Nach Anuradhapura.
Bereits am nächsten Morgen (Dienstag, den 15. November) führte ich den Rath des Herrn Nock aus und fuhr nach der alten Ruinenstadt in der nördlichen Centralprovinz von Ceylon. (North Central Province.)
Die letztere ist eine neue Gründung in dem vorher öden Landgürtel zwischen Singhalesen- und Tamil-Gegend; durch Wiederherstellung der alten Teiche und Bewässerungen haben die Engländer hier die Ansiedlung einer reisbauenden Singhalesen-Bevölkerung (jetzt 74000) in’s Leben gerufen.
Die Schwierigkeiten der Reise sind in der letzten Zeit erheblich verringert worden und werden in den schwärzesten Farben nur von denen dargestellt, welche aus irgend einem Grunde den Ausflug nicht gemacht haben.
Zuerst fahre ich Morgens ganz früh mit dem Postwagen von Nuwara Eliya durch die üppig bewachsene Schlucht bergab nach Nanu-Oya und von da mit der Eisenbahn nach Kandy.
Auf der letzteren Strecke wird der Adams-Pik in seiner vollen Schönheit sichtbar. Der Spitzkegel starrt frei empor in den blauen Himmel; nur zeitweilig ist die höchste Spitze von einer dichten Wolke verhüllt. Um diese Jahreszeit regnet es auf dem Gipfel fast unablässig; eine Besteigung ist unmöglich, kein Mensch weilt oben. Da aber der Adams-Pik die Landmarke von Ceylon darstellt, so muss ich doch, der Vollständigkeit halber, die Merkwürdigkeiten dieses berühmten Berges andeuten.
Schon die Ureinwohner der Insel haben diesen steil emporragenden Fels verehrt; die Aushöhlung auf der Spitze ist nach den Brahmanen der Fusstapfen von Shiva, nach den Buddhisten der von Buddha, nach den christlichen Gnostikern und den Mohammedanern der von Adam. Buddhistische Priester sind Wächter des heiligen Fusstapfens (sripada[394]); aber die Gläubigen aller Bekenntnisse beten hier in frommer Verträglichkeit, nicht in heftigem Streit, wie die lateinischen und griechischen Christen am heiligen Grabe zu Jerusalem.
Eingehauene Stufen und eiserne Ketten, die sehr alt sind, ermöglichen die Ersteigung der letzten, steilsten Partie des Kegels. Auf dem ganz schmalen Gipfel ist über der natürlichen Vertiefung von 1,45 Meter Länge, 0,5 Meter Breite und 0,05 Meter Tiefe, welche durch menschliche Nachhilfe die Gestalt eines Fusstapfens erhalten, eine offene Säulenhalle mit Schutzdach errichtet. Mindestens seit 1000 Jahren wird der Gipfel von Pilgern regelmässig besucht. Die Erhebung beträgt nur 2260 Meter (etwa 7353 englische Fuss) über dem Meeresspiegel; aber die Aussicht gehört zu den grossartigsten der Erde, da nur sehr wenige Berge diesen unbeschränkten Blick bieten. Die beiden Sarrasin hatten das Glück, auf dieser erhabenen Spitze den Sonnenaufgang zu beobachten, der von den Priestern mit Sadu, Sadu, Sadu (d. h. heilig, heilig, heilig) begrüsst wurde, und den ungeheuren Schattenkegel des Adams-Piks auf der Ebene, mit der hellen Stelle an der Spitze, welche die Einheimischen als Buddha’s Strahlen bezeichnen.
Häckel lässt der Aussicht volle Gerechtigkeit widerfahren, möchte aber die vom schneebedeckten Pik von Teneriffa, der fast die doppelte Erhebung über den Meeresspiegel erreicht, doch vorziehen.
In Kandy war eine kleine Schwierigkeit zu überwinden. Kein Zug[395] geht nordwärts nach Matale, dem Ende der Zweigbahn, vor 11 Uhr Nachts. So spät anzukommen, ist nicht räthlich, da dort kein Gast-, sondern nur ein Rasthaus vorhanden. Ich gebe also Koffer und Mantelsack in Verwahrung auf dem Bahnhof, behalte nur eine Reisetasche für die Bedürfnisse eines dreitägigen Ausflugs, frühstücke in dem mir bekannten Gasthaus zu Kandy und miethe vom Wirth einen zweispännigen Wagen nach Matale; lasse mir auch, was in diesen Gegenden nützlich, die Quittung (über 16 Rupien) ausstellen. Zwei Mal unterwegs wird Mauth-Geld von je einer Rupie erhoben.
Der Weg ist sehr schön, das Land angebaut wie ein Garten. Hier sieht man auch viele Cacaopflanzungen. Die beiden Pferde laufen munter.
Matale (Mahataláwe, die grosse Wiese,) wird schon in den alten Chroniken der Singhalesen erwähnt; es liegt 560 Fuss tiefer als Kandy, nämlich 1136 Fuss über dem Meeresspiegel und hat jetzt über 4000 Einwohner.
Hier brachte ich zum ersten Male die Nacht in einem Rast-Haus[396] zu. Obdachhäuser längs der Hauptstrassen, für Reisende und Pilger, sind in Ceylon wie in Indien seit uralten Zeiten von wohlthätigen Leuten erbaut und unterhalten worden. An den öffentlichen Strassen Ceylons hat die jetzige Regierung in Abständen von je 15 englischen Meilen Rasthäuser eingerichtet und ausgestattet, wo die Reisenden zu einem festen und mässigen Satz Aufnahme und Verpflegung finden, allerdings soweit der Platz reicht, und immer nur für einen Tag: danach muss der Erstgekommene, wenn Raummangel eintritt, dem neuen Reisenden Platz machen.
Es ist dies eine äusserst zweckmässige Einrichtung, welche den Europäern überhaupt erst das Reisen im Innern von Ceylon ermöglicht hat: in erster Linie für die Beamten bestimmt, kommt sie doch auch dem gewöhnlichen Reisenden zu Gute. Ein solches Rasthaus ist ein im Garten gelegenes einstöckiges Gebäude mit einer von Holzsäulen getragenen schattigen Vorhalle, auf der die beliebten Liege-Stühle aufgestellt sind, mit einer Haupthalle, die als Speise- und Wohnzimmer dient, und einigen (zwei bis vier) daranstossenden, allerdings sehr einfach ausgestatteten Schlafzimmern nebst Waschgelegenheit und Bequemlichkeit. Getrennt von dem Hauptgebäude liegt die Küche und der Wohnraum des „Boy“, der gewöhnlich ein bejahrter, bärtiger Singhalese ist und mit ein oder zwei jüngeren Leuten der Kochkunst und Bedienung waltet.
Natürlich können diese armen Leute keine grossen Vorräthe halten. Reis mit Würze wird immer aufgetragen, auch wenn man unangemeldet des Abends eintrifft oder bei Tage nur ein Stündchen[397] mit der Post weilt, — natürlich nicht so rasch, wie in unsern Wirthshäusern mit voller Speisekarte und einem Stab dienender Geister. Auch Thee ist oft zu haben, gelegentlich Brod und Whisky. Hühner, Eier, Rindfleisch, Suppe, Sodawasser, Bier sind nur an den wichtigeren und besuchteren Knotenpunkten zu bekommen, am sichersten auf vorhergehende Bestellung. So ein singhalesischer Wirth ist darauf angewiesen, von einem oder zwei europäischen Gästen für den Tag seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und, wenn der Besuch noch sparsamer ist, auszukommen. Dazu gehört die ganze Genügsamkeit des Asiaten. Ein wenig Freundlichkeit seitens der Europäer und Trinkgeld erleichtert ihm das Dasein.
Ich war mit den bescheidenen und aufmerksamen Leuten stets zufrieden und erhielt hier in Matale, einem Eisenbahn- und Post-Halteplatz, wenngleich erst nach längerem Warten, ein vollständiges Abendessen aus mehreren Gängen sowie eine Flasche Bier.
Ich war der einzige Gast im Rasthaus; der einzige Europäer in der Postkutsche,[398] die mich am andern Morgen früh um 6 Uhr abholt zur Fahrt nach Anuradhapura. Die Zeit der Alleinherrschaft des Ochsengespannes ist vorbei. Der Postwagen hat zwei Pferde, die häufig gewechselt werden, und vier Räder,[399] allerdings nur einen leidlich bequemen Sitz, nämlich vorn neben dem Kutscher, da das Innere des verdeckten Wagens von Briefbeuteln und Ballen, dem Pferdeknecht und dem Postillon mehr als gefüllt ist. Trotzdem sucht und findet auch gelegentlich ein Einheimischer darin Platz; er hat aber nur den halben Fahrpreis zu zahlen.
Wir fahren nordwärts in das grüne Land, bergab in die grosse Ebene der Nordhälfte von Ceylon.
Die Kokospalmen, welche in der Hügelgegend noch reichlich fortkommen, treten mehr und mehr zurück. Doch macht die englische Regierung grosse Anstrengungen, auch hier diesen nützlichen Baum anzupflanzen und überhaupt durch Wiederherstellung der alten Wasserbehälter grosse Landstriche, die Jahrhunderte lang öde gelegen, dem Ackerbau wiederzugeben. Wo das Gebüsch am Wege sich öffnet und dem Auge den Durchblick gestattet, sieht man ausgedehnte Reisfelder. Die Strasse ist gut, aber nicht sehr belebt. Europäische Reisende treffen wir gar nicht. Die Ochsenkarren der Einheimischen werden durch unser Posthorn zum Halten genöthigt, bis wir vorbeigefahren. Städte fehlen. Die Dörfer sehen ärmlich aus.
Jeden Halt zum Pferdewechsel benutzte ich, um die braunen Menschen anzusehen. Ich trete an die nächste Hütte. Für den Arzt ist es leicht, eine Unterhaltung anzubahnen. Da steht ein Mädchen, das ein wenig schielt. Ich sage ihr, mit Hilfe des Postillons, der englisch versteht, dass sie gerade Augen bekommen könne. So ist das Vertrauen gewonnen. Gross und Klein umringt mich. Die schwarzen Kinder sind artig, reichen die Hand und lassen sich betrachten.
Bekleidet sind die Kleinen nur mit Ringen, Amuletten und allenfalls einer Lendenschnur. Einige ältere Kinder, die bereits mehr Verstand und leider deshalb mehr Furcht haben, brüllen bei meiner Annäherung, wie unsre Dorfkinder beim Nahen eines Negers. Auch einem Erwachsenen ertheile ich gelegentlich Rath, natürlich den einfachsten: kühles Wasser auf das entzündete Auge. Bei der Rückfahrt erspähten sie natürlich meinen Wagen und zeigten mir den Mann wieder.
Auffallend war auf der langen Tagesfahrt (von 27½ + 40 = 67½ engl. Meilen oder 120 km), die auch streckenweise durch ziemlich öde Gegenden führte, wie arm die Thierwelt in Ceylon erscheint gegenüber dem Reichthum der Pflanzenwelt. Auch Häckel erklärt offen, dass er in dieser Beziehung ziemlich stark enttäuscht wurde. Dagegen fanden die beiden Sarrasins, die allerdings während 2½ Jahren zu Fuss die Insel in neun verschiedenen Richtungen durchstreift, dass die Thierwelt Ceylons ausserordentlich reich sei, namentlich im Vergleich zu Europa; aber spärlich da, wo die Europäer jetzt gewöhnlich hinkommen. Wer also eine wirkliche Anschauung von der ceylonischen Fauna gewinnen will, muss das Prachtwerk dieser Forscher studiren. Ich beschränke mich auf die kurze Mittheilung der Arten, die ich zu sehen bekam.
Büffel und Zebu-Ochsen, die letzteren als Zugthiere, einige Pferde, Arbeits-Elephanten, (wilde habe ich nicht gesehen,) schäbige Hunde, Katzen, Hühner sind die Hausthiere. In den Städten sind Krähen und unsre gemeinen Sperlinge ständige Gäste. Gelegentlich kreuzte ein Fuchs oder ein Hase unsern Weg. An den Palmen klettern Eichhörnchen empor. Auf den Telegraphendrähten sitzen Meisen, schöne Tauben mit braunen Schwingen und blauem Hals; kleine grüne Papageien fliegen auf; Specht- und Kukkuk-artige Vögel hört man im Walde; eine Bande muntrer Affen[400] gewährt belebende Abwechslung; Eidechsen und Schmetterlinge sind sparsamer, als in Süd-Europa.
