IV.

Ich glaube, ich wäre ruhiger, wenn ich den Menschen auf der Erde ein Zeichen geben könnte, daß ich hier lebe und an sie denke. Das ist so wenig, und es würde mich so namenlos glücklich machen!

Es ist doch furchtbar, wenn ich bedenke, daß mich viele Hunderttausende von Kilometern, eine interplanetarische Strecke, die noch niemals zurückgelegt wurde, von dieser Scholle aus Stein und Lehm, auf der ich geboren bin, trennen!

Wie viel zufriedener müssen diese Zwerge hier sein, deren Gedanken nur damit beschäftigt sind, ob die Fischerei auf dem Meere reichlich ausfällt, der Salat gut aufwächst und die verwilderten Hunde nicht die eiertragenden Eidechsen in den Umzäunungen zerreißen ...

*

Heute habe ich einige Stunden auf der Friedhofinsel zugebracht ... Früher, vor vielen Jahren, saß ich dort gerne und dachte über die Vergangenheit des heute erloschenen Mondglobus nach; jetzt zieht es mich wieder oftmals dorthin, aber wenn ich auf dem mit Gräbern bedeckten Hügel am grünen Meere sitze, denke ich nur an Martha, Peter, Tom und an mich selbst und wann ich wohl endlich, endlich neben ihnen ruhen werde. Gerade heute, als ich so dort bei ihnen saß und auf die stille Meeresoberfläche blickte, überfiel mich ein so grenzenloses Leid, ein so trostloses Weh, daß ich wie ein Kind zu weinen begann und die Hände ausstreckte zu den Gräbern und sie bat, sich zu öffnen und zu mir zu sprechen oder mich in ihre Gesellschaft aufzunehmen.

Ich fühlte, daß es mir unmöglich ist, länger zu leben. Was hält mich auch noch auf dieser Welt? Schmerz, Leid, Sehnsucht, die furchtbarste Vereinsamung, alles das habe ich zur Genüge ausgekostet; seit langem bin ich niemandem mehr unentbehrlich: Nun ist es Zeit zum Fortgehen!

Ja, es ist Zeit! Ich will nur einmal noch die Erde sehen, auf diese helle Kugel schauen, die am Himmel hängt, auf die Erdteile, die langsam darüber kreisen und die dahingleitenden weißen Flecke der Wolken. Ich will noch einmal das Auge anstrengen, vielleicht erkenne ich das Land, wo ich geboren bin, und dann ...

Als ich zum Strande zurückruderte, war mein Entschluß gefaßt. Ich werde zum Polarlande gehen, um auf die Erde zu schauen.

Ich näherte mich meinem Hause und legte mir in Gedanken die ganze Fahrt und die dafür nötigen Vorbereitungen zurecht. Auf der Schwelle des Sommerhäuschens fand ich Ada. Sie war zu der gewöhnlichen Stunde gekommen, und als sie mich nicht antraf, wartete sie geduldig auf meine Rückkehr.

Mein Herz war so voll von der Hoffnung, die Erde, wenn auch nur von ferne, wiederzusehen, daß ich mich nicht zurückhalten konnte, Ada meine Absicht mitzuteilen.

— Höre! rief ich, als sie mich begrüßte, bald werde ich von euch gehen!

Sie sah mich mit dieser geheimnisvollen Würde an, die sie mir gegenüber stets bewahrt, und antwortete nach einem kleinen Zögern:

— Ich weiß, daß du fortgehst, wenn du willst, Alter Mensch ... aber ...

Noch niemals hatte mich die seltsame Art dieser Geschöpfe, mit mir umzugehen, an die ich mich schließlich schon hätte gewöhnt haben müssen, derartig aufgebracht. Im ersten Augenblick schnürte sich mir das Herz im Gefühl der Vereinsamung und Bitterkeit zusammen und dann packte mich ein unbezwinglicher Zorn.

— Genug dieser Narrheiten, rief ich, mit dem Fuß stampfend. Ich werde fortgehen, wann es mir gefällt und wann ich will, aber daran ist nichts Geheimnisvolles, nichts Ungewöhnliches! Geh zu Jan und sage ihm, daß ich morgen früh die Hunde für den Wagen haben will; ich fahre zum Polarland.

Ada sprach kein Wort und entfernte sich, um meinem Befehl nachzukommen.

Ungefähr zwei Stunden später bemerkte ich eine ungewöhnliche Bewegung vor meinem Hause. Jan und die Kinder, mit einem Wort, alle, die Frauen nicht ausgenommen, hatten sich versammelt und standen entblößten Hauptes, schweigend und ängstlich auf meine Tür blickend. Ada trat aus ihrer Gruppe heraus und blieb auf meiner Schwelle stehen. Sie war in feierlicher Kleidung: einen Kranz in den Haaren, von dem Halse bis zu den Hüften herab hingen Schnüre von blutigrotem Bernstein und blaue Perlen; in der Hand hielt sie einen Stab, aus den Wirbeln eines Hundes, die geglättet auf einen langen Kupferdraht gesteckt waren.

— Alter Mensch, wir wollen zu dir sprechen!

Eine unbeschreibliche Wut erfaßte mich. Ich wollte die an der Wand hängende Riemenpeitsche ergreifen und diese Horde, die mit einem solchem Pomp zu mir gekommen, auseinandertreiben; aber dann taten sie mir wieder leid. Was können sie dafür.

Ich hielt mich zurück und trat vor das Haus, in der Absicht, noch einmal den Versuch zu machen, ihnen vernünftig zuzureden. Der wilde Lärm des Beipflichtens, der sich nach Adas Ansprache erhoben hatte, verstummte sofort, als ich auf der Schwelle erschien. Man hörte in der Stille nur noch den jüngsten Enkel Jans leise weinen und das erstickte Flüstern der Mutter: Still, still, der Alte Mensch wird unwillig ...

Da überkam mich das Gefühl eines grenzenlosen Mitleids.

— Was wollt ihr von mir? sagte ich, Ada zur Seite schiebend.

Jetzt trat Jan vor. Er schaute mir eine Zeitlang mit dem Blick eines ratlosen, verängstigten Zwerges in die Augen und sagte schließlich, nachdem er sich umgesehen, um aus den Mienen der Kameraden Mut zu schöpfen:

— Wir wollten dich bitten, Alter Mensch, daß du noch nicht von uns fortgehen möchtest.

— Ja, ja, gehe noch nicht von uns! wiederholten flehend über dreißig Personen.

Es lag eine solche Angst und eine derartig inständige Bitte in ihren Worten, daß ich mich von einer tiefen Rührung ergriffen fühlte.

— Und was liegt euch daran? sagte ich, diese Frage mehr mir selbst als ihnen vorlegend.

Jan dachte eine Weile nach und begann dann langsam, mit sichtlicher Mühe, seine unklaren Gedanken und Empfindungen zusammenzufassen:

— Wir wären allein ... Es würde die lange Nacht und die große Kälte kommen. Oh, die böse Kälte, die wie ein Hund beißt, und wir würden allein sein ... Dann würde die Sonne aufgehen, und du wärest nicht bei uns, Alter Mensch ... Ada — hier blickte er auf die neben ihm stehende „Priesterin“ — Ada sagte uns, daß du dich mit der Sonne kennst und noch mit einem anderen Stern, der größer ist als die Sonne und geheimnisvoll und manchmal schwarz und dann wieder hell erscheint, den sie gesehen hat, als sie mit dir dort war im Norden ... Sie sagte, daß du von dort gekommen bist, und wenn du ihn siehst, zu diesem Sterne sprichst, in einer heiligen Sprache, dieselbe, in der wir zu dir sprechen müssen. Wir fürchten uns, daß du von dort nicht wieder zu uns zurückkehren könntest, denn wir würden allein bleiben. Wir bitten dich also ...

— Ja, ja, wir bitten dich, bleibe bei uns! riefen die Zwerge, den Satz Jans beendend.

Eine Zeitlang stand ich ratlos, ohne zu wissen, was ich ihnen antworten sollte. Die Männer und Frauen umringten mich, streckten die Hände aus und baten mit angstvollen Stimmen:

— Bleibe bei uns, bleibe!

Ich fühlte, daß es zwecklos wäre, ihnen jetzt zu wiederholen, was ich ihnen schon so oft gesagt hatte, daß ich ein gewöhnlicher Mensch sei, durchaus mit keinen geheimnisvollen Kräften begabt und ebenso wie sie alle dem Tode verfallen. Ich wußte nicht, was ich tun sollte; in den Ohren tönte es mir nur unaufhörlich, gleichmäßig wie eine Litanei: Bleibe bei uns!

Ich schaute auf Ada. Sie stand abseits in ihrem Priestergewande, mit einer außerordentlichen Würde in der ganzen Gestalt, aber es schien mir, daß ich auf ihren Lippen ein Lächeln bemerkte — halb spöttisch, halb wehmütig ...

— Weshalb hast du sie hierhergeführt? frug ich.

Sie lächelte wieder und erhob die bis jetzt gesenkten Augen.

— Du hörst doch, Alter Mensch, was sie von dir wollen.

Rings umher dröhnte es unaufhörlich: Bleibe bei uns.

Das war mir zu viel.

— Nein, rief ich hart, ich werde nicht bleiben! Ich werde nicht bleiben, denn ...

