Oberwiesenthal
(ursprünglich – Neustadt – geheißen) wie ein gutgeartetes Kind im Schoos der Mutter, am östlichen Abhange des Fichtelberges, zwischen dem Zechen- und Jungferngrund mit seinen 1800 Einwohnern, welche in 200 und etlichen Häusern wohnen. Die Häusergruppe ist in geradlinige Gassen abgetheilt, wie Gartenbeete mit ihren Furchen, was, da die Wohnungen großen Theils ein hübsches Aeußere und bequemliche Räume im Innern haben, dem Städtchen ein einladendes Ansehen gewährt. Eine namhafte Menge Nadler, Posamentier, Gerber und andere Handwerker machen den Nahrungsstand des Ortes aus, der durch die Jeremias Richtersche Tabackfabrik, Errichtung eines Königl. Justitiariats und die Schöpfung einer Chaussee nach Carlsbad, nur noch mehr gewonnen hat.
Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.
WIESENTHAL.
Mit diesem Städtchen und hinter selbem steigt gegen Westen der Fichtelberg 3795 Fuß über das Meer empor, dessen kahler Scheitel, meist von Wolken bedeckt, seit langen Jahren her durch einen unverständigen Holzschlag den Wiederanflug entbehrt. Wäre jedoch der Gipfel dieses Berges mit Nadelholz bewachsen, so würde man die wunderhübsche Aussicht nach allen Weltgegenden sehr beschränkt finden. So schaut das Auge gegen Osten nach dem Leutmeritzer Kreise in Böhmen, wo sich gesegnete Fluren um Basalt-Trachit und Porphyrberge lagern; weit näher der Kupferberg mit seiner Kapelle. Gegen Süden erkennt man deutlich den baierschen Fichtelberg in seinen blaßblauen Umrissen; wogegen nach West und Nord bei Weitem zum größern Theil der Blick über unabsehbare Waldungen, welche wie riesenhafte Heuschober in halbkuglige Pyramiden gegliedert sind, ermattet und verschwimmt. Die Gegend von Carlsbad wird durch den Keilberg in Böhmen, welcher mittelst eines flachen Sattels mit unserm Fichtelberg in Verbindung steht, verdeckt.
Die kristallnen Quellen mehrerer Flüsse, als die des Schwarzwassers, des Kaffbachs, der weißen Sehma, der Pöhla, der Mittweide und anderer mehr, rieseln aus den Abhängen des, meist aus Gneus bestehenden und mit interessanten Wackengängen durchsetzten, Fichtelberges hervor. Auf den gedachten Gängen wurden in frühern Jahren reiche Erze gewonnen und noch jetzt treibt man Bergbau, im sogenannten Zechengrunde, darauf. Letzterer ist ein sehr enges und tief eingeschnittenes Thal, in welchem das kleine durch Bergbau erschrotene Gewässer fließt, welches Sachsen von Böhmen trennt. In dieser Schlucht finden sich noch die Ueberbleibsel von Pochwerken, Wäschen und Kauen, als Zeugen eines namhaften Bergbaues in der frühern Zeit, und da, wo das Thal plötzlich ansteigt und mit dem Bergrücken ausläuft, steht noch ein eingeklemmtes Zechenhäuschen, wohin in den kurzen Sommertagen bisweilen Gesellschaften ziehen, um Bier zu trinken und Kegel zu schieben. Die Kegelbahn hat das Sonderbare, daß die Kegel in Böhmen stehen und von Schiebern in Sachsen zum Fallen kommen. Die Schneemassen häufen sich zur Winterszeit gar sehr und bisweilen unglaublich hoch an. So hatte z. B. der Winter vom Jahr 1843 zu 1844 eine solche Menge Schnee unter Sturmwind geliefert, daß zu mehrern verschneiten Häusern Tunnel und Stollen getrieben wurden, um dem lebendigen Inhalt Ein- und Ausgang zu verschaffen. Eine Nische wurde in eine Schneemasse gegraben, deren Inneres auf einer Colonade von Schnee-Pfeilern ruhte. Sie wurde Abends beim Punschgelage illuminirt. Man kann den eigentlichen Winter, wenn die üble Witterung denselben ankündigt und verabschiedet, gegen sechs Monate veranschlagen. Gleichwohl herrscht auf Feldern und Wiesen eine außerordentliche Vegetation; die Saaten, drei bis vier Wochen später gesäet als in den mildern Gegenden, haben diese gleichwohl in sechs bis sieben Wochen erreicht, wo nicht gar übertroffen. Darum hat man auch die östliche Seite des Fichtelberges weit über drei Viertel seiner Höhe urbar gemacht. Die Wiesen längst der Pöhla (Biela) hinab sind dreischürig; obschon das zweite Grummet nicht immer zum Füttern für das Vieh gebraucht werden kann, so giebt es doch Streu für dasselbe. Darum ist auch die Viehzucht ansehnlich und gut gelegene Grundstücke erhalten sich im hohen Preise. Laubhölzer giebt es nicht, wenn nicht die von Stürmen gebeugten Vogelbeerbäume (Sorbus aucup.) und einiges verkrüppeltes Strauchwerk, dafür einstehen dürfen. Und da es gleichwohl im Sommer Staare giebt, so trifft man allerwärts für ihr eheliches Glück Kästen an Stangen und Hausgiebeln angenagelt.