Sehr ansehnlich sind die mannshohen Termiten-Bauten am Wege, die von dem staunenswerthen Fleiss und der Geschicklichkeit der Erbauer Zeugniss ablegen. Die höchsten messen 3 Meter. Der Bau beginnt unter dem Boden. Sie graben den Thon aus und mischen ihn mit ihrem Speichel, so dass er das Aussehen und fast die Härte von Sandstein annimmt. Stets sind mehrere geschützte Ausgänge vorhanden. Genauere Untersuchung dieser Burgen ist nicht anzurathen; in den verlassenen pflegen Schlangen[401] sich aufzuhalten.
Manche Strecken der Fahrt sind ziemlich belebt. Eiserne Brücken überspannen die Flüsse. Von Wald umgebene Felder, hier und da auch kuppelförmige Felsen, die von den Sarrasin’s sogenannten Gneis-Dome, liefern schöne Landschaftsbilder.
Mittags-Ruhe und -Mahl fand ich im Rasthaus zu Dambulla, das nur noch 533 Fuss über dem Meeresspiegel liegt; Abends in dem von Anuradhapura (312 Fuss ü. d. Meere) mein Essen und mein Schlafzimmer. Zwei englische Beamte der Landesvermessung, die ich in der Vorhalle des Rasthauses antraf, waren sehr zuvorkommend; ebenso der englische Gouverneur der Nordostprovinz (Governements-Agent), Herr Jever,[402] dem ich meine Karte gesandt und der mir erwiederte, dass er mich am nächsten Morgen um 7 Uhr zur Besichtigung der Ausgrabungen abholen werde.
Beim Abendessen flog ein Vögelchen in die vorn offene Halle und gegen das hintere, geschlossene Glasfenster des Speisezimmers. Augenblicklich war eine Katze auf meinem Tisch; ein Sprung, und sie hatte das Vögelchen zwischen den Zähnen und war damit verschwunden. Dass Eidechsen im Speisezimmer die Wand emporlaufen, daran gewöhnt man sich mit der Zeit, da es nicht bloss im Rasthaus, sondern im grossen Gasthaus, mitten in der Stadt, vorkommt Lästiger ist aber ein Riesenbrummkäfer im Schlafzimmer, der hartnäckig gegen die hohe Decke fliegt und oben hinaus will. Ein geschleuderter Pantoffel ist ein unsicheres Geschoss; man muss sich in Geduld fassen und das kleine Uebel ertragen. Ein grösseres droht von weit kleineren Thieren. Ich meine nicht Insecten, sondern die nur mit den besten Vergrösserungsgläsern sichtbaren Plasmodien, die Erreger des Sumpffiebers. Als ich das Fenster aufstiess, kam mir aus dem Garten eine so dumpfe Luft entgegen, dass ich schleunigst eine genügende Gabe Chinin einnahm. Jedenfalls bin ich gesund geblieben, hier und auf der ganzen Reise. Weitere Arzneien habe ich nicht gebraucht, nur die in meiner Reiseapotheke mitgenommenen Carbolsäurepastillen, um in Colombo die weisse Schimmelkrankheit meines Fracks zu beseitigen.
Anuradhapura ist ein Fiebernest. Die wenigen hier lebenden Europäer sind darauf angewiesen, ganz regelmässig Chinin zu schlucken.
Anuradhapura, den 17. November 1892.
Ein zweirädriger Karren, bedeckt mit einem aus Palmblättern geflochtenen Schutzdach, gezogen von zwei zierlichen, weissen Buckelochsen; auf der Deichsel ein hübscher, schwarzbrauner Bursche, der nur mit einem Lendenschurz bekleidet und unablässig damit beschäftigt ist, die Schwänze der Ochsen in Knoten zu drehen oder ihre Weichen mit einem Stab zu stacheln, wonach sie für einige Secunden in einen höchst seltsamen Gallop gerathen, um gleich darauf wieder in ihre angeborene, schläfrige Gangart zurückzufallen; in dem Wagen kein Götzenbild, keine südöstliche Prinzessin, sondern ich selber, in weisser Leinwand, unter weichem, hellem, breitkrämpigem Filzhut, bewaffnet mit Sonnenschirm und Schreibtäfelchen; neben mir im Wagen des Rasthauswirthes Neffe, der den Führer machte und vorgab, englisch zu verstehen: so ging es fort zur Besichtigung der Alterthümer von Anuradhapura.
Aber wo liegt denn der Ort mit dem prachtvoll langen Namen? Zu den Weltstädten gehört er nicht; diese sind zweisilbig. Geneigte, eifrige Leserin, vielleicht wirst Du einige Mühe haben, über Anuradhapura Dich zu belehren, wenn auch Dein Bücherschatz leidlich vollständig sein mag. Doch auf guten Landkarten wirst Du es finden, ungefähr in der Mitte der Grundlinie des nördlichen Viertels von Ceylon.
Aber ich selber muss wahrheitsgemäss erklären, dass auch mir der Ort bis vor wenigen Monaten gänzlich unbekannt gewesen, und dass ich den sechssilbigen Namen erst jetzt im Kopf behalte und richtig ausspreche, seitdem ich in zwölfstündiger, anstrengender Postfahrt hierher hinlänglich Musse und Gelegenheit zur Einübung gefunden.
Und doch ist die Stadt nicht sehr viel jünger, als das ewige Rom; und auch in religiöser Bedeutsamkeit mit Rom zu vergleichen: nur war die Zahl der Bekenner, deren Herzen für ihre Heiligthümer sich begeisterten, ganz erheblich viel grösser.
Mit unsern geschichtlichen Kenntnissen ist es schwach bestellt bezüglich der Völker, die, wie z. B. die Ostasiaten, unser kleines Europa nicht merklich beeinflusst haben. Natürlich ist es ein grosses Glück für uns, dass wir nicht dies Alles zu erlernen brauchen. Denn diese Völker haben früh schreiben gelernt, und einige von ihnen haben furchtbar viel aufgeschrieben.
Vor allen die Singhalesen; diese besitzen eine fortlaufende Chronik ihrer Geschichte, die über mehr als zwei Jahrtausende sich erstreckt.
Das weiss man allerdings in Europa noch nicht sehr lange. Bis zum ersten Drittel unsres Jahrhunderts galt allgemein die Ansicht, dass die Geschichte der Singhalesen, so gut wie die der Hindu, lediglich auf dichterischen Sagen beruhe. Da entdeckte der Engländer Tournour, ein hoher Beamter auf Ceylon, im Jahre 1827 aus alten Handschriften buddhistischer Klöster, was die Singhalesen selber derzeit nicht mehr recht wussten, dass sie eine in Versen der Pâli-Sprache auf Palmblätter geschriebene Chronik besitzen, welche ihre dynastische Geschichte schildert, vom Jahre 543 v. Chr. bis zum Jahre 1758 n. Chr., d. h. von ihrer Einwanderung in Ceylon bis gegen das Ende ihrer Selbständigkeit. Nach Ueberwindung unsäglicher Schwierigkeiten gelang es Tournour, mit Hilfe der später aufgefundenen Erläuterungen, das Werk in’s Englische zu übersetzen; doch starb er leider, nach der Veröffentlichung der ersten Hälfte: erst vor wenigen Jahren ist die Uebersetzung des zweiten Theiles von einem Einheimischen herausgegeben worden.[403]
Mahawanso ist der Titel dieser Chronik, das heisst grosse Dynastie, und entspricht eigentlich nur der ersten Abtheilung vom Jahre 543 v. Chr. bis 301 n. Chr., nämlich von dem ersten Könige Wijayo,[404] der aus dem Ganges-Thal stammte, bis zu Maha Sen, mit dem diese Dynastie erlischt. Geschrieben ist dieser erste Theil zwischen 459 und 477 n. Chr. von Mahanamo, dem Oheim des Königs Dhatu Sena, und zwar auf Grund von älteren in der Volkssprache abgefassten Jahrbüchern. Die einheimischen Könige von Ceylon hielten seit uralter Zeit Geschichtsschreiber, worüber wir schon von Cosmas Indikopleustes († 550 n. Chr.) und von den Arabern Abu-Zeyd und Edrisi sichere Kunde haben, und förderten mit allen Mitteln die Abfassung von Chroniken. Die zweite Abtheilung von Mahawanso enthält die Geschichte der Könige von der niederen Rasse (Sulu wanse) und ist um das Jahr 1266 n. Chr. verfasst worden. Unter verschiedenen Herrschern wurde dann die Geschichtserzählung fortgesetzt und zwar bis zum Jahre 1758 n. Chr.
Ueber den Grad der Zuverlässigkeit des Mahawanso wird man erst in Zukunft genauer urtheilen können, wenn mehr von den alten Inschriften der ceylonischen Herrscher gefunden und verglichen sein wird. Aber gute Bestätigungen seines Inhalts, soweit er nicht religiös sagenhaft ist, liefern schon heute die auf Felsen und Säulen eingegrabenen Edicte des indischen Königs Asoka (270 bis 230 v. Chr.), des Horts der Buddhisten, der in Mahawanso erwähnt wird; ferner der chinesische Reisebericht des Pilgers Fa Hian, der um 400 n. Chr. Ceylon besuchte, und endlich die Beschreibung des Engländers Knox, der von dem König zu Kandy von 1660 bis 1680 in Gefangenschaft gehalten wurde.
Ausserdem giebt es noch andere Chroniken der Singhalesen, die zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind.
So vermochte Tournour zum ersten Mal in einer europäischen Sprache die Aufeinanderfolge von 170 Königen festzustellen, welche während 2355 Jahren den Thron eingenommen hatten, von dem Eindringen des ersten Königs Wijayo bis zur Absetzung des letzten, Sri Wikrema Rája Singha, im Jahre 1815.
Sehr bald nach der Errichtung des Königreiches, im 5. Jahrhundert v. Chr., wurde die Stadt Anuradhapura[405] gegründet, in der Mitte des folgenden Jahrhunderts zur Hauptstadt erhoben und danach mit unerhörter Pracht ausgestattet, aber auch sehr ordnungsmässig[406] als Grossstadt eingerichtet und verwaltet. Ein Riesenteich wurde errichtet, öffentliche Gärten angelegt, ein Palast und eine vergoldete Audienz-Halle erbaut; ferner riesige Dagoba (Reliquien-Thürme), da jeder folgende König seine Vorgänger zu übertreffen strebte, Tempel mit goldnen, edelstein- und perlgeschmückten Bildsäulen, die Terrasse des heiligen Bo-Baumes und der Bronze-Palast, ein Kloster mit 1000 Zimmern für fromme Väter.
Schon von dem Erdbeschreiber Ptolemaeus (im 2. Jahrhundert n. Chr.) wird Anuragrammum[407] als Hauptstadt der Insel beschrieben. Der chinesische Pilger Fa Hian, der im Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. Ceylon besuchte, schildert voll Entzücken die Pracht der Heiligthümer. 60000 Priester lebten auf der Insel,[408] 6000 auf Kosten des Königs. Der heilige Zahn des Buddha, der 311 n. Chr. von Indien nach Ceylon gebracht worden, wurde an Festtagen in feierlichem Aufzug (perahera) dem Volke gezeigt; die Processions-Strasse war mit Blumen bestreut und mit Weihrauch erfüllt: eine dramatische Darstellung von Buddha’s Leben mit reichster Inscenirung bildete den Abschluss des Festes.
Ein singhalesisches Werk aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. (Lankawista riyaye, d. h. das illustrirte Ceylon) giebt der Hauptstrasse von Anuradhapura 11000 Häuser und der Stadt eine Ausdehnung von 4 Wegstunden (16 engl. Meilen = 28,8 km) nach den beiden Hauptdurchmessern.
Der jetzige Leiter der Ausgrabungen, Herr H. C. R. Bell, ist der Ueberzeugung, dass dann die Vororte, wie Mihintale (8 engl. Meilen von den Haupttempeln) mit eingerechnet wurden.
Auch ist dichterische Uebertreibung nicht ganz von der Hand zu weisen, da die Schilderung der Stadt an eine Stelle des indischen Epos Ramayana erinnert. Aber die jetzt vorhandenen Ruinen beweisen, dass die Hauptdurchmesser der eigentlichen heiligen Stadt zum mindesten 2 engl. Meilen (= 3,7 km) betrugen; leider ist die Ausgrabung noch nicht so weit vorgeschritten, dass man über die Ausfüllung des ganzen Flächenraumes ein Urtheil sich bilden könnte.
Und diese ungeheure Stadt wurde im 8. Jahrhundert[409] n. Chr. aufgegeben und verlassen, da sie unhaltbar geworden gegen die kriegerischen Angriffe der Tamilen aus dem südlichen Theil von Indien.