Und abermals wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Wie konnte ich ihnen erklären, daß ich gehe, um die Erde zu sehen, den mächtigen und hellen Stern, nach dem ich mich so grenzenlos sehne, ohne sie in dem wahnsinnigen Irrtum zu bestärken, daß ich ein übernatürliches Wesen bin? ... Inzwischen war es still geworden. Ich blickte auf die Versammelten und bemerkte, daß diese Zwerge weinten! Sie weinten bei dem Gedanken, daß ich sie verlassen würde! Sie riefen nicht mehr, sie baten nicht, aber in ihren tränenvollen, auf mich starrenden Augen lag die Demut eines Hundes und ein Flehen, das lauter sprach als alle Worte. Sie dauerten mich unbeschreiblich.

— Ich werde von euch gehen, sagte ich mit weicher Stimme, aber noch nicht jetzt. Ihr könnt ruhig schlafen!

Ich hörte etwas wie ein Seufzen der Erleichterung, das sich ihren Kehlen entrang ...

— Und wenn ich einmal die Reise antrete, fügte ich hinzu, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, die Reise, dort nach Norden, wo der schönste Stern leuchtet, von dem ihr von mir und von Ada gehört habt, dann werde ich auch euch mit mir nehmen, damit ihr ihn seht und später euren Kindern und Kindeskindern davon erzählen könnt.

— Du bist groß, Alter Mensch, groß und gnädig! antworteten mir zahlreiche freudige Stimmen. Gehe nur nicht von uns auf diesen Stern, von dem du sprichst!

— Wenn ich fortgehen könnte, seufzte ich unwillkürlich, aber leider bin ich nur ein Mensch, so wie ihr.

In der Gruppe der Zwerge entstand eine Bewegung. Sie schauten sich untereinander an, und es schien mir, daß ich auf ihren breiten Lippen etwas bemerkte, das einem schnellen Lächeln des Einverständnisses glich und sagen wollte: Wir wissen schon, wir wissen! Ada hat uns gesagt, daß der Alte Mensch aus irgendeinem unerklärlichen Grunde nicht will, daß wir wissen sollen, daß er ... der Alte Mensch ist ... Von neuem erfaßte mich der Mißmut; ich wandte mich um und ging in das Zimmer. Vor dem Hause entstand Lärm. Ich sah durch das Fenster, wie sich alle um Ada scharten, die lebhaft etwas erzählte, wahrscheinlich von mir und meiner Übernatürlichkeit.

Augenblicklich ist es nicht weit bis zum Sonnenuntergang, und das Mondvölkchen hat sich schon längst in seinen Häusern zerstreut, die sich in langer Reihe an den steinigen, nach Südwesten laufenden Ufern der warmen Teiche erheben. In einigen Stunden werden sie sich zu einem langen Schlafe niederlegen und wahrscheinlich von der ihnen vom Alten Menschen versprochenen Fahrt träumen und von der Erde, dem mächtigen, seltsamen und unbekannten Stern, den sie nur aus den Erzählungen kennen ...

*

In einigen Stunden werde ich das einzige wachende Wesen auf dem Monde sein.

Aber jetzt ist überall noch Leben. Ich sehe durch das Fenster, wie sich vor dem Hause Jans seine Söhne zu schaffen machen; nicht weit davon beenden die Frauen in aller Eile das Einsammeln der Nahrung vor der bald hereinbrechenden Nacht.

Ich weiß nicht, ob ich gut daran tue, mich noch länger unter diesem Völkchen aufzuhalten; aber da gibt es kein Überlegen mehr, denn ich habe ihnen versprochen, daß ich noch bleibe.

Und nur einen Trost fühlt mein altes, schwergeprüftes Herz — lange wird es nicht mehr schlagen müssen. Noch einige Tage, einige Mondtage höchstens, und dann ziehe ich gen Norden, zum Polarland, um dort das Leben zu beenden, — den Blick auf die geliebte Erde gerichtet.

Diese Zwerge werden sich an mein Versprechen erinnern, ich weiß es, und mich begleiten wollen. Und so werde ich einige von ihnen mitnehmen auf diesen letzten Weg; mögen sie die Erde sehen und dann zu den Brüdern zurückkehren — ohne mich.

Eine quälende Sehnsucht drückt mich. Es tut mir leid, daß ich nachgegeben und ihnen versprochen habe, noch hier zu bleiben. Der Gedanke ängstigt mich, es könne mir in kurzer Zeit vielleicht schon an Kraft und Leben fehlen, die Reise nach dem Lande, wo ich die Erde vor Augen habe, anzutreten.

Aber nein, meine Kräfte werden noch genügen! Ich wundere mich manchmal selbst über die Frische und Unverbrauchtheit meines Organismus. Ich nähere mich nun fast dem hundertsten Jahre, und es scheint, daß mich jeder Tag, statt meine Kräfte zu erschöpfen und meine Gesundheit zu untergraben, nur noch mehr stärkt und fester macht.

Und wiederum denke ich unwillkürlich an jene zugleich lächerliche und entsetzenerregende Überlieferung, die unter diesem Volke verbreitet ist, daß ich niemals sterben werde.

Ein furchtbarer Gedanke! Denn leider kann sich nur die physische Natur des Menschen an ihr Widersprechendes gewöhnen, die Seele niemals! Mein Schmerz und meine Sehnsucht werden nie verblassen, im Gegenteil, sie wachsen unaufhörlich ins Ungeheure, Riesenhafte.

Ich jage diesen Gedanken von mir und denke nur noch mit einem heißen Glücksgefühl daran, daß ich in einigen Mondtagen die Erde sehen werde. Das Herz schlägt mir dabei, als wenn ich ein zwanzigjähriger Jüngling wäre, der zu einem Stelldichein mit einer erträumten und über alles geliebten Beatrice geht, mit der er bisher nur in Träumen zu sprechen gewagt hat.

Aber ich weiß, meine Geliebte wird kalt sein, stumm und unerreichbar; ich werde sehnsuchtsvoll die Arme nach ihr ausbreiten und sie durch die undurchdringlichen Himmelsräume rufen, sie wird weder meine Stimme hören noch mir irgendeinen Gedanken, noch eine Erinnerung weihen.

Es ist etwas Seltsames und zugleich Ungeheuerliches, den Gegenstand seiner Sehnsucht am Himmel zu haben. Es dünkt mich, daß ich an diesen entfernten, von hier aus unsichtbaren heimatlichen Stern mit einem langen Faden, der um mein Herz geschlungen ist, gebunden bin, der sich in die Unendlichkeit ausdehnen, aber niemals reißen kann. Und so an diese unerreichbare Welt gebunden, fühle ich, daß mir der Boden unter den Füßen fremd ist und immer fremd bleiben wird.

Ja, es ist etwas Furchtbares um die Liebe zu den Sternen! Denn die Erde ist für mich nur noch ein Stern, den ich über alles liebe. Wenn es Geister gibt, die von erhabeneren und lichteren Welten, von flammenden Sonnen vielleicht auf dunkle Planeten herabfallen, so erdulden sie in der Tat, wenn sie die Erinnerung bewahrt haben, die schrecklichsten Qualen, wie auch ich sie erdulden muß.

Wie oft am Tage wiederhole ich mir, daß jenes armselige, von mir so bemitleidete Mondvölkchen der Zwerge, das fast im Staube vor mir, dem Alten Menschen, kriecht, doch tausendmal glücklicher ist als ich.

Jetzt, nachdem sie ihre Arbeit beendet haben, gehen diese Leutchen um ihre kleinen Häuser herum, unterhalten sich, lächeln einander zu und sind heiter und zufrieden. Jan, der durch das natürliche Recht des Ältesten ihr Oberhaupt ist, ruft sie vor dem Abend, wie ich das ein für allemal vor Jahren angeordnet habe, zwecks gemeinsamen Lesens einiger Abschnitte aus den ihnen von mir bezeichneten Schriften, zusammen. Früher, zu Toms Lebzeiten, als Jan noch ein kleiner Knabe war, habe ich diese Abendversammlungen gewöhnlich geleitet, ihnen die Bibel oder andere zum Lesen bestimmte Bücher erklärt und von der Erde erzählt und von den Menschen; aber jetzt zeige ich mich nicht einmal mehr am Versammlungsort, dort unter dem Kreuze, dessen Bedeutung sie kaum verstehen. Warum soll ich zu ihnen sprechen, da sie sich jedes meiner Worte doch nur nach ihrem Sinne deuten und jede Wahrheit durch phantastische Legenden entstellen und verwirren?

Und dennoch, ich muß es mir immer wieder sagen: Sind sie schuld daran? Ist es ihre Schuld, daß sie alles, was sie hören, auf sich beziehen, unfähig, sich in Gedanken über diesen Landstreifen zu erheben, den sie bewohnen? Sind sie schuld daran, daß sie beim Lesen der Bücher der Genesis an ihren Großvater Peter denken, dessen Grab sie auf der Friedhofinsel kennen, und die Augen mit dem Ausdruck einer Götzenanbetung auf mich richten? Daß Menschen eine andere Welt bewohnen können, einen Stern, der denjenigen gleicht, die in der Nacht über ihnen leuchten, halten sie für etwas, woran man glauben muß, weil ich es gesagt habe, aber was sich vorzustellen unmöglich ist.

