VII.
Wie sich Licht und Schatten wende
Wechselnd in der Völker Loos,
Knechtschaft zieht die Freiheit groß,
Unrecht schlägt die eignen Hände.
Als Hold in seine Wohnung zurückkehrte, fand er Mander und Oswald dort vor. Sie waren gekommen, teils um zu danken für die bewiesene Fürsorge, teils um zu sehen, ob für ihren Aufenthalt auf der Hallig die Annehmlichkeit eines gebildeten Umgangs wenigstens in einer Familie ihnen nicht ganz fehlen würde. Ihre Erwartungen waren freilich geringe, und das Aeußere und Innere einer Wohnung, gegen welche das Haus des Gärtners auf ihrem ländlichen Ruhesitze bei Hamburg ein Palast war, diente nicht dazu, ihre Erwartungen höher zu spannen. Einfachheit und Beschränktheit schienen hier die genügsamen Schaffnerinnen gewesen zu sein. Reinlichkeit mußte den Glanz, Nettigkeit die Schönheit, gefällige Anordnung die Fülle ersetzen; und der Anzug der Pastorin wie ihrer Kleinen trug die Spuren der wirtschaftlichen Nadel, die den abgetragenen Stoff so lange als möglich benutzen lehrt und ihm immer neue, wenn auch kleidsame, doch wenig modische Formen verleiht. Uebrigens blühten Mutter und Tochter in der Fülle der Gesundheit: und der Eindruck, den das herzliche Willkommen der Pastorin auf die Fremden machte, wurde nicht allein durch die angenehmen Züge ihres Gesichtes und ihre gefällige Gestalt, sondern auch durch ihr ungezwungenes, einen frühereren Umgang in höheren Kreisen verratendes Wesen erhöht. Oswald ward dadurch ganz irre gemacht, da er nicht wenig darauf gerechnet hatte, durch gewandte Verdeckung der gewiß erwarteten Verstöße und durch freundliche Herablassung zu den beschränkten Vorstellungen und trivialen Lieblingsgesprächen einer Familie, deren Gesichtskreis, wie er voraussetzte, sehr eng sei, hier großes Lob zu ernten, nun aber bald merkte, daß es für ihn nur darauf ankomme, mit gleicher Leichtigkeit den rechten Umgangston für eine unter solchen eigentümlichen Umständen gemachte Bekanntschaft zu treffen. Auch Mander, der feingebildete Weltmann, der ein solches Benehmen zu beurteilen und zu schätzen wußte, fand sich davon nicht wenig überrascht bei der ebenfalls von ihm vorgefaßten Aussicht, auf unbeholfene Verlegenheit oder überlästige Höflichkeit zu stoßen. Nach den ersten Begrüßungen suchte er daher mit geschickter Wendung eine Gelegenheit zu der Frage an die Pastorin, ob sie sich in dieser ihrer Lage wohl glücklich fühlen könne?
„Das ist eine Gewissensfrage,“ erwiderte sie lächelnd. „Wir Frauen hängen einerseits mehr als die Männer von äußeren Eindrücken ab. Die Stätte, die uns groß gezogen, die Gespielinnen der Jugend, die Kreise des geselligen Lebens, in denen wir uns freuten mit den Fröhlichen und weinten mit den Weinenden, die Gewohnheiten, die Formen einer frühern Zeit bleiben treuer in unserm Gedächtnisse und behaupten länger ihren Einfluß auf unsere Neigungen, Wünsche und Hoffnungen, als es bei dem Manne der Fall sein wird, dem sein Beruf und sein Amt seine Welt ist, in die er sich mit allem seinen Denken, Wollen und Thun hineinversetzt, wodurch die Erinnerung an das Vergangene geschwächt und der Traum von den zukünftigen Tagen weniger lebhaft unterhalten wird.“
„So möchte Ihnen denn Ihre Stellung hier weniger gefallen, als ihrem Gatten?“
„Ich habe,“ sprach sie, „nur von einer Kammer gleichsam des weiblichen Herzens gesprochen, die andere wird mehr für meine Zufriedenheit reden. Unser demütiges, zweites Geschlecht ist ja an den Herrn der Schöpfung, wie der Mann sich selbst nennt, gewiesen. An ihn schließen wir uns an, ihm folgen wir; und Vater und Mutter soll ja das Weib verlassen und ihrem Manne anhangen. Warum denn nicht auch eben so leicht ihm ihre lieben Gewohnheiten, ihre bisherigen Neigungen opfern? Und wie von selbst giebt sich das an der Seite des guten geliebten Gatten. Vergangenheit und Zukunft verbleichen vor dem Rosenschimmer der Gegenwart, wenn dieser auch nicht über die vier Wände des Hauses hinausreicht, wenn dieser auch nur aus dem Auge des Gatten mir strahlt und nicht aus der Umgebung. Er findet doch den Eingang in das offene Herz und übt seinen verklärenden Zauber auf alle Dinge um sie her. Das häusliche Glück überwindet auch selbst eine Hallig mit allen ihren Entbehrungen.“
„Aber unbegreiflich ist es mir,“ sagte Oswald, „wie der Pastor sich hier wohl fühlen kann, da er ja doch in seinen Studienjahren ein reich bewegtes Leben hat kennen lernen müssen?“
„Nicht allein seine Studienjahre hat er zum Teil in Deutschland zugebracht und sie zu Reisen in den schönsten Strecken unseres großen Vaterlandes und der Schweiz mitbenutzt, sondern auch seine Kindheit und erste Jugend verlebte er im Genusse alles dessen, was großstädtischer Verkehr und großstädtische Sitte Angenehmes haben.“
„So werden gelehrte Untersuchungen es ihn vergessen machen, was er jetzt entbehren muß?“ bemerkte Mander, der unterdessen einen Blick auf das kleine Bücherrepositorium geworfen hatte.