Ursprünglich waren dieselben von den mit Ackerbau und Errichtung von Heiligthümern vollauf beschäftigten Singhalesen zum Schutz der Insel-Küsten herbeigerufen worden; dann hatten die Schutztruppen gelegentlich sich selber der höchsten Gewalt bemächtigt; nach einiger Zeit wurden sie wieder vertrieben; immer kehrten sie aber in verstärkter Anzahl zurück, drangen erst plündernd, dann erobernd in Ceylon ein, wo man leider mehr Klöster und Dagoba gebaut, als Festungen und an die Klöster ein Drittel des ganzen Landes verschenkt hatte. Schliesslich mussten die Singhalesen den Tamilen die ganze Nordhälfte der Insel überlassen und ihren Hauptstützpunkt in der südlichen Hügelgegend suchen.
Erst seit zwei Menschenaltern ist Anuradhapura wieder bekannt und von Europäern besucht. Aber während Pompeji von der Asche des Vesuv, Olympia von dem Sand des Alpheus-Flusses verschüttet, Mykene und Tiryns wie Carthago und Ephesus von Feindeshand zerstört ward, und Erdbeben hier und da an dem Zerstörungswerk sich betheiligt; Anuradhapura ist buchstäblich vom Wald überwachsen;[410] das dichteste Gebüsch und gewaltige Bäume haben im Laufe von nahezu zwölf Jahrhunderten das meilengrosse Stadtgebiet in eine Art von Urwald umgewandelt.
Die Insel Ceylon ist ja ein natürliches, feucht-warmes Gewächshaus. Von der Kraft des Pflanzenwuchses sieht man gerade hier recht merkwürdige Beispiele. Die Böschung eines künstlichen Teiches ist mit mächtigen Steinblöcken belegt; ein solcher Block von vielleicht 2 Meter Länge ist durch die hinter ihm befindliche Wurzel eines Baumes um 30 Grad aus seiner Lage gedreht und wird sicher nach nicht allzu langer Zeit in die Tiefe stürzen. Gewaltige Feigenbäume wurzeln auf Mauern und Dämmen; gerade diese gehören zu den Hauptzerstörern der alten Gebäude, da erstlich in dem feuchten Klima ihre (von den Vögeln überall hin verschleppten) Samen so leicht Wurzel fassen, und da ferner die kriechenden Wurzeln dieses Baumes sich so weit umher verbreiten.
Aber die Einsamkeit der Gegend trug doch auch etwas zur Erhaltung der letzten Reste bei. Kein eifriger Moslem zerstörte absichtlich die Bildwerke und Säulen, kein lässiger Hindu verbrauchte die zugehauenen Steine für seine eignen Zwecke, kein englischer Beamter hat damit Brücken und Wege verbessert.
Uebrigens war der Ort nie vollständig verlassen und vergessen. Eine Handvoll Priester weilte stets in der Wildniss bei den Heiligthümern, von denen eines ja den rechten Kinnbackenknochen Buddha’s enthalten soll; und fromme Pilger drangen alljährlich auf schmalem Pfade durch die Wälder, um die Heiligthümer zu verehren, sowie Blumen an die Gottheit und Gaben an die Priester zu spenden.
Aber erst im Jahre 1832 wurde der Platz von dem Major Skinner untersucht, vermessen, gezeichnet; erst seit 20 Jahren haben die Engländer die wichtigsten Ruinen, so zu sagen, aus dem Wald herausgehauen und auch die alten Teiche und Bewässerungen wiederhergestellt, verbessert, mit Schleusen versehen. So ist hier wieder ein von Menschen bewohnter Ort entstanden; 1881 war es ein Dorf von 1300 Einwohnern, 1891 eine „Stadt“ von 2494 Einwohnern; es sind fast ausschliesslich reisbauende Singhalesen. Da sieht man wieder die niedrigen, von Kokospalmen beschatteten Hütten, einen belebten, sehr sauber gehaltenen Markt, die drei hier, in der trockneren Hälfte von Ceylon, für jeden Wohnort unentbehrlichen Teiche, einen zum Trinken, einen zum Baden und einen für das Vieh, von denen natürlich der erste etwas höher liegt, als der zweite und dieser wieder höher, als der dritte; und rings herum in weiter Ausdehnung gut bewässerte Reisfelder; da sieht man in der Nähe der alten Ruinen, die weit über unsre Zeitrechnung zurückreichen, an einem breiten rasenbepflanzten Weg, den behaglichen Wohnsitz des Regierungsvertreters, das grosse Verwaltungsgebäude (cutchery oder vielmehr Kachcheri), das Gerichtshaus, das Rasthaus, die Schule und sogar ein funkelnagelneues, noch nicht bezogenes Krankenhaus.
Was ist nun zu sehen in Anuradhapura? Zunächst die Dagoba oder Reliquien-Thürme, welche irgend ein Andenken an Buddha einschliessen.
Auf einem rundlichen Unterbau erhebt sich der halbkugel- oder glockenförmige, ganz solide Hauptbau; auf letzterem steht der würfelförmige Oberbau, und darauf ein Thürmchen mit metallischem Aufputz, wie man sagt, dem Abbild von Buddha’s siebenfachem Sonnenschirm.
Die Anzahl der Dagoba ist ungeheuer, ihre Grösse sehr verschieden; sehr viele sind nur 10–20 Fuss hoch, drei aber so gross, dass man sie mit den Pyramiden von Gizeh wenigstens vergleichen kann. Die Dagoba sind der Ruhm wie der Ruin des Königreiches gewesen.
Natürlich hatten die erobernden Tamilen denselben Gedanken beim Anblick der mächtigen Bauten, wie die erobernden Araber bei den ägyptischen Pyramiden, dass grosse Schätze im Innern verborgen sein müssten, und begannen eifrig das Werk der Zerstörung, bis sie, von der Vergeblichkeit ihrer Bemühungen überzeugt, davon Abstand nahmen. Andre Schätze, nämlich solche der Wissenschaft, suchte vor wenigen Jahren Herr Jever; er liess in die Abhayagiri-Dagoba, die der englischen Krone gehört, einen Stollen von 200 Fuss Länge durch das solide Ziegelbauwerk von 2000jährigem Bestande treiben und fand als einzige Ausbeute nur ein paar Perlen von rein geschichtlichem Werthe.
Den merkwürdigsten Anblick gewährt die Jayta-wanarama-Dagoba, die 330 n. Chr. vom König Maha Sen errichtet wurde. Von weitem sieht sie jetzt aus wie ein bewaldeter Berg, auf dem ein kleiner Thurm steht. Aus grösserer Nähe erkennt man an den abgeholzten Stellen, dass das Ganze einen gewaltigen Ziegelbau darstellt. Derselbe ragt jetzt noch 249 Fuss in die Lüfte; sein Durchmesser beträgt 360 Fuss, so dass der Inhalt des ursprünglich halbkugelförmigen Bauwerks einst gegen 20 Millionen Cubikfuss[411] betrug. Fünfhundert unserer Maurer hätten sechs Jahre daran zu bauen; die Kosten würden, nach Tennent, eine Million Pfund Sterling betragen. Aus den Steinen könnte man eine Mauer von 10 Fuss Höhe und 1 Fuss Dicke zwischen London und Edinburgh herstellen.
Die grösste Dagoba (Abhayagiri = Berg der Sicherheit) wurde 87 n. Chr. vollendet und zwar vom König Walagam Bahu, zur Erinnerung an die Vertreibung der Tamilen und an die Wiedereroberung des Reiches. Ursprünglich war der Bau vom Grunde bis zur Spitze des Thürmchens 405 Fuss hoch; jetzt, nach nahezu 2000 Jahren, misst die Höhe noch 231 Fuss.
Auf der dichtbewaldeten, unregelmässigen Halbkugel aus Ziegelbau ist neuerdings der würfelförmige Oberbau mit dem schlanken Thurm möglichst getreu nach den erkennbaren Resten wieder hergestellt.
Am berühmtesten, wegen der zahlreichen Reliquien, und auch am merkwürdigsten ist die dritte der grossen Dagoba, Ruan-welle, d. h. Goldstaub, unter Dutugaimunu, dem Besieger des Tamil Elala, und seinem Nachfolger um das Jahr 140 v. Chr. nach 20jähriger Arbeit vollendet. Sie war gegen 370 (nach andern nur 270) Fuss hoch, ist aber durch die Tamilen 1214 n. Chr. so weit zerstört worden, dass nur noch ein kleiner Berg aus Ziegelbau in der Höhe von 150 Fuss, vollständig mit Bäumen und Buschwerk bewachsen, heutzutage übrig geblieben. Aber der untere Theil des Bauwerkes ist vollständig freigelegt nebst der umgebenden Pflasterung.
Man erkennt einen Processionsweg rings um den Unterbau und ein äusseres Steingitter, vier Vorsprünge des Unterbaus entsprechend den vier Hauptzugängen oder Treppen, ein Gesims des granitnen Unterbaus, das ganz und gar mit frei hervortretenden Elephantenköpfen geschmückt ist, während gleichsam die verborgenen Riesenleiber der Thiere den ganzen Bau zu tragen scheinen.[412] Der fromme Pilger reibt noch heute den Granitstein mit einer Münze oder einem Schmuck aus Gold.
Hier findet man auch überlebensgrosse Bildsäulen. Zunächst die eines Königs; sie stellt aber nicht den Erbauer der Dagoba dar, von dem allerdings einige Reliquien, z. B. der Grabstein, hier aufbewahrt werden; sondern den König Batiya Tissa, aus dem Beginn unsrer Zeitrechnung. Ferner mehrere Bildsäulen von Oberpriestern. Mit altgriechischen Werken kann man diese, und auch einen grossen Buddha in der Nachbarschaft, nicht vergleichen, — höchstens mit denen aus der frühesten Zeit, wo der Bildhauer das Brett des Holzschneiders noch nicht ganz überwunden hatte.
Uebrigens entbehrt nicht alles Bildwerk zu Anuradhapura der Anmuth. Die Schutzgötter, die zu beiden Seiten der Zu- und Eingänge so vielfach angebracht sind, wiegen sich in den Hüften, wie so mancher Apollo; es sind die Dwarpals oder Thürhüter, mit der siebenköpfigen Schlangenkappe auf dem Haupt. Die zierlichen halbkreisförmigen (Mond-) Steine vor den Eingängen enthalten in erhabener Arbeit rings um eine stylisirte Lotosblume erst eine Reihe von heiligen Gänsen,[413] darum eine blumige Ranke, weiter nach aussen eine Procession von Elephant, Buckelochs, Löwe, Pferd und zum Abschluss eine pflanzliche Verzierung.
Am Eingang zu einem Felsentempel (Isurumuniya, ausserhalb des Ortes,) ist hoch oben in den lebendigen Granitfels ein Gott in höchst anmuthiger Stellung neben einer Kuh ausgemeisselt, — wenn es dem Gott nur nicht gefiele, falsche Ohren an unrichtiger Stelle zu besitzen.
Nicht weit von der Ruanwelle-Dagoba, dicht bei der Kreuzungsstelle der beiden Hauptstrassen des alten Anuradhapura, steht die heiligste aller Dagoba, die Thuparama, 307 v. Chr. vom König Devenipiatissa errichtet, um den rechten Schulterknochen[414] von Buddha zu bergen.
Es ist dies das älteste Gebäude von ganz Indien, das auf unsre Tage gekommen. König Upatissa (400 n. Chr.) liess eine metallene, mit Gold geschmückte Umhüllung des ganzen Bauwerks anfertigen. Ein frommer Priester in der Mitte unsres Jahrhunderts sammelte Geld, befreite den Bau von dem überwuchernden Pflanzenwuchs und gab ihm eine einfache Hülle von Stuck.
Diese Dagoba hat eine höchst geschmackvolle Glockengestalt. Durchmesser und Höhe der Glocke sind nahezu gleichgross, etwa 60 Fuss hoch. Die 9 Fuss hohe Terrasse, auf welcher der Bau steht, ist geschmückt mit drei Reihen 24 Fuss hoher, unten vier-, oben achteckiger Granitpfeiler aus je einem Stein mit schön geschmückten Capitälen. Diese Dagoba dient noch heute den religiösen Zwecken der Buddhisten.
Ganz in der Nähe hat einst der Schrein für Buddha’s Zahn gestanden, wie auch Fa Hian aus eigner Anschauung berichtet; doch ist keine Spur mehr davon zu sehen.
