The Project Gutenberg eBook, Vertheidigung des Herrn Wieland gegen die Wolken, von dem Verfasser der Wolken, by Jakob Michael Reinhold Lenz, Edited by Erich Schmidt

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No. 121.Dritte Folge No. 1.

Deutsche Litteraturdenkmale

des 18. und 19. Jahrhunderts

herausgegeben von August Sauer


VERTHEIDIGUNG DES HERRN WIELAND
GEGEN DIE WOLKEN
VON DEM VERFASSER DER WOLKEN

(1776)

VON

J. M. R. LENZ

HERAUSGEGEBEN

VON

ERICH SCHMIDT

BERLIN W. 35

B. BEHR'S VERLAG

1902


[Inhalt.]

Seite
Vorbemerkung[V]
Vertheidigung des Herrn W. gegen die Wolken von demVerfasser der Wolken[1]
Beilagen.
I.Aus der Handschrift des »Pandämonium Germanicum«[29]
II.Aus den »Meynungen eines Layen«[32]

[Vorbemerkung.]

Der Kampf der Geniezeit gegen Wieland, im göttingischen Kreise von »Nonsensesängern« gegen »Wollustsänger« (Lichtenberg), zumal durch Voss sittenrichterlich geschürt, im rheinischen durch Goethes »Götter, Helden und Wieland« entfacht, bedarf einer umfassenden Darstellung, die wir von Seuffert nach seinem trefflichen Aufsatz (Zs. für deutsches Altertum 26, 252 ff.) erwarten. Im April 1774 hatte Jacob M. R. Lenz in Kehl Goethes übermütige Satire drucken lassen, und so war ein von Wieland am 29. Januar 1773 Gottern zugeraunter Wunsch ganz anders erfüllt worden: »Könnten Sie sich entschliessen eine kleine Parodie, etliche Aristophanische Scenen zu machen, worin Sie nicht den Bacchus, sondern den Apollo ... zu den Schatten herabsteigen liessen, um Opitzens, Canitzens, Hagedorn's, Liscows etc. Seelen wiederzuhohlen. Unsre Liederdichter könnten das Chor der Frösche dabey vorstellen. Ich möchte gar zu gerne dass diesem Geschmeisse auf ein oder die andere Art ein Ende gemacht, und die guten Köpfe erweckt würden, was anders als Lieder zu machen.«

Goethe wurde durch Wielands überaus kluge und geistreiche Haltung, die im Juniheft des Teutschen Merkur 1774 den schalen Götz-Recensenten eingehend desavouierte, doch auch jene Farce heiter hinnahm, und durch die erste persönliche Anknüpfung mit Weimar dem Kampfplatz entzogen. Wir hören sein lebendiges Wort unmittelbar aus dem köstlichen von Johanna Fahlmer niedergeschriebenen Gespräch (Goethe-Jahrbuch 2, 379), aber trotzdem noch 1775 mehr als eine kriegerische Drohung, und es ist Lenz, den Goethe damals für den gefährlichsten Widersacher des »Nachbar Gorgias« hält. Bei Lenz wirkten ethische Grillen mit dem Zorn über Recensionen im Teutschen Merkur zusammen. Zwar muss er selbst gestehen, es sei ihm glimpflich begegnet worden: die Anzeige der »Lustspiele nach dem Plautus« (September 1774, S. 355 f.) und des »Hofmeisters« (ebenda S. 356–8) sind vorwiegend sehr günstig; auch »Der neue Menoza« (November 1774) könnte leicht viel übler fahren, und in der scharfen Recension des göttingischen Almanachs (Januar 1776, S. 86) finden die »kleinsten Schnitzen« aus Goethes oder Lenzens Brieftasche neben Klopstock und Claudius ihr Platzrecht. Der Verfasser des »Leidenden Weibes«, Klinger, wird freilich (August 1775, S. 177) ein Nachahmer Lenzens genannt mit dem Zusatz: »Der Nachahmungssucht schreibe ich auch die unartigen Ausfälle zu, die der rüstige Knabe auf Wieland gethan.« Die »Unterredungen zwischen W** und dem Pfarrer zu ***«, deren Abwehr des Vorwurfs, Wieland stelle gewisse Laster verführerisch reizend dar, Lenz selbst später anerkennt, erschienen vom April 1775 an, also gerad in der Zeit, wo Lenz den mörderischen Kampf betrieb. Ihre überlegnen Worte gegen den »redlichen, die Tugend mit Enthusiasmus liebenden Jüngling Voss« (S. 82), Aussprüche wie dieser: dass »ein junger unerfahrner Neuling in der Welt unmöglich ein Sokrates seyn kann« (S. 83) samt der Wendung von »unreifen muthwilligen Jungen, die sich zu Richtern aufwerfen« waren nicht danach angethan, den Ehrgeiz und die Neusüchtigkeit eines Herolds der vorrückenden Generation alsbald zu dämpfen.

