 1837 gegründet, 1840 incorporirt, hatte nach Eröffnung des Suezcanals eine neue Flotte zu bauen und erhält für die Beförderung der Post nach Indien, China und Australien 350000 £ Unterstützung.

In einem Punkt steht leider unser norddeutscher Lloyd bedeutend hinter P. & O. zurück, in der Ertragsfähigkeit.


Der sorgsame Reisende vermerkt zuerst den Logbericht der Fahrt:

Freitag, 28. October, 18° N., 113° 38′ O., 268 Seemeilen.
Sonnabend, 29. October, 13° 39′ N., 111° 39′ O., 297 Seemeilen.
Sonntag, 30. October, 9° 30′ N., 109° 13′ O., 287 Seemeilen.
Montag, 31. October, 5° 25′ N., 106° 12′ O., 304 Seemeilen.
Dienstag, 1. November, Vorm. in Singapore 1° 10′ N., 103° 15′ O.
Mittwoch, 2. November, Vormittag ab Singapore.
Donnerstag, 3. November, 3° 48′ N., 100° 18′ O., 276 Seemeilen.
Abends an Penang. Nachts 2 Uhr ab Penang.
Freitag, 4. November, 5° 46′ N., 98° 44′ O., 100 Seemeilen.
Sonnabend, 5. November, 6° 06′ N., 94° 07′ O., 275 Seemeilen.
Sonntag, 6. November, 6° 07′ N., 89° 37′ O., 269 Seemeilen.
Montag, 7. November, 6° 04′ N., 85° 06′ O., 270 Seemeilen.
Dienstag, 8. November, 5° 55′ N., 80° 15′ O., 291 Seemeilen.
Abends, 8. November, an Colombo.


Die Nähe des Aequators giebt sich deutlich kund. Am 27. October beträgt die Dauer des Sonnenuntergangs 2½ Minuten, am 3. November fast genau zwei Minuten, und zwar genau um 6 Uhr. Morgens beim Sonnenaufgang messe ich schon 20° C. im Schatten, das kühle Bad wirkt sehr erfrischend, die Kleidung ist südlich, das Meer tiefblau. Ich lese einige Bücher über Indien.

Bei der Einfahrt nach Singapore (Dienstag den 1. November Vormittag) erblicken wir zuerst ein Schiffs-Wrack, dann zahlreiche kleine Inseln, auf dem nahen Festland einen prachtvollen und dichten Kokospalmen-Wald längs der Küste; wir fahren an der Rhede vorbei und ankern ausserhalb der Stadt an der Werft (P. & O. Wharf, in New Harbour, 3 englische Meilen westwärts von der Stadt), treten sofort an’s Ufer, ohne auf die nach hineingeworfenen 10 Cts. Stücken tauchenden Knaben und Jünglinge zu achten, und fahren in einer netten, von einem kleinen Malayen-Ponny gezogenen, von einem Malayenkutscher geführten Verdeckdroschke („gharry“, für 75 Cts.) nach dem Hotel de l’Europe, woselbst wir einen thatkräftigen, aber groben Deutschen als Verwalter, schlechtes Essen, gutes Bier und Schutz gegen die Mittagshitze finden.

Singapore an der Südspitze von Hinterindien, 1° 17′ nördlich vom Aequator, 103° 50′ östlich von Greenwich, ist die Hauptstadt der englischen Colonie Strait-Settlements, welche die Insel Singapore, den Bezirk Malakka auf der gleichnamigen Halbinsel und die ein wenig nördlicher (6° N.) dicht bei der Halbinsel gelegene Insel Penang umfasst. Die Insel Singapore liegt am Südende der Strasse von Malakka, vor der Südspitze der gleichnamigen Halbinsel, östlich und nicht weit von der Mitte von Sumatra, westlich von Borneo, eine Dampfertagereise nördlich von Java[288], nach Ratzel’s Worten „an eine jener praedestinirten Mittelpunktsregionen des Weltverkehrs.“ Die Insel ist 48 Kilometer lang, 25 Kilometer breit und enthält 687 Quadratkilometer, ist also beträchtlich grösser als Hongkong. Sie ist ziemlich eben, da der höchste Hügel nur 500 Fuss sich erhebt, und mit Baumwuchs bedeckt. Die Hauptstadt liegt auf der Südostseite der Insel und ist 4 englische Meilen lang; die Nordseite ist vom Festland (Djohor) durch einen schmalen Canal (Tambroh Channel, 0,45 bis 1,2 Kilometer breit,) getrennt. Die Insel wurde 1819 durch Sir Stamford Raffles für England in Besitz genommen, 1824 von dem Sultan von Djohor an die britisch-ostindische Compagnie verkauft, 1867 an die englische Krone abgetreten.