„Sie meinen,“ lächelte die Pastorin, „weil Ihnen da die Titel arabischer und persischer Bücher entgegenblitzen. Nein, das ist noch aus jener Zeit her, in welcher, wie Hold sagt, der altertümliche Reifrock der seligen Großmama oft eben so viel Anziehungskraft hat, als der duftende Blumenkranz der lebensfrohen Enkelin; oder die herbe und trockene Frucht, die aus der Ferne und Fremde kommt, lieblicher mundet, als die frische Pflaume aus dem Garten der Heimat. Jetzt muß ich bei vielen dieser Bücher dafür sorgen, daß der Staub nicht ihre goldenen Titel bedecke; nur wenige erfreuen sich noch des Immergrüns der jungen Liebe.“
„Natürlich müssen die einzelnen Lieblingsstudien,“ sagte Mander, „bei dem gebildeten Manne vor dem Interesse für die großen, neuen Fortschritte der Wissenschaft zurücktreten; und so wenig ich auch mit der theologischen Literatur bekannt bin, so weiß ich doch, daß der Theologe, der eine übersichtliche Kenntnis des allgemeinen Ganges seiner Wissenschaft sich bewahren will, schon hinreichend mit Lectüre versorgt ist.“
„Wenn es dem Halligprediger nur vergönnt wäre,“ entgegnete die Pastorin mit einer Stimme, deren Schwanken die Furcht verriet, mehr zu sagen, als vor fremde Ohren gehörte, „etwas für die Befriedigung des wissenschaftlichen Bedürfnisses aufzuwenden. Hold beklagt dies oft und meinte noch neulich, daß die Vierteljahrsgage eines der geringsten Opernsänger oder Ballettänzer ausreichen würde, um den vom Weltverkehr und vom Büchermarkt ausgeschlossenen Geistlichen der Hallig die Schriften und Journale in die Hände zu geben, welche sie vor Lücken in der Kenntnis des Standes ihrer Wissenschaft bewahren könnten. Dazu kommt der tägliche Schulunterricht, der sich bei der geringen Bildungsstufe der Halligbewohner und der gänzlich fehlenden Mithülfe der Eltern fast nur auf die ersten Anfangsgründe beschränkt.“
„Wie!“ riefen Mander und Oswald erstaunt, „der Geistliche ist verurteilt, das ABC zu lehren und Buchstaben vorzumalen?“
„Wenn sie dies Verurteilung nennen wollen, habe ich nichts dagegen. Mir thut es auch oft in der Seele weh, wenn ich im Nebenzimmer das eintönige Buchstabieren anhöre und dabei einen Blick auf diese Bücher werfe. Aber Hold weiß sich ganz darein zu fügen und geht eben so munter in die Schulstube hinein, wie er aus derselben zurückkehrt. Auf allen Halligen ist übrigens der Schuldienst mit dem Pastorat verbunden.“
„Aber ich würde mir einen Gehülfen halten,“ sagte Oswald etwas unbedachtsam.
„Dieselbe Ursache,“ erwiderte die Pastorin, indem sie die Augen senkte und leise errötete, „welche jene Verbindung nötig macht, erspart uns auch den Gedanken an einen Gehülfen für die Schule.“
Die Pastorin wurde durch die Ankunft ihres Mannes aus dieser Unterhaltung befreit, die für sie etwas peinlich geworden war, da Frauen überhaupt noch weniger als Männer dazu geeignet sind, die beschränkte Lage des Hauswesens vor Fremden aufzudecken, und gern, so lange als möglich, einen gewissen Schein zu bewahren streben.
Hold trat den Fremden mit freundlicher Offenheit entgegen und wußte ihren Dank für Das, was auch er für ihre gastliche Aufnahme auf der Hallig gethan, sogleich mit den Worten abzuwenden: wie er ihnen vielmehr danken müßte, daß sie hierher gekommen seien, ihm ein Bischen von der Welt draußen zu erzählen.
Während nun die Hausfrau den Thee mit den Butterschnitten von Schwarzbrod bereitete, das Einzige, was der Halligbewohner in solchen Fällen für seine Gäste hat, und was er den größten Teil der Woche hindurch selbst als Mittagessen mit seiner Familie nur genießt, hatten die Männer im raschen Laufe des Gesprächs schon fast die ganze Erde umflogen, hatten die wirren Bahnen der Politik durchwandelt, sich auf den luftigen Höhen der Weltansichten bewegt und waren in die Tiefen der Wissenschaft hinabgetaucht. Aber nirgends fanden sie sich in Uebereinstimmung mit einander; nirgends gelang es ihnen, die verschiedenen Noten, die jeder anschlug, zu einer melodischen Harmonie zu verschmelzen. Wollte Oswald die aufgestellten Fragen leicht abfertigen, so zeigten ihm Mander und Hold den schweren Ernst derselben und den entscheidenden Einfluß einer richtigen Beantwortung auf das Wol und Wehe der Menschheit. Wollte Mander den Scharfsinn des menschlichen Geistes in der seither versuchten Lösung dieser Lebensfragen bewundern, dann schob ihm Hold die Erfahrung entgegen, wie wenig jene Lösung gefruchtet.
Da aber jetzt die Politik das Gebiet ist, wie es in früheren Zeiten oft die Theologie war, auf welchem sich die Geister am liebsten tummeln, der Gemeinplatz, der fast keinem ganz fremd ist, der die verschiedensten Stände und Stämme mit gleichem Spruchrecht um das Beratungsfeuer sammelt und zugleich für den feineren Beobachter das Tinggericht, wo Vieler Herzen offenbar werden und sich unter einander erkennen auch über den Zeitungs-Krieg und Frieden hinaus, so fanden sich unsere Freunde auch immer wieder zu derselben zurück.
Hold sagte, als er dies bemerkte:
„Es ist immer eine ärmliche Zeit, die keinen über die nächste Wand hinausgehenden, Allen gemeinsamen Stoff zur Unterhaltung hat; sie brütet einen widerlichen Kastengeist, ein kleinliches Mein- und Dein-Leben, eine jämmerliche Nützlichkeitsprosa aus. Ueber dem täglichen Verkehr, über dem Dichten und Trachten für die Duodezwelt, die für Jeden eine andere ist, muß ein Reich aufgethan sein, das Alle zuläßt, ohne nach Paß und sonstiger Berechtigung zu fragen, das ihren Gedanken einen weiten Raum giebt, ihre Empfindungen an Vieler Wol und Wehe groß zieht. Aus diesem Grunde will ich die jetzt so allgemeinen politischen Unterhaltungen, in die auch wir stets wieder unwillkürlich hineingeraten, nicht ganz als bloßen Zeitvertreib verwerfen; obwol die Politik selbst, wie sie als Wissenschaft gelehrt und von den Staaten gegen einander geübt wird, mir die verächtlichste Mißgeburt ist, die ich kenne.“
„Wie!“ rief Mander voll Erstaunen, „müssen Sie nicht den Staatsmann achten, der in seinem Geiste das Schicksal der Völker und Länder abwägt; der Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges zu kombinieren weiß und mit einem Federstrich oft mehr ausrichtet, als die sieghaftesten Armeen; der das Staatsschiff durch alle Klippen hindurch in den schwersten Stürmen steuert und auf tausend Umwegen glücklich an’s Ziel führt?“