Lenz fühlte sich schwer gekränkt durch den Hohn, den Wieland einer ausdrücklich Lenz, nicht Goethe als Verfasser nennenden leeren Recension der »Anmerkungen übers Theater« (Januar 1775, S. 94 f.; Schmid) beigefügt hatte, obwohl diese dramaturgischen Rhapsodien gegen Aristoteles und die Franzosen ihn aus dem Spiele lassen, ja seine Übersetzung des »Julius Caesar« ruhig citieren. Der »W.« unterzeichnete »Zusatz des Herausgebers« lautet (S. 95 f.):

Der Verfasser der A. ü. Th. mag heissen wie er will, traun! der Kerl ist 'n Genie, und hat blos für Genien, wie er ist geschrieben, wiewohl Genien nichts solches nöthig haben. Sollt ihm dies aber nicht erlaubt gewesen seyn? Durft er doch schreiben, was gar niemand, was er selbst nicht verstunde! Wer konnt's ihm wehren? Fürs Publikum ist so was freylich nicht. Denn was soll dies damit machen? Wie soll es dem Genie seine Räthsel errathen? oder ergänzen, was der geheimnissreiche Mann nur halb sagt? oder ihm in seinen Gemssprüngen von Klippe zu Klippe nachsetzen? — Sein Ton ist ein so fremder Ton, seine Sprache ein so wunderbares Rothwelsch, dass die Leute dastehn, und 's Maul aufsperren, und recken die Ohren, und wissen nicht ob sie süss oder sauer dazu sehen sollen; — sehen also Höflichkeits halben, und um sicher zu gehen, lieber süss, wie die meisten Zeitungsschreiber und Recensenten. — Sein Ton ist nicht der Ton der Welt; es ist auch nicht der Ton der Untersuchung; Schulton ist's auch nicht; Kenner haben sonst auch noch nie so gesprochen. Was ist's denn? Es ist der Ton eines Sehers, der Gesichte sieht, und mit unter der Ton eines Quomebaccherapistuiplenum, der seinen Mund weit aufthut, um etwas herrliches, funkelneues, noch von keinem Menschensohn gesagtes, zu sagen, und dann gleichwohl (wie Horaz in seinem Rausche) gerade nichts sagt, das sich der Müh verlohnte, das Maul so weit aufzureissen. Mag seyn, dass ein solcher begeisterter Seher oder Genie allerley Dinge sieht, die wir andern Leute, die ihrer Sinnen mächtig sind, nicht sehen — auch wohl zwoo Sonnen, zwoo Theben für eine — aber das Unglück ist, dass der Leser selten gewiss werden kann, was der Mann gesehen hat, und ob er auch recht gesehen hat. Ein solch Büchlein, so klein es ist, den Lesern, die keine Genien sind, verständlich zu machen, zu prüfen, das Korn von der Spreu zu scheiden, und zu zeigen, was darinn gesunde Kritik, und was eitel schaales Persiflage ist, was würklich neugedacht, und was nur durch die Affectation seltsamer Wendungen, Wortfiguren und Nothzüchtigung der Sprache den Schein einer unerhörten Entdeckung bekommen hat, wiewohl Andre das lange vorher kürzer, deutlicher und richtiger gesagt haben, — Alles dies zu thun, müsste man ein Buch in Folio schreiben; und wer soll's schreiben? oder, wenn's geschrieben wäre, wer soll's lesen?