Die Colonie ist wichtig wegen der Nähe der Gewürzinseln des Malayischen Archipels sowie als Flotten-Station und Kohlen-Lager für die Engländer in kriegerischen Zeitläuften. Das Regierungsgebäude, das Stadthaus, die Banken und die Uferstrasse mit Docks und Waarenlagern machen schon einen hübschen Eindruck, weniger lässt sich dies von den Quartieren der Einheimischen sagen, wo alle Arten der östlichen Rassen anzutreffen sind. Die Häuser der europäischen Kaufleute liegen draussen, in grossen Gärten und sind höchst geräumig und luftig angelegt. Die Bevölkerung beträgt 150000: Chinesen, Malayen, Inder. Die letzteren sind Tamilen und werden hier Klings genannt. — Unter den (1900) Europäern sind viele Deutsche, namentlich Kaufleute. Aber es giebt hierselbst auch einen deutschen Arzt, der nicht nur in der deutschen Colonie grosses Vertrauen geniesst, sondern auch die Zopfträger von der Wohlthat deutscher Wundarzneikunst überzeugt hat. Das deutsche Reich hat hier einen Consul.

Das Klima ist gesund, aber sehr heiss. (26–27° C. im Schatten, innerhalb der Häuser). Die Hitze des Tages wird durch den Seewind und häufige Regenschauer etwas gemildert, die Nächte sind ein wenig kühler. Die Stadt liegt nur 144 Kilometer nördlich vom Aequator; deshalb geht die Sonne das ganze Jahr hindurch ungefähr um 6 Uhr Morgens auf, um 6 Uhr Abends unter.

Singapore ist seit der Gründung (1819) Freihafen, der Handel der Strait-Settlements beträgt jährlich 26 Millionen Pfund Sterling (Einfuhr 1892 an 92 Millionen Dollar, Ausfuhr 75); ausgeführt werden hauptsächlich Zinn, Guttapercha, Catechu, Pfeffer, Zucker, Muskatnüsse, Tapioca (Sago, Stärkemehl aus Wurzeln von Manihot utilissima). Der Hafen von Singapore ist zu jeder Zeit sicher, da Taifun hier nie beobachtet wird, und deshalb Kreuzungspunkt des europäischen Handels nach Ostasien und Australien. 1887 gingen 3467 Schiffe ein mit 2600000 Tonnen und aus 3393 Schiffe mit 2564000 Tonnen.

Nachmittags 4 Uhr, als die Hitze nachgelassen, fuhr ich mit Capitän R. nach der Hauptsehenswürdigkeit von Singapore, dem botanischen Garten, der mein Staunen und Entzücken erregte.

Botanische Gärten sind zuerst im Anfang des 14. Jahrhunderts zu Salerno und bei Venedig angelegt, dann 1533 in Padua, 1544 in Pisa, 1568 in Bologna, 1626 zu Paris, ferner zu Kew bei London, in Amsterdam, an allen deutschen Universitäten, wobei Berlin sowohl durch Reichhaltigkeit als auch durch wissenschaftliche Beschreibung eine der ersten Stellen einnimmt. Was südliches Klima zusammen mit Kunst und Wissenschaft auf diesem Gebiete leistet, hatte ich im botanischen Garten zu Palermo 1884 und 1891 zu beobachten Gelegenheit: wer die Allee von Dattelpalmen einmal gesehen, vergisst sie niemals wieder. Aber erst in den tropischen Gegenden von Asien sah ich die höchste Vollendung.

Die Gärten von Peradenia auf Ceylon, bei Calcutta, bei Singapore, bei Batavia auf Java geniessen mit Recht des höchsten Rufes. Den letztgenannten bekam ich nicht zu sehen, wohl aber die drei andern. Vom Standpunkt der Gartenkunst ist der zu Singapore der schönste, wiewohl er an Zahl der Pflanzenarten hinter dem von Peradenia zurücksteht.

Auf schöngehaltenen Rasenbeeten erheben sich schlanke Kokospalmen in die Lüfte, Fächer-Palmen, Sago-Palmen mit haushohen Blättern, Riesenbambus, Bambus mit rothem Stengel, blühende Bäume aller Art, Bougainvilien, Akazien mit rothen Blüthen zwischen den hellgrünen Blättern, dem Auge eine viel angenehmere Farbenmischung als unsere mit ihren gelben Blüthen; in Gewächshäusern, die nicht fest geschlossen, sondern nur mit einem Blätterdach (gegen die Sonnengluth!) versehen sind, sieht man Orchideen und Farrn aller Art, Wasserpflanzen mit durchbrochenen Blättern, wie aus grünem Spitzengewebe. Zur Belebung des Ganzen tragen einige Thier-Häuser bei mit Affen, Nashornvögeln, Casuaren.

Heimgekehrt spazierten wir Abends durch die Geschäftsstrassen neben dem Hotel, die Läden mit ostasiatischen Juwelier-Arbeiten und sogenannten Curiositäten; speisten im Hotel und fuhren um 10 Uhr zum Schiff zurück.

Die Nacht war schlimm durch Schwüle und durch Moskitos wegen der Nähe des Landes. Ich zog es vor, nur mit Hemd, Handschuhen und Strümpfen bekleidet, vor meiner Cajüte zu sitzen.

Am nächsten Morgen stellten sich die schreienden Taucher-Bettler wieder ein[289], Händler mit Affen, Papageien, Muscheln, Corallen — alle in kleinen Böten zwischen Ufer, Schiff und Landungsbrücke. Unser Dampfer wird durch Zustrom neuer Reisenden überfüllt. Ich erhalte (allerdings nur für einen Tag und Nacht) als Cajütgenossen einen kleinen siamesischen Prinzen. Derselbe ist in Edinburgh erzogen und zwar sehr streng, so dass er weder raucht noch trinkt, 22 Jahr alt, seit zwei Jahren verheirathet, Vater eines niedlichen Mädchens. Er zeigt und schenkt mir voll Stolz die Photographie von Frau und Kind. Seine Gattin ist Hofdame der Königin von Siam. Er selber malt in Oel zu seinem Vergnügen. Er ist höflich und angesehen. Seine Diener, die im Zwischendeck mitfahren, knien vor ihm nieder, wenn sie ihm beim Anziehen und Schmücken behilflich sind und ihn mit Rosenwasser besprengen.

