Bombay.
Abends fahre ich von Ahmedabad ab und bin Morgens früh, am 23. December, nach etwa zwölf Stunden, in Bombay. (Church-Gate-Station. — 310 englische Meilen = 496 Kilometer, für 20 Rupien.) Da ich, durch meine Erfahrung in Calcutta belehrt, rechtzeitig vorher geschrieben und von Ahmedabad noch Drahtnachricht gesendet; so finde ich mein Zimmer in Watson’s Esplanade Hotel, dem besten in Indien.
Ich fahre zum Consul, zur Post, zum Bevollmächtigten des östreichischen Lloyd, um mir eine Cajüte für die Heimfahrt zu sichern, zu einem Parsi-Arzt, dessen Bekanntschaft ich schon in Canada gemacht, und kann alsdann die Besichtigung der zweiten Hauptstadt von Indien beginnen.
Bombay,[581] das Auge von Indien, das nach Westen schaut, die Eingangspforte, wo fast alle Reisenden, die von Europa nach Indien fahren, jetzt landen, und umgekehrt fast alle, die von Indien nach Europa zurückkehren, sich einschiffen, zählte im Jahre 1669, als König Karl der Zweite für einen Jahreszins von 10 Pfund Sterling die Insel an die ostindische Gesellschaft abtrat, kaum 10000 Einwohner; jetzt hat es 820000, darunter 500000 Hindu, 200000 Mohammedaner, 50000 Parsi, 12000 Europäer.
Vor dem Festland liegt hier eine Gruppe von zwölf Inseln, welche sowohl von jenem, wie auch von einander nur durch schmale und schmalste Wasserstrassen geschieden sind. Von diesen Inseln ist Bombay, nachdem sie sich zwei der kleinsten Inselchen (Colaba und die Alt-Weiber-Insel) durch Dämme angegliedert, die südlichste; ungefähr unter 18 Grad 53′ nördlicher Breite und 72 Grad 52′ östlicher Länge. Die Insel Bombay hat 11,5 Kilometer Länge, 3,5 Breite und etwa 55 Quadratkilometer Flächeninhalt,[582] und ungefähr die Gestalt einer länglichen, unregelmässigen Krebsscheere, deren beiden Spitzen nach Süden gerichtet sind. Die kürzere, östliche Spitze ist Malabar-Hügel, der Wohnsitz der Reichen; die längere westliche Kolaba, das Hauptquartier des Baumwollenhandels. Zwischen beiden liegt die seichte Hinterbucht (Back Bay).
Nördlich von Kolaba, an der Ostseite der hier noch schmalen Insel, liegt die alte Festung und der Hafen, und westlich davon die Esplanade, der feinste und amtliche Theil der Stadt. Nach Nordosten schliesst sich die ausserordentlich dicht bevölkerte[583] Stadt der Eingeborenen an (Black town) und reicht nördlich bis zu den Vorstädten (Mazagaon und Bykulla) und östlich bis zu dem Fuss des Malabar-Hügels.
Bombay wird von den Engländern als sehr gesund gerühmt, namentlich seitdem die hauptsächlichsten Sümpfe beseitigt, und eine ordentliche Wasserleitung erbaut worden. Aber der nördliche Theil der Insel, wo allerdings keine Engländer wohnen, ist noch heute Fiebergegend. Ich habe den dort (in Mahim) hausenden Stadt-Arzt, einen Parsi, besucht und erfahren, dass er jährlich sechs bis zwölf Tausend Fälle von Fieber zu behandeln hat.[584]
Die mittlere Jahrestemperatur ist + 26¼° C. Die Nähe des Meeres wirkt günstig. Die kühlsten Monate sind November bis März. Der Südwestmonsun beginnt mit der zweiten Woche des Juni, und der Regen hält an bis zum Ende des Monat September. Der durchschnittliche Regenfall beträgt 70 Zoll im Jahre.
In geschichtlicher Hinsicht ist folgendes zu erwähnen. Im Jahre 1530 wurde die Insel Bombay von einem (auf der nördlich daran grenzenden Insel Salsette herrschenden) Kleinfürsten an die Portugiesen abgetreten, welche die Vortrefflichkeit des Hafens erkannten und eine befestigte Handelsniederlassung gründeten. Im Jahre 1661 erhielt König Karl II. von England bei seiner Verehelichung mit der portugiesischen Prinzessin Katharina die Insel Bombay als Heirathsgabe; aber schon 1668 verschenkte sie der unwirthschaftliche König an die ostindische Gesellschaft, so zu sagen für ein Butterbrot, nämlich für 10 Pfund Sterling jährlicher Abgabe. Im Jahre 1687 wurde der Sitz der Regierung (Präsidentschaft) von Surate hierher verlegt. 1696 liess Aurangzeb das Fort beschiessen und wurde nur durch ein schweres Lösegeld zum Abzug bewogen. Erst 1860 wurde die Festungseigenschaft der Stadt aufgehoben.
Jetzt umfasst die gleichnamige Präsidentschaft, an der Westküste Vorderindiens, 512000 Quadratkilometer mit 23 Millionen Einwohnern.
Die Zahl der Einwohner der Stadt Bombay war
| 1716: | 16000, | |
| 1815: | 221000, | |
| 1834: | 234000, | |
| 1864: | 816000 | [585], |
| 1872: | 640000, | |
| 1881: | 773000 | [586], |
| 1891: | 821000 | (einschliesslich des Cantonment). |
Bei dieser raschen Entwicklung begreift man, dass nur ein Fünftel der Einwohner auf der Insel geboren ist, von den Europäern sogar nur vier Procent.
Ihren Aufschwung verdankt die Stadt der Einrichtung der englisch-indischen Post (London-Bombay) im Jahre 1837, der Eröffnung der Eisenbahnen nach dem Innern und vor allem des Suez-Canals (1869).
Im Jahre 1814/15 betrug der Werth der Ein- und Ausfuhr 8 Millionen Mark, 1884 aber 1285 Millionen! 1891 sollen es sogar 3200 Millionen gewesen sein, nach dem Guide of Bombay, 1892. Aber hier zeigt sich die Unzuverlässigkeit solcher Büchlein. Nach Hunter’s amtlichen Zahlen betrug der ganze Handel Indiens 1890/91: Rx 196 Millionen. Hiervon entfielen 43 Procent (Rx 84 Millionen) auf Bombay, 37 Procent auf Calcutta. Bombay hat also Calcutta bereits überflügelt.
Den Haupteinfuhrgegenstand bilden Baumwollen-Waaren (für 187 Millionen Mark), den Hauptausfuhrgegenstand Rohbaumwolle (für 291 Millionen Mark). 77 Procent der ganzen Einfuhr und 58 Procent der ganzen Ausfuhr gehen durch den Suez-Canal.
Ausser dem Handel kommt die Industrie in Betracht. Bombay tritt durch seine Baumwollenspinnereien bereits in Wettbewerb mit Manchester. 1890/91 verkehrten 89797 Schiffe (darunter 3451 Dampfer) mit 5 Millionen Tonnen im Hafen von Bombay; allerdings kommen 87962 mit 2,8 Millionen Tonnen auf den Küstenhandel und den Verkehr mit indischen Häfen. Sechs grosse europäische Dampfschifffahrtgesellschaften unterhalten regelmässigen Dienst mit dem Hafen von Bombay.
Esplanade Hotel hat eine vortreffliche Lage inmitten der Stadt. Nach Osten liegt die Haupt-Längsstrasse der Stadt (Esplanade Road), nach Süden grenzt daran eine Gewerbeschule, nach Westen eine schmale Strasse, jenseits deren das Regierungsgebäude der Präsidentschaft emporragt, nach Norden eine breite Querstrasse und jenseits derselben ein kleiner, zu der Universität gehörender Garten. Hier tummeln sich Führer, Kutscher mit ihren Wagen, gelegentlich auch Gaukler und andre Schmarotzer der Reisenden.
Ungeheuer ist das Gewühl in der grossen Halle zur ebenen Erde, mit all’ den Dienern des Gasthauses, der Fremden, der in Indien lebenden Engländer, mit den Kaufmannsburschen, welche kommen und gehen. Im Hintergrund der Halle ist der Schreibtisch, wo man seinen Namen einträgt und seine Zimmernummer erfährt, um sofort, mit dem Personen-Aufzug, (ungünstigen Falles, selbst bis zum fünften Stock, wo hauptsächlich Diener hausen,) empor befördert zu werden.
Ich erhielt ein Zimmer im ersten Stock, das allerdings weder sehr gross, noch glänzend ausgestattet war.[587]
Weiter befinden sich in Unterstock, angrenzend an die grosse Halle, die eigentliche Abfertigung, wo man bestellt und bezahlt, eine Geld-Wechsel-Stube, die sehr angenehm und nöthig ist,[588] ein Postamt, ein Billard- und Trink-Raum, ein sehr schlechter und dunkler Leseraum, wo Zeitungen an Ketten liegen, einige Läden, die mehr oder weniger innige Beziehungen mit der Leitung des Gasthauses unterhalten. Das letztere soll Eigenthum des früheren Ministers eines Schutzstaates sein, der mit seinem Raub nach Calcutta sich zurückgezogen, und soll grossen Gewinn abwerfen. Die Schreiber und Wechsler sind Hindu, ebenso wie die Pförtner und Diener.
Die grossen Speise-Säle liegen im ersten Stock. Man speist an kleinen Tischen zu vier bis acht Personen. Jeder Tisch hat seinen eignen Aufwärter. Ansässige (Beamte, Kaufleute, Consuln) bringen wohl ihren eignen Diener mit. Speisen und Getränke sind befriedigend.
Die Speise-Säle öffnen sich auf einen mächtigen Balkon, der die ganze Breitseite des Hauses einnimmt und namentlich nach dem Abendessen einen angenehmen Aufenthalt bildet, wo man an einem kleinen Tischchen den Kaffe einnimmt und bei der Cigarre[589] eine Stunde mit Bekannten verplaudert.
In dem Gasthaus wohnten etliche Deutsche, theils Reisende, theils Ansässige, deren Bekanntschaft ich bald machte und so die Annehmlichkeit genoss, wenigstens bei Tisch und danach meine Muttersprache sprechen zu können und auch lästigem Gesprächsstoff zu entgehen.[590]
Europäische Abendvergnügen, wie Theater,[591] giebt es in dieser indischen Grossstadt nicht.
Von dem luftigen Balkon wandre ich in’s Schlafgemach. Dieses ist gleichfalls luftig, da ich die Fenster auch Nachts offen lasse, und, nur von einem Laken zugedeckt, ganz angenehm schlafe.
Des Morgens, nach dem Bad und dem Früh-Thee, sitze ich behaglich am Fenster, rauche meine Cigarre, schreibe, lese, durchfliege die englische Zeitung. Letztere hat mir der unten lauernde Zeitungsjunge geschickt zwischen die eisernen Stäbe des Fensters hindurch in das Zimmer geschleudert; und, da er mit der hinuntergeworfenen Bezahlung zufrieden ist, wiederholt er dies jeden Morgen, sowie er mich erblickt. Die schon früh nach Bakschisch brüllenden Bettelkinder schaffe ich mir mit Hilfe des Pförtners vom Halse. So verbringe ich eine angenehme Morgenstunde.
Allmählich erscheinen aber mehr Menschen auf den Strassen. Jetzt ist es Zeit, die in nächster Nachbarschaft befindlichen Prachtgebäude zu besichtigen. Hatte ich doch bei Sir Edwin Arnolds gelesen „von einer glücklichen Erleuchtung, welche die gothische Baukunst mit der indischen verschmilzt.“ Da aber wurde ich gründlich enttäuscht und, um es kurz zu sagen, geschmacklosere Bauten, als die der Engländer in Bombay, habe ich noch in keiner Grossstadt, sogar nicht in Amerika, auf so engem Baum zusammengedrängt gesehen.
Das Secretariat der Präsidentschaft, westlich von unserem Gasthaus (mit der Hauptseite nach Mayo Road, die hier einigermassen gleichläuft mit Esplanade Road[592]) ist ein Steinkasten von 443 Fuss Länge und vier Stockwerken; — für seinen Zweck ist es gewiss brauchbar, ausserdem aber soll es „venetianisch“ sein.
Die Universitäts-Halle ist nach der Zeichnung des Sir Gilbert Scott im „französischen“ Stil des 15. Jahrhunderts erbaut, 104 Fuss lang, 44 Fuss breit und 63 Fuss hoch, 1874 fertig gestellt und nach Sir Cowasjee Jehangir Readymoney[593] benannt, der 100000 Rupien dazu beigesteuert.[594] Dies Gebäude ist wenigstens doch hübsch im Innern, durch eine Holztäfelung, die von Einheimischen herrührt. (Die Universität, die nur Prüfungen vornimmt, mit dem Unterricht aber nichts zu schaffen hat, hält hier ihre Sitzungen ab.)
Die Universitäts-Bücherei mit dem Glocken-Thurme, von demselben Sir Gilbert Scott in dem „gothischen Stil des 14. Jahrhunderts“ entworfen, stellt eine Missverbindung dar zwischen einem 152 Fuss langen, ganz niedrigen Gebäude, der eigentlichen Bücherei, und einem plumpen, viereckigen, sechsstöckigen, bis über das Zifferblatt fast 200 Fuss unverjüngt aufsteigenden Thurm mit einer schmäleren Laterne, deren Spitze 260 Fuss über dem Erdboden steht. Der Thurm heisst der von Rajabi, nach der Mutter des edlen Gebers, des Herrn Prunchand Raichand, der für die Kosten des Bauwerks 300000 Rupien geschenkt und ausserdem 100000 Rupien für die Bücherei und noch spätere Zugaben, die vollkommen ausreichten, um Alles zu vollenden. Hätte der edle Geber nur noch die Mildherzigkeit so weit ausgedehnt, statt des englischen Künstlers einen einheimischen Handwerker mit Plan und Ausführung zu betrauen! Dann würde vielleicht auch der Beschauer eine Freude an dem Werke haben.[595] In dem Garten der Universität steht die Marmorbildsäule des einen der beiden Wohlthäter, der den Titel Sir führt.
Das Gerichtsgebäude, in „altenglischem“ Stil von Gen. J. A. Fuller entworfen und 1879 mit einem Kostenaufwand von 100000 £ vollendet, ist 562 Fuss lang, mit einem Thurme von 175 Fuss Höhe. Ich war auch drinnen; das beste, was man dort sieht, ist die Aussicht.
Postgebäude „im mittelalterlichen Stil“, Telegraphenamt „im neuen gothischen“ und Bau-Amt, die hier in der Nähe und dicht bei einander liegen, verdienen nur genannt zu werden.
Verfolgt man die Hauptquerstrasse (Churchgate street) nach Osten, so stösst man zuerst auf die Cathedrale, die 1718 erbaut, 1833 mit einem hohen Thurm versehen wurde und eine „Mischung des klassischen und gothischen Stils“ darstellen soll; hiernach auf einen kleinen Rundgarten (Elphinstone Circle), der von hohen Geschäftshäusern umgeben ist, und endlich auf das Stadthaus (Town Hall), das mit seiner Hauptfassade von 260 Fuss Länge und einer dorischen Säulenhalle etwas besser aussieht: es wurde 1835 mit einem Kostenaufwand von 65000 £ errichtet. Das Gebäude hat einen grossen Saal von 100 Fuss Länge und Breite, der weniger zu öffentlichen Versammlungen, als zu Bällen benutzt wird; denn von städtischer Selbstverwaltung ist in Indien keine Rede. Aber es ist auch der Aufbewahrungsort für die wichtige Bücherei der asiatischen Gesellschaft und hierdurch den deutschen Fachgelehrten genügend bekannt.
Oestlich von dem Stadthaus, schon dicht am Ufer, liegt die Münze, welche 300000 Rupien an einem Tage zu prägen im Stande ist und früher bisweilen bis zu 200000 £ in Silberbarren beherbergte; denn Jedermann konnte hier sein Silber zu Rupien prägen lassen für die gesetzlichen Gebühren: erst vor wenigen Monaten ist die freie Silberprägung nothgedrungen, wegen des Silbersturzes, aufgehoben worden.
Ob das neue Stadthaus (Municipal Office) am Nordende des Europäer-Viertels[596] nach seiner Fertigstellung besser aussehen wird, weiss ich nicht. Jedenfalls hatte der Baumeister in nächster Nähe zwei Beispiele vor Augen, ein nachahmenswerthes, die mohammedanische Mädchen-Schule, welche trotz der üblichen Klassen-Eintheilung anmuthige Hallen und Kuppeln zeigt, und ein abschreckendes, das Gebäude des Victoria-Eisenbahnhalteplatzes,[597] das allenthalben nach vorn Dachtraufen mit den Köpfen nordischer Ungeheuer und sogar an seinem Central-Dom strahlenförmig Säulen mit eben solchen Missbildungen gegen den Himmel, wie versteinertes Gestrüpp, emporstreckt. Es soll „spät gothisch“ sein, wird als das schönste Gebäude in Bombay und als der prächtigste Eisenbahnhalteplatz in Indien gepriesen. Herr Stevens war der Baumeister, die Kosten betrugen 300000 £. 1888 wurde es fertig, die innere Einrichtung muss als zweckmässig gelobt werden; es ist der Endpunkt der Great Indian Peninsular Railway.
Bombay’s öffentlichen Gebäude machen keinen sonderlichen Eindruck auf denjenigen, der aus Indien kommt und so viel schönes gesehen.
Wie die öffentlichen Gebäude, so auch die Bildsäulen.
Im südlichen Anfang von Esplanade road, gegenüber einem freien Platz, steht die bronzene Reiterstatue des Prinzen von Wales, die Sir Albert Sassoon[598] zur Erinnerung an den Besuch des Thronerben (1875/76) durch Herrn Böhm für 12500 £ anfertigen liess und der Stadt Bombay zum Geschenk machte. Die Enthüllung fand im Jahre 1879 statt. Der Prinz, in Feldmarschallsuniform, sitzt zu Pferde. Die Bildsäule ist 12 Fuss hoch und steht leider auf einem Granitwürfel von 14 Fuss Höhe, also zu hoch für bequeme Betrachtung. An den beiden Hauptseiten enthält der Unterbau Bronze-Tafeln mit erhabener Arbeit. Die eine stellt die Landung des Prinzen dar; die andere zeigt die Vorstellung auf der Esplanade, wo der Prinz in der Mitte zwischen Hindu und Mohammedanern steht.