Ich habe alles getan, um in diesen Menschen die Seele zu wecken, und erst dann meine Bemühungen aufgegeben, als ich mich von der gänzlichen Unmöglichkeit überzeugt hatte. Ich sollte mir daher also keine Vorwürfe machen, und trotzdem fühle ich die auf mir lastende furchtbare Verantwortung für diesen Fall des menschlichen Geschlechts, das mir anvertraut war. Und wiederum die Ironie des Lebens: Sie sind in ihrer Weise glücklich, und ich gräme mich ihretwegen und vergrößere durch eine quälende Sorge um sie meinen nagenden Schmerz und meine Sehnsucht ...

V.

Wieder sind Jahre auf der Erde verflossen, seit ich zum letztenmal diese Blätter in Händen hatte. Heute öffne ich das Tagebuch, um das Datum zu notieren, wo ich dieses Land am Meer für immer verlasse. Ich gehe endlich zum Polarland!

Seit unserm EXODUS sechshunderteinundneunzig Mondtage.

*

Alles ist schon bereit. Unsern alten Wagen, bis zur Hälfte kleiner gemacht und verbessert, habe ich mit Lebensmitteln und Brennmaterial versehen, die mir für eine lange Zeit des Aufenthaltes im Polarland genügen werden — länger vielleicht, als ich es benötige ... denn ich bin alt ... Ich sollte heute früh aufbrechen, aber es ist ein Umstand eingetreten, der meine Reise wohl um einen Mondtag verzögern wird.

Die Sache verhielt sich so: Seit Toms Expedition nach Norden zum Äquator, die er fast mit dem Leben bezahlen mußte, hatte ich streng verboten, derartige Reisen zu unternehmen, denn ich war fest überzeugt, daß sie zu keinem Ziel führen und die Teilnehmer nur unnötig in Gefahr bringen. Bisher befolgte man diese meine Anordnung aufs genaueste und ich glaubte bestimmt, daß es immer so bleiben würde, besonders in Anbetracht des geringen Unternehmungsgeistes dieses Mondvolkes, das mit seinem ganzen Interesse nur an den praktischen und alltäglichen Dingen und Lebensbedürfnissen hängt.

Und dennoch habe ich mich getäuscht. Es scheint selbst hierher ein Hauch jenes Feuergeistes von der Erde gedrungen zu sein und verborgen in der Brust dieser Zwerge zu leben; jenes Geistes, der dort den Fortschritt bewirkt und die Menschen zur Entdeckung neuer Weltteile im Ozean fortgerissen hat. Seit einiger Zeit schon bemerkte ich, daß einige der Männer mit sehnsüchtigen Augen nach Norden schauen, über das weite Meer. Sie frugen mich einst, was wohl dort sein könne hinter dem großen Wasser, und ich antwortete ihnen, daß ich es nicht weiß. Sie aber, wie in ihren Mienen deutlich zu lesen war, glaubten nicht daran. Sie hatten mich vielmehr im Verdacht, daß ich es ihnen nur nicht sagen wollte.

Die letzte Nacht verbrachte ich mit Jan an den nahen Petroleumquellen, mit der Zubereitung der Vorräte für die Reise zum Polarland beschäftigt. Als ich am Morgen ans Meer zurückkehrte, mich von dem Mondvolke zu verabschieden, um fern von diesen Gegenden mein Leben zu beenden, erfuhr ich, daß drei Männer, die kräftigsten und kühnsten, meine Abwesenheit benützend, nach Norden gefahren sind, wie mir ihre Frauen erzählten. Sie bauten sich einen Schlitten, brachten darin den zweiten Elektromotor unter und nahmen außer den nötigen Lebensmitteln zwei Hunde und verschiedene Pelze mit. Sie fuhren in der Nacht auf das festgefrorene Meer hinaus, um noch vor dem Morgen an das gegenüberliegende Ufer auf der nördlichen Halbkugel zu gelangen.

Ein wahnsinniges Unternehmen! Ich bin überzeugt, daß sie niemals zurückkehren werden, aber indessen muß ich den Bitten Jans und Adas nachgeben und noch einen Tag warten, um sie zu segnen, wenn sie heimkommen sollten, ehe ich fortgehe.

Ich frug die Frau Kaspars, des ältesten der drei Abenteurer, weshalb sie nach Norden gegangen wären. Sie antwortete, daß sie sehen wollten, was dort sei ... Darüber hinaus konnte sie mir keine Erklärung geben.

Schade um diese Menschen, denn sie werden unzweifelhaft zugrunde gehen und sind tüchtig, wie sie es bewiesen haben.

*

Endlich kommt der Tag der Abreise heran! Die Sonne ist seit einigen Stunden aufgegangen, und das Eis beginnt zu schmelzen, bald werde ich den Wagen besteigen und nach Norden aufbrechen.

So ohne Leid nehme ich von diesem Lande Abschied, obwohl ich doch weiß, daß ich fortgehe, um nie mehr wiederzukehren.

Ich sehe mich noch einmal nach dem Grabe Marthas, auf der entfernten Insel, um, und es ist mir seltsam weh zumute ...

Gestern vor dem Abend habe ich einige Stunden an diesem Grabe verbracht. Es war mir schwer, mich von ihm zu trennen: Das ist das einzige, was ich auf dieser Welt liebe. Ich habe ein wenig Erde von diesem kleinen Hügel mitgenommen, die will ich an die Lippen pressen, wenn ich allein im weiten Lande sterben werde.

Es ist Zeit, daß ich aufbreche ... Das Mondvolk sammelt sich, um mir Lebewohl zu sagen. Sie murren nicht, sie widersetzen sich nicht, sie wissen, daß es so sein muß. Ada, Jan und zwei seiner Brüder sollen mich zum Polarlande begleiten. Ich konnte ihnen das nicht abschlagen.

Die drei andern sind noch nicht heimgekehrt und werden wohl auch niemals heimkehren. Aber ich will nicht mehr länger warten. Übrigens sind alle meiner Abreise wegen so niedergedrückt, daß sie nicht einmal an sie denken.

Nur Jan hat heute bei Sonnenaufgang ihre Namen erwähnt und hinzugefügt:

— Es ist ihnen ein Unglück zugestoßen, denn sie sind aufgebrochen, ohne den Alten Menschen um Rat zu fragen.

Ein Schluchzen der Versammelten antwortete ihm.

— Von jetzt ab werden wir niemanden mehr zu fragen haben, klagten sie und drängten sich weinend um mich.

Fast scheint es mir, daß diese Menschen mich lieben. Eine seltsame Entdeckung — in diesem letzten Augenblick ...

Aber das alles ist gleichgültig! Es ist Zeit für mich, aufzubrechen!

*

Unterwegs auf der See-Ebene.

Ach, wie erleichtert atme ich auf, wenn ich bedenke, daß nun das Mondleben hinter mir liegt und vor mir nur noch ein kurzer Aufenthalt im Polarland — unser erster Aufenthalt einst auf diesem Globus — und dann — der Tod im Angesicht der Erde, meiner geliebten, am Himmel leuchtenden Heimat.

Langsam wird alles Traum für mich, mein vergangenes Leben und diese Menschen, die ich dort am Meere zurückgelassen habe; alles das zerrinnt in einen schillernden Traumnebel, durch den in meinem Geiste nur noch das flammende Rund der Erde glänzt.

Ich bin schon voller Ungeduld und möchte sie so schnell wie möglich sehen, da ich die Sehnsucht nicht mehr bemeistern kann. Es ist Nacht und der Schlaf will sich nicht auf meine Lider senken. Ich versuche durch Schreiben die langen Stunden zu verkürzen.

Wir haben zur Nacht hier haltgemacht, wo Peter einst die ersten Petroleumquellen entdeckte. Wie viele Jahre sind seitdem verflossen! Und wieder kehre ich in Gedanken zu diesem Leben zurück, das schon so weit hinter mir liegt. Meine verstorbenen Kameraden stehen mir vor Augen und Martha und ihre ersten Kinder, die ebenfalls nicht mehr leben ...

Ach, fort mit diesen quälenden Erinnerungen, jetzt, da ich meine Kräfte anspannen muß, das Land zu erreichen, von wo ich die Erde sehen werde!

Ich sehnte mich so unsagbar nach dieser Reise und dennoch muß ich zugeben, daß mir die letzten Augenblicke des Abschieds schwer wurden. Wie seltsam ist doch das menschliche Herz und wie stark die Macht der Gewohnheit! Man kann sich, scheint’s, selbst an die Gitter des Gefängnisses gewöhnen ...

Am letzten Morgen, als ich kaum die vorhergehende Notiz niedergeschrieben hatte, bemerkte ich, wie sich vor meinem Hause die ganze Bevölkerung dieser Welt versammelte. Sie kamen schweigend, finster und traurig und warteten. Ich zählte sie, am Fenster stehend; es waren alle, mit Ausnahme jener drei. Der Wagen stand bereit.

Ich ließ meinen Blick noch einmal über diese Räume gleiten, in denen ich fünfzig Jahre lang gehaust habe und da ich nicht wollte, daß man diese Wohnstätte als Aufenthalt des Alten Menschen etwa abergläubisch verehrt, steckte ich sie mit allem, was noch darin zurückgeblieben ist und was ich einst gebraucht hatte, eigenhändig in Brand und ging hinaus zu den mich Erwartenden. Eine helle Flamme leuchtete hinter mir durch Tür und Fenster. Es war mein eigener Scheiterhaufen.