Uebrigens, wenn unsre Leser sich mit ihren sehenden Augen überzeugen wollen, dass es auch schon im Jahre 1773, und also wenigstens ein Jahr vorher, eh der Verfasser der Anmerkungen der Welt sein Lichtlein leuchten liess, Leute gab, welche wussten, worinn Shakespears grosser Vorzug besteht: so ersuchen wir sie nur im 3ten Band des T. Merkurs die 184 und 185ste Seite zu lesen [August 1773 S. 183–188 Wielands enthusiastischer Aufsatz »Der Geist Shakespears«], und dann — das Buch wieder zuzumachen.

Lenz wollte diesen dem jungen Geschlecht, seinen Göttern und Götzen vermeintlich unholden Inhaber der einflussreichen bellettristischen Recensieranstalt, diesen falschen bethörenden Graziendichter, diesen undeutschen Makler fremden Giftes, wie er ihn sich karikierte, in den Staub strecken und Wieland nicht bloss mit Schrotschüssen des Epigramms (»Der Archiplagiarius«; Weinhold, Gedichte von J. M. R. Lenz 1891, S. 105) oder kleineren Satiren (»Menalk und Mopsus« ebenda S. 90, »Éloge de feu Monsieur **nd« S. 99), nicht bloss mit einer grobwitzigen persönlichen Episode des »Pandämonium Germanicum« (s. Beilage I), sondern auch mit der vollen Ladung einer modernen Aristophanischen Komödie treffen. Warum musst' ich, fragt er in einem Brief, gerad über Aristophanes sitzen, als Wieland mich beleidigte? Diese »Wolken« hat uns, nach Andeutungen Jegórs v. Sivers (»J. M. R. Lenz. Vier Beiträge zu seiner Biographie und zur Litteraturgeschichte seiner Zeit«, Riga 1879), Karl Weinhold durch genaue kritische Zusammenstellung der Briefnachrichten und den Abdruck spärlicher Reste näher gebracht. Ich wiederhole nicht, was in seinem Buche »Dramatischer Nachlass von J. M. R. Lenz« 1884, S. 313 ff. zu lesen ist.[A] Die Handschriften vom Sommer 1775 und vom nächsten Frühjahr sind unwiederbringlich verloren, der bei Helwing in Lemgo bis zum März 1776 durch Boies Vermittelung hergestellte Druck ist auf Lenzens Wunsch völlig zerstört worden. Den ersten Anstoss dazu gab die Rücksicht auf Wielands Jugendgeliebte Sophie v. La Roche und die Kunde, Wieland habe ihren Sohn erzogen.

Der Vorgang, dass jemand eine gar nicht erschienene Satire selbst öffentlich ablehnt, ist wohl unerhört und sogar dem litterarischen Maskenspiel Hamanns fremd. Die »Vertheidigung« muss im Spätjahr 1775 geschrieben sein; den Plan wird Lenzens Wort an Boie (September?) andeuten: »Ich habe ein Mittel, alles das bei Wieland und seinem Publiko wieder gut zu machen, das ich aber in petto behalte.«