Dagegen steht noch die Lankaramaya Dagoba (von 32 Fuss Höhe), die allerdings bedeutend jünger ist, nämlich aus dem Jahre 276 n. Chr. Die achteckigen Pfeiler am Unterbau tragen Buddha-Putten am Capitäl.
Die zweite Art von Ruinen in Anuradhapura sind die sogenannten Paläste. Die Bedeutung der Gebäude ist meistens unklar, da bisher nur sehr wenige Inschriften[415] gefunden sind. Die Ausgrabungen werden, nach Massgabe der geringen Mittel, mit Eifer fortgesetzt; Herr Jever zeigte und erklärte mir alles auf das bereitwilligste. Aber sehr viel ist noch zu thun. Wenn die vergrabene Stadt von Anuradhapura in absehbarer Zeit planmässig frei gelegt werden soll, so sind, nach dem Leiter der Ausgrabungen, Herrn C. R. Bell, statt der jetzigen 60 mindestens 600 Mann anzustellen; es handelt sich um Quadratmeilen von Ruinen, die in eine feste, von der Sonne zusammengebackne und von Baumwurzeln zusammengehaltene Schicht aus Ziegeltrümmern eingebettet sind.
Der Busch und die Bäume sind allerdings vielfach fortgeschlagen, aber die Grundflächen der Gebäude liegen noch 5 (und selbst 10) Fuss unter der jetzigen Oberfläche; deshalb kann die Bedeutung der Bauwerke noch nicht festgestellt werden. Uebrigens sind in letzter Zeit, seitdem man tiefer gräbt, auch allerlei Gebrauchs- und Schmuckgegenstände, wie Lampen, Schreine, Geräthe, Ringe, Halsbänder, gefunden und dem Museum des Orts einverleibt worden.
Die meisten dieser Gebäude, die der einheimische Führer als Paläste bezeichnet, sind Ruinen von Klöstern.
Von einem, das vor mehr als 2000 Jahren errichtet worden, stehen noch die 1600 Säulen des untersten Stockwerkes grossentheils aufrecht; alles Uebrige ist verschwunden. Das Gebäude hiess Maha-Lowa-paya „der Bronzepalast“, war aber ein Kloster. Mahawanso giebt eine genaue Beschreibung der Erbauung und Einrichtung. König Dutugaimunu, „der Sklave der Priesterschaft“, liess das Gebäude um 161 v. Chr. errichten. Es ruhte auf 1600 Granitsäulen von je 12 Fuss Höhe, die in Reihen von je 40, ziemlich dicht gedrängt, aufgestellt waren, so dass die Seite der quadratischen Grundfläche 100 Ellen oder 220 englische Fuss misst. In neun Stockwerken, die allerdings (nach Fergusson’s Ansicht, entsprechend den heutigen Klöstern in Birma,) aus Holz errichtet waren und sich verjüngten, stieg der Bau empor, enthielt 900 oder 1000 Schlafzimmer für Priester und etliche grosse Hallen und als oberstes Stockwerk einen Dom, der mit Kupfer gedeckt war und so den Namen des Klosters begründete. Es war so hoch wie die höchsten Dagoba, so gross wie unsre stattlichsten Kirchen und gewiss eines der schönsten Gebäude im Osten. Ausnahmsweise für Asien und Afrika, wurden die Werkleute in klingender Münze bezahlt. Das Innere war mit märchenhafter Pracht geschmückt. Die grosse Halle ruhte auf vergoldeten Säulen. Ihre Wände trugen Schnüre von Perlen sowie von Blumen, die aus Edelsteinen gebildet waren. In der Mitte stand ein Thron aus Elfenbein, mit einer Sonne aus Gold und einem Mond aus Silber; darüber strahlte der weisse Baldachin des Kaisers (Chatta).
Aber schon nach 21 Jahren (140 v. Chr.) büsste der Palast seine beiden obersten Stockwerke ein, später (182 n. Chr.) noch zwei weitere; wurde dann von dem „abtrünnigen“ Maha Sen (301 n. Chr.) völlig zerstört, jedoch wieder aufgebaut und zum letzten Mal wieder hergestellt gegen Ende des 12. Jahrhunderts n. Chr.
Von jedem der fremden Eroberer wurde das reiche Kloster geplündert. Jetzt ist nur noch ein Wald von Steinsäulen übrig geblieben, die einen recht traurigen Eindruck machen, um so mehr, als sie nur ganz roh behauen sind. Einige zeigen sogar die Marken der Keile,[416] mit denen sie aus dem Felsen gebrochen worden. Offenbar hatten sie, als der Palast aufrecht stand, einen Ueberzug von Stuck aus Muschelkalk (chunnam) getragen.
Mitten im Walde, in bedeutender Entfernung von den eben beschriebenen Ruinen, zeigt der Führer einen Königspalast, ferner einen sogenannten Elephanten-Stall mit mächtigen Säulen, einen granitnen Elephanten-Trog,[417] der wie ein steinernes Boot aussieht und die ansehnliche Länge von 62 Fuss, bei einer innern Breite von 4 Fuss besitzt, und Pfeilerhallen, die nach dem Führer Gerichtsstätten, nach Fergusson aber die zu den Dagoba gehörigen, von Fa Hian beschriebenen Predigthallen darstellen.
Recht geschmackvoll sind die Treppen, die zu den Palästen und Hallen empor leiten. Vorn liegt der Mondstein, dann folgt ein halbes Dutzend Treppenstufen mit schönem Profil; an der Vorderfläche jeder Stufe ist in der Mitte eine Zwergfigur ausgemeisselt und dadurch die Fläche in zwei Panele getheilt; mitunter findet sich auch noch an jedem Ende der Stufe eine solche Zwergfigur; die geschweiften Treppenwangen sind mit Löwen in erhabener Arbeit geschmückt.
Die dritte Sehenswürdigkeit von Anuradhapura sind die Wasserbauten. Die schönsten Teiche heissen beim Volke das Bad des Prinzen und der Prinzessin. Sie sind vollkommen mit Steinblöcken ausgemauert und mit zierlichen Treppen versehen.
Ein Teich, weit grösser als der Müggelsee, mit aufgemauertem Damm, was deutlich zu erkennen ist, liegt ausserhalb des Ortes und heisst beim Volk und beim Führer der See der Riesen.[418] Er wurde in alter Zeit künstlich angelegt und diente zur Wasserversorgung der Hauptstadt. Jetzt ist er wieder in Ordnung gebracht, mit einer Schleuse versehen und die Quelle der Fruchtbarkeit des ganzen Landstrichs.
Tennent beschreibt uns, an dem Beispiel des Sees von Horrabora, nach eigner Anschauung, wie die alten Singhalesen solch einen künstlichen See schufen. Ein Fluss zwischen zwei Hügeln, die 3 bis 4 englische Meilen von einander entfernt sind, wird abgefangen durch einen Damm, der quer durch das Thal an seiner engsten Stelle geführt wird. So entsteht ein See, der 10 englische Meilen lang und 3 bis 4 englische Meilen breit ist, also, um unser Mass zu Grunde zu legen, über 90 Quadratkilometer Flächenausdehnung besitzt. Der Damm ist 60 Fuss hoch und an der Grundfläche 200 Fuss dick. Zwei mächtige Felsenmassen, die gerade günstig lagen, wurden in den Damm mit eingeschlossen und die Wasser-Auslässe (50 Fuss hoch, unten 4 Fuss, oben 20 Fuss breit) durch den Felsen gehauen und mit Schleusen versehen. Kein andres Volk der Erde, vielleicht[419] mit Ausnahme der alten Aegypter, hat künstlich so grosse Seen geschaffen.
König Dutugaimunu, der die Ruanwelle-Dagoba und den Bronze-Palast erbaut und die erstere als sein grösstes Werk rühmt, dürfte durch die Teiche und Bewässerungsanlagen, die er in Kalawewa und Yodi-ela geschaffen, ein weit grösseres Anrecht auf Nachruhm sich erworben haben. König Pakrama Bahu, der Erneuerer des Reiches (1155 n. Chr.), hat nicht weniger als 1470 Teiche hergestellt, darunter 3 grössere Seen, und 534 Canäle angelegt, ausserdem viele der älteren Wasserwerke, die verfallen waren, wieder erneuert.
Die Aufgabe, die zum Theil verfallenen und sogar mit riesigen Feigenbäumen bewachsenen Dämme wieder herzustellen, die alten Teiche wieder auszubessern und zu erneuern, um dem Oedland die frühere Fruchtbarkeit wiederzugeben, hat der verdienstvolle Major (damals Lieutnant) Skinner und später Emmerson Tennent der Regierung gestellt, und diese hat ihre Aufgabe begriffen und rüstig ausgeführt.
So ist die Nord-Centralprovinz neu geschaffen. Teiche von 4000 und 6000 Acres (= 1600, bezw. 2400 ha) bewässern unabsehbare Reisfelder und an hundert Palmengärten in der Gegend von Anuradhapura.
Aber die allergrösste Merkwürdigkeit von Anuradhapura, wenigstens nach Ansicht der Eingeborenen, ist der heilige Feigenbaum. Sein Name lautet: Jaga Sri Maha Bodin Wohanse, „der siegreiche, erlauchte, höchste Herr, der heilige Bo-Baum“.
Im Jahre 288 v. Chr. wurde ein Schössling desjenigen Feigenbaums, unter dem Gautama-Shaka Buddhaschaft empfing, nach Ceylon gebracht und vom König hier in Anuradhapura eingepflanzt und von einer ununterbrochenen Reihe frommer Wächter[420] gepflegt, worüber die singhalesischen Jahrbücher ganz genau berichten. Somit ist dies der älteste geschichtliche Baum der Welt.
Die Verehrung, welche von den Buddhisten diesem Baume gezollt wird, ist grenzenlos. Könige haben ihm Vermächtnisse hinterlassen. Kein schneidendes Werkzeug darf ihn berühren. Die (herzförmigen, langspitzigen) Blätter, welche von selber abgefallen sind, werden als Schätze von den Pilgern mit heimgenommen. Fa Hian fand im 5. Jahrhundert n. Chr. dieselbe Verehrung vor, deren Zeugen wir am heutigen Tage sind. Der Verfasser des Mahawanso (459–478 n. Chr.) schliesst seine Beschreibung mit den Worten: „So hat der Fürst der Wälder, begabt mit Wunderkraft, gestanden für Menschenalter in dem prachtvollen Maha-mejo-Garten von Lanka, fördernd die geistige Wohlfahrt der Einwohner und die Ausbreitung der wahren Religion.“ Kein fremder Eroberer hat es gewagt, diesen Baum zu schädigen. Man steigt einige Stufen empor und findet innerhalb einer quadratischen Mauer (Maha Vihara) die aus dem Boden emporstrebenden und sich verzweigenden Aeste mit den zahllosen, bei jedem leisesten Luftzug sich bewegenden Blättern; der eigentliche Stamm ist durch aufgeschüttete Erde verdeckt.
In der Nähe sind Priester-Wohnungen.
Seit dem Anfang unseres Jahrhunderts hat die selbständige Geschichte der Singhalesen aufgehört. Materiell befindet sich das Volk besser unter der englischen Regierung, wenigstens nach Ansicht der Engländer.
Aber wer die sanften, dunkelgelben Singhalesen mit dem halbrunden Schildpattkamm im langen, schwarzen Haar nur in Europa gesehen, wo sie zur Schaustellung Zebu-Ochsen und gelegentlich einen Arbeits-Elephanten vorführen; oder wer nur auf der langen Fahrt nach dem östlichen Asien oder gar nach Australien in dem Hafen von Colombo für ein paar Stunden verweilte und die gewandten Führer und unermüdlichen Händler mit zweifelhaften Schmuckgegenständen kennen gelernt: der kann sich kaum vorstellen, dass auch dieses Volk eine mehrtausendjährige Geschichte besitzt.
Der edle Wijayo, ein Arier aus dem Ganges-Land, hat 543 v. Chr. das Königreich gegründet, den Ackerbau und die künstliche Bewässerung gelehrt. Der fromme Devenipiatissa (307 v. Chr.) hat das Land zur zweiten Heimath der Buddha-Lehre gemacht, so dass noch heute, nach mehr denn 2000 Jahren, von den 340 Millionen Buddhisten diejenigen, welche einen weiteren Blick besitzen, Ceylon als Stätte der Wiedergeburt ihrer heiligen Lehren betrachten. Der ritterliche Dutugaimunu (140 v. Chr.) hat Elala, den tapfern Kronräuber aus Tamil-Stamm, im Einzelkampf gefällt. Prakrama Bahu hat 1153 n. Chr. das zerfallene Reich wieder vereinigt, sich zum alleinigen König von Lanka gekrönt, die alte Religion und die künstliche Bewässerung erneut und seine siegreichen Waffen nach dem Festland von Vorder- wie Hinterindien getragen.