Wir fahren durch die Meerenge (Straits) und sehen fortwährend Land. Abends kommt Wetterleuchten, aber keine Kühlung. Wunderbar war der Sonnenuntergang: gegenüber der Sonne, im Osten, eine Wolke rosig verklärt, so im Wasser gespiegelt, aber — nur für kurze Zeit; sofort schien der Mond hell und zeichnete in den Wellen, die das Schiff pflügte, zahllose Diamant-Lichter. Die Sterne blieben meist verhüllt. Der grösste Theil der Cajütenreisenden schläft auf Deck, jeder schleppt seine Matratze herbei. Des Morgens erhebt sich ein kühler Wind, es regnet. Um ¾6 Uhr bin ich der erste im Bad. Sehr angenehm war es, dass hier in so grosser Nähe vom Aequator die Hitze durch Regen oder Bewölkung des Himmels einigermassen gemildert wurde.

Am Morgen des 3. November erblickte ich bei leichtem Regen aus nicht so grosser Entfernung eine Wasserhose: ganz deutlich senkte sich aus einer Wolke ein Trichter mit unterer Spitze und mit schräger Achse nach abwärts, ohne den aus dem Wasser mit oberer Spitze emporstrebenden Trichter zu erreichen.

Ich mass Vormittags +28° C., Abends nach Sonnenuntergang +26½° C. Die Temperatur ist auf dem Meere viel gleichförmiger als auf dem Festland, da das Wasser weit langsamer sich erwärmt und abkühlt.

Am 5. November fand ich Nachmittags 4h +28° C., um 5½h +27¾°. Am 6. November, nach etwas kühlerer Nacht, so dass ich gegen Morgen die sonst offen stehende Cajütenthür schloss, Morgens 7h +27° C., um 9h +28°, um 1h +29°, um 4½h +29° C. Am 7. November Mittags, wo es nach dem Gefühl sehr warm zu sein schien, +29° C. (= 23° R). Am 8. November Morgens 7½h +26½°, nach ¼ Stunde dasselbe. Also von Sonnen-Aufgang bis Untergang 26 bis 29° C.

In Oberägypten hatte mir die Messung ganz andere Ergebnisse geliefert. Ich fand im Februar, auf der Nilfahrt, Morgens vor Sonnenaufgang etwa +12° C., nach Sonnenaufgang kommt von Viertelstunde zu Viertelstunde ein Grad dazu, bis Mittags +30° erreicht werden; Nachmittags selbst 33 bis 34° C.; bei Sonnenuntergang bestehen noch +30°, und Abends um 9h noch +22°. Als ich in der Gegend von Assuan (dicht am nördlichen Wendekreis) Nachts um 3h aufstand, um das Kreuz des Südens zu beobachten, fand ich +21½°. Erst Morgens gegen 5h wurde es kühler, so dass ich die Cajütenthüre schloss.

Merkwürdig war der Sonnenuntergang am 3. November. Wolken deckten theilweise den westlichen Horizont, während es im Osten regnete. Die beiden unteren Theile eines Regenbogens wurden sichtbar, zum Theil noch durch strichförmige, dunkle Wolken verdeckt. Den oberen grösseren Theil der Halbkreisfläche des Regenbogens nahm eine dicke, weisse Wolke ein. Ungefähr vom Ostpunkt stieg nach Südosten eine fächerförmige Lichtstrahlung am Himmel empor, offenbar der Wiederschein des Zodiakallichtes. Die Gegend des Westpunktes schimmert roth auf blassgrünem Grunde, soweit nicht Wolken den Hintergrund decken. Die weissen Wolken im Westen werden jetzt von Purpur durchglüht. Sofort wird diese Erscheinung im glatten Ocean gespiegelt. Aber das dauert nur wenige Minuten. Dann erscheint der Vollmond in starkem Glanze.

Am Abend ankern wir auf der offenen Rhede von Georgetown, an der Ostseite der Insel Penang[290] (5° 52′ N., 100° 19′ O.), in dem 2 Meilen breiten Canal, der die Insel von der Halbinsel Malakka scheidet.

Reisende gehen, so mein siamesischer Cajütgenosse; andre Reisende kommen in kleinen Booten, ein französischer Pater, ein junger englischer Arzt, der in Penang ein gutes Feld der Thätigkeit gefunden und nun nach Colombo fährt, um seine Braut, die dorthin mit der Mutter aus England gekommen, zu begrüssen und zu — heirathen. Den Versuch, mir sofort einen neuen Cajütgenossen zu geben, schlug ich siegreich zurück, erst mit Güte und dann, als dieses nicht half, mit Grobheit. Als ältester Reisender des Dampfers, der noch dazu die ganze Fahrt machte, glaubte ich dieses Vorrecht zu verdienen.