Aus dem Munde der Versammelten brach ein gedämpfter kurzer Schrei. Sie schauten auf das brennende Haus und dann auf mich, und keiner rührte sich, um das Feuer zu löschen: Sie fühlten, daß ich es so wollte ... und alle schwiegen.

— Ich bin heute zum letztenmal unter euch, begann ich, um etwas zu sagen, da mich in dieser Stille, die nur durch das Knistern des Feuers unterbrochen wurde, Wehmut und Trauer befielen. Ich gehe von euch, sagte ich weiter, zu dem Lande, wohin ich schon lange zu gehen beabsichtigte. Ich zweifle daran, daß ich jemals hierher zurückkehren werde, ihr aber, wenn ihr wollt, könnt mich dort aufsuchen, solange ich nicht sterbe.

Die Zwerge schauten immer in Schweigen auf die flammenden Balken des Daches und auf mich; ich sah, daß einigen von ihnen Tränen über die Wangen liefen.

Ich atmete schwer; ich hatte das Gefühl, als wenn eine drückende Last sich auf meine Brust wälzte.

— Ihr seid alle unter meinen Augen aufgewachsen, begann ich wieder, mit Mühe nach Worten suchend, ihr wart mit mir bis zu diesem Augenblick, und von jetzt ab sollt ihr euch allein regieren. Denkt daran, daß ihr Menschen seid, denkt daran!

Die Stimme versagte mir und ich konnte nur mit äußerster Anstrengung fortfahren:

— Ich gab euch manche Lehren, vergeßt sie nicht! Ich lasse euch das Buch zurück, das heilige Buch, das ich von der Erde mitgebracht habe, das von der Erschaffung der Welt und von der Erlösung und Bestimmung des Menschen erzählt; lest es oft und lebt, wie es sich gehört.

Ich brach wieder ab, da ich fühlte, daß ich zwecklose Dinge redete.

Da trat ein junges Weib aus dem Kreise hervor und sprach:

— Alter Mensch, ehe du fortgehst sage, ob es recht ist, daß der Mann die Frau schlägt?

Diese Worte waren wie eine Losung. Im nächsten Augenblick umringten mich Frauen und Männer und begannen mit traurigen Stimmen zu fragen:

— Alter Mensch, sage, ob es recht ist, daß der ältere Bruder den jüngeren zur Arbeit zwingt, weil er schwächer ist?

— Sage, ob die Kinder das Recht haben, die Eltern aus der Hütte zu treiben, die sie einst selbst erbaut haben?

— Sage, ob es billig ist, daß einer aus dem Volke spricht: „Das sind meine Felder!“ und anderen nicht erlaubt, die Ernte davon einzubringen.

— Ob es recht ist, daß einer dem andern die Frau nimmt?

— Daß er die Handwerkszeuge beschädigt?

— Daß er sich für die ihm zugefügte Unbill rächt?

— Daß er zum eigenen Vorteil lügt?

— Sage, ob das recht ist!

— Sage es, ehe du fortgehst, denn sowohl du wie die Bücher haben gelehrt, daß man das alles nicht tun solle, und trotzdem geschieht es täglich in unserer Mitte!

Ein stechender Schmerz schnürte mir die Brust zusammen. Dieses Volk verlassend, sah ich nur zu klar, auf welchen Bahnen seine Entwicklung schreiten wird. Vieles vom menschlichen Geiste ist auf dem Wege zum Mond verloren gegangen, aber der menschliche Jammer ist mit uns von der Erde hierhergekommen!

— Das ist schlimm! antwortete ich endlich. Wenn unter meinen Augen derartige Dinge geschehen sind, was wird erst sein, wenn ich fortgehe?

— Weshalb gehst du also fort? antwortete man mir.

Diese Frage war so einfach und so furchtbar zugleich. Warum ich fortgehe?

Ich ließ den Kopf sinken wie ein Schuldbewußter, ohne zu wissen, was ich erwidern sollte.

Nur das Knistern des brennenden Hauses war in der Stille zu hören und ein dumpfes, entferntes Dröhnen des Vulkans.

Die Zwerge standen schweigend um mich herum. Sie fühlten scheinbar dasselbe, was ich in jenem Augenblick empfand, daß meine Abfahrt das unabwendbare Schicksal ist, dem man sich vergebens widersetzen würde.

— Vielleicht werde ich noch einmal zu euch zurückkehren. Lebt indessen in Frieden und menschlich, murmelte ich und wußte gar wohl, daß ich ihnen die Unwahrheit sagte, wie mir selbst.

— Du wirst nicht zurückkehren, rief Ada, die bis jetzt kein Wort gesprochen hatte.

Und dann, sich zu den Anwesenden wendend, fügte sie mit erhobener Stimme hinzu:

— Der Alte Mensch verläßt euch!

Es war etwas Grauenhaftes in diesem Schrei, der alle Versammelten wie mit einem Schauer überlief.

— Es muß so sein! sagte ich dumpf.

Eine Stunde später befand ich mich im Wagen und eilte mit Ada und drei ihrer Neffen gen Norden ...

*

Den vierten Mondtag sind wir schon unterwegs. Als die Sonne heute aufging, erhob sie sich nicht mehr gerade zur Höhe steigend, sondern schleppte sich am Horizont, gerötet kaum einige Fuß über der bläulichen Linie der Berge im Südosten. Das ist ein Zeichen, daß wir uns dem Ziel unserer Fahrt nähern. Im Norden taucht eine Bergkette vor mir auf; ich unterscheide schon mit bloßem Auge die höchsten, ewig von der Sonne beleuchteten Gipfel und die Schlucht, die das Tor zu der Polarmulde bildet.

Das Herz schlägt mir zum Zerspringen ...

Der heutige Tag wird kein Ende haben, denn in dem Augenblick, da die Sonne auf dieser Halbkugel untergehen müßte, werden wir schon auf dem Pol sein, im Land der ewigen Dämmerung, wo zu jeder Stunde gleichzeitig Morgen, Abend, Mittag und Mitternacht für die verschiedenen Meridiane ist, deren Knotenpunkt man dort unter den Füßen hat.

Und dort — werde ich die Erde sehen!

*

Im Polarlande.

Nach vier Mondtagen der Fahrt, gerade zu der Stunde, da die Sonne in den Gegenden an den Warmen Teichen untergehen sollte, kam der große Augenblick. Wir sind durch die Schlucht der Bergkette hindurchgekommen, die die Grenzmauer der Polarmulde bildet.

Mit einer tiefen Rührung betrat ich dieses Land, die Augen nach der Himmelsrichtung lenkend, wo sich mir bald die Erde zeigen sollte, und als ich sie plötzlich in der Spalte der Felsen erblickte, war ich so bis ins Innerste der Seele erschüttert, daß ich zunächst meine Begleiter ganz vergessen hatte. Erst nach einer Weile, als ich mich von den Knien erhob (denn kniend begrüßte ich sie, meine geliebte Heimat, und mit ausgestreckten Händen, wie sie ein Kind der Mutter entgegenstreckt), sah ich auf meine Umgebung. Jan und sein ältester Sohn wie seine beiden Brüder, die mit mir hierhergekommen sind, standen mit entblößten Häuptern, wie versteinert, mit einer heiligen Furcht in den Zügen, die starren Blicke auf das Halbrund der Erde gerichtet; vor ihnen Ada, die Arme zu dem Sterne der Wüste erhoben. Geraume Zeit ging vorüber, bis sie sich endlich zu ihren in Nachdenken versunkenen Kameraden wandte:

— Von dort ist er gekommen, sagte sie mit gedämpfter Stimme, als wenn sie nicht wollte, daß ich es höre, und dorthin wird er zurückkehren, wenn die Zeit erfüllt ist. Werft euch zu Boden.

Und sie warfen sich zu Boden vor dem Anblick der Erde, auf der ihre Väter einst gelebt haben ...

Nachdem sie sich erhoben hatten, wagten sie es nicht, sich mir zu nähern, und ich rief sie zu mir und begann ihnen mit vor Rührung zitternder Stimme die Erscheinung zu erklären, die sie vor sich hatten. Sie drängten sich um mich, verängstigt, von Grauen geschüttelt, als wenn sie unsicher wären, ob ich mich nicht im nächsten Augenblick über ihre Köpfe erheben und durch die blasse Luft zu diesem hellen Sterne fliegen würde!

Ach, wenn ich es könnte!

Und als ich so zu ihnen sprach, so gänzlich unverstanden, beschäftigte mich plötzlich dieser Gedanke derartig, daß ich unwillkürlich verstummte, auf die Erde starrte und nur noch fühlte, daß ich diesen Menschen hier nichts mehr zu sagen hatte.

Und sie schwiegen lange, bis sie sich endlich, etwas näher zusammentretend, mit den Ellbogen zu stoßen begannen und, auf die Erde zeigend, flüsterten:

— Sieh, sieh, er ist von dort gekommen.

— Damals, als es hier noch niemanden gab ...

— Ja ... Er hat den Großvater Peter hierhergebracht und seine Frau Martha ... Und einen, der der Vater unseres Großvaters war, hat er auf der Wüste tot zurückgelassen ... so lehrt Ada.