„Meinethalben mag seine Klugheit bewundernswert sein,“ entgegnete Hold; „aber sehe ich, daß seine Winkelzüge eben erst die Stürme hervorgerufen haben und die Klippen entstehen ließen; sehe ich, wie er eine Grube zu seinen Füßen gräbt, während er sich selbstgefällig seiner Voraussicht in die Zukunft rühmet; sehe ich, wie er mit Treu und Glauben, mit der Heiligkeit der Verträge, mit den Gesetzen des Rechtes, wie mit Schalen spielt, die man wegwirft, wenn der saftreiche Kern ausgesogen ist und auch wol bei Gelegenheit einmal wieder aufnimmt, um den letzten Tropfen Oel noch herauszupressen; wenn er das eine Knie beugt, um mit vollem Munde Gott und alle Heiligen für sein gutes Recht und um Bestrafung des Treubruchs anzuflehen, während er den andern Fuß aufhebt, um die Gerechtigkeit in den Staub zu treten, dann widert mich der Staatsmann, oder vielmehr die Politik, die er repräsentirt, als die große babylonische Buhlerin unserer Zeit an, die sich am Verderben der Völker sättiget.“
„Sie wollen doch wol nicht die Gesetze der gewöhnlichen Moral, die im häuslichen und bürgerlichen Leben ihre gute Geltung haben, auch auf die Leitung des Geschicks der Völker übertragen?“
„Ja wol will ich das,“ erwiderte Hold mit großem Eifer. „Gerechtigkeit und Treue sind kein Menschenfündlein, an dem gedreht und gedeutelt werden darf. Sie sind Gebote des lebendigen Gottes, der die Welten lenket mit Rat und Weisheit und die Völker des Erdkreises richtet mit Gerechtigkeit. Der Gedanke, weil ich auf diesem Staubkörnlein Erde die Miniaturgeschichte eines Pünktchens übersehe und ein paar Sekunden lang sie weiter führen soll, darum bin ich erhaben über das Gesetz des Schöpfers und ewigen Regierers des Himmels und der Erden, dieser Gedanke ist so mitleidswert armselig, daß man ihn nur belächeln könnte, wenn er nicht zugleich so verächtlich wäre. Wahrlich, so lange das Gesetz Gottes als allein bestimmende Richtschnur noch keine Stätte gefunden hat in der kalten Brust der Leiter unserer Staatenmaschine, so lange bleibt diese ein Räderwerk, das von Blut und Thränen träuft, und das, in wilder Unordnung bald vorwärts, bald rückwärts gehend, den Baumeistern nur Schande macht. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Was ist denn Europa? Ein ewiger Tummelplatz des eisernen Würfelspiels, ein immer neu geöffneter Kirchhof hingemordeter Millionen. Dabei jeder einzelne Staat eine Schuldbank, die nur von neuen Gläubigern vor dem Einsturz bewahrt wird. Ueberall ein Beben und Schweben der Völker und ihrer Hirten in der Furcht, daß die eben glücklich zum Stillstand gebrachte Maschine wieder losrädere; und um diesen ängstlichen Stillstand zu erhalten, müssen große stehende Heere schlagfertig bleiben auch im gerühmten Frieden, dem Meisterstück der Diplomatie.“
„Sie werden diesen Zustand nicht den Staatsmännern zur Last legen.“
„Keineswegs; wohl aber der falschen, zweideutigen, rechtlosen Göttin, der sie huldigen. Können Sie sich denken, daß der Zustand Europa’s schlimmer wäre, wenn die Diplomatiker, anstatt in ihr System die Hintansetzung der Moral aufzunehmen, in allen Beziehungen der Staaten gegen einander die Gesetze derselben als höchste Norm befolgt hätten?“
„Aber das politische Gleichgewicht soll doch bewahrt werden,“ erinnerte Oswald. „Ein vorherrschender Staat würde Einseitigkeit in die Intelligenz der Völker bringen, würde die freie Entwicklung der Nationaleigentümlichkeit hemmen, würde die andern Herrscher zu Sklaven eines allmächtigen Willens herabwürdigen. Und alle Politik geht doch am Ende nur auf die Erhaltung jenes Gleichgewichts unter den Völkern.“
„Was die Völker betrifft, so wissen sie aus der Geschichte, daß jedes Uebergewicht eines Staates, das seinen Grund in der Ausdehnung über die natürlichen Grenzen hinaus hat, auch ohne die Gegenwirkung der Politik seinem Falle nahe ist, eben gerade durch die falsche Politik, die zu solcher Ausdehnung verführte. Sie wissen, daß dies gerühmte, mit so viel tausend Aufopferungen von ihrer Seite immer neu zu erkämpfende Gleichgewicht doch stets ein eingebildetes bleibt, und im besten Falle nur ein sehr schwankendes Gleichgewicht der größern Staaten gegen einander ist, während die kleineren, wie ein Rohr, von jeglichem Winde bewegt, bald in diese, bald in jene Schale sich neigen, und gar oft zur Wiederherstellung der Balance jener diplomatischen Waagschale sich zerstückeln lassen müssen. Dies wissen auch die Fürsten dieser Staaten und zögen gern sich und ihre Länder aus jenem Conflict heraus, in welchem das Recht des Stärkern allein gilt, und der heiligste Vertrag nur dann geehrt wird, wenn ihn ein paarmal hunderttausend Bajonette aufrecht halten. Jenes Gleichgewicht würde aber auch nie solche Störungen erlitten haben, wenn eben nicht dem einzelnen Störenfried die diplomatischen Fechterstreiche seiner Gegner seine Unternehmungen so sehr erleichterten. Ist ein glücklicher Gegenkampf gegen einen solchen begonnen, dann tritt sogleich die Politik mit ihrem scheelsüchtigen Auge hinzu und deutet mit der weitsichtigsten Klugheit darauf hin, wie leicht der eine Mitstreiter durch den gemeinsamen Sieg zuviel gewinnen könne, und öffnet das Auge für das, was so nahe liegt, für das durch solches Mißtrauen dem zu bekämpfenden Gegner gegebene Uebergewicht nicht eher, als bis es zu spät ist. Ist das nicht die Geschichte fast aller Gleichgewichtskriege des letzten Jahrhunderts?“
„Ich darf Sie zu ihrer Widerlegung nur an den Befreiungskampf gegen Napoleon erinnern,“ rief Oswald, „in welchem auch mein Vater mitgestritten hat.“
„Gerade jener Kampf spricht für mich,“ entgegnete Hold. „Es war für die unterjochten Fürsten und Völker ein Augenblick der Begeisterung, der sich über die diplomatischen Winkelzüge der Politik erhob. Wenn dieser Krieg ebenso mit derselben kalten, lauernden Berechnung, mit denselben politischen Seitenblicken, wie die früheren Kämpfe gegen jenen Eroberer, geführt worden wäre, was würde der Erfolg gewesen sein? Was aber die Weisheit der Staatsmänner in jenen Tagen an Großartigkeit angenommen, das flog ihr nur zu in Folge des Sturms der Auferweckung, der über Altäre, Throne und Hütten dahin brauste; es war kein Teil ihrer Natur. Daß die alte Heuchlerin einmal in einer Stunde der höchsten Not zum Gebet getrieben wurde, hat sie damit aufgehört, eine Heuchlerin zu sein? Und hat sie nicht schon während jenes Gebetes, während sie die Gerechtigkeit Gottes anrief, auf neue Ungerechtigkeit gebrütet? Hat sie nicht die gefaltete Hand zugleich zum Raube gekrümmt und auf das Siegesfeld die Drachenzähne neuer Zwietracht ausgesäet?“
