Operationen des Kropfes.
Ein Mädchen in den Dreißiger-Jahren, welches an einer schwammigen Kropfgeschwulst, fast von der Größe eines halben Menschenkopfs litt, sah sich genöthigt, gegen ihr Uebel, welches von öfterer Erstickungsgefahr begleitet war, bei mir Hülfe zu suchen. Alle bekannten, wirksamen Mittel waren früher vergebens angewendet worden, der Kropf wuchs ohne Aufenthalt und machte das Leben zur unerträglichen Last. Wegen der Größe der Geschwulst war ein Ausschneiden derselben, welche überhaupt bei den meisten Kropfarten mit Lebensgefahr verbunden ist, nicht zu unternehmen. Ich beschloß daher, den Kropf durch ein Haarseil in Eiterung zu setzen und dadurch eine Schmelzung desselben herbeizuführen. Nachdem die Kranke drei Minuten lang die Aetherdämpfe eingeathmet hatte, wurde sie empfindungslos, das Bewußtsein war noch zum Theil vorhanden. Jetzt durchstach ich schnell den Kropf in seiner Mitte und führte das Haarseil hindurch. Unmittelbar nach der Operation war die Kranke wieder bei vollem Bewußtsein und gab an, sich des Operationsaktes dunkel bewußt gewesen zu sein, und nur geringe Schmerzen empfunden zu haben.
Herr K., 28 Jahr alt, von schlankem Körperbau, litt an einer großen Kropfgeschwulst, welche im schnellen Zunehmen begriffen war, und durch Zusammenpressen der Luftröhre und der großen Gefäße des Halses das Athmen erschwerte und die Cirkulation des Blutes im Kopfe bedeutend störte. In seinem Vaterlande, Oesterreich, von den berühmtesten Aerzten mit Jod u. s. w. zweckmäßig behandelt, sah er zu seiner Bekümmerniß die wenigstens kindskopfgroße Geschwulst täglich wachsen und seinen Zustand immer peinlicher machen. Die Geschwulst nahm die linke Seite des Halses ein, erstreckte sich jedoch über diese Seite hinaus. Sie fühlte sich stellenweis hart und weich an und war, da sie mit den unterliegenden Theilen fest zusammenhing, unverschiebbar. Die Unwirksamkeit der Arzeneimittel war erkannt, und nur noch operative Hülfe übrig. Die Exstirpation schien mir aber fast absolut tödtlich, das Durchziehen eines Haarseils, weil der Kropf massiv war und keine Säcke enthielt, eben so gefährlich. Die Unterbindung der oberen Schilddrüsenschlagader zur Verödung der Geschwulst hielt ich hier für die einzige zu rechtfertigende Operation, obgleich der Kropf kein aneurysmatischer war. Was mein Vertrauen auf die Ligatur der gedachten Arterie vergrößerte, war die bedeutende Erweiterung der nach hinten gedrängten Arteria carotis communis. Nachdem der Kranke vorher einige Minuten ätherisirt worden war, stellte sich Betäubung mit fortdauernder Empfindlichkeit ein. Dann erwachte er wieder, gerieth in einen sehr aufgeregten Zustand und rollte dabei die Augen bei weit geöffneten Augenlidern so stark nach oben, daß nur ein Theil der Hornhaut sichtbar blieb. Jetzt legte ich den Kranken nieder, führte einen 3 Zoll langen Schnitt am äußeren Rande der Geschwulst herab und legte das Gefäß sogleich bloß. Der frei gewordene Theil der carotis communis, die carotis cerebralis und facialis, so wie die Arteria thyreoidea waren beträchtlich erweitert – die erstere von der Dicke eines kleinen Fingers, letztere von der eines Gänsefederkiels. Nachdem ich die Schilddrüsenarterie an ihrem Ursprunge ringsum frei gemacht hatte, führte ich mit einem feinen geöhrten Haken einen dünnen Faden um dieselbe herum, unterband sie, schnitt ein Fadenende am Knoten ab und vereinigte die ganze Wunde mittelst Pflasterstreifen.
Jetzt erst kam der Kranke wieder vollkommen zu sich; er gab an, die Operation nur undeutlich gefühlt zu haben, obgleich er bei derselben sprach und sich in einer gewissen Aufregung befand. In der Geschwulst war in Folge der Unterbindung keine wesentliche Veränderung zu bemerken. Am Abend war dieselbe etwas turgescirend und heißer anzufühlen. Der Kranke fühlte sich sehr angegriffen und zeigte eine geringe fieberhafte Aufregung.