— Das steht nicht in der Heiligen Schrift. Dort ist nur die Rede von Adam, das ist sozusagen Peter, und von ...

— Still, die Heilige Schrift ist anders ... Die Heilige Schrift hat er ebenfalls von dort mitgebracht.

— Ja, alles hat er geschaffen; für die ersten Menschen hat er hier Meer und Sonne und Teiche geschaffen ...

Ich wandte mich, als ich diese letzten Worte hörte, schnell um und die halblaut geführte Unterhaltung verstummte sofort.

Ich wollte sie tadeln, aufklären, aber es fiel mir wieder ein, wie vergebliche Mühe das wäre. Ich sagte ihnen deshalb nur, daß sie das Zelt aufschlagen möchten, da wir hier längere Zeit bleiben würden. Und seitdem fließen die Stunden, von der unsichtbaren Sonne auf den rosagefärbten Berggipfeln aufgezeichnet, fließen für sie, scheint es, langsam, für mich aber viel zu schnell dahin!

So teuer ist mir dieses Polarland, daß Angst und Schmerz mich bei dem Gedanken schütteln, dorthin zurückzukehren, dorthin zu den Warmen Teichen. Hier verweilend habe ich den Eindruck, daß ich mich schon im letzten Vorzimmer befinde, fast auf der Schwelle der Mondwelt, daß von hier nur noch ein Schritt durch den interplanetarischen Weltenraum zur Erde ist, und bei Gott, sie lockt mich mehr, diese endlose, tote Wüste hinter den Bergen dort vor mir, als jenes fruchtbare Land, wo ich so lange gelebt habe.

Sogar das Grab Marthas auf der Friedhofinsel zieht mich jetzt nicht mehr dorthin. Ich habe ja hier so viel mehr von ihr um mich als dort ... Hier hat sie mir gehört, obwohl wir niemals miteinander davon gesprochen haben; hier stand sie über meinem Lager gebeugt, als ich krank war, hier wandelte sie mit mir auf den grünen üppigen Wiesen oder kletterte auf die rosigen Berggipfel, und dort ... war sie die Frau eines andern, dort schaute ich nur auf ihren Schmerz und auf ihre Demütigung, selbst gedemütigt und von Schmerz zerrissen.

Wohl ist es mir hier im Polarland, so wohl wie es nur einem Menschen sein kann, der alles verloren hat, sogar die Erde unter seinen Füßen, und, auf einem silbernen Globus zwischen den Himmeln hängend, nur der Vergangenheit lebt und der Ferne und dem Gedanken an das, was unwiederbringlich dahin ist ...

Still, still, du altes, unverbesserliches, ruheloses Herz! Hier hast du das lichte Rund der Erde vor dir, dieselben Wiesen, auf denen sie, die Tote, wandelte, und auch das Grab ist sicher nicht mehr fern — was willst du noch?

*

O meine Brüder, dort auf der hellen Kugel, die in diesem Augenblick vor meinen Augen leuchtet!

O meine fernen Brüder! O meine unbekannten und über alles teuren Brüder!

O Erde, lichter Stern, Freude meiner Augen, flammende Leuchte über den Wüsten!

Erde, du Paradies der höchsten Wonnen! Wahrhaftes Kleinod, lichter Smaragd, in die lasurblauen Meere gefaßt, o herrlichste Blume, duftender Weihrauch! Wie Vogelstimmen tönende Harfe!

O Erde! Erde! Heimat! Verlorene Mutter!

Schluchzen hebt mir die sehnsuchtsvolle Brust, und ich habe keine Tränen mehr, dich zu beweinen, Stern, über Wüsten leuchtend! Welt, über alle anderen der glühendsten Liebe wert!

Zu dir strecke ich meine Arme aus, ich, der dir so Ferne, der unglücklichste deiner Söhne und der einzige, dem du dich jetzt in deiner goldenen Gestalt zu zeigen geruhst! Stern unter den Sternen am Himmel!

Ich bete zu dir, einsam und verlassen, ich, den du als Kind kanntest, und der grau geworden ist, nicht auf deinem Mutterschoß:

Erde!

Vergib, daß ich mich von dir abwandte, durch die Begierde nach Erkenntnis, die du selbst in mir großgezogen, getrieben und verwirrt. Von dem Silbergesicht dieses toten Globus verführt, den du vor Zeiten von dir geworfen, daß er deine Nächte erleuchte und deine Meere einwiege!

Ich flehe zu dir, dein für ewig verlorener Sohn, dem du alles Gute gegeben, die menschliche Gestalt und den denkenden Geist, Blumen, die seine Augen erfreuen, und Vögel, an deren Gesang er sich laben konnte, und Brüder, daß er Schmerz und Freude mit ihnen teile; der verlorene, grausam bestrafte, nie mehr zu dir zurückfindende Sohn und der Kinder schlechtestes auf deinem breiten Schoße:

Erde!

Vergiß mich nicht! Leuchte meinen Augen, ehe sie der Schleier des ersehnten Todes umhüllt! ...

Ich trinke, verschlinge mit der ganzen Seele dein Licht! Berausche mich mit deinem gesegneten Lichte!

Dein Licht, zurückgeworfen vom Lasurblau der Meere, von schneeigen Gipfeln und grünen Gefilden, von den kleinen schimmernden Blättern der Bäume, von blühenden Kelchen, vom Tau, der auf den Wiesen dort leuchtet, von Bauernhütten und von ragenden Türmen der Kirchen, von menschlichen Zügen, die in Nachdenken versunken zum Himmel schauen, Hunderttausende von Meilen hat es durchflogen, durch die ewige Wüste zu mir eilend, und ist mir jetzt alles: das Lasurblau deiner Meere und das Grün deiner Fluren, des Taues Glanz, wie der Blumen prächtigste Farbe und des menschlichen Geistes Widerschein, der sich in den zum Himmel gewandten Augen spiegelt!

O Erde, meine Erde!

Wann wird mein Geist, von der körperlichen Hülle befreit, endlich auf diesen leuchtenden Saiten, die zwischen dir und der furchtbaren Welt hier gespannt sind, zu deinem Mutterschoß zurückgelangen und in balsamischen Lüften alles mit Küssen bedecken, was er geliebt und wonach er sich so grenzenlos sehnt!

O Erde!

VI.

Ich habe seltsame Ahnungen, daß ich bald sterben werde. Dieser Gedanke umkreist mich beständig; die Luft ist voll von ihm und die blutigen Sonnenstrahlen, der Himmel erscheint gleich einem weichen Schleier, und die Erde leuchtet wie eine silberne Lampe im Grabe. Niemals fühlte ich so wie jetzt, daß der Tod nahe ist.

Ohne Schmerz, ohne Leid und ohne Unruhe denke ich daran, aber — was erstaunlicher ist — auch ohne Freude, die doch die endlich nahende Erlösung in mir erwecken müßte ...

Es scheint, daß mir noch etwas zu tun übrig bleibt, etwas ungemein Einfaches und ungeheuer Wichtiges, worauf ich jedoch nicht kommen kann. Und das bedrückt mich, und das ist die Ursache, daß ich ihn nicht mit Freuden begrüße — den Tod-Erlöser!

Im Traume höre ich, wie sie mich rufen von der Erde. Und ich, ebenfalls im Traume, antworte ihnen jedesmal: Ich sehne mich so maßlos danach, zu euch zu gehen, aber ich finde mich nicht zurecht ...

Führt nicht der Weg auf die Erde dort durch die luftlose Wüste? ...

*

Ich war vor kurzem auf dem Berge, von dem aus ich mit Peter auf die Sonnenfinsternis geschaut habe und dann auf den See, der plötzlich die ganze Polarmulde überflutete.

Ich habe Ada auf diesen Ausflug mitgenommen; sie bat mich darum, als sie gesehen, daß ich öfter auf die benachbarten Berge steige, um auf die Erde oder die Wüste zu blicken, die hier schon an der Grenze des Horizontes sichtbar ist. Sie drängte mich, daß ich sie einmal mitnehmen möchte, damit auch sie betrachten könne, worauf ich schaue und wonach ich mich sehne. Als sie heute mit mir ging, legte sie die feierlichsten Priestergewänder an und sagte zu Jan, daß sie auf die Heimat des Alten Menschen schauen werde. Unterwegs mußte ich über ihre Würde lachen; wenn man sie ansah, schien es, daß sie auf diesen Berg schreite, um ein heiliges Opfer darzubringen. Ich glaube, daß die Leute, die wir in dem Zelt im Tal zurückließen, zum wenigsten davon überzeugt waren. Sie blickten ihr mit Bewunderung und Ehrfurcht nach. Schweigend erstiegen wir den Berg. Das Lachen, das sich unwillkürlich in mir geregt hatte als ich Adas Priestergewänder gewahrte, ist davongeflogen, weit, weit fort von mir; ich habe sogar vergessen, daß dieses Geschöpf hinter mir ging. Ich sah nur noch die Erde, die sich langsam, je nachdem ich vorwärtsschritt, über dem Horizonte erhob, und auf die Sonne, die, hier schon sichtbar, wie eine rote Kugel auf der gegenüberliegenden Seite des Horizontes stand. Unter meinen Füßen breitete sich ein wahrer Teppich von Pflanzen, die dem Heidekraut ähnlich und von der Sonne rosig gefärbt waren, über meinem Haupte der blasse, erloschene Himmel.