„Sie mögen darin Recht haben,“ erwiderte Mander; „jedoch werden Sie auch zugeben, daß mancher Staat, bei einem strengen Festhalten an den Grundsätzen der Moral sich seinen Untergang bereitet hätte, dem er nur durch eine gewandte, den Umständen und Verhältnissen sich anbequemende Politik entgangen ist.“
„Wol wahr! Aber das ist ja eben der Fluch, daß es so weit gekommen ist, daß der Teufel nur durch den Beelzebub ausgetrieben werden kann, daß die Notwehr uns die unwürdige Waffe des Angreifers in die Hände zwingt. Vergessen Sie jedoch nicht, daß trotz seines politischen Spiels und vielleicht eben durch dasselbe auch mancher Staat nur seinen Untergang gefunden hat, und daß wir die Geschichte der Staaten allein vor uns haben, wie sie in jenem politischen Treiben geworden ist; also gar nicht behaupten können, das Bestehen eines einzelnen Staates hätte außer der Reihe der Möglichkeiten gelegen, wenn seine Leiter in ihrer Haltung und in ihrem Handeln nur die strenge Rechtlichkeit und die gewissenhafteste Treue vor Augen gehabt hätten.“
„Das möchte ich doch Keinem raten,“ meinte Oswald, „so lange nicht die Politik Aller sich zu Ihren Grundsätzen bekehrt hat, und dahin wird es nie kommen.“
„Und warum sollte es nie dahin kommen?“ antwortete Hold. „Was wahr und recht ist, das hat seine Wurzel droben im Himmel und senkt seine Blütenzweige auf die Erde herab, um da einen guten Samen auszustreuen. Mag dieser Same denn hier auf steinigtem Boden keine Nahrung zum Keimen finden, dort im Sande der Wüste verdorren: derselbe Himmel hat auch Tau und Sonnenschein, um den Boden allmälig zu bereiten und ihn empfänglich zu machen für die gute Saat. Aus all’ dem Irren und Wirren hienieden wird ein Reich der Gerechtigkeit, der Freude und des Friedens hervorgehen, das seinen glücklichen Bürger nicht ahnen läßt, mit welchem Blut der Boden gedüngt ist, den er betritt; mit welcher Täuschung die in den Gräbern ruhen nach einem Frieden strebten, der vor ihnen her wandelte, ohne daß sie ihn sahen, mit welchem Unsinn man zweierlei Gesetz stellte, eines für die einzelnen Menschen: Du sollst Gott, Deinen Herrn, über Alles lieben und Deinen Nächsten als Dich selbst! und das andere für die Gesammtheit derselben Menschen, für den Staat: Du sollst nach jeglichem Winde lieben oder hassen, und Deinen Nächsten übervorteilen, wie Du kannst!“
„Ein solches Friedensreich auf Erden bleibt immer,“ sagte Mander lächelnd, „nur der schöne Traum eines liebevollen Herzens, und würde nicht einmal, wenn es möglich wäre, förderlich sein für die Entwickelung der Menschheit; denn gerade der Kampf soll Regen und Bewegen in ihr erhalten, soll die Kraft stählen, den Geist schärfen. Die Geschichte muß eine Epopee bleiben und kann nie eine Idylle werden. Auch in der übrigen Schöpfung finden wir gleichen Kampf. Welche, auf furchtbare Umwälzungen deutende Veränderungen bemerken die Astronomen an den Himmelskörpern! Welche Erdbeben, Ueberschwemmungen, vulkanische Ausbrüche; welche Zeiten der Dürre oder überflutender Wolkenbrüche und dergleichen gehören zur Geschichte des Erdbodens! Welcher rastlose Kampf unter den Tieren, welches Recht des Stärkern, welche Beraubung und Erwürgung der Schwächern unter ihnen!“
„Und davon,“ entgegnete Hold, „wollten Sie eine Anwendung auf die Menschen machen, die erschaffen sind nach dem Bilde Gottes; denen Er das Vermögen gab, die Erfahrungen der vergangenen Jahrtausende für die Gegenwart zu benutzen; denen Er Seine heiligen Gebote verkündet, welche alle nicht allein das ewige Heil, sondern mit demselben auch das irdische Wol zum Zweck und Ziel haben, denen Er in Jesu Christo den Abglanz Seiner Herrlichkeit leuchten ließ auf Erden, einer Herrlichkeit, die da ist Gerechtigkeit und Liebe, Kraft und Friede?“
„Mußte nicht auch Christus kämpfen, leiden und sterben, und ist nicht auch durch Ihn so viel neue Zwietracht geweckt auf Erden?“
„Und darum sollten wir immer und ewig Seine Mörder bleiben müssen durch die Verleugnung Seiner Lehren, Segnungen und Verheißungen? Sollten Ihn zum Hausgott bestellen für unsern kleinen häuslichen bürgerlichen Verein; als Gott der Weltgeschichte aber den anbeten, der ein Mörder war von Anfang an? Nein, so gewiß wie, von Christo ganz abgesehen, der über jeden Vergleich hinaus ist, die Apostel, die das Evangelium hinausriefen in die Welt, mehr Segen brachten den Menschenkindern, als Alle, die vor ihnen und nach ihnen gelebt haben, so gewiß wird auch dies Evangelium durchdringen durch alle Tiefen und zu allen Höhen hinauf; und dann erst ist das rechte Streben und Bewegen in der Menschheit, das nicht in der Zwietracht, sondern in der Liebe thätig ist; dann wird mancher jetzt in der Geschichte hochgepriesene Name, der seinen Ruhm auf verbrannte Trümmer und zertretene Schädel erbaute, nur als ein Denkmal menschlichen Unsinns eine kurze Spalte in dem Buche der Vorzeit füllen, während man eifrig den Thaten dessen nachforscht, der einen Grundstein mitlegen half zum Aufbau der bessern Zeit.“
„Und doch,“ bemerkte Oswald, „haben die scheinbar verderblichsten Kriege auch mit zur Förderung der Fortschritte der Menschheit gewirkt.“
„Weil ein Gott vom Himmel darein sieht und Alles zum Besten lenket: Die Gewitter reinigen die Luft und fördern einen schönen Tag herauf. Aber dieser schöne Tag muß droben über den Wolken und Stürmen bereitet werden, die Gewitter schaffen ihn nicht; sie entladen nur ihre eigene heillose Kraft, die aus den Dünsten geboren ist, die sie zerstreuen.“
Die Pastorin, der ihr Mann zu eifrig wurde gegen die Fremden, unterbrach ihn hier lächelnd, indem sie sagte: „Die Dünste meines Thees würden auch längst Zeit gehabt haben, sich zu einem Gewitter zu sammeln, wenn sie nicht so friedsamer Natur wären.“
Mander aber setzte nach einer kurzen Unterbrechung das ernste Gespräch fort. Ihm hatten die Erfahrungen vielbewegten Lebens jenes besonnene Urteil gegeben, das nicht über die Grenzen der Wirklichkeit hinausgeht, und keinen Blick weit über den Anknüpfungspunkt hinüberwagt; doch hörte er gern einen Mann reden, der in der eignen, so viele Wünsche übrig lassenden, beschränkten Lage nur von Idealen für die Menschheit träumte, und hatte mit Absicht nur so viel entgegnet, als nötig war, um Hold im Feuer zu erhalten; wobei aber auch in seiner Brust manche längst entschlafene Empfindung wieder wach zu werden geneigt schien.