Der Abend ist unbeschreiblich schön; der Himmel zwar bewölkt, aber hoch oben leuchtet der Mond mit voller Klarheit und der Abendstern. Von dem Hafen glitzern die Lichter am Ufer und die festen der verankerten Schiffe sowie die beweglichen der kleinen Fährboote. Das Meer leuchtete, wie ich es noch nie gesehen. Sowie ein Ruder in’s Wasser getaucht wird, sprüht es auf mit mildem, bläulichem Silberglanz; derselbe Schimmer umgiebt den Bug des Kahns. Das Meer ist wie ein Spiegel, die Luft lau und lind. Dazu kommen und gehen alle die fremdartigen asiatischen Schiffer und Arbeiter.

„Mondbeglänzte Zaubernacht,

Die den Sinn gefangen hält,

Wundervolle Märchenwelt,

Steig’ auf in der alten Pracht.“

Erst um 1 Uhr suchte ich das Lager auf, nachdem ich mich mit Capitän R. und einem andern deutschen Herrn durch einen vaterländischen Trunk gestärkt; und schlief bald ein, trotz des Lärms, den Ein- und Ausladen verursachen: der Traum führte mich in die Heimath, ich sah — meine Rückkehr.

Nachts um 2 Uhr wurden die Anker gelichtet. Das Schiff steuert jetzt genau westwärts nach der Südspitze von Ceylon, durch den indischen Ocean, der ziemlich einsam ist, da wir nur am 5. November einen kleinen nach Penang bestimmten Dampfer, am 6. einen Segler und das englische Truppen-Schiff „Himalaja“ erblickten. Sonst müssen wir uns mit fliegenden Fischen begnügen, die schaarenweise aus dem spiegelglatten Wasser emporschnellen.

Am 4. November Abends von 9 Uhr 10 Minuten bis 11 Uhr hatten wir den Anblick einer vollständigen Mondfinsterniss. Am nächsten Morgen fuhren wir dicht vorbei an der Nordostspitze von Sumatra, dem berühmten Atschin. Wir sahen natürlich nichts von dem Kriege, den die Holländer hier seit 20 Jahren mit den Eingeborenen führen und nach dem allgemeinen Urtheil aller Kenner längst beendet haben könnten, wenn sie nur — wirklich wollten.

Die Einsamkeit des indischen Oceans giebt mir Musse, die Pickwick-Papers von Dickens zu lesen. Zwischen Bombay und Aden las ich Vanity fair von Thackeray; endlich im rothen Meer A house party von Ouida. Fürwahr, sehr wenig schmeichelhaft ist das Bild, welches die besten englischen Schriftsteller von ihrer „respectablen“ Gesellschaft entwerfen. Natürlich, wenn ein urtheilsfähiger Fremdling dies den Briten vorhält, erklären sie es für Uebertreibung; ja sie gehen so weit, von „schlechten“ Büchern zu sprechen und aus der Schiffsbücherei „bessere“ heraus zu suchen, z. B. von Walter Scott, die ich vor 35 Jahren gelesen, aber seitdem nicht wieder.

Am 8. November Morgens erblicken wir Land zur Rechten, es ist Ceylon, der Traum meiner Jugend. Ein Leuchthaus wird sichtbar, langgestreckte Kokuswälder an der Küste, die Brandung vor dem Hafen von Point de Galle: alte Forts, aus der Portugiesenzeit, ein Leuchtthurm, eine Flaggenstange, keine Schiffe!

Nachdem einmal Colombo zum Hafen von Ceylon gemacht worden, geschieht nichts weiter zum Vortheil von Point de Galle, eher Alles zu seinem Nachtheil.

Abends 8 Uhr werfen wir auf der Rhede von Colombo Anker. Die meisten Reisenden blieben über Nacht auf dem Dampfer. Ich meine, dass man auf einer solchen Reise die Kosten eines Nachtlagers am Lande nicht scheuen soll; liess Koffer, Handtasche, Mantelsack und Holzstuhl — mein ganzes Gepäck — in einen Kahn schaffen und fuhr an’s Land.

Der Steuerbeamte war höchst artig, ganz frei von der überflüssigen Neugier, eines Vergnügensreisenden Koffer zu durchsuchen, und sehr gefällig, indem er freiwillig sich anbot, meinen Korbstuhl bis zur Abfahrt nach Calcutta aufheben zu lassen. Ich erhielt ein gutes Zimmer in dem dicht am Hafen belegenen, riesengrossen Oriental-Hotel, wo ich wieder einen Deutschen (Herrn Raden) als Leiter antraf, und schlief recht mittelmässig. Es war ein Feind im Zimmer; ein einzelner Moskito (oder eine, denn nur die weibliche Mücke sticht,) befand sich innerhalb des über das Bett ausgespannten Netzes. Man hört das verrätherische Summen; denkt, es wird nicht gleich so schlimm werden, bis ein unangenehmer Stich unsere Ansicht ändert. Man steht auf, macht Licht, sucht ganz vergeblich; legt sich wieder, hört von Neuem das Summen, wird wieder gestochen, steht wieder auf zur vergeblichen Jagd. Natürlich Morgens früh, wenn man müde erwacht, sieht man das von unsrem Blute genährte Ungeheuer jetzt träge in einer Falte des Moskito-Netzes sitzen und hat die Wahl, dasselbe zu tödten oder es in diesem thierfrommen Lande der Buddhisten zum — offenen Fenster hinaus zu werfen.