Eine seltsame Empfindung überkam mich! Es schien mir, daß ich mich, diesen Berg ersteigend, schon für immer von den Mondleuten entfernte und von dieser ganzen mir so widerwärtigen Welt; es schien mir, daß ich wirklich ein geheimnisvoller Alter Mensch bin, der sein schweres Werk vollbracht hat und jetzt zu der Heimat zurückkehrt, dort inmitten der Sterne ... Und die rotglühende Sonne liegt schon in meinem Rücken und nimmt Abschied von mir auf dieser Welt, die mir nur Mühe und Schmerz und Qual gewesen, und die Erde erhebt sich vor mir, mächtig, hell erstrahlend, bereit, mich in ihren lichten Schoß aufzunehmen ...

Ich stand auf dem Gipfel des Berges und erkannte, mich in den Anblick der Erdscheibe versenkend, in der klaren Luft den vorübergleitenden hellen Keil Europas. Er war deutlich sichtbar, obwohl Wolken, die über Frankreich und England glitten, seine Konturen von dieser Seite her verwischten ... Aber die breiten polnischen Ebenen im Osten glänzten wie ein glatter silberner Spiegel, von der einen Seite an den dunklen Streifen des Baltischen Meeres gelehnt, von der anderen an die Kette der Karpathen, deren Gipfel jetzt wie eine Schnur kostbarer Perlen schimmerten. Die Erscheinung meiner Heimat an dem blauen Himmel war so unerwartet und bezaubernd für mich, daß ich einen Augenblick mit zurückgehaltenem Atem, ganz Auge geworden, dastand, bis ich plötzlich wie ein Kind in Weinen ausbrach und auf mein Antlitz fiel — dort oben auf dem Gipfel des Mondberges.

Als ich mich nach geraumer Zeit erhob, sah ich mit Staunen, daß Ada zu meinen Füßen kniete und helle Tränen über ihr Gesicht herabflossen.

— Was ist dir? frug ich fast gedankenlos.

Sie aber, statt mir zu antworten, umfaßte meine Knie und weinte herzzerreißend. Endlich hörte ich aus ihrem Schluchzen die abgerissenen Worte heraus:

— Du bist unglücklich, Alter Mensch.

— Und deshalb weinst du?

Sie erwiderte nichts, unterdrückte nur ihr Schluchzen und starrte auf die goldene Scheibe der Erde.

Und wieder verfloß eine lange Zeit in Schweigen.

Dann erhob Ada das Haupt und schaute mir mit einem eigenartig durchdringenden Blick in die Augen.

— Hier auf dem Monde ist alles traurig und unglücklich, sogar du, sagte sie. Weshalb bist du hergekommen? Weshalb von diesem Sterne ...

Sie brach ab und fuhr nach einer Weile fort:

— Meine Eltern sind gestorben. Und warum stirbst du nicht?

— Ich weiß es nicht.

Ich sagte die Wahrheit; ich weiß in der Tat nicht, warum ich nicht sterbe ...

Und wieder überkam mich die schreckliche Angst, denn ich mußte an jenes furchtbare Mondmärchen denken, daß ich niemals sterben würde.

Ada antwortete, wie zu sich selbst sprechend:

— Denn du bist der Alte Mensch. Und trotzdem bist du unglücklich.

— Gerade deswegen, entfuhr es mir unwillkürlich.

Als wir den Berg hinabstiegen, gewahrte ich plötzlich an einer Biegung das Zelt Jans und der Kameraden, das an derselben Stelle aufgeschlagen war, an der einst unser Zelt gestanden, und eine Täuschung gaukelte mir vor, daß mich in diesem Zelt Martha, den kleinen Tom an der Brust, erwarte und Peter, wie gewöhnlich in Nachdenken versunken, aber noch jung und nicht gebrochen wie dort am Strand des Meeres.

Dieses berauschende Traumbild wurde durch den Anblick der Zwerge, die sich um das Zelt zu schaffen machten, grausam zerstört.

Als ich sie erblickte, blieb ich voll Widerwillen stehen. Ada bemerkte es.

— Du willst nicht zu ihnen gehen, Alter Mensch? fragte sie.

Was sollte ich antworten? Ich sah mich unwillkürlich nach der Erde um und schritt ins Tal hinab: nur noch ein kleines Segment von ihr war am Horizont sichtbar.

Ada fing meinen flüchtigen Blick auf und legte flehend die Hände zusammen:

— Nein, nein, noch nicht jetzt! Sie brauchen dich noch.

Sie fürchtete, daß ich dorthin zu meiner Heimat gehen wollte.

— Denkst du, daß ich auf die Erde zurückkehren kann? sagte ich.

— Du kannst alles, was du willst, antwortete sie — aber ... wolle nicht!

Als ich ermüdet und niedergedrückt zum Zelt zurückgekehrt war, legte ich mich nieder, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Vor allem ließ mich einige Stunden hindurch das Flüstern meiner Begleiter hinter der Zeltwand keine Ruhe finden. Sie umringten Ada und frugen sie nach mir aus, was ich während meines Ausfluges gesprochen und getan hätte ... Ihr Geschwätz peinigte mich und als ich endlich eingeschlafen war, träumte mir von vergangenen Zeiten, von Martha, von der Mondwüste und von der Erde! ... Von der Erde ...

Ach, wie mich diese Träume quälen ...

*

Ich möchte allein sein. Diese Menschen, die mit mir hierhergekommen sind, ermüden mich unsagbar. Es scheint mir, daß sie unaufhörlich zwischen mir und der Erde stehen und einen Schatten auf meine Seele werfen ...

Sie indessen denken nicht einmal an die Abfahrt! Sie haben es sich bequem gemacht auf der Ebene, richten sich ein, tragen Vorräte zusammen, als wenn sie sich dauernd hier niederlassen wollten. Geben sie sich etwa der Täuschung hin, daß es ihnen mit der Zeit gelingen werde, mich zur Umkehr zu bewegen?

Wer weiß, ob nicht Ada bei alledem die Hand im Spiele hat? Immer mehr staune ich über diese Frau. Manchmal weiß ich tatsächlich nicht mehr, ob ich es wirklich mit einer Irrsinnigen zu tun habe, so anders erscheinen mir neuerdings ihre Handlungen und Worte. Oder ist es etwa nicht wunderbar, daß diese Wahnsinnige eigentlich die Verständigste von all den hier Geborenen ist?

Und übrigens, was kümmert es mich? Ich bin doch ein Mensch aus einer anderen Welt, der fertig ist mit dem Leben und so müde, so furchtbar müde durch das, was dieses Leben ihm brachte.

Oh, wenn sie mir doch endlich Ruhe geben und fortziehen und mich allein lassen wollten!

O Erde, Erde! Du weißt nicht, wie schwer es mir ist, ohne dich zu leben, und wie gerne ich sterben möchte! Morgen, heute, sofort ...

*

Welch eine Lästerung habe ich niedergeschrieben! Noch gestern wollte ich sterben, und heute will ich leben, muß ich leben, noch einige Mondtage, dann mag geschehen, was will! Es saust mir im Kopfe, und ein unaussprechlich wonniges Gefühl will mir die Brust zersprengen. So ist es, so ist es! Ich muß es erfüllen, ich muß!

Gott, wie danke ich dir, daß ich unseren alten Wagen mit mir habe und genügende Vorräte. Und es ist so einfach! Wie sonderbar, daß ich nicht früher daran gedacht habe!

O Erde! O meine Brüder! Ich bin doch nicht so verlassen und von euch abgeschnitten, wie ich es bis vor kurzem glaubte; ich habe ein Mittel, euch Nachrichten von mir zuzusenden und, obwohl ich es mit dem Leben bezahlen werde, will ich es tun, so wahr mir Gott helfe!

Ich werde auf der Wüste sterben, im vollen Glanz meines geliebten Sternes, meiner Mutter! Aber vorher ...

*

Ach, daß ich sie finden möchte! An sie denke ich jetzt nur, von ihr träume ich, und wahrhaftig, ich weiß nicht, ob ich jemals im Leben den Anblick des geliebten Weibes so heiß begehrt habe, wie ich heute begehre, sie wiederzufinden — diese Kanone, die wir vor fünfzig Jahren am Grabe O’Tamors zurückgelassen haben! ...

Als mir dieser Gedanke zum erstenmal durch den Kopf fuhr, überkam mich ein wahrer Freudentaumel; er erschien mir wie eine Offenbarung, die mir das Mittel zur Verständigung mit meinen Brüdern auf der Erde zeigte.

Denn, in der Tat, fünfzig Jahre lebe ich hier und habe nicht ein einziges Mal auch nur daran gedacht, daß dort, auf dem Sinus Aestuum, inmitten der Steinwüste, am Grabe O’Tamors, eine Kanone steht, die genau auf die Mitte der silbernen Erdscheibe zielt und nur auf den Funken wartet, um den ihr anvertrauten Brief in den Weltenraum, der Erde entgegenzuschleudern.

