Operation des Lippenkrebses.
Herr L., 70 Jahr alt, sehr rüstig und jugendlich, litt an einem aufgebrochenen Krebse an der Unterlippe. Er wurde vor der Operation 4 Minuten lang ätherisirt, worauf er unempfindlich schien. Ich schnitt dann ein Vförmiges Stück aus der Lippe und vereinigte die Wundränder durch drei umschlungene und zwei Knopf-Nähte. Der Kranke hatte nur eine geringe Empfindung von der Operation gehabt.
Herr R. St. P., einige 50 Jahre alt, litt seit längerer Zeit an einer verdächtigen Verhärtung der rechten Lippe und Wange. Schon früher war an dieser Stelle eine ähnliche Geschwulst herausgeschnitten worden. Es war kein Zweifel über die Bösartigkeit des Uebels vorhanden. Vor der Operation ätherisirte ich den Kranken, es währte aber fast eine Viertelstunde, bis Empfindungslosigkeit eintrat. Dies schien mir genug. Ich umgab das Kranke mit zwei durchdringenden Schnitten, welche einen Keil bildeten, dessen breite Basis aus einem Theil der Oberlippe nahe dem Mundwinkel bestand. Hierauf heftete ich die weite Mundspalte durch 6 Nähte zusammmen. Die Heilung erfolgte binnen wenigen Tagen auf dem ersten Wege. Von dem Aetherrausch konnte ich nur die Empfindungslosigkeit und eine gewisse Müdigkeit wahrnehmen. Der Kranke schreibt über seinen eigenen Zustand Folgendes:
»Die Wirkung des Aethers äußerte sich bei mir zuerst in den Füßen; es trat das Gefühl der Schwere ein. Allmälig umhüllte ein leichter Nebel mein Empfindungsvermögen, ohne es aufzuheben, wovon mich wiederholte kneipende Berührungen an der linken Hand und am Ohr überzeugten. Nach etwa 5 Minuten war mein Empfindungsvermögen betäubt; Gehör, Gesicht und Bewußtsein widerstanden noch, da fühlte ich, daß man meine Oberlippe und Wange stark anspannte und daß zwei Schnitte durch sie hindurch geführt wurden. Dies verursachte mir nur in der Mitte einen dumpfen Schmerz. Das Zusammenfügen der Wundränder durch die Nadeln, das Durchziehen der Fäden, habe ich empfunden, aber ohne Schmerz. Die Dauer der ganzen Operation incl. Verband habe ich auf höchstens 10 Sekunden geschätzt. Ich mag nicht entscheiden, ob die rasche Aufeinanderfolge der Operationshandlungen mich verhindert hat, zum Bewußtsein des Schmerzes zu kommen, oder ob der Zustand der Betäubung das Vermögen, den Schmerz zu empfinden, aufgehoben hatte. Nachwehen der Betäubung habe ich weder im Kopfe, noch Brust oder Extremitäten verspürt; das Ausströmen des Aethers war aber nach 24 Stunden noch bemerkbar.«
P.
Operation einer Speichelfistel.
Ein 29jähriger Mann hatte seit mehreren Jahren an Speichelfisteln der linken Wange gelitten. Durch den längeren Gebrauch allgemeiner und örtlicher Mittel war es gelungen, die beträchtliche Vergrößerung und Verdickung der Wange zu heben und die Fisteln zur Heilung zu bringen. Nur eine, und zwar die vorderste blieb offen und ergoß in anhaltender Menge den Speichel, wodurch leicht ein Abzehrungs-Zustand herbeigeführt werden konnte. Dem mußte durch die Operation vorgebeugt werden. Ich ließ den Kranken zwei Minuten lang athmen, das Bewußtsein dauerte zwar fort, aber Empfindungslosigkeit trat ein. Es war meine Absicht, die Fistel mit ihrer harten Umgegend in Gestalt eines Myrthenblattes aus zu schneiden, die äußere Wunde durch umschlungene Insectennadeln zu vereinigen und durch die innere Oeffnung der Wunde, welche durch eine eingelegte Charpiekugel an der Heilung verhindert werden sollte, einen neuen Abzugskanal für den Speichel in die Mundhöhle anzulegen. Dies wurde mit dem Eintritt der Empfindungslosigkeit leicht ausgeführt, und der Kranke drückte bei der Operation keinen Schmerz aus, versicherte, auch als er wieder ganz klar wurde, nichts gefühlt zu haben.