Einwürfe gegen die Anwendung der Aetherdämpfe bei chirurgischen Operationen.

Mitten unter dem lauten Jubel der Welt: der Schmerz ist bezwungen! das Menschengeschlecht ist von seinem größten Feinde befreit! ertönt von einer anderen Seite die Stimme der Warnung. Wehe dem, der es wagt, das Verdammungsurtheil über die Aetherdämpfe auszusprechen. Ohnmächtig steht er gegen die Uebermacht da, Einer gegen Tausend. Nur bei Einzelnen ist die Ueberzeugung von der Schädlichkeit des Aethers so mächtig, das Durchdrungensein von der Richtigkeit ihrer Behauptungen so innig, daß sie als Märtyrer der Wahrheit auftreten und kühn behaupten, ein Schwindel habe die Aerzte ergriffen, der künstliche Aetherrausch sei ein vermessener, verdammungswürdiger Eingriff in die Rechte der Natur, der Schmerz eine absolute Nothwendigkeit, dessen sich der Mensch nicht entäußern dürfe.

So sehr wir uns aber zur Dankbarkeit gegen den Entdecker der Aufhebung des Schmerzes, Jackson, so wie gegen alle wissenschaftlichen Förderer derselben verpflichtet fühlen, so fordert die Gerechtigkeit, auch die Stimme der Gegner zu hören, da durch ihren Gegenkampf die Schattenseiten der Entdeckung aufgehellt, die Uebertreibung zurückgehalten, der Mißbrauch verringert, und die Wahrheit immer wahrer wird.

Leider haben die bis jetzt über den Werth der Aetherberauschung zur Stillung des Schmerzes bei chirurgischen Operationen und bei Geburten angestellten Beobachtungen einen fast persönlichen Charakter angenommen, weshalb sie auch zu keinem genügenden Resultat geführt haben. Die Gegner kämpfen theils mit wissenschaftlichen Gründen, theils berufen sie sich auf unglückliche Fälle, welche vorgekommen sein sollen. Diese Thatsachen, welche uns zu ernsten Betrachtungen auffordern, sind nicht ganz abzuleugnen, – denn was ist in der Welt vollkommen! Aber das Mittel ist ein großes, und mit Recht sagt der berühmte Flourens von ihm: »Was den Schmerz nimmt, nimmt auch das Leben, und das neue Mittel ist wunderbar, aber auch zugleich furchtbar.«

Der größte Widersacher der neuen Entdeckung ist Magendie. Wir müssen aber die Stimme des tiefen Forschers des Lebens hören, auch wenn er sich zu befangen zeigt. Ohne die überraschenden, schmerzstillenden Erscheinungen des Aetherrausches abzuleugnen, sagt Magendie, daß durch denselben unter Umständen die heftigsten und unerträglichsten Schmerzen und peinlichsten Träume herbeigeführt werden können. Eine Frau glaubte bei den ersten Athemzügen, sie müsse sterben. In anderen Fällen entsteht danach Klagegeschrei und Schluchzen. Diese Art der Trunkenheit erzeugt fast im ersten Augenblick des Einathmens eigenthümliche Träume, und schlafend sieht, hört und antwortet der Kranke. Die Augen schließen sich und rollen nach oben, die Pupillen sind verengert. In diesem Augenblick tritt völlige Gefühllosigkeit ein. Wird dann die Operation unternommen, so verwandeln sich oft die angenehmen Träume in peinliche; einigen kommt es nur so vor, als würden sie operirt, da man sie doch wirklich operirt, andere glauben geschlagen und gemißhandelt zu werden und leiden noch besonders dadurch, daß sie ihre Qualen nicht ausdrücken können. Mitten in diesen Träumereien wird der Mensch bisweilen wie von Tobsucht ergriffen, und wie ein Wahnsinniger stürzt er auf Alles los, was ihn umgiebt.

Es ist nicht zu bezweifeln, daß wenn die Aetherberauschung zu weit getrieben wird, der Tod auf der Stelle eintreten kann. Bei Thieren beobachtete man dies wenigstens. Bei der Untersuchung der durch Aetherdunst getödteten Thiere findet man das Lungengewebe mit schwärzlichem Blut angefüllt, wie man dies oft nach der Durchschneidung des zehnten Nervenpaares beobachtet hat. Dasselbe findet man auch bei Menschen.

Der Aetherrausch bringt eben so wie der vom Wein und Alkohol Störungen in den Verrichtungen der Organe hervor. Hartnäckige Kopfschmerzen, eine Art von Säuferwahnsinn, Schwäche des Gehörs und Gesichts, schwacher und unsicherer Gang sind die Folgen. Im Hospital zu Versailles litten drei wegen des Zahnausziehens ätherisirte Frauen noch mehrere Tage lang an fürchterlichen Convulsionen, so daß eine energische ärztliche Behandlung nöthig wurde.

Herr Magendie drückte ferner seinen Widerwillen gegen den Aether als ein die Sinnlichkeit gefährlich steigerndes Mittel aus, wovon er selbst traurigen Scenen mit beigewohnt habe, und vergleicht seine Wirkungen in dieser Beziehung mit dem des animalischen Magnetismus. Er findet im Aetherrausch einen neuen Weg und ein neues Mittel zu Verbrechen, das wegen seiner Neuheit um so gefährlicher sei.

Der Schmerz, sagt Magendie, ist bei Operationen oft ein wichtiger Leiter, um die Verletzung edler Theile zu vermeiden. So kann es denn leicht geschehen, daß ein Nerv gefaßt und mit unterbunden wird. Bei Operationen im hinteren Theile der Mundhöhle, wie bei dem Ausschneiden der Polypen, kann dem Betäubten das Blut in die Luftröhre fließen und dadurch Erstickung herbeigeführt werden, wogegen dasselbe sonst durch den Reiz, welchen es erregt, ausgestoßen wird.