So ist es. Ich werde auf die Wüste hinausgehen und diese Kanone suchen; ich werde die Leiche des greisen O’Tamor in dem felsigen Grabe auffinden. O’Tamor, der diese Kanone seit fünfzig Jahren bewacht, die leeren Augenhöhlen der Erde zugewendet ... Ich weiß, daß ich von dieser Expedition nicht zurückkehre; ich bin zu alt und zu erschöpft, und vor allem habe ich nichts, wohin ich zurückkehren könnte. Der Tod hat mich verschmäht, er wollte nicht zu mir an das Meer kommen, so werde ich ihm entgegengehen, in dieses furchtbare Land, das sein Königreich sein muß.

Und ich werde dort ruhen, neben O’Tamor und der abgeschossenen Kanone, auf Felsen gebettet unter dem Rund der Erde am Zenit! ... Ach, wenn es doch bald wäre — so bald wie möglich!

Aber vorher ... Oh, wie das alte Herz hämmert! Vorher werde ich dieses Tagebuch zusammenfalten, dieses Buch des Schmerzes, das ich den künftigen Mondvölkern hinterlassen wollte; ich werde es an die Brust pressen und küssen und in einer Kugel, wie ein Brief in einer Stahlhülle, zu euch senden, ihr entfernten Brüder! Ich träume davon mit klopfenden Schläfen, wie dort auf der Erde jemand diese Stahlkugel findet, — nach Wochen vielleicht, oder nach Jahren, nach Jahrhunderten. Und nachdem er sie geöffnet, ein Bündel Papiere herausnimmt ...

Dann werdet ihr, meine unbekannten Brüder, lesen, was ich im unaufhörlichen Denken an euch und an unsere gemeinsame Mutter, die Erde, geschrieben habe. Ihr kennt sie im grünen Kleide, in der üppigen Pracht der Blüten und im Silberglanze der Wintermorgen, mir ist sie auch vertraut als Himmelslicht, rein und ruhig, das seit unendlichen Zeiten über dem Reich der Stille und des Todes leuchtet!

Ihr wißt nicht, geliebte Brüder, wie schön eure Mutter ist, wenn man sie durch die Abgründe der Himmel erschaut, und wie ich mich nach ihr sehne und nach euch — und diesen Weltenraum verfluche, der uns trennt, obwohl er mir mit zauberischem Glanze die goldene Heimat malt!

*

Die Sonne stand schon zum drittenmal über der Wüste und zum drittenmal verblaßte die Erde seit der Zeit, da wir nach langer, mühseliger Fahrt im Polarland anlangten, als Jan, der mich in Nachdenken versunken auf den Hügeln überraschte, zu mir trat und sprach:

— Alter Mensch, es ist Zeit, zurückzukehren!

Ich zuckte bei diesen Worten zusammen und war in meinen Gedanken so mit der Erde beschäftigt, daß ich den Sinn zuerst nicht verstand, sondern glaubte, er rufe mich zur Rückkehr dorthin, woher ich gekommen bin! ...

Aber er sagte weiter:

— Frauen und Kinder warten unserer ... Es ist Zeit, an das Meer zu den warmen Teichen zurückzukehren, zu unseren Behausungen und Feldern, Alter Mensch.

Er sagte es befangen, vielmehr im Ton einer Frage, aber trotzdem las ich in seinen Zügen einen unerschütterlichen Entschluß. Und plötzlich überkam mich eine unsägliche Trauer: Diese Menschen sind mit mir hierhergekommen und denken jetzt an die Rückkehr, an ihre Familien, an die Heimat, nach der sie sich sehnen und die sie bald wiedersehen werden — und ich? ... Mein Haus, meine Familie und meine Heimat dort — am Himmel! Ich kann nicht zu ihr zurückkehren, obwohl an mir sicherlich eine hundertmal heißere Sehnsucht nagt nach ihr, die ich auf ewig verloren habe, als an diesen Leuten nach einem Stückchen Mond, am Strande des Mondmeeres! Eifersucht bemächtigte sich meiner.

— Kehrt zurück! sagte ich trocken.

— Und du? rief Jan, mit Verwunderung und Entsetzen zu mir aufblickend.

— Ich werde hierbleiben. Ich habe euch doch, als ich euch mit mir nahm, gesagt, daß ich gehe, um niemals wiederzukehren.

— Ja, flüsterte Jan, aber ich dachte, daß mit der Zeit vielleicht doch ... Hier ist es nicht gut für Menschen ...

— Kehrt also zurück. Ich bleibe.

Er entgegnete kein Wort mehr, neigte nur das Haupt, als wenn er von einem Wurf in den Nacken getroffen wäre und entfernte sich eiligst. Zu Ada, dachte ich mir, um Rat zu holen.

Ich hatte mich nicht getäuscht. Nach einer Weile kam die „Mondpriesterin“. Ich war auf eine lächerliche Szene mit Bitten, Beschwörungen und Weinen vorbereitet, wie sie sich vor Aufbruch zu der Fahrt hierher abgespielt hatte, und daher sehr verwundert, als Ada allein und still kam, weder fragte, noch um etwas bat, sondern nur sagte:

— Du bleibst hier, um auf die Erde zu schauen, Alter Mensch?

Ich nickte schweigend mit dem Kopfe.

— Aber du wirst doch nicht dorthin gehen?

Bei diesen Worten deutete sie mit einer Bewegung auf die Erde und die unter ihr liegende Mondwüste.

Unwillkürlich folgte ich ihren Blicken, und da war es, als zum erstenmal der Gedanke in mir auftauchte, daß ich mich dorthin begeben könnte, auf die Wüste, die ich vor fünfzig Jahren mit meinen Kameraden zurückgelegt hatte, um mich wenigstens für kurze Zeit, ehe ich sterbe, der Erde näher zu fühlen, sie direkt über mir zu haben. Heute erfüllt mich dieser Gedanke ganz und gar; er begleitet mich im Wachen und im Schlafe und ich kann mich nicht eine Minute von ihm losreißen. Aber damals war es kaum ein erstes Aufblitzen, das ich zunächst in mir erstickte, denn ich glaubte, daß es etwas Unmögliches sei; als wenn der Tod an der Grenze der Möglichkeit stünde und es unmöglich wäre, etwas zu kaufen, was man mit dem Leben bezahlen muß.

— Dorthin wirst du also nicht zurückkehren, wiederholte die Priesterin.

Ich zögerte.

— Nein. Noch nicht.

— So ... könntest du vielleicht doch noch mit diesen Armen am Meere wohnen? Sie möchten dich so gern in ihrer Mitte haben.

— Nein! antwortete ich hart, da ich sah, daß ich wieder mit Bitten bestürmt werden sollte. Ich will hierbleiben.

— Wie es dir gefällt, Alter Mensch. Sie werden sehr traurig sein, aber ... wie es dir gefällt, so wirst du tun. Wenn sie allein zurückkehren, werden diejenigen, die zu Hause geblieben sind, fragen: Und wo ist der Alte Mensch, auf den wir seit unserer Kindheit geschaut haben? Sie aber werden die Köpfe sinken lassen und antworten: Er hat uns verlassen. Aber wie es dir gefällt. Schließlich wissen sie, daß du ein Gast unter ihnen bist und die Zeit kommen wird, da sie sich allein regieren müssen.

— Du wirst bei ihnen bleiben und sie regieren, sagte ich. Sogar Jan gehorcht dir und achtet deinen Willen.

— Nein, ich werde nicht bei ihnen bleiben.

Ich sah sie erstaunt an; sie zögerte, dann glitt sie langsam zu meinen Füßen nieder:

— Ich habe eine Bitte an dich, Alter Mensch.

— Sprich.

— Jage mich nicht fort!

— Wie?

— Jage mich nicht von dir. Erlaube mir, bei dir zu bleiben.

— Bei mir, hier im Polarland?

— Ja, bei dir im Polarland.

— Aber weshalb? Was willst du hier? Dort sind diejenigen, die dir nahe stehen, dort am Meeresstrande.

— Ich weiß, du stehst mir nicht nah, denn du bist von einem fernen Stern gekommen; ich weiß es, aber erlaube mir dennoch ...

Ich dachte über diese seltsame Bitte nach.

— Weshalb willst du bei mir bleiben? frug ich endlich zum zweitenmal.

Ada neigte das Haupt und sagte mit dumpfer, aber fester Stimme:

— Ich liebe dich, Alter Mensch.

Ich schwieg, sie sprach nach einer Weile weiter:

— Ich weiß es, daß es eine strafwürdige Kühnheit ist, wenn ich zu dir sage, daß ich dich liebe, aber ich kann das, was ich fühle, nicht anders bezeichnen. Meiner Eltern erinnere ich mich kaum mehr. Ich weiß nur noch, daß sie unglücklich waren. Auf dich schaue ich seit meiner Kindheit, und ich sehe in dir alles Große, Lichte, Mächtige, etwas, das ich nicht kenne, aber ich weiß, daß es von den Sternen mit dir hierhergekommen ist.

Sie verstummte. Und als ich noch in höchstem Staunen ihre sonderbaren Worte an meiner Seele vorüberziehen ließ, begann sie von neuem:

— Und dabei warst auch du unglücklich und so einsam, einsam das ganze Leben hindurch, einsam wie ich. Ich weiß nicht, weshalb du von dem dort leuchtenden Stern auf den Mond gekommen bist ... Du wolltest es so ... Ich weiß, daß du alles tust, was du willst, — du genügst dir und bedarfst meiner nicht, aber ich will dir dienen und bis zum Ende mit dir zusammen sein. Jage mich nicht fort! Du Großer, du Guter und Kluger!