Das Pöhlawasser, welches, wie bereits gedacht, Sachsen von Böhmen trennt, ist in seinem Meanderlauf nicht viel über eine Elle breit: denn es küssen sich die Blumen beider Ufer; das dies- und jenseitige Geflügel der Wälder und Fluren begattet sich und zieht mit nie ermüdender Zärtlichkeit ihre Jungen auf, ohne daß über ihre gemischten Ehen und über die Erziehungsweise ihrer, dem Neste entwachsener Kleinen, ein Federkrieg entsteht, weil es vernunftlos sein würde. Ihr armen Menschen! könnt ihr euch durch eure Geistesarmuth und durch den todten Glaubenswust so viel herauswühlen und euch den Gesang der Lerche erklären, den sie nach den Wolken trägt? Habt ihr über die Oekonomie der Bienen und Ameisen nachgedacht und ist euch der Künstler bekannt, der unter tausendfachen Formen und Schattirungen den Schmelz auf die Blumen zeichnet? Wißt ihr, wer die Blitze aus den Wetterwolken schleudert und im Donner spricht, daß die Erde dröhnt, und wer die Sonne aus ihrem Gezelt hervorgehen heißt, daß sie versöhnend ihre Bahn um den Erdkreis wandle und Segen und Gedeihen allen Wesen ertheile?
Am Fuße des Fichtelberges und unmittelbar unter dem Städtchen Oberwiesenthal hat sich ein Haufen Häuserwerk ziemlich ordnungslos zusammen festgeschoben, wie durch eine Wasserfluth. Mitten hindurch fließt der Grenzbach, die Pöhla; der Häuserklumpen diesseits ist Unterwiesenthal und jenseits böhmisch Wiesenthal. Beide Ortschaften leben in einem friedlichen Verkehr, weil sie sich von jeher wegen ihres Pasch- und Schmuggelgeschäfts nicht füglich entbehren konnten und die sonstigen nachbarlichen Verhältnisse sie enger mit einander verbanden. Darum sind auch die böhmischen Grenzbewohner in der Regel, gegen die tiefer im Lande befindlichen Katholiken, verständiger und sittlich abgerundeter. Böhmisch Wiesenthal und sächsisch Unterwiesenthal, dehnen sich über eine Stunde lang mit kurzen Unterbrechungen an beiden Ufern des Grenzbachs hinab, während beide Ortschaften allenthalben eine dorfartige Physiognomie beibehalten; der fremde Wanderer erkennt aber gleich, was davon nach Böhmen gehört: alle Weibspersonen haben stets den Kopf und meist in weiße Tücher eingehüllt; an den Straßen und Wegen trifft man Crucifixe, heilige Bilder und Kapellen für die Andacht aufgestellt, die gewöhnlich von Wind und Wetter sehr entstellt sind. Dies stört aber die fromme Einfalt im Kniebeugen und Kreuzemachen nicht. Der Kriegssecretair Hr. W……r erzählte mir, daß, als er sich einmal mit Höhenmessungen an der böhmischen Grenze beschäftiget, für diesen Zweck sein Barometer in einer Waldschneuße an einen Baum geschraubt und sich dann nach der Berghöhe begeben hätte, ihm ein böhmisches Weib entgegen gekommen, welches vor dem Barometer niedergekniet, sich bekreuziget und dann weiter gegangen sei.
Sächsisch Unterwiesenthal ist älter als Oberwiesenthal und trug bis in die neue Zeit eine halb verpfuschte städtische Verfassung an sich, das heißt es hatte Kämmerer, Viertelsmeister, Brauerei und dergleichen mehr, aber nur einen Richter und Gerichtsschreiber ohne mehr Jurisdiction zu haben, als wie man auf Dörfern zu treffen pflegt, wo Erbgerichte sind. Diese winzige Rechtspflege in einem ungeheuer großen Gerichtshause, gab der Einwohnerschaft wenig Trost, aber viel Wärme – beim Bezahlen. Jetzt hat der Ort Stadtgerechtigkeit bekommen, das ländliche Ansehen aber dennoch beibehalten müssen; welches von beiden mehr Vorteile gewährt, – ist nicht bekannt.
Das Eisenhüttenwerk – rother Hammer – ist gerade in einem solchen Theil des Thals eingebettet, welcher wenig Romantik darbietet. Vor mehreren Jahren besaß es ein gewisser Breitfeld, dem die triste Parthie nicht lange zusagte; er verkaufte das Werk und wendete sich mit seiner freundlichen Familie nach dem Hammerwerk Erla. Das Eisenwerk Schlössel ist eingegangen, die Hütten sind meistentheils abgetragen und der Complex der Grundstücke wurde für ökonomische Zwecke eingerichtet.
Von hier aus thut man wohl, auf der an der Grenze sich hinabziehenden böhmischen Chaussee die Wanderung fortzusetzen, indem man von da aus die sächsischen Ortschaften Hammer-Unterwiesenthal, Niederschlag, Stahlberg und Bärenstein immer im Auge behält. Das Thal dahin ist milder, durch seine Lebendigkeit ansprechender und freundlicher, insonderheit ist es auch das böhmische Städtchen Weipert, dessen Gewehrfabrik eine gewisse Art von Wohlhabenheit herbeigeführt hat, die sich an der Nettigkeit der Häuser, Gärten und sonstigen Zubehörungen kund giebt. Die Kirche daselbst zeichnet sich insonderheit durch seinen innern Reichthum an heiligen Bildern, vergoldetem Schnitzwerk, Staffagen und andern Herrlichkeiten aus, die das Auge füllen und das Herz leer lassen. Vor der Kirche sah ich einen altersgrauen Mann unter einem Crucifixe sitzen, welcher über der Andacht eingeschlafen war. Er hatte in einer mit Hauszwirn geflickten Schachtel Birnen zum Verkauf ausgekramt.