An der Kreuzungsstelle von Esplanade- und Mayo-Road sitzt unter einem gothischen Spitzdach von 42 Fuss Höhe die Königin im Staatsgewande. Die Bildsäule ist 7 Fuss hoch, aus weissem Marmor, von Noble. Die Enthüllung erfolgte 1872. Die Gesammtkosten betrugen 182000 Rupien, wovon der Fürst (Gâekwâr) von Baroda 165000 beigesteuert. Ein gothisches Spitzdach ist die unglücklichste Bedeckung für eine sitzende Bildsäule; das weiss Jeder, der die von Walter Scott zu Edinburgh gesehen.
Bombay’s Bedeutung beruht auf dem Seehandel.
Naturgemäss wendet man sich zum Hafen. Es ist nicht weit. Man verfolgt Esplanade Road vom Hotel aus südwärts eine kurze Strecke, geht über einen halbkreisförmigen freien Platz und durch die Apollo-Bunder-Strasse, vorbei an dem Seemanns-Heim[599] und dem Jacht-Club zur Linken und einem Erfrischungshause zur Rechten. Hier springt die von einer 100 Fuss langen, offenen Halle gekrönte Landungstreppe in den Hafen vor, die den für uns seltsamen Namen Apollo Bunder führt.
Bunder oder Bandar heisst auf hindostanisch Uferstrasse. Das Wort Apollo sollen die Engländer aus dem hindostanischen Wort pallow, d. h. Fisch, zurecht gemacht haben: wobei nur eines wunderbar ist, dass sie eine Silbe zugegeben, nicht fortgenommen haben.
Apollo Bunder oder, wie der amtliche Name jetzt lautet, Wellington Damm (W. Pier) ist das wirkliche Eingangs-Thor zur Westküste von Indien. Dicht davor werfen die Postdampfer der P. & O. Gesellschaft Anker. Ankunft und Abfahrt bedingen lebhaftes Gedränge und geschäftiges Treiben auf dem Ufer und auf dem Wasser. Der Blick von oben, über die niedrige Umfassungsmauer fort, zeigt eine der schönsten Seelandschaften der Erde. Vor uns liegen in dem von schier unzähligen Vergnügungs- und Geschäftsbooten durchfurchten Hafen die zahlreichen verankerten Schiffe. Die Flaggen aller Völker flattern von den ragenden Masten. Obwohl Bombay heutzutage nicht mehr eine Festung darstellt, — denn von dem nördlich von unserem Standpunkt befindlichen Kastell sind nur noch die Ufermauem übrig geblieben und die Waffensammlung (Arsenal), — so ist doch für die Vertheidigung des Hafens einigermassen gesorgt. Da liegen die beiden Monitor Abyssinia und Magdala, jeder mit zwei Thürmen und 10zölligen Kanonen; da erhebt sich zu unserer Linken Chendal Bet, die Kreuz-Insel, mit ihrer Batterie, am Nordende der Ankerlinie; am Südende der letzteren der Austern-Felsen und eine dritte Batterie in der Mitte. Dazu kommt weiter nach Osten die Schlacht-Insel (Butcher’s Island), wo die Mannschaften zur Bedienung der unter See befindlichen Minen ihren Standort haben.
Lassen wir den Blick weiter über das Wasser nach dem Hintergrund zu schweifen, so erblicken wir andere grössere Inseln, darunter die berühmte Elephanta und die Berge des Festlandes, die westlichen Ghats, die hier 1000 bis 2000 Fuss emporsteigen. Besonders reizvoll ist das Bild gegen Abend, wenn die tiefer stehende Sonne auf den Felsinseln eine malerische Abwechslung von Licht und Schatten hervorruft.
Dann sammelt sich auf diesem Platz „ganz Bombay“ oder wenigstens eine hübsche Muster-Sammlung seiner so verschiedenartigen Einwohner. Die Vornehmeren der wirklich herrschenden Kaste, der Engländer und anderen Europäer, erscheinen nur vereinzelt; die meisten fahren von dem Corso am westlichen Ufer der Bombay-Halbinsel sofort nach Hause, um für das wichtige Geschäft des Abendessens langsam und würdevoll sich vorzubereiten.
Aber von der einflussreichsten und wohlhabendsten Klasse der Eingeborenen, den Parsi, rollt ein Wagen nach dem andern heran. Aussteigen die würdevollen, hohen Gestalten der halb europäisch gekleideten Männer mit der steifen, glänzenden Kopfbedeckung, die an die Blechmützen der Garde Friedrich’s des Grossen erinnert; mit ihnen die schwarzäugigen Frauen, in lebhaft gefärbten Seidengewändern, das lange Tuch (Sari) mit dem bunten, fein gestickten Saum so um das Haupt geschlagen, dass es das Gesicht vollständig einrahmt; die munteren Kinder, Knaben wie Mädchen, in blumigen Gewändern (Jacke und Hosen) und mit Sammtkäppchen auf dem üppigen, schwarzen Lockenhaar. Nur durch Länge des Haares und Ohrringe sind die Mädchen von den Knaben zu unterscheiden.
Da erscheinen Hindu in jeder Schattirung des Braun, mit Kastenabzeichen auf der Stirn, mit allen Arten von Turbanen, weissen und rothen, und von Mützen und in schneeweisser Baumwollengewandung; Mohammedaner, die auch hier die grüne Farbe des Turbans vorziehen; Hinduweiber mit grellfarbigem Tuch (Sari, aus Battist oder Seide) um den Kopf, mit Nasenring, Spangen an Armen und Fussknöcheln; Juden aus Bagdad im Fez, mit ihren Frauen, die zu den schönsten im Osten gehören. Die schlanke Gestalt ist in ein weisses, bauschiges Gewand gekleidet, das aber wegen der Zartheit des Stoffes die Formen nicht vollständig verhüllt; das weisse Tuch umrahmt das regelmässige, helle Gesicht mit den dunklen Augen; den überladenen Schmuck der Hindu-Frauen verschmähen sie, gehen aber nicht barfuss, sondern in zierlichen Schuhen.
Natürlich fehlen die neugierigen Reisenden ebenso wenig wie die fröhlichen, recht jugendlichen Gestalten der britischen Soldaten sowie Schiffsvolk aus aller Herren Länder. Händler mit allerlei Kleinigkeiten, mit Süssigkeiten und Spielwaaren für die Kinder, Bootsleute, welche ihre Kähne anbieten, drängen sich zwischen die Menge, welche langsam auf- und abwandelt und den Klängen einer Musikkapelle lauscht, die gelegentlich vor dem Jacht-Klub ihre Weisen ertönen lässt. Dann geht die Sonne unter, der Mond leuchtet in märchenhaftem Glanze. Die Versammlung zerstreut sich nach allen Richtungen.
Unmittelbar nördlich von Apollo Bunder liegt die Werft (Dockyard), 1735 von der Regierung mit Hilfe einer tüchtigen und grundehrlichen Parsi-Familie in’s Leben gerufen und ganz allmählich vergrössert; 1820 wurden Kriegsschiffe von 1700 Tonnen ganz und gar von den Parsi fertig gestellt, aus Teakholz, das fünf Mal so lange hält, wie europäisches Eichenholz. Ein Kauffahrer von 1000 Tonnen, aus diesem Holz erbaut, hat 70 Jahre lang das Meer befahren! Bombay ist der einzige wichtigere Platz in Indien, wo die Fluth (von 14 Fuss) hinreicht, um grössere Docks zu erbauen.
Südlich von Apollo Bunder bei Colaba liegt das alte Sassoon-Dock zum Aus- und Ein-Laden von Schiffen, 650 Fuss lang, 250 Fuss breit, 19 Fuss tief, mit der Eisenbahn verbunden; und nördlich, dicht bei der Kreuz-Insel, die neuesten Anlagen der Art, Prince’s Dock, das 30 Acres = 12 Hektaren misst und 30 Oceandampfer aufnehmen kann; sowie Victoria Dock, von 25 Acres = 10 Hektaren.
Diese beiden Flächen, sowie der südlich daran stossende Uferstreifen bis zur Münze sind der See abgewonnen,[600] wodurch der Hafen erheblich verbessert und morastige, ungesunde Untiefen in vortreffliche Geschäftsviertel umgewandelt wurden.
Hundert Millionen Mark sind hierfür, einschliesslich der Verbesserung der Backbay, ausgegeben worden.
Natürlich habe ich, bei meiner grossen Vorliebe für Hafen-Anlagen, nicht versäumt, den ganzen Hafen von Bombay im Boot zu durchfahren und alles genau in Augenschein zu nehmen. Ein ganzer Sonntag wurde daran gewendet. Bei dieser Gelegenheit besuchte ich auch S. M. Kreuzer Schwalbe, der soeben von unseren ostafrikanischen Besitzungen angekommen war und die deutsche Flagge im Hafen von Bombay flattern lies. Auf das zuvorkommendste wurde ich aufgenommen, von den Herrn Aerzten und Officieren durch das ganze Schiff geleitet, das vor Sauberkeit nur so blitzte. Da sah ich „die grossen Kanonen“, deren Ruf bald bei den unbotmässigen „Arabern“ so verbreitet war, dass schon der blosse Anblick des Schiffes ihnen einen heilsamen Schrecken einflösste. Spielend werden die mächtigen Feuerschlünde mittelst Maschinen von einem Mann gedreht und gerichtet.
Unsre Matrosen und Seesoldaten sind prachtvolle Gestalten. Lächelnd gedachte ich der an Bombay’s Mauern angeklebten bunten Marktschreier-Zettel, die deutsches Bier empfehlen und ein Kampfspiel (Seilziehen, tug of war,) zwischen deutschen und englischen Matrosen darstellen: worin unsre Leute jammervoll unterliegen. In Wirklichkeit wird die Sache sich wohl anders entwickeln.
Natürlich ist ein solcher Kreuzer nicht so geräumig, wie ein Postdampfer; mit dem Raum muss man haushälterisch umgehen. Der Dienst ist auch nicht leicht. Aber die Verpflegung ist vortrefflich, die Mannschaften sehen sehr gut aus und sparen den grössten Theil ihrer Löhnung.
Nach der Besichtigung wurde wirklich deutsches Bier aufgetischt und mehr als ein Glas auf das Wohl des Vaterlandes geleert.
Zum Schluss fuhr ich noch nach Prince’s Dock, wo der stattliche Postdampfer Imperatrix des östreichischen Lloyd, auf dem ich am 1. Januar meine Heimreise antreten sollte, hart an der Ufermauer verankert lag.
Capitän Egger, ein graubärtiger, biederer Seemann, empfing mich auf das freundlichste und zeigte mir die Einrichtung, ganz anders als die Capitäne der englischen P. & O.-Gesellschaft, die in dem Reisenden nur eine Zahl (oder eine Geldsumme) sehen.
Bootsfahrten sind natürlich, wie überall, bequem und billig. Als ich den Leuten 4 Rupien einhändigte, wagten sie gar nicht einmal, noch ein Geschenk (bakschisch) zu verlangen.
Schlechter ist es mit den Droschken bestellt, wenn auch nicht ganz so schlecht, wie in Calcutta. Der Gebührensatz ist allerdings, wie bei uns, auf einer deutlich sichtbaren Tafel gedruckt zu lesen, z. B. nach dem Malabar-Hügel und zurück 2½ Rupien. Aber wenn man oben angelangt ist, sagt der Kutscher, dass das Pferd müde oder krank sei, und sucht den vollen Preis für die halbe Fahrt zu erlangen. Nach solcher Erfahrung miethete ich für grössere Ausflüge stets in der Gasthofkanzlei einen Einspänner, der für den halben Tag 3 bis 5, für den ganzen Tag 6 bis 8 Rupien kostet und weit besser fährt. Für kürzere Fahrten in der Stadt sind allerdings auch die Droschken brauchbar. Wer Einheimische genauer betrachten will, wird gelegentlich die Pferdebahn benutzen, die uns für ein geringes durch die ganze Stadt befördert.
Es ist aber auch sehr lehrreich, grosse Strecken zu Fuss zurückzulegen.
Ganz eigenartig ist der Spaziergang nach Süden von Esplanade road, durch Colaba causeway. Hier kommt man zu dem Baumwollen-Paradies. Bombay ist nach New-Orleans[601] der grösste Baumwollenmarkt der Erde. 4000000 Centner werden jährlich von Bombay ausgeführt und 2000000 in den 70 Dampf-Spinnereien der Stadt verarbeitet,[602] wobei 59000 Menschen Beschäftigung finden.
Es ist wohl zu bemerken, dass im letzten Jahre mehr nach Deutschland als nach England verschifft worden ist! Die grossen viereckigen Ballen werden durch hydraulische Pressen, die einen Druck von 800 Tonnen auf den Ballen ausüben, zusammengedrückt, so dass sie grössere Dichtigkeit (specifisches Gewicht) als Tannenholz annehmen, und mit dünnen Eisenbändern umgeben. So lagern sie zu Tausenden und Tausenden in Hallen und auf Höfen, bewacht von den Angestellten der Geschäfte und durchmustert von Kauflustigen.
Indien ist die Heimath der Baumwollenpflanze und ihrer Verarbeitung zu den feinsten Geweben, seit uralter Zeit. Im Anfang des 18. Jahrhunderts beherrschten ostindische Baumwollenwaaren den englischen Markt, so dass in den Jahren 1700 und 1721 ihre Einfuhr nach England durch Gesetz beschränkt wurde. Aber der Erfindungsgeist und die Thatkraft der Europäer hat in einem Jahrhundert auf diesem Gebiet mehr geleistet, als die Weisheit des Morgenlandes in Jahrtausenden.
Indien lieferte Baumwolle nach England und nahm von dort Baumwollenwaaren. Jetzt fängt Asien an, durch eigne Dampf-Spinnereien von Europa sich unabhängiger zu machen; aber vorläufig wird es noch zinspflichtig bleiben.
Umfassend ist hier am Südende die Aussicht auf Bombay. Im äussersten Westen erblickt man die Malabar-Spitze mit der Flaggen-Stange des Statthalters, dann kommt der grüne, langgestreckte, mässig hohe Hügelrücken der Malabar-Halbinsel, auf dem einzelne der Pracht-Häuser sichtbar sind, danach die hängenden Gärten und, hinter der Umbiegungsstelle der Hinterbucht, die fernen Schornsteine des sogenannten Manchester von Bombay, hierauf einige grosse Häuser am Strand, dann der Palmenwald, in dem ein Theil der „schwarzen Stadt“ der Hindu liegt, endlich die grossen Amtsgebäude, welche Bombay kennzeichnen (Victoria-Halteplatz, Universität, Obergericht,) einige rothe Dächer der höheren Geschäftshäuser und dahinter die Bergkuppen der in der Bombaybucht gelegenen Inseln.
Am äussersten schmalen Südende der Halbinsel sind einige militärische Gebäude, Werkstätten, seltsamer Weise auch Gesundheits- und Erholungs-Häuser für kranke Soldaten, eine Kirche am Strande, zum Gedächtniss an die 1842 in Afghanistan gefallenen Krieger, eine Sternwarte und ein Leuchtthurm, der nicht mehr in Thätigkeit ist, seitdem ein neuer (Prong Light) auf einer dicht vor der Colaba-Spitze gelegenen Klippe erbaut worden.
Auf dem Rückweg wandte ich mich zu der breiten Uferstrasse, (Drive, Queens road,) welche längs des ganzen Ostufers der Halbinsel, aber von diesem durch die Eisenbahn geschieden, bis nach dem Malabar-Hügel hinzieht und stetig eine prachtvolle Aussicht auf diesen und die Hinterbay darbietet. Ihre Länge beträgt wohl eine deutsche Meile. Hier und da sind Bahnübergänge zu Spielplätzen am Wasser, die fleissig von Gross und Klein benutzt werden. Die Uferstrasse selber ist Nachmittags belebt von Wagen und Fussgängern. Die meisten Wagen gehören den Parsi, dann kommen die Engländer, auch Damen, die selbst die Rosse lenken, dann vornehme Hindu, in rothem goldstrotzendem Turban, von Lanzenreitern gefolgt, und einzelne Mohammedaner.
Zwischen den Hauptgebäuden der Stadt und dem Ostufer liegt ein Reitplatz von der Gestalt einer längs gezogenen Ellipse, natürlich Rotten Row genannt. Denn der Engländer nimmt mit sich seine heimischen Sitten, Gebräuche, Namen, Neigungen überall hin, selbst bis zum Aequator und zu den Gegenfüsslern.
Dann folgt Church-Gate-Halteplatz der Bombay-Baroda und Central India-Eisenbahn; weiterhin sehr stattliche Baracken für Soldaten und eben solche für Matrosen; die der letzteren führen den Namen Marine Lines, und danach heisst auch der Eisenbahn-Halteplatz.
Gleich darauf folgt der grosse Parsi-Turnplatz (Gymkhana). Hier hatte einige Tage zuvor Lord Hawkin mit seinem Cricket-Club aus England, der auf dem Schiff Shannon schon durch seine Unverschämtheit das Missvergnügen der Vernünftigen erregt, statt des geträumten Sieges eine gründliche Niederlage von Seiten der Parsi-Jünglinge erfahren, zur grossen Freude der Parsi und zu meiner eignen Genugthuung; schliesslich aber durch seine allerdings anerkennenswerthe Zähigkeit und Ausdauer einen ganz geringen Erfolg davon getragen.[603]
Endlich kommt man in dem Stadttheil Girgaum zu den Begräbnissstätten — der Hindu, Mohammedaner, Europäer, die so auf einander folgen.
Natürlich verbrennen die Hindu ihre Todten.
Als ich in die offene Pforte des von einer sehr hohen Mauer umgebenen Platzes eintreten wollte, kam eiligst ein hochgewachsener Sikh-Schutzmann quer über die Strasse geeilt, um mir in fliessendem Hindostani eine längere Rede zu halten. Natürlich verstand ich dieselbe nicht, sagte ihm auf englisch, dass ich ein Reisender sei und alles betrachten wolle. Das verstand er wieder nicht. Schliesslich aber führte er mich hinein zu einer grossen englischen Inschrift des Inhalts, dass die Andersgläubigen gebeten werden, die heiligen Handlungen nicht zu stören. Nun, ich hatte in Benares genug davon gesehen und ging meines Weges.