Lallemand erinnert, daß die Aetherbetäubung bei Amputationen den Nachtheil habe, daß die Muskeln sich während der Operation gar nicht zurückziehen, wodurch später ein conischer Stumpf sich bilden müsse. Wenn es schon bei gewöhnlichen Amputationen oft vorkommt, daß der Knochen nach einiger Zeit des schützenden Fleischpolsters beraubt wird, indem sich die Muskeln, besonders die oberflächlichen, nachträglich zu stark zurückziehen, um wie viel eher wird dies bei Aetherisirten der Fall sein, bei denen im Augenblicke der Operation gar keine Zurückziehung der Muskeln eintritt, und die nachfolgende daher viel bedeutender sein muß. Auch sei das Mitfassen und Unterbinden eines Nerven zu besorgen.

Als ein gefährlicher Mißbrauch ist schon das lang fortgesetzte Einathmen der Dämpfe zu betrachten, da danach plötzlicher Scheintod und Tod eintreten können.

In welchem Verhältnisse steht wohl der augenblickliche Schmerz beim Ausziehen eines Zahnes mit dem 45 Minuten langen Einathmen der Aetherdämpfe, wie es bei Landouzy ein Kranker aushalten mußte. Ueble Nachwirkungen sehen wir auch schon bisweilen, wo die Kranken gar nicht lange eingeathmet haben, wie z. B. in dem folgenden Falle. Hancock ließ einem Manne in mittleren Jahren vor dem Ausreißen eines Zahnes den Aether 2 Mal einathmen, beide Male trat vollkommene Empfindungslosigkeit ein, beim ersten Male blieb der Puls normal, beim zweiten Male fiel er bis auf 60 und wurde klein. Die Pupillen waren normal, auch reagirte die Iris auf Einwirkung von Licht. Nach der Operation klagte Pat. sehr über Frost und blieb noch zwei Stunden lang ganz verwirrt.

Eine offenbar zu allgemeine Anwendung hat man vom Aether beim Ausziehen der Zähne gemacht, ohne dabei die Individualitäten zu berücksichtigen. Nach dem Urtheile von 12 Chirurgen und Zahnärzten in Boston, erzeugt der Aetherdunst bei den meisten Patienten einen so hohen Grad von Betäubung, daß dem passiv widerstrebenden Körper große Gewalt bei der Operation angethan werden muß. Es entsteht Schmerz, ohne daß die Erinnerung daran bleibt. Der Aether hat gefährliche Nebenwirkungen, welche man nicht berechnen und nicht beherrschen kann. Man hat die günstigen Fälle verbreitet, aber es giebt auch ungünstige. Die Symptome sind überraschend, doch bisweilen bedenklich. Aufregung, heftiger Husten, Blutandrang nach dem Gehirn und den Augen, Erweiterung der Pupille, Verzerrung des Gesichts, Prostration, Stertor, Angst, Seufzen, Stöhnen, Schrecken, Delirien. Das Mittel ist bei Neigung zum Schlagfluß, Gefäß-, Gehirn-, Herz- und Lungenstörungen gefährlich und darf nur wirklichen Aerzten anvertraut werden. Aus Mortons Praxis werden mehrere unglückliche Fälle erzählt, wie mehrtägiges Irresein und mehrmaliges starkes Blutspeien.

Manche hieher gehörige Fälle sind auch in anderen Ländern beobachtet worden. Die Schauspielerin Peche vom Hoftheater in Wien, welche sich einen Zahn ausziehen lassen wollte, gerieth durch die Einathmung der Aetherdämpfe in einen höchst bedenklichen Grad nervöser Aufregung, dem ein heftiges Nervenfieber folgte.

Andere unglückliche Zufälle nach dem Zahnausziehen werden in der Medical Gaz. erzählt. Bei einem Frauenzimmer, welches sich dieser Operation unterwarf, hatte der Puls vor dem Einathmen 130 Schläge, fiel nach demselben auf 70. Die Augen rötheten sich, die Respiration wurde stertorös, Schaum stand vor dem Munde, als sollte ein epileptischer Anfall ausbrechen.

Bei einem jungen Manne stieg der Puls auf 150 Schläge, die Schläfenarterien klopften heftig, die Augen waren mit Blut unterlaufen, die Respiration mühsam.

Ein 20jähriges Mädchen litt nach der Rückkehr des Bewußtseins an heftigem Kopfschmerz, an Schwindel und Zittern des ganzen Körpers. Ihre Freundin von gleichem Alter mußte sogar im Delirium nach Hause gebracht werden, welches mit kurzen Pausen 3 Tage anhielt.

Eine andere Dame verfiel ebenfalls in Delirium, welches eine ganze Nacht anhielt. Am nächsten Morgen trat starkes Blutspeien ein.

Eine vollblütige Frau von 21 Jahren wurde, nachdem sie nur 1½ Minute den Aether eingeathmet, ganz unbändig, 2 Männer mußten sie halten, ihr Gesicht glühte, erst nach einigen Minuten Ruhe konnte ihr der Zahn ausgezogen werden.

v. Dall-Armi erzählt, daß bei einem Frauenzimmer, welches vor dem Ausziehen eines Zahnes ätherisirt wurde, nach 5 Minuten Schlingbeschwerden und krampfhaftes Zittern der Glieder eintraten, welches 28 Minuten lang bei vollem Bewußtsein anhielt. Bald darauf stellten sich heftige hysterische Beschwerden mit Betäubung ein. Während der Remission der Krämpfe zeigten sich die Erscheinungen von Betäubung, die Muskeln waren, statt erschlafft zu sein, gespannt. Dieser Zustand dauerte mit ziemlich gleichmäßigem, fast von 5 zu 5 Minuten wiederkehrendem Wechsel 1¼ Stunde. Nach dieser Zeit verschwanden alle Zufälle, die Patientin erwachte wie aus einem tiefen Schlaf und erinnerte sich auch von der Zeit an, wo das Instrument an den Zahn angesetzt wurde, bis zu ihrem Erwachen, nur eines schweren Traumes. v. Dall-Armi bemerkt, daß dergleichen Zufälle, wenn sie eine bedeutende Höhe erreichten, die Anwendung der Aetherdämpfe bei Gebärenden sehr bedenklich machen mögte.

Fairbrother, enthusiastisch für den Aether eingenommen, gesteht dennoch, daß beim Zahnausziehen die meisten Patienten einen leidenden Zustand ausdrückten. Ein Patient, dem bei einer Operation der Nervus ischiadicus durchschnitten wurde, schrie heftig auf. Ein anderer blieb nach einer Operation eine Stunde lang völlig bewußtlos.