Briefe an Boie, dem durch Lenz auch eine Polemik Schlossers gegen die »Abderiten« und durch Weygand Goethes Wertherische »Anekdote« gegen Nicolai (Waldmann, Lenz in Briefen 1894, S. 50) für das Deutsche Museum angehängt werden sollte, und an Zimmermann unterrichten uns über den äusseren Verlauf. In demselben Brief (empfangen am 12. Febr. 1776), wo Lenz die Unterdrückung der »Wolken« oder wenigstens den Ersatz deutscher Namen durch griechische bedenkt, bittet er die »Vertheidigung« nicht beizugeben, sondern »als Palinodie, nicht als prämeditirte versteckte Apologie« für sich zu drucken. Sie soll auch ohne die »Wolken« ausgehen: »Desto origineller ist sie. Man kann dazusetzen, der Vf. habe den Druck der W. verhindert und weil viele sie im Mskpt gelesen, diess zu seiner Vertheidigung geschrieben. Ich will nichts dafür.« Unmittelbar darauf betreibt er nach ganz ähnlichen Worten den Druck der »Vertheidigung«, die Wielands »Hauptgesinnungen mehr schaden wird als alle Anschuldigungen. Ich kenne mein Publikum — und jetzt ist es Zeit. Wenn das Eisen ausgeglüht hat, fällt der Hammer zu spät.« Am 20. Februar empfängt Boie von Lenz den S. 2 mit winzigen Abweichungen gedruckten Entwurf einer Vorrede des Verlegers Helwing in Lemgo. »Die Wolken sind unterdrückt,« beteuert der Herausgeber der »Flüchtigen Aufsätze«, Kayser, der im Oktober 1775 die Publikation insgeheim in Ulm hatte besorgen wollen, nun am 3. März aus Zürich; »Die Vertheidigung der Wolken wird hier unter uns circuliren. Schlosser schrieb darunter: Helas tais-toi Jean Jaq [so] ils ne t'entendront pas — und das ist herrlich wahr.« Bald ging ein wunderlicher Bitt- und Mahnbrief Lenzens, der sehnsüchtige Blicke nach Weimar warf, an Wieland ab. Diesem sollten ein paar Exemplare der »Vertheidigung« anonym zugehn, »damit er sie desto eher bekommt und sein Misstrauen gegen uns entwaffnet wird« (an Boie, 11. März). Boie meldet (8. März), dass bei dem Todesurteil über die »Wolken« der erste »angedruckte« Bogen der »Vertheidigung« umgedruckt werden musste, wovon auch am 22. März (Waldmann S. 45) wiederum die Rede ist; Wieland solle zwei Exemplare kriegen. Wir erfahren, dass Helwing noch immer die »Vertheidigung« für ein Werkchen Goethes hielt, der übrigens von den »Wolken« gar nichts wusste (Waldmann S. 48). Lenz empfing Anfang Mai die »Vertheidigung« gleichzeitig mit der dem Buchhändler zum Schadenersatz für die »Wolken« überlassenen Komödie »Die Freunde machen den Philosophen« und konnte, begeistert für Weimar und für Wieland, die verabredete Sendung an diesen eben noch bei Boie widerrufen.

Einen langen sehr interessanten Erguss Lenzens an F. L. Stolberg (April oder Mai 1776) über seinen herrlichen Verkehr mit Wieland, »dem einzigen Menschen, den ich vorsätzlich und öffentlich beleidigt habe«, hat Dumpf 1819 im Vorwort des »Pandämonium Germanicum« mitgeteilt. Ich habe ihn jüngst aus diesem Versteck hervorgezogen (Lenziana S. 15, Sitzungsberichte der kgl. preuss. Akademie der Wissenschaften 41, 993) und wiederhole hier nochmals den Bericht, soweit er sich nicht auf das Persönliche, sondern Wielands eigenen Worten gemäss auf die litterarisch-sittlichen Grundsätze bezieht und damit auch der »Vertheidigung« vollends den Garaus macht:

In der That, bester Freund, ist ein wesentlicher Unterschied unter einem schlüpfrigen und einem komischen Gedicht, wie Wielands Erzählungen und Ritterromane sind. In den ersten werden die Unordnungen der Gesellschaft ohne Zurückhaltung mit bacchantischer Frechheit gefeiert und ihnen, dass ich so sagen mag, Altäre gesetzt, wie Voltaire und Piron thaten; in diesen werden die Schwachheiten und Thorheiten der Menschen mit dem Licht der Wahrheit beleuchtet und (wie könnte ein Philosoph sie würdiger strafen) dem Gelächter weiterer Menschen Preis gegeben. Mich deucht, der Unterschied ist sehr kennbar, und nur Leidenschaft konnte mich bisher blenden, ihn nicht zu sehen.