Die einheimische Stadt erreicht man am besten über Hornby road, die von dem Denkmal des Prinzen nordöstlich zum Victoria-Halteplatz führt; und von da weiter[604] nördlich zum Crawfort Markt, dem Anfang der „schwarzen Stadt“. (2 Kilometer nördlich von meinem Gasthaus).[605]
Das Markt-Gebäude besteht aus einer mittleren Halle und zwei seitlichen Flügeln (150×100 Fuss und 350×100 Fuss), ist mit Eisen gedeckt, mit Fliesen gepflastert und sehr sauber gehalten.
Herr Arthur Crawford, städtischer Beamter von 1865–1871, hat natürlich die 1100000 Rupien, welche der Bau gekostet, nicht aus seiner Tasche gezahlt; aber doch ein grosses Verdienst um die Gesundheit der Stadt dadurch erworben, dass er die Schlachthäuser, die früher in der Nähe des Markts sich befanden, nach der Insel Salsette, nördlich von Bombay, verlegte.
Die mittlere Halle des Markt-Gebäudes wird ganz unpassender Weise von einem 128 Fuss hohen Glockenthurm überragt; sie hat aber innen einen sehr passenden Schmuck, einen Springbrunnen, der Kühlung verbreitet und frisches Trinkwasser in reichlicher Menge liefert, wieder eine Gabe des edlen Sir C. J. Readymoney. Die innere Einrichtung ist ähnlich der unserer Markthallen. Aber die Waaren sind verschieden.
Da sind ganze Reihen von Ständen, wo Betel verkauft wird. Unter den Früchten sind besonders Bananen und Pumelo bemerkenswerth, sowie Mango zu ihrer Zeit (Mai). Ferner sind Zwiebeln reichlich vorhanden und viel begehrt. Hier wie überall im Morgenland sind Männer die Käufer, wenngleich nicht ausnahmslos; aber in den Verkauf theilen sich beide Geschlechter gleichförmig. Fisch, Hammel-, Rind-Fleisch werden in besonderen Abtheilungen feilgeboten. Natürlich ist verhältnissmässig weniger Nachfrage, als bei uns, da die Hindu fast gar kein Fleisch essen.
Hinter der Markthalle ist ein schöner Garten, wo in kleinen Holzhäuschen lebendige Vögel, Papageien und Pfauen, ferner Aeffchen und langhaarige Katzen verkauft werden. (Für arabische Pferde, die aus Bagdad gebracht werden, giebt es einen besonderen Verkaufsstand. Die mit malerischem Burnus bekleideten Araber, welche diesen Handel betreiben, sind vielfach in den Strassen zu sehen.)
Von dem Markt ist es nicht weit zu den Bazaren, wo die Erzeugnisse des Handwerks und Gewerbefleisses feilgeboten werden. Gleich die Fortsetzung von Hornby road, die Abduraman- (oder Aboulrehman) Strasse, ist ganz und gar mit Läden besetzt.
Einen sehr grossen Raum nimmt der Kupferschmied-Bazar ein, er macht sich dem Reisenden auch bald durch den Lärm des Hammers bemerkbar. Grosse kupferne Wassergefässe (Lota) werden in ungeheuren Mengen feilgehalten und verkauft.
Berühmt sind ferner die Holzschnitzereien und eingelegten Holzarbeiten von Bombay (Bombay-Büchsen), Gold- und Silber-Stickereien, Töpferwaaren, Juwelier-Arbeiten. Aber gewaltig ist die Zahl der Verkaufsstände für die ganz billigen Schmuckgegenstände und Flitter-Waaren, die jede Eingeborene, auch die ärmste, in grossen Massen gebraucht.
Die Strassen der Eingeborenen-Stadt sind eng und gewunden, ohne Bürgersteig, aber reinlich und reich an Abwechslung, dicht gedrängt von der auf- und abwogenden Menge, durch welche merkwürdiger Weise Wagen, ohne Schaden anzurichten, sich durchwinden. Die Häuser enthalten unten Läden und Verkaufsstellen, oben Erker, die vielfach ebenso wie die Thürpfosten schön geschnitzt und reich bemalt sind. Ganze Sippen leben in einem Hause. Auf 2½ Quadratkilometer wohnen gegen 400000 Menschen.
Von Tempeln bemerkt man leicht drei Arten, die grell bemalten und mit abenteuerlichen Bildwerken geschmückten Hindu-Tempel; die einfacheren und bildlosen Moscheen, die immerhin durch Kuppel und Minarets hervorstechen; und die ganz schmucklosen, unzugänglichen, wie es heisst, auch innen ganz leeren Gebethäuser der Parsi.
Obwohl in der Eingeborenen-Stadt die Teiche (Tanks) nicht fehlen, so sieht man hier doch nirgends die elenden Dorf-Hütten um dieselben, wie in Calcutta.
Einen besonderen Stadttheil im Norden bilden die Fabriken mit ihren hohen Schornsteinen.
Ich besuchte mit einem Empfehlungsschreiben die Seidenfabrik des Herrn Sassoon, die 1200 Menschen, nur Asiaten, beschäftigt.
Die Führung war höchst umsichtig; sie begann mit dem Rohstoff, der Ordnung und Reinigung desselben, ging dann über zum Spinnen der Garne und zu den Geweben, den einfachsten wie den zusammengesetzten, zeigte das Färben und Bedrucken und schliesslich das Lager. Die Stoffe werden nach dem Gewicht verkauft, schöne Tücher das Pfund zu 15 Rupien, das ist das doppelte des Rohstoff-Preises.
In der Nähe der westlichen Querstrasse (Grant road[606]) liegen die Krankenhäuser der Medicin-Schule (Grant Medical College).
Die neun Professoren tragen vor in englischer Sprache, die vier Hilfslehrer aber in Guzerati und Marathi. Die Hilfsärzte sind Eingeborene, ebenso die Studenten.
Die Krankenhäuser sind milde Stiftungen, meist von Parsi. Da ist das Jamshidji-Krankenhaus, dicht bei der Medicin-Schule, mit vierzehn Krankensälen zu je vierzehn Betten; einer ist für Parsi allein, in den andern finden Kranke aller Bekenntnisse und Kasten Aufnahme. Schwierig ist die Verpflegung: Hindu brauchen einen Koch ihres Bekenntnisses, ja die Brahmanen einen solchen aus ihrer eigenen Kaste: Mohammedaner und Parsi sind mit einem Christen schon zufrieden, wenn er nur die Vögel nicht erdrosselt, sondern schlachtet.
Derselbe Jamshidji Jijibhai hat eine Wohlthätigkeitsanstalt für Arme und ein Asyl für Obdachlose (Dharmsala) mit 200 Einzelräumen erbaut; ein Armenhaus für Parsi haben die Söhne von Fardunji Sorabji Parak zum Andenken an ihre Mutter begründet.
Die Gewerbeschule, welche an unser Gasthaus grenzt, wurde 1870 von dem Juden David Sassoon und seinem Sohn Sir Albert Sassoon mit einem Kostenaufwand von 15000 £ erbaut und auch mit einer guten Bücherei versehen. Auf dem Flur steht eine Bildsäule von David Sassoon.
Ganz im Norden der Stadt, jenseits des Vorstadt-Halteplatzes Byculla, liegt der Victoria-Garten.
Hier steht das Albert-Museum. Sir G. Birdwood sammelte 1 lakh durch freiwillige Beiträge; 1862 wurde der Grundstein gelegt, 1871 das Gebäude vollendet. Sir Albert Sassoon schenkte den Glockenthurm dazu und, wenn ich nicht irre, auch die Marmor-Bildsäule des Prinzen Albert von Koburg, des Gemahls der Königin Victoria. Von dem Inhalt der Sammlung sagt Murray weiter nichts, als dass er unbedeutend sei. Das möchte ich nicht unterschreiben. Wenn auch die einzelnen Stücke nicht so kostbar sind, so ist ihre planmässige Vereinigung höchst werthvoll und geeignet, uns einen vortrefflichen Ueberblick über Handwerk und Gewerbefleiss in Indien, namentlich in dem britischen, zu verschaffen.
Da sieht man die Jute, die Baumwolle, die Seide von ihrem rohen Zustand durch alle Stufen der Bearbeitung bis zu den fertigen, vollendetsten Geweben. Da lernt man auch die Bedürfnisse der verschiedenen Bevölkerungen, der einzelnen Gegenden, der hundertfältigen Kasten kennen; jede trägt ihren Turban so wie vor Jahrhunderten. Deutsche Geschäfte, welche solche Gegenstände für Indien herstellten, mussten erleben, dass ihre Waaren unverkäuflich blieben, wenn nur eine geringe Abweichung in der Breite oder in der Farbe des Stoffes vorhanden war. Ausser Geweben sind auch Metallwaaren aller Art, Töpferwaaren und bemalte Thonfiguren, Schnitzereien reichlich vertreten, zumal ganze Kästen aus den in Europa und in Indien veranstalteten Gewerbe-Ausstellungen schliesslich dem Museum einverleibt worden sind.
Die Eingeborenen sind wieder die dankbaren Besucher. Obwohl ich mehrmals da war, habe ich ausser meinen eignen Begleitern kaum einen Europäer dort gesehen.
Hinter dem Gebäude ist der Eingang zu dem grossen und schön gepflegten Victoria-Garten, der eine Fläche von 34 acres = 13½ Hektaren hat, auch eine stattliche Sammlung wilder Thiere besitzt und von der Stadt-Verwaltung mit einem Jahres-Aufwand von nur 10000 Rupien in Ordnung gehalten wird. So ein indischer Gärtner ist eben ein fleissiger und überaus genügsamer Mensch. Das Gitter öffnet ein Wärter, der auch durch Necken eines gefangenen Tigers einen Arm verloren. Eigenartig ist der Schlangen-Zwinger. Eine tiefe, ganz glatt ausgemauerte Grube enthält in der Mitte einen kleinen, künstlichen und gut bepflanzten Hügel mit höhlenartigen Löchern. Hier werden Riesen-Schlangen sowie auch kleinere gehalten und bewegen sich ungezwungen in völliger Freiheit, ganz anders als in unseren engen, künstlich geheizten Glas-Käfigen. Hier kann man beobachten, dass das Kriechen der Schlangen ein Vorschnellen oder plötzliches Strecken der Windungen des langen Leibes darstellt.
Malabar-Hügel besuchte ich an einem Tage, den ich ganz den Parsi gewidmet.
Auf der Fahrt durch Canada hatte ich in der Eisenbahn einen jungen Parsi, Doctor der Heilkunde, kennen gelernt, der aus London, wo er drei Jahre an Guy’s Hospital studirt, jetzt zurückkehrte, mit seiner jungen Frau, seiner zehnjährigen Schwester und seinen Eltern. Die letzteren drei hatten die Reise nach London erst einige Monate zuvor unternommen, um einen berühmten Nervenarzt zu befragen. Auf der langen Eisenbahnfahrt und der noch längeren Schiffsreise über den Stillen Ocean wurden wir gut bekannt, zumal es mir gelang, ein rheumatisches Kniegelenkleiden der Mutter ganz gut zu heilen. Die Leute waren sehr dankbar, gebildet, des Englischen mächtig. Da ich vorher Parsi noch niemals gesehen, so war natürlich meine Aufmerkkeit gefesselt; ich suchte sowohl über die körperlichen Eigenthümlichkeiten als auch über die religiöse Eigenart dieser uralten iranischen Vettern mir ein Urtheil zu bilden.
Da die Leute eine ziemlich helle Gesichtsfarbe haben und auf der Reise europäisch sich kleideten, so wichen sie wirklich im Aussehen nicht viel von Südeuropäern ab. Lächelnd erzählte mir der Doctor, dass seine Fachgenossen in London ihn wegen seines gut gepflegten Schnurrbartes für einen Ungarn gehalten hätten. Obwohl das Geschrei glaubenswüthiger Eiferer über Andersgläubige und Heiden mich nicht beeinflusst, war ich doch geradezu erstaunt, den Inbegriff der Parsi-Lehre zu erfahren:
Reine Gedanken, reine Worte, reine Handlungen. Zur Erinnerung an diese schon in ihrer Bibel, dem sogenannten Zend-Avesta,[607] betonten Dreiheit, umgürten sie den Knaben, sowie derselbe sieben Jahr alt geworden, mit dem heiligen Gürtel (Kosti oder Kuschti), und tragen denselben stets, um durch seine drei Schnüre an die drei Hauptgebote ihrer Tugendlehre erinnert zu werden. Und sie handeln auch danach. Man kann bei ihnen, im Vergleich mit ihren britischen Herrschern, einen sittlichen Mangel nicht entdecken, eher eine gewisse Ueberlegenheit. Sie sind redlich im Geschäft und unendlich wohlthätig. Die Missionare hatten gar keine Erfolge bei den Parsi, wie die letzteren lächelnd mir mittheilten, und die englischen Bücher, die ich gelesen, vollauf bestätigen.
Wenn ein übereifriger, ungelehrter Reverend unsrer Tage sie Heiden schilt, werden sie sich zu trösten wissen, — mit dem alten Propheten Jesajas,[608] der ihren König Koresch (Cyrus) den Gesalbten und den Hirten Gottes genannt; mit der Angabe des wahrheitsliebenden Herodot,[609] dass die Perser Bildsäulen und Tempel nicht errichten, weil sie nicht, wie die Hellenen, glauben, dass die Gottheit von Menschenart sei; da sogar einzelne vorurtheilsfreie mohammedanische Schriftsteller wie Sharastani († 1153 n. Chr. zu Bagdad) die Religion der Parsi mit der der Juden, Christen, Moslemin zusammengestellt; da kenntnissreiche und vorurtheilsfreie Forscher unserer Tage, wie namentlich Haug,[610] ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen und den edlen Kern ihrer Lehre hinter der krausen Hülle zu finden wissen; da endlich ihre ältesten und heiligsten Gesänge nur den einen allmächtigen Gott lehren und preisen.
Der Gründer ihrer, der altiranischen, Religion ist Zoroaster (Zarathuschtra), der vielleicht um das Jahr 1000 v. Chr. (in Ost-Iran) gelebt hat. Die Quelle ist das Buch Zend-Avesta, d. h. Erklärung vom Gesetz.[611]
In der altiranischen Sprache, die in Europa missbräuchlich Zend genannt wird und die sowohl mit dem ältesten Sanskrit der Veden nahe verwandt als auch mit dem Altpersischen (der Keilinschrift-Sprache der Achaemeniden-Könige Kyrus, Dareios, Xerxes) fast identisch ist, wurden die Lehren des Zoroaster und seiner Jünger gesammelt; aber diese an Biegungen ausserordentlich reiche Sprache hörte schon mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt auf, gesprochen und verstanden zu werden und wurde später durch das abgeschliffene, einfachere und von semitischen Worten ganz durchsetzte Pehlwi (Pahlavi) verdrängt. Die Angaben, welche die alten Griechen über die Religion der Perser uns hinterlassen haben, werden durch die heutige Erforschung des Zend-Avesta vollkommen bestätigt, ebenso durch die Entzifferung der Keilinschriften des Königs Dareios, welche beweisen, dass die Religion des Zoroaster, die Verehrung Gottes (Ahura masda), der Zeit in Persien die herrschende gewesen.
Nachdem Alexander der Grosse Persien erobert, in seiner Trunkenheit auch den Palast zu Persepolis mit der Hauptbücherei der masdagläubigen Lehre verbrannt hatte, verfiel die alte Religion unter der griechischen Fremdherrschaft und gedieh auch unter der Krieger-Herrschaft der turanischen Parther aus Khorasan (der Asarkiden von 256 v. Chr. bis 226 n. Chr.) nicht sonderlich, weshalb bei der Wiederherstellung des alten Glaubens unter den Sassaniden des mittelpersischen Reiches (226 n. Chr.) nach mehr als fünfhundertjähriger Nichtachtung nur noch geringe Ueberreste der alten Bücher sich vorfanden, die in die damals übliche Schriftart[612] umgeschrieben und mit einer Uebersetzung ins Pehlwi oder Mittelpersisch versehen wurden. Der Name Zend-Avesta kam erst damals auf; unter der Erläuterung wurden die Erklärungen in Pehlwi verstanden, welche die Priester dem ihnen wenig verständlichen Text hinzufügten. Im Jahre 636 n. Chr. wurde Jesdegerd III. von den Arabern besiegt; die Mohammedaner wütheten mit Feuer und Schwert gegen die „Heiden (Geber) und Feueranbeter“, vermochten aber ihre Lehre in Iran erst im Laufe einiger Jahrhunderte ganz auszurotten.
In der That sind jetzt nur noch 3000 Familien der Parsi zu Jedz (in der Provinz Irak-Adschmi, südlich von Teheran,) übrig geblieben, rings umgeben von den schiitischen Mohammedanern des neupersischen Reiches, das, nachdem die Völkerwogen der Seldschucken und Mongolen vorüber gefluthet, 1502 vom Schah Ismael Safi begründet worden ist.
Ein Häuflein Parsi, welche den Mohammedanern und ihrem Glauben sich nicht unterwerfen wollten, wanderte 711 n. Chr. aus. Sie nahmen das heilige Feuer[613] mit, das sie bis auf den heutigen Tag unterhalten, gelangten schliesslich nach Guzerat, erwirkten hier in Indien Duldung und zogen, wie die Macht der Engländer erstarkte, nach Bombay. In dieser Stadt leben jetzt 50000, in dem übrigen Theil der Präsidentschaft 25000, im sonstigen Indien nur noch wenige Hundert. Ihre Sprache ist Guzerati, doch lernen die Männer alle Englisch. Ihre heiligen Schriften haben sie aufbewahrt und gelegentlich auch aus Persien ergänzt.