„Ich kann mir es wol denken, wie Ihnen, bei Ihrer Bildung zum Volkslehrer und in Ihrer Stellung als solcher, die Männer der Wissenschaft die höchste Bedeutung haben müssen.“
„Es giebt nur eine Wissenschaft,“ erwiderte Hold, „von der das wahre Leben ausgehet in Zeit und Ewigkeit, die Wissenschaft von dem Heil der Menschheit in Gott. Unter das Licht und Gericht derselben soll Alles gestellt werden, was ist und was geschieht; und nur in soweit hat unser Wissen und Erkennen Gehalt und Bestand, als es uns und Andere fördert in dem Bewußtsein unserer Abhängigkeit von Gott, in der heiligen Lust an Seinem Willen, in dem freudigen Vertrauen auf Seinen Rat, mit einem Worte: in der Kindschaft zu Ihm. Gleichwie unser Wollen und Vollbringen in so fern einen lebendigen Keim und eine bleibende Frucht in sich trägt, als es dient jener Wissenschaft des Heils, daß sie eine Gestalt gewinne in unserm Leben und im Leben der Menschheit.“
„Auf diese Weise,“ bemerkte Mander, „hätten alle Wissenschaften nur eine Aufgabe; während sie doch von so verschiedenen Punkten ausgehen, so ganz verschiedene Richtungen einschlagen.“
„Lassen Sie mich ein Bild gebrauchen,“ war Hold’s Antwort. „Die eine Wissenschaft ist die Sonne am Himmel der Menschheit; die andern Bestrebungen der Wißbegierde sind nur die Träger der Strahlen dieser Sonne nach allen Seiten hin und in jedes Dunkel hinein. Vergessen sie diesen ihren Beruf und gehen mit der eignen Hornleuchte umher, so werden sie sich in Wüsten verlieren und auf tausenderlei Irrwegen wandeln. Aber sie werden doch auch ihr Wissen vollständiger entwickeln, klarer durchbilden und fester begründen und dadurch reifen in der Erkenntnis ihres wahren Berufes und in der Zurückführung alles Wissens auf die eine Wissenschaft. Je vollständiger des Irrtums Bahnen durchlaufen sind, desto sicherer werden sie auch zurückgemessen und dienen dann nur als Wegweiser auf den rechten Weg.“
„Sie sind Theologe, und Jedem ist seine Wissenschaft die erste.“
„Die Theologie ist nicht die Wissenschaft, die ich meine; sie ist nur die Anleitung dazu. Sie stellt sich, wenn sie sich selbst erst begriffen hat, die Aufgabe: Alles, was war, ist und geschieht, unter den Brennpunkt der einen göttlichen Wissenschaft zu bringen, wo sich das reine Erz von den Schlacken sondert; und in diesem Sinne soll Jeder ein Theologe sein, indem er all’ sein Denken, Wollen und Thun, alle Arbeit und alle Erfahrung seines Lebens, alle seine Sehnsucht und seine Hoffnung durchleuchten und durchläutern läßt von der wahren Wissenschaft, die aus Gott ist und zu Gott führt. Nur daß der eigentliche Theologe nicht allein, was sein Leben bewegt, sondern die Bestrebungen und Erfahrungen, die Meinungen und Hoffnungen aller Zeiten und aller Völker in das Licht und Gericht der göttlichen Weisheit stellt und dadurch an Schärfe und Bestimmtheit in der Beurteilung des Treibens seiner Zeit, im Durchblicken des Scheines, in der Erkenntnis der Quellen des Irrtums und der Gottentfremdung der Menschheit und des einzelnen Menschen gewinnen soll. Dadurch wird er geschickt werden zum Leiter der Blinden, zum Lehrer der Ungeübten, zum Ermahner der Leichtsinnigen, zum Tröster der Glaubensschwachen, zum Erwecker der Lauen und Gleichgültigen und zum Sprecher des Gerichtes wider Die, welche für sich selber das Heil verschmähen und Andern den Zugang hindern. Und weil wir Alle nach unserer Schwachheit und Sündhaftigkeit bald zu der einen, bald zu der andern Klasse gehören, so darf es Keiner, sei er Priester oder Laie, an dem weitern Anbau der wahren Wissenschaft für sich selbst je fehlen lassen, keine Gelegenheit versäumen, zu reifen in aller Erkenntnis, Tugend und Gottseligkeit.“
„Wo ist aber die wahre Wissenschaft zu finden,“ fragte Mander, „auf die wir Alles zurückführen und an der wir Alles prüfen sollen?“
„Sie ist nicht da und kann nicht da sein,“ entgegnete Hold, „wo Irrtum und Täuschung wenigstens möglich sind, in keinem System der Philosophie. Sie kann nur aus dem Quell der Wahrheit selbst geschöpft werden.“
„Ich möchte mit der Frage des Pilatus,“ sagte Mander, nicht ohne eine schmerzliche Bewegung zu verraten, „Ihnen antworten: was ist Wahrheit?“
„Das Wort Gottes!“ sprach Hold fest und ernst. Aber ein leises Kopfschütteln des alten Mander und ein fast spottendes Lächeln seines Sohnes zeigten ihm, wie wenig diese Antwort seine Zuhörer befriedigt habe.
Oswald erinnerte jetzt, daß es schon spät geworden sei, und die Gäste schieden mit dem gern angenommenen Versprechen, ihren Besuch bald zu wiederholen.
VIII.
Du klagst, daß Deinen Blick umfloren
Die Schatten um der Wahrheit Thron?
Dein eigen Herz hat sie geboren;
Sie sind der Sünde Frucht und Lohn.