VI.
Ceylon.

Wir Deutschen kennen Ceylon hauptsächlich aus den bequem zugänglichen Reisebeschreibungen unserer Landsleute (Schmarda 1854, Hildebrandt 1862, Dr. H. Meyer 1882, Graf Lanckorónski 1889, Dr. Eugen Böninger 1890); ferner aus Professor Häckel’s indischen Reisebriefen (Leipzig, 1882) und vielleicht auch aus dem Prachtwerk von Eugen Ransonnet-Villez (Braunschweig 1868), das aber leider vergriffen und sehr selten geworden ist.

Jedoch die eigentliche Quelle unserer Kenntniss von dieser merkwürdigen Insel ist das zweibändige klassische Werk: Ceylon, by Sir James Emerson Tennent (5. Auflage, London 1860, Longman, Green, L. & Roberts). Der Verfasser hat als höherer Beamter und Gouverneur viele Jahre in Ceylon zugebracht, mit grosser Liebe in seinen Gegenstand sich vertieft und mit Hilfe von Fachgelehrten die ganze Geschichte des Volkes und der Natur, die Landbeschreibung und Sittenschilderung auf das allergründlichste abgehandelt.

Selbstverständlich sind in den letzten 30 Jahren wesentliche Aenderungen auf Ceylon eingetreten. In dieser Hinsicht, durch Angaben über den gegenwärtigen Zustand, ist sehr nützlich Ceylon in 1893, by John Ferguson (London, Huddon & Co. 1893). Dieses Buch ist bei Weitem nicht so wissenschaftlich, wie das von Tennent, für welches Ferguson, ein ganz geschickter Zeitungsschreiber und agrarischer Parteimann, seltsamer Weise kaum ein Wort des Lobes findet, mehr als einmal aber spöttische Bemerkungen.

Eine naturwissenschaftliche Beschreibung der Insel Ceylon enthält das originale Prachtwerk: Ergebnisse der Forschungen in Ceylon von Dr. Paul Sarasin und Dr. Fritz Sarasin, III. Band. Die Wedda’s von Ceylon. Wiesbaden 1892/3, Kreidel. (Fol., 600 S. mit Atlas.) Die Verfasser, hervorragende Naturforscher, haben in 2½ Jahren die Insel in 9 Halbmessern zu Fuss durchstreift und zwei Drittel des Umfangs umschritten.

Der Führer von Colombo (Guide to C., by E. J. A. Skeen, C, 1892) ist fast unlesbar, da Geschäftsanpreisung offenbar seinen Hauptzweck darstellt, enthält aber doch manch’ schätzenswerthe Einzelheiten. Derselbe Verfasser will einen Führer durch ganz Ceylon herausgeben.

Einen Führer nach Kandy und Nuwara Eliya schrieb S. M. Burrows, der Verfasser eines kleinen Büchleins, das ich im Gasthaus von Nuwara Eliya gelesen: The burried cities of Ceylon. (Colombo und London, Trübner 1881).

Der „Murray“ für Indien und Caine’s Picturesque India (London 1891) widmen der schönen Insel nur wenige Seiten.

Die alte Geschichte von Ceylon wird auch in dem klassischen Werk unseres Prof. Lassen (Indische Alterthumskunde, Leipzig 1867, 1874, 1858, 1861, IV Bände) abgehandelt. Es giebt auch mehrere englische Sonderschriften über Ceylon’s Geschichte, die ich aber nicht gelesen, da Emmerson Tennent’s Werk das Wesentliche enthält.

Hauptquellen für die Alterthümer sind das letztgenannte Werk, und das oben erwähnte Buch von Burrows, ferner J. Fergusson’s Indian and Eastern Architecture (London 1891, J. Murray) sowie, bezüglich der neuesten Ausgrabungen, John Ferguson’s Ceylon in 1893.

Schon über die Namen der Insel haben die berühmtesten Gelehrten, wie Lassen und Bournouf, ausführliche Abhandlungen veröffentlicht. Im Sanskrit heisst sie Lanka (d. i. glückliche Insel), in den Schriften der Eingebornen Sihala oder Sinhala, d. i. Loewen-Sitz, bei den makedonischen Griechen Taprobane (Tambapanni d. i. Kupferland, wegen des kupferrothen Sandes an der Küste, in welchen König Wiyago sich setzte und seine Hände färbte;) bei den späteren Griechen Palai-Simundu (Pali-Simanta im Sanskrit = Haupt des Gesetzes); bei Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. Salike d. i. Sihala: bei den Arabern, so auch in Sindbad’s Märchen aus „Tausend und eine Nacht“, Selendib oder Serendib d. i. Sinhala oder Silan-dwipa = Silan-Insel. Aus Silan haben dann die Portugiesen Zeilan, die Holländer Ceylan, die Engländer Ceylon gemacht.

Das glänzende Lanka preisen die Brahmanen; die Buddhisten den Perlohrring am Antlitz von Indien; die Chinesen rühmen das Land der Edelsteine, die späteren Griechen das des Hyacinth und Rubins, die Mohammedaner das Nach-Paradies von Adam und Eva. So zeugen auch die dichterischen Bezeichnungen von der hohen Achtung, deren die Insel zu alter und neuer Zeit, in Ost und in West, sich zu erfreuen hatte.