So gelang es dem französischen Gelehrten Anquetil Desperons, der 1755 unter unsäglichen Entbehrungen nach Ostindien reiste und sieben Jahre dort verweilte, von einem Dastur (Parsen-Priester) eine Handschrift des Zend-Avesta zu erhalten sowie eine neupersische Uebersetzung, die er 1771 in französischer Uebertragung oder vielmehr Umschreibung herausgab. Die Zweifel der Engländer über das Alter der Schrift und sogar über die Echtheit der Sprache wurden 1826 von dem dänischen Sprachforscher Rask beseitigt, der ihre Verwandtschaft mit dem Sanskrit erkannte, und von Eugen Bournouf, der ihre Grammatik feststellte und Avesta-Texte herausgab (1829–1843). Seitdem hat man auch auf diesem dunklen Gebiete des Wissens Fortschritte gemacht. Europäische Gelehrte verstehen das Gefüge der Avesta-Sprache besser als die Dastur zu Bombay und Surat. Heutzutage können wir in der deutschen Uebersetzung von Spiegel (Leipzig, 1852–1863), weit besser aber in der von Haug (Leipzig, 1858–1860) und in dessen umfassendem Werk,[614] sowie in den von Max Müller herausgegebenen Sacred books of the East die uralten heiligen Gesänge (Gâthâs[615]) des Zoroaster mit Bequemlichkeit lesen.
Der leitende Gedanke von Spitama Zarathushtra war in der Glaubenslehre die Einheit Gottes, in der Weisheitslehre die Zwiefältigkeit der Dinge, der guten und der bösen, in der Sittenlehre die Dreifältigkeit (Gedanken, Worte, Thaten). Er war einer der tiefsinnigsten Denker jener uralten Zeit und ist als solcher auch schon von den alten Griechen anerkannt worden. Gott heisst in den alten Gesängen des Zarathushtra Ahurô mazdâo,[616] lebendiger Schöpfer des All. Ein böser Geist von ähnlicher Kraft ist der ursprünglichen Lehre fremd. Der Feind, gegen den Ahura kämpft, ist die Lüge (drukhsh). Auch in den Felsinschriften des Darius ist nur ein Gott (Auramazda), wie Jehovah im alten Testament.
Allerdings wird schon in den alten Gesängen dem Ahuramazda ein wohlwollender Geist (Spento mainyush) und ein strafender Geist (Angro mainyush) zugeschrieben. Später wurde dann Spento mainyush als Name des Ahuramazda (Ormazd) aufgefasst und Angro mainyush (Ahriman) als sein Widersacher.
So entstand die Zweiheit von Gott und Teufel, Himmel[617] und Hölle; die Lehre von der Auferstehung und dem jüngsten Gericht.
Die Parsi in Bombay sind kluge, thatkräftige, einflussreiche Leute. Sie herrschen im Grosshandel von Shanghai und Hongkong bis nach Calcutta und Bombay und von hier weiter nach Aden und bis nach London. Da das Gemeindewahlrecht in Bombay an eine hohe Steuer (von mehr als 100 Mark im Jahr) gebunden ist; so stellt die kleine, aber wohlhabende Gemeinde der Parsi ein Drittel der Wahlberechtigten. Viele studiren Rechtswissenschaft, auch in England; einige haben es schon bis zum Oberrichter gebracht. Sie halten treu zur Regierung. Aber grade bei ihnen hörte ich die durchaus gerechte Forderung: Indien den Indern. Die rücksichtslose Ausbeutung Indiens durch die Engländer soll aufhören; den in Indien geborenen Unterthanen der Königin Victoria soll Zutritt zu den höheren Aemtern gewährt werden.
Die grossen Schenkungen der reichen Parsi zum Allgemeinwohl und ihre häusliche Gastfreundschaft lässt der Brite sich wohl gefallen; aber auf dem Fuss der Gleichheit will er mit ihnen nicht verkehren. Die Parsi sollen nicht einmal in den Speisesälen von Watson’s Gasthaus am Tisch sitzen dürfen. Daran kehrte ich mich allerdings nicht und nöthigte meinen bescheidenen Freund, an meiner Seite zu sitzen, — unbekümmert um die hochmüthigen und ärgerlichen Gesichter der Engländer; darüber zu reden wagte keiner von ihnen.
Am Vormittag besuchte ich den jungen Parsi-Doctor, der in dem Hause seiner Eltern zu Cumballa Hill wohnt. Das ist eine hübsche und hoch gelegene Vorstadt, nördlich vom Malabar-Hügel. Die Parsi besitzen schöne Häuser; ihnen gehören sogar die meisten der auf dem Malabar-Hügel belegenen Bungalow (Bangalo), welche für 300 bis 600 Mark monatlich an Europäer vermiethet werden.
Die Einrichtung der Empfangsräume, die Erfrischungen, welche mir vorgesetzt wurden, waren ganz europäisch. Die Kleidung der Damen aber war um eine leichte Abstufung wieder mehr morgenländisch, d. h. gefälliger geworden. Der Parsi hat nur eine Frau; diese versteckt er aber nicht.
Nachmittags fuhren wir, nachdem der Erlaubnissschein schon vorher beschafft worden, zu dem Parsi-Friedhof (Dhakma, Thurm des Schweigens), der auf dem höchsten Punkt des Malabar-Hügels steht, 150 Fuss über dem Meere, gerade da, wo die zugespitzte westliche Halbinsel aus dem viereckigen Hauptkörper der Insel Bombay frei wird. Ein reicher Parsi, der schon mehrfach genannte Sir Jamshidji Jijibhai, hat auf seine Kosten die schöne Strasse an der Nordseite des Malabar-Hügels angelegt und 100000 Quadratmeter Land dem Friedhof geschenkt.
Durch das äussere Thor der Umfassungsmauer steigt man 80 Stufen empor zu dem inneren, wo ein Parsi-Beamter die Führung übernimmt und dem Fremden einen Blumenstrauss bietet. Ob dies immer geschieht oder mir ausnahmsweise geboten wurde mit Rücksicht auf meinen Parsi-Freund, vermag ich nicht zu sagen.
Zuerst erreicht man ein schmuckloses Steinhaus, wo Gebete gesprochen werden, wenn der Todte vorüber getragen wird. Von hier hat man eine herrliche Aussicht auf Bombay.
Zur Linken erscheinen die Hügel des Nordendes (Mazagaon, an der Ostseite der Insel) und die grossen Schornsteine, geradeaus am Fusse des Hügels ein dichter Palmenwald, in dem die Hütten der Eingeborenen verschwinden, zur Rechten, jenseits der Hinterbay, der Victoria-Halteplatz, die Kathedrale und die amtlichen Gebäude.
Einen Leichenzug habe ich nicht gesehen, aber die Beschreibung gehört und gelesen. Vier Leichenträger tragen die Leiche auf einer Bahre, dann folgen zwei bärtige Männer, die allein den Thurm des Schweigens betreten und die Leiche im Innern niederlegen, endlich 100 Parsi-Männer in langem Zug, zu zwei und zwei geordnet.
Ins Innere der fünf weissgetünchten Thürme hat, ausser den dazu Angestellten, Niemand Zutritt, nicht einmal ein Parsi, geschweige denn ein Fremder; nichtsdestoweniger wissen wir ganz gut, wie es darin aussieht, da die Parsi selber genau ausgeführte Modelle nebst Beschreibung an die Museen von Bombay, Calcutta, London und andrer Städte vertheilt haben; auch im Völkermuseum zu Berlin ist eine solche Darstellung.
Der grösste Thurm, der 30000 £ gekostet, hat einen Durchmesser von 40 Fuss und eine Höhe von 25 Fuss. Auf einer Treppe steigen die Todtenträger empor zu der Oeffnung, die 8 Fuss über dem Erdboden liegt und 5½ Fuss breit wie hoch ist. Das Innere bildet eine Fläche, welche abwärts geneigt ist gegen den mittlern Schacht von 5 Fuss Durchmesser und durch Zwischengänge in drei breite, concentrische Reihen geschieden wird, die ihrerseits wieder durch strahlenförmig angeordnete Zwischenwände in zahlreiche Felder getheilt werden. In der äusseren Reihe finden die Leichen der Männer, in der mittleren die der Frauen, in der inneren die der Kinder ihren Platz. Sowie der vollkommen nackte Leichnam niedergelegt, die Thür geschlossen ist, die beiden bärtigen Männer fortgegangen sind; stürzen sich die zahlreichen, grossen Geier, welche die benachbarten Bäume bewohnen, durch die obere Oeffnung des ganz unbedeckten Thurmes auf den Todten, und in weniger als 30 Minuten ist nur noch das Knochengerüst übrig. Dies trocknet in der Sonne und freien Luft und wird dann in den tiefen Schacht geworfen, wo es zu Staub zerfällt. Das eindringende Regenwasser wird ab- und durch eine dicke Schicht Kohle hindurch geleitet, so dass es vollkommen geruchlos schliesslich in die See fliesst. Der Staub füllt den Schacht so langsam, dass der letztere in 40 Jahren erst um 5 Fuss sich erhöht hat. Ich sah übrigens die Geier nicht auf den Bäumen sitzen, sondern auf der oberen Rundung des Thurmes; alle waren regungslos, die Köpfe nach innen gerichtet, wie eine phantastische Zinnenkrönung des Gemäuers. Fünf derartige Thürme sind vorhanden, alle ganz einfach gebaut und weiss getüncht.
Diese Art der Bestattung hat einen doppelten Ursprung: einmal wollen die Parsi nicht mit den für unrein gehaltenen Todten das heilige Feuer beflecken, noch die als Element verehrte Erde; sodann soll im Tode, nach dem Wort des Zerduscht,[618] Reich und Arm sich begegnen. Gewiss wird der Brauch Vielen grässlich erscheinen; aber wer den einsamen, schön geschmückten Garten mit den feierlichen Cypressen und den geheimnissvollen, nie betretenen Thürmen des Schweigens gesehen, kommt bald zu andrer Anschauung, vor allem zu einer Achtung der fremden Ueberzeugung. Glauben doch die Parsi so innig an die Auferstehung der Frommen, wie nur irgend ein gläubiger Europäer. Und eine weitere Ueberlegung kann Jedem sagen: was hier die Geier in einer halben Stunde vollenden, das machen auf unseren Friedhöfen die Würmer in längerer Zeit. Seien wir weniger nachsichtig gegen unsere Fehler, dann werden wir gerechter sein gegen Andersdenkende. Sir Lyon Playfair[619] sagt über diesen Gegenstand Folgendes: „Ich bin amtlich mit der Untersuchung verschiedener Kirchhöfe betraut worden, um über ihre Beschaffenheit zu berichten. Die Erinnerung an das, was ich gesehen, macht mich heute noch schaudern. Das Grab sollte, mit dem Auge der Wissenschaft, als ein Verbrechen gegen die Lebenden und als eine Entehrung der Todten angesehen werden.“[620]
Wer von dem Parsi-Friedhof auf der Halbinsel des Malabar-Hügels weiter südwärts fährt, sieht östlich die schönen Gartenanlagen, die am Ostabhange des Hügels geschaffen sind, mit Rasenplätzen und Bänken an den schönsten Aussichtspunkten; ferner die zahlreichen Bungalow, die in Gärten liegen, und von europäischen Kaufleuten, Rechtsanwälten, Aerzten, Consuln bewohnt werden, zum Theil auch — leer stehen, wegen der schlechten Zeiten, und an den Eingangspforten Vermiethungszettel zeigen; gelegentlich auch das abenteuerlich geschmückte und bemalte Schloss eines einheimischen Fürsten. Manche von diesen Häusern haben gewaltige Unterbauten, wie in den abschüssigen Theilen von Neapel, erfordert.
Aber merkwürdiger ist das nahe der Südostküste der Halbinsel belegene heilige Dorf der Hindu, Walkeschwar, d. h. des Sandes Herr. Rama, der göttliche Held, eine Verkörperung von Wischnu, hat auf dem Wege von Ayodha nach Lanka, um seine von dem bösen Ravana entführte Braut Sita zu suchen, hier eine Nacht gerastet. Da ihn dürstete, schoss er einen Pfeil in den Boden: sofort erschien der heilige Teich (Vanatirtha, Pfeil-Teich), der heute noch verehrt und rings mit kleinen Kapellen und Häusern von Brahmanen umbaut ist. Und da der heilige Linga, den ihm sein Bruder jeden Abend aus Benares durch einen Geist schickte, nicht rechtzeitig ankam, so bildete er einen neuen aus dem Sand des Bodens.
Höchst anmuthig sind die nackten Kinder, die hier spielen. Nur Brahmanen wohnen in dem heiligen Dorf. Aber leider haben sie, in ihrer Frömmigkeit, gegen die Impfung der Europäer zu sehr sich gesträubt; von den zwölf Erwachsenen, die uns neugierig umgaben, zählte ich sechs, die durch Pocken ein narbendurchfurchtes Gesicht und Verlust je eines Auges zu beklagen hatten.
Grässlich sehen die Büsser aus, die, ihrem frommen Wahn folgend, mit wirrem Haar, aschebeschmiertem Gesicht und unbekleidet auf der Erde sitzen und scheinbar an der irdischen Welt keinen Antheil nehmen.
Der heilige Teich ist ganz hübsch, rings herum hegen die kleinen Hindu-Tempel mit Nandi und Linga und auch Häuser der Frömmsten; auf den Zugangsstrassen aber Rasthäuser für Pilger, von wohlhabenden und wohlthätigen Hindu errichtet.
An der äussersten Südspitze der Malabar-Halbinsel (etwa eine deutsche Meile von dem Fort) befindet sich der Palast des Statthalters. (Gouvernements house at Malabar Point.)
Es ist ein anspruchsloses, etwas grosses Bungalow, gegen 100 Fuss über der See, mit schattiger Vorhalle, grossem Garten, Dienst- und Wacht-Gebäuden. Etwas tiefer, an der Endspitze der Halbinsel, liegt eine Batterie. Der Fremde wird von den Schildwachen höflich gegrüsst und von den prachtvoll gekleideten Dienern in die Vorhalle geleitet, wo er seinen Namen in das Buch einträgt.
Die Rückfahrt längs der Ostküste der Halbinsel (Breach Candy) um Cumballa Hill ist gegen Abend sehr angenehm.
Nach dem Abendessen fuhren wir zum Parsi-Theater. Das ist ein ganz stattliches, ordentliches Gebäude mit einem Halteplatz für Wagen, einer Erfrischungshalle, wo Selterswasser, Wein, Süssigkeiten zu haben sind, mit geräumigem Sperrsitz, zahlreichen Rängen und guter Gasbeleuchtung.
Ausser mir und einem österreichischen Herrn aus meinem Gasthaus, der mich begleitete, war kein Europäer zugegen. Aber das Haus war gut gefüllt: die Frauen alle, jung wie alt, in die kleidsamen Tücher gehüllt, welche das Antlitz mit blumig gesticktem Saum umrahmen, und in zarte Seidenstoffe gekleidet; die Männer ganz oder halb europäisch angezogen, mit ihren hohen Spitz-Hüten.
Das Stück, welches gegeben wurde, war — Molière’s Geizhals, aber nicht in sklavischer Uebersetzung, sondern in freier Nachdichtung und natürlich in der Umgangssprache der Parsi (Gujerati). Soweit es ging, waren Hindu die Bösewichter, Wucherer und Ränkeschmiede; Parsi die edleren, wenngleich leichtlebigen Gesellen. Die aufgeklärten, nach der neuesten Mode gekleideten, sogar Cigarren rauchenden, Kneifer tragenden[621] Mitglieder der goldenen Jugend wurden in sehr belustigender Weise den ehrwürdigen, strenggläubigen Alten gegenüber gestellt; die Frauen-Rollen recht anmuthig von jungen Damen gegeben. Es war offenbar ein Stück des thatsächlichen Volkslebens auf die Bühne gebracht, für mich weit anziehender und geschmackvoller, als das englische „Volksstück“ the lights of London, welches ich in New York gesehen.
Um 11½ Uhr fuhr ich nach Hause, ohne das Ende des Stücks abzuwarten, aber darüber belehrt, dass in Asien Leute leben, von deren Bildung und Tugend wir stolzen Europäer kaum eine schwache Ahnung haben.
Zu den Ausflügen, die ich von Bombay gemacht, gehört der nach Mahim an der Nordwestecke der Insel. Wenn man einen raschen Einspänner zu seiner Verfügung hat, ist die Fahrt ganz angenehm und auch lohnend. Man durchfährt erst die Stadt Bombay von Süden nach Norden, dann die Vorstädte Bykulla und Parel. Obwohl die Häuser weiter aus einander liegen, und Felder, Bleichen und Färbereien sich einschieben; hört doch die Bebauung eigentlich gar nicht auf, bis man Mahim erreicht hat.
Hier wartete meiner eine kleine Enttäuschung. Man hatte mir von dem Palmenhain des Ortes gesprochen. Ich konnte aber einen solchen nicht finden, weil er — nicht vorhanden ist, wie mir der Parsi-Doctor des Fieber-Nestes auseinandersetzte. Allerdings ist jedes Gehöft innerhalb der Umfassungsmauern dicht mit Kokospalmen bepflanzt. Aber das war nichts Neues für mich.
So fuhr ich denn noch über die Brücke nach der Insel Salsette und durchwanderte das Dorf Bandra, dessen Einwohner erstaunt den Fremdling betrachteten.
Der lohnendste Ausflug ist der nach der Insel Elephanta. Ich will nicht verhehlen, dass ich ihn an meinem ersten Nachmittag in Bombay unternommen.
Die Gasthausverwaltung[622] veranstaltet diese Fahrten, mehrmals wöchentlich, in kleinem Dampfer; 3 Rupien beträgt der Fahrpreis für die Person.
Elephanta ist eine kleine Felseninsel von 7 Kilometer Umfang, 10 Kilometer von Apollo Bunder entfernt, also in einer guten Stunde zu erreichen. Sie bekam ihren Namen durch die Portugiesen von einem in dreifacher Grösse aus dem lebenden Fels gemeisselten Elephanten, der 1814, nachdem Kopf und Nacken abgefallen, nach Bombay gebracht wurde und im Victoria-Garten zu sehen ist. Die Eingeborenen nennen die Insel Gharapur, d. h. Grottenstadt.