Nach diesen Worten neigte sie sich abermals zu meinen Füßen und verharrte so, mit der Stirn auf meinen Knien.

— Und wenn du dann fortgehen willst, zurückkehren zu deiner am Himmel strahlenden Heimat, sagte sie nach einer Weile des Schweigens, so werde ich dich bis an die Grenze dieser großen, toten Wüste begleiten und von dir Abschied nehmen und dir noch lange, lange nachschauen, bis du meinen Augen entschwunden sein wirst und dann zu den Menschen am Meeresstrande zurückkehren und ihnen nur sagen: Er ist fortgegangen ... Dann werde ich sterben.

Während sie so mit einer Stimme zu mir sprach, flüsternd und träumerisch, wie ich sie noch nie bei ihr vernommen hatte, waren die Mondzwerge nahe herangeschlichen und lauschten ihren Worten mit angehaltenem Atem. Und plötzlich hörte ich Jan leise sagen:

— Der Alte Mensch geht fort von uns ... auf die Erde!

Und dann Weinen. Ein seltsames, durchdringendes, halblautes Weinen. Und sonderbar! Für gewöhnlich regte mich das Weinen dieser Antropomorphen auf und reizte mich, jetzt aber, ich weiß nicht, ob durch die unerwarteten Worte Adas hervorgerufen, die mich in tiefster Seele erschüttert hatten, oder in dem neu erwachten Gedanken an diese letzte Reise auf die Wüste hinaus — im Angesicht der leuchtenden Erde, — genug, es überkam mich eine große Trauer, ein herzzerreißendes Mitleid.

Ich wandte mich zu ihnen, und Jan, anscheinend durch meinen Blick ermutigt, kam einige Schritte näher und sagte, mir in die Augen schauend:

— Alter Mensch. Ist das unwiderruflich? Erwartet man dich dort? Hast du deine Ankunft schon angekündigt? Müssen wir allein bleiben? In diesem Augenblick war es mir, als wenn mich ein Blitz durchzuckte, ein Gedanke: Das Geschütz!

Ja, das Geschütz, am Grabe O’Tamors, dort in der Wüste!

Vor meinen Augen drehte sich alles; ich drückte beide Hände aufs Herz, das mir die Brust zu sprengen drohte. Ich starrte in das kleine Segment der Erdscheibe, das noch am Horizont sichtbar war, und in meinem Hirne jagte und drängte es sich im wilden Durcheinander: Reise, Wüste, Kanone, der Schuß, meine Erdenbrüder, dieses Tagebuch ... und dann ein grauer Nebel, in dem alles zusammenschmolz. Ich fühlte, das ist der Tod!

Ich vergaß, wo ich war, was um mich her vorging. Sie blickten stumm in höchstem Staunen auf mich, aber ich sah sie nicht mehr. Wie im Traum erreichte mich nur noch die Stimme Adas:

— Entfernt euch, der Alte Mensch spricht mit der Erde. Bald wird er uns verlassen.

Als ich mich ein wenig erholt hatte, befand ich mich allein.

Ich verstand, daß das eine Offenbarung war, daß ich in die Wüste gehen, das Geschütz finden, die letzte Kunde und den letzten Gruß auf die Erde senden und dann — sterben muß.

Eine Weile später teilte ich Ada und Jan meinen Entschluß mit; sie nahmen ihn mit traurig gesenkten Köpfen auf, aber ohne ein Wort des Widerspruchs, als wenn sie darauf vorbereitet waren.

Von ihrer Rückkehr an die Warmen Teiche ist keine Rede mehr. Sie wollen hierbleiben bis zum Augenblick meiner Abreise.

Gegenwärtig, wenn ich das Gesicht der Erde zuwende, habe ich die Sonne zur Rechten; bevor sie mit dem halben Rund emporsteigt, den Tag auf die öde Halbkugel tragend und zur Linken stehend, werde ich aufbrechen.

*

Meine Mondtragödie ist somit zu Ende! Ich bin hier, wo ich auf diesem Globus die ersten Wiesen, das erste frische, lebendige Grün erblickte. Damals lag die Fahrt durch die todbringende Wüste hinter mir, jetzt will ich aufbrechen, um sie zum zweiten- und letztenmal anzutreten.

Dunkel ist es in meinem Innern, aber ruhig. Ich lasse mein verflossenes Leben an mir vorüberziehen, und es dünkt mich, daß es Zeit ist, mit dem Gewissen abzurechnen. Ich möchte mich, wie es die Menschen auf der Erde tun, auf den Tod vorbereiten, alle meine Sünden beichten, und seltsam, auf meine Lippen drängt sich nur mein Unglück. Sollte beides ein und dasselbe sein?

Du also, Herr, der Du die Stimme des elendesten Wurmes hörst, wie das Getöse der Welten, die durch den Weltenraum dahinsausen, der Du mich hier auf dem Monde siehst, wie Du mich einst auf der Erde gesehen hast, nimm meine Beichte an, durch die ich Dir bekenne, daß ich sündig war — und unglücklich!

Als ich ein Kind war, da schien mir die Erde zu eng, die Du für mich geschaffen hast, und ich flog auf Flügeln der Sehnsucht mit all meinen Gedanken zu diesen am Firmamente glänzenden Welten und entzog mich den Liebkosungen der Mutter, um von den Wundern zu träumen, die Du geschaffen hast — nicht für mich! Ich war sündig, Herr, — und unglücklich ...

Als ich heranwuchs und die Brocken des Wissens verschlang, die Du den Menschen zu erringen erlaubst, schrie meine Seele in mir: Zu wenig! Und ich träumte davon, das siebenfache Siegel zu erbrechen und die Schleier aufzuheben, die Deine Hand herabgelassen hat. Sündig war ich und unglücklich ...

Und kaum war ich ein Mann, erfaßte mich die Begierde, den Weltenraum zu durchfliegen, als wenn ich, auf der Erde stehend, nicht ebenfalls von den Unendlichkeiten des Weltalls umgeben wäre und nicht über Abgründen schwebte, und ich ergriff die Gelegenheit und verließ leichten Herzens die nährende Mutter, von dem silbernen, die Lunatiker lockenden Antlitz des Mondes verführt ... Sündig war ich, Herr, und ich bin unglücklich.

Ich blickte auf den Tod meiner Kameraden und Freunde und war so erbärmlich, um ein wenig Luft, die ich für die Erhaltung des Lebens benötigte, mit ihnen zu kämpfen, oder um die Frau, die keinem von uns gehörte, die wir verlangend die Hände nach ihr ausstreckten. Und als ich Zeuge ihres Elends war, an dem ich, wenn auch unbeabsichtigt, Schuld getragen, habe ich nichts getan, um sie davon zu befreien. Sündig war ich und unglücklich ...

Ich blieb allein auf dieser furchtbaren Welt, auf die mich mein eigener Wille verschlagen, und als mir das junge menschliche Geschlecht anvertraut ward, konnte ich in ihm den Geist nicht erwecken noch seine Augen zum Himmel lenken ... im Gegenteil, statt Liebe hatte ich nur Verachtung für die Unglücklichen und habe es geduldet, daß sie mich verehrten, während nur Dir allein die Ehre gebührt ... Ich war sündig, Herr, und unglücklich ...

Und jetzt, von Schmerz gebrochen, von der Sehnsucht erschöpft, verlasse ich diese Armen, deren Schicksal meinem Schutz und meiner Führung übergeben war und gehe der letzten, traurigen Wonne entgegen, dem Tod im Angesicht der Erde! Ich bin sündig, Herr, und unglücklich!

Mein Leben ist in zwei große Teile zerfallen: Der eine heißt Verlangen nach dem Unbekannten, der andere Sehnsucht nach dem Verlorenen; und beide waren traurig, ach, so unendlich traurig ...

Und was ich begehrte und erstrebte, konnte ich nicht erreichen, denn ich bin kaum einen elenden Schritt vorwärtsgekommen im Weltall, und ich kenne nicht einmal die Geheimnisse des Gestirns, auf dem ich mich befinde. Vergeblich habe ich alles geopfert, vergebens die Räume der Himmel durchflogen, eine Wüste durchwandert, die furchtbarer ist als irgendeine auf der Erde, vergebens fünfzig Jahre auf diesem Globus gelebt. Die Rätsel, die mich umgeben, sind heute so ungelöst wie vor einem halben Jahrhundert.

Wonach ich mich auch sehne, ich weiß, daß ich es niemals erreichen werde.

Und das ist mein ganzes Leben!

Oh, es ist Zeit, es ist Zeit, daß es ende ...

Mit Liebe und Sehnsucht blicke ich zur Wüste, auf die ich früh den Wagen lenken werde, um allein zu sein bis zum Tode ...

Diese letzten Menschen, die ich noch um mich sehe, werden hierbleiben ... Sie werden auf den Berg steigen und mir noch lange nachsehen, mir und dem schwarzen Wagen, der in der anbrechenden Morgenröte verschwindet; und dann werden sie zu ihrem Volke zurückkehren und sagen: Der Alte Mensch ist von uns gegangen ...

Und aus diesem Begebnis und aus diesen Worten wird hier dereinst eine Legende entstehen, sowie aus unserer Ankunft auf dieser Welt!

Sündig bin ich ...

Es nähert sich die Zeit der Abreise ...