Aber die neue Blüthezeit dauerte nicht lange. Des Reiches Verderben waren die Priester, wie in Aegypten. Vor den Tamilen mussten die Singhalesen nach Süden zurückweichen. Nachdem Anuradhapura schon im 8. Jahrhundert n. Chr. unhaltbar geworden, musste 1235 n. Chr. auch die neue Hauptstadt Pollanarua aufgegeben, und der Sitz der Regierung nach der Gegend von Kandy und von Colombo zurückverlegt werden. 1410 n. Chr. eroberten sogar die Chinesen, deren Gesandtschaft beleidigt worden war, die Hauptstadt und erzwangen Tributzahlung, bis 1448. 1552 landeten in Colombo die Portugiesen, die nach der einheimischen Chronik Rajaveli, „weisse Steine“ (d. i. Brot) essen und „Blut“ (d. i. Rothwein) trinken und Röhren besitzen, die unter Donner ein meilenweit entferntes Marmorschloss zerstören. 1638 bis 1658 wurden sie von den Holländern vertrieben. Diesen folgten die Engländer, welche 1815 Kandy eroberten und der Selbständigkeit des Landes ein Ende bereiteten.
Unter strömendem Regen, gegen welchen der Wagen und mein Regenrock nur geringen Schutz boten, fuhr ich Freitag, den 18. November, Morgens 8 Uhr, wieder zurück, von Anuradhapura. Mittags in Dambulla war etwas besseres Wetter; ich wurde wieder trocken. Leider konnte ich den Postillon nicht zu längerem Aufenthalt bewegen, so dass ich die Felsentempel bei Dambulla nicht zu sehen bekam. Abends gewährte der bläuliche Glanz der Leuchtkäfer, die zu Tausenden um die feuchten Gräser schwärmten, ein wunderbares Schauspiel, bis wieder strömender Regen einsetzte. Im Rasthaus zu Matale fand ich gute Aufnahme und Verpflegung, da ich bereits Mittags meine Ankunft telegraphisch angemeldet.[421]
Jetzt übte ich alte, fast vergessene Künste, liess heisses Wasser, Zucker und Cognak bringen und bereitete mir einen steifen und heissen Grog. Danach schlief ich vorzüglich, fuhr am nächsten Tag mit der Eisenbahn nach Kandy, nahm mein Gepäck aus der Kammer und setzte die Fahrt nach Colombo fort.
Im Oriental Hotel traf ich alte Bekannte vom Brindisi und sogar von der Empress, machte durch ihre Vermittelung neue Bekanntschaften, z. B. die eines holländischen Kaufmanns aus Sumatra, der ganz besonders deutschfreundlich war und das Heil seines Vaterlandes sowie der Colonien nur im engsten Anschluss an Deutschland sah; und brachte nicht bloss den englischen Sonntag (20. November), sondern auch die folgenden beiden Tage mit Ausflügen und Spaziergängen zu, die in Colombo stets lohnend sind. Dazu kamen kleine Einkäufe, Packen, Verabschieden vom Consul, Kauf der Fahrkarte nach Calcutta. (Preis 9 Pfund Sterling). Mit dem Verhalten der P. & O.-Gesellschaft konnte ich wieder nicht zufrieden sein; es war mir unmöglich, eine feste Cajüt-Nummer zu erhalten, selbst als das Schiff „Shannon“ schon im Hafen lag. Die Engländer, welche irgend eine Empfehlungskarte vorzeigten und dabei noch dazu als Beamte oder Missionäre Preisermässigung hatten, wurden in dieser Hinsicht bevorzugt.
Mit meinen 300 Rupien in ceylonischem Regierungs-Papiergeld war ich gerade ausgekommen, so dass ich nicht nöthig hatte, sie in Calcutta-Papiergeld umzusetzen. Denn die Verwaltung der Kroncolonie Ceylon ist ganz getrennt von der des Kaiserreichs Indien; Papiergeld und kleine Münzen von Ceylon gelten nicht in Indien, nur die Silber-Rupie wird in beiden genommen.
Am Mittwoch, den 23. November, sagte ich der schönen Insel mein letztes Lebewohl, denn auf ein Wiedersehen ist nicht zu rechnen.
VII.
Ostindien.
Der Dampfer Shannon ist überfüllt. Meine Cajüte gehört zur ersten Classe nur durch den Fahrpreis, den ich zahlen musste; sie ist schlecht gelüftet und dunkel, da ihre Fenster nicht auf das freie Meer, sondern auf den Gang hinausgehen. Auf letzterem schlafen missbräuchlich die braunen Kinderfrauen (Aya) der englischen Familien. Aber ich bin wenigstens allein und ungestört in meinem engen Kämmerlein. Vor der Abfahrt beginnt wieder an Bord die Belästigung seitens der Händler und Wechsler. Dazu kommt das Geschrei der Knaben und Jünglinge, die im Katamoran, nur ein Stück Bambus als Ruder benutzend, das Schiff umkreisen und nach Münzen tauchen.
Nachmittags um 1 Uhr fahren wir ab, und zwar um die Südspitze von Ceylon herum, da die Meerenge zwischen der Insel und dem Festland (Palk-Strasse), wegen der Untiefen zwischen den Riffen der Adams-Brücke, für grössere Dampfer nicht fahrbar ist. Der Weg von Colombo nach Calcutta misst nur 1380 Seemeilen, dauert aber nicht weniger als sechs Tage, da einerseits in Madras gehalten wird, andrerseits die ziemlich gefährliche Einfahrt in den Hugli-Fluss, an dem Calcutta liegt, uns zweimal zwingt, längere Zeit vor Anker zu liegen, um die Fluth abzuwarten.
Log-Bericht.
Donnerstag, 24. November, 7° 40´ N., 82° 2´ O., 270 Seemeilen.
Freitag, 25. November, 12° 23´ N., 80° 50´ O., 292 Seemeilen. (53 bis Madras). Nachmittag von 5 bis 10 Uhr in Madras.
Sonnabend, 26. November, 15° 2´ N., 82° 23´ O., 170 Seemeilen.
Sonntag, 27. November, 18° 47´ N., 85° 50´ O., 300 Seemeilen.
Montag, 28. November, ankern wir von 6 bis 10 Uhr V. vor der Insel Saugar, an der Mündung des Hugli; und Nachmittags wieder bei dem Diamant-Hafen bis Dienstag Morgens 6½ Uhr.
Dienstag, 29. November, Mittags ankern wir im Hafen von Calcutta.
Auf dem Schiff sind kaum noch Amerikaner: dagegen zwei Paare englischer Erdumwandrer, die ich von der Empress her kannte. Die meisten Cajüt-Reisenden sind „nach Indien gebundene“ Engländer: Officiere, Beamte, Kaufleute mit Weib, Kind, Säugling, Kinderfrau und Amme. Ich lerne einen gebildeten, greisen, englischen Civil-Ingenieur kennen, der zu seinem Vergnügen und zur Belehrung nach Indien reist. Mit ihm war, zumal ich einiges von den Schriften seines Vaters, eines Astronomen, und seines Bruders, eines Physikers, kannte, eine gebildete Unterhaltung möglich. Das kann ich von den meisten Engländern des Schiffes nicht behaupten. Da war zunächst der jugendliche Schiffsarzt, der mir erklärte, dass die englische Heilkunde viel weiter vorgeschritten sei, als die deutsche; aber nach kurzer Prüfung in der einen ebenso unwissend befunden wurde, wie in der andern. Da war ein englischer Beamter, der bei Tisch die abfälligsten Aeusserungen über mein Vaterland sich erlaubte und nachdrücklichst zum Schweigen gebracht werden musste. Selbst einer meiner alten Reisegefährten von der Empress, ein Gymnasialprofessor, trieb es ebenso; wurde aber weit angenehmer, als ich mir nichts gefallen liess, sondern sofort zum Angriff auf englische Zustände vorging. Die Damen waren gebildeter, namentlich meine Tischnachbarin, eine irische Beamten-Gattin, und die Frau eines Officiers, welche mit Begierde die Gelegenheit ergriff, einmal wieder deutsch zu sprechen. Sie war in Deutschland erzogen. Rührend und eigenartig ist die Zuversicht dieser Officiersfrauen: „Noch achtzehn Jahre der Verbannung in Indien; dann können wir in der Heimath herrlich leben.“ Es ist richtig; der englische Officier bekommt nach 25jähriger Dienstzeit in Indien tausend Pfund Sterling jährlich als Ruhegehalt; aber nur der dritte Theil dieser zweiten Söhne erlebt es. Die andern müssen früher nach Europa zurückkehren, oder sie finden ihr Grab in Indien.
Am zweiten Tage der Fahrt, Donnerstag, den 24. November, Morgens 6 Uhr, d. h. siebzehn Stunden nach der Abfahrt, ist die bergige Küste von Ceylon noch sichtbar, Mittags die Nordspitze mit den vorgelagerten Inseln. Das Meer ist spiegelglatt. Abends fällt Regen. Am Morgen des 25. November bin ich vor 6 Uhr auf Deck. Der Ost ist rosig gefärbt. Plötzlich blitzt am Horizont ein Strahl auf, und die obere Kuppe der Sonne wird sichtbar. Wer diese uns Inland- und Städte-Bewohnern so ganz unbekannte Erscheinung öfters gesehen, wird leicht verstehen, wie die küsten- und inselbewohnenden Griechen das Auf- und Eintauchen der Sonnen-Rosse so darstellen konnten, wie sie es am Parthenon gethan.
Ich lese Thackeray’s Vanity fair und bereite mich auch für Indien vor. Nachmittags erscheinen die niedrigen Berge des indischen Festlandes, die mir wieder das oft genossene, aber stets von Neuem erfreuliche Vergnügen bereiten, die Kugelgestalt der Erde zu beweisen: erst erscheinen auf dem Wasserspiegel zwei getrennte Zacken, die ich sorgfältig aufzeichne; später hebt sich auch die Verbindungslinie derselben.
Nachmittag um 5 Uhr sind wir in Madras. Dies ist die dritte Stadt Indiens nach der Zahl der Einwohner (452000) und die Hauptstadt der gleichnamigen Präsidentschaft oder Provinz mit einem Gebiet von 361000 Quadratkilometer und 30 Millionen Einwohnern.
Die ganze Koromandel-Küste von Ceylon bis Orissa hat keinen Hafen. Ein Wellenbrecher ist am Nordende der Stadt Madras gebaut in Gestalt von zwei rechten Winkeln, die gegeneinander schauen und mit ihren freien Schenkeln eine enge Zufahrt offen lassen. Draussen tobt die Brandung, und zwar darum besonders stark, weil erst eine englische Meile vom Festland die Tiefe von 10 Faden erreicht wird; drinnen ist das Wasser spiegelglatt; an der Mitte des so abgegrenzten Festlandstreifens springt ein Damm in das umschlossene Rechteck des Hafens vor. Die kostbare Anlage ist nach Ansicht der Engländer nicht als gelungen zu betrachten. Heftige Wirbelstürme wüthen von Zeit zu Zeit an dieser Küste und haben öfters sämmtliche Schiffe zerstört, die vor Madras ankerten. Zur Zeit sind nur wenige Dampfer hier, trotz der neuen Schutzanlagen.
Die Bootsleute, welche Reisende an’s Land schaffen wollen, in den flachen Masula-Barken, die aus Mango-Holz mit Cocos-Stricken, ohne Nägel hergestellt sind, mit sonderbaren Rudern, die ein kleines kreisrundes Blatt an langer Stange darstellen, sind gradezu grässlich, weit schlimmer, als ich es 1884 in Tunis erlebt. Hier wäre eine kräftige Hafenpolizei am Platz.
Da es schon spät ist, verzichte ich auf das zweifelhafte Vergnügen, an’s Land zu gehen, nur um sagen zu können, dass ich in Madras gewesen und den Vice-König gesehen, der grade die Stadt mit seinem Besuche beehrte. Die grösseren neuen Gebäude, namentlich das Obergericht (High court), sehe ich vom Schiff aus.