Entzückend ist während der Fahrt der Rückblick, für mich um so werthvoller, als ich in Bombay nicht zu Schiff angekommen: erst aus der Nähe, auf Apollo-Bunder, Docks, Kastell und auf all’ die Schiffe und Schiffchen, die den Hafen beleben; dann, weiter ab, auf die ganze Ostküste der Insel Bombay und auf die 1000 Fuss hohen Berge der nördlich gelegenen Insel Trombay. Der höchste Punkt der Insel Elephanta, die vor uns liegt, erhebt sich 568 Fuss; ein andrer Hügel ist 400 Fuss hoch. Der Landungsplatz ist nicht sonderlich bequem. Man überschreitet einen schlüpfrigen Damm aus Steinblöcken, steigt einen zum Theil aus behauenen Stufen bestehenden Weg empor, zu der halben Höhe des Inselberges, und ist am Eingang zu den Höhlen.
Wann diese Höhlen ausgehauen sind, ist unbekannt; man vermuthet, zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert n. Chr. Jedenfalls stellen sie ein achtungswerthes Stück Arbeit dar, da die Hindu keine andren Mittel als Haue, Meissel und Hammer zu ihrer Verfügung hatten. Unsinniger Weise haben die Portugiesen aus Glaubenswahn eine Zerstörung dieser ehrwürdigen Denkmäler des Alterthums begonnen; und obwohl die Engländer, namentlich in neuerer Zeit, Mühe um die Erhaltung sich gegeben, so hat doch der Zerfall beträchtliche Fortschritte gemacht seit der Zeit, wo unser Landsmann Karsten Niebuhr (1774–1778) die erste Beschreibung geliefert, ja, nach Augenzeugen und Angaben des Aufsehers, seit den letzten Jahren noch weiter zugenommen.
Der Hauptraum des aus dem lebenden Fels ausgehauenen (Schiwa-Linga) Tempels ist eine gewaltige Halle von 39,5 Meter Länge, 40 Meter Breite und 4,5 bis 5,3 Meter Höhe, die von zwei breiten Seitengängen genügend Licht erhält. Die glatte Decke wird gestützt von 26 mächtigen Pfeilern,[623] die man aus dem Felsen stehen liess und dann fein bearbeitet hat, sowie von 16 Halbpfeilern. Der Linga-Schrein in der Halle ist ein Quadrat von 19½ Fuss Seitenlänge mit vier Eingängen, der Linga ein kegelförmiger Stein von nahezu 3 Fuss Länge. An der Hinter- oder Südwand, gegenüber dem nach Norden zu gelegenen Eingang, ist eine gewaltige Steinbüste mit drei Köpfen (Trimurti); das mittlere, milde Gesicht ist Schiwa als Brahma oder Schöpfer, das rechte als Wischnu oder Erhalter, das linke als Rudra oder Zerstörer mit gewundenen Schlangen statt der Haare. In dem östlichen Nebengemach ist Schiwa 16 Fuss hoch, mit vier Armen, zur Hälfte männlich, zur Hälfte weiblich gebildet; er lehnt sich mit zwei Händen auf seinen Stier Nandi. In dem westlichen Nebengemach ist Schiwa 16 Fuss hoch und seine Gattin Parvati 12 Fuss hoch. Von den Nebenfiguren in beiden Gemächern will ich nicht reden.
Am Ende des westlichen Seitenflügels ist die Hochzeit zwischen Schiwa und Parvati; die letztere ist lieblich und verschämt dargestellt.
Am Ende des östlichen Seitenflügels ist die Geburt ihres Sohnes Ganescha mit dem Elephanten-Kopf.
In andern Gemächern erscheint Schiwa, wie er auf seinem Berge Kailas thront, und Ravana, der Dämon von Lanka mit zehn Armen, den Versuch macht, den Berg mitsamt dem Gott zu entführen; Schiwa, wie er von Daksha, Brahma’s Sohn, nicht zum Opfer für die Veda-Götter geladen, jenem das Haupt abschlägt, ein Sinnbild der über den Veda-Cult siegreichen Schiwa-Verehrung; und Schiwa als der Zerstörer (Bhairava) in Riesengrösse, mit Tigerzähnen, mit acht Armen und einer Brustkette von Schädeln.
Es lässt sich nicht leugnen, dass sowohl das wilde Antlitz, als auch die im Angriff und Kampf dargestellte Körperhaltung eine mächtige Wirkung ausübt, die wir allerdings lieber mit andern Mitteln hervorbringen möchten.
Diese Bildungen waren es offenbar, die unseren Altmeister Goethe zu den folgenden Versen veranlassten:
Und so will ich, ein für allemal,
Keine Bestien in dem Göttersaal!
Die leidigen Elephantenrüssel,
Das umgeschlungene Schlangengenüssel,
Tief Urschildkröte im Weltensumpf,
Viel Königsköpf’ auf einem Rumpf,
Die müssen uns zur Verzweiflung bringen,
Wird sie nicht reiner Ost verschlingen.
— —
Der Ost hat sie schon längst verschlungen:
Kalidas und andre sind durchgedrungen;
Sie haben mit Dichterzierlichkeit
Von Pfaffen und Fratzen uns befreit.
In Indien möchte ich selber leben,
Hätt’ es nur keine Steinhauer gegeben.
Was will man denn vergnüglicher wissen,
Sakontola, Nala, die muss man küssen;
Und Megha-Duta, den Wolkengesandten,
Wer schickt ihn nicht gern zu Seelenverwandten.
Der alte Goethe ist ungerecht. Heute kann man milder urtheilen, da unsre Anschauungen umfassender geworden. Haben doch sogar unsre geliebten Griechen, noch kurz vor den Perserkriegen, Ungeheuer ausgemeisselt mit drei Köpfen und drei Menschenleibern, die in einen Schlangenkörper übergehen. Der amtliche Nachweis des Akropolis-Museum nennt dies eines der vorzüglichsten Werke der Sammlung; und es ist in der That bewunderungswürdig. Die Schlangenfüsse der pergamenischen Giganten verletzen uns nicht, die Kentauren am Parthenon erscheinen uns als Kunstschöpfungen ersten Ranges.
Wer, durchdrungen von den Gestaltungen des klassischen Alterthums, zu Hause einen ablehnenden Standpunkt einnahm gegen die Bildungen der ägyptischen Kunst, wird bald bekehrt, wenn er an den Ufern des Nil in den Schmuck der mächtigen Tempel liebevoll sich versenkt. Auch mir ist es so gegangen. Das gleiche gilt von Indien. Der Höhlentempel von Elephanta ist eine wunderbare Leistung und der Bilderschmuck, obwohl nicht für uns berechnet, wird auch auf uns einen gewissen Eindruck hervorbringen, wenn wir vorurtheilsfrei an seine Betrachtung gehen.
Vergleichende Anatomie wollen wir aus solchen Schöpfungen der künstlerischen Einbildungskraft nicht lernen, ebenso wenig wie Weltgeschichte aus Märchen. Ein altehrwürdiges Kunstwerk muss aus sich heraus gewürdigt, nicht nach unsren heutigen Anschauungen bekrittelt werden. Etwas andres ist es, jenes zu beurtheilen und Gesetze für unsren heutigen Kunstgeschmack aufzustellen.
Da mir die Felsentempel von Elephanta so gut gefallen hatten, beschloss ich die letzten Tage des scheidenden Jahres noch zu einem Ausflug nach den noch weit berühmteren Grotten-Tempeln von Ellora zu benutzen. Dieselben liegen, mit Eisenbahn und Post in einer starken Tagesreise erreichbar, in dem grössten Schutzstaat Indiens, dem Gebiet des mohammedanischen Nizam von Haiderabad.
Man fährt Abends 10½ Uhr („um 22h 30′“) von Bombay mit dem Schnellzug[624] der Great Indian Peninsular-Eisenbahn nordöstlich 178 englische Meilen = 284 Kilometer (für 11 Rupien) bis zu dem kleinen Halteplatz Nandgaon, wo man Morgens um 6½ Uhr ankommt und die telegraphisch vorher bestellte Extrapost vorfindet, die den Reisenden in 9 Stunden (56 englische Meilen = 90 Kilometer) südöstlich nach Aurangabad, seinem Nachtquartier, bringt.[625]
Ein junger Kaufmann aus Wien schloss sich mir an und nahm seinen Hindu-Diener mit. Unser Gepäck musste auf das nothwendigste beschränkt werden.
Der Postwagen, der während unsres Frühstücks angeschirrt wird, verdient die Bezeichnung „antiker Form sich nähernd“. Auf dem zweirädrigen Gestell liegt der Wagen, ganz offen, aber von einem auf vier Pfosten ruhenden Dach überschattet, mit zwei Vordersitzen, von denen der Kutscher den rechten, ich den linken einnahm, meine Reisetasche und Mantelsack zwischen den Füssen, während auf dem abwärts geneigten Hintersitz mein Begleiter und sein Diener uns den Rücken zukehrten.
Sowie wir erst abgefahren, ging es ganz rasch vorwärts. Die Pferde werden fleissig gewechselt; mehrmals bekamen wir aber ganz elende Gäule, die vom Kutscher und Stalldiener nur durch grausame Peinigungen zum Fortlaufen gezwungen werden konnten. Auch die Gehöfte, wo wir Pferde erhielten, sahen recht elend aus, am elendesten die Pariah-Hunde, deren Bekanntschaft ich hier machte und mit denen, obwohl ich Thiere so gern habe, ich mich kaum zu befreunden vermochte. Die Land-Strasse ist leidlich.
Nach kurzer Zeit hatten wir die Grenze überschritten. Ein Grenz-Stein und einige seltsam gekleidete Polizisten zeigten uns, dass wir das merkwürdige Reich des Nizam, betreten hatten.
Dasselbe hatte 1891 einen Umfang von 82698 englischen Quadratmeilen (oder 205000 Quadratkilometern) und 11537000 Einwohner. 1881 wurden 9845000 Einwohner ermittelt, davon 8893000 Hindu und nur 925900 Mohammedaner, welche aber, da der Fürst zum Islam sich bekennt, die herrschende Klasse bilden. (Hier zum ersten Mal in Indien traf ich anmassenden Hochmuth, als ich eine Moschee besichtigen wollte.)
Als die Mohammedaner um das Jahr 1000 n. Chr. von Afghanistan nach Indien vordrangen, herrschten im Dekkan, südlich von dem Vindhya-Gebirge, kriegerische Fürsten hauptsächlich nicht-arischer Abkunft, unter drei grossen Oberherren, den der Chera-, Chola- und Pandya-Dynastien. Alá-ud-din, der Neffe des Gründers der Kilji-Dynastie des Kaiserreiches Delhi und sein Nachfolger, drang 1294 mit seinen Reiterschaaren über die Vindhya-Gebirge, überraschte und plünderte die Stadt Deogiri (Daulatabad), ganz in der Nähe von Ellora, und eroberte von 1305 bis 1315 Südindien. Sein General Málik Káfur drang bis zur Südspitze (Cap Comorin) vor und erbaute daselbst eine Moschee.
Aber schon unter dem unsinnigen Kaiser Muhamed Tughlak (1325 bis 1341) empörten sich sowohl die mohammedanischen Verwalter, als auch die Hindu-Lehnsfürsten des Dekkan: Zafar Khán Bahmaní, ein afghanischer General, wurde 1347 selbständig und beherrschte ungefähr das Gebiet des jetzigen Haiderabad; das Hindu-Königreich von Vijayagnar umfasste den Süden des Dekkan-Dreiecks.
Im Anfang des 16. Jahrhunderts zerfiel das mohammedanische Reich in fünf kleine Fürstenthümer (darunter Golkonda, Ahmadnagar mit der Familie des Nizam-Shahi u. A.), welche 1565 jenes Hindu-Königreich besiegten, aber nicht vollständig eroberten; dasselbe theilte sich in kleinere Herrschaften.
Unter den Mogul-Kaisern von Delhi wurde der Dekkan wieder erobert, zuerst ein Theil unter Schah Jahan (1636, 1657), dann hauptsächlich unter Aurangzeb (1683). Aber westlich von den Mohammedaner-Fürstenthümern war eine neue Hindu-Herrschaft 1670 entstanden, die der Marathen. Diese konnte Aurangzeb nicht vollständig besiegen und starb in dem Feldzuge, zu Ahmadnagar, 1707.
Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches strebten die Marathen nach der Oberherrschaft über Indien und wurden, nach manchen Erfolgen, erst 1817 endgiltig von den Engländern besiegt. Aber auch die mohammedanischen Statthalter benutzten die Schwäche der Mogul-Kaiser; schon 1717 machte sich der Vicekönig oder Nizam ul Mulk (Ordner des Staates) Asaf Schah im Herzen des Dekkan unabhängig und behauptete sich auch gegen die Marathen. 1763 wurde im Frieden von Paris die Herrschaft der Nizam als unabhängiges Königreich anerkannt; doch allmählich kamen sie mehr und mehr in Abhängigkeit von den Engländern, mussten das Mündungsgebiet des Godawery-Flusses abgeben, wodurch sie vom Meere abgeschnitten waren, eine englische Schutztruppe aufnehmen und dafür Tribut zahlen, das Land Berar (nördlich von Aurungabad) für rückständige Zahlungen abtreten. Die Rückgabe dieses Landes wurde 1874 von den Briten entschieden abgelehnt, obwohl der Nizam die Zahlung der Schulden von 9 Millionen Mark anbot. Der Fürst ist der erste der Lehnsträger in Indien, sein Verhältniss zu England wird als Subsidienvertrag bezeichnet, er hat jetzt jährlich 421000 Mark zu zahlen und auf Erfordern einige Regimenter Truppen zu stellen.
Das Land, welches wir durchfahren, ist ziemlich fruchtbar, aber einförmig. In dem Rasthaus zu Deogam, 36 englische Meilen von Nandgaon, erhalten wir unser zweites Frühstück. Auch in dem Schutzstaat ist einigermassen für den Reisenden gesorgt. Nachmittags kommt mehr Abwechslung in die Landschaft, eigenthümliche Tafelberge erheben sich aus der Hochebene. Bevor es dunkel wird, erreichen wir das Rasthaus zu Aurangabad und benutzen die Zeit vor Tisch noch, um mit Hilfe unsres Wagens die beiden Hauptsehenswürdigkeiten des Ortes zu besichtigen.
Die erste ist das Grabmal von Rabi’ a Durani, der Lieblings-Tochter von Aurangzeb. Der Kaiser befahl seinen Baumeistern, ein genaues Abbild von der Taj Mahal, seines Vaters berühmtem Bauwerk, herzustellen. Aber obwohl sie eine äussere Aehnlichkeit wahrten, so sind sie doch unendlich weit hinter dem bewunderten Vorbild zurückgeblieben. Das Gebäude ist viel zu niedrig, der Haupteingang viel zu klein, ausserdem die Eckthürmchen der Fassade höher als die mittleren. Blumenverzierung in erhabener und durchbrochener Arbeit ist an den Marmorwänden des Grabmals angebracht und drinnen ein durchbrochener Marmorschrein um das Grab, das aber keinen Stein, sondern die nackte Erde zeigt, — was von den Moslim, als Beweis von Demuth, sehr gebilligt wird. Nichts kennzeichnet mehr den raschen und jähen Verfall des Geschmacks als der Vergleich dieser beiden Grabdenkmäler! Die Taj wurde im Jahre 1040 der Hegira oder 1630 n. Chr. begonnen, das Bronze-Thor zu Aurangabad ist im Jahre 1089 der Hegira oder 1678 n. Chr. vollendet worden.
Der Baumeister des mittelmässigen Werks (Atau’llah) hat seinen Namen durch eine Inschrift verewigt, der der Taj ist unbekannt oder wenigstens an dem Bauwerk nicht zu lesen.
Auch die Jumma Musjid, zur Hälfte von dem Gründer der Stadt, Matik Ambar (nach 1610), zur Hälfte von ihrem Erweiterer, Aurangzeb, erbaut, ist niedrig und unbedeutend, nur durch ein zwei Fuss breites Verzierungsband am obern Ende der Fassade geschmückt, mit kleiner Kuppel, kleinen Thürmen, — aber sehr gut in Ordnung gehalten.
Der Priester, der uns den Eintritt verwehrte, (der Einblick von aussen in die schmale Halle ist genügend,) behauptete sogar, dass wir schon vor dem Eingang des Hofes die Schuhe hätten ablegen müssen! Das Schönste ist hier nicht das Gebäude, sondern die wundervollen indischen Feigenbäume, die den Weg beschatten.
Ein Heiligengrab in der Nähe und die alten Felsentempel konnten wir wegen hereinbrechender Dunkelheit nicht mehr besichtigen.
Das Städtchen Aurangabad ist noch gar nicht so alt, hat aber sehr wechselnde Schicksale durchgemacht.
Gegründet 1610, unter dem Namen Khirki, von Malik Ambar, einem Grossen des Staates Ahmadnagar, wurde es von Aurangzeb zu seinem südlichen Herrschersitz erkoren, nach seinem Namen umgetauft und zum Delhi des Dekkan erhoben, wo 53 mächtige Fürsten mit ihrem Gefolge den kaiserlichen Hof ausmachten. Damals war Aurangabad eine der grössten und wichtigsten Städte Indiens; sie soll eine Million (?) Einwohner gehabt haben. Nach dem Tode des Kaisers reisten die Fürsten in ihre Staaten, die Schlösser verfielen, die Stadt sank in ihre Unbedeutendheit zurück. Jetzt hat sie nur 8000 Einwohner, ist aber ganz lebhaft durch Handel in Weizen und Baumwolle.
Unser Kutscher, den ich übrigens gleich morgens früh mit einem Trinkgeld angefeuert, hatte bei der Fahrt durch die Stadt einen Augenblick gehalten und seinen Abendbesuch angekündigt; auch der indische Kutscher hat sein Schätzchen.
