Gebet eines mutterlosen Mädchens.

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Öfter wohl als vielen andern meines Alters und meines Standes muß es mir, der Mutterlosen, ein Bedürfnis sein, ein stilles Stündchen zu suchen, um im andächtigen Gebete mein oft so betrübtes Herz zu erleichtern.

Immer und immer lastet der Gedanke schwer auf mir, daß ich so einsam, so verlassen bin, wenn ich des mütterlichen Rates bedarf. Immer erfüllt Trauer meine Seele, wenn die liebliche Erscheinung meiner nun im Reich der seligen Geister weilenden Mutter vor mein geistiges Auge tritt, und ich kann mich von der Vorstellung nicht entfernen, wie schön es wäre, wenn sie noch leiblich in unserer Mitte weilte. Und der Schmerz erfüllt mich, wenn ich meinen guten Vater betrachte, wie auch er verlassen ist von der treuesten Gefährtin seines Lebens.

Sollten alle diese Empfindungen sündhaft sein? Sollten sie der Pflicht widerstreben, mit Ergebung sich in Deinen Willen zu fügen? Ach nein! Du findest kein Unrecht an ihnen. Hast Du doch die Liebe zu meinen Eltern in mein Herz gepflanzt, und die ernste Betrachtung meiner Lage ist ja nur ein Ausfluß dieser Liebe.

Ach nein! diese Empfindungen sind kein Unrecht. Ich fühle es, daß auch sie zum Heile an mir werden können, weil ernste Entschlüsse, gute Vorsätze aus ihnen hervorgehen.

Ich will das Andenken an meine Mutter ehren, ihr Beispiel der Gottesfurcht und Tugend stets vor Augen haben und an dem Gedanken mich aufrichten, daß ihr Geist über mir wacht, damit ich jederzeit auch bereit sein kann, Rechenschaft vor demselben abzulegen über meinen Wandel.

Ich will hoffen und vertrauen, daß auch Du mich nicht verlassen wirst, und daß Deine Liebe mir immer Menschenherzen zuführen wird, die mir mit Zuneigung und Aufrichtigkeit begegnen.

Ich will meinem lieben Vater kindliche Treue und innige Hingebung bewahren, auf daß mein Umgang imstande sei, ihm einen Teil seines Verlustes zu ersetzen.

Zu all dem versage Du, Allgütiger! mir Deinen Beistand nicht, dann wird auch die Fröhlichkeit des Herzens mir wieder ein bleibendes Eigentum werden, und wie ich in Betrübnis zu Dir bete, so werde ich in Freudigkeit Dir danken können. Amen!

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