Sehr bald beginnt ein unerhörtes Gewühl am Schiffsbord. Aufdringlichste Verkäufer bieten gestickte Decken, Pantoffeln, Florgewebe, ineinander geschachtelte Körbe an. Eine Gaukler-Familie erscheint und macht unter andern das gewöhnliche Kunststück der Spiritisten, aber bei Tagesbeleuchtung und auf den Planken des Schiffverdecks: eine junge Frau mit zahllosen Ohr- und Nasenringen wird an Händen und Füssen gebunden, in ein Netz aus Stricken gethan, noch einmal gebunden, auf den Boden gelegt, mit einem Korb überdeckt, dieser mit einem Degen in senkrechter und schräger Richtung durchstochen; — und schliesslich kriecht sie unverletzt und ungebunden unter dem Korb hervor und bettelt die Reisenden an. Abends 10 Uhr fahren wir ab.
Nachdem ich unter fleissigem Studium den englischen Sonntag an Schiffsbord glücklich überstanden, merkte ich Montag, den 28. November, Morgens früh um 6 Uhr, dass wir vor Anker liegen, und zwar gegenüber der niedrigen Tiger-Insel (Saugar Island) mit Flaggenstange, einem eisernen Leuchtthurm (von 75 Fuss Höhe, aus dem Jahre 1808) und mit einer kleinen Festung, in dem gelben Wasser des Hugli-Flusses, der zu den Mündungen des Ganges gehört, ja früher die hauptsächlichste gewesen sein soll.
Der Hugli ist höchst gefährlich, kann bei Nacht gar nicht und bei Tage nur mit der Fluth befahren werden. Abgesehen von gelegentlichen Stürmen bilden sich fortwährend neue Sandbänke in dem Flusse. Nur die tägliche Erfahrung der Lootsen giebt Sicherheit. Diese Leute sind ganz besonders gut bezahlt und geachtet.
Die Gefährlichkeit des Flusses sehen wir bald mit eignen Augen; sowie wir in das gelbe Wasser hineinfahren, begegnen wir den traurig aus dem Wasser emporragenden Masten des Wracks der Anglia, eines grossen Dampfers, der vor acht Monaten hier zu Grunde gegangen. Wir werfen auch Nachmittags vor Diamant-Harbour wieder Anker und verbleiben so über Nacht.
Abends ist Ball auf dem Schiff. Aber der ist schöner auf dem Norddeutschen Lloyd. Das Klavier aus dem Salon war auf Deck geschleppt worden, ein Sonder-Ausschuss hatte sich gebildet, eine Tanzordnung war geschaffen, die höchst gefallsüchtigen Damen tanzten nur mit denjenigen Herrn, die ihnen vorgestellt waren.
Bis 6½ Uhr Morgens, Dienstag, den 29. November, liegen wir vor Anker. Die Ufer des mächtigen Flusses sind grün und fruchtbar. Beim ersten Anblick sieht das Land aus wie in Europa, bis Palmen und Dörfer der Hindu erscheinen, die uns eines andern belehren. Kähne mit braunen „Vettern“ füllen den Fluss, gegen dessen Verheerungen die Felder durch mächtige Dämme geschützt sind. Der Fluss wird enger, die Schifffahrt belebter, Zuckerrohrpflanzungen, Baumwollenfabriken erscheinen, der Aussenhafen von Calcutta, Ziegeleien, endlich ein Wald von Masten: wir sind in Calcutta, der Hauptstadt des Kaiserreichs Indien.
Schon vorher waren die Zollbeamten an Bord gekommen. Sie benahmen sich sehr höflich. Die Geheimnisse der Reisekoffer zu enthüllen lag ihnen fern; sie forschten nur nach zwei Dingen, Schnaps und Opium, die Niemand in zollpflichtiger Menge bei sich führte; und nahmen Schiesswaffen nebst Ladung in Verwahrung, die Jeder mit sich führte. Sogar der Globetrotter-Jüngling von sechzehn Jahren holte seinen Revolver aus der Tasche.
Es ist unrichtig, dies eine Beschlagnahme zu nennen, und überflüssig, den Consul zur Wiedererlangung der Waffen zu behelligen. Seit dem grossen Aufstand von 1857 hat die Regierung von Indien die Einfuhr von Waffen und Schiessbedarf einerseits unter Aufsicht genommen, andrerseits erschwert durch einen Zoll von einem Zehntel des Werthes.
Am folgenden Tag geht man zum Zollhaus, zahlt ein Zehntel des zu erklärenden Werthes der Waffe und erhält dieselbe sofort zurück. Es ist das ja ein wenig langweilig, trotz des trinkgeldsüchtigen Babu[422], der sofort erscheint und mit dem Fremden durch die verschiedenen Räume eilt, — aber durchaus nicht schlimm. Angeblich soll man die gezahlte Summe in Bombay zurückfordern können, wenn man die Waffe wieder aus Indien ausführt. Doch macht der gewöhnliche Reisende davon keinen Gebrauch. Uebrigens soll trotz aller Vorsicht der Regierung ein schwungvoller Waffenschmuggel bestehen.
Am Lande werden die Koffer nicht geöffnet. Die Beamten bereiten dem Fremden keine Schwierigkeit, wohl aber die zerlumpten Träger, welche die Koffer auf das Droschkendach heben und unvernünftige Forderungen stellen, und die ebenso zerlumpten Führer, die sich mit hinaufschwingen und für den Nachweis der Droschke — deren Hunderte dastehen, — und des Hotels, das dem Kutscher genügend bekannt ist, lächerliche Summen beanspruchen, aber auch mit weniger vorlieb nehmen, wenn man ihnen einfach den Rücken dreht.
Das Great Eastern Hotel, zu dem ich fuhr, wie wohl die meisten Reisenden unseres Dampfers, des Postschiffes von London nach Calcutta, hatte kein Zimmer frei, da schon von London aus die Bestellungen vorher gemacht waren. Man hatte die Unverschämtheit, mir einen Schlafsaal mit sechzehn Betten zu zeigen, wo man auch mir eines aufstellen wollte. Ich machte meinen Empfindungen Luft in dem kräftigsten Englisch, das mir zu Gebote stand, und hatte die Genugthuung, da ein deutscher Geschäftsführer herbeieilte, auch noch in meiner Muttersprache meine Ansicht zu wiederholen. Bei Caine las ich allerdings, dass um Weihnachten so mancher Engländer sich glücklich schätzen würde, eines von diesen sechzehn Betten zu erlangen. Es gilt eben für fein, in diesem Gasthaus[423] abzusteigen und hieher die Einladungsbriefe[424] zu erhalten. Aber da ich nicht an diese englischen Vorurtheile gebunden war, sondern meine Bequemlichkeit vorzog: so fuhr ich nach einem Gasthaus zweiten Ranges (Bellevue der italienischen Gebrüder Boscolo), wo ich im ersten Stock ein nach indischen Begriffen gutes Zimmer, vorn in den „Saal“, hinten in mein eignes Badezimmer mündend, nebst voller Verpflegung (ausser Wein und Bier) für sieben Rupien täglich miethete und dazu, wie landesüblich, einen eignen Diener, der täglich ½ Rupie[425] zu fordern hat und mit einer ganzen zufrieden ist. Des Morgens früh bringt er den Thee und macht den (mir allerdings nur lästigen) Versuch, beim Ankleiden behilflich zu sein; die Sachen reinigt er nicht; vor dem Zimmer lungert er umher, bedient seinen Herrn bei Tisch, geht Gänge, kauft Halsbinden und dergleichen Kleinigkeiten, die man ihm aufträgt, mit geringem Aufschlag; fährt Abends mit in das Hindu-Theater, am nächsten Tage über den Fluss in den botanischen Garten, Nachmittags auf die Esplanade, zum Empfang des Vice-Königs, schliesslich zum Eisenbahnhalteplatz, wenn der Reisende abfährt. Dass der Diener immer mause, wie ich in einzelnen Reisebeschreibungen gelesen, kann ich nicht bestätigen; auf meinen Geldbeutel passe ich allerdings auf, und den Koffer halte ich gut verschlossen. Dass es nöthig oder angenehm wäre, einen solchen Diener, der mässig englisch spricht, mässig Bescheid weiss und dessen Haupttugend in der Unterwürfigkeit besteht, auf die Fahrt durch Indien mitzunehmen, kann ich gleichfalls nicht bestätigen; ebenso wenig, dass man in Bombay hungrig von der Mittagstafel aufstehen müsse, wenn man nicht einen eigenen Diener besitzt. Die deutschen Kaufleute in Calcutta, welche ich darüber befragte, lachten mich aus und erklärten, dass diejenigen Reisenden, die so übertriebene Schilderungen veröffentlicht hätten, sich selber nicht in helfen wüssten. Das sei unterwegs die Hauptsache, auch in Indien.
So bin ich also in Indien, dem Märchenland für die Europäer von den Tagen des grossen Alexander bis auf die Kreuzzüge, die Herrschaft des Grossmogul und bis auf den heutigen Tag. So gross wie das Land, so lang wie seine Geschichte, die leider für die ältere Zeit noch so räthselhaft geblieben: so ausführlich ist die Literatur über Indien. Natürlich meine ich nur diejenigen Bücher, die ein gebildeter Leser heutigen Tages befragt, um sich ein Urtheil zu schaffen; um, was er als Reisender mit eignen Augen geschaut, seinem Verständniss näher zu bringen.
Es giebt einen ziemlich guten Führer durch Indien, natürlich in englischer Sprache, von Murray. Ferner Führer durch die hauptsächlichsten Städte (Calcutta, Benares, Agra, Delhi, Bombay). Aber die Hauptquelle ist The Indian Empire by Sir William Wilson Hunter, 3. Aufl., London 1893, 852 Seiten; der Verfasser hat aus seinen 128 Bänden (60000 Druckseiten) des Statistical Survey erst die 14 Bände des Imperial Gazetteer of India und daraus das erwähnte Werk gewissermassen abgezogen und zusammengedrängt. Das Werk ist vorzüglich und enthält in klarer Sprache alle Belehrung, die man vernünftiger Weise erwarten kann. (Es giebt auch ein deutsches Buch „das Kaiserreich Ostindien“ von Werner, Jena 1884.) Ausserdem hat Hunter noch zwei Werke verfasst: A brief history of the Indian people und Englands Work in India. Die ausführlichste Geschichte Indiens für die ältere Zeit ist von Mount Stuart Elphinstone, der selber so thätigen Antheil an der neueren Geschichte Indiens genommen. Wichtig ist auch History of the Indian Mutiny by Col. S. B. Malleson.
Eine vorzügliche „Geschichte des alten Indien“ in deutscher Sprache hat Prof. Lefmann in Heidelberg geschrieben (Berlin 1881–1885).
Für die indische Kunst kommt in Betracht Industrial arts of India by Sir G. Birdwood. J. Fergusson’s History of Indian und Eastern Architecture scheint das einzige Werk über indische Baukunst zu sein; in den gewöhnlichen englischen Werken sind seine Beschreibungen wörtlich abgedruckt; aber die Einseitigkeiten des bedeutenden Verfassers, namentlich seine Schwärmerei für den Schlangendienst in Indien, werden jedem Leser von den ersten Seiten an deutlich. Sehr lehrreich ist Albert Grünwald’s buddhistische Kunst in Indien, Berlin 1893.
Ueber Alterthümer erwähnen die Verfasser der englischen Reisewerke immer nur Jas. Prinsep’s Essays on Indian Antiquities (zwei Bände, London, Murray, 1858). Aber diese verdienstvollen und schwierigen Einzelforschungen sind wohl von jenen nicht studirt worden. Wir Deutschen bevorzugen, mit vollem Recht, die bahnbrechende und noch heute werthvolle „Indische Alterthumskunde“ von Professor Chr. Lassen in Bonn (1844–1861 und 1867–1874, vier Bände).
Beiden Völkern und Sprachen gemeinsam ist ein liebenswürdiges Büchlein von unserem Max Müller in Oxford: Indien in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung (Leipzig 1884). Max Müller hat bekanntlich den ganzen Rigveda herausgegeben, das unermüdliche Werk eines Menschenalters, und auch die Uebersetzung in’s Englische fertiggestellt. Die indische Literaturgeschichte verdanken wir unserem Berliner Professor Albrecht Weber (II. Auflage, Berlin 1876).
Ueber die Religionen in Indien belehrt uns ein Werk von A. Barth in Paris, das ich in der englischen Ausgabe (London 1891) besitze.
Die Zahl der englischen Reisebeschreibungen über Indien ist gewaltig. Gelesen habe ich India Revisited, von dem Dichter Sir E. Arnolds, und Picturesque India by W. S. Caine (London 1891).