Am nächsten Morgen fuhren wir von Aurangabad wieder nördlich, aber auch ein wenig östlich von der gestrigen Strasse, nach dem acht englische Meilen = 12½ Kilometer entfernten Daulatabad, früher Deogiri genannt. Das ist eine indische Festung des 13. Jahrhunderts, höchst malerisch und eigenartig. Ein alleinstehender Felskegel von 500 Fuss Höhe ist unten ganz steil abgeböscht, bis zur Höhe von 80 bis 120 Fuss, ferner mit einem breiten und tiefen Graben umgeben und zugänglich nur durch einen schmalen Weg, der gerade Raum für zwei Fussgänger bietet und durch Aussenwerke vollständig beherrscht wird. Innen ist der Aufgang zu den auf dem Felsen befindlichen Gebäuden nur durch einen schmalen, in den Stein gehauenen Gang ermöglicht. 1293 nahm Alau’din die Stadt Deogiri ein, belagerte die Festung und zog erst ab, als ihm 15000 Pfund Gold, 25000 Pfund Silber, 175 Pfund Perlen, 75 Pfund Diamanten[626] als Lösegeld gezahlt wurden. 1338 versuchte Muhamed Tughlak seinen Herrschersitz hierher zu verlegen, schleppte die Einwohner Delhi’s nach Deogiri, änderte den Namen der Stadt in Daulatabad und verstärkte die Festung, die damals für uneinnehmbar galt. Seine Pläne scheiterten.
Nachdem die Mogul den Dekkan wieder erobert, benutzten Schah Jahan und Aurangzeb diesen Berg als Sommerwohnung. Es ist jetzt noch ein schönes Gebäude mit Schattendach und Aussicht oben, auf der obersten Plattform aber die Festung mit einer Riesenkanone von 19½ Fuss Länge und 7 Zoll Bohrung, die nach Tavernier’s Zeugniss unter Leitung eines europäischen Artilleristen ihre Aufstellung erhalten.
Lord Wellesley (später Herzog von Wellington) hat in dem zweiten Maratha-Krieg (1803–4) die Veste von einem benachbarten, höheren Berge aus erfolgreich beschossen und die Uebergabe bewirkt. Auch jetzt ist die Festung von den Engländern besetzt. Der britische Stabsofficier ertheilt die Erlaubniss zur Besichtigung des Innern.
Von der alten Stadt Daulatabad sind nur kärgliche Reste und wenige bewohnte Hütten übrig geblieben.
Der Weg führt jetzt bergauf nach dem 7 englische Meilen = 11 Kilometer entfernten Roza, wo wir in dem den britischen Officieren gehörigen Rasthaus abstiegen, nachdem wir uns die Erlaubniss dazu Morgens früh in dem englischen Lager (Cantonment) von Aurangabad ausgewirkt hatten.
Roza, 2000 Fuss über dem Meeresspiegel, war einst eine grosse, bedeutende und befestigte Stadt. Aurangzeb umgab sie mit einer hohen Steinmauer, welche Schiessscharten und Bollwerke enthält und deren Thorflügel, was dem Europäer besonders auffällt, an der Aussenseite mit gewaltigen Eisenspitzen vollständig gespickt sind, gegen den Ansturm der Elephanten. Jetzt ist Roza ein kleiner Ort mit nur 2000 Einwohnern.
Seine Bedeutung für die Moslim liegt in dem Namen, — Roza (Rauza) bedeutet Grab. Der Ort ist das Kerbela der Mohammedaner des Dekkan. Hier liegt begraben Aurangzeb und sein zweiter Sohn, ferner Asaf Schah, der Gründer der Herrscherfamilie von Haiderabad, endlich der letzte König von Golkonda und zahlreiche Würdenträger.
Obwohl Kaiser Aurangzeb reicher war, als irgend einer vor ihm, da das Jahreseinkommen des Staates von angeblich 1600 Millionen Mark zu seiner Verfügung stand, ist nach seinem eignen Willen und nach den Vorschriften des Koran sein Grabstein ganz einfach, neben dem Hof einer Moschee, unbedeckt und nur von einem schönen Baum mit duftenden Blüthen überschattet. Die Heiligkeit des Ortes Roza rührt her von dem Grab des Saiyad Hazrat Barhanudin, der schon vor Alaudin aus Oberindien nach dem Dekkan vordrang, um den Koran zu predigen, und 1344 zu Roza verstorben ist. Sein Grab ist von einem durchbrochenen Gitter aus rothem Sandstein umgeben. Die Wunder, die er wirkte, will ich verschweigen; sie werden ganz ähnlich „bewiesen“, wie die in Europa geschehenen.
Für den europäischen Reisenden sind diese Gräber von geringer Wichtigkeit; er betrachtet sie, während das Frühstück bereitet wird. Sowie wir uns aber gestärkt hatten, wanderten wir mit einem einheimischen Führer nach den drei Kilometer entfernten Höhlentempeln des Dorfes Ellora, auf deren Besichtigung wir trotz mittäglicher Gluth nahezu fünf Stunden verwandten. Höchst lästig ist ein Haufen von Priestern, Bettlern und Knaben, die wie ein Fliegenschwarm den Fremden verfolgen. Ich berief den Aeltesten zu mir und erklärte, dass Jeder von uns eine Rupie Trinkgeld für die ganze Gesellschaft gäbe, und dass sie uns in Frieden lassen sollten. Das half einigermassen, aber nicht vollständig.
Die Inder haben uns wieder nichts über die Geschichte dieser so überaus merkwürdigen Bauten hinterlassen. Von den Mohammedanern hat zuerst Mahsudi, der arabische Erdbeschreiber aus dem zehnten Jahrhundert n. Chr., Ellora als Wallfahrtsort erwähnt; 1306 besuchten Alaudin’s Generale den Ort und fanden eine hier versteckte Hindu-Prinzessin aus Guzerat, die nach Delhi gebracht und mit dem Sohn des Kaisers vermählt wurde.
Ein zwei Kilometer langer, halbmondförmiger Hügelrücken, der in seiner Hauptausdehnung von Norden nach Süden zieht, enthält in der ganzen Länge seines nach Westen gerichteten Abhangs die 34 Höhlentempel. In dem südlichen Horn liegen die ältesten, die der Buddhisten (12); in dem nördlichen die der Jaina (5); in der Mitte die der Brahmanen oder Hindu-Gläubigen (17).
Die Buddhisten haben schon zu den Zeiten des Königs Asoka (250 v. Chr.) Klöster und Tempel in den lebendigen Felsen ausgehauen und dies fortgesetzt bis zu der grossen Umwälzung im achten Jahrhundert n. Chr. Jaina und Hindu folgten, aber in den nahezu 1000 einzelnen Aushöhlungen, die auf 40 bis 50 Gruppen sich vertheilen und von der 9⁄10 der Präsidentschaft Bombay angehören, kommen etwa 900 auf Buddhisten, die übrigen auf Jaina und Hindu. Schon vor der mohammedanischen Eroberung hat diese Bau-Art aufgehört. Die Trap-Bildung der Felsen des westlichen Indiens, mit ihrer grossen Dicke und Gleichförmigkeit und den steilen Abhängen, ist ausserordentlich geeignet für den Höhlenbau.
Aehnlich günstige Verhältnisse liegen auch in Aegypten vor. Aber die indischen Leistungen sind weit grossartiger.
Die vollständige Dauerhaftigkeit eines in den lebendigen Felsen gehauenen Tempels[627] ist selbstverständlich, während unsere mittelalterlichen Kathedralen schon Ausbesserungen erforderten, die oft den ursprünglichen Plan ganz verändert haben.
Der Zugang von dem Rücken des Hügels zu den Eingängen der Höhlen liegt in der Mitte des ganzen Abhangs und leitet uns unmittelbar zu dem prachtvollsten und wunderbarsten Bauwerk der ganzen Gruppe, zu dem Kailas.
Dies ist ein vollständiger, ganz frei stehender dravidischer Schiwa-Tempel, aber nicht auf ebener Grundlage aus Bausteinen errichtet, sondern aus dem Felsen herausgemeisselt; das Gestein ist aussen wie innen, um die Gemächer zu bilden, fortgehauen.[628] Ein rechteckiger Schacht wurde gebildet in dem Abhang des Hügels, 100 Fuss tief an der Innenseite, 50 Fuss tief an dem Eingang, und so ein Hof hergestellt, mit ebenem Grund, von 150 Fuss Breite und 270 Fuss Länge. In der Mitte dieses rechteckigen Hofes liess man einen mächtigen Felsblock stehen und bildete daraus den Tempel von 96 Fuss Höhe, mit 7 verschiedenen Zellen, und eine gewaltige, von 16 mächtigen Säulen getragene Halle; eine auf Pfeilern ruhende Brücke, durch welche jenes Bauwerk mit einer vorgeschobenen Halle und ebenso mit dem Eingangsthor verbunden ist; dazu im Hofe zwei grosse, verzierte Pfeiler (deepdan = Lampenträger) und zwei lebensgrosse Elephanten: alles, was bisher beschrieben ist, stellt gewissermassen einen Einzelblock-Tempel dar. Umgeben ist der Hof noch von einem mächtigen Höhlenbau mit Pfeilern und Halbpfeilern, zahlreichen Zimmern und grossen Hallen. Fergusson setzt den Bau in’s 8. oder 9. Jahrhundert n. Chr., andre Schriftsteller genauer in die Jahre 750 bis 850 n. Chr.; die Ueberlieferung nennt als Gründer den Rajah Eelu von Ellichpur, den Erbauer der Stadt Ellora, und bezeichnet den Tempel als Weihgeschenk zum Dank für seine durch das Wasser einer benachbarten Quelle bewirkte Genesung.
Zuerst gelangt man von der mit dem Fuss des ganzen Abhangs gleichlaufenden Strasse an den mächtigen Thorweg, der zu jeder Seite ein besonderes Zimmer enthält sowie über dem Thor einen Balkon mit einem von Pfeilern getragenen Dach und reichster Verzierung, vielleicht als Musik-Halle benutzt.
Wir durchschreiten das Thorgebäude, das aus drei mittleren Räumen besteht, überschreiten eine Brücken-Treppe und gelangen in die erste Vorhalle, in der Schiwa’s heiliger Stier (Nandi) sich befindet. Dieser Raum ist quadratisch, von 40 Fuss Seitenlänge, mit dicken Mauern, einem vordern und einem hintern Eingang und zwei seitlichen Fenstern. Der Blick aus jedem Fenster zeigt uns die entsprechende Seite des Hofes, gerade aus die rechteckigen, schön gegliederten, 38 Fuss hohen freistehenden Pfeiler mit einer Bildsäule in jeder der vier Nischen und mehr seitlich den Elephanten.
Ueber die zweite, hintere Brückentreppe gelangen wir in die riesige bedeckte Säulenhalle von etwa 75 Fuss Länge wie Breite.[629] Rechts und links von ihr ist eine offene Halle und dahinter die ganz und gar mit Bildhauerarbeit bedeckte Zelle, welche den Linga enthält, von einem schön ausgearbeiteten Pyramidendach überragt und von 5 Zellen, die anderen Gottheiten geweiht sind, umgeben wird.
Dieser ganze so zusammengesetzte Tempelbau liegt gewissermassen im Oberstock, wie man am besten vom Hof aus wahrnimmt. Der Haupttheil des Tempels wird scheinbar von frei hervortretenden Elephantenköpfen getragen. Die ganze Aussenfläche ist durch Pfeiler und Verzierungen in Nischen getheilt, alle mit Bildwerk, Gottheiten und Kampfscenen aus den Helden-Gesängen auf das allerreichste geschmückt. Das bezeichnendste Bildwerk ist Schiwa mit seiner Gattin auf dem Thron, umgeben von einem zahlreichen Gefolge, und darunter wieder der böse Geist aus Ceylon, der ihn zu entführen trachtet.
Aber auch ganz liebliche Begebenheiten aus der Hindu-Götterlehre sind dargestellt, die der ungelehrte Beobachter als Bräutigam und Braut bezeichnen und auf Erischna’s Schäferleben beziehen möchte.
Hätte Goethe das Glück gehabt, dieses baukünstlerisch ganz vollendete Werk zu sehen, so würde er seine grimmigen Verse gegen die indischen Steinmetzen unterdrückt oder vielleicht durch andere anerkennende, wie die über Sakuntala, ergänzt haben.
Gewaltig sind die in den Fels gehauenen Säulenhallen, welche den Hof umgeben. Allerdings sind sie nur schmal, wegen des ungeheuren Gewichts, das oben lastet. Auf der einen Langseite des Hofes (rechts für den Eintretenden) liegt ein haushohes Felsstück, das im vorigen Jahrhundert herunter gefallen sein soll. Hier sind die Höhlenzimmer für die Priester in drei über einander liegenden Stockwerken angeordnet.
In der Flucht dieser Aushöhlungen liegen auch ganze Tempel mit Linga, Nandi und dem reichsten Bilderschmuck.
So viel über den einen Bau, den Kailas.
Von den brahmanischen, d. h. nach nordindischem Stil errichteten Tempeln, ist der schönste Dumar Lena, wahrscheinlich zwischen 600 und 750 n. Chr. errichtet, an einem Ausläufer des Hügels, so dass Licht von drei Seiten zugeführt werden konnte. Die Säulenhalle ist riesig, 150 Fuss lang und ebenso breit; die Zelle steht nicht hinter der Halle, wie in einem freigebauten Tempel, sondern in der Halle, nahe der Hinterwand.
Unter den buddhistischen Tempeln ist der merkwürdigste Vishwakarma, von den Engländern Zimmermann’s Höhle (Carpenter’s cave) genannt, wegen der steinernen Nachahmung des Holzbau’s. Zuerst betritt man den Vorhof,[630] der an den beiden Seiten mit Säulen, kleinen Gemächern und Bildsäulen von Heiligen geschmückt ist, und sieht vor sich den äusserst geschmackvollen Eingang, der zweistöckig gehalten ist.
Das Innere bildet einen Hohlraum mit rechteckiger Grundfläche, (85′×45′, 35′ hoch.) und mit einem tonnenförmigen, gerippten Dach,[631] als wäre es das eines hölzernen Riesenschiffs. Die Seitenwände bestehen gewissermassen ganz und gar aus dichtstehenden, geschmückten Säulen,[632] über denen ein steinerner Teppich mit Heiligen-Darstellung ringsum läuft. Der Hintergrund wird von einer bis zur Decke reichenden Dagoba eingenommen, vor welcher ein riesengrosser Buddha sitzt. Nur von vorn her fällt das Licht gerade auf diesen, alles übrige ist im Halbdunkel; trotzdem sind alle Figuren und Verzierungen auch an den dunkelsten Stellen der Höhle vollkommen ausgearbeitet.
Es ist eine vollständige buddhistische Kirche (chaitya) aus späterer Zeit,[633] jedenfalls wohl einige Jahrhunderte n. Chr. errichtet.
Eine Reihe von Klöstern (Vihara) sind in der Nähe dieser Kirche in den Fels gegraben. Das grösste ist Dherwara,[634] 100×70 Fuss.
Es folgen mehrere kleinere. In dem Allerheiligsten ist stets Buddha dargestellt.
Do-Tal ist zweistöckig, Tin-Tal sogar dreistöckig, wie schon die Namen sagen, mit schönen Blumenkorb-Säulen.
Ganz ähnlich ist der zweistöckige Bau von Das Avatar, aber der Stil ist brahmanisch, mit einer Halle für den heiligen Stier des Schiwa; wahrscheinlich war dies hier der älteste Höhlentempel der Brahma-Gläubigen, welche zunächst dem Vorbild der Buddhisten folgten. Das Bildwerk zeigt Schiwa als Zerstörer.
An dem Nordende des Hügels liegen die Jaina-Tempel. Der eine, Indra Subha, ist besonders dadurch merkwürdig, dass der kleine freistehende Schrein vor der Höhle, nach Fergusson aus dem 7. Jahrhundert n. Chr., das Muster zu dem grossen Kailas abgegeben. Die Bildsäule von Indra und seinem Weib Indrani sind die schönsten in ganz Ellora.
Von 12½ bis 5¼ Uhr durchwanderten wir diese wunderbaren Bauten, betrachteten die merkwürdigen Formen der Höhlen, der Säulen,[635] der gemeisselten Bildwerke und schieden mit der Ueberzeugung, dass der Gesammteindruck der Höhlentempel gradezu überwältigend ist.
Brief aus Roza bei Ellora. Donnerstag, den 29. December 1892. — Diesen Brief schreibe ich im Grabe. Es ist aber natürlich nicht mein eigenes, sondern das — eines längstverstorbenen Mohammedaners, eine hohe und stattliche, kuppelgekrönte Halle, welche die britischen Officiere innen ausweissen und zu einem Rasthaus einrichten liessen, für sich und für den ihnen empfohlenen Reisenden.
Es kann aber leicht das Grab des letzteren werden, wenn er nicht gradwegs zur Thüre heraustritt, sondern schräg, da von den vier Ecken des Gebäudes häufig grosse Gesims-Steine herabstürzen.
Als ich Abends mein Bett aufsuchte, lag ich augenblicklich auf der Erde, da der Boden des Bettes nachgab; nachdem ich selber es in Ordnung gebracht, schlief ich ganz gut.
Die Verpflegung war auch so, wie sie Grabes-Anwärtern zukommt, Hackfleischklöschen, Reis und Eierkuchen; als Getränk wurde uns nur Wasser vorgesetzt, das ich verschmähte, und Thee, den ich mir munden liess.
Vergeblich war der Versuch, von den Lebenden des Ortes eine Flasche Bier zu erhandeln. Unverrichteter Sache kehrten unsere beiden Sendboten zurück. Vergeblich war auch der Versuch, einen Zehn-Rupien-Schein zu wechseln.[636] Da unser Hartgeld auf die Neige ging, kamen wir in seltsame Verlegenheit, bis ich meines Reisegefährten Hindu-Diener, der dies ganz ruhig mit angesehen, plötzlich anfuhr mit der Frage: „Wie viel Geld haben Sie bei sich? Geben Sie her.“ Erschrocken reichte er sein Vermögen, am Abend erhielt er es nebst einem Trinkgeld zurück. Jetzt konnten wir die Rückreise antreten. — — — —
Unser Wagen kommt nicht pünktlich. Erst nach 7 Uhr Morgens fahren wir ab. In dem kleinen, ehemals ummauerten Ort Ellora sehen wir einen Hindu-Tempelbezirk, der den Vorzug hat, neu, sauber und wohlgepflegt zu sein. Inmitten liegt der heilige Teich, allseitig umgeben von hohen, gutgearbeiteten und auch gefälligen Granitstein-Treppen und von zahlreichen, kleinen, offenen Tempelchen aus rothem Sandstein, deren jedes oben den Bischofsmützen-Thurm trägt und innen den Linga-Stein beherbergt oder den gemüthlich dreinblickenden Gott mit dem Elephantenkopf oder einen andern in kleiner Ausgabe.