Man wirft ihm vor, dass seine komischen Erzählungen zu reitzend, gewisse Scenen darin zu ausgemalt sind. Ein besonderer Vorwurf! Eben darin bestand sein grösstes Verdienst, und der höchste Reiz seiner Gemälde ist der ächteste Probierstein für die Tugend seiner Leser. Tugend ohne Widerstand ist keine, so wenig als einer sich rühmen darf, reiten zu können, wenn er nie auf etwas anders, als auf ein Packpferd gekommen. Eine solche furchtsame, träge, ohnmächtige Tugend ist bey der ersten Versuchung geliefert. Will also einer an diesem Eckstein sich den Kopf zerschellen, anstatt sich an ihm aufzurichten, so thut er's auf seine Gefahr. Dasselbe würde ihm bey der ersten schönen Frau begegnet seyn; darf er deswegen den Schöpfer lästern, der sie gemacht hat? Setzen wir diese nun auch in hundert noch reitzendere Verhältnisse, der Reine, dem alles rein ist, und der seinen Entschluss und seine Hoffnungen unwandelbar im Busen fühlt, wird, wenn wir sie zu Hunderten gruppirten, mit der Trunkenheit eines Kunstliebhabers, wie unter Griechischen Statuen vorbeygehn, ohne einen Augenblick zu vergessen, dass nur eine ihn glücklich machen kann. Überhaupt schweigt der thierische Trieb, je höher wir auch die Reitze der körperlichen Schönheit spannen, und verliert sich unvermerkt in die seelige Unruhe und Wonne des Herzens, das alsdann von neuen, menschenwürdigern, entzückendern Gefühlen schwillt, wohin ihn Wieland, an hundert Stellen seiner komischen Gedichte, so geschickt hinaufzubegleiten wusste. Welche Wohlthat er dem menschlichen Geschlechte dadurch erwiesen, wird ihm erst die Nachwelt danken: falls seine Gedichte etwa nicht, unglücklicherweise, anders gelesen werden sollten, als er sie gelesen haben will.

So war Lenzens »ewiger« Hass flugs in die schrankenloseste Bewunderung umgeschlagen. Wieland benahm sich mit vollendeter weiser Bonhommie. Der Widerruf geschah auch vor allem Volke, denn das Dezemberheft des Deutschen Museums brachte 1776 die »Epistel eines Einsiedlers an Wieland« (Weinhold S. 205). Sie war in Berka entstanden. Dort hat der Waldbruder wohl auch das zuerst im Morgenblatt 1855 S. 782 gedruckte rührende Billet an Wieland geschrieben:

Es scheint, Lieber, du weisst nicht oder willst nicht wissen, wer die Ursache des ganzen literarischen Lärmens gegen dich war. Ich liess Götter, Helden und Wieland drucken, und ohne mich hätten sie das Tageslicht nimmer gesehen.

Ich hätte dir's in Weymar gesagt; ich fürchtete aber, es würde zuviel auf einmal geben. Einmal aber muss es vom Herzen ab, und so leb' wohl! Lenz.

