Gebet am Jahrestage vom Tode der Mutter.
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Allgerechter! Allgütiger! Vernimm heute in Gnade und Barmherzigkeit ein Gebet aus meinem Munde, das hervorgeht aus der lebhaftesten, aus der tiefsten Empfindung meines Herzens. Heut an dem Jahrestage jenes traurigen Tages, an dem Dein unerforschlicher Ratschluß das Teuerste auf Erden, die inniggeliebte Mutter, von meiner Seite nahm, so daß ich fortan ihre leibliche Nähe entbehren mußte und entbehren muß für die ganze Zeit meines Wandels in dieser Zeitlichkeit, vernimm heute mein inniges Gebet für das ewige Heil der geliebten Seele. O gütiger Vater im Himmel, schenke meiner Mutter jetzt und allezeit die reinste Seligkeit des ewigen Lebens bei Dir, daß sie in himmlischer Wonne Vergeltung finde für alles, was sie auf Erden verdient, für alles, was sie auf Erden gelitten hat. Vergelte mit Deiner Liebe ihrer Seele die Liebe, die sie in diesem Leben so reichlich gespendet und um sich verbreitet hat. Laß ihre Seele in der Ewigkeit Genüge finden für alles Streben, das unbefriedigt geblieben ist auf Erden und stärke mich und alle die ihrigen mit dem Geiste der Tugend und Rechtschaffenheit, der Weisheit und Gottesfurcht, auf daß ihr seliger Geist jederzeit mit Befriedigung auf uns zu blicken vermöge. Amen!
Du aber, verklärte, geliebte Seele, vernimm mit Wohlgefallen den Ausspruch meines Mundes, der mein inniges Andenken an dich bekunden soll. Lebhaft steht heute, du liebe Mutter, dein Bild vor meinem Auge, wie du mit Güte und Zärtlichkeit auf mich und alle die Deinen geblickt, wie du für uns gedacht, gesorgt, wie du uns geleitet und gelehrt, wie du so ganz für uns gelebt hast.
Da muß ich es wohl empfinden, daß ich von dir nicht ganz getrennt bin, daß du von mir nicht ganz geschieden bist, daß du lebst, auch in meiner Nähe lebst, denn du bist in meinem Herzen geblieben. Das Band der Liebe, das dich mit uns vereinte, ist nicht zerrissen und nicht aufgelöst. Noch vermag ich dir wohlgefällig zu sein, noch vermag ich, dich zu verehren, noch vermag ich deine Zufriedenheit mir zu erwerben. Ja, auch noch vermag ich es, zu bereuen, wenn ich dich betrübt, wenn ich deine Treue und Hingebung verkannt und die Ehrerbietung gegen Dich verletzt habe, und auch jetzt noch wirst du im Reiche der Seligkeit es freundlich hören, wenn ich für alles um Verzeihung dich bitte, wodurch ich einst dein edles Herz verletzt habe.
O, so sei auch du eine Fürsprecherin für mich und die Meinigen alle vor dem Throne des Allmächtigen, daß Gottes Güte von uns wende Gefahr, Trübsal und Not, daß er unser Bestreben segne, reinen Herzens zu wandeln vor ihm und vor den Menschen, damit wir immer und immer so leben, wie du es gewollt, wie du es uns gelehrt hast. Des himmlischen Vaters Barmherzigkeit sei mit uns auf Erden und mit dir in der Ewigkeit. Amen!
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