Dix sah nach einer Operation in der Nähe des Auges heftige Zufälle. Der Kranke athmete lange und unvollkommen. Nach 35 Minuten sank der Puls von 120 auf 96 Schläge. Der Athem wurde träge, die Glieder kalt. Man machte kalte Begießungen, ließ an Ammoniak riechen und erst nach einer peinvollen Stunde kam der Patient, vorzüglich in Folge der starken Blutung aus der Wunde, wieder zu sich.

Wutzer warnt vor der unbedingten Anwendung des Aethers bei Operationen. Obgleich die Erfolge im Allgemeinen günstig waren, so beobachtete er doch auch bei ätherisirten Personen Hitze, Betäubung, fieberhafte Aufregung und ungewöhnlich stärkere Blutung aus der Operationswunde.

Fischer sah bei der Operation der Einwärtskehrung der Augenlider bei einem 7jährigen Mädchen keine Betäubung eintreten, und dasselbe schrie bei jedem Schnitt. Ein 15jähriger, etwas scrophulöser Knabe, an welchem die Operation beider Klumpfüße gemacht, der aber vorher in Bezug auf den Aether geprüft werden sollte, war schon nach einer Minute betäubt und gegen alle Reize unempfindlich. Nachdem er wieder erwacht war, überfiel ihn ein Schwindel. Dann stellten sich heftige allgemeine Krämpfe ein, die Hals- und Nackenmuskeln waren so hart wie Holz. Der Kopf wurde oft auf die linke Seite gezogen, blieb einige Zeit in dieser Stellung und nahm dann wieder die natürliche an. Das Bewußtsein fehlte und doch konnte man den Kranken durch Anrufen erwecken. Diese starrkrampfähnlichen Zufälle waren gegen Abend und in der Nacht am stärksten. Kalte Uebergießungen über den Kopf, kalte Waschungen des ganzen Körpers und Citronenwasser zum Getränk milderten am zweiten Tage die Zufälle. Nach 48 Stunden roch der Athem des Kranken noch nach Aether. Am vierten Tage war er vollkommen wieder hergestellt. Horst räth, den Aether nur mit größter Umsicht und Vorsicht anzuwenden, besonders aber bei großen eingreifenden Operationen. »Wozu«, sagt er, »kann ein schmerzstillendes Mittel dienen, wenn entweder in dem Augenblick des Versuches oder später üble Folgen entstehen, oder der Grund zu anderen chronischen Krankheiten gelegt wird u. s. w.«

Gerdy beobachtete eine nachtheilige Wirkung auch bei einem Kranken mit grauem Staar, bei dem er das Ausziehen der Linse vornehmen wollte. Nachdem derselbe betäubt und fast eingeschlafen war, wurde die Hornhaut durchstochen, aber das Auge des Kranken floh so vor dem Instrument, als die Operation fortgesetzt werden sollte, daß Gerdy, um dieselbe nicht zu compromittiren, das Auge fahren ließ. Er wollte hierauf die Linse niederdrücken, aber das Auge war noch so unruhig, daß er für dieses Mal die Operation ganz aufgeben mußte. Gerdy stach hierauf den Kranken in die Nase und in die Lippe, man kniff demselben die Hand, und als er zu sich kam, erinnerte er sich sehr gut, gekniffen zu sein, aber sprach nicht von den Stichen an der Nase und der Lippe.

Im Middelsex-Hospital sollte einer Frau, welche geistigen Getränken sehr ergeben war, eine Einwärtskehrung der Augenlider operirt werden, sie athmete mit großer Energie während 10 Minuten Aetherdämpfe ein. Da ihr Gesicht sich sehr stark röthete, und man einen Schlaganfall befürchten mußte, unterließ man die Fortsetzung der Einathmung, obwohl Patientin noch nicht bewußtlos geworden. Die Operation des Entropiums wurde an ihr vollzogen, und die Schmerzen schienen ganz dieselben zu sein, wie sie gewöhnlich bei dieser Operation empfunden werden.

So glücklich auch die von Pomly vorgenommene Schieloperation ablief, so hatten doch die vorhergehenden Umstände etwas sehr Widerwärtiges.

Fairbrother machte die Amputation des Unterschenkels bei einem Mädchen von 15 Jahren von zarter Constitution. Sie wurde einige Minuten ätherisirt. Der Puls blieb zwar normal, aber die Pupille dilatirte sich, wurde unthätig, und es trat Empfindungslosigkeit ein. Die Amputation des Unterschenkels wurde jetzt begonnen, sie schrie aber gleich bei dem ersten Schnitte und machte starke Bewegungen. Darauf setzte man die Einathmung während der ganzen Dauer der Operation fort.

Meermann sah, daß ein 17jähriges Mädchen, an dem ein anderer Arzt die Schieloperation machte, welches nur 1½ Minuten lang Aetherdämpfe eingeathmet hatte, 3 Minuten lang völlig empfindungs- und bewegungslos war. Die Pupillen blieben bei dem stärksten Lichtreiz erweitert und unempfindlich, und der Puls sehr beschleunigt. Drei Minuten später kehrte die Empfindung wieder zurück, bei jedem Schnitt drückte die Kranke Schmerzempfindungen aus, während sie sich nicht bewegte. Nach Beendigung der Operation gab sie an, daß sie den Anfang zwar nicht, aber das Ende derselben gefühlt habe. Sie verfiel hierauf in einen schlafsüchtigen Zustand mit Zuckungen des ganzen Körpers, welcher trotz der Anwendung des Salmiakgeistes noch über drei Stunden dauerte. Den folgenden Tag erinnerte sie sich noch recht wohl der empfundenen Schmerzen. Sehr wahr schließt Meermann mit den Worten: »gerade die denkenden Aerzte, die es ehrlich mit der Natur und Wissenschaft meinen, sind es darum, welche erst nach vielfachen Beobachtungen und Versuchen bei der unendlichen Mannigfaltigkeit der Erscheinungen am lebenden Organismus mit der größten Behutsamkeit Gesetze zu abstrahiren wagen, und es sich zur Hauptaufgabe machen, die naturgemäße Begränzung der Heilmittelwirkungen zu ergründen.«

Bei einer Castration, welche Baudens vornahm, schrie der ätherisirte Kranke wild und versicherte dennoch nach Beendigung derselben, daß er keine Schmerzen empfunden, aber die Operation recht gut gesehen, und Nichts vergessen habe.