Ob er auch über die »Wolken« Generalbeichte gethan hat? Jedesfalls begreift man seine den zuverlässigen Mittelsmann Boie (Waldmann S. 54) beleidigende Angst, der Druck möchte doch nicht spurlos zerstört sein. Ende Juni dankt er Zimmermann, auf dessen Rat er die Bekanntmachung sowohl der »Wolken« als der »Vertheidigung« sich sehr ernsthaft verbeten habe; »Zudem habe ich in der Vertheidigung Druckfehler gefunden, die dem ganzen Dinge ein schiefes und hässliches Ansehen geben, 'gefühllos' statt 'gefühlig', gewiss ich müsste selbst gefühllos seyn wenn ich die Bekanntmachung einer so nachtheiligen Vertheidigung W. ertragen könnte. Statt N. ist J. [gedruckt] und andere dergleichen Späsgen die mir den ganzen Zweck der Schrift verderben, die überhaupt bey unsrer gegenwärtigen Lage wenig Wirkung thun wird.« Später wird noch durch Boie dem wackeren Helwing eine Ehrenerklärung gegeben und die Zurückziehung der »hoffentlich nicht verkauften Exemplare der Vertheidigung« wie das Autodafé der »Wolken« in Zimmermanns Gegenwart gefordert. Es war zu spät. Der Leipziger »Almanach der deutschen Musen auf das Jahr 1777« S. 9 (nichtssagende Notiz), des herausgeforderten Nicolai Allgemeine deutsche Bibliothek (Anhang zu Bd. 25–36, S. 774 f.; unterzeichnet A., d. h. nach Parthey: Beckmann), Schubarts Teutsche Chronik (18. Juli 1776; 58. Stück, S. 461 f.) bringen Recensionen. Diese beiden widersprechenden mögen hier folgen. Das Berliner Organ sagt über »Vertheidigung« und »Éloge«:

Ein Paar elende Scharteken. Hr. Lenz, von dem eine Zeitlang einige Leute ein gewaltiges Lärm [so] machten, als ob er, wer weiss was für ein Genie wäre, schreibt auf Herrn Wieland ein Pasquill, die Wolken betitelt. Er nimmt nachher, aus wichtigen Gründen, wie er sagt, den heilsamen Entschluss, den Druck dieses Pasquills zu hintertreiben. Er weiss aber den Schritt, den er im Aristophanischen Spleen zu weit gethan, nicht anders gut zu machen, als dass er eine Vertheidigung Wielands gegen eben diese Wolken schreibt, deren sehr unnöthige Existenz wir sonst gar nicht wusten, und erst hierdurch erfahren. Es ist wohl ein Zeichen der gewaltigen Eitelkeit des Verf. dass er auch der Welt einen solchen ungedruckten Wisch hat ankündigen wollen. Er schwatzt dabey über allerley Sachen ins Gelag hinein, als ob er sie verstände, unter andern auch über die allgemeine deutsche Bibliothek, wowider es nicht der Mühe werth ist ein Wort zu verlieren. Dabey ist es sehr possierlich, mit wie vielem Eigendünkel er S. 32 mit Hrn. W. rechtet, und vermeynet, Hr. W. hätte es an ihm verdienet, dass er noch schlimmer mit ihm verführe. »Mit alledem ... gescholten hätte« [hier 20,14–32. Zu dem Wort »Kunstrichter« Fussnote: »Hr. L. muss wohl glauben, er könne beyde Mienen sehr leicht annehmen.«] Als ob, wenn auch alles dieses wahr wäre, seine verfehlte Schakespearische Manier dadurch im geringsten besser würde. Aber solchen Leuten kommt es nur darauf an, das Fleckchen zu finden, wo es am wehesten thut.

Unter dem Titel Eloge stehen drey sehr mittelmässige Gedichte ... womit auch W. soll wehe gethan werden. Es ist aber alles so übertrieben und so platt, dass auch da, wo d. V. einigermassen wider W. recht haben [mag], niemand auf seine Seite treten wird.

Dagegen urteilt Schubart, denn er ist es offenbar selbst:

Vor einiger Zeit gieng eine Komödie, die Wolken betitelt, im Msct. herum, worinnen Wieland und Nikolai mit Aristophanischer Bosheit misshandelt wurden. Da entschuldigt sich nun dessfalls der Verfasser in einem Bogen und legt sein Glaubensbekänntniss vom Wieland und mit unter auch von Nikolai ab, so, dass der erste damit zufrieden seyn, der leztere aber schreyen muss über den harten schmerzhaften Angrif eines Mannes, der ihm an Genie so weit überlegen ist. So kühn, so steif [so] und gutsinnig, so gedankenvoll und tiefsinnig, so im Feuerstrome ausgegossen, ist noch wenig geschrieben worden, wie hier diese drey Bogen. Am Ende räth er Wielanden zur Strafe für viele seiner sittenverderbenden Schriften — in seinem Alter Dichterruhe auf Lorbeern an. Sind 40. Jahre schon das Greisenalter des Dichters? — Nicht doch! Homer schrieb seine Odyssee im fünfzigsten Jahr. Klopstock einige seiner vortreflichsten Stücke vom 40. bis zum 50sten Jahr, und Young seine Nächte gar im 80sten Jahr. Dass Wielands Phantasie noch bey weitem nicht ausgetrocknet sey, beweisen seine neusten poetischen Stücke im Merkur, die gröstentheils voll Lebensfeuer sind.

Indessen wirds jeder Leser (versteht sichs, wer lesen kann) gar leicht sehen, dass diese Bogen einen unsrer ersten und vortreflichsten Köpfe zum Verfasser haben. Feuer muss da seyn, wo einem die Flamm' ins Gesicht schlägt.


Sachlicher Erläuterungen bedarf es im einzelnen nur ganz wenig. 4,6 Aristophanes, Ritter V. 637 νυν μοι θρασος και γλωτταν εùπορον δοτε φωνην τ' αναιδη. 28 Hesiod, Werke u. Tage V. 25 και κεραμευς κεραμει κοτεει και τεκτονι τεκτων και πτωχος πτωχω φθονεει και αοιδος αοιδω. 6,32 Vgl. an Sophie v. La Roche o D. (Euphorion 3, 538): »Sie sehen, warum ich Wieland als Menschen lieben, als komischen Dichter bewundern kann, aber als Philosophen hasse und ewig hassen muss.« 10,28 ff. Nicolai, 12,14 In der »Gelehrtenrepublik« (5. Morgen) sagt ein »Ausrufer«, nach den Gesetzen habe jeder freilich nur Eine Stimme — »aber, der Wirkung nach, haben wir viele Stimmen; sind wir Richter.« 35 Wielands sauersüsses Nachwort zu der »Crudität«: »Über das Ideal einer Geschichte«, anonym im T. Merkur Mai 1774, S. 195–213; Nachwort S. 214–217. 13,1 Nicolai. 32 Diels verweist mich freundschaftlich auf Demosthenes, Kranzrede 5 παντων μεν γαρ αποστερεισθαι λυπερον εστι και χαλεπον, μαλιστα δε της παρ' hυμων ευνοιας και φιλανθρωπιας, ὁσωπερ και το τυχειν τουτων μεγιστον εστιν. 33 Herder. 14,10 Der Δικαιος λογος, »Wolken« V. 906. 16,1 Nicolai. 4 Sebaldus Nothanker. 17,3 »Das Urtheil des Midas«, T. Merkur Januar 1775. 16 »Wetterhahn«, s. auch Anm. übers Theater S. 14. 32 »Uebersetzung einer Stelle aus dem Gastmahl des Xenophons« (6,1), mit heftigem Protest gegen den »bübischen Aristophanes«, verlesen in der Strassburger Gesellschaft am 1. Februar 1776, noch ungedruckt. 20,23 Wieland betont namentlich in seiner so unbefangenen Götz-Recension die Forderungen der Schaubühne, T. Merkur Juni 1774 S. 324 ff. 28 »rüstigen Knaben« wohl Anspielung auf T. Merkur August 1775, S. 177. 29 Alceste. 33 Die »Geschichte des Philosophen Danischmende« erschien seit dem Januar 1775 im T. Merkur. 22,36 Werthers Leiden. 24,30 Vgl. den Schluss der »Soldaten«. 25,27 Vgl. »An mein Herz«, Gedichte ed. Weinhold S. 109 ff. (110 V. 58 »vertaubt«).