Von deutschen Reisewerken kommen in Betracht die einschlägigen Capitel der schon genannten Bücher von Hildebrandt, H. Meyer, Lanckorónski. Ausserdem haben wir eigne Reisebeschreibungen von Indien, ältere, wie die vorzügliche des Prinzen Waldemar von Preussen (1844 bis 1846) und seines Arztes Dr. Hoffmeister, sowie aus neuerer Zeit von unserem Professor Reuleaux „Quer durch Indien im Jahre 1881“ (Berlin 1885); endlich ein viel gelesenes Prachtwerk: Indien in Wort und Bild von Schlagintweit (Leipzig 1881, 2 Bände), dessen gelehrtem Verfasser leider die eigne Anschauung des von ihm in Wort und Bild geschilderten Landes nicht beschieden war.
Die allgemeine Länderkunde unseres bibliographischen Instituts enthält in dem 1892 erschienenen Band Asien eine Beschreibung von Indien, die den deutschen Leser der Nothwendigkeit überhebt, den 8. Band von E. Reclus’ Nouvelle Géographie universelle (Paris 1883) nachzuschlagen; während die vor zwei Menschenaltern erschienene Erdkunde unseres Ritter, trotz der inzwischen eingetretenen Veränderungen, durch ihre anziehende Behandlung noch heute verdient, zu Rathe gezogen zu werden.
Diese kleine, vielleicht etwas persönliche Auswahl von Schriften über Indien beweist denn doch, dass es nicht so ganz leicht und nicht so sehr schnell geht, über dieses Land einigermaassen sich zu unterrichten.
Unser Name Indien stammt aus dem Sanskrit. Sindhus wurde der grosse Fluss genannt (Indus), zu dem aus Mittelasien die Arier zuerst gelangten und Sinthavas die Anwohner. Hieraus wurde Hendu im Iranischen, Indos im Griechischen. Jetzt heisst die Königin Victoria von England, seit dem 1. Januar 1877, Kaisar-i-Hind.
Als Columbus 1492 in Guanahani landete, glaubte er eine Insel nahe der Gangesmündung erreicht zu haben. Erst nachdem Vasco de Gama 1498 den Seeweg um Afrika nach dem eigentlichen Indien gefunden, und Balboa zuerst den Stillen Ocean erblickt; fing man an einzusehen, dass die neu entdeckten Länder im Westen von Europa und das alte Land der Inder im äussersten Osten durch weite Strecken von einander entfernt seien, und begann die Inseln in Mittelamerika als Westindien, das alte Indien aber als Ostindien zu bezeichnen.
Das Riesendreieck von Ostindien ruht mit der Grundfläche am Himalaya und reicht von 35° nördl. Br., d. h. von dem gemässigt warmen Erdgürtel, hinab mit der Spitze bis zum 8. Grad nördl. Br., d. h. zur heissesten Gegend der Erde. Das britische Kaiserreich in Indien hat eine Grösse von 4824000 qkm und eine Bevölkerung von 289 Millionen, d. h. so viel wie ganz Europa ohne Russland, und über das Doppelte von dem, was einst dem kaiserlichen Rom gehorchte. Es ist eher ein Erdtheil, als ein Land.
Drei Haupttheile sind zu unterscheiden: I) die Gegend der Himálaja[426]-Berge, welche 2400 Kilometer längs der Nordgrenze von Indien verlaufen. II) Die weiten Flussebenen erstlich des Indus mit seinen fünf Ursprungsflüssen (Punjab), zweitens des Ganges mit dem Nebenfluss Jumna, drittens des Brahmaputra, der sein Ausfluss-Delta mit dem des Ganges vereinigt. III) Das dreieckig begrenzte Tafelland der (grösseren) Süd-Hälfte, der Dekkan[427], d. h. Süden. Das Vindhya-Gebirge im Süden der Gangesebene bildet die Grundlinie des Dreiecks, die Ost- und West-Ghats[428] die beiden Seiten (Malabar- und Coromandel-Küste), die im Cap Comorin zusammentreffen. 1891 hatte II mit I zusammen 165, III 115 Millionen Einwohner.[429]
Ein Drittel des Landes mit einem Viertel der Bevölkerung steht noch unter einheimischen Fürsten, welche aber die britische Oberhoheit anerkennen. Der britische Vicekönig (oder Governor General, zur Zeit Marquis von Landsdown,) hat seinen Herrschersitz im Winter zu Calcutta, im Sommer zu Simla, einem südlichen Vorsprung des östlichen Theiles vom Himalaya, und entfaltet mehr Pracht, als mancher europäische König.
Ich sah die prunkvollen Empfangsvorbereitungen zu Calcutta, als der Vicekönig von einer einfachen Besichtigungsreise nach Madras zurück erwartet wurde.
Das britische Gebiet des Kaiserreichs ist jetzt in zwölf Provinzen (Governments) getheilt, deren hauptsächlichste sind: Bengal, Nordwestprovinzen mit Oudh, Punjab, Centralprovinzen, Bombay mit Sindh. Madras. (Dazu Assam und Ober- und Nieder-Burma.)
Die Volkszählung von 1891 ergab:
| 1) | 221434862 | Einwohner | in | den | britischen Besitzungen, |
| 2) | 66908147 | „ | „ | „ | Schutzstaaten, |
| 3) | 561384 | „ | „ | „ |
portugiesischen Ansiedlungen (Goa u. s. w.), |
| 4) | 282923 | „ | „ | „ | französischen (Pondichery u. s. w.). |
Von der erstgenannten Zahl waren nur 90169 Briten, und überhaupt (einschliesslich der Briten) nur 110504 nicht in Asien geboren. Noch nie ist ein so grosses Reich von einer so winzigen Zahl Fremder beherrscht worden.
Die Dichtigkeit der Bevölkerung beträgt 59 auf den Quadratkilometer und ist, wohl wegen der besseren Verwaltung, in den britischen Besitzungen fast doppelt so gross, wie in den einheimischen Schutzstaaten (89: 42). In Bengal ist Uebervölkerung, zwei Menschen müssen leben von den Erzeugnissen eines einzigen Acre.[430]
In England leben 53,22 Procent der Bevölkerung in 182 Städten mit mehr als 20000 Einwohnern, in Britisch-Indien nur 4,84 Procent in 225 Städten dieser Grösse. Indien ist ein Acker-Land. In den übervölkerten Theilen nimmt die Bevölkerung nicht zu; doch giebt es noch genug Land; erwünscht, aber schwierig ist eine bessere Vertheilung des Volkes.
In der Bevölkerung erkennt man hauptsächlich vier Stämme:
1) Ureinwohner (Nicht-Arier) und ihre halb-hinduisirten Abkömmlinge 17½ Millionen (1872, in Britisch-Indien).
2) Verhältnissmässig reine Arier (Bráhmanen, Rájputen) 16 Millionen.
3) Die gemischte Bevölkerung der Hindu, die aus der arischen und nichtarischen Bevölkerung, hauptsächlich aus der letzteren, erwachsen ist, 111 Millionen.
4) Mohammedaner 40 Millionen. (Zusammen 186 Millionen unter britischer Regierung im Jahre 1872.[431])
Die entsprechenden Zahlen aus den Schutzstaaten waren nach der Zählung von 1881: 5¼ Millionen Bráhmanen und Rájputen, 46¼ Millionen Ureinwohner und Hindu niederer Kasten (1 + 3), 5 Millionen Mohammedaner, zusammen 56 Millionen. Bei der Zählung von 1891 liess man die Unterschiede von 1 und 3 fallen; fand aber, dass in Britisch Indien noch 11, in ganz Indien 14 Millionen wilder Wald-Stämme vorhanden sind.
In der ältesten Zeit, aus der wir überhaupt Kunde haben, entdecken wir zwei Völkerstämme verschiedener Rasse im Kampf um den Boden Indiens. Der eine Stamm war ein hellfarbiges Volk, vor Kurzem aus Mittelasien durch die Nordwest-Pässe des Himalaya nach Indien vorgedrungen; Aryer, d. h. Edle, nannten sie sich selber, sie hatten eine prachtvolle Sprache. Die anderen, dunkler und von niederer Rasse, hatten lange im Lande gelebt und wurden von den Ankömmlingen theils in die Wälder getrieben, theils in der Ebene unterworfen. Sie selber haben keine Nachrichten oder Zeugnisse hinterlassen. Von den Siegern wurden sie in den über 3000 Jahre alten Liedern (Rig-Veda) Feinde (Dasyus) oder Sklaven (Dásas) genannt, Schwarzhäute, Nasenlose, Rohesser u. dergl. Sie können aber nicht alle Wilde gewesen sein, in den Veden ist von ihren sieben Schlössern und 90 Festungen die Rede. Als die Geschichte anbricht, finden wir in Indien einige der mächtigsten Königreiche unter nicht-arischen Herrschern.
Noch heute leben in Indien Stamme der Art, in demselben Zustand, wie vor 3000 Jahren, oder mit geringem Fortschritt.
Woher kamen diese Urvölker? Nur die Sprache giebt einigen Anhalt. Sie gehören zu den Tibeto-Burmanen, Kolariern und Dravidiern. Die ersteren sind wahrscheinlich durch die Nordostpässe eingedrungen und leben jetzt noch in der Nähe des Himálaya. 22 Hauptsprachen der Tibeto-Burmanen werden unterschieden. Die zweiten wohnen im Norden von Dekkan, zu ihnen gehören die Santáls; neun Hauptsprachen ihrer Gruppe werden unterschieden. Die Dravidier kamen wahrscheinlich durch die Nordwest-Pässe, zersprengten die kolarischen Stämme und drangen machtvoll nach dem Süden des dreieckigen Tafellandes und wurden von der arischen Rasse zwar unterworfen, aber nie auseinandergesprengt. Sie haben ihre Sprache 28 Millionen in Süd-Indien gegeben: zwölf Dravida-Sprachen (vier hauptsächliche) werden in Indien unterschieden. Sie verehrten die Erde unter dem Zeichen der Schlange und ferner den Linga, ein steinernes Sinnbild der männlichen Zeugungskraft; sie sind die Baum- und Schlangen-Anbeter des alten Indien. Noch heute sind also von den drei Theilen Indiens zwei, nämlich Himálaya im Norden und die dreieckige Südhälfte, hauptsächlich von nicht-arischen Völkern bewohnt; aber der wichtigste Theil Indiens, die grossen Flussebenen sind schon seit alter Zeit der Schauplatz, wo eine edlere Bevölkerung ihre Cultur ausbildete. Sie gehört zu der arischen oder indogermanischen Rasse. Ihr ursprünglicher Sitz war Central-Asien.
Die ältesten vedischen Gesänge zeigen uns den indischen Zweig der Arier auf dem Marsch von Kabul zum Punjab und schliesslich zu den Gangesebenen, wo sie dauernd sich niederliessen. Diese Rig-Veda sollen nach den Hindu „vor aller Zeit“ oder doch schon mindestens 3000 v. Chr. entstanden sein, nach europäischen Gelehrten aber erst 1400 v. Chr. Es sind 1017 Psalmen mit 10580 Versen.
Diese alten Arier lebten nach der Weise der Erzväter, unter Häuptlingen; ehrten die Frauen, kannten die Metalle, den Pflug. Vieh war ihr Reichthum und ihr Geld. Sie assen Rindfleisch und tranken Bier (aus der Soma-Pflanze); wohnten in Dörfern und Städten, wanderten in Stämmen vorwärts, vertrieben oder unterjochten die „schwarzhäutigen“ Ureinwohner. Ihre Todten wurden ursprünglich begraben, später verbrannt. Sie verehrten den Himmelsvater Dyaush pitr (Jupiter) und die Mutter Erde, das Firmament Varuna (Uranos), Indra den Regengott mit dem Speer, dem die meisten Hymnen gewidmet sind, und Agni (Ignis), den Feuergott, im Ganzen 33 Gottheiten, elf im Himmel, elf auf Erden und elf im glänzenden Luftkreis.
Aber als sie weiter südlich zogen, war die Wärme nicht mehr so begehrenswerth; Agni verlor seine Wichtigkeit in Punjab gegen Indra. Und als sie schliesslich in den Gangesniederungen die regelmässigen Regenfälle der Monsune fanden, theilte Indra das Schicksal des Agni. Die mächtigen Naturkräfte in dem Gangesthal schufen die heilige Dreizahl des Schöpfers, Erhalters, Zerstörers (Brahma, Wischnu, Schiwa), von denen in den Veden noch nicht gesprochen wird, wie auch der Ganges nur zweimal dort Erwähnung findet.