Arnott machte bei einem 63jährigen Manne den Steinschnitt. Der Kranke wurde nach 2 Minuten der Einathmung in hohem Grade betäubt, das Gesicht livid, die Glieder welk. Die Operation wurde er nicht gewahr, obgleich er früher wegen heftiger Schmerzen kaum untersucht werden konnte. Aber noch am Abend befand er sich fortwährend in einem seeligen Rausche, dabei waren die Glieder kalt, und der Puls klein und schwach. Erst am dritten Tage hatte sich die Sorge um den Kranken verringert.

Lawrence schnitt ein von Melanose ergriffenes Auge eines Mannes welcher an starke Getränke und Opiate gewöhnt war, aus. Der Aether brachte einen heftigen Kehlreiz hervor. Arme und Beine wurden stark contrahirt, dann trat Erschlaffung und vollkommene Bewußtlosigkeit ein. Das Gesicht war blau, und es fand ein heftiger Blutandrang nach dem Gehirn Statt. Der Kranke lag wie eine Leiche da. Eine Minute nach der Operation kehrte einiges Bewußtsein zurück. Die Blutung war stark. Hinterher sagte der Kranke, er habe zu ertrinken geglaubt, offenbar das Gefühl der Erstickung durch den Aetherdunst.

Serre operirte einen Mann von 60 Jahren am Nasenkrebs. Nach acht Minuten wird er schwach, und die Augen schließen sich. Das Schneiden fühlt er nicht, aber beim Brennen tritt deutliches Schmerzgefühl ein. – Eine Frau athmet die Aetherdämpfe ein, will aber lieber sterben als durch Aether ersticken.

Le Roy hatte einem wegen Steinzerstückelung Aetherisirten das Instrument so eben herausgezogen, als derselbe plötzlich sich aufraffte und Drohungen gegen die Zuschauer ausstieß. Wäre dieser Zustand früher plötzlich eingetreten, so hätte die Blase schwer verletzt werden können.

Charles erfüllt uns mit Erstaunen und Schrecken, daß er einer Frau, welche an einer heftigen Luftröhrenentzündung und einer krebsigen Entartung an der Brust litt, Aetherdämpfe einathmen ließ. Es stellte sich danach sehr heftiger Husten ein, das Gesicht wurde geröthet, die Züge sehr verändert, der Puls klein und schnell, man mußte deswegen mit den Einathmungen einhalten. Obwohl in diesem Falle die Aetherwirkung nicht vollkommen erzielt werden konnte, und Patientin während der Amputation der Brust laut wimmerte, erklärte sie doch nach der Operation, daß sie gar keine Schmerzen empfunden und sehr heiter und wohl sei.

Key machte eine Bruchoperation, wobei er ein Stück Netz abschnitt und die Gefäße unterband. Die Operation dauerte 18 Minuten. Schon beim ersten Schnitt wurden die Schenkel gewaltsam angezogen, bei dem Einschneiden des Randes der Bruchpforte stöhnte der Patient, und das Herz schlug schwach, so daß der Zustand bedenklich erschien.

Culler wollte einen Finger abnehmen. Der Kranke athmete unvollkommen und litt dabei sehr, denn er wurde im Gesicht roth und blau. Bei der Operation widersetzte er sich und empfand Schmerzen.

Ein Bauer kam mit einer Verwundung des Fingers, welche eine Amputation desselben nöthig machte, in voller Trunkenheit ins Hospital. Nach den ersten Einathmungen der Aetherdämpfe stellte sich Erbrechen ein. Nachdem er sich etwas erholt, ließ man ihn von Neuem die Dämpfe einathmen, sein Auge wurde stier, die Pupille erweitert, aber auch die Finger contrahirt, erst nach längerer Fortsetzung der Einathmung erschlafften die Muskeln, aber dennoch schlug Patient, als man die Operation begann, mit Händen und Füßen um sich; dieser Anfall ging bald vorüber, und es folgte ihm Stupor, aus dem der Kranke bald erwachte; er begehrte jetzt, daß man die Operation vollzöge und wollte kaum glauben, daß sie schon vollendet sei. Die doppelte Trunkenheit hatte keinen üblen Einfluß auf die Heilung der Wunde.

Johnson amputirte in der Betäubung den Unterschenkel, aber der Kranke erwachte schon beim Sägen.

Adams nahm einem Manne den Fuß in der Fußwurzel ab, dabei stellte sich ein närrisches Delirium ein, und der Patient rief: »gieb mir noch einen Schluck.«

Ein Mädchen von 17 Jahren athmete 12 Minuten Aetherdämpfe ein, bis sie in eine Lethargie verfiel. Bei der Amputation des Unterschenkels, welche Rayner vornahm, rief sie in der Mitte der Operation aus: »sie schneiden mir mein Bein ab«, doch nicht, als ob sie Schmerzen dabei empfände, und da man die Einathmungen fortsetzte, wurde die Operation ohne irgend eine Schmerzensäußerung von Seiten der Patientin vollendet; beim Nähen schien die Wirkung des Aethers schon verschwunden zu sein, denn bei jedem Stich klagte sie über heftigen Schmerz. Die Heilung des Stumpfes ging gut von Statten.

