22. November 1888.


Spiegelglatte See, Windstille undheller Sonnenschein bildendie meteorologische Ueberraschung,während der Zug vonNabresina nach Triest den Karsthinunterrollt und der mit Segelnund wenigen Dampfern gezierte Hafensichtbar wird. – Im Hôtel de la Ville istmein neuer Chef, der Gesandte für Ostasien,Baron Rüdiger Biegeleben, heute früh ausVenedig eingetroffen, und die letzten Stundensind mit Briefschreiben und Commissionenganz ausgefüllt. Ich hole meineKarte nach Singapore im Lloydgebäude undmuss dort für die »Panatica« allein (Verköstigung)25¾ Napoléons erlegen: eineunangenehme Pille! Dann fahre ich auf denneuen Molo, um den dort verankerten »Poseidon«,der die Ehre haben wird, mich undmein Glück zu tragen, zu besichtigen undmeine Cabine zu belegen. Es ist alles inOrdnung, und beim Frühstück im Hôtel Delormelerne ich durch einen alten Universitätscollegenden wackeren Commandantendes schönen Fahrzeuges, den Capitän SpiroMersa kennen – »der beste unter allenLloydcapitänen«, sagt mein Freund – es istein kleiner, magerer Mann mit grauen Haarenund Schnurrbart, mit »zerquetschter« Nase,sehr beweglich und aufgeweckt, soignirt undgut angezogen, ein charmanter, liebenswürdigerMensch – nebstbei (last not least) einSeemann di primo cartello! Gegen ½4 Uhrbin ich wieder an Bord, wo der Regierungsvertreterbeim Lloyd, Contre-Admiral Biringer,der Präsident der Triester Seebehörde,Alber, und der Verwaltungsrath P. versammeltsind, um Abschied zu nehmen – diemeisten Passagiere sind schon da, auch diezwei Jagdhunde des Gesandten und seinunübertrefflicher Kammerdiener Harrison,nur die Hauptperson fehlt, Baron Biegelebenselbst! Laufen, Suchen, Fluchen, Schimpfen;schliesslich wenige Minuten vor 4 Uhr erscheintder Vermisste, ich stelle ihm rasch dieHonoratioren vor, einige Phrasen werden gewechselt,das Schiff wird klar gemacht, undPunkt 4 Uhr gleiten wir hinaus in die Adria»en route pour les Indes«. Bald verschwindendie letzten Häuser Triests, wir passiren denGolf von Muggia, Perasto, Rovigno; auf derHöhe von Pola nehmen wir unser erstesDiner an Bord ein; »il tempo si guasta«;es wird kalt und windig, tangaggio undRollen!

TRIEST