Wenn Sancho Pansa, der so inbrünstig eine Insel zu besitzen strebte, Ceylon gekannt hätte; so würde er wahrscheinlich diese Insel vor allen andern begehrt haben. Von den drei Inseln, die uns Mitteleuropäern als Urbilder der Schönheit vorschweben, Korfu, Sicilien, Ceylon; gebe ich, nach eigner Anschauung der letzten die Palme. Ich brauche sie ihr nicht zu geben. Sie besitzt die Palme, im dichten Uferwald längs der brandenden Küste, als Wappen der neugeprägten Silbermünzen.

Ceylon ist übrigens eine ganz stattliche Insel. Wir täuschen uns leicht über ihre Grösse,[291] wenn wir nur auf die Karte von Asien schauen und nicht unser kleines Europa in dem gleichen Massstab daneben haben.

Ceylon liegt an der Südostseite der Spitze von Vorder-Indien, zwischen 5° 56′ und 9° 49′ N. Br., misst in der Länge von Nord nach Süd 445, in der Breite 160 bis 235 Kilometer, hat einen Umfang von 1200 Kilometer und einen Flächeninhalt von 64000 Quadratkilometer. Daraus folgt, dass Ceylon ebenso gross ist wie das Königreich Bayern und noch einmal so gross wie die Insel Sicilien.

Die Bevölkerungszahl ist die gleiche für beide Inseln, nämlich drei Millionen. Also ist die Bevölkerungsdichtigkeit in Ceylon 46 für den Quadratkilometer[292], d. h. ebenso gross wie in den mittleren Bezirken von Ostindien.

Die unzähligen, jetzt ausgetrockneten Bewässerungsteiche mit ihren von dichtem Busch bewachsenen Dämmen, welche in den Wäldern der nördlichen Zweidrittel von Ceylon zu finden sind, und die Angabe singhalesischer Chroniken, dass um 1300 n. Chr. 1500000 Dörfer auf der Insel vorhanden waren, haben Emerson Tennent zu der Annahme bewogen, dass Ceylon in seiner Blüthezeit das Zehnfache der derzeitigen Einwohnerzahl, nämlich 12 bis 15 Millionen, besessen haben möge. Wenn auch Ferguson dies für übertrieben hält und nur 4 bis 5 Millionen zulassen will, und die Vettern Sarrasin in den verlassenen Teichen nur den Ausdruck der Völkerverschiebung, nicht einer ehemals grösseren Bevölkerungszahl sehen wollen; so ist es doch eine Thatsache, dass heutzutage zwei Drittel der Bevölkerung auf der Hälfte des Flächeninhalts, in den südwestlichen und den Hügel-Bezirken, leben, während das ehemalige Reisland der Nordhälfte auf weite Strecken ziemlich öde geworden und nur 15 Einwohner auf den Quadratkilometer zählt. Mit den alten Wasserwerken ist die Cultur zerfallen, in Ceylon wie in Tunis und andern Gegenden des Südens.

Ceylon ist ein natürliches Treibhaus, warm und feucht, mit einem ewigen Sommer und einer mittleren Jahres-Temperatur von +27 bis 28° C. Obwohl der Boden nicht so reich[293] ist, wie z. B. in dem vulkanischen Java; so genügen doch Wärme und Feuchtigkeit, um den üppigsten Pflanzenwuchs hervorzurufen.

Für den mitteleuropäischen Menschen ist das Klima weniger behaglich. Aber zwei angenehme Erfrischungen helfen ihm, die Hitze zu ertragen.

Erstlich fiel, während meiner Anwesenheit in der Ebene, fast jeden Abend ein tüchtiger Regen, meist unter Gewitter. (Die Regenmonate in Ceylon sind Mai-Juni und October-November.[294] Colombo, die Hauptstadt der Insel, hat im Jahre etwa 118 Regentage und im Monate November durchschnittlich elf. Die Höhe des Regenfalls beträgt 88 Zoll im Jahre).

Sodann besitzt Ceylon eine Gebirgsgegend (hill country), welche ⅙ seiner Fläche oder 4000 englische Quadratmeilen (von den 24702) umfasst, nach Süden steil, nach Norden allmählich abfällt. Hier liegen die beiden höchsten Berge der Insel, Pedurutalagala von 8269 Fuss und Adams-Pik von 7353 Fuss Erhebung. Die andern ⅚ der Insel sind wellige Ebenen. Aber Alles, von den tiefsten Thälern bis zu den höchsten Gipfeln, ist mit ausdauerndem Grün bedeckt, soweit nicht der schroffe Abfall einzelner Felsen den Pflanzenwuchs ausschliesst. Mit den Wäldern auf der Höhe hat man während der Pflanzerzeit, d. h. während der letzten 50 Jahre, unvernünftig aufgeräumt, so dass jetzt die Regierung freies Land oberhalb 5000 Fuss Erhebung nicht mehr veräussert. In diese Höhen flüchtet der Europäer; er verlässt des Morgens die Gluthitze von Colombo und erreicht Abends die Berge von Nuwara Eliya, ein Fleckchen Mitteleuropa im Herzen der tropischen Insel Asiens.