Idalia glaubte in ihrem ganzen Leben nie so glücklich gewesen zu sein, als sie jetzt sich fühlte. Diese häusliche Geschäftigkeit, der sie sich mit allem Eifer hingab, hatte, je ungewohnter sie ihr war, einen desto größeren, ja zauberischen Reiz für sie, der noch durch das Eigentümliche ihrer Lage und ihres Aufenthaltes auf einer Hallig erhöht wurde. Die Liebe löste in ihrer Brust, die früher nur Raum hatte für das flatterhafte Wesen eines eitlen Mädchens, alle Ahnungen der wahren Weiblichkeit und den Sinn für die Würde einer Hausfrau. Zugleich wußte sie ja, daß sie so gerade Dem am meisten gefalle, von welchem sie geliebt sein wollte. Sie benutzte nicht einmal alle Vorteile, welche ihr die Mittel ihres Vaters liehen, um Bedürfnisse und Annehmlichkeiten, die sonst der Hallig fremd waren, für ihren Zustand zu gewinnen; sondern gefiel sich in der Einfachheit und Genügsamkeit ihrer jetzigen Heimat, und machte tausend, fast immer unausführbare Vorschläge, um das Ganze noch mehr in die Form einer Gesner’schen Idylle zu kleiden. Den Rand des sogenannten Soods, in welchem sich das Regenwasser sammelte, umkränzte sie mit einer breiten Lage von Seemuscheln, die sie mühsam hatte am Strande zusammensuchen müssen, weil dieser in jener Gegend auch damit geizt. Der Bedarf an Trinkwasser mußte jedoch für die verwöhnten Zungen vom festen Lande herübergebracht werden. Den Schatten und die trauliche Enge einer Laube zu ersetzen, hatte sie mit Godber’s Hülfe ein Zelt von Segeltüchern auf der Werfte aufgeschlagen, und wenn das Wetter es nur zuließ, ward der Kaffee unter dem Dache desselben getrunken. Sie führte auch mit ihrem Bruder manchen Streit, indem sie das Leben auf diesem Eilande vor allen Herrlichkeiten der großen Stadt rühmte, und so oft sie eine der Eigentümlichkeiten der Hallig, wenn auch nur scherzhaft, mit den glänzendsten Lobeserhebungen anpries, fühlte sich Godber enger und enger zu ihr hingezogen und gab sich den schönsten Träumen einer goldenen Zukunft hin. Bei ihm war ja die Liebe zu seiner Heimat so mit seinem innersten Wesen verwoben, daß er Alles, was Idalia in dieser Hinsicht sagte, nur für natürliche Anerkennung der Wahrheit, für ein Zeugnis voller Uebereinstimmung ihrer Seelen nahm, und mit jedem Lobe aus ihrem Munde wuchs daher auch seine Liebe zu ihr, die allein in der Liebe für das Land seiner Geburt ein Gleichgewicht hatte, sonst alle seine andern Gedanken und Empfindungen weit überwog. Die Erinnerung an Maria trat immer weiter in den Hintergrund zurück, und kamen auch einzelne Augenblicke, die an Treu und Glauben mahnten, so übte sich Godber in der Kunst, mit seinem Gewissen sich so zu beraten, daß er Recht behielt. Was konnte er dafür, daß er jetzt erst den Stern gefunden, der ihm auf seiner Erdenwallfahrt zu leuchten bestimmt war? Daß er nun erst sich selbst ganz gefunden durch die Gemeinschaft mit einem Wesen, in welchem sein Denken und Fühlen sich wie in einem verklärenden Spiegel abmalte, so daß er selbst dadurch zu einer nie geahnten Höhe erhoben und begeistert wurde? Er erschrak jetzt vor der niedern Sphäre, in welcher sein Geist und sein Herz geblieben sein müßten, wenn nicht Idalia’s Zauberschlag an die Tiefen seiner Brust gerührt, wenn er mit der unbedeutenden Maria sein Leben hingebracht.
So war es bei ihm, und so ist es bei Allen, die Eitelkeit, die in den verschiedensten Formen und Gestalten, mit den verschiedensten Wendungen und Umkleidungen sich in unsere Selbstbetrachtungen mischend, den Dingen einen Schein leiht, der uns verblendet gegen die klare Beurteilung der Verhältnisse, gegen die offenen Forderungen des Rechtes und der Pflicht. Darum ist es dem Menschen so not, daß er sich halte an dem festen prophetischen Worte. Er soll in Stunden, die er als Scheidewege erkennt, weder blindlings folgen den von Außen gegebenen Eindrücken, noch es versuchen, durch vielseitige Ueberlegung den rechten Pfad herauszufinden. Bei solcher Ueberlegung wachen in ihm alle bösen Geister auf, als fände der Aberglaube seine Erklärung und Bestätigung, der die Kreuzwege zum Tummelplatz nächtiger Dämonen macht. Sinnlichkeit, Eigennutz, Eitelkeit werden sein Urteil irre zu führen suchen, und selbst mit dem besten Willen wird seine Prüfung nie eine gerechte Würdigung Dessen sein, was sich für die eine oder andere Seite sagen läßt. Er soll vielmehr auch in diesem Sinne seine Vernunft, die durch das Erwachen jener bösen Geister in der Abgebung eines wahrhaftigen Zeugnisses gehindert wird, gefangen geben unter den Gehorsam des Glaubens. Er soll fragen, was da sei des Herrn Wille? und die Antwort darauf nicht suchen in sich selbst, als wäre seine Brust eine Wohnung des heiligen Geistes, da doch, wenn sie das wäre, es der Frage nicht bedurft hätte; sondern er soll die Antwort suchen in den Geboten Gottes, wie sie ihm gegeben sind in der reinen und lautern Offenbarung des göttlichen Gesetzes. Ein solches in seiner festen Entschiedenheit, in seiner einfachen Hoheit dastehendes Gesetz, an dem sich nicht drehen und deuteln läßt, so viel man es auch hin- und herwenden mag, und das kein Zuthun und kein Abnehmen leidet, wenn man es nicht ganz verändern und in Widerspruch mit sich selber bringen will: ein solches Gebot ohne Ausflucht, ein solcher Wegweiser ohne Seitenarm, ein solches Ja und Nein, ohne ein Wörtchen darüber, muß allein entscheiden. Ohne einen solchen Gesetzfels kommt es dahin und ist dahin gekommen, daß jeder Mensch seine eigene Moral hat, und daß diese Moral noch dazu ein wahrer Januskopf ist mit zweierlei Gesichtern, und mit Augen, die, was sie heute grün sehen, morgen früh für grau halten und umgekehrt. Berufst Du dich auf Dein Gewissen, so ist dies ja eben nichts Anderes, wenn es den Namen verdient, den Du ihm beilegst, als der Strom lebendigen Wassers vom Felsen des Gesetzes; und ist es das nicht, so ist noch weniger Verlaß darauf als auf eine von jedem Winde bewegte Wetterfahne, die darin noch den Vorzug hat, daß sie doch wenigstens die Richtung anzeigt, woher der Wind bläst. Also das klare, lautere, gegebene, nicht erst nach den Umständen und Verhältnissen zu machende oder zu modelnde Gesetz Gottes sei Dir für Dein Wollen und Thun ein unerschütterlicher Sinai. Vor Seiner Stimme durch die Wolken müssen alle andern Stimmen schweigen; und schmeicheln sie noch so lockend als Stimmen der Wahrheit um Dich her, sie sind Lüge mehr oder minder, in dem Maße, in welchem sie sich von dem einfachen, offenen Sinn des Gesetzes entfernen. Denkst Du an die Folgen? Ein lieblicher Sonnenschein lächelt Dir entgegen, wenn Du es nur einmal nicht so streng und scharf nehmen wolltest mit den Geboten Gottes, oder sie umkleidest in eine Dir gefälligere Wahrheit. Schwere Wolken dagegen hängen herab über Deinen Pfad, bereit, ihre Gewitter und ihren Hagelschlag auf Dich und die Deinen, auf die Saat Deines Nächsten zu entladen, wenn Du ohne Weichen und Wanken beharrest in dem Worte des Gesetzes. Beharre bis in den Tod, auf daß Du das Leben gewinnest! Du sollst Deine unsterbliche Seele beraten, daß sie bestehe vor dem Richter der Lebendigen und der Toten. Für die Folgen da laß Ihn sorgen; sie stehen ja in Seiner, in des gnädigen Vaters Hand. Sie sind nicht Deine Sache. Dein ist es aber, treu erfunden zu werden! Dies sei Dir genug; wenn auch die Erfahrung Dir nicht so oft zeigte, wie unsere Berechnung der Folgen so leicht dem Irrtum unterworfen ist; wie das Licht die Nacht, und die Nacht das Licht gebiert. Immerdar müssen ja auch alle Dinge, sei’s Reichtum oder Armut, Glück oder Unglück, Leben oder Tod, zum Besten dienen dem, der da sagen kann: „Hier bin ich, Herr! Dein Wort war meines Fußes Leuchte!“
Woher kommt denn all die Armseligkeit selbst unter den sogenannten „guten Menschen?“ Woher denn bei ihnen diese vielen „unschuldigen Schwächen,“ diese feinen, scheuen Wendungen, wenn Gott einmal ein Brandopfer wieder fordert auf dem Altar der Pflicht? Weil sie sich selbst ihre Tugend gemacht haben, um sie, gleich einem bequemen und behaglichen Kissen, bald nach der einen, bald nach der andern Seite hin ihrem Erdenschlummer unterzulegen. Weil sie um den Sinai in der Wüste einen schattenreichen Park angepflanzt haben, der ihnen den Berg aus den Augen rückt, während sie auf blumigen Pfaden über Thal und Hügel dahinwandeln, ganz zufrieden damit, wenn sie nur nicht so weit sich entfernen, daß die Mitgäste im Park sie nicht mehr als ihres Gleichen erkennen wollen. Wahrlich, es thut diesem Geschlecht der Flammenspiegel des Gesetzes not, vor dem die Spreu, die sie eine gute Saat nennen, zur Asche werden muß, nicht einmal geeignet, die dürre Stätte zu bedecken.