Den Tod beobachtete in Folge der Einathmung des Aethers Jobert bei zwei Frauen; der einen war eine krebshaft entartete Brust, der andern der Oberschenkel abgenommen worden. Die erste hatte 13 Minuten lang Aetherdampf eingeathmet, worauf sie noch nicht völlig empfindungslos wurde und noch etwas Schmerz bei der Operation empfand. Nach derselben stellten sich heftige Kopfschmerzen, heftige Schmerzen im Halse und in der Luftröhre ein. Später gesellte sich zu diesen Erscheinungen eine wandernde Rose. Der Tod erfolgte durch Erschütterung des Nervensystems und eine heftige Luftröhrenentzündung. Bei der Leichenöffnung fand man das Herz welk, die Lungen knisternd, die Schleimhaut der Luftröhre blutroth. Ungeachtet dieser Erscheinungen hielt Jobert die Aethereinathmung nicht für die alleinige Ursache des Todes. Die andere Kranke, welcher er den Oberschenkel einer weißen Kniegeschwulst wegen amputirte, hatte nur vier Minuten durch den Apparat geathmet, als sie schon vollkommen unempfindlich wurde, so daß sie von der Operation nichts fühlte. Erst nach zwei Stunden kehrte das Bewußtsein zurück. Am folgenden Tage war sie sehr aufgeregt, ihre Ideen verwirrt, ihre Rede unzusammenhängend. Dieser gereizte Zustand der Luftröhrenäste mit Schlaflosigkeit verbunden, dauerte bis zum siebenten Tage fort. Dazu gesellte sich nun ein nervöser Gesichtsschmerz, darauf Kinnbackenkrampf mit den bei diesem Zustande gewöhnlichen Erscheinungen, und der Tod trat am 15ten Tage nach der Operation ein. Bei der Leichenöffnung fanden sich die Häute des Gehirns und Rückenmarks, so wie die Substanz dieser Organe stark mit Blut überfüllt und letzteres erweicht. In den Gehirnhöhlen war blutiges Wasser enthalten. Kehlkopf, Schlund, Luftröhre und Luftröhrenäste waren geröthet und mit einer eiterähnlichen Substanz bedeckt. Auch die innere Oberfläche der Lungenarterie erschien geröthet. Sowohl aus dem Krankheitsverlauf als aus dem Leichenbefunde schließt Jobert, daß der Aether diesen Congestivzustand in den besonders afficirten Theilen hervorgerufen habe, und zieht aus diesen traurigen Folgen den Schluß, daß man nur mit großer Umsicht seine Zuflucht zu einem Mittel nehmen dürfe, welches unter gewissen Umständen einen so mächtigen Einfluß auf das Blut- und Nervensystem äußere.

Den Tod sah man in dem folgenden Falle bald nach der Operation eintreten. Anna Perkinson, die 21jährige Frau eines in Spittlegat in der Grafschaft Lincoln lebenden Friseurs, litt seit langer Zeit an einem Gewächs an der inneren Seite des linken Oberschenkels wahrscheinlich einer Fettgeschwulst, welches allmählig an Größe zunahm und allerlei Beschwerden verursachte. Da auch sie von der schmerzstillenden Wirkung des Aethers gehört hatte, wollte sie sich der Operation nur unter der Bedingung unterziehen, daß man das Mittel bei ihr anwende. Ihr Arzt, der Dr. Robbs, ein geschickter und erfahrener Mann, berieth sich nun mit mehreren Männern seines Faches, und so wurde denn die Operation am 9ten März, mit Unterstützung von drei anderen Aerzten, mit Geschicklichkeit und Umsicht vorgenommen. Robbs hatte alle mögliche Vorsicht angewendet, und einige Tage vor der Operation die Kranke zu verschiedenen Zeiten Aether einathmen lassen, um ihre Empfänglichkeit für das Mittel zu prüfen. Diese Versuche waren sehr glücklich abgelaufen, die Frau lachte dabei und erklärte hinterher, daß sie sich recht wohl gefühlt, ihr volles Bewußtsein behalten, aber die Empfindung verloren habe. Dennoch trat eine auffallende Veränderung in ihrem ganzen Wesen ein, sie wurde traurig und niedergeschlagen. Zu bemerken ist, daß sie volle 10 Minuten die Dämpfe eingeathmet hatte, eine ungewöhnlich lange Zeit. Bei dem zweiten Versuch setzte man die Zeit auf 5 Minuten herab, wo schon der nämliche Zustand eintrat. Erst nach einer Viertelstunde war sie wieder völlig klar und versicherte dann, sie hätte alles gewußt was im Zimmer vorgegangen sei, aber nicht sehen können. Bei der dritten verhängnißvollen Einathmung der Aetherdämpfe, womit man 10 Minuten lang fortfuhr, wurde die Operation gemacht. Obgleich die Kranke vollkommen betäubt zu sein schien, stieß sie beim ersten Schnitt einen tiefen Seufzer aus, wodurch man sich veranlaßt sah, noch mehr einathmen zu lassen. Die Kranke seufzte bei jedem Schnitt, und verrieth durch heftige Anstrengung des Körpers, daß sie volles Gefühl habe. Von der Unterbindung der Blutgefäße schien sie nichts zu fühlen. Der Blutverlust bei der Operation war höchst unbedeutend. Dann wurde sie zu Bette gebracht. Zu dem Gefühl einer großen Mattigkeit gesellte sich dann noch am nächsten Tage eine Empfindung von Taubheit im Rücken und den Schenkeln, jede Bewegung war ihr unmöglich. Dieser Zustand dauerte bis zum Tode, welcher vierzig Stunden nach der Operation eintrat.

Die Wundärzte, welche mit der Untersuchung der Leiche beauftragt waren, bezeugten Folgendes: daß die vorgefundene 7 Zoll lange Wunde nichts zeige, welches den schnellen Tod der Kranken erkläre. Die Operation sei mit der größten Vorsicht und Geschicklichkeit ausgeführt und kein größeres Nerv- oder Blutgefäß durchschnitten worden. Dagegen fand man eine starke Blutüberfüllung der Gefäße der Hirnhaut über den vorderen Hirnlappen, und eine ungewöhnliche dünnflüssige Beschaffenheit der gesammten Blutmasse. Diese beiden Erscheinungen wurden dem Aether zugeschrieben. Die exstirpirte Geschwulst war von fester Beschaffenheit und wurde als ein Osteosorkom erkannt. Die Jury fällte nach Anhörung des Berichtes der speciell mit der Untersuchung des Leichnams beauftragten Aerzte, so wie der Zeugenaussagen folgendes Verdikt: »Daß die dahingeschiedene Anna Perkinson an den Wirkungen des Aethers, welchen sie Behufs der Linderung des Schmerzes während der Operation eingeathmet habe, und nicht in Folge der Operation selbst gestorben sei.«

So sehr dieser traurige Ausgang einer an sich gefahrlosen Operation auch zu bedauern ist, so möge derselbe allen Aerzten zur Warnung dienen, bei der Anwendung des Aethers mit größter Behutsamkeit zu verfahren, und den Kranken lieber zu wenig als zu viel einathmen zu lassen. Daß hier aber letzteres geschehen und der Tod allein auf Rechnung dieses Mittels zu schreiben sei, ist nicht im Geringsten zu bezweifeln.