Jahreszeiten giebt es nicht auf Ceylon. Wie in den Gefilden der Seligen trägt die Kokospalme reife Früchte in jedem Monat des Jahres.

Kokos- und Areca-Palmnüsse, China- und Zimmt-Rinde, Thee — das sind die Reichthümer der Insel. Kaffe war es bis vor Kurzem.

Die gesammte Aus- und Einfuhr hat jetzt einen Werth von 8 bis 10 Millionen £.[295] Im Jahre 1891 wurden ausgeführt 89000 Centner Kaffe, 5679000 Pfund Chinarinde (Cinchona), 68 Millionen Pfund Thee, 20000 Pfund Cacao, 422000 Pfund Kardamomgewürz, 2900000 Pfund Zimmt, 409000 Centner Kokosöl, 400000 Centner Graphit. Der Werth der Ausfuhr war 1886 in £: Areca-Nüsse 100000, Chinarinde 300000, Zimmt 115000, Kokos 100000, Cacao 40000, Thee 370000, Tabak[296] 80000 und — Kaffee 600000, statt 4000000 in den Jahren 1868, 1869, 1870.

Ausgeführt wird auch Eben- und Teak-Holz. Aber Nährgetreide (Reis) muss eingeführt[297] werden.

(1881 für 2 Millionen £, 1883 über 2 Millionen Hektoliter.)

Die früher so berühmten Edelsteinlager Ceylons (Rubinen, Saphire, Granaten, Katzenaugen)[298] scheinen ziemlich erschöpft zu sein; noch mehr sind es die Perlenfischereien im Golf von Manaar, zwischen Ceylon und Cap Comorin.

Was die „Mohren“ (Moormen) in Colombo dem gierigen Fremden anbieten, sind theils unbedeutende, minderwerthige Stücke, theils Nachahmungen aus Glas. Gold und Silber ist sparsam; gelegentliche Funde dieser edlen Metalle wurden in der alten Chronik der Singhalesen besonders erwähnt und gepriesen. Eisen ist genügend vorhanden, Kohle fehlt. Nur eine Gesteinsart ist werthvoll und wichtig; sie besteht, wie der Diamant, einfach aus Kohlenstoff, aber aus uncrystallisirtem: das ist der Graphit, der Stoff für unsre Bleistifte, zu unschmelzbaren Tiegeln und zu Anstrichfarben, zum Ueberzug bei der Galvanoplastik.[299] 5 Millionen Mark betrug der Werth der Ausfuhr 1883 und neuerdings 7 Millionen.

Ganz anders war der Handel Ceylon’s in der arabischen Zeit. Edrisi, im 12. Jahrhundert n. Chr., nennt als Ausfuhrgegenstände Ceylon’s: Seide (die aus China kam), Perlen, Edelsteine und wohlriechende Stoffe.

Zwei Drittel der Bevölkerung von Ceylon, also 2 Millionen, sind Singhalesen, gelb oder gelbbraun, mit reichem, welligem Haar und feinen, angenehmen Gesichtszügen, Verehrer des Buddha. Sie sind ein Mischvolk aus den vor etwa 2500 Jahren vom Gangesthal her eingewanderten arischen Hindu und den schon lange vorher auf der Insel ansässigen Ureinwohnern.

Den zweiten Bestandtheil der Bevölkerung bilden die Tamilen, dunkelbraune Dravida, die aus Südindien, besonders von der Malabarküste, theils als Eroberer schon vor langer Zeit, selbst schon vor 1000 Jahren, in die Nordhälfte der Insel eingedrungen sind, theils neuerdings als Arbeiter auf den grossen Pflanzungen Beschäftigung suchen. Ihre Anzahl ist wechselnd, aber im Ganzen zunehmend, und beträgt jetzt gegen 800 000. Sie sind Shiwa-Verehrer. (Brahmanen).

Von den unvermischten Ureinwohnern Ceylons, die auf niedriger Bildungsstufe verblieben sind, den Wedda, ist noch ein geringer Rest, etwa 2200, erhalten. Nach den massgebenden Forschungen der Vettern Sarrasin stellen die Wedda eine uralte prae-dravidische, aber mit den Dravida verwandte, auf niedrigster Stufe zurückgebliebene Bevölkerung dar.

Die Singhalesen bewohnen hauptsächlich den Südwesten und die Hügelgegend; die Tamilen hingegen den Norden und Osten; die Wedda endlich einsame Urwälder im Innern. Dazu kommen noch Hindu verschiedener Kasten; 212 000 Mohren (Moormen) d. h. Abkömmlinge abenteuernder Araber, natürlich Mohammedaner; Chinesen 8000; ebensoviel Malayen, ursprünglich angeworbene Soldaten, die nach der Auflösung der Truppe (1873) im Lande blieben, zum Theil noch als Polizisten verwendet; vereinzelte Afghanen, Parsi, Kaffern; endlich 6000 Europäer und angeblich 20 000 Eur-asier, d. h. Mischlinge von Holländern mit Singhalesinnen, sogenannte Burghers, oder auch von Portugiesen und von Engländern mit einheimischen Frauen.[300]

Unter den Eingeborenen (Singhalesen und Tamilen) sind gegen eine Viertel Million Getaufter, nämlich 240000 Katholiken und 70000 Protestanten. Die Portugiesen erzwangen es mit der Inquisition; die Holländer mit dem Hunger, da sie keinem Einheimischen Arbeit gaben, der nicht zum protestantischen Glauben sich bekannte; die Engländer wirken durch ihre Missions-Gesellschaften, — bischöfliche, presbyterianische, wesleyanische. Dazu kommt noch die Heilsarmee, deren einheimische Vertreter ich in den rothen Jacken mit den Buchstaben S. A. prangen sah. Der Singhalese hat wohl nur selten die Qual der Wahl; sein Fassungsvermögen vermag auch nicht zwischen dem neuen Sittengesetz und dem alten des Buddha einen Unterschied zu entdecken.