Wann und wie erstand nun die neue Gliederung der Arier zu Königreichen mit Priestern und Kasten?[432] Die Schrift war unbekannt. Die Familien, welche die heiligen Gesänge auswendig wussten, gewannen an Bedeutung. Das siegspendende Gebet wurde bráhman genannt und seine Priester Bráhmanen. Sie schufen weihevolle und ehrfurchtgebietende Gebräuche. Der ganze Dienst wurde abgeleitet von den Veda (dem Wissen, lat. vid-eo, griech. vida, οἶδα) und deren Neuordnungen und Zusätzen: die vier Veda mit den dazu gehörigen Brahmana bilden die Offenbarung (Sruti, das aus Gottes Mund Gehörte); die späteren Sutra (oder Reihen von Sätzen), in denen die Bráhmanen als mächtige Priesterkaste dargestellt sind, fügen die Ueberlieferung (Smriti, das Erinnerte) hinzu.
Die mächtigeren und glücklicheren Krieger bildeten die zweite Klasse der Kshattriya (Rájanya, Rájbansi = Königs-Genossen), die heutzutage Rájput = Königsabkömmlinge heissen; die Ackerbauer (Vaisya, von vis = Volk) die dritte. Heirathen zwischen den drei Kasten waren verboten, aber alle drei gehörten zu den zweifach Geborenen oder Ariern. Unter ihnen stand eine vierte oder dienende Klasse, Súdra, Ueberbleibsel der überwundenen Ureinwohner, nur einmal geboren, die nicht an den grossen Staats-Opfern theilnehmen durften. Die Vaisya erhoben sich theils zu den Kriegern, theils gingen sie unter in die Diener, so dass nur Priester, Krieger und Diener übrig blieben. Aber ein langer Kampf um die Oberherrschaft wüthete zwischen den Priestern und den Kriegern, aus dem die ersteren siegreich hervorgingen. Doch machten sie einen weisen Gebrauch von ihrer Gewalt, verzichteten auf die Herrscherwürde und begnügten sich mit der Macht über die Gemüther.
Strenge Regeln für ihre eigne Kaste stellten sie auf. Das Leben des Bráhmanen theilt sich in vier Abschnitte:
1) Sein religiöses Leben beginnt nicht mit der Geburt, sondern am Ende der Kindheit, wenn er mit dem heiligen Faden der zweimal Geborenen bekleidet wird. (Voll Stolz zeigte mir diesen Faden einer der armseligen Führer, die dem Reisenden die Sehenswürdigkeiten der Städte weisen.) Die Jugend und erste Mannheit bringt der Bráhmane damit zu, von einem Weisen seiner Kaste die heiligen Schriften zu erlernen.
2) Darauf gründet er eine Familie.
3) Er zieht sich in die Wälder zurück, lebt von Früchten und Wurzeln und führt die religiösen Gebräuche aus.
4) Den Schluss macht ein Büsser-Leben.
Die Bráhmanen unserer Tage sind das Ergebniss einer 3000jährigen Erb-Erziehung und Selbstbeherrschung.
Eine Rasse nach der andern hat Indien überfluthet, Fürstengeschlechter sind entstanden und vergangen, Religionen sind gekommen und geschwunden; aber seit der Dämmerung der Weltgeschichte hat der Bráhmane ruhig die Herrschaft ausgeübt, die Geister gelenkt und die Verehrung des Volkes empfangen. Aber sie haben auch Gutes und Grosses gewirkt. Ihren arischen Landsleuten bildeten sie eine edle Sprache und Literatur, den einheimischen Ureinwohnern brachten sie Cultur und nahmen sie auf in jene gesellschaftliche und religiöse Ordnung, aus welcher der Hinduismus unserer Tage hervorgegangen ist.
Sie erkannten die Einheit Gottes und schufen für das Verständniss der Masse die Dreiheit. Bráhma, der Schöpfer, ist zu abstract. Zur Zeit findet der Reisende in Indien nur einen grossen Sitz seiner Verehrung, bei Ajmir. Wischnu, der Erhalter, in seinen zehn Erscheinungen, besonders in der siebenten und achten, als Rama und Krishna, nahm die Stelle ein der vedischen Gottheiten. Schiwa, der Zerstörer und Wiederhersteller, verkörperte die tiefsinnigen bráhmanischen Gedanken vom Tode als Austritt aus dem bisherigen Leben und Eintritt in ein neues. Seine schrecklichen Seiten verknüpften ihn mit Rudra, dem Sturmgott der Veden, und mit den blutgierigen Gottheiten der nicht arischen Stämme. Wischnu und Schiwa in ihren männlichen und weiblichen Erscheinungsformen sind jetzt die Götter der Hindu-Bevölkerung. In sechs Systemen der Philosophie (darsanas, Spiegeln der Kenntniss) suchten die Bráhmanen sich Rechenschaft zu geben über Gott, Welt und Menschenseele, darunter ist das erste (Sankya, 500 v. Chr.) die Entwicklungslehre, welche heute den Beifall so vieler Denker in Europa findet.
Die Bráhmanen schufen die Wissenschaft. Pánini’s Grammatik des Sanskrit (350 v. Chr.) gehört zu den ersten und den besten der Welt. Die Sanskritsprache ist so fein durchgebildet, dass man Zweifel erhoben, ob sie jemals die gesprochene Sprache eines Volkes gewesen sein kann. (Samskrita-bhasha „die vollkommene Sprachweise,“ gegenüber Prákrita-bhasha, der einfacheren Umgangssprache.) Die Sanskrit-Literatur wurde mündlich überliefert und ist darum ganz in Versen (Sloka). Deshalb und wegen des zerstörenden Klima von Indien giebt es keine sehr alten Handschriften. Die meisten sind nicht älter als 400 Jahre, zwei nur 800, eines (auf Palmblättern) wurde in einem japanischen Kloster seit 609 n. Chr. aufbewahrt. Die ältesten Inschriften auf Säulen und Felsen sind aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Die indischen Buchstabenzeichen scheinen aus den phoenicischen abgeleitet zu sein, doch ist die Frage noch nicht ganz entschieden.
Dagegen haben wir unsere „arabischen“ Zahlzeichen aus Indien. Die Araber, welche sie uns überliefert, nannten sie indische Ziffern: sie sind die Anfangsbuchstaben der indischen Zahlwörter von 1 bis 9, und 0 ist der Anfangsbuchstabe des Sanskrit-Wortes für „leer“.
Heilkunde, Kriegskunst, Musik, Baukunst galten als upaveda oder ergänzende Offenbarung. Von der Heilkunde, Musik, Sternkunde werde ich späterhin, bei besonderer Gelegenheit, noch ein paar Worte zu sagen haben. Die Baukunst wurde mehr von den Buddhisten entwickelt. Die Muselmänner brachten neue Formen. Aber die Hindu-Baukunst hat in den Werken der Mogul für alle Zeit bewunderungswürdige Denkmäler hinterlassen.
Das Gesetzbuch von Manu, das die Kasten feststellt und die Vorrechte der Bráhmanen sichert, wird von letzteren natürlich dem Manu, ihrem Adam, zugeschrieben; dürfte wohl auf ein älteres Buch (500 bis 200 v. Chr.?) zurückgreifen, aber in der jetzigen Gestalt nicht älter sein, als 500 n. Chr.
Die weitere Sanskrit-Literatur umfasst die beiden Riesen-Epen (Mahabharata und Ramayana, von denen das erste die Kämpfe der Arier in der Gangesebene, das zweite ihr Vordringen nach dem Dekkan und nach Ceylon behandelt,) Dramen, Sagen, Liebeslieder und mystische Dichtungen. Von Kalisada’s Drama Sakuntala (550 n.Chr.) ist 1789 eine englische Uebersetzung erschienen, welche die eigentliche Veranlassung für das Studium der indischen Sprache, Kunst und Wissenschaft in Europa geworden. Im Mittelalter (vom 8. bis zum 16. Jahrhundert) entstanden dann noch die Purana (die „alten Schriften“), 1600000 Verse religiösen und philosophischen Inhalts.
Der erste Angriff auf die Brahmanen-Herrschaft war die Lehre von Gautama Buddha. (622–543 v. Chr., nach neueren Berechnungen starb er 478 v. Chr.) Gautama entwickelte sich aus einem Prinzen zum Einsiedler und Heiligen; er wurde Buddha, der Erleuchtete, und Siddharta, der Vollendete. Vierundvierzig Jahre predigte er dem Volke. Das Geheimniss von Buddha’s Erfolg beruhte auf der geistigen Befreiung, die er dem Volke brachte. Er predigte, dass Erlösung allen Menschen eröffnet sei, nicht durch Besänftigung eingebildeter Gottheiten, sondern durch eigne Thätigkeit (Karma). Was der Mensch sät, wird er ernten. So beseitigte er die religiöse Grundlage der Kasten und die Oberhoheit der Brahmanen, der Vermittler zwischen Gott und den Menschen.
Die Buddha-Lehre sandte ihre Glaubensboten aus. Asoka (257 v. Chr.), König von Magadha oder Behar,[433] machte sie zur Staatsreligion und begründete (nach dem dritten Concil) den Canon der südlichen Buddhisten in der Volkssprache oder Maghadi. Das vierte und letzte Concil der Buddhisten war unter Kanishka (40 n. Chr.), einem Saka oder scythischen Eroberer von Nordwest-Indien; damals wurde der nördliche Canon in Sanskritsprache festgestellt, in welchem Buddha als ein Saka oder Turanier erscheint, und aus dem später der chinesische (mit 1440 Werken) hervorgegangen.
Buddhismus und Brahmanismus bestanden in Indien neben einander 1300 Jahre, und der moderne Hinduismus ist aus ihrer Verschmelzung entstanden. Im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. wurde Brahmanenthum in neuerer Form die herrschende Religion, Buddhismus ist seit 1000 Jahren aus seiner Heimath verbannt, hat aber in der Fremde reichlich gewonnen, was er daheim verloren. Ein Wiederaufleben in Indien ist nicht unmöglich.
Mit dem Zuge Alexander’s des Grossen über den Indus (327 v. Chr.) beginnt die Beeinflussung Indiens durch Fremde, beginnt für uns die indische Geschichte, da die indischen Arier selber nur Sagen, nie Geschichtsbücher aufgezeichnet haben. Von 126 v. Chr. bis 544 n. Chr. folgten verschiedene Einfälle der Scythen (Saka, Turanier), welche grosse Länderstrecken längere Zeit beherrscht und deutliche Reste in der Bevölkerung hinterlassen haben. Dazu kam der Einfluss der nicht arischen Königreiche (Naga, Schlangenanbeter), namentlich im Süden.
Der Vorhang der vedischen und nachvedischen Literatur fällt im 5. Jahrhundert v. Chr. nieder; wenn er im 10. Jahrhundert n. Chr. sich wieder erhebt in den Purana, hat eine gewaltige Aenderung Platz gegriffen. Arier und Nichtarier sind verschmolzen zu Hindu, und ihre Religion ist zusammengesetzt aus arischen Gedanken und nichtarischem Aberglauben. Wischnu- und Schiwa-Dienst sind die Volksreligion. Die Kasteneintheilung beruht auf Rassenunterschieden.
Vom 11. Jahrhundert an dringen die mohammedanischen Eroberer von Afghanistan aus in Nordindien ein. 1526 gründet der mohammedanische Turanier Baber das Reich des Grossmogul, das machtvoll Indien, zuletzt auch bis zum Dekkan, beherrschte. Die Portugiesen hatten (seit 1498) Handelsniederlassungen an den Küsten gegründet; aber weder diese noch ihre Erben, die Holländer im 17. Jahrhundert, die Engländer und die Franzosen, gewannen zunächst Macht im Lande. Erst nach der Zersplitterung des Mogul-Reiches (1707) gelang es den Engländern, die schon 1600 ihre Ostindische Gesellschaft geschaffen, festen Fuss in Indien zu fassen. 1757 besiegte Clive den Nawab von Bengalen bei Plassy, 1763 verloren die Franzosen im Frieden von Paris ihre ostindischen Colonien an die Engländer. Im vorigen Jahrhundert besiegten die Engländer den Sultan Tipu von Mysore in Südindien, der 1799 in der Bresche seiner erstürmten Hauptstadt fiel; im Anfang dieses Jahrhunderts die brahmanischen Maraten in Centralindien, welche schon die Erbschaft des Grossmogul anzutreten bereit waren; in der Mitte unseres Jahrhunderts die Sikhs in Punjab. Nachdem sie den Aufstand der einheimischen Soldaten (Sepoy) vom Jahre 1857 unterdrückt, wurde die Ostindische Gesellschaft aufgehoben, Indien unter die Verwaltung der Krone genommen und am 1. Januar 1877 zum Kaiserreich erhoben.