Es stimmt freilich wenig mit der sogenannten Aufklärung unserer Zeit, sich an ein solches festes Wort zu binden. Nein, wir wollen lieber uns selbst Gesetz sein, und reden daher viel von dem ins Herz geschriebenen Gebot, worunter wir, wenn wir die Wahrheit sagen wollten, eine weiche Wachsfläche verstehen, worin die äußeren Eindrücke allerlei Figuren malen, aus denen wir dann ein mit unsern Neigungen am besten übereinstimmendes Orakel herauslesen, um ihm als einem Götterspruch nachzufolgen. Daher haben wir es denn auch so leicht gefunden, recht gute und sittliche Menschen zu werden; weil wir, wenn unsere Neigungen nur durch glückliche Umstände, durch Erziehung und Scheu vor dem Urteil der Welt in einer gewissen Flauheit gehalten werden, die es nicht zu tobenden Ausbrüchen der Leidenschaften kommen läßt, davor bewahrt bleiben, Diebe und Mörder zu heißen. Ein bischen Hoffahrt, Weltlust, Verleumdung, Rachsucht, Betrug, ja selbst ein bischen Buhlerei mag dabei gern mit unterlaufen; es ist ja einmal das Erdenleben nicht anders, und es ist ja kein Richter in unserer Brust, der es so genau nimmt; es ist kein Gesetz da, das schärfer als ein zweischneidig Schwert teilet zwischen Gott und Welt, Recht und Unrecht, Tugend und Sünde. Wie im lauen Wasser Wärme und Kälte gemengt sind, so ist auch in unserem selbstgeschaffenen Gesetz Licht und Finsternis zu einem die Augen nicht angreifenden Nebel vereinigt. Wie die Schlangenlinie bald rechts und bald links führt, und wenn sie der einen Seite zulenkt, schon die Wendung nach der andern vorbereitet, so ist auch in unserm Wandel weder ein Fortschreiten auf dem Wege des Lebens, noch ein völliges Abirren auf den Weg des Todes. Freilich, wenn der Tag aufgehet, an welchem Gott die Völker der Erde richtet; wenn Er Rechenschaft fordert auch von jeglichem unnützen Wort, das aus unserm Munde gegangen ist; wenn von Seinem Throne das Wort niederleuchtet: „Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig!“ dann freilich wird das weiche Wachs unseres Gesetzes vor den Flammenstrahlen seines Gesetzes hinschmelzen; dann wird unser gefügiger Mittelweg offenbar werden als ein Weg des Fleisches und des Verderbens, der in seinen Windungen nur darum an den Weg des Lebens hinstreifte, auf daß wir keine Entschuldigung hätten, als wäre uns verborgen geblieben, was der Herr, unser Gott, von uns fordert. — Die Fabel vom Gewissen, wie dies Wort gewöhnlich genommen wird, muß aufhören, eher mag keine rechte Tugend gedeihen. Und eine Fabel, noch dazu mit gar schlechter Moral, ist das Gewissen; so es, wie bei den meisten Menschen, nichts weiter ist, als ein Gebräu von Lebensklugheit, Sorge für den guten Ruf, Beachtung des Anstandes, versetzt mit einem Teil natürlicher Gutmütigkeit, die eben so gut Charakterschwäche heißen mag, und einem Teil Erkenntnis des göttlichen Willen, die aber nicht recht weiß, wie sie sich mit jener Mixtur verbinden soll, und nur als Bodensatz zu dienen scheint, der, wenn das Gewissen sich einmal aufrüttelt, unstät im Ganzen verschwimmt. Das wahre Gewissen ist kein Gesetzgeber, sondern nur das Auge, das geöffnet ist für das gegebene Gesetz. Es fragt nicht, wie entschieden werden soll, sondern zeigt nur, wie entschieden ist durch Den, der da sprach: Du sollst, und Du sollst nicht! es erlaubt sich kein Urteil über die Umstände und Verhältnisse; sondern erinnert Dich nur an das Urteil Gottes über den Fall, der vorliegt. Dadurch allein bewahrt es sich in seiner Freiheit wider die Anläufe böser Neigungen und Begierden, daß es sein Licht und seine Kraft nimmt aus einer Höhe, zu der diese nicht hinaufreichen. Will es selbst den Weg finden, den Du wandeln sollst, dann fällt es der Knechtschaft anheim; ist nur ein vielleicht hochmütiger, aber doch williger Diener alles ungöttlichen Wesens und der weltlichen Lüste, und trägt die Livree seiner Herren. Es ist also ein fester Pol, ein: „Gieb mir, wo ich stehe!“ dem Gewissen not, von welchem aus es die Welt überwinde. Es hat sein Licht nicht in sich selber; sondern bedarf eben so gut, wie Dein leiblich Auge das Licht von Außen her, um zu sehen. Ist denn etwa der inwendige Mensch nach seinen verschiedenen Geistes- und Seelenthätigkeiten so getrennt und gespalten, daß jede ihr eigenes Gebiet habe, welches sich frei hält von aller Berührung und Einwirkung der andern? Daß jede schaffet und waltet für sich, ohne von der Bewegung der andern sich mitbestimmen zu lassen? Also daß, während das Herz sich krümmt vor einem Opfer, das die Tugend fordert, während die Sinnlichkeit der bösen Lust zustrebt, während die Klugheit eigennützig rät, den breiten Weg zu wählen, daß nun das Gewissen, ohne einen Führer außerhalb dieser Bewegung, sich ganz frei halten sollte von dem Einfluß dieser Hausgenossenschaft? Wird es nicht bald in den verführerischen Sirenengesang mit einstimmen, oder wenigstens bald übertäubt werden, wenn ihm keine Hülfe von Außen her wird? Wenn lange Gewohnheit leichtsinnig und gleichgültig machte gegen den Weg, den wir wandeln, wenn die Geleise, die wir betreten, unserm Fuß einmal so bequem und natürlich geworden sind, daß es uns gar nicht mehr in den Sinn kommt, andere zu wählen: ist dann Dein Gewissen nicht mit Dir in gleiche Gewohnheit versunken? Wird es wachen, wenn Du schläfst? Wird es stille stehen, wenn Du fortgehst? Wird es sehen, wenn Du blind bist? Wird es reden, mahnen, strafen, anders als Du willst, als ob es kein Teil von Dir wäre, da Du es doch auf Dich selbst allein hinweisest, als