Ein anderer, eben so trauriger Fall von tödtlicher Wirkung der Aetherdämpfe, kam ebenfalls in England vor. Roger Nunn, Wundarzt an den Hospitälern in Colchester und Essex, machte dem 50jährigen Thomas Herbert den Steinschnitt. Der Kranke athmete die Aetherdämpfe nur 7 bis 8 Minuten lang ein, worauf die Operation ohne alle Hindernisse vollendet wurde. Dabei fand eine etwas stärkere Blutung, selbst aus den kleineren Gefäßen der Wunde statt. Während der Operation, welche nur 10 Minuten lang dauerte, wurde der Aether noch nachträglich in Pausen wieder angewendet. Hierauf wurde das Athmen mühsam und endlich röchelnd. Bald darauf besserte sich der Kranke etwas und es stellte sich einige Ruhe ein, jedoch blieb 24 Stunden lang jede Reaction aus. Man gab Branntwein in kleinen Quantitäten und Arrow-root, und legte Wärmflaschen ins Bette. Mit dieser Behandlung fuhr man bis zum folgenden Tage fort, wo man noch Ammoniak gab. Der Kranke redete von 8 Uhr Abends bis 9 Uhr Morgens irre, es hatte sich dabei etwas mehr Leben eingestellt, indeß starb er 5 Uhr Abends. – Die Leichenöffnung zeigte Congestionen nach den Häuten des Gehirns, jedoch keinen Blutaustritt; die Lungen waren permeabel, vorn blutleer, hinten angefüllt. Das Herz welk, von natürlicher Größe und fast leer, die linke Niere blaß, die rechte etwas mit Blut überfüllt. Die Wunde und die benachbarten Theile hatten die nach einem Steinschnitt gewöhnliche Beschaffenheit. Die ganze Blutmasse zeigte einen hohen Grad von Verflüssigung.

Die Londoner medizinische Zeitung stellt über diesen Fall folgende wahre und zu beherzigende Betrachtungen an: »die Aerzte sind bis jetzt in den Irrthum verfallen, die Sache nur von der einen Seite anzusehen. Bis jetzt giebt es nur eine Fluth von glücklichen Fällen, es ist aber Zeit, daß unsere Berichterstatter mit ihren glücklichen Beobachtungen inne halten und Rechenschaft von den Gefahren, welche diese neue Methode begleiten, ablegen.«

Gegen Magendie, welcher im Institute zu Frankreich sagte: »welches Interesse kann es für die Akademie der Wissenschaften haben, ob der Mensch mehr oder weniger leidet?« bemerkt Roser: »Wir vermögen uns nicht zur Höhe dieses akademischen Standpunktes zu erheben, und wissen die kitzliche Moral dieses Physiologen nicht zu theilen, der es für eine Erniedrigung erklärt, wenn sich der Mensch betäube, berausche. – Ueber die triviale Wohlweisheit, welche gleich wußte daß die neue Sache etwas Altes sei, dieweil ja sämmtliche Lehrbücher der Materia medica dem Aether berauschende Effekte zuschreiben, hat der gesunde Sinn der Aerzte und Laien selbst gerichtet. Die Befürchtung, daß der Aether gewisse noch unbekannte Schädlichkeiten für den späteren Erfolg der Operationen haben könnte, dürfte oder möchte, ist bis jetzt durch nichts begründet, und es sind andererseits die ernsten Folgen jener großen physischen Erschütterung und Erschöpfung wohl zu bedenken, welche der Schmerz selbst bei Operirten nicht selten zur Folge hat.«

Im ganz entgegengesetzten Sinne spricht sich Nathan in Oppenheims Journal aus, indem er sagt: »habent fata sua remedia; heute wird der Aether allerdings noch angestaunt; denn wer hätte gedacht, daß so Viele einem so entsetzlichen Coma glücklich entrinnen könnten; heute giebt gerade dieses Staunen der Schmerzlosigkeit noch einen unwiderstehlichen Reiz und den Werth eines summum bonum der Operation, heute, wir wissen es genau, erscheint unsere Prophezeiung, daß die Ueberraschung sich legen wird, und daß dann, aber dann erst, die vielen halben und die üblen Folgen des Aetherisirens eine umgekehrte Schätzung der Sachlage herbeiführen, und der Indicatio vitalis, oder der sicheren Operation, ihr altes, wohl verdientes Uebergewicht über die Indicatio symptomatica, oder die schmerzlosere Operation, wiedergeben werden, – allerdings noch lächerlich; – aber bis heute hat sich kein Aberglaube allgemein erhalten, und wir können nicht umhin, das blinde, rückhaltslose Vertrauen zu der Gutmüthigkeit des Aethers und seinen Wirkungen als pharmacodynamischen, oder wie Schultz sagen würde, als Qualitäten-Aberglauben zu betrachten, da uns die Gefahren und Weiterwirkungen eines tiefen, von keinem Senkblei erreichbaren Comas, stets dieselben, unausbleiblichen, gleich unberechnenbaren, scheinen, durch welches Mittel und auf wie kurze Zeit auch ein so bedeutsamer Hirnzustand erzeugt wird. Jeder weiß es übrigens, daß neue Mittel, sowohl im Grossen wie bei einzelnen Kranken, stets Wunder thun auf einige Tage oder Jahre.«

Anwendung der Aetherdämpfe in der Geburtshülfe.

Der Gedanke, die Aetherdämpfe in der Geburtshülfe anzuwenden, hat im ersten Augenblicke etwas Erschreckendes. Es scheint vermessen, den natürlichen Akt der Niederkunft durch eine künstlich herbeigeführte Empfindungslosigkeit und Betäubung zu stören. Nicht ohne Besorgniß durfte man sein, daß besonders durch die erschlaffende Wirkung des Aethers, die Thätigkeit der Gebärmutter vermindert, oder wohl ganz aufgehoben, und durch die Verzögerung des Geburtsaktes das Leben der Mutter und des Kindes auf das Spiel gesetzt werde. Dagegen besteht der mögliche Gewinn nur in Aufhebung der Schmerzen bei der Geburt. Wenn das Mittel also bei gewöhnlichen Geburten als ein überflüssiges, zu großes und zu gefährliches erscheinen mußte, so konnte seine Anwendung bei schweren, regelwidrigen Geburten, bei Wendungen und Zangengeburten, wenn es sich bewähren sollte, für die leidende Wöchnerin als ein sehr heilbringendes erscheinen.