Zum Text. Die vielen, manchmal sehr starken Anakoluthien wie 18,1–17, 22,18–23,1 oder Zerfahrenes wie 21,26 ff. bleiben natürlich bestehen; auch allerlei Schwankungen der Orthographie, soweit nicht der Zufall eine vereinzelte Abnormität bietet. 6,7 auf dem fett 7,6 Endtzwecke; in den Anm. übers Theater steht Entzweck 20 zeigen, nicht »zeugen von« ist bei Lessing u.s.w., Goethe u.s.w. nicht selten 8,36 öftern 9,14 sich ist wohl aus Versehen, da das obige nachklang, ausgefallen 32 Punkt mit dem, Lenz wollte dann »verbinden« oder »vereinigen« schreiben 10,26 Richtscheid als Masc. wie Entscheid 11,10 dem 37 Ebenheurer 12,2 Gesicht, das 8 Las; Lenz mag ja in der Eile so geschrieben haben, wie er sogar 'Parnas' schreibt 23 Fischglocke 25 gleichfals, sonst hier nie 31 daß Wir 36 Skiagraphie zu ändern ist nicht geboten, da Lenzens Griechisch manchmal inkorrekt erscheint 13,23 sollten. — 25 heimsucht 14,33 wovon fett 15,22 seyn: seyen, wie bei Kant, Herder u.s.w. 34 sobald 16,1 J. Lenz moniert den Druckfehler, an Zimmermann s. o. 17,4 konnte, die Leben 18,21 Komma fehlt 32 Verdienste nicht fett 19,10 Amadisse, daß 18 und die 22,1 Wohl dem 19 den ersten 24,24 glaubt zu ändern? 25,16 ihre V., ihre 17 ihre 20 Sie 34 seit ab gegen 28,2 26,3 thönen gegen die Norm (auch Anm. übers Theater S. 8) 27,22 erborgtes läge näher 29 gefühligen korrigiert Lenz selbst statt des Druckfehlers gefühllosen, an Zimmermann s.o. 28,6 ihre 17 ihr

Beilagen. 1. »Pandämonicum Germanicum.« Die Scene ist aus der in einem zu Weinholds Doktorjubiläum 1896 als Privatdruck von Berliner Germanisten mit den Varianten des Dumpfischen Manuskriptes und einem Kommentar herausgegebenen Maltzahnischen Handschrift; beides nun in der Kgl. Bibliothek vereinigt. Tieck und Sauer wiederholen den Nürnberger Druck, an dessen lässigen und willkürlichen Abweichungen nicht Dumpf, sondern der Verleger Campe die Schuld trägt. Vgl. zur Überlieferung noch Falck, Sterns Litterarisches Bulletin der Schweiz V 1896, No. 1 f.

29,11 πω und 30,23 danzen schreibt Lenz auch sonst 31,1 Sophie v. La Roche.

2. »Meynungen eines Layen den Geistlichen zugeeignet. Stimmen eines Layen auf dem letzten theologischen Reichstage im Jahre 1773. Leipzig in der Weygandschen Buchhandlung. 1775« 189 S. Vgl. über diese anonyme Schrift, deren Einkleidung auf Klopstocks »Gelehrtenrepublik« weist, deren Tendenzen in erster Linie von Herder ausgehen, einstweilen meine Notiz, Lenziana 1901, S. 5 f. (Sitzungsberichte der kgl. preuss. Akademie der Wissenschaften 41, 983 f.). Die ästhetisch-ethische Abschweifung berührt den Gedanken- und Tendenzenkreis der »Vertheidigung«.

33,5.6 er nicht in »es« zu ändern, da Lenz für Kind der Natur in Gedanken »Mensch« substituiert; auch ist 34,2 dauerhaftern nicht geboten 34,14 vgl. Anm. übers Theater S. 28 18 im dritten Absatz »Von deutscher Baukunst«.

Vertheidigung
des
Herrn W.
gegen die Wolken
von dem
Verfasser der Wolken.

Nec sum adeo informis.

Virg. Eccl. 2. v. 25 & sq.

1776.