Nachmittags erlebten wir einen Radreifenbruch. Wir liehen uns in einem Dorf das Rad eines Ochsenwagens und befestigten es mit Stricken, so gut es ging, an der Achse.
Uebrigens beuteten die guten Leute unsre Verlegenheit nicht aus. Sie forderten nicht 20 Rupien, was wohl in manchen Gegenden von Europa vorgekommen wäre, sondern nur 12 Annas, und bedankten sich höflich, als ich ihnen 16 gab.
Abends 7 Uhr kamen wir glücklich wieder in Nandgaon an, erhielten ein ordentliches Essen und Kleingeld und fuhren Nachts mit dem sogenannten Schnellzug nach Bombay. (178 englische Meilen = 284 Kilometer in 10 Stunden, keine sonderliche Leistung.)
In Bombay machte ich noch einige Spazierfahrten, besuchte die Universität, besorgte mir Reisegeld, kaufte die Fahrkarte Bombay-Trieste (500 Rupien), wechselte mir auch 10 Sovereigns ein, um unterwegs bequemes Reisegeld zu haben, verlebte den Sylvester-Abend ganz still und fuhr am 1. Januar recht früh nach Prince’s Dock, an Bord der Imperatrix und winkte von dort mein Lebewohl dem märchenhaft schönen Lande Indien zu.
VIII.
Heimfahrt.
Sonntag, den 1. Januar 1893, früh um 8 Uhr, fuhren wir ab. Unser gutes Schiff wird mittelst mächtiger Taue gedreht und geschickt durch die enge Oeffnung des viereckigen Beckens, welches Prince’s Dock heisst, herausgeleitet, nach den Anordnungen des Hafenmeisters, der auf der nördlichen der beiden schmalen Landzungen seinen Standort genommen. Sowie wir in den Hafen angelangt sind, giebt die Maschine vollen Dampf; wir fahren südlich um Colaba Point herum, vor uns das ganze, farbenprächtige Hafenbild, und dann westwärts durch das persisch-arabische Meer, auf Aden zu.
Log-Bericht.
Bombay-Aden = 1664 Seemeilen.
Ab von Bombay 1. Januar 1893, 8 Uhr 30 Minuten, Vormittags.
(18° 49′ nördliche Breite, 72° 46′ östliche Länge.)
| I) | 1. | Januar, | Mittags, | 18° 48′ | nördl. | Br., | 72° 16′ | östl. | Lg. | 40 | S.-M. | Summe |
| II) | 2. | „ | „ | 17° 52′ | „ | „ | 67° | „ | „ | 300 | „ | 340. |
| III) | 3. | „ | „ | 16° 41′ | „ | „ | 61° 58′ | „ | „ | 301 | „ | 641. |
| IV) | 4. | „ | „ | 15° 30′ | „ | „ | 56° 46′ | „ | „ | 312 | „ | 953. |
| V) | 5. | „ | „ | 14° 10′ | „ | „ | 51° 5′ | „ | „ | 336 | „ | 1289. |
| VI) | 6. | „ | „ | 12° 47′ | „ | „ | 45° 35′ | „ | „ | 336 | „ | 1625. |
Ankunft in Aden am 6. Januar, 3 Uhr Nachmittags.
Abfahrt von Aden am 7. Januar, 1 Uhr Morgens.
Aden-Suez 1310 Seemeilen.
| VII) | 7. | Jan., | Mittags, | 13° 20′ | nördl. | Br., | 43° 4′ | östl. | Lg., | 139 | S.-M. | Summe |
| VIII) | 8. | „ | „ | 17° 52′ | „ | „ | 40° 2′ | „ | „ | 327 | „ | 466. |
| IX) | 9. | „ | „ | 22° 13′ | „ | „ | 37° 32′ | „ | „ | 296 | „ | 762. |
| X) | 10. | „ | „ | 26° 32′ | „ | „ | 34° 46′ | „ | „ | 300 | „ | 1062. |
| XI) | 11. | Januar, | Vormittags 8 Uhr, Ankunft in Suez. | |||
| Suez–Portsaid 160 Kilometer. | ||||||
| 11. | „ | Vorm. | 10½ | Uhr | Abfahrt durch den Kanal. | |
| XII) | 12. | „ | „ | 8 | „ | Ankunft in Portsaid. |
Ab Portsaid, den 12. Januar, 0 Uhr 40 Minuten. (31° 47′ nördlicher Breite,
32° 20′ östlicher Länge.)
Portsaid-Brindisi 930 Seemeilen.
| XIII) | 13. | Januar, | Mittags, | 33° 41′ | nördl. | Br., | 27° 36′ | östl. | Lg., | 280 | S.M. | Summe |
| XIV) | 14. | „ | „ | 35° 42′ | „ | „ | 23° 5′ | „ | „ | 250 | „ | 530. |
| XV) | 15. | „ | „ | 39° 12′ | „ | „ | 19° 26′ | „ | „ | 285 | „ | 815. |
Ankunft in Brindisi 8½ Uhr Nachmittags.
Abfahrt von Brindisi 9½ Uhr Nachmittags.
Brindisi-Trieste 372 Seemeilen.
| XVI) | 16. | Januar, | Mittags, | 43° 3′ | nördl. | Br., | 15° 52′ | östl. | Lg., | 109 M. |
| XVII) | 17. | „ | Morgens, | Trieste. | ||||||
Unser gutes Schiff Imperatrix vom östreichischen Lloyd hat 4914 Tonnen, 4500 Pferdekräfte, 400 Fuss Länge, 45 Fuss Breite. Die Höhe des Oberdecks über dem Wasserspiegel misst 23 bis 25 Fuss. Der Kohlenverbrauch beträgt täglich 70 Tonnen. Das Schiff macht 13 Knoten, die Schraubenwelle 52 bis 54 Umdrehungen in der Minute. Capitän Egger ist ein biederer Steiermärker, der Doctor ein Wiener, die anderen Officiere sprechen zwar lieber italienisch, aber doch auch deutsch. Zum ersten Male wieder seit Kobe — Hongkong ist auf dem Schiffe meine Muttersprache vorherrschend.
Unter den Cajütreisenden ist ein deutscher Commerzienrath, der die Einfuhr deutscher Metallwaaren nach Indien auf Grund seiner Erfahrungen recht günstig beurtheilt, Herr Tellery aus Delhi, mit seinem Geschäftsführer, die gut deutsch sprechen, zwei Basler Missionäre mit ihren Frauen und Kindern, die aus Südindien zurückkehren; ferner Capitän Bowers, der Hochtibet durchwandert hat, ein Engländer, ein Parsi-Kaufmann, Frau T., die nur englisch verstehen.
Im Zwischendeck sind hauptsächlich mohammedanische Kaufleute aus Indien, welche von Aegypten nach Mekka pilgern und die Reise auch zu Handelsgeschäften benutzen wollen; ein türkischer Officier mit Frau und Töchterchen, welches rothgefärbtes Haar, schwarzgefärbte Lidränder und scheues Wesen zeigt, Hindu-Diener, Parsi-Schiffsbeamte, Juden aus Portsaid.
Wir fahren WSW durch das tief dunkelblaue Meer.
Es ist angenehm warm. Am 2. Januar, Morgens 8 Uhr, ist in der Cajüte +26½° C.; auf dem Verdeck 24½° C., Mittags 25° C. Die Furcht vor dem raschen Temperaturwechsel der Heimfahrt ist unbegründet, wie meine früheren Reisen (von Aegypten, vom Peloponnes nach Berlin ohne Unterbrechung) mir genügend gezeigt haben. Jetzt fahre ich von Bombay nach Trieste ohne Unterbrechung in siebzehn Tagen und messe Morgens 7 Uhr (bis 8 Uhr) die folgenden Temperaturen:
| 2. | Januar | + | 24½° C. |
| 3. | „ | + | 25½° C. |
| 4. | „ | + | 24° C. |
| 5. | „ | + | 25° C. |
| 6. | „ | + | 25° C. |
| 7. | „ | + | 25° C. |
| 8. | „ | + | 26½° C. |
| 9. | „ | + | 23° C. (Nachmittags 19½° C.) |
| 10. | „ | kühler. (Nordwind).[637] | |
| 11. | „ | + | 15½° C. |
| 12. | „ | + | 12½° C. (4½ Uhr 20° C.) |
| 13. | „ | + | 18° C. (Mittags 19° C.) |
| 14. | „ | + | 13° C. |
| 15. | „ | + | 10½° C. (Mittags 10° C.) |
| 16. | „ | + | 10° C. |
| 17. | „ | – | 2° C, im Steuerhäuschen. |
Wie man sieht, vollzog sich der Temperaturabfall in acht Tagen; auf dem Lande in Triest war es, durch die Bora, bitterkalt.
Erlebnisse während der Fahrt nach Aden sind nicht zu melden; am 4. Januar erblickten wir ein arabisches Schiff (Dhau), am 6. Januar einen englischen Truppenbeförderungs-Dampfer (Troop-Ship).
Am 6. Januar, Nachmittags 3 Uhr, werfen wir in dem herrlichen Hafen von Aden Anker, ¼ Stunde entfernt von der Landungsbrücke bei Steamer-Point. „Ein verdammtes, trübseliges Felsennest“, sagte Capitän Bowers; aber er stieg doch flugs in das von mir eiligst gemiethete Boot, das uns an’s Land schaffte, und in den dort ohne Zeitverlust gemietheten Einspänner, der uns im Trabe zu den Sehenswürdigkeiten Aden’s brachte.
Am südlichen oder glücklichen Arabien (Yemen), im Meerbusen von Aden, welcher zwischen Arabien und der zum Cap Guardafui vorspringenden Somali-Küste eindringt, 170 Kilometer östlich von Bab-el-Mandeb, unter 12° 44′ nördlicher Breite, 45° östlicher Länge, liegt, die nur 20 Quadratkilometer messende, nahezu dreieckige Insel Aden, die allerdings an ihrer Nordostecke durch eine 2 Kilometer breite, sandige und niedrige (in der Mitte verschanzte) Landzunge mit dem Festland zusammenhängt, also eher den Namen einer Halbinsel verdient.
Gegenüber der Nordwestecke springt eine kurze Halbinsel (Little Aden) vom Festlande vor. Zwischen Klein- und Gross-Aden liegt der Aussen-Hafen; nördlich davon, zwischen dem Festlande und den beiden Halbinseln, der Haupt- oder Innen-Hafen (Bander Tuwai), 5½ Kilometer weit, der beste in ganz Arabien, ja fast in ganz Asien bis Hongkong und Nagasaki.
Obwohl Aden einen vollständig nackten, braunen, zerklüfteten Vulcan-Felsen aus Lava, Tuff, Bimsstein, ohne Grün und ohne Nass darstellt;[638] so hat der herrliche Hafen und die vortreffliche Lage, die zum Verkehr zwischen Arabien, Afrika und Indien gradezu einladet, schon seit uralter Zeit hier eine reiche und blühende Handelsstadt in’s Leben gerufen, die trotz der öden Natur von den Einwohnern als Paradies (Eden) bezeichnet, schon von dem Propheten Ezechiel[639] gepriesen, im Periplus als Arabia Eudaimon[640] beschrieben, von den Griechen und Römern als Adana, Athana, Arabia Felix gekannt war.
Natürlich lockte der Reichthum Eroberer an. Aus den Händen der Araber gelangte die Stadt in die der Abessynier, der Perser, der Aegypter, der Türken. Die Bedeutung des Handelsplatzes blieb noch durch das ganze Mittelalter erhalten, bis zur Entdeckung des Seewegs nach Ostindien. 1551 wurde die Stadt Aden den Portugiesen übergeben, bald aber von den Türken erobert, 1630 von diesen wieder aufgegeben, so dass sie wieder in die Hände der Araber-Häuptlinge gelangte, 1725 in die der Lahej, die heute noch auf dem benachbarten Festland mächtig sind. 1838 versuchten die Engländer Aden von den Arabern zu kaufen; und, da diese in den Verkauf nicht willigen wollten, so nahmen sie es mit Gewalt und beschönigten den Raub mit dem Vorwand, es sei ein hier gescheitertes Schiff geplündert worden.[641] Zur Behauptung des Platzes waren nur unbedeutende Kämpfe nöthig; 1872 wurde Little Aden und 1883 der Landstreifen nördlich vom Hafen, auf dem Festland, zur Abrundung des Besitzes hinzu gekauft.
Aber die Engländer haben mit ihrem unleugbarem Geschick aus dem Felsennest etwas ordentliches gemacht.
Als sie Aden einnahmen, zählte der uralte Welthafen nur 6000[642] verarmte Bewohner in zerfallenen Hütten, jetzt sind es 41000. Zwei Völkerstämme kommen hauptsächlich in Betracht: Araber und Somali,[643] während reine Neger nur sparsamer vertreten sind. Die Araber sind gedrungen und kräftig, hellbraun, mit langem, schwarzem Haar. Die Somali, Mischlinge von Arabern und Galla-Negern, übrigens auch Mohammedaner, sind lang, dünn, schwarz, mit gelocktem Haar, das sie gern gelbroth färben. Die Somali sind die Bootsleute und Kutscher, die Araber erheben sich bis zum Kaufmannstand, doch machen ihnen Parsi und Hindu den Gewinn streitig.
Die Besatzung besteht aus Hindu (Sepoy). Dazu kommen 200 Juden, die an der Stirnlocke kenntlich sind, und etwa ebenso viele Europäer, — Officiere, Baumeister und Ingenieure, Hafenbeamte, Kaufleute.
Den von Natur schon fast uneinnehmbaren Felsen haben die Engländer durch Bauten noch stärker befestigt und so ein Gibraltar des Ostens geschaffen.[644] Die Stadt Aden haben sie neu gebaut und bei Steamer Point an der Nordwestecke der Insel tüchtige Anlagen für den Schiffsverkehr hergestellt und einen Freihafen geschaffen. Besonders hat Aden’s Bedeutung seit der Eröffnung des Suez-Canals sich gehoben, da es der wichtige und unentbehrliche Halteplatz aller Dampfer zwischen Suez und Ostindien geworden.
Riesige Lager von Steinkohlen sind hier eingerichtet, um die Dampfer zu versorgen. 1890 betrug die Einfuhr von Steinkohlen 165000 Tonnen; der Gesammthandel (Aus- und Einfuhr) 5 Millionen £.[645]; Tonnengehalt der Schiffe über 4 Millionen. Ausgeführt wird Kaffe (aus Südarabien), Gummi, Häute und Felle, Tabak, Federn, Muscheln, Gewürze; eingeführt werden Getreide und Mehl, Baumwollenwaaren, Stückgüter, Petroleum, Tabak. Der örtliche Handel mit Arabien, Aegypten, Zanzibar ist nicht unbeträchtlich. Ackerbau giebt es natürlich nicht auf diesem nackten Felsen, und der Gewerbefleiss erzeugt allein — Trinkwasser, Eis, Kochsalz. Letzteres wird an der seichten Nordküste des Hafens durch Verdampfen von Meerwasser hergestellt; man sieht die schneeweissen Haufen auf dem Sande liegen. Regen ist nicht viel zu befürchten; der Regenfall misst jährlich nur zwei Zoll! Die Sonnengluth ist ausreichend; beträgt ja die mittlere Temperatur + 29½° C. im Schatten, das ganze Jahr hindurch.
Trotz dieser Gluthhitze ist Aden nicht ungesund, auch nicht für den Europäer. Die Infectionskrankheiten fehlen. Allerdings die Augen der Eingeborenen fand ich hier, mittwegs zwischen Aegypten und Bombay, schon merklich schlechter, als in Ostindien.
Der Reisende, welcher in Steamer Point landet, sieht vor sich eine schmale Hafenstadt mit Quai und Uferstrasse, mit langen, ein- bis zweistöckigen, weiss getünchten Häusern, die zwar einfach, aber durch vorgebaute Schattenhallen gefällig erscheinen. Hier liegen, überragt von einer kleinen Batterie mit Signal-Stange, das Post- und Telegraphen-Amt, ein Hotel mit Gast- und Kaffe-Wirthschaft für den Reisenden, der meist nur einige Stunden auf der Felseninsel zubringt, ein Lager von Lichtbildern, wo Jeder einkauft, und natürlich der unvermeidliche „Curio-Laden“ eines Parsi-Kaufmanns. Die gut gehaltene Fahrstrasse führt an riesigen Kohlen-Lagern und Schuppen, vereinzelten Hütten, einer Polizei-Wache vorbei längs der ganzen Nordküste der Insel; und fängt erst an zu steigen da, wo die Landenge sich ansetzt. Vor uns liegt ein schmaler Eingang[646] zwischen zwei nackten bräunlichen Lava-Felskegeln, durch Kunst zu einem starken Thor vervollständigt und von einer kleinen Sepoy-Truppe besetzt, die natürlich sofort das Gewehr präsentiren, als wir durchfahren. Dieses Mal hatten sie Recht, mein Begleiter war ja ein britischer Officier, wenngleich in bürgerlicher Kleidung.
Jenseits des Thores senkt sich wieder die Fahrstrasse. Vor uns erscheint ein fesselndes Bild. Inmitten einer langgedehnten Thalschlucht von mässiger Breite, links (westlich) von niedrigeren, rechts (östlich) von höheren Lava-Felsen überragt, liegt die regelmässig gebaute, aus kleinen weiss getünchten Steinhäusern mit platten Dächern bestehende Stadt Aden bis hin zum Ostufer, wo die Meeres-Küste sichtbar wird. Die Thalschlucht stellt eben den Krater des Vulcan dar, dessen Rand an der Ostküste der Insel schon in grauer Vorzeit abgebrochen ist.
Baracken für die Sepoy sind am Anfang und am Ende der Stadt errichtet. Ganz hübsch und wohnlich sehen die Häuser der Officiere aus. Die letzteren fahren, da der Dienst im Frieden sie nicht sehr beschwert, im Einspänner mit ihren Frauen spazieren.