auf den Quell, woraus es seine Erkenntnis nehmen soll? Damit verlangst Du ja, daß Du Dir selbst widersprechen, Du selbst Dich selbst überwinden sollst; verlangst Licht von der Finsternis, Kraft von der Ohnmacht, Antwort von der Frage. — Es muß Etwas außer uns sein, wohin wir schauen, als auf einen festen Polarstern, ein Licht, das erhaben ist über die Nebeldünste dieser Welt, ein Wegweiser, auf den wir nicht selbst den Weg malen, den wir für den richtigen halten, sondern auf dem er vorgezeichnet ist von Dem, dessen Wort unseres Fußes Leuchte ist, und ein Licht auf dunklen Wegen. Es muß ein heiliger Wille uns verkündet sein vom Vater des Lichtes. Sonst leben wir in einem revolutionären Lande, wo das alte Recht abgeschafft ist und noch kein neues wieder gegeben; wo Jeder mit seinen Ansichten und Neigungen zu Rate geht, was er thun und lassen soll, und wo der Eine mit dem besten Gewissen ein Totschläger wird und der Andere mit gleich gutem Gewissen die Beute zu sich nimmt. Nicht weil man ohne Gewissen handelte, wurden Scheiterhaufen erbaut und die Guillotine aufgerichtet, sondern weil man das Gesetz Gottes: Du sollst nicht töten! vergaß, und die eigenen Ansichten und Neigungen sich zur Gewissenssache machte. Nicht gegen sein Gewissen lebt der, welchem die Befriedigung des irdischen Gelüstens, das Treiben in zeitlichen Geschäften, der behagliche Genuß des weltlichen Friedens Alles ist; der, dem kein Blick der Andacht den Himmel öffnet, keine ernste Frage nach den göttlichen Dingen das Herz bewegt, keine Heiligung des Sinnnes und Wandels als Lebensaufgabe vorliegt. Er merkt vielmehr in sich gar keinen Widerspruch gegen solche Weise, weil er es nicht gelernt oder wieder verlernt hat, sein Leben im Spiegel des göttlichen Gesetzes zu betrachten; und hat nichts destoweniger auch seine Ehrenpunkte, die sein Gewissen ihm nicht zu verletzen erlaubt. Der Ton, der vielleicht auch bei ihm in einzelnen Stunden wie aus einer höheren Welt anschlägt, ist nur ein Nachklang des früher erkannten göttlichen Gesetzes, oder ein Anklang desselben, durch Gottes Schickungen hervorgerufen. Das Gewissen aber in seiner Wahrheit und Klarheit ist nichts mehr und nichts weniger, als ein Abglanz der Herrlichkeit des göttlichen Gesetzes. Ein Spiegel ist es, in welchem wir den Willen des Ewigen erkennen, wenn wir diesen Willen davor halten. Wollen wir aber nur unser eigenes Bild davor hinstellen, so sehen wir eben auch nur unser eigenes Bild, und unser Wollen und Thun wird auch nichts Anderes sein, als eine Nachäffung dieses Bildes; kein Wollen und Vollbringen dessen, was der Herr, unser Gott, von uns fordert. Der Pilger, der kein Ziel vor sich hat, nach dem er strebt, oder keine Anweisung, wie und wohin er wandern soll, richtet sich nach der Munterkeit oder Müdigkeit seiner Glieder, nach der Annehmlichkeit oder Beschwerde des Weges, nach dem Sonnenschein oder Regenwetter des Tages. So auch die Wallfahrt durch’s Leben ohne Gesetz von Außen her. Wo aber dies als Machtgebot des Richters der Lebendigen und der Toten uns vorleuchtet, da gilt kein Säumen und kein Wanken, da gilt kein Fürchten und kein Gefallen, da gilt kein Leben und kein Sterben, da gilt allein das strenge, unerbittliche Wort, das kein Drehen und kein Deuteln zuläßt, das keine Vorwände und Entschuldigungen annimmt, das keine Verführungen und Versuchungen anerkennt, das Gehorsam, nur Gehorsam will. Ohne ein solches Wort der Zucht und der Kraft, das ganz über unser Klügeln und Mäkeln hinausgehoben ist, werden wir nie die Sünde überwinden, nie wandeln in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum soll unser Gewissen nie etwas Anderes sein, als ein Merken und Erwägen dieses Wortes; und redeten auch tausend Stimmen dagegen und spräche auch die ganze Welt ihr Anathema aus gegen dessen Ausspruch, und flehten auch alle Seufzer und Thränen Deines Herzens gegen seine Erfüllung, und gelte es auch den letzten Brosamen unseres irdischen Glückes, die letzte Hoffnung unseres zeitlichen Daseins: laß fahren dahin, Du hast nur ein Gesetz, das Gesetz des Herrn! und darin beharre bis an’s Ende! Das Reich Gottes muß Dir doch bleiben. Godber war in der Furcht Gottes und in der Zucht des Gesetzes erzogen. Es war ihm darum nicht so leicht, sein Gewissen, das wenigstens mit einem Fuße noch auf dem Boden stand, zu seinen jetzigen Ansichten hinzudrängen. Wenn er eben glaubte, daß es mit ihm ruhig auf dem Wege fortwandle, welchen er fortan als den für ihn notwendigen, durch die Fügungen des Geschicks ihm vorgezeichneten Lebensweg zu betrachten sich zu gewöhnen suchte, dann trat es eigensinnig aus dem Geleise und stand wieder wie eingewurzelt auf der Stelle der Schrift: „Laß Dich nicht einen jeglichen Wind führen, und folge nicht einem jeglichen Wege, wie die unbeständigen Herzen thun; sondern sei fest in Deinem Gemüt und bleibe bei einerlei Rede!“ Doch wir sind nie schlauer und gewandter, als da, wo es darauf ankommt, uns selbst zu betrügen; und so förderte sich auch Godber immer weiter in der Kunst, aus der ehernen Gesetztafel eine wächserne zu machen, und das störrige Roß seines Gewissens in ein folgsames Paradepferd umzuwandeln. Der Herr aber in der Höhe wollte ihm zeigen, wie eitel solche Kunst sei und wie wenig haltbar der Zügel, an dem sie ein Gewissen, das einmal eine andere Führung gewohnt war, zu leiten sucht. Gott sprach durch den Mund der Toten, und — vor das Paradies, in das Godber ruhig einzugehen meinte, trat der Engel mit dem feurigen Schwert.