Seit 543 v. Chr. wurde Ceylon von singhalesischen Fürsten beherrscht. Die erste Königsfamilie, die aus dem Ganges-Thal stammte, hiess Maha-wanso, das grosse Geschlecht, und ebenso heisst die dichterische Chronik, welche in der dem Sanskrit verwandten Pâli-Sprache ihre ganze Geschichte enthält. (Die Sprache der Singhalesen — Elu genannt — ist gemischt, ähnlich wie die englische, und zwar aus einem angeblich[301] der Tamilsprache verwandten Grundstock, der die gewöhnlichen, sichtbaren Dinge und die einfachen Begriffe ausdrückt; aus Pâli für die Begriffe der Religion; und aus Sanskrit für die der Wissenschaft und Kunst. Pâli war die Volkssprache ihrer buddhistischen Apostel aus Maghada).

170 Fürsten herrschten von 543 v. Chr. bis 1815 n. Chr., wo der letzte König von Kandy, angeblich wegen Grausamkeit, von den Engländern abgesetzt wurde. Im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde die Buddha-Lehre eingeführt und gelangte zu hoher Blüthe. Ceylon ist ihre zweite Heimath. Von hier verbreitete sie sich nach Hinterindien, China, Japan.

Aber die kriegerischen Tamil-Stämme von der Coromandelküste und dem Süden des indischen Festlandes störten den Frieden der Insel und vertrieben allmählich die Singhalesen aus der nördlichen Hälfte. Im 8. Jahrhundert n. Chr. kamen Araber, 1505 die Portugiesen. Nachdem die letzteren über ein Jahrhundert lang die Küsten beherrscht, tüchtig geplündert und unter königlichem Monopol Gewürze ausgeführt, wurden sie 1632–1658 von den Holländern verdrängt, welche ursprünglich von den Singhalesen zu Hilfe gerufen waren. Die Holländer beuteten die Singhalesen ebenso aus, wie vorher die Portugiesen es gethan; sie setzten Todesstrafe auf unerlaubten Verkauf eines einzigen Zimmtstengels und übten Gewissenszwang; aber sie begannen doch wenigstens den Anbau von Kaffe und Indigo, sowie von Cocospalmen längs der ganzen Südwestküste.

1802 wurde die Insel im Frieden von Amiens an die Engländer abgetreten und 1815 zu einer Kron-Colonie gemacht, nachdem das Königreich Kandy, welches sowohl den Portugiesen wie auch den Holländern widerstanden, endgiltig besiegt worden war.

Ein Gouverneur herrscht über die Insel, selbstherrlich und uneingeschränkt,[302] allerdings dem Colonialamt verantwortlich, das aber ziemlich fern weilt, — in Downingstreet zu London. Sechs Jahre pflegt seine Amtsthätigkeit zu dauern, für welche er die Kleinigkeit von jährlich 80000 Rupien bezieht.

(Entsprechend sind die Gehälter der andern Beamten. Schon seufzen die gebildeten Ceylonesen, Singhalesen und Burghers, über die Last der Pensionen, und klagen, dass sie, geborene Unterthanen der Königin Victoria, so wenig bei der Verwaltung ihres eignen Landes berücksichtigt werden.) Friede und Ruhe herrscht auf der Insel, die zu den bestbebauten Colonial-Ländern der Erde gehört und die wichtigste Kron-Colonie Englands darstellt.

The best and brightest gem

In Britain’s orient diadem.

1500 Soldaten genügen, „um die Eingeborenen niederzuhalten.“ Sie kosten jährlich 160000 £; drei Viertel dieser Ausgabe fällt der Colonie zur Last. Dazu kommen noch 1400 Polizisten, für 60000 £. Die Einkünfte der Insel betrugen (im Jahre 1883) 1462000 £, die Ausgaben 1458834 £; im Jahre 1889 aber nur 1052000 £ und 1030000 £. Im Jahre 1891 war das Einkommen 17962701 Rupien;[303] 1892 ungefähr ebensoviel. Das Jahr 1893 wird sich ungünstiger gestalten wegen des Silbersturzes; 5¾ Millionen R. sind nach London als Zinsen der Schuld und für Pensionen zu zahlen. Die Schuld der Colonie beträgt ungefähr 2000000 £ und ist im Wesentlichen für Eisenbahnen, Hafenanlagen und Wasserwerke verbraucht worden.

Die Colonie befindet sich jetzt in einer Uebergangszeit; mit dem Kaffebau ist es vorbei, die Thee-Pflanzung ist in stetiger Zunahme begriffen; die Pflanzer machen grosse Anstrengung, mit ihrem Thee den Weltmarkt zu erobern.