Riesige Kupfer-Kessel, die im Freien aufgestellt sind, dienen zur Bereitung von Trink- aus Meer-Wasser. Das Trinkwasser wird an die Bewohner verkauft, 100 Gallonen gelten 14 Annas.[647]
So wird das Getränk künstlich hergestellt; die Nahrung aber eingeführt, und zwar Mehl aus Indien und Europa, Schafe von der Somaliküste, Ochsen und Futter aus Arabien.
Das einzige hervorragende Gebäude der Stadt Aden ist eine weiss getünchte Moschee mit Kuppel und einem Minaret, wie man sie in jedem Dorfe bei Scutari findet.
Vor dem Kaffehause der Stadt ist ein grosses Gewühl, wie in Sicilien und Tunis. Die müssigen Somali-Jünglinge mit ihren Keulen-Stöcken starren den Fremden an, aber ohne ihn zu belästigen. Ueberhaupt möchte ich bemerken, dass ich weder mit den Bootsleuten noch mit dem Kutscher noch mit irgend einem Einheimischen von Aden die geringste Unannehmlichkeit hatte, während die früheren Reisebücher voll davon sind.
Bisher hatte ich noch keinen Baum oder Grashalm auf der ganzen Insel Aden erblickt. Aber bei dem westlichen Ende der Hauptquerstrasse, welche die Stadt Aden in zwei Theile zerschneidet, am Eingang zu den berühmten Wasserbehältern, ist eine schüchterne Pflanzung von Laubbäumen gelungen und wird durch sorgfältige Bewässerung aus Tiefbrunnen unterhalten.
Ebenso sind im Innern der terrassenförmigen Schlucht, die man jetzt betritt, noch kleine Sträucher und Bäume hier und da angepflanzt. Die Leute, welche die menschen- und bildungs-freundliche Arbeit des Wasser-Pumpens verrichten, sind aber auch fest überzeugt, dass der Reisende ihnen ein Trinkgeld schuldet.
Der Weg ist ziemlich bequem und zeigt bald rechts, bald links grosse, in dem Felsen ausgehöhlte, geglättete und mit Stuck ausgekleidete, oben mit Mauer und eiserner Brustwehr umgebene Wasserbehälter, die zwar prahlerische, englische Inschriften ihres grossartigen, in die Hunderttausende und Millionen von Gallonen gehenden Fassungsvermögens zeigen, aber von dem köstlichen Nass nur hier und da eine niedrige Lache enthalten.
Trotzdem sind es recht merkwürdige Bauten. In Arabien wurden derartige Wasserbehälter schon 1700 v. Chr. hergestellt. Die zu Aden sollen 600 n. Chr. angelegt oder vielmehr ausgebaut sein; im Jahre 1330 hat Ibn Batuta sie gesehen, 1538 ein Venetianer sie beschrieben. Alle Schluchten der Ostseite des Djebel Schamschan kommen in dies eine Thal zusammen, das noch dazu durch eine Mauer gesperrt wurde; so muss der ganze Regenfall hier in diese mit Mauern, Teichen, Canälen versehenen Wasserbehälter zusammenfliessen.
Wie alles, war auch diese Anlage zerfallen, als die Engländer Besitz von Aden ergriffen. Sie haben dann von 1856 bis 1874 die Becken wiederhergestellt oder doch von den 50 mit einem Gehalt von 30 Millionen Gallonen wenigstens 13 mit einem Gehalt von 7 Millionen. Doch haben sich die Behälter (Tanks) wegen der Unsicherheit und Spärlichkeit des Regenfalls nicht sonderlich bewährt, zumal für die so vergrösserte Bevölkerung; die Abdampf-Einrichtungen (Condensors) leisten das gewünschte.
Am 7. December um 1 Uhr früh fahren wir ab von Aden und sind Vormittag in der „Thränen-Strasse“ (Bab-el-Mandeb), die allerdings diesen Namen von den über Windstille in dem Gluthofen des rothen Meeres verzweifelten Segelschiffern erhalten hat und heutzutage, in der Zeit des Dampfes, einen neuen und besseren bekommen könnte. In der Mitte der Strasse erblicken wir die vulcanische Felseninsel Perim. Dieselbe ist halbkreisförmig, nach Süden offen, mit einem guten Hafen, fast 12 Quadratkilometer gross, mit 150 Mann Besatzung für den Signallicht-Dienst und die Zwecke der Vertheidigung; ihre höchste Erhebung steigt 65 Meter über den Meeresspiegel empor. 1857 haben die Engländer diese Insel in Besitz genommen und als Schlüssel zum rothen Meer befestigt, 1861 auch mit einem Leuchtthurm versehen. Ob sie wirklich das rothe Meer zu sperren vermag, könnte man doch bezweifeln. Denn das Fahrwasser ist westlich zwischen der Insel und Afrika 12 Seemeilen breit; östlich allerdings, zwischen der Insel und Arabien, nur ¾ Seemeilen.
Ueberhaupt ist wohl das System Aden — Perim für den Kriegsfall nicht so gewaltig, wie nützlich für die Engländer in friedlichen Zeitläuften. Die Besatzungen sind eben zu schwach; sie genügen nur, die einheimischen Horden in Zaum zu erhalten.
Ueber die Besetzung von Perim wird auf dem Schiff eine lustige Geschichte erzählt, deren Wahrheit ich allerdings nicht verbürgen kann.
Der Befehlshaber von Aden empfing den Besuch eines französischen Kriegsschiffs, bewirthete die Officiere des letzteren auf das zuvorkommendste, trank mit ihnen ungeheure Mengen von Schaumwein, bis er ihre Zungen gelöst und erfahren, dass sie den Befehl hätten, Perim zu besetzen. Sofort bestellte er bei Tisch auf einer mit Bleistift geschriebenen Karte fröhlich eine neue Sendung von Weinflaschen; in Wirklichkeit enthielt die Karte den Befehl an seinen ersten Officier, augenblicklich nach Perim zu dampfen und daselbst die englische Flagge zu hissen. Als am andern Tage die Franzosen nach Perim fuhren, fanden sie — den Tisch besetzt.
Wir sind also in dem rothen Meer, dessen erstickende Gluthhitze in den verschiedenen Reiseberichten eingehend und kläglich geschildert wird. Seine Länge ist recht bedeutend, 2140 Kilometer von Perim bis Suez, d. i. ein Drittel des Weges von Bremerhafen nach New-York; seine grösste Breite misst 350 Kilometer. Es hat weder Flüsse noch ordentliche Häfen und bildet eine tiefe, trogartige Einsenkung zwischen Afrika und Arabien. Die mittlere Tiefe beträgt 460 Meter; die grösste, welche bisher gemessen wurde, 2271 Meter. Aber das Fahrwasser für grosse Dampfer ist schmal, da beide Seiten bis zu bedeutender Entfernung von Ufer mit Korallen verbaut sind. Ob von diesen oder den rothen Felsen bei Suez oder von Edom, der umwohnenden Völkerschaft, der uralte Namen herrührt, ist immer noch zweifelhaft.
Mir zeigte sich das rothe Meer von seiner besten Seite; ich hatte die gute Jahreszeit gewählt und getroffen. Die Temperatur war Morgens auf Deck 25° C. ganz erträglich. (Nachts in der Cajüte natürlich mehr. Ich hatte deshalb mein Fenster aufgeschraubt. Aber die Strafe folgte auf dem Fusse, — eine anständige Sturzwelle, welche durch die Oeffnung eindrang und mich augenblicklich gegen die Cajütenthüre hinschwemmte.)
Der Himmel war grau, der Wasserspiegel blau, die Wellengipfel unter dem schaumigen Kamm prachtvoll grün-durchscheinend. Die Sukur-Inseln werden sichtbar. Scheinbar mitten im Meer bäumt sich das Wasser empor, wie ein Springquell, — von unterirdischen Riffen. Vier Wracks sind in dieser Gegend, aus den letzten zwanzig Jahren.
Nachmittags wird es windig, und am 8. Januar, an dem ich Morgens 26, Nachmittags 27° C. auf Deck im Schatten gemessen, erfolgt ein Gewitter, während wir kein Land zu sehen vermögen. Unser Capitän, der zwanzig Jahre diese Strasse fährt, kann sich nicht erinnern, jemals im rothen Meer ein solches beobachtet zu haben. Erstaunlich ist die zeitliche und örtliche Ausdehnung dieses Gewitters. Es dauert ¼ Tag, während wir 80 Seemeilen zurücklegen; es umgiebt das Schiff nach allen vier Richtungen der Windrose. Erstaunlich ist auch die Häufigkeit der Entladungen. Vor uns schwebt, scheinbar nicht hoch über dem Horizont, eine Gewitterwolke. Diese flammt auf, alle 5 oder 10 Sekunden, von bläulichem Licht erglühend; der Rand heller, als die Mitte. Mitunter wird plötzlich ⅛ oder ¼ des vor uns befindlichen Himmelsgewölbes für einen Augenblick erhellt, so dass man dabei die Uhr erkennen kann. Blitzstrahlen sind häufig, aber nicht so, wie jenes Aufleuchten. Die Strahlen sind zackig, scheinbar von nicht unbedeutender Breite, mitunter verästelt oder fast dreieckige Räume umschreibend; nicht bloss nach unten, sondern auch fast wagerecht verlaufend. Donner ist sparsam, nur für einen Theil des Gewitters hörbar.
Am folgenden Tage, den 9. Januar, ist es abgekühlt, Vormittags 23, Nachmittags 19½° C. Wir haben Nordwind; zum ersten Mal seit Bombay, finden wir es nicht mehr angenehm, auf Deck zu sitzen. Zwanzig Dampfer kommen an diesem Tag in Sicht; das ist aber nicht Zeichen eines grossartigen Verkehrs, sondern eines Hindernisses im Suez-Canal, das etwa 24 Stunden angedauert.
Am 10. Januar hält der Nordwind an, gegen Abend erblicken wir die öde, zackige Sinai-Halbinsel und ferner an der afrikanischen Küste die Insel Schadwan (Scheduan) mit Leuchtthurm.
Mittwoch, den 11. Januar, erscheinen bei Sonnenaufgang beide Küsten des Golf von Suez; die westliche, steilere, roth bestrahlt. Beide sind wüst, nur in der Nähe von Suez einige grüne Plätze und Striche, an der Süsswasser-Leitung. Von 8 bis 10½ Uhr Vormittags bleiben wir vor Anker im Tewfik-Hafen von Suez, vor uns die mit jungen, aber bereits schattenspendenden Laubbäumen besetzte Uferstrasse. Als wir in den Kanal hineindampfen, entrollt sich vor uns ein schönes Bild.
Zur linken der blaue Meerbusen und die Wüstenberge der afrikanischen Küste, vor uns rothe, steile Felsen und näher heran die Stadt, deren weisse Häuser platte Dächer zeigen, hier und da ein niedriger plumper Minaret und kleine Kuppeln, schüchterne Anfänge von Palmgärten, der Steindamm, auf dem der Eisenbahnzug zu dem an der Kanal-Einfahrt belegenen Kriegs- und Handelshafen (Port Ibrahim) hinfährt; nördlich von der Stadt der von grünem Pflanzenwuchs eingesäumte Süsswasser-Kanal, der hier in das nördliche Horn des Golfs von Suez sich ergiesst, zur rechten (und hinter uns) die flache Küste und Wüste und die fernen Berge der Sinai-Halbinsel.
Aber nach kurzer Fahrt hört die Aussicht auf, da sie von den Ufern versperrt wird; doch nicht für lange. Die Weichen, Signalstationen, kleinen Ortschaften bringen Abwechslung.
Bald erreichen wir den Bittersee, durch den das Fahrwasser mittelst zweier Reihen von Bojen bezeichnet wird, und erblicken vor der Dunkelheit noch gerade Ismalija. Dann aber werden die electrischen Scheinwerfer[648] vorn auf unserem Schiff entzündet, das majestätisch und sicher durch die Dunkelheit gleitet, den in einem kleinen Hafen des Kanals verankerten Truppen-Dampfer überholt, und Morgens um 8 Uhr in Portsaid vor Anker geht.
Es gewährt eine eigenartige Befriedigung, auf einem neu geschaffenen Kanal mit Hilfe der neuesten Erfindungen durch das Gebiet eines der ältesten Culturvölker der Erde zu fahren.
Schon Setos I. und Ramses II. (um das Jahr 1300 v. Chr.) haben einen Kanal vom Nil zum Timsah-See und von da zum rothen Meer graben lassen. Necho (um 600 v. Chr.) und Darius Hystaspis (um 500 v. Chr.) haben einen neuen Kanal vom Nil zum rothen Meer geführt, die Ptolemäer, Trajan (98 bis 117 n. Chr.) daran gebaut, Amr, der Feldherr des Kalifen Omar, im 7. Jahrhundert n. Chr. die Wiederherstellung unternommen.
Aber bald war alles wieder verfallen, und nur schwache Spuren sind von dem Werk der Pharaonen und ihrer Nachfolger übrig geblieben.
Unser Leibnitz hat 1671 auf die Vortheile eines Schifffahrt-Kanals zwischen dem rothen und dem Mittel-Meer hingewiesen. Napoleon Bonaparte liess auf seinem Zuge nach Aegypten (1798) Vermessungen anstellen, die unglücklicherweise das irrige Ergebniss lieferten, dass der Spiegel des rothen Meeres gegen 10 Meter höher liege, als der des Mittelmeeres. In Wirklichkeit liegt der Spiegel der beiden Meere gleich hoch; nur ist bei Portsaid im Mittelmeer die Bewegung von Ebbe und Fluth fast unmerklich, bei Suez im rothen Meer beträgt sie 1 bis 2 Meter. Ferdinand de Lesseps gebührt das Verdienst, die 300 Millionen Europäer den 700 Millionen Asiaten näher gebracht, alle Schwierigkeiten widerstrebender Staatsmänner, der Geldbeschaffung, der Oertlichkeit,[649] der Arbeit überwunden, mit Hilfe einer Aktiengesellschaft 1858 die Durchstechung begonnen und 1869 den Suez-Kanal, wie er mit gerechtem Stolz rühmt,[650] „fertig gestellt zu haben, frei, neutral, allen zugänglich und offen für den Weltverkehr.“
Die Länge des Kanals beträgt 160 Kilometer, die Breite am Wasserspiegel 50 bis 100 Meter, an der Sohle 22 Meter, die Tiefe 8½ Meter. Ausweich-Stellen sind angebracht, wo ein grosser Dampfer den andern vorbeilässt. Durch die in Ausführung begriffene Erweiterung und Vertiefung des Kanals sollen die Ausweichen fortfallen. Die Durchfahrt dauert mit dem Scheinwerfer 16 bis 22 Stunden; ohne denselben 40 Stunden, da dann das Schiff Nachts vor Anker liegen muss.
Die Gesammtkosten des Kanals betragen 400 Millionen Mark. (20 Millionen £, von denen 3½ im Besitz der englischen Regierung, die 1876 auf Betreiben von Beaconsfield dem Chediw seinen Antheil abkaufte.)
Der Ueberschuss, den die Gesellschaft 1887 erzielt, betrug 29,7 Millionen Francs. (Einnahmen 60,5, Ausgaben 30,8 Millionen Francs.) Sie nimmt 10 Francs für die Tonne und ebenso viel für jeden Reisenden. Die Gebühr, die ein Schiff zu zahlen hat, ist ganz anständig, für unsre Imperatrix in runder Summe 50000 Francs. Im Jahre 1887 benutzten den Kanal 3137 Schiffe mit einem Netto-Gehalt von 5900000 Tonnen, davon 2330 englische, 185 französische, 159 deutsche. Die Entfernung von London nach Bombay ist um das Cap der guten Hoffnung 10719 Seemeilen, durch den Suez-Kanal 6274. Die Abkürzung der Fahrt durch den Suez-Kanal beträgt für Dampfer nach Bombay von Brindisi 37, von London 24, von Hamburg 24 Tage. Aber da Dampferfahrt um das Cap nicht lohnend war, wegen der Schwierigkeit der Kohlenbeschaffung, so hat man eigentlich gegenüberzustellen:
| Segelfahrt von | London | nach | Bombay | 100 | Tage. |
| Dampfschifffahrt | „ | „ | „ | 26 | „ |
Die Eröffnung des Suez-Kanals hat bewirkt, dass der Welthandel von der Segel- zur Dampf-Schifffahrt überging, zumal gleichzeitig die zusammengesetzten Maschinen aufkamen.
Portsaid, eine Schöpfung des Kanals, hat schon 21000 Einwohner, Niederlassungen aller grossen Dampfschifffahrts-Gesellschaften, auch unsres norddeutschen Lloyd, und einen äusserst lebhaften Verkehr. Nachdem ich mich an dem fesselnden Hafenbild der aus- und einladenden Schiffe aller Nationen erfreut, gehe ich an’s Land, kaufe ägyptische Cigaretten und vertraue mein Haupt einem italienischen Haarkünstler an.
Mittags fahren wir ab, am 14. Januar erblicken wir Morgens die schneebedeckten Felsen von Candia und haben bei rauhem Wetter gegen den Wind zu kämpfen, so dass unser Log-Bericht von 250 Seemeilen der schlechteste wird, den unser Capitän jemals gemacht. Am 15. Januar erblicken wir Morgens Cephalonia, um 11 Uhr Korfu und lagern Abends für eine Stunde im Hafen von Brindisi.
Dienstag, den 17. Januar, Morgens, erreichen wir unter Schneegestöber (bei - 2° C. im Steuerhäuschen) die Stadt Triest, können aber nicht in den Hafen hinein, der leider an unrichtiger Stelle angelegt zu sein scheint, sondern landen in der Bucht von Muggia.
Wunderbar ist der Anblick des von dem Nordwind (Bora) gepeitschten Meeres. In Triest war es grimmig kalt. Der Nachtzug brachte mich trotz der Schneeanhäufungen glücklich über den Karst und nach Wien. Von hier fuhr ich mit dem Eilzug nach Dresden. Am 19. Januar 1893 kam ich in Berlin an, nach einer Reise von 171 Tagen über eine Strecke von 48092 Kilometern.
Fast ist es mir, wie ein schöner Traum. Aber die wechselnden Bilder stehen lebendig vor meinem Auge. Mein Herz ist voll Dankbarkeit gegen das neunzehnte Jahrhundert, das die Entfernung vernichtet und solche Reisen ermöglicht hat.