Diese bei der Geburt so recht erwählt und erwünscht vortheilhafte Erscheinung, nämlich Erschlaffung des gesammten Muskelsystems und Fortdauer der Thätigkeit der Gebärmutter, beruhen allein darauf, daß der Aether vorzugsweise herabstimmend auf die willkührlichen Muskeln wirkt; nicht aber deprimirend auf den Uterus, welcher unter dem Einflüsse des Oberbauch-, Nieren- und Aorten-Geflechtes steht, nur höchst unbedeutende Fäden vom Rückenmark erhält, und also gewissermaßen ein isolirtes, selbstständiges Gangliensystem besitzt. Darüber aber hat uns die Geburtshülfe noch nicht gehörig aufgeklärt, ob die durch den Aether aufgehobene Mitwirkung der Bauchmuskeln bei der Geburt des Kindes zu entbehren sei, da doch sonst nichts von dem ohne Schaden entbehrt werden kann, was die Natur zur Erreichung höherer Zwecke weise angelegt hat.

Die Erfahrung hat bis jetzt in diesen Beziehungen gelehrt, daß ein Theil jener Besorgnisse unbegründet ist, denn die Anwendung des Aethers bei Schwangeren während der Niederkunft bis zur Gefühllosigkeit, Erschlaffung und Bewußtlosigkeit, äußert keinen hemmenden und störenden Einfluß auf die Niederkunft, welche leicht und schmerzlos von Statten gehen soll. Weder die Zusammenziehung der Gebärmutter, noch die mitwirkende Thätigkeit der Bauchmuskeln, wurde dadurch im geringsten gestört.

Die Berichte der Aerzte, welche dies Mittel in die Geburtshülfe einführten, sind Simpson, Hammer, Dubois, Velpeau und Bouvier und Fournier-Deschamps.

Doch nicht bloß als Erleichterungsmittel bei schweren Geburten, ist der Aether bis jetzt angewendet worden, sondern selbst in der Schwangerschaft als bloßes Experiment! Mögte es das letzte dieser Art sein. Amussat stellte in diesen Beziehungen allerdings lehrreiche Versuche an trächtigen Hunden an, aber Cardan ein verwerfliches Experiment bei einer Frau. Dieselbe war 6-7 Monate schwanger, die Frau und die Frucht schienen gesund. Es dauerte sehr lange, bis die Wirkung mit einer zügellosen Fröhlichkeit eintrat. Der Puls war dabei nur wenig beschleunigt. Nach 10-12 Einathmungen gerieth das Kind in für die Mutter sehr schmerzhafte stürmische Bewegungen und diese wurden bei fortgesetzter Inspiration immer schneller. Nachdem die Mutter wieder zu sich gekommen, verglich sie die Empfindungen, welche sie im Leibe gehabt hatte, mit starken Stößen. Das Herz des Kindes klopfte heftig, die Schnelligkeit der Pulsschläge schien im Zusammenhange mit den Bewegungen und den krampfhaften Zuckungen zu stehen. Das Geräusch der Placenta hatte seinen gewöhnlichen Charakter verloren und bestand nur in einem leisen Zittern. Hinterher war die arme Frau sehr erschöpft, und fühlte sich sehr unwohl.

Man muß dies Experiment, wenn es auch für die Wissenschaft einiges Interesse haben könnte, sehr tadeln, denn es war für Mutter und Kind gleich gefährlich, und ein Abortus mit dem Tode des letzteren wahrscheinlich. Die Gefahr gesteht Cardan selbst ein und meint, sie mögte wohl in der letzten Zeit der Schwangerschaft am größten sein.

Simpson entband drei ätherisirte Frauen, von denen die eine eine Mißstaltung des Beckens hatte, mit Leichtigkeit, und ohne daß die Geburt im mindesten gestört wurde.

Hammer wandte bei einer 18jährigen Kreißenden die Einathmung an. Schon nach 2 Minuten hörten Schmerz und Klage auf und es trat ein schlafähnlicher Zustand ein. Die Wehen setzten 6-7 Minuten aus, stellten sich dann aber wieder kräftig ein, und nach 20 Minuten war die Geburt beendigt, worauf das Bewußtsein wieder eintrat. Die Frau war sich alles dessen was geschehen war gänzlich unbewußt, und fragte als sie das Kind sah, ob es das ihrige sei. – Auch bei weiterer Anwendung des Aethers bei Niederkunften, beobachtete Hammer keine üble Folgen.

Bei einem 26jährigen Frauenzimmer in Paris wandte Bouvier im Augenblick der heftigsten Geburtswehen 8 Minuten lang Aetherdämpfe an, worauf kurz vor der Unempfindlichkeit eine heftige Aufregung eintrat. Dann wurde es mit einem Male ruhig und regungslos und zugleich hörte die Contraction der Gebärmutter auf; erst nach einer halben Stunde traten wieder Wehen ein, worauf die Geburt glücklich von Statten ging. Die Gebärmutter verhielt sich jetzt ganz unthätig, doch folgte ein starker Blutabgang.

Dubois wandte die Aetherbetäubung bei einer jungen Erstgebärenden an, bei welcher man nach langer, schmerzhafter und erfolgloser Geburtsarbeit die Zange anlegen mußte. Nach einigen Minuten des Einathmens wurde sie gefühllos, und das Kind leichter und schneller als in ähnlichen Fällen geboren. Die ersten Töne des Kindes erweckten die Mutter wieder, welche versicherte, bei der Geburt nichts gelitten zu haben. Bei einer anderen Frau, welche schon öfter geboren hatte, geschah die Aethereinathmung während der Anlegung der Zange. Der Aether wirkte hier gerade umgekehrt, während die geistigen Fähigkeiten aufgehoben waren schien die Schmerzempfindung nicht verringert zu sein, denn die Kranke schrie während der künstlichen Entbindung, erinnerte sich aber nach Beendigung der Geburt nicht mehr der Schmerzen. Dubois anderweitige Betäubungen während der Entbindung, trugen sämmtlich zur wesentlichen Erleichterung bei. Zwei von diesen Frauen starben indessen einige Tage nach der Niederkunft am Kindbettfieber. Die Schuld hiervon wird der in der Maternité von Paris herrschenden Epidemie zugeschrieben, denn die genaueste Untersuchung der Leichen zeigte keine anderen Erscheinungen als solche, welche man bei den an dieser Krankheit Verstorbenen antrifft. Weder im Gehirn, noch im Rückenmark, noch in den Athmungsorganen wurde etwas entdeckt, was dem Aether hätte zur Last gelegt werden können.

Aus der Zusammenstellung der wenigen bis jetzt vorhandenen Beobachtungen über den bei der Geburt erzeugten Aetherrausch, ergiebt sich mit Ausnahme der Todesfälle bei Dubois, daß das neue Mittel den natürlichen Verlauf des Wochenbettes nicht stört. Es wurden danach weder starke Blutflüsse noch Nervenzufälle beobachtet. Auch die Gebärmutter kehrte in der gewöhnlichen Zeit zu ihrem natürlichen Zustande zurück. Welchen Einfluß die Aetherisation auf die Milch in den ersten Tagen geäußert habe, findet man nicht erwähnt. Auf die Neugebornen äußerte sich die Aetherisation der Mutter durch Beschleunigungen des Pulsschlages, welcher wohl bis auf 30 Schläge in der Minute vermehrt war, mithin einen Unterschied von 160 gegen 125 in der Minute zeigte. Andere Abweichungen von dem natürlichen Vorfalle wurden bei den Kindern nicht beobachtet.

Ich will nicht entscheiden, ob der Aether in der Geburtshülfe so allgemein werden wird wie in der Chirurgie, doch glaube ich es nicht, weil eine Niederkunft etwas Natürliches, eine chirurgische Operation etwas gegen den ursprünglichen Sinn der Natur ist. So viel scheint aber wahrscheinlich, daß man bisweilen sehr schwere, schmerzhafte Geburten, wo sonst die Zange nöthig ist, entweder ohne oder mit dieser mit Erleichterung machen wird.

Ich kann nicht in die Streitigkeiten eingehen, welche in politischen Blättern zwischen tüchtigen Aerzten über die Anwendbarkeit und Nichtanwendbarkeit des Aethers in der Geburtshülfe geführt worden sind. Verschiedenheit der Ansichten und Meinungen über wissenschaftliche Gegenstände sollten bei Männern, welche einen gleichen edlen Zweck verfolgen, nie zu persönlichen Fehden werden, und dann am wenigsten, wenn sie zur Kurzweil der Nichtärzte dienen.

Anwendung der Aetherdämpfe in der inneren Heilkunde.

Bei inneren Krankheiten hat die Anwendung der Aetherdämpfe bis jetzt nur noch eine sehr beschränkte Anwendung gefunden und meistens nur bei nervösen Leiden eine palliative Hülfe gewährt. Beim Emphysem der Lunge sah Wolf bei einem jungen Manne in seiner Klinik große Erleichterung danach eintreten. Die Einathmung der Aetherdämpfe zeigte sich auch bisweilen bei hysterischen Anfällen äußerst wirksam, indem sie dieselben oft augenblicklich hoben. In anderen dagegen wurden dadurch heftige Zufälle hervorgerufen und das Uebel eher verschlimmert als verbessert. So sah Piorry zuerst zwar Verbesserung der hysterischen Paroxysmen bald aber Rückfälle. In Wien beobachtete man dagegen äußerst günstige Wirkung in der Hysterie, allemal wurden dadurch die Anfälle gemildert. In neuralgischen Leiden wurde dadurch bisweilen große Linderung verschafft. Strempel beobachtete beim tic douloureux und bei Koliken äußerst günstige Wirkungen davon. Beobachtungen der letzten Art machte man auch in Wien. – In der Bleikolik versuchte Bouvier den Aetherdunst in verschiedenen Zwischenräumen, und versicherte, dadurch die Krankheit in wenigen Tagen vollständig gehoben zu haben. Honoré ebenfalls beim Gesichtsschmerz, Nasse bei manchen anderen Schmerzen. Nach Bonnet wurden bei Epileptischen die Anfälle durch die Aetherisation wenigstens gemildert. In Wien zeigte das Mittel bei Epileptischen eine verschiedene Wirkung. Bei einem Kranken wurden die Anfälle danach häufiger, bei einem zweiten seltener, und bei einem dritten traten keine auffallende Veränderungen ein. Auf Wahnsinnige äußerte der Aether anfangs nur die gewöhnlichen, allgemeinen Wirkungen, auf das Leiden selbst aber gar keine, eher indessen eine Verschlimmerung als Verbesserung. (Kronser.) Bei einer tobsüchtigen Selbstmörderin brachte Manec Betäubung unter den bei Gesunden gewöhnlichen Erscheinungen hervor, so daß er ein Haarseil ohne Schmerzen legen konnte. Nachdem die Person wieder zu sich gekommen war, bat sie um Gift.

Bei einer delirirenden Wöchnerin, versichert Bouvier, die Aetherdämpfe zwar ohne Erfolg, aber auch ohne Nachtheil angewendet zu haben. Unter diesen Umständen ist das Mittel gewiß eben so gefährlich als die Krankheit.

Gegen den Starrkrampf versuchte Ranking die Aetherisirung, die Krämpfe wurden dadurch aber auf eine Schrecken erregende Weise heftiger, so daß er von ferneren Versuchen, dies Mittel bei krankhaftem Zustande anzuwenden, abräth. Nicht minder glücklich war Roux mit den Aetherdämpfen beim Starrkrampf, und nach seinem eigenen Geständniß wurde die ohnedies kurze Lebensdauer des Patienten noch um etwas verkürzt.

Was also der Aetherdunst in der inneren Heilkunde noch leisten wird, steht von der Zukunft zu erwarten, bis jetzt hat er dem Aether, in Substanz durch den Mund genommen, nicht um seinen